Chapter 16
"Helkens Jungfrauen und eure Mägdelein, 1285 Sollten die beisammen je Ein Gesinde sein, Dabei möchten Recken wohl werden wohlgemuth. Laßt es euch rathen, Fraue, es bekommt euch wahrlich gut."
Sie sprach mit edler Sitte: "Nun laßt die Rede sein 1286 Bis morgen in der Frühe, dann tretet zu mir ein, Daß ich auf die Werbung euch gebe den Bescheid." Da musten Folge leisten die kühnen Degen allbereit.
Als zu den Herbergen sie kamen allzumal, 1287 Nach Geiselhern zu senden die edle Frau befahl Und nach ihrer Mutter: den Beiden sagte sie, Ihr gezieme nur zu weinen und alles Andere nie.
Da sprach ihr Bruder Geiselher: "Mir ahnt, Schwester mein, 1288 Und gerne mag ichs glauben, dein Leid und deine Pein Wird König Etzel wenden; und nimmst du ihn zum Mann, Was Jemand anders rathe, so dünkt es mich wohlgethan."
"Er mag dirs wohl ersetzen," sprach wieder Geiselher. 1289 "Vom Rotten bis zum Rheine, von der Elbe bis ans Meer Weiß man keinen König gewaltiger als ihn. Du magst dich höchlich freuen, heischt er dich zur Königin."
Sie sprach: "Lieber Bruder, wie räthst du mir dazu? 1290 Weinen und Klagen das käm mir eher zu. Wie sollt ich vor den Recken da zu Hofe gehn? Hatt ich jemals Schönheit, um die ists lange geschehn."
Da redete Frau Ute der lieben Tochter zu: 1291 "Was deine Brüder rathen, liebes Kind, das thu. Folge deinen Freunden, so mag dirs wohlergehn. Hab ich dich doch so lange in großem Jammer gesehn."
Da bat sie, daß vom Himmel ihr würde Rath gesandt: 1292 Denn hätte sie zu geben Gold, Silber und Gewand Wie einst, da er noch lebte, ihr Mann der Degen hehr, Sie erlebe doch nicht wieder so frohe Stunden nachher.
Sie dacht in ihrem Sinne: "Und sollt ich meinen Leib 1293 Einem Heiden geben? Ich bin ein Christenweib; Des müst ich billig Schelte von aller Welt empfahn; Gäb er mir alle Reiche, es bliebe doch ungethan."
Da ließ sie es bewenden. Die Nacht bis an den Tag 1294 Die Frau in ihrem Bette voll Gedanken lag. Ihre lichten Augen trockneten ihr nicht, Bis sie hin zur Mette wieder gieng beim Morgenlicht.
Nun waren auch die Könige zur Messezeit gekommen. 1295 Sie hatten ihre Schwester an die Hand genommen Und riethen ihr zu minnen den von Heunenland. Niemand doch die Fraue ein wenig fröhlicher fand.
Da ließ man zu ihr bringen, die Etzel hingesandt, 1296 Die nun mit Urlaub wollten räumen Gunthers Land, Wie es gerathen möge, mit Nein oder Ja! Da kam zu Hofe Rüdiger: die Gefährten mahnten ihn da,
Recht zu erforschen des edeln Fürsten Muth 1297 Und zeitig das zu leisten; das dauchte Jeden gut; Ihre Wege wären ferne wieder in ihr Land. Man brachte Rüdigeren hin, wo er Kriemhilden fand.
Da bat alsbald der Recke die edle Königin 1298 Mit minniglichen Worten, zu künden ihren Sinn, Was sie entbieten wolle in König Etzels Land. Der Held mit seinem Werben bei ihr nur Weigerung fand.
"Sie wolle nimmer wieder minnen einen Mann." 1299 Dawider sprach der Markgraf: "Das wär nicht recht gethan: Was wolltet ihr verderben so minniglichen Leib? Ihr werdet noch mit Ehren eines werthen Recken Weib."
Nichts half es, was sie baten, bis daß Rüdiger 1300 Insgeheim gesprochen mit der Königin hehr, Er hoff ihr zu vergüten all ihr Ungemach. Da ließ zuletzt ein wenig ihre hohe Trauer nach.
Er sprach zu der Königin: "Laßt euer Weinen sein; 1301 Hättet ihr bei den Heunen Niemand als mich allein, Meine getreuen Freunde und Die mir unterthan, Er sollt es schwer entgelten, hätt euch Jemand Leid gethan."
Davon ward erleichtert der Frauen wohl der Muth. 1302 Sie sprach: "So schwört mir, Rüdiger, was mir Jemand thut, Ihr wollt der Erste werden, der rächen will mein Leid." Da sprach zu ihr der Markgraf: "Dazu bin ich, Frau, bereit."
Mit allen seinen Mannen schwur ihr da Rüdiger, 1303 Ihr immer treu zu dienen, und daß die Recken hehr Ihr nichts versagen wollten in König Etzels Land, Was ihre Ehre heische: das gelobt' ihr Rüdigers Hand.
Da gedachte die Getreue: "Wenn ich gewinnen kann 1304 So viel stäter Freunde, so seh ichs wenig an, Was auch die Leute reden, in meines Jammers Noth. Vielleicht wird noch gerochen meines lieben Mannes Tod."
Sie gedachte: "Da Herr Etzel der Recken hat so viel, 1305 Denen ich gebiete, so thu ich, was ich will. Er hat auch solche Schätze, daß ich verschenken kann; Mich hat der leide Hagen meines Gutes ohne gethan."
Sie sprach zu Rüdigeren: "Hätt ich nicht vernommen, 1306 Daß er ein Heide wäre, so wollt ich gerne kommen, Wohin er geböte, und nähm ihn zum Mann." Da sprach der Markgraf wieder: "Steht darauf, Herrin, nicht an.
"Er ist nicht gar ein Heide, des dürft ihr sicher sein: 1307 Er ist getauft gewesen, der liebe Herre mein, Wenn er auch zu den Heiden wieder übertrat: Wollt ihr ihn, Herrin, minnen, so wird darüber noch Rath.
"Ihm dienen so viel Recken in der Christenheit, 1308 Daß euch bei dem König nie widerfährt ein Leid. Ihr mögt auch leicht erlangen, daß der König gut Zu Gott wieder wendet so die Seele wie den Muth."
Da sprachen ihre Brüder: "Verheißt es, Schwester mein, 1309 Und all euern Kummer laßt in Zukunft sein." Des baten sie so lange, bis sie mit Trauer drein Vor den Helden willigte, den König Etzel zu frein.
Sie sprach: "Ich muß euch folgen, ich arme Königin! 1310 Ich fahre zu den Heunen, wann es geschehe, hin, Wenn ich Freunde finde, die mich führen in sein Land." Darauf bot vor den Helden die schöne Kriemhild die Hand.
Der Markgraf sprach: "Zwei Recken stehn in eurem Lehn, 1311 Dazu hab ich noch manchen: so kann es wohl geschehn, Daß wir euch mit Ehren bringen überrhein, Ich laß euch nun nicht länger hier bei den Burgunden sein.
"Fünfhundert Mannen hab ich und der Freunde mein: 1312 Die sollen euch zu Diensten hier und bei Etzeln sein, Was ihr auch gebietet; ich selber steh euch bei Und will michs nimmer schämen, mahnt ihr mich künftig meiner Treu.
"Eure Pferdedecken haltet euch bereit; 1313 Was Rüdiger gerathen hat, wird euch nimmer leid. Und sagt es euern Mägdlein, die ihr euch gesellt, Uns begegnet unterwegs mancher auserwählte Held."
Sie hatten noch Geschmeide, das sie zu Siegfrieds Zeit 1314 Beim Reiten getragen, daß sie mit mancher Maid Mit Ehren reisen mochte, so sie wollt hindann. Hei! was man guter Sättel den schönen Frauen gewann!
Hatten sie schon immer getragen reich Gewand, 1315 So wurde des zur Reise die Fülle nun zur Hand, Weil ihnen von dem König so viel gepriesen ward; Sie schloßen auf die Kisten, so lang versperrt und gespart.
Sie waren sehr geschäftig wohl fünftehalben Tag 1316 Und suchten aus dem Einschlag, so viel darinne lag. Ihre Kammer zu erschließen hub da Kriemhild an, Sie Alle reich zu machen, Die Rüdigern unterthan.
Sie hatte noch des Goldes von Nibelungenland: 1317 Das sollte bei den Heunen vertheilen ihre Hand. Sechshundert Mäule mochten es nicht von dannen tragen. Die Märe hörte Hagen da von Kriemhilden sagen.
Er sprach: "Mir wird Kriemhild doch nimmer wieder hold: 1318 So muß auch hier verbleiben Siegfriedens Gold. Wie ließ' ich meinen Feinden wohl so großes Gut? Ich weiß gar wohl, was Kriemhild noch mit diesem Schatze thut.
"Brächte sie ihn von hinnen, ich glaube sicherlich, 1319 Sie würd ihn nur vertheilen, zu werben wider mich. Sie hat auch nicht die Rosse, um ihn hinwegzutragen: Behalten will ihn Hagen, das soll man Kriemhilden sagen."
Als sie vernahm die Märe, das schuf ihr grimme Pein. 1320 Es ward auch den Königen gemeldet allen drein: Sie gedachten es zu wenden. Als das nicht geschah, Rüdiger der edle sprach mit frohem Muthe da:
"Reiche Königstochter, was klagt ihr um das Gold? 1321 Euch ist König Etzel so zugethan und hold, Ersehn euch seine Augen, er giebt euch solchen Hort, Daß ihr ihn nie verschwendet; das verbürgt euch, Frau, mein Wort."
Da sprach zu ihm die Königin: "Viel edler Rüdiger, 1322 Nie gewann der Schätze eine Königstochter mehr Als die, deren Hagen mich ohne hat gethan." Da kam ihr Bruder Gernot zu ihrer Kammer heran.
Mit des Königs Macht den Schlüßel stieß er in die Thür. 1323 Kriemhildens Schätze reichte man herfür, An dreißigtausend Marken oder wohl noch mehr, Daß es die Gäste nähmen: des freute Gunther sich sehr.
Da sprach von Bechelaren der Gotelinde Mann: 1324 "Und gehörten all die Schätze noch Kriemhilden an, Die man jemals brachte von Nibelungenland, Nicht berühren sollt es mein noch der Königin Hand.
"Heißt es aufbewahren, da ichs nicht haben will. 1325 Ich bracht aus unserm Lande des Meinen her so viel, Wir mögens unterweges entrathen wohl mit Fug: Wir haben zu der Reise genug und übergenug."
Zwölf Schreine hatten noch ihre Mägdelein 1326 Des allerbesten Goldes, das irgend mochte sein, Bewahrt aus alten Zeiten: das nun verladen ward Und viel der Frauenzierde, die sie brauchten auf der Fahrt.
Die Macht des grimmen Hagen bedauchte sie zu stark. 1327 Des Opfergoldes hatte sie wohl noch tausend Mark: Das gab sie für die Seele von ihrem lieben Mann. Das dauchte Rüdigeren mit großen Treuen gethan.
Da sprach die arme Königin: "Wo sind die Freunde mein, 1328 Die da mir zu Liebe im Elend wollen sein Und mit mir reiten sollen in König Etzels Land? Die nehmen meines Goldes und kaufen Ross' und Gewand."
Alsbald gab ihr Antwort der Markgraf Eckewart: 1329 "Seit ich als Ingesinde euch zugewiesen ward, Hab ich euch stäts getreulich gedient," sprach der Degen, "Und will bis an mein Ende des Gleichen immer bei euch pflegen.
"Ich führ auch mit der Meinen fünfhundert Mann, 1330 Die biet ich euch zu Dienste mit rechten Treuen an. Wir bleiben ungeschieden, es thu es denn der Tod." Der Rede dankt' ihm Kriemhild, da ers so wohl ihr erbot.
Da brachte man die Rosse: sie wollten aus dem Land. 1331 Wohl huben an zu weinen die Freunde all zur Hand. Ute die reiche und manche schöne Maid Bezeigten, wie sie trugen um Kriemhilden Herzeleid.
Hundert schöner Mägdelein führte sie aus dem Land; 1332 Die wurden wohl gekleidet, jede nach ihrem Stand. Aus lichten Augen fielen, die Thränen ihnen nieder; Manche Freud erlebten sie auch bei König Etzel wieder.
Da kam der junge Geiselher und König Gernot, 1333 Mit ihrem Heergesinde, wie es die Zucht gebot: Die liebe Schwester wollten sie begleiten durch das Land; Sie hatten im Gefolge wohl tausend Degen auserkannt.
Da kam der schnelle Gere und auch Ortewein; 1334 Rumold der Küchenmeister der ließ sie nicht allein. Sie schufen Nachtlager der Frauen auf den Wegen: Als Marschall sollte Volker ihrer Herberge pflegen.
Bei Abschiedsküssen hatte man Weinen viel vernommen, 1335 Eh sie zu Felde waren von der Burg gekommen. Ungebeten gaben Viele Geleit ihr durch das Land. Vor der Stadt schon hatte sich König Gunther gewandt.
Eh sie vom Rheine führen, hatten sie vorgesandt 1336 Ihre schnellen Boten in der Heunen Land, Dem Könige zu melden, daß ihm Rüdiger Zum Gemahl geworben die edle Königin hehr.
Die Boten fuhren schnelle: Eil war ihnen Noth 1337 Um die große Ehre und das reiche Botenbrot. Als sie mit ihren Mären waren heimgekommen, Da hatte König Etzel so Liebes selten vernommen.
Der frohen Kunde willen ließ der König geben 1338 Den Boten solche Gaben, daß sie wohl mochten leben Immerdar in Freuden hernach bis an den Tod: Mit Wonne war verschwunden des Königs Kummer und Noth.
* * * * *
Einundzwanzigstes Abenteuer.
Wie Kriemhild zu den Heunen fuhr.
Die Boten laßt reiten, so thun wir euch bekannt, 1339 Wie die Königstochter fuhr durch das Land, Und wo von ihr Geiselher schied mit Gernot; Sie hatten ihr gedienet, wie ihre Treue gebot.
Sie kamen an die Donau gen Bergen nun geritten. 1340 Da begannen sie um Urlaub die Königin zu bitten, Weil sie wieder wollten reiten an den Rhein. Da mocht es ohne Weinen von guten Freunden nicht sein.
Geiselher der schnelle sprach zu der Schwester sein: 1341 "Schwester, wenn du jemals bedürfen solltest mein, Was immer dich gefährde, so mach es mir bekannt, Dann reit ich dir zu dienen hin in König Etzels Land."
Die Verwandten alle küsste sie auf den Mund. 1342 Minniglich sich scheiden sah man da zur Stund Die schnellen Burgunden von Rüdigers Geleit. Da zog mit der Königin manche wohlgethane Maid,
Hundert und viere; sie trugen schön Gewand 1343 Von buntgewebten Zeugen; manch breiten Schildesrand Führte man der Königin nach auf ihren Wegen. Da bat auch um Urlaub Volker der zierliche Degen.
Ueber die Donau kamen sie jetzt gen Baierland: 1344 Da sagte man die Märe, es kämen angerannt Viel unkunder Gäste. Wo noch ein Kloster steht Und der Innfluß mündend in die Donau niedergeht,
In der Stadt zu Paßau saß ein Bischof. 1345 Herbergen leerten sich und auch des Fürsten Hof: Den Gästen entgegen giengs auf durch Baierland, Wo der Bischof Pilgerin die schöne Kriemhild fand.
Den Recken in dem Lande war es nicht zu leid, 1346 Als sie ihr folgen sahen so manche schöne Maid. Da kos'ten sie mit Augen manch edeln Ritters Kind. Gute Herberge wies man den Gästen geschwind.
Dort zu Pledelingen schuf man ihnen Ruh; 1347 Das Volk allenthalben ritt auf sie zu. Man gab, was sie bedurften, williglich und froh: Sie nahmen es mit Ehren; so that man bald auch anderswo.
Der Bischof mit der Nichte ritt auf Paßau an. 1348 Als es da den Bürgern der Stadt ward kund gethan, Das Schwesterkind des Fürsten, Kriemhild wolle kommen, Da ward sie wohl mit Ehren von den Kaufherrn aufgenommen.
Als der Bischof wähnte, sie blieben nachts ihm da, 1349 Sprach Eckewart der Markgraf: "Unmöglich ist das ja: Wir müßen abwärts reiten in Rüdigers Land: Viel Degen harren unser: ihnen allen ist es bekannt."
Nun wust auch wohl die Märe die schöne Gotelind: 1350 Sie rüstete sich fleißig und auch ihr edel Kind. Ihr hatt entboten Rüdiger, ihn bedünk es gut, Wenn sie der Königstochter damit tröstete den Muth
Und ihr entgegenritte mit seiner Mannen Schar 1351 Hinauf bis zur Ense. Als das im Werke war, Da sah man allenthalben erfüllt die Straßen stehn: Sie wollten ihren Gästen entgegen reiten und gehn.
Nun war gen Everdingen die Königin gekommen. 1352 Man hatt im Baierlande von Schächern wohl vernommen, Die auf den Straßen raubten, wie es ihr Gebrauch: So hätten sie die Gäste mögen schädigen auch.
Das hatte wohl verhütet der edle Rüdiger: 1353 Er führte tausend Ritter oder wohl noch mehr. Da kam auch Gotelinde, Rüdigers Gemahl, Mit ihr in stolzem Zuge kühner Recken große Zahl.
Ueber die Traune kamen sie bei Ense auf das Feld; 1354 Da sah man aufgeschlagen Hütten und Gezelt, Daß gute Ruhe fänden die Gäste bei der Nacht. Für ihre Kost zu sorgen war der Markgraf bedacht.
Von den Herbergen ritt ihrer Frau entgegen 1355 Gotelind die schöne. Da zogen auf den Wegen Mit klingenden Zäumen viel Pferde wohlgethan. Sie wurde wohl empfangen; lieb that man Rüdigern daran.
Die sie zu beiden Seiten begrüßten auf dem Feld 1356 Mit kunstvollem Reiten, das war mancher Held. Sie übten Ritterspiele; das sah manch schöne Maid. Auch war der Dienst der Helden den schönen Frauen nicht leid.
Als zu den Gästen kamen Die in Rüdigers Lehn, 1357 Viel Schaftsplitter sah man in die Lüfte gehn Von der Recken Händen nach ritterlichen Sitten. Da wurde wohl zu Danke vor den Frauen geritten.
Sie ließen es bewenden. Da grüßte mancher Mann 1358 Freundlich den andern. Nun führten sie heran Die schöne Gotelinde, wo sie Kriemhild sah. Die Frauen dienen konnten, hatten selten Muße da.
Der Vogt von Bechelaren ritt zu Gotlinden hin. 1359 Wenig Kummer schuf es der edeln Markgräfin, Daß sie wohl geborgen ihn sah vom Rheine kommen. Ihr war die meiste Sorge mit großer Freude benommen.
Als sie ihn hatt empfangen, hieß er sie auf das Feld 1360 Mit den Frauen steigen, die er ihr sah gestellt. Da zeigte sich geschäftig mancher edle Mann: Den Frauen wurden Dienste mit großem Fleiße gethan.
Da ersah Frau Kriemhild die Markgräfin stehn 1361 Mit ihrem Ingesinde: sie ließ nicht näher gehn: Sie zog mit dem Zaume das Ross an, das sie trug, Und ließ sich aus dem Sattel heben schleunig genug.
Den Bischof sah man führen seiner Schwester Kind, 1362 Ihn und Eckewarten, hin zu Frau Gotelind. Es muste vor ihr weichen, wer im Wege stund. Da küsste die Fremde die Markgräfin auf den Mund.
Da sprach mit holden Worten die edle Markgräfin: 1363 "Nun wohl mir, liebe Herrin, daß ich so glücklich bin, Hier in diesem Lande mit Augen euch zu sehn: Mir könnt in diesen Zeiten nimmer lieber geschehn."
"Nun lohn euch Gott," sprach Kriemhild, "viel edle Gotelind. 1364 So ich gesund verbleibe mit Botlungens Kind, Mag euch zu Gute kommen, daß ihr mich habt gesehn." Noch ahnten nicht die Beiden, was später muste geschehn.
Mit Züchten zu einander gieng da manche Maid; 1365 Zu Diensten waren ihnen die Recken gern bereit. Sie setzten nach dem Gruße sich nieder auf den Klee: Da lernten sich kennen, die sich fremd gewesen eh.
Man ließ den Frauen schenken. Es war am hohen Tag; 1366 Das edle Ingesinde der Ruh nicht länger pflag. Sie ritten, bis sie fanden viel breiter Hütten stehn: Da konnten große Dienste den edeln Gästen geschehn.
Ueber Nacht da pflegen sollten sie der Ruh. 1367 Die von Bechelaren schickten sich dazu, Nach Würden zu bewirthen so manchen werthen Mann. So hatte Rüdiger gesorgt, es gebrach nicht viel daran.
Die Fenster an den Mauern sah man offen stehn; 1368 Man mochte Bechelaren weit erschloßen sehn. Da ritten ein die Gäste, die man gerne sah; Gut Gemach schuf ihnen der edle Rüdiger da.
Des Markgrafen Tochter mit dem Gesinde gieng 1369 Dahin, wo sie die Königin minniglich empfieng. Da war auch ihre Mutter, Rüdigers Gemahl: Liebreich empfangen wurden die Jungfrauen allzumal.
Sie fügten ihre Hände in Eins und giengen dann 1370 Zu einem weiten Saale, der war gar wohlgethan, Vor dem die Donau unten die Flut vorübergoß. Da saßen sie im Freien und hatten Kurzweile groß.
Ich kann euch nicht bescheiden, was weiter noch geschah. 1371 Daß sie so eilen müsten, darüber klagten da Die Recken Kriemhildens; wohl war es ihnen leid. Was ihnen guter Degen aus Bechlarn gaben Geleit!
Viel minnigliche Dienste der Markgraf ihnen bot. 1372 Da gab die Königstochter zwölf Armspangen roth Der Tochter Gotlindens und also gut Gewand, Daß sie kein beßres brachte hin in König Etzels Land.
Obwohl ihr war benommen der Nibelungen Gold, 1373 Alle, die sie sahen, machte sie sich hold Noch mit dem kleinen Gute, das ihr verblieben war. Dem Ingesind des Wirthes bot sie große Gaben dar.
Dafür erwies Frau Gotlind den Gästen von dem Rhein 1374 Auch so hohe Ehre mit Gaben groß und klein, Daß man da der Fremden wohl selten einen fand, Der nicht von ihr Gesteine trug oder herrlich Gewand.
Als man nach dem Imbiß fahren sollt hindann, 1375 Ihre treuen Dienste trug die Hausfrau an Mit minniglichen Worten Etzels Gemahl. Die liebkos'te scheidend der schönen Jungfrau zumal.
Da sprach sie zu der Königin: "Dünkt es euch nun gut, 1376 So weiß ich, wie gern es mein lieber Vater thut, Daß er mich zu euch sendet in der Heunen Land." Daß sie ihr treu gesinnt war, wie wohl Frau Kriemhild das fand!
Die Rosse kamen aufgezäumt vor Bechelaren an. 1377 Als die edle Königin Urlaub hatt empfahn Von Rüdigers Weibe und von der Tochter sein, Da schieden auch mit Grüßen viel der schönen Mägdelein.
Sie sahn einander selten mehr nach diesen Tagen. 1378 Aus Medelick auf Händen brachte man getragen Manch schönes Goldgefäße angefüllt mit Wein Den Gästen auf die Straße und hieß sie willkommen sein.
Ein Wirth war da geseßen, Astold genannt, 1379 Der wies sie die Straße ins Oesterreicherland Gegen Mautaren an der Donau nieder: Da ward viel Dienst erboten der reichen Königin wieder.
Der Bischof mit Liebe von seiner Nichte schied. 1380 Daß sie sich wohl gehabe, wie sehr er ihr das rieth, Und sich Ehr erwerbe, wie Helke einst gethan. Hei! was sie großer Ehren bald bei den Heunen gewann!
An die Traisem kamen die Gäst in kurzer Zeit. 1381 Sie zu pflegen fliß sich Rüdigers Geleit, Bis daß man die Heunen sah reiten über Land: Da ward der Königstochter erst große Ehre bekannt.
Bei der Traisem hatte der Fürst von Heunenland 1382 Eine reiche Veste, im Lande wohl bekannt, Mit Namen Traisenmauer: einst wohnte Helke da Und pflag so hoher Milde, als wohl nicht wieder geschah,
Es sei denn von Kriemhilden; die mochte gerne geben. 1383 Sie durfte wohl die Freude nach ihrem Leid erleben, Daß ihre Güte priesen, die Etzeln unterthan. Das Lob sie bei den Helden in der Fülle bald gewann.
König Etzels Herrschaft war so weit erkannt, 1384 Daß man zu allen Zeiten an seinem Hofe fand Die allerkühnsten Recken, davon man je vernommen Bei Christen oder Heiden; die waren all mit ihm gekommen.
Bei ihm war allerwegen, so sieht mans nimmermehr, 1385 So christlicher Glaube als heidnischer Verkehr. Wozu nach seiner Sitte sich auch ein Jeder schlug, Das schuf des Königs Milde, man gab doch Allen genug.
* * * * *
Zweiundzwanzigstes Abenteuer.
Wie Kriemhild bei den Heunen empfangen ward.
Sie blieb zu Traisenmauer bis an den vierten Tag. 1386 Der Staub in den Straßen derweil nicht stille lag: Aufstob er allenthalben wie in hellem Brand. Da ritten Etzels Leute durch das Oesterreicherland.
Es war dem König Etzel gemeldet in der Zeit, 1387 Daß ihm vor Gedanken schwand sein altes Leid, Wie herrlich Frau Kriemhild zöge durch das Land. Da eilte hin der König, wo er die Minnigliche fand.
Von gar manchen Sprachen sah man auf den Wegen 1388 Vor König Etzeln reiten viel der kühnen Degen, Von Christen und von Heiden manches breite Heer. Als sie die Herrin fanden, sie zogen fröhlich einher.