Chapter 14
Sie sprach: "Diese Schächer sind mir wohl bekannt: 1078 Nun laß es Gott noch rächen von seiner Freunde Hand! Gunther und Hagen, ja ihr habt es gethan." Da wollten wieder streiten Die Siegfrieden unterthan.
Da sprach aber Kriemhild: "Ertragt mit mir die Noth." 1079 Da kamen auch die Beiden, wo sie ihn fanden todt, Gernot ihr Bruder und Geiselher das Kind. Sie beklagten ihn in Treuen; ihre Augen wurden thränenblind.
Sie weinten von Herzen um Kriemhildens Mann. 1080 Man wollte Messe singen: zum Münster heran Sah man allenthalben Frauen und Männer ziehn, Die ihn doch leicht verschmerzten, weinten alle jetzt um ihn.
Geiselher und Gernot sprachen: "Schwester mein, 1081 Nun tröste dich des Todes, es muß wohl also sein. Wir wollen dirs ersetzen, so lange wir leben." Da wust ihr auf Erden Niemand doch Trost zu geben.
Sein Sarg war geschmiedet wohl um den hohen Tag; 1082 Man hob ihn von der Bahre, darauf der Todte lag. Da wollt ihn noch die Königin nicht laßen begraben: Es musten alle Leute große Mühsal erst haben.
In kostbare Zeuge man den Todten wand. 1083 Gewiss daß man da Niemand ohne Weinen fand. Aus ganzem Herzen klagte Ute das edle Weib Und all ihr Ingesinde um Siegfrieds herrlichen Leib.
Als die Leute hörten, daß man im Münster sang 1084 Und ihn besargt hatte, da hob sich großer Drang: Um seiner Seele willen was man da Opfer trug! Er hatte bei den Feinden doch guter Freunde genug.
Kriemhild die arme zu den Kämmerlingen sprach: 1085 "Ihr sollt mir zu Liebe leiden Ungemach: Die ihm Gutes gönnen und mir blieben hold, Um Siegfriedens Seele verteilt an diese sein Gold."
Da war kein Kind so kleine, mocht es Verstand nur haben, 1086 Das nicht zum Opfer gienge, eh er ward begraben. Wohl an hundert Messen man des Tages sang. Von Siegfriedens Freunden hob sich da mächtiger Drang.
Als die gesungen waren, verlief die Menge sich. 1087 Da sprach wieder Kriemhild: "Nicht einsam sollt ihr mich Heunt bewachen laßen den auserwählten Degen: Es ist an seinem Leibe all meine Freude gelegen.
"Drei Tag und drei Nächte will ich verwachen dran, 1088 Bis ich mich ersättige an meinem lieben Mann. Vielleicht daß Gott gebietet, daß mich auch nimmt der Tod: So wäre wohl beendet der armen Kriemhilde Noth."
Zur Herberge giengen die Leute von der Stadt. 1089 Die Pfaffen und die Mönche sie zu verweilen bat Und all sein Ingesinde, das sein billig pflag. Sie hatten üble Nächte und gar mühselgen Tag.
Ohne Trank und Speise verblieb da mancher Mann. 1090 Wers nicht gern entbehrte, dem ward kund gethan, Man gab ihm gern die Fülle: das schuf Herr Siegmund. Da ward den Nibelungen viel Noth und Beschwerde kund.
In diesen dreien Tagen, so hörten wir sagen, 1091 Muste mit Kriemhilden viel Mühsal ertragen, Wer da singen konnte. Was man auch Opfer trug! Die eben arm gewesen, die wurden nun reich genug.
Was man fand der Armen, die es nicht mochten haben, 1092 Die ließ sie mit dem Golde bringen Opfergaben Aus seiner eignen Kammer: er durfte nicht mehr leben, Da ward um seine Seele manches Tausend Mark gegeben.
Güter und Gefälle vertheilte sie im Land, 1093 So viel man der Klöster und guter Leute fand. Silber gab man und Gewand den Armen auch genug. Sie ließ es wohl erkennen, wie holde Liebe sie ihm trug.
An dem dritten Morgen zur rechten Messezeit 1094 Sah man bei dem Münster den ganzen Kirchhof weit Von der Landleute Weinen also voll: Sie dienten ihm im Tode, wie man lieben Freunden soll.
In diesen vier Tagen, so hört ich immerdar, 1095 Wol an dreißigtausend Mark oder mehr noch gar Ward um seine Seele den Armen hingegeben, Indes war gar zerronnen seine große Schöne wie sein Leben.
Als vom Gottesdienste verhallt war der Gesang, 1096 Mit ungefügem Leide des Volkes Menge rang. Man ließ ihn aus dem Münster zu dem Grabe tragen. Da hörte man auch anders nichts als Weinen und Klagen.
Das Volk mit lautem Wehruf schloß im Zug sich an: 1097 Froh war da Niemand, weder Weib noch Mann. Eh er bestattet wurde, las und sang man da: Hei! was man guter Pfaffen bei seiner Bestattung sah!
Bevor da zu dem Grabe kam das getreue Weib, 1098 Rang sie mit solchem Jammer um Siegfriedens Leib, Daß man sie mit Wasser vom Brunnen oft begoß: Ihres Herzens Kummer war über die Maßen groß.
Es war ein großes Wunder, daß sie zu Kräften kam. 1099 Es halfen ihr mit Klagen viel Frauen lobesam. "Ihr, meines Siegfrieds Mannen," sprach die Königin, "Erweist mir eine Gnade aus erbarmendem Sinn.
"Laßt mir nach meinem Leide die kleinste Gunst geschehn", 1100 Daß ich sein schönes Angesicht noch einmal dürfe sehn," Da bat sie im Jammer so lang und so stark, Daß man zerbrechen muste den schön geschmiedeten Sarg.
Hin brachte man die Königin, wo sie ihn liegen fand. 1101 Sein schönes Haupt erhob sie mit ihrer weißen Hand Und küsste so den Todten, den edeln Ritter gut: Ihre lichten Augen vor Leide weinten sie Blut.
Ein jammervolles Scheiden sah man da geschehn. 1102 Man trug sie von dannen, sie vermochte nicht zu gehn. Da lag ohne Sinne das herrliche Weib: Vor Leid wollt ersterben ihr viel wonniglicher Leib.
Als der edle Degen also begraben war, 1103 Sah man in großem Leide die Helden immerdar, Die ihn begleitet hatten aus Nibelungenland: Fröhlich gar selten man da Siegmunden fand.
Wohl Mancher war darunter, der drei Tage lang 1104 Vor dem großen Leide weder aß noch trank; Da konnten sie's nicht länger dem Leib entziehen mehr: Sie genasen von den Schmerzen, wie noch Mancher wohl seither.
Kriemhild der Sinne ledig in Ohnmächten lag 1105 Den Tag und den Abend bis an den andern Tag. Was Jemand sprechen mochte, es ward ihr gar nicht kund. Es lag in gleichen Nöthen auch der König Siegmund.
Kaum daß ihn zur Besinnung zu bringen noch gelang. 1106 Seine Kräfte waren von starkem Leide krank: Das war wohl kein Wunder. Die in seiner Pflicht sprachen: "Laßt uns heimziehn: es duldet uns hier länger nicht."
* * * * *
Achtzehntes Abenteuer.
Wie Siegmund heimkehrte und Kriemhild daheim blieb.
Der Schwäher Kriemhildens gieng hin, wo er sie fand. 1107 Er sprach zu der Königin: "Laßt uns in unser Land: Wir sind unliebe Gäste, wähn ich, hier am Rhein. Kriemhild, liebe Fraue, nun folgt uns zu dem Lande mein.
"Daß man in diesen Landen uns so verwaiset hat 1108 Eures edeln Mannes durch böslichen Verrath, Ihr sollt es nicht entgelten: hold will ich euch sein Aus Liebe meines Sohnes und des edeln Kindes sein.
"Ihr sollt auch, Frau, gebieten mit all der Gewalt, 1109 Die Siegfried euch verstattete, der Degen wohlgestalt. Das Land und auch die Krone soll euch zu Diensten stehn. Euch sollen gern gehorchen Die in Siegfriedens Lehn."
Da sagte man den Knechten: "Wir reiten heim vor Nacht." 1110 Da sah man nach den Rossen eine schnelle Jagd: Bei den verhaßten Feinden zu leben war ein Leid. Den Frauen und den Maiden suchte man ihr Reisekleid.
Als König Siegmund gerne weggeritten wär, 1111 Da bat ihre Mutter Kriemhilden sehr, Sie sollte bei den Freunden im Lande doch bestehn. Da sprach die Freudenarme: "Das könnte schwerlich geschehn.
"Wie vermocht ichs, mit den Augen den immer anzusehn, 1112 Von dem mir armen Weibe so leid ist geschehn?" Da sprach der junge Geiselher: "Liebe Schwester mein, Du sollst bei deiner Treue hier mit deiner Mutter sein.
"Die dir das Herz beschwerten und trübten dir den Muth, 1113 Du bedarfst nicht ihrer Dienste, du zehrst von meinem Gut." Sie sprach zu dem Recken: "Wie könnte das geschehn? Vor Leide müst ich sterben, wenn ich Hagen sollte sehn."
"Dessen überheb ich dich, viel liebe Schwester mein. 1114 Du sollst bei deinem Bruder Geiselher hier sein; Ich will dir wohl vergüten deines Mannes Tod." Da sprach die Freudenlose: "Das wäre Kriemhilden Noth."
Als es ihr der Junge so gütlich erbot, 1115 Da begannen auch zu flehen Ute und Gernot Und ihre treuen Freunde, sie möchte da bestehn: Sie hätte wenig Sippen unter Siegfriedens Lehn.
"Sie sind euch alle fremde," sprach da Gernot. 1116 "Wie stark auch einer gelte, so rafft ihn doch der Tod. Bedenkt das, liebe Schwester, und tröstet euern Muth: Bleibt hier bei euern Freunden, es geräth euch wahrlich gut."
Da gelobte sie dem Bruder, im Lande zu bestehn. 1117 Man zog herbei die Rosse Denen in Siegmunds Lehn, Als sie reiten wollten gen Nibelungenland; Da war auch aufgeladen der Recken Zeug und Gewand.
Da gieng König Siegmund vor Kriemhilden stehn 1118 Und sprach zu der Frauen: "Die in Siegfrieds Lehn Warten bei den Rossen: reiten wir denn hin, Da ich gar so ungern hier bei den Burgunden bin."
Frau Kriemhild sprach: "Mir rathen hier die Freunde mein, 1119 Die besten, die ich habe, bei ihnen soll' ich sein. Ich habe keinen Blutsfreund in Nibelungenland." Leid war es Siegmunden, da er dieß an Kriemhild fand.
Da sprach König Siegmund: "Das laßt euch Niemand sagen: 1120 Vor allen meinen Freunden sollt ihr die Krone tragen Nach rechter Königswürde, wie ihr vordem gethan: Ihr sollt es nicht entgelten, daß ihr verloren habt den Mann.
"Fahrt auch mit uns zur Heimat um euer Kindelein: 1121 Das sollt ihr eine Waise, Frau, nicht laßen sein. Ist euer Sohn erwachen, er tröstet euch den Muth. Derweil soll euch dienen mancher Degen kühn und gut."
Sie sprach: "Mein Herr Siegmund, ich kann nicht mit euch gehn. 1122 Ich muß hier verbleiben, was halt mir mag geschehn, Bei meinen Anverwandten, die mir helfen klagen." Da wollten diese Mären den guten Recken nicht behagen.
Sie sprachen einhellig: "So möchten wir gestehn, 1123 Es sei in dieser Stunde uns erst ein Leid geschehn. Wollt ihr hier im Lande bei unsern Feinden sein, So könnte Helden niemals eine Hoffahrt übler gedeihn."
"Ihr sollt ohne Sorge Gott befohlen fahren: 1124 Ich schaff euch gut Geleite und heiß euch wohl bewahren Bis zu euerm Lande; mein liebes Kindelein Das soll euch guten Recken auf Gnade befohlen sein."
Als sie das recht vernahmen, sie wolle nicht hindann, 1125 Da huben Siegfrieds Mannen all zu weinen an. Mit welchem Herzensjammer nahm da Siegmund Urlaub von Kriemhilden! Da ward ihm Unfreude kund.
"Weh dieses Hofgelages!" sprach der König hehr. 1126 "Einem König und den Seinen geschieht wohl nimmermehr Einer Kurzweil willen, was uns hier ist geschehn: Man soll uns nimmer wieder hier bei den Burgunden sehn."
Da sprachen laut die Degen in Siegfriedens Heer: 1127 "Wohl möchte noch die Reise geschehen hieher, Wenn wir den nur fanden, der uns den Herrn erschlug. Sie haben Todfeinde bei seinen Freunden genug."
Er küsste Kriemhilden: kläglich sprach er da, 1128 Als er daheim zu bleiben sie so entschloßen sah: "Wir reiten arm an Freuden nun heim in unser Land! All mein Kummer ist mir erst jetzo bekannt."
Sie ritten ungeleitet von Worms an den Rhein: 1129 Sie mochten wohl des Muthes in ihrem Sinne sein, Wenn sie in Feindschaft würden angerannt, Daß sich schon wehren solle der kühnen Niblungen Hand.
Sie erbaten Urlaub von Niemanden sich. 1130 Da sah man Geiselheren und Gernot minniglich Zu dem König kommen; ihnen war sein Schade leid: Das ließen ihn wohl schauen die kühnen Helden allbereit.
Da sprach wohlgezogen der kühne Gernot: 1131 "Wohl weiß es Gott im Himmel, an Siegfriedens Tod Bin ich ganz unschuldig: ich hört auch niemals sagen, Wer ihm Feind hier wäre: ich muß ihn billig beklagen."
Da gab ihm gut Geleite Geiselher das Kind. 1132 Er bracht ohne Sorgen, die sonst bei Leide sind, Den König und die Recken heim nach Niederland. Wie wenig der Verwandten man dort fröhlich wiederfand!
Wie's ihnen nun ergangen ist, weiß ich nicht zu sagen. 1133 Man hörte hier Kriemhilden zu allen Zeiten klagen, Daß ihr Niemand tröstete das Herz noch den Muth Als ihr Bruder Geiselher: der war getreu und auch gut.
Brunhild die schöne des Uebermuthes pflag: 1134 Wie viel Kriemhild weinte, was fragte sie darnach! Sie war zu Lieb und Treue ihr nimmermehr bereit; Bald schuf auch ihr Frau Kriemhild wohl so ungefüges Leid.
* * * * *
Neunzehntes Abenteuer.
Wie der Nibelungenhort nach Worms kam.
Als die edle Kriemhild so verwitwet ward, 1135 Blieb bei ihr im Lande der Markgraf Eckewart Zurück mit seinen Mannen, wie ihm die Treu gebot. Er diente seiner Frauen willig bis an seinen Tod.
Zu Worms am Münster wies man ihr ein Gezimmer an, 1136 Weit und geräumig, reich und wohlgethan, Wo mit dem Gesinde die Freudenlose saß. Sie gieng zur Kirche gerne, mit großer Andacht that sie das.
Wo ihr Freund begraben lag, wie fleißig gieng sie 1137 Sie that es alle Tage mit trauerndem Sinn Und bat seiner Seele Gott den Herrn zu pflegen: Gar oft bejammert wurde mit großer Treue der Degen.
Ute und ihr Gesinde sprachen ihr immer zu, 1138 Und doch im wunden Herzen fand sie so wenig Ruh, Es konnte nicht verfangen der Trost, den man ihr bot. Sie hatte nach dem Freunde die allergrößeste Noth,
Die nach liebem Manne je ein Weib gewann: 1139 Ihre große Treue ersah man wohl daran. Sie klagt' ihn bis zu Ende, da sie zu sterben kam. Bald rächte sie gewaltig mit großer Treue den Gram.
Sie saß in ihrem Leide, das ist alles wahr, 1140 Nach ihres Mannes Tode bis in das vierte Jahr Und hatte nie zu Gunthern gesprochen einen Laut Und auch Hagen ihren Feind in all der Zeit nicht erschaut.
Da sprach von Tronje Hagen: "Könnte das geschehn, 1141 Daß ihr euch die Schwester gewogen möchtet sehn, So käm zu diesem Lande der Nibelungen Gold: Des mögt ihr viel gewinnen, wird uns die Königin hold."
"Wir wollen es versuchen," sprach der König hehr. 1142 "Es sollen für uns bitten Gernot und Geiselher, Bis sie es erlangen, daß sie das gerne sieht." "Ich glaube nicht," sprach Hagen, "daß es jemals geschieht."
Da befahl er Ortweinen hin an Hof zu gehn 1143 Und dem Markgrafen Gere: als das war geschehn, Brachte man auch Gernot und Geiselhern das Kind: Da versuchten bei Kriemhilden sie es freundlich und gelind.
Da sprach von Burgunden der kühne Gernot: 1144 "Frau, ihr klagt zu lange um Siegfriedens Tod. Der König will euch zeigen, er hab ihn nicht erschlagen: Man hört zu allen Zeiten euch so heftig um ihn klagen."
Sie sprach: "Des zeiht ihn Niemand, ihn schlug Hagens Hand. 1145 Wo er verwundbar wäre, macht ich ihm bekannt. Wie konnt ich michs versehen, er trüg ihm Haß im Sinn! Sonst hätt ichs wohl vermieden," sprach die edle Königin,
"Daß ich verraten hätte seinen schönen Leib: 1146 So ließ' ich nun mein Weinen, ich unselig Weib! Hold werd ich ihnen nimmer, die das an ihm gethan!" Zu flehn begann da Geiselher, dieser waidliche Mann.
Sie sprach: "Ich muß ihn grüßen, ihr liegt zu sehr mir an. 1147 Von euch ist's große Sünde: Gunther hat mir gethan So viel Herzeleides ganz ohne meine Schuld: Mein Mund schenkt ihm Verzeihung, mein Herz ihm nimmer die Huld."
"Hernach wird es beßer," ihre Freunde sprachen so. 1148 "Wenn ers zu Wege brächte, daß wir sie sähen froh!" "Er mags ihr wohl vergüten," sprach da Gernot. Da sprach die Jammersreiche: "Seht, nun leist ich eur Gebot:
"Ich will den König grüßen." Als er das vernahm, 1149 Mit seinen besten Freunden der König zu ihr kam. Da getraute Hagen sich nicht, zu ihr zu gehn: Er kannte seine Schuld wohl: ihr war Leid von ihm geschehn.
Als sie verschmerzen wollte auf Gunther den Haß, 1150 Daß er sie küssen sollte, wohl ziemte sich ihm das. Wär ihr mit seinem Willen so leid nicht geschehn, So dürft er dreisten Muthes immer zu Kriemhilden gehn.
Es ward mit so viel Thränen nie eine Sühne mehr 1151 Gestiftet unter Freunden. Sie schmerzt' ihr Schade sehr. Doch verzieh sie allen bis auf den Einen Mann: Niemand hätt ihn erschlagen, hätt es Hagen nicht gethan.
Nun währt' es nicht mehr lange, so stellten sie es an, 1152 Daß die Königstochter den großen Hort gewann Vom Nibelungenlande und bracht ihn an den Rhein: Ihre Morgengabe war es und must ihr billig eigen sein.
Nach diesem fuhr da Geiselher und auch Gernot. 1153 Achtzighundert Mannen Frau Kriemhild gebot, Daß sie ihn holen sollten, wo er verborgen lag Und sein der Degen Alberich mit seinen besten Freunden pflag.
Als man des Schatzes willen vom Rhein sie kommen sah, 1154 Alberich der kühne sprach zu den Freunden da: "Wir dürfen ihr wohl billig den Hort nicht entziehn, Da sein als Morgengabe heischt die edle Künigin.
"Dennoch sollt es nimmer," sprach Alberich, "geschehn, 1155 Müsten wir nicht leider uns verloren sehn Die gute Tarnkappe mit Siegfried zumal, Die immer hat getragen der schönen Kriemhild Gemahl.
"Nun ist es Siegfrieden leider schlimm bekommen, 1156 Daß die Tarnkappe der Held uns hat genommen, Und daß ihm dienen muste all dieses Land." Da gieng dahin der Kämmerer, wo er die Schlüßel liegen fand.
Da standen vor dem Berge, die Kriemhild gesandt, 1157 Und mancher ihrer Freunde: man ließ den Schatz zur Hand Zu dem Meere bringen an die Schiffelein Und führt' ihn auf den Wellen bis zu Berg in den Rhein.
Nun mögt ihr von dem Horte Wunder hören sagen: 1158 Zwölf Leiterwagen konnten ihn kaum von dannen tragen In vier Tag und Nächten aus des Berges Schacht, Hätten sie des Tages den Weg auch dreimal gemacht.
Es war auch nichts anders als Gestein und Gold. 1159 Und hätte man die ganze Welt erkauft mit diesem Gold, Um keine Mark vermindern möcht es seinen Werth. Wahrlich Hagen hatte nicht ohne Grund sein begehrt.
Der Wunsch lag darunter, ein golden Rüthelein: 1160 Wer es hätt erkundet, der möchte Meister sein Auf der weiten Erde wohl über jeden Mann. Von Albrichs Freunden zogen mit Gernot Viele hinan.
Als Gernot der Degen und der junge Geiselher 1161 Des Horts sich unterwanden, da wurden sie auch Herr Des Landes und der Burgen und der Recken wohlgestalt: Die musten ihnen dienen zumal durch Furcht und Gewalt.
Als sie den Hort gewannen in König Gunthers Land, 1162 Und sich darob die Königin der Herrschaft unterwand, Kammern und Thürme die wurden voll getragen; Man hörte nie von Schätzen so große Wunder wieder sagen.
Und wären auch die Schätze noch größer tausendmal, 1163 Und wär der edle Siegfried erstanden von dem Fall, Gern wäre bei ihm Kriemhild geblieben hemdebloß. Nie war zu einem Helden eines Weibes Treue so groß.
Als sie den Hort nun hatte, da brachte sie ins Land 1164 Viel der fremden Recken; wohl gab der Frauen Hand, Daß man so große Milde nie zuvor gesehn. Sie übte hohe Güte: das muste man ihr zugestehn.
Den Armen und den Reichen zu geben sie begann. 1165 Hagen sprach zum König: "Läßt man sie so fortan Noch eine Weile schalten, so wird sie in ihr Lehn So manchen Degen bringen, daß es uns übel muß ergehn."
Da sprach König Gunther: "Ihr gehört das Gut: 1166 Wie darf ich mich drum kümmern, was sie mit ihm thut? Ich konnt es kaum erlangen, daß sie mir wurde hold; Nicht frag ich, wie sie theilet ihr Gestein und rohes Gold."
Hagen sprach zum König: "Es vertraut ein kluger Mann 1167 Doch solche Schätze billig keiner Frauen an: Sie bringt es mit Gaben wohl noch an den Tag, Da es sehr gereuen die kühnen Burgunden mag."
Da sprach König Gunther: "Ich schwur ihr einen Eid, 1168 Daß ich ihr nie wieder fügen wollt ein Leid, Und will es künftig meiden: sie ist die Schwester mein." Da sprach wieder Hagen: "Laßt mich den Schuldigen sein."
Sie nahmen ihre Eide meistens schlecht in Hut: 1169 Da raubten sie der Witwe das mächtige Gut. Hagen aller Schlüßel dazu sich unterwand. Ihr Bruder Gernot zürnte, als ihm das wurde bekannt.
Da sprach der junge Geiselher: "Viel Leides ist geschehn 1170 Von Hagen meiner Schwester: dem sollt ich widerstehn: Wär er nicht mein Blutsfreund, es gieng' ihm an den Leib." Wieder neues Weinen begann da Siegfriedens Weib.
Da sprach König Gernot: "Eh wir solche Pein 1171 Um dieses Gold erlitten, wir solltens in den Rhein All versenken laßen: so gehört' es Niemand an." Sie kam mit Klaggebärde da zu Geiselher heran.
Sie sprach: "Lieber Bruder, du sollst gedenken mein, 1172 Lebens und Gutes sollst du ein Vogt mir sein." Da sprach er zu der Schwester: "Gewiss, es soll geschehn, Wenn wir wiederkommen: eine Fahrt ist zu bestehn."
Gunther und seine Freunde räumten das Land, 1173 Die allerbesten drunter, die man irgend fand; Hagen nur alleine verblieb um seinen Haß, Den er Kriemhilden hegte: ihr zum Schaden that er das.
Eh der reiche König wieder war gekommen, 1174 Derweil hatte Hagen den ganzen Schatz genommen: Er ließ ihn bei dem Loche versenken in den Rhein. Er wähnt', er sollt ihn nutzen; das aber konnte nicht sein.
Bevor von Tronje Hagen den Schatz also verbarg, 1175 Da hatten sie's beschworen mit Eiden hoch und stark, Daß er verhohlen bliebe, so lang sie möchten leben: So konnten sie's sich selber noch auch Jemand anders geben.
Die Fürsten kamen wieder, mit ihnen mancher Mann. 1176 Kriemhild den großen Schaden zu klagen da begann Mit Mägdlein und Frauen; sie hatten Herzensnoth. Da stellten sich die Degen, als sännen sie auf seinen Tod.
Sie sprachen einhellig: "Er hat nicht wohlgethan." 1177 Bis er zu Freunden wieder die Fürsten sich gewann, Entwich er ihrem Zorne: sie ließen ihn genesen; Aber Kriemhild konnt ihm wohl nicht feinder sein gewesen.
Mit neuem Leide wieder belastet war ihr Muth, 1178 Erst um des Mannes Leben und nun, da sie das Gut Ihr so gar benahmen: da ruht' auch ihre Klage, So lang sie lebte, nimmer bis zu ihrem jüngsten Tage.
Nach Siegfriedens Tode, das ist alles wahr, 1179 Lebte sie im Leide noch dreizehen Jahr, Daß ihr der Tod des Recken stäts im Sinne lag: Sie wahrt' ihm immer Treue; das rühmen ihr die Meisten nach.
Eine reiche Fürstenabtei hatte Frau Ute 1180 Nach Dankrats Tod gestiftet von ihrem Gute Mit großen Einkünften, die es noch heute zieht: Dort zu Lorsch das Kloster, das man in hohen Ehren sieht.