Chapter 13
"Ich schaff uns Jagdgesellen eine Kurzweil. 975 Da seh ich einen Bären: den Bracken löst vom Seil. Zu den Herbergen soll mit uns der Bär: Er kann uns nicht entrinnen, und flöh er auch noch so sehr."
Da lös'ten sie den Bracken: der Bär sprang hindann. 976 Da wollt ihn erreiten der Kriemhilde Mann. Er kam in eine Bergschlucht: da konnt er ihm nicht bei: Das starke Thier wähnte von den Jägern schon sich frei.
Da sprang von seinem Rosse der stolze Ritter gut 977 Und begann ihm nachzulaufen. Das Thier war ohne Hut, ES konnt ihm nicht entrinnen: er fieng es allzuhand; Ohn es zu verwunden, der Degen eilig es band.
Kratzen oder beißen konnt es nicht den Mann. 978 Er band es an den Sattel; auf saß der Schnelle dann Und bracht es an die Feuerstatt in seinem hohen Muth Zu einer Kurzweile, dieser Degen kühn und gut.
Er ritt zur Herberge in welcher Herrlichkeit! 979 Sein Sper war gewaltig, stark dazu und breit; Eine schmucke Waffe hieng ihm herab bis auf den Sporn; Von rothem Golde führte der Held ein herrliches Horn.
Von beßerm Birschgewande hört ich niemals sagen. 980 Einen Rock von schwarzem Zeuge sah man ihn tragen Und einen Hut von Zobel, der reich war genug. Hei! was edler Borten an seinem Köcher er trug!
Ein Vlies von einem Panther war darauf gezogen 981 Des Wohlgeruches wegen. Auch trug er einen Bogen: Mit einer Winde must ihn ziehen an, Wer ihn spannen wollte, er hätt es selbst denn gethan.
Von fremden Tierhäuten war all sein Gewand, 982 Das man von Kopf zu Füßen bunt überhangen fand. Aus dem lichten Rauchwerk zu beiden Seiten hold An dem kühnen Jägermeister schien manche Flitter von Gold.
Auch führt' er Balmungen, das breite schmucke Schwert: 983 Das war solcher Schärfe, nichts blieb unversehrt, Wenn man es schlug auf Helme: seine Schneiden waren gut. Der herrliche Jäger trug gar hoch seinen Muth.
Wenn ich euch der Märe ganz bescheiden soll, 984 So war sein edler Köcher guter Pfeile voll, Mit goldenen Röhren, die Eisen händebreit. Was er traf mit Schießen, dem war das Ende nicht weit.
Da ritt der edle Ritter stattlich aus dem Tann. 985 Gunthers Leute sahen, wie er ritt heran. Sie liefen ihm entgegen und hielten ihm das Ross: Da trug er an dem Sattel einen Bären stark und groß.
Als er vom Ross gestiegen, löst' er ihm das Band 986 Vom Mund und von den Füßen: die Hunde gleich zur Hand Begannen laut zu heulen, als sie den Bären sahn. Das Thier zu Walde wollte: das erschreckte manchen Mann.
Der Bär durch die Küche von dem Lärm gerieth: 987 Hei! was er Küchenknechte da vom Feuer schied! Gestürzt ward mancher Keßel, verschleudert mancher Brand; Hei! was man guter Speisen in der Asche liegen fand!
Da sprang von den Sitzen Herr und Knecht zumal. 988 Der Bär begann zu zürnen; der König gleich befahl Der Hunde Schar zu lösen, die an den Seilen lag; Und war es Wohl geendet, sie hätten fröhlichen Tag.
Mit Bogen und mit Spießen, man säumte sich nicht mehr, 989 Liefen hin die Schnellen, wo da gieng der Bär; Doch wollte Niemand schießen, von Hunden wars zu voll. So laut war das Getöse, daß rings der Bergwald erscholl.
Der Bär begann zu fliehen vor der Hunde Zahl; 990 Ihm konnte Niemand folgen als Kriemhilds Gemahl. Er erlief ihn mit dem Schwerte, zu Tod er ihn da schlug. Wieder zu dem Feuer das Gesind den Bären trug.
Da sprachen, die es sahen, er wär ein starker Mann. 991 Die stolzen Jagdgesellen rief man zu Tisch heran. Auf schönem Anger saßen der Helden da genug. Hei! was man Ritterspeise vor die stolzen Jäger trug!
Die Schenken waren säumig, sie brachten nicht den Wein; 992 So gut bewirthet mochten sonst Helden nimmer sein. Wären manche drunter nicht so falsch dabei, So wären wohl die Degen aller Schanden los und frei.
Des wurde da nicht inne der verrathne kühne Mann, 993 Daß man solche Tücke wider sein Leben spann. Er war in höfschen Züchten alles Truges bar; Seines Todes must entgelten, dem es nie ein Frommen war.
Da sprach der edle Siegfried: "Mich verwundert sehr, 994 Man trägt uns aus der Küche doch so viel daher, Was bringen uns die Schenken nicht dazu den Wein? Pflegt man so der Jäger, will ich nicht Jagdgeselle sein.
"Ich möcht es doch verdienen, bedächte man mich gut." 995 Von seinem Tisch der König sprach mit falschem Muth: "Wir büßen euch ein andermal, was heut uns muß entgehn; Die Schuld liegt an Hagen, der will uns verdursten sehn."
Da sprach von Tronje Hagen: "Lieber Herre mein, 996 Ich wähnte, das Birschen sollte heute sein Fern im Spechtsharte: den Wein hin sandt ich dort. Heute giebt es nichts zu trinken, doch vermeid ich es hinfort."
Da sprach der edle Siegfried: "Dem weiß ich wenig Dank: 997 Man sollte sieben Lasten mit Meth und Lautertrank Mir hergesendet haben; konnte das nicht sein, So sollte man uns näher gesiedelt haben dem Rhein."
Da sprach von Tronje Hagen: "Ihr edeln Ritter schnell, 998 Ich weiß hier in der Nähe einen kühlen Quell: Daß ihr mir nicht zürnet, da rath, ich hinzugehn." Der Rath war manchem Degen zu großem Leide geschehn.
Siegfried den Recken zwang des Durstes Noth; 999 Den Tisch hinwegzurücken der Held alsbald gebot: Er wollte vor die Berge zu dem Brunnen gehn. Da war der Rath aus Arglist von den Degen geschehn.
Man hieß das Wild auf Wagen führen in das Land, 1000 Das da verhauen hatte Siegfriedens Hand. Wer es auch sehen mochte, sprach großen Ruhm ihm nach. Hagen seine Treue sehr an Siegfrieden brach.
Als sie von dannen wollten zu der Linde breit, 1001 Da sprach von Tronje Hagen: "Ich hörte jederzeit, Es könne Niemand folgen Kriemhilds Gemahl, Wenn er rennen wolle; hei! schauten wir das einmal!"
Da sprach von Niederlanden der Degen kühn und gut: 1002 "Das mögt ihr wohl versuchen: wenn ihr mit mir thut Einen Wettlauf nach dem Brunnen? Soll das geschehn, So habe der gewonnen, den wir den vordersten sehn."
"Wohl, laßt es uns versuchen," sprach Hagen der Degen. 1003 Da sprach der starke Siegfried: "So will ich mich legen, Verlier ich, euch zu Füßen nieder in das Gras." Als er das erhörte, wie lieb war König Gunthern das!
Da sprach der kühne Degen: "Noch mehr will ich euch sagen: 1004 Gewand und Gewaffen will ich bei mir tragen, Den Wurfspieß samt dem Schilde und all mein Birschgewand." Das Schwert und den Köcher um die Glieder schnell er band.
Die Kleider vom Leibe zogen die Andern da: 1005 In zwei weißen Hemden man beide stehen sah. Wie zwei wilde Panther liefen sie durch den Klee; Man sah bei dem Brunnen den schnellen Siegfried doch eh.
Den Preis in allen Dingen vor Manchem man ihm gab. 1006 Da löst' er schnell die Waffe, den Köcher legt' er ab, Den starken Spieß lehnt' er an den Lindenast. Bei des Brunnens Fluße stand der herrliche Gast.
Die höfsche Zucht erwies da Siegfried daran; 1007 Den Schild legt' er nieder, wo der Brunnen rann; Wie sehr ihn auch dürstete, der Held nicht eher trank Bis der König getrunken; dafür gewann er übeln Dank.
Der Brunnen war lauter, kühl und auch gut; 1008 Da neigte sich Gunther hernieder zu der Flut. Als er getrunken hatte, erhob er sich hindann: Also hätt auch gerne der kühne Siegfried gethan.
Da entgalt er seiner höfschen Zucht; den Bogen und das Schwert 1009 Trug beiseite Hagen von dem Degen werth. Dann sprang er zurücke, wo er den Wurfspieß fand, Und sah nach einem Zeichen an des Kühnen Gewand.
Als der edle Siegfried aus dem Brunnen trank, 1010 Er schoß ihn durch das Kreuze, daß aus der Wunde sprang Das Blut von seinem Herzen an Hagens Gewand. Kein Held begeht wohl wieder solche Unthat nach der Hand.
Den Gerschaft im Herzen ließ er ihm stecken tief. 1011 Wie im Fliehen Hagen da so grimmig lief, So lief er wohl auf Erden nie vor einem Mann! Als da Siegfried Kunde der schweren Wunde gewann,
Der Degen mit Toben von dem Brunnen sprang; 1012 Ihm ragte von der Achsel eine Gerstange lang. Nun wähnt' er da zu finden Bogen oder Schwert, Gewiß, so hätt er Hagnen den verdienten Lohn gewährt.
Als der Todwunde da sein Schwert nicht fand, 1013 Da blieb ihm nichts weiter als der Schildesrand. Den rafft' er von dem Brunnen und rannte Hagen an: Da konnt ihm nicht entrinnen König Gunthers Unterthan.
Wie wund er war zum Tode, so kräftig doch er schlug, 1014 Daß von dem Schilde nieder wirbelte genug Des edeln Gesteines; der Schild zerbrach auch fast: So gern gerochen hätte sich der herrliche Gast.
Da muste Hagen fallen von seiner Hand zu Thal; 1015 Der Anger von den Schlägen erscholl im Wiederhall. Hätt er sein Schwert in Händen, so wär er Hagens Tod. Sehr zürnte der Wunde, es zwang ihn wahrhafte Noth.
Seine Farbe war erblichen; er konnte nicht mehr stehn. 1016 Seines Leibes Stärke muste ganz zergehn, Da er des Todes Zeichen in lichter Farbe trug. Er ward hernach betrauert von schönen Frauen genug.
Da fiel in die Blumen der Kriemhilde Mann. 1017 Das Blut von seiner Wunde stromweis nieder rann. Da begann er die zu schelten, ihn zwang die große Noth Die da gerathen hatten mit Untreue seinen Tod.
Da sprach der Todwunde: "Weh, ihr bösen Zagen, 1018 Was helfen meine Dienste, da ihr mich habt erschlagen? Ich war euch stäts gewogen und sterbe nun daran. Ihr habt an euern Freunden leider übel gethan.
"Die sind davon bescholten, so viele noch geborn 1019 Werden nach diesem Tage: ihr habt euern Zorn Allzusehr gerochen an dem Leben mein. Mit Schanden geschieden sollt ihr von guten Recken sein."
Hinliefen all die Ritter, wo er erschlagen lag. 1020 Es war ihrer Vielen ein freudeloser Tag. Wer Treue kannt und Ehre, der hat ihn beklagt: Das verdient' auch wohl um Alle dieser Degen unverzagt.
Der König der Burgunden klagt' auch seinen Tod. 1021 Da sprach der Todwunde: "Das thut nimmer Noth, Daß der um Schaden weine, von dem man ihn gewann: Er verdient groß Schelten, er hätt es beßer nicht gethan."
Da sprach der grimme Hagen: "Ich weiß nicht, was euch reut: 1022 Nun hat doch gar ein Ende, was uns je gedräut. Es gibt nun nicht manchen, der uns darf bestehn; Wohl mir, daß seiner Herrschaft durch mich ein End ist geschehn."
"Ihr mögt euch leichtlich rühmen," sprach Der von Niederland. 1023 "Hätt ich die mörderische Weis an euch erkannt, Vor euch behütet hätt ich Leben wohl und Leib. Mich dauert nichts auf Erden als Frau Kriemhild mein Weib.
"Nun mög es Gott erbarmen, daß ich gewann den Sohn, 1024 Der jetzt auf alle Zeiten den Vorwurf hat davon, Daß seine Freunde Jemand meuchlerisch erschlagen: Hätt ich Zeit und Weile, das müst ich billig beklagen.
"Wohl nimmer hat begangen so großen Mord ein Mann," 1025 Sprach er zu dem König, "als ihr an mir gethan. Ich erhielt euch unbescholten in großer Angst und Noth; Ihr habt mir schlimm vergolten, daß ich so wohl es euch bot."
Da sprach im Jammer weiter der todwunde Held: 1026 "Wollt ihr, edler König, noch auf dieser Welt An Jemand Treue pflegen, so laßt befohlen sein Doch auf eure Gnade euch die liebe Traute mein.
"Es komm ihr zu Gute, daß sie eure Schwester ist: 1027 Sei aller Fürsten Tugend helft ihr zu jeder Frist. Mein mögen lange harren mein Vater und mein Lehn: Nie ist an liebem Freunde einem Weibe so leid geschehn."
Er krümmte sich in Schmerzen, wie ihm die Noth gebot, 1028 Und sprach aus jammerndem Herzen: "Mein mordlicher Tod Mag euch noch gereuen in der Zukunft Tagen: Glaubt mir in rechten Treuen, daß ihr euch selber habt erschlagen.
Die Blumen allenthalben waren vom Blute naß. 1029 Da rang er mit dem Tode, nicht lange that er das, Denn des Todes Waffe schnitt ihn allzusehr. Da konnte nicht mehr reden dieser Degen kühn und hehr.
Als die Herren sahen den edlen Helden todt, 1030 Sie legten ihn auf einen Schild, der war von Golde roth. Da giengen sie zu Rathe, wie sie es stellten an, Daß es verhohlen bliebe, Hagen hab es gethan.
Da sprachen ihrer Viele: "Ein Unfall ist geschehn; 1031 Ihr sollt es alle hehlen und Einer Rede stehn: Als er allein ritt jagen, der Kriemhilde Mann, Erschlugen ihn Schächer, als er fuhr durch den Tann."
Da sprach von Tronje Hagen: "Ich bring ihn in das Land. 1032 Mich soll es nicht kümmern, wird es ihr auch bekannt, Die so betrüben konnte der Königin hohen Muth; Ich werde wenig fragen, wie sie nun weinet und thut."
Von denselben Brunnen, wo Siegfried ward erschlagen, 1033 Sollt ihr die rechte Wahrheit von mir hören sagen. Vor dem Odenwalde ein Dorf liegt Odenheim. Da fließt noch der Brunnen, kein Zweifel kann daran sein.
* * * * *
Siebzehntes Abenteuer.
Wie Siegfried beklagt und begraben ward.
Da harrten sie des Abends und fuhren über Rhein; 1034 Es mochte nie von Helden ein schlimmer Jagen sein. Ihr Beutewild beweinte noch manches edle Weib: Sein muste bald entgelten viel guter Weigande Leib.
Von großem Uebermuthe mögt ihr nun hören sagen 1035 Und schrecklicher Rache. Bringen ließ Hagen Den erschlagen Siegfried von Nibelungenland Vor eine Kemenate, darin sich Kriemhild befand.
Er ließ ihn ihr verstohlen legen vor die Thür, 1036 Daß sie ihn finden müße, wenn morgen sie herfür Zu der Mette gienge frühe vor dem Tag, Deren Frau Kriemhild wohl selten eine verlag.
Da hörte man wie immer zum Münster das Geläut: 1037 Kriemhild die schöne weckte manche Maid. Ein Licht ließ sie sich bringen, dazu auch ihr Gewand; Da kam der Kämmrer Einer hin, wo er Siegfrieden fand.
Er sah ihn roth von Blute, all sein Gewand war naß: 1038 Daß sein Herr es wäre, mit Nichten wust er das. Da trug er in die Kammer das Licht in seiner Hand, Bei dem da Frau Kriemhild viel leide Märe befand.
Als sie mit den Frauen zum Münster wollte gehn, 1039 "Frau," sprach der Kämmerer, "wollt noch stille stehn: Es liegt vor dem Gemache ein Ritter todtgeschlagen." "O weh," sprach da Kriemhild, "was willst du solche Botschaft sagen?"
Eh sie noch selbst gesehen, es sei ihr lieber Mann, 1040 An die Frage Hagens hub sie zu denken an, Wie er ihn schützen möchte: da ahnte sie ihr Leid. Mit seinem Tod entsagte sie nun aller Fröhlichkeit.
Da sank sie zur Erden, kein Wort mehr sprach sie da; 1041 Die schöne Freudenlose man da liegen sah. Kriemhildens Jammer wurde groß und voll; Sie schrie nach der Ohnmacht, daß all die Kammer erscholl.
Da sprach ihr Gesinde: "Es kann ein Fremder sein." 1042 Das Blut ihr aus dem Munde brach vor Herzenspein. "Nein, es ist Siegfried, mein geliebter Mann: Brunhild hats gerathen und Hagen hat es gethan."
Sie ließ sich hingeleiten, wo sie den Helden fand; 1043 Sein schönes Haupt erhob sie mit ihrer weißen Hand. So roth er war von Blute, sie hat ihn gleich erkannt: Da lag zu großem Jammer der Held von Nibelungenland.
Da rief in Jammerlauten die Königin mild: 1044 "O weh mir dieses Leides! Nun ist dir doch dein Schild Mit Schwertern nicht verhauen! dich fällte Meuchelmord. Und wüst ich, wer der Thäter wär, ich wollt es rächen immerfort."
All ihr Ingesinde klagte laut und schrie 1045 Mit seiner lieben Frauen; heftig schmerzte sie Ihr edler Herr und König, den sie da sahn verlorn. Gar übel hatte Hagen gerochen Brunhildens Zorn.
Da sprach die Jammerhafte: "Nun soll Einer gehn 1046 Und mir in Eile wecken Die in Siegfrieds Lehn Und soll auch Siegmunden meinen Jammer sagen, Ob er mir helfen wolle den kühnen Siegfried beklagen."
Da lief dahin ein Bote, wo er sie liegen fand, 1047 Siegfriedens Helden von Nibelungenland. Mit den leiden Mären die Freud er ihnen nahm; Sie wollten es nicht glauben, bis man das Weinen vernahm.
Auch kam dahin der Bote, wo der König lag. 1048 Siegmund der Herre keines Schlafes pflag, Als ob das Herz ihm sagte, was ihm wär geschehn, Er sollte seinen lieben Sohn lebend nimmer wiedersehn.
"Wacht auf, König Siegmund, mich hieß nach euch gehn 1049 Kriemhild, meine Herrin; der ist ein Leid geschehn, Das ihr vor allem Leide wohl das Herz versehrt; Das sollt ihr klagen helfen, da es auch euch widerfährt."
Auf richtete sich Siegmund und sprach: "Was beklagt 1050 Denn die schöne Kriemhild, wie du mir hast gesagt?" Der Bote sprach mit Weinen: "Sie hat wohl Grund zu klagen Es liegt von Niederlanden der kühne Siegfried erschlagen."
Da sprach König Siegmund: "Laßt das Scherzen sein 1051 Mit so böser Märe von dem Sohne mein Und sagt es Niemand wieder, daß er sei erschlagen, Denn ich könnt ihn nie genug bis an mein Ende beklagen."
"Und wollt ihr nicht glauben, was ihr mich höret sagen, 1052 So vernehmet selber Kriemhilden klagen Und all ihr Ingesinde um Siegfriedens Tod." Wie erschrak da Siegmund: es schuf ihm wahrhafte Noth.
Mit hundert seiner Mannen er von dem Bette sprang. 1053 Sie zuckten zu den Händen die scharfen Waffen lang Und liefen zu dem Wehruf jammersvoll heran. Da kamen tausend Recken, dem kühnen Siegfried unterthan.
Als sie so jämmerlich die Frauen hörten klagen, 1054 Da kam Vielen erst in Sinn, sie müsten Kleider tragen. Wohl mochten sie vor Schmerzen des Sinnes Macht nicht haben: Es lag in ihrem Herzen große Schwere begraben.
Da kam der König Siegmund hin, wo er Kriemhild fand. 1055 Er sprach: "O weh der Reise hierher in dieses Land! Wer hat euch euern Gatten, wer hat mir mein Kind So mordlich entrißen, da wir bei guten Freunden sind?"
"Ja, kennt ich Den," versetzte die edle Königin, 1056 "Hold würd ihm nimmer mein Herz noch mein Sinn: Ich rieth' ihm so zum Leide, daß all die Freunde sein Mit Jammer weinen müsten, glaubt mir, von wegen mein."
Siegmund mit Armen den Fürsten umschloß; 1057 Da ward von seinen Freunden der Jammer also groß, Daß von dem lauten Wehruf Palas und Saal Und Worms die weite Veste rings erscholl im Widerhall.
Da konnte Niemand trösten Siegfriedens Weib, 1058 Man zog aus den Kleidern seinen schönen Leib, Wusch ihm seine Wunde und legt' ihn auf die Bahr; Allen seinen Leuten wie weh vor Jammer da war!
Es sprachen seine Recken aus Nibelungenland: 1059 "Immer ihn zu rächen bereit ist unsre Hand. Er ist in diesem Hause, von dem es ist geschehn." Da eilten sich zu waffnen die Degen in Siegfrieds Lehn.
Die Auserwählten kamen in ihrer Schilde Wehr, 1060 Elfhundert Recken; die hatt in seinem Heer Siegmund der König: seines Sohnes Tod Hätt er gern gerochen, wie ihm die Treue gebot.
Sie wusten nicht, wen sollten sie im Streit bestehn, 1061 Wenn es nicht Gunther wäre und Die in seinem Lehn, Die zur Jagd mit Siegfried geritten jenen Tag. Kriemhild sah sie gewaffnet: das schuf ihr großes Ungemach.
Wie stark auch ihr Jammer, wie groß war ihre Noth, 1062 Sie besorgte doch so heftig der Nibelungen Tod Von ihrer Brüder Mannen, daß sie dawider sprach: Sie warnte sie in Liebe, wie immer Freund mit Freunden pflag.
Da sprach die Jammerreiche: "Herr König Siegmund, 1063 Was wollt ihr beginnen? Euch ist wohl nicht kund, Es hat der König Gunther so manchen kühnen Mann: Ihr wollt euch all verderben, greift ihr solche Recken an."
Mit auferhobnen Schilden that ihnen Streiten Noth. 1064 Die edle Königstochter bat und gebot, Daß es meiden sollten die Recken allbereit. Daß sie's nicht laßen wollten, das war ein grimmiges Leid.
Sie sprach: "Herr König Siegmund, steht damit noch an, 1065 Bis es sich beßer fügte: so will ich meinen Mann Euch immer rächen helfen. Der mir ihn hat benommen, Wird es mir bewiesen, es muß ihm noch zu Schaden kommen.
"Es sind der Uebermüthigen hier am Rhein so viel, 1066 Daß ich euch zum Streite jetzt nicht rathen will: Sie haben wider Einen immer dreißig Mann; Laß ihnen Gott gelingen, wie sie uns haben gethan.
"Bleibt hier im Hause und tragt mit mir das Leid, 1067 Bis es beginnt zu tagen, ihr Helden allbereit: Dann helft ihr mir besargen meinen lieben Mann." Da sprachen die Degen: "Liebe Frau, das sei gethan."
Es könnt euch des Wunders ein Ende Niemand sagen, 1068 Die Ritter und die Frauen, wie man sie hörte klagen, Bis man des Wehrufs ward in der Stadt gewahr. Die edeln Bürger kamen daher in eilender Schar.
Sie klagten mit den Gästen: sie schmerzte der Verlust. 1069 Was Siegfried verschulde, war ihnen unbewust, Weshalb der edle Recke Leben ließ und Leib. Da weinte mit den Frauen manchen guten Bürgers Weib.
Schmiede hieß man eilen und würken einen Sarg 1070 Von Silber und von Golde, mächtig und stark, Und ließ ihn wohl beschlagen mit Stahl, der war gut. Da war allen Leuten das Herz beschwert und der Muth.
Die Nacht war vergangen: man sagt', es wolle tagen. 1071 Da ließ die edle Königin hin zum Münster tragen Diesen edeln Todten, ihren lieben Mann. Mit ihr giengen weinend, was sie der Freunde gewann.
Da sie zum Münster kamen, wie manche Glocke klang! 1072 Allenthalben hörte man der Pfaffen Sang. Da kam der König Gunther hinzu mit seinem Lehn Und auch der grimme Hagen; es wäre klüger nicht geschehn.
Er sprach: "Liebe Schwester, o weh des Leides dein; 1073 Daß wir nicht ledig mochten so großen Schadens sein! Wir müßen immer klagen um Siegfriedens Tod." "Daran thut ihr Unrecht," sprach die Frau in Jammersnoth.
"Wenn euch das betrübte, so wär es nicht geschehn. 1074 Ihr hattet mein vergeßen, das muß ich wohl gestehn, Als ich so geschieden ward von meinem lieben Mann. Wollte Gott vom Himmel, mir selber war es gethan."
Sie hielten sich am Läugnen. Da hub Kriemhild an: 1075 "Wer unschuldig sein will, leicht ist es dargethan, Er darf nur zu der Bahre hier vor dem Volke gehn: Da mag man gleich zur Stelle sich der Wahrheit versehn."
Das ist ein großes Wunder, wie es noch oft geschieht, 1076 Wenn man den Mordbefleckten bei dem Todten sieht, So bluten ihm die Wunden, wie es auch hier geschah; Daher man nun der Unthat sich zu Hagen versah.
Die Wunden floßen wieder so stark als je vorher. 1077 Die erst schon heftig klagten, die weinten nun noch mehr. Da sprach König Gunther: "Nun hört die Wahrheit an: Ihn erschlugen Schächer; Hagen hat es nicht gethan."