Das Nibelungenlied

Chapter 12

Chapter 123,718 wordsPublic domain

Brunhild mit ihren Frauen gieng vor das Münster stehn. 871 Sie gedachte: "Ich muß von Kriemhild mehr zu hören sehn, Wes mich so laut hier zeihte das wortscharfe Weib: Und wenn er sichs gerühmt hat, gehts ihm an Leben und Leib!"

Nun kam die edle Kriemhild mit manchem kühnen Mann. 872 Da begann Frau Brunhild: "Haltet hier noch an. Ihr wolltet mich verkebsen: laßt uns Beweise sehn, Mir ist von euern Reden, das wißet, übel geschehn."

Da sprach die schöne Kriemhild: "Was laßt ihr mich nicht gehn? 873 Ich bezeug es mit dem Golde, an meiner Hand zu sehn. Das brachte mir Siegfried, nachdem er bei euch lag." Nie erlebte Brunhild wohl einen leidigen Tag.

Sie sprach: "Dieß Gold das edle, das ward mir gestohlen 874 Und blieb mir lange Jahre übel verhohlen: Ich komme nun dahinter, wer mir es hat genommen." Die Frauen waren beide in großen Unmuth gekommen.

Da sprach wieder Kriemhild: "Ich will nicht sein der Dieb. 875 Du hättest schweigen sollen, wär dir Ehre lieb. Ich bezeug es mit dem Gürtel, den ich umgethan, Ich habe nicht gelogen: wohl wurde Siegfried dein Mann."

Von Niniveer Seide sie eine Borte trug 876 Mit edelm Gesteine, die war wohl schön genug. Als Brunhild sie erblickte, zu weinen hub sie an. Das muste Gunther wißen und alle Die ihm unterthan.

Da sprach des Landes Königin: "Sendet her zu mir 877 Den König vom Rheine: hören soll er hier, Wie sehr seine Schwester schändet meinen Leib: Sie sagt vor allen Leuten, ich sei Siegfriedens Weib."

Der König kam mit Recken: als er weinen sah 878 Brunhild seine Traute, gütlich sprach er da: "Von wem, liebe Fraue, ist euch ein Leid geschehn?" Sie sprach zu dem König: "Unfröhlich muß ich hier stehn.

Aller meiner Ehren hat die Schwester dein 879 Mich berauben wollen. Geklagt soll dir sein, Sie sagt: ich sei die Kebse von Siegfried ihrem Mann." Da sprach König Gunther: "So hat sie übel gethan."

"Sie trägt hier meinen Gürtel, den ich längst verloren, 880 Und mein Gold das rothe. Daß ich je ward geboren, Des muß mich sehr gereuen: befreist du, Herr, mich nicht Solcher großen Schande, ich minne nie wieder dich."

Da sprach König Gunther: "So ruft ihn herbei: 881 Hat er sichs gerühmet, das gesteh er frei, Er woll es denn läugnen, der Held von Niederland." Da ward der kühne Siegfried bald hin zu ihnen gesandt.

Als Siegfried der Degen die Unmuthvollen sah 882 Und den Grund nicht wuste, balde sprach er da: "Was weinen diese Frauen? das macht mir bekannt: Oder wessentwegen wurde hier nach mir gesandt"

Da sprach König Gunther: "Groß Herzleid fand ich hier. 883 Eine Märe sagte mein Weib Frau Brunhild mir: Du habest dich gerühmet, du wärst ihr erster Mann. So spricht dein Weib Frau Kriemhild: hast du, Degen, das gethan?"

"Niemals," sprach da Siegfried; "und hat sie das gesagt, 884 Nicht eher will ich ruhen, bis sie es beklagt, Und will davon mich reinigen vor deinem ganzen Heer Mit meinen hohen Eiden, ich sagte Solches nimmermehr."

Da sprach der Fürst vom Rheine: "Wohlan, das zeige mir. 885 Der Eid, den du geboten, geschieht der allhier, Aller falschen Dinge laß ich dich ledig gehn." Man ließ in einem Ringe die stolzen Burgunden stehn.

Da bot der kühne Siegfried zum Eide hin die Hand. 886 Da sprach der reiche König: "Jetzt hab ich wohl erkannt, Ihr seid hieran unschuldig und sollt des ledig gehn: Des euch Kriemhild zeihte, das ist nicht von euch geschehn."

Da sprach wieder Siegfried: "Und kommt es ihr zu Gut, 887 Daß deinem schönen Weibe sie so betrübt den Muth, Das wäre mir wahrlich aus der Maßen leid." Da blickten zu einander die Ritter kühn und allbereit.

"Man soll so Frauen ziehen," sprach Siegfried der Degen, 888 "Daß sie üppge Reden laßen unterwegen; Verbiet es deinem Weibe, ich will es meinem thun. Solchen Uebermuthes in Wahrheit schäm ich mich nun."

Viel schöne Frauen wurden durch Reden schon entzweit. 889 Da erzeigte Brunhild solche Traurigkeit, Daß es erbarmen muste Die in Gunthers Lehn. Von Tronje Hagen sah man zu der Königin gehn.

Er fragte, was ihr wäre, da er sie weinend fand. 890 Sie sagt' ihm die Märe. Er gelobt' ihr gleich zur Hand, Daß es büßen sollte der Kriemhilde Mann, Oder man treff ihn nimmer unter Fröhlichen an.

Ueber die Rede kamen Ortwein und Gernot, 891 Allda die Helden riethen zu Siegfriedens Tod. Dazu kam auch Geiselher, der schönen Ute Kind; Als er die Rede hörte, sprach der Getreue geschwind:

"O weh, ihr guten Knechte, warum thut ihr das? 892 Siegfried verdiente ja niemals solchen Haß, Daß er darum verlieren Leben sollt und Leib: Auch sind es viel Dinge, um die wohl zürnet ein Weib."

"Sollen wir Gäuche ziehen?" sprach Hagen entgegen: 893 "Das brächte wenig Ehre solchen guten Degen. Daß er sich rühmen durfte der lieben Frauen mein, Ich will des Todes sterben oder es muß gerochen sein."

Da sprach der König selber: "Er hat uns nichts gethan 894 Als Liebes und Gutes: leb er denn fortan. Was sollt ich dem Recken hegen solchen Haß? Er bewies uns immer Treue, gar williglich that er das."

Da begann der Degen von Metz Herr Ortewein: 895 "Wohl kann ihm nicht mehr helfen die große Stärke sein. Will es mein Herr erlauben, ich thu ihm alles Leid." Da waren ihm die Helden ohne Grund zu schaden bereit.

Dem folgte doch Niemand, außer daß Hagen 896 Alle Tage pflegte zu Gunthern zu sagen: Wenn Siegfried nicht mehr lebte, ihm würden unterthan Manches Königs Lande. Da hub der Held zu trauern an.

Man ließ es bewenden und gieng dem Kampfspiel nach. 897 Hei! was man starker Schäfte vor dem Münster brach Vor Siegfriedens Weibe bis hinan zum Saal! Mit Unmuth sah es Mancher, dem König Gunther befahl.

Der König sprach: "Laßt fahren den mordlichen Zorn. 898 Er ist uns zu Ehren und zum Heil geborn; Auch ist so grimmer Stärke der wunderkühne Mann, Wenn ers inne würde, so dürfte Niemand ihm nahn."

"Nicht doch," sprach da Hagen, "da dürft ihr ruhig sein: 899 Wir leiten in der Stille alles sorglich ein. Brunhildens Weinen soll ihm werden leid. Immer sei ihm Hagen zu Haß und Schaden bereit."

Da sprach der König Gunther: "Wie möcht es geschehn?" 900 Zur Antwort gab ihm Hagen: "Das sollt ihr bald verstehn: Wir laßen Boten reiten her in dieses Land, Uns offnen Krieg zu künden, die hier Niemand sind bekannt.

"Dann sagt ihr vor den Gästen, ihr wollt mit euerm Lehn 901 Euch zur Heerfahrt rüsten. Sieht er das geschehn, So verspricht er euch zu helfen; dann gehts ihm an den Leib, Erfahr ich nur die Märe von des kühnen Recken Weib."

Der König folgte leider seines Dienstmanns Rath. 902 So huben an zu sinnen auf Untreu und Verrath, Eh es wer erkannte, die Ritter auserkoren: Durch zweier Frauen Zanken gieng da mancher Held verloren.

* * * * *

Fünfzehntes Abenteuer.

Wie Siegfried verrathen ward.

Man sah am vierten Morgen zweiunddreißig Mann 903 Hin zu Hofe reiten: da ward es kund gethan Gunther dem reichen, es droh ihm neuer Streit. Die Lüge schuf den Frauen das allergrößeste Leid.

Sie gewannen Urlaub, an den Hof zu gehn. 904 Da sagten sie, sie ständen in Lüdegers Lehn, Den einst bezwungen hatte Siegfriedens Hand Und ihn als Geisel brachte König Gunthern in das Land.

Die Boten grüßte Gunther und hieß sie sitzen gehn. 905 Einer sprach darunter: "Herr König, laßt uns stehn, Daß wir die Mären sagen, die euch entboten sind. Wohl habt ihr zu Feinden, das wißt, mancher Mutter Kind.

"Euch wiedersagen Lüdegast und König Lüdeger: 906 Denen schuft ihr weiland grimmige Beschwer; Nun wollen sie mit Heereskraft reiten in dieß Land." Gunther begann zu zürnen, als wär es ihm unbekannt.

Man ließ die falschen Boten zu den Herbergen gehn. 907 Wie mochte da Siegfried der Tücke sich versehn, Er oder anders Jemand, die man so listig spann? Doch war es ihnen selber zu großem Leide gethan.

Der König mit den Freunden gieng raunend ab und zu: 908 Hagen von Tronje ließ ihm keine Ruh, Noch wollt es Mancher wenden in des Königs Lehn; Doch nicht vermocht er Hagen von seinen Räthen abzustehn.

Eines Tages Siegfried die Degen raunend fand. 909 Da begann zu fragen der Held der Niederland: "Wie traurig geht der König und Die ihm unterthan? Das helf ich immer rächen, hat ihnen wer ein Leid gethan."

Da sprach König Gunther: "Wohl hab ich Herzeleid: 910 Lüdegast und Lüdeger drohn mir wieder Streit. Mit Heerfahrten wollen sie reiten in mein Land." Da sprach der kühne Degen: "Dem soll Siegfriedens Hand

"Nach allen euern Ehren mit Kräften widerstehn; 911 Von mir geschieht den Degen, was ihnen einst geschehn. Ihre Burgen leg ich wüste und dazu ihr Land, Eh ich ablaße: des sei mein Haupt euer Pfand.

"Ihr mit euern Mannen nehmt der Heimat wahr; 912 Laßt mich zu ihnen reiten mit meiner Leute Schar. Daß ich euch gerne diene, laß ich euch wohl sehn: Von mir soll euern Feinden, das wißet, übel geschehn."

"Nun wohl mir dieser Märe," der König sprach da so, 913 Als wär er seiner Hülfe alles Ernstes froh. Tief neigte sich in Falschheit der ungetreue Mann. Da sprach der edle Siegfried: "Laßt euch keine Sorge nahn."

Sie schickten mit den Knechten zu der Fahrt sich an: 914 Siegfrieden und den Seinen ward es zum Schein gethan. Da hieß er sich rüsten Die von Niederland: Siegfriedens Recken suchten ihr Streitgewand.

Da sprach der starke Siegfried: "Mein Vater Siegmund, 915 Bleibt ihr hier im Lande: wir kehren bald gesund, Will Gott uns Glück verleihen, wieder an den Rhein. Ihr sollt bei dem König unterdessen fröhlich sein."

Da wollten sie von dannen: die Fähnlein band man an. 916 Umher standen Viele, die Gunthern unterthan Und hatten nicht erfahren, wie es damit bewandt. Groß Heergesinde war es, das da bei Siegfrieden stand.

Die Panzer und die Helme man auf die Rosse lud; 917 Aus dem Lande wollten viel starke Recken gut. Da gieng von Tronje Hagen hin, wo er Kriemhild fand; Er bat sie um Urlaub: sie wollten räumen das Land.

"Nun wohl mir," sprach Kriemhild, "daß ich den Mann gewann." 918 Der meine lieben Freunde so wohl beschützen kann, Wie hier mein Herr Siegfried an meinen Brüdern thut: Darum trag ich," sprach die Königin, "immer fröhlichen Muth.

"Lieber Freund Hagen, nun hoff ich, ihr gedenkt, 919 Daß ich euch gerne diene; ich hab euch nie gekränkt. Das komme mir zu Gute an meinem lieben Mann: Laßt es ihn nicht entgelten, was ich Brunhilden gethan.

"Des hat mich schon gereuet," sprach das edle Weib, 920 "Auch hat er so zerbleuet zur Strafe mir den Leib, Daß ich je beschwerte mit Reden ihr den Muth, Er hat es wohl gerochen, dieser Degen kühn und gut."

Da sprach er: "Ihr versöhnt euch wohl nach wenig Tagen. 921 Kriemhild, liebe Herrin, nun sollt ihr mir sagen, Wie ich euch dienen möge an Siegfried euerm Herrn. Ich gönn es niemand beßer und thu es, Königin, gern."

"Ich wär ohn alle Sorge," sprach da das edle Weib, 922 "Daß man ihm im Kampfe Leben nähm und Leib, Wenn er nicht folgen wollte seinem Uebermuth; So wär immer sicher dieser Degen kühn und gut."

"Fürchtet ihr, Herrin," Hagen da begann, 923 "Daß er verwundet werde, so vertraut mir an, Wie soll ichs beginnen, dem zu widerstehn? Ihn zu schirmen will ich immer bei ihm reiten und gehn."

Sie sprach: "Du bist mir Sippe, so will ich dir es sein: 924 Ich befehle dir auf Treue den holden Gatten mein. Daß du mir behütest den geliebten Mann." Was beßer wär verschwiegen, vertraute da sie ihm an.

Sie sprach: "Mein Mann ist tapfer, dazu auch stark genug. 925 Als er den Linddrachen an dem Berge schlug, Da badet' in dem Blute der Degen allbereit, Daher ihn keine Waffe je versehren mocht im Streit.

"Jedoch bin ich in Sorgen, wenn er im Kampfe steht 926 Und aus der Helden Hände mancher Sperwurf geht, Daß ich da verliere meinen lieben Mann. Hei! was ich Sorgen oft um Siegfried gewann!

"Mein lieber Freund, ich meld es nun auf Gnade dir, 927 Daß du deine Treue bewähren mögst an mir, Wo man mag verwunden meinen lieben Mann. Das sollst du nun vernehmen: es ist auf Gnade gethan.

"Als von des Drachen Wunden floß das heiße Blut, 928 Und sich darinne badete der kühne Recke gut, Da fiel ihm auf die Achseln ein Lindenblatt so breit: Da kann man ihn verwunden; das schafft mir Sorgen und Leid."

Da sprach von Tronje Hagen: "So näht auf sein Gewand 929 Mir ein kleines Zeichen mit eigener Hand, Wo ich ihn schirmen müße, mag ich daran verstehn." Sie wähnt' ihn so zu fristen; auf seinen Tod wars abgesehn.

Sie sprach: "Mit feiner Seide näh ich auf sein Gewand 930 Insgeheim ein Kreuzchen: da soll, Held, deine Hand Mir den Mann behüten, wenns ins Gedränge geht, Und er vor seinen Feinden in den starken Stürmen steht."

"Das thu ich," sprach da Hagen, "viel liebe Herrin mein." 931 Wohl wähnte da die Gute, sein Frommen sollt es sein: Da war hiemit verrathen der Kriemhilde Mann. Urtaub nahm da Hagen: da gieng er fröhlich hindann.

Was er erfahren hatte, bat ihn sein Herr zu sagen. 932 "Mögt ihr die Reise wenden, so laßt uns reiten jagen. Ich weiß nun wohl die Kunde, wie ich ihn tödten soll. Wollt ihr die Jagd bestellen?" "Das thu ich," sprach der König, "wohl."

Der Dienstmann des Königs war froh und wohlgemuth. 933 Gewiss, daß solche Bosheit kein Recke wieder thut Bis zum jüngsten Tage, als da von ihm geschah, Da sich seiner Treue die schöne Königin versah.

Früh des andern Morgens mit wohl tausend Mann 934 Ritt Siegfried der Degen mit frohem Muth hindann: Er wähnt', er solle rächen seiner Freunde Leid. So nah ritt ihm Hagen, daß er beschaute sein Kleid.

Als er ersah das Zeichen, da schickt' er ungesehn, 935 Andre Mär zu bringen, zwei aus seinem Lehn: In Frieden sollte bleiben König Gunthers Land; Es habe sie Herr Lüdeger zu dem König gesandt.

Wie ungerne Siegfried abließ vom Streit, 936 Eh er gerochen hatte seiner Freunde Leid! Kaum hielten ihn zurücke Die Gunthern unterthan. Da ritt er zu dem König, der ihm zu danken begann:

"Nun lohn euch Gott, Freund Siegfried, den willigen Sinn, 937 Daß ihr so gerne thatet, was mir vonnöthen schien: Das will ich euch vergelten, wie ich billig soll. Vor allen meinen Freunden vertrau ich euch immer wohl.

"Da wir uns der Heerfahrt so entledigt sehn, 938 So laßt uns nun Bären und Schweine jagen gehn Nach dem Odenwalde, wie ich oft gethan." Gerathen hatte Hagen das, dieser ungetreue Mann.

"Allen meinen Gästen soll man das nun sagen, 939 Ich denke früh zu reiten: die mit mir wollen jagen, Die laßt sich fertig halten; die aber hier bestehn, Kurzweilen mit den Frauen: so sei mir Liebes geschehn."

Mit herrlichen Sitten sprach da Siegfried: 940 "Wenn ihr jagen reitet, da will ich gerne mit. So sollt ihr mir leihen einen Jägersmann Mit etlichen Bracken: So reit ich mit euch in den Tann."

"Wollt ihr nur Einen?" frug Gunther zuhand; 941 "Ich leih euch, wollt ihr, viere, denen wohl bekannt Der Wald ist und die Steige, wo viel Wildes ist, Daß ihr des Wegs unkundig nicht ledig wieder heimwärts müßt."

Da ritt zu seinem Weibe der Degen unverzagt. 942 Derweil hatte Hagen dem König gesagt, Wie er verderben wolle den herrlichen Degen. So großer Untreue sollt ein Mann nimmer pflegen.

Als die Ungetreuen beschloßen seinen Tod, 943 Da wusten sie es Alle. Geiselher und Gernot Wollten nicht mit jagen. Weiß nicht, aus welchem Groll Sie ihn nicht verwarnten; doch des entgalten sie voll.

* * * * *

Sechzehntes Abenteuer.

Wie Siegfried erschlagen ward.

Gunther und Hagen, die Recken wohlgethan 944 Gelobten mit Untreuen ein Birschen in den Tann. Mit ihren scharfen Spießen wollten sie jagen Schwein' Und Bären und Wisende: was mochte Kühneres sein?

Da ritt auch mit ihnen Siegfried mit stolzem Sinn. 945 Man bracht ihnen Speise aller Art dahin. An einem kühlen Brunnen ließ er da das Leben: Den Rath hatte Brunhild, König Gunthers Weib, gegeben.

Da gieng der kühne Degen hin, wo er Kriemhild fand. 946 Schon war aufgeladen das edle Birschgewand Ihm und den Gefährten: sie wollten über Rhein. Da konnte Kriemhilden nicht leider zu Muthe sein.

Seine liebe Traute küsst' er auf den Mund: 947 "Gott laße mich dich, Liebe, noch wiedersehn gesund Und deine Augen mich auch; mit holden Freunden dein Kürze dir die Stunden: ich kann nun nicht bei dir sein."

Da gedachte sie der Märe, sie durft es ihm nicht sagen, 948 Nach der sie Hagen fragte: da begann zu klagen Die edle Königstochter, daß ihr das Leben ward: Ohne Maßen weinte die wunderschöne Fraue zart.

Sie sprach zu dem Recken: "Laßt euer Jagen sein: 949 Mir träumte heunt von Leide, wie euch zwei wilde Schwein Ueber die Haide jagten: da wurden Blumen roth. Daß ich so bitter weine, das thut mir armem Weibe Noth.

"Wohl muß ich fürchten Etlicher Verrath, 950 Wenn man den und jenen vielleicht beleidigt hat, Die uns verfolgen könnten mit feindlichem Haß. Bleibt hier, lieber Herre, mit Treuen rath ich euch das."

Er sprach: "Liebe Traute, ich kehr in kurzer Zeit; 951 Ich weiß nicht, daß hier Jemand mir Haß trüg oder Neid. Alle deine Freunde sind insgemein mir hold; Auch verdient' ich von den Degen wohl nicht anderlei Sold."

"Ach nein, lieber Siegfried: wohl fürcht ich deinen Fall. 952 Mir träumte heunt von Leide, wie über dir zu Thal Fielen zwei Berge, daß ich dich nie mehr sah: Und willst du von mir scheiden, das geht mir inniglich nah."

Er umfieng mit Armen das zuchtreiche Weib, 953 Mit holden Küssen herzt' er ihr den schönen Leib. Da nahm er Urlaub und schied in kurzer Stund: Sie ersah ihn leider darnach nicht wieder gesund.

Da ritten sie von dannen in einen tiefen Tann 954 Der Kurzweile willen; manch kühner Rittersmann Ritt mit dem König; hinaus gesendet ward Auch viel der edeln Speise, die sie brauchten zu der Fahrt.

Manch Saumross zog beladen vor ihnen überrhein, 955 Das den Jagdgesellen das Brot trug und den Wein, Das Fleisch mit den Fischen und Vorrath aller Art, Wie sie ein reicher König wohl haben mag auf der Fahrt.

Da ließ man herbergen bei dem Walde grün 956 Vor des Wildes Wechsel die stolzen Jäger kühn, Wo sie da jagen wollten, auf breitem Angergrund. Auch Siegfried war gekommen: das ward dem Könige kund.

Von den Jagdgesellen ward umhergestellt 957 Die Wart an allen Enden: da sprach der kühne Held, Siegfried der starke: "Wer soll uns in den Wald Nach dem Wilde weisen, ihr Degen kühn und wohlgestalt?"

"Wollen wir uns scheiden," hub da Hagen an, 958 "Eh wir beginnen zu jagen hier im Tann: So mögen wir erkennen, ich und der Herre mein, Wer die besten Jäger bei dieser Waldreise sei'n.

"Leute so wie Hunde, wir theilen uns darein: 959 Dann fährt, wohin ihm lüstet, Jeglicher allein" Und wer das Beste jagte, dem sagen wir den Dank." Da weilten die Jäger bei einander nicht mehr lang.

Da sprach der edle Siegfried: "Der Hunde hab ich Rath 960 Bis auf einen Bracken, der so genoßen hat, Daß er die Fährte spüre der Thiere durch den Tann. Wir kommen wohl zum Jagen!" sprach der Kriemhilde Mann.

Da nahm ein alter Jäger einen Spürhund hinter sich 961 Und brachte den Herren, eh lange Zeit verstrich, Wo sie viel Wildes fanden: was des erstöbert ward, Das erjagten die Gesellen, wie heut noch guter Jäger Art.

Was da der Brack ersprengte, das schlug mit seiner Hand 962 Siegfried der kühne, der Held von Niederland. Sein Ross lief so geschwinde, daß ihm nicht viel entrann: Das Lob er bei dem Jagen vor ihnen allen gewann.

Er war in allen Dingen mannhaft genug. 963 Das erste der Thiere, die er zu Tode schlug, War ein starker Büffel, den traf des Helden Hand: Nicht lang darauf der Degen einen grimmen Leuen fand.

Als den der Hund ersprengte, schoß er ihn mit dem Bogen 964 Und dem scharfen Pfeile, den er darauf gezogen; Der Leu lief nach dem Schuße nur dreier Sprünge lang. Seine Jagdgesellen, die sagten Siegfrieden Dank.

Einen Wisend schlug er wieder darnach und einen Elk, 965 Vier starker Auer nieder und einen grimmen Schelk, So schnell trug ihn die Mähre, daß ihm nichts entsprang: Hinden und Hirsche wurden viele sein Fang.

Einen großen Eber trieb der Spürhund auf. 966 Als der flüchtig wurde, da kam in schnellem Lauf Alles Jagens Meister und nahm zum Ziel ihn gleich. Anlief das Schwein im Zorne diesen Helden tugendreich.

Da schlug es mit dem Schwerte der Kriemhilde Mann: 967 Das hätt ein andrer Jäger nicht so leicht gethan. Als er nun gefällt lag, fieng man den Spürhund. Seine reiche Beute wurde den Burgunden allen kund.

Da sprachen seine Jäger: "Kann es füglich sein, 968 So laßt uns, Herr Siegfried, des Wilds ein Theil gedeihn: Ihr wollt uns heute leeren den Berg und auch den Tann." Darob begann zu lächeln der Degen kühn und wohlgethan.

Da vernahm man allenthalben Lärmen und Getos. 969 Von Leuten und von Hunden ward der Schall so groß, Man hörte widerhallen den Berg und auch den Tann. Vierundzwanzig Meuten hatten die Jäger losgethan.

Da wurde viel des Wildes vom grimmen Tod ereilt. 970 Sie wähnten es zu fügen, daß ihnen zugetheilt Der Preis des Jagens würde: das konnte nicht geschehn, Als bei der Feuerstätte der starke Siegfried ward gesehn.

Die Jagd war zu Ende, doch nicht so ganz und gar, 971 Zu der Feuerstelle brachte der Jäger Schar Häute mancher Thiere und des Wilds genug. Hei! was des zur Küche des Königs Ingesinde trug!

Da ließ der König künden den Jägern wohlgeborn, 972 Daß er zum Imbiß wolle; da wurde laut ins Horn Einmal gestoßen: so machten sie bekannt, Daß man den edeln Fürsten nun bei den Herbergen fand.

Da sprach ein Jäger Siegfrieds: "Mit eines Hornes Schall 973 Ward uns kund gegeben, Herr, daß wir nun all Zur Herberge sollen: erwiedre ichs, das behagt." Da ward nach den Gesellen mit Blasen lange gefragt.

Da sprach der edle Siegfried: "Nun räumen wir den Wald." 974 Sein Ross trug ihn eben; die Andern folgten bald. Sie ersprengten mit dem Schalle ein Waldthier fürchterlich, Einen wilden Bären; da sprach der Degen hinter sich: