Das Nibelungenlied

Chapter 11

Chapter 113,620 wordsPublic domain

Der Wirth mit seinem Weibe erhob sich gleich zur Hand. 768 Wohl ward empfangen Gere aus Burgundenland Mit seinen Fahrtgenossen in König Gunthers Lehn. Den Markgrafen Gere bat man nicht länger zu stehn.

"Erlaubt uns die Botschaft, eh wir uns setzen gehn; 769 Uns wegemüde Gäste, laßt uns so lange stehn, So melden wir die Märe, die euch zu wißen thut Gunther mit Brunhilden: es geht ihnen beiden gut.

"Und was euch Frau Ute, eure Mutter, her entbot, 770 Geiselher der junge und auch Herr Gernot Und eure nächsten Freunde: die haben uns gesandt Und entbieten euch viele Dienste aus der Burgunden Land."

"Lohn ihnen Gott," sprach Siegfried; "ich versah zu ihnen wohl 771 Mich aller Lieb und Treue, wie man zu Freunden soll. So thut auch ihre Schwester; ihr sollt uns ferner sagen, Ob unsre lieben Freunde hohen Muth daheim noch tragen.

"Hat ihnen, seit wir schieden, Jemand ein Leid gethan 772 Meiner Fraue Brüdern? Das saget mir an. Ich wollt es ihnen immer mit Treue helfen tragen, Bis ihre Widersacher meine Dienste müsten beklagen."

Antwort gab der Markgraf Gere, ein Ritter gut: 773 "Sie sind in allen Züchten mit Freuden wohlgemuth. Sie laden euch zum Rheine zu einer Lustbarkeit Sie sähn euch gar gerne, daß ihr des außer Zweifel seid.

"Sie bitten meine Fraue auch mit euch zu kommen. 774 Wenn nun der Winter ein Ende hat genommen, Vor dieser Sonnenwende da möchten sie euch sehn." Da sprach der starke Siegfried: "Das könnte schwerlich geschehn."

Da sprach wieder Gere von Burgundenland: 775 "Eure Mutter Ute hat euch sehr gemahnt Mit Gernot und Geiselher, ihr sollt es nicht versagen. Daß ihr so ferne wohnet, hör ich sie täglich beklagen.

"Brunhild meine Herrin und ihre Mägdelein 776 Freuen sich der Kunde, und könnt es jemals sein, Daß sie euch wiedersähen, ihnen schuf es hohen Muth." Da dauchten diese Mären die schöne Kriemhilde gut.

Gere war ihr Vetter: der Wirth ihn sitzen hieß; 777 Den Gästen hieß er schenken, nicht länger man das ließ. Da kam dazu auch Siegmund: als der die Boten sah, Freundlich sprach der König zu den Burgunden da:

"Willkommen uns, ihr Recken in König Gunthers Lehn. 778 Da sich Kriemhilden zum Weibe hat ersehn Mein Sohn Siegfried, man sollt euch öfter schaun In diesem Lande, dürften wir bei euch auf Freundschaft vertraun.

Sie sprachen: Wenn er wolle, sie würden gerne kommen. 779 Ihnen ward mit Freuden die Müdigkeit benommen. Man hieß die Boten sitzen; Speise man ihnen trug: Deren schuf da Siegfried den lieben Gästen genug.

Sie musten da verweilen volle neun Tage. 780 Darob erhoben endlich die schnellen Ritter Klage, Daß sie nicht wieder reiten durften in ihr Land. Da hatt auch König Siegfried zu seinen Freunden gesandt:

Er fragte, was sie riethen: er solle nach dem Rhein. 781 "Es ließ mich entbieten Gunther der Schwager mein, Er und seine Brüder, zu einer Lustbarkeit: Ich möcht ihm gerne kommen, liegt gleich sein Land mir so weit.

"Sie bitten Kriemhilden, mit mir zu ziehn. 782 Nun rathet, liebe Freunde, wie kommen wir dahin? Und sollt ich Heerfahrten durch dreißig Herren Land, Gern dienstbereit erwiese sich ihnen Siegfriedens Hand."

Da sprachen seine Recken: "Steht euch zur Fahrt der Muth 783 Nach dem Hofgelage, wir rathen, was ihr thut: Ihr sollt mit tausend Recken reiten an den Rhein: So mögt ihr wohl mit Ehren bei den Burgunden sein."

Da sprach von Niederlanden der König Siegmund: 784 "Wollt ihr zum Hofgelage, was thut ihr mirs nicht kund? Ich will mit euch reiten, wenn ihrs zufrieden seid; Hundert Degen führ ich, damit mehr ich eur Geleit."

"Wollt ihr mit uns reiten, lieber Vater mein," 785 Sprach der kühne Siegfried, "des will ich fröhlich sein. Binnen zwölf Tagen räum ich unser Land." Die sie begleiten sollten, denen gab man Ross' und Gewand.

Als dem edeln König zur Reise stand der Muth, 786 Da ließ man wieder reiten die schnellen Degen gut. Seiner Frauen Brüdern entbot er an den Rhein, Daß er gerne wolle bei ihrem Hofgelage sein.

Siegfried und Kriemhild, so hörten wir sagen, 787 Beschenkten so die Boten, es mochten es nicht tragen Die Pferde nach der Heimat: er war ein reicher Mann. Ihre starken Säumer trieb man zur Reise fröhlich an.

Da schuf dem Volke Kleider Siegfried und Siegemund. 788 Eckewart der Markgraf ließ da gleich zur Stund Frauenkleider suchen, die besten, die man fand Und irgend mocht erwerben in Siegfriedens ganzem Land.

Die Sättel und die Schilde man da bereiten ließ. 789 Den Rittern und den Frauen, die er sich folgen hieß, Gab man, was sie wollten; nichts gebrach daran. Er brachte seinen Freunden manchen herrlichen Mann.

Nun wandten sich die Boten zurück und eilten sehr. 790 Da kam zu den Burgunden Gere, der Degen hehr, Und wurde schön empfangen: sie schwangen sich zu Thal Von Rossen und von Mähren dort vor König Gunthers Saal.

Die Jungen und die Alten kamen, wie man thut, 791 Und fragten nach der Märe. Da sprach der Ritter gut: "Wenn ichs dem König sage, wird es auch euch bekannt." Er gieng mit den Gesellen dahin, wo er Gunthern fand.

Der König vor Freude von dem Seßel sprang; 792 Daß sie so bald gekommen, sagt' ihnen Dank Brunhild die Schöne. Zu den Boten sprach er da: "Wie gehabt sich Siegfried, von dem mir Liebe viel geschah?"

Da sprach der kühne Gere: "Er ward vor Freuden roth, 793 Er und eure Schwester. So holde Mär entbot Seinen Freunden nimmer noch zuvor ein Mann, Als euch der edle Siegfried und sein Vater hat gethan."

Da sprach zum Markgrafen des reichen Königs Weib: 794 "Nun sagt mir, kommt uns Kriemhild? Hat noch ihr schöner Leib Die hohe Zier behalten, deren sie mochte pflegen?" Er sprach: "Sie kommen beide; mit ihnen mancher kühne Degen."

Ute ließ die Boten alsbald vor sich gehn. 795 Da wars an ihrem Fragen leichtlich zu verstehn, Was sie zu wißen wünsche: "War Kriemhild noch wohlauf?" Er gab Bescheid, sie kam auch nach kurzer Tage Verlauf.

Da blieb auch nicht verhohlen am Hof der Botensold, 796 Den ihnen Siegfried schenkte, die Kleider und das Gold: Die ließ man alle schaun in der drei Fürsten Lehn. Da musten sie ihm Ehre wohl für Milde zugestehn.

"Er mag," sprach da Hagen, "mit vollen Händen geben: 797 Er könnt es nicht verschwenden, und sollt er ewig leben. Den Hort der Nibelungen beschließt des Königs Hand; Hei! daß er jemals käme her in der Burgunden Land!"

Da freuten sich die Degen am Hof im Voraus, 798 Daß sie kommen sollten. Beflißen überaus Sah man spät und frühe Die in der Könge Lehn. Welch herrlich Gestühle ließ man vor der Burg erstehn!

Hunold der kühne und Sindold der Degen 799 Hatten wenig Muße: des Amtes muste pflegen Truchseß auch und Schenke und richten manche Bank; Auch Ortwein war behülflich: des sagt' ihnen Gunther Dank.

Rumold der Küchenmeister, wie herrscht' er in der Zeit 800 Ob seinen Unterthanen, gar manchem Keßel weit, Häfen und Pfannen; hei! was man deren fand! Denen ward da Kost bereitet, die da kamen in das Land.

Der Frauen Arbeiten waren auch nicht klein: 801 Sie bereiteten die Kleider, darauf manch edler Stein, Des Stralen ferne glänzten, gewirkt war in das Gold; Wenn sie die anlegten, ward ihnen Männiglich hold.

* * * * *

Dreizehntes Abenteuer.

Wie sie zum Hofgelage fuhren.

All ihr Bemühen laßen wir nun sein 802 Und sagen, wie Frau Kriemhild und ihre Mägdelein Hin zum Rheine fuhren von Nibelungenland. Niemals trugen Rosse so viel herrlich Gewand.

Viel Saumschreine wurden versendet auf den Wegen. 803 Da ritt mit seinen Freunden Siegfried der Degen Und die Königstochter in hoher Freuden Wahn; Da war es ihnen Allen zu großem Leide gethan.

Sie ließen in der Heimat Siegfrieds Kindelein 804 Und Kriemhildens bleiben; das muste wohl so sein. Aus ihrer Hofreise erwuchs ihm viel Beschwer: Seinen Vater, seine Mutter ersah das Kindlein nimmermehr.

Mit ihnen ritt von dannen Siegmund der König hehr. 805 Hätt er ahnen können, wie es ihm nachher Beim Hofgelag ergienge, er hätt es nicht gesehn: Ihm konnt an lieben Freunden größer Leid nicht geschehn.

Vorausgesandte Boten verhießen sie bei Zeit. 806 Entgegen ritten ihnen in herrlichem Geleit Von Utens Freunden viele und König Gunthers Lehn. Der Wirth ließ großen Eifer für die lieben Gäste sehn.

Er gieng zu Brunhilden, wo er sie sitzen fand: 807 "Wie empfieng euch meine Schwester, da ihr kamet in dieß Land? So will ich, daß ihr Siegfrieds Gemahl empfangen sollt." "Das thu ich", sprach sie, "gerne: ich bin ihr billiglich hold."

Da sprach der mächtige König: "Sie kommen morgen fruh; 808 Wollt ihr sie empfangen, so greift nur bald dazu, Daß sie uns in der Veste nicht überraschen hie: Mir sind so liebe Gäste nicht oft gekommen wie sie."

Ihre Mägdelein und Frauen ließ sie da zur Hand 809 Gute Kleider suchen, die besten, die man fand, Die ihr Ingesinde vor Gästen mochte tragen. Das thaten sie doch gerne: das mag man für Wahrheit sagen.

Sie zu empfangen eilten auch Die in Gunthers Lehn; 810 All seine Recken hieß er mit sich gehn. Da ritt die Königstochter hinweg in stolzem Zug. Die lieben Gäste grüßte sie alle freudig genug.

Mit wie hohen Ehren da empfieng man sie! 811 Sie dauchte, daß Frau Kriemhild Brunhilden nie So wohl empfangen habe in Burgundenland. Allen, die es sahen, war hohe Wonne bekannt.

Nun war auch Siegfried kommen mit seiner Leute Heer. 812 Da sah man die Helden sich wenden hin und her Im Feld allenthalben mit ungezählten Scharen. Vor Staub und Drängen konnte sich da Niemand bewahren.

Als der Wirth des Landes Siegfrieden sah 813 Und Siegmund den König, wie gütlich sprach er da: "Nun seid mir hochwillkommen und all den Freunden mein; Wir wollen hohen Muthes ob eurer Hofreise sein."

"Nun lohn euch Gott," sprach Siegmund, der ehrbegierge Mann. 814 "Seit mein Sohn Siegfried euch zum Freund gewann, Rieth mir all mein Sinnen, wie ich euch möchte sehn." Da sprach König Gunther: "Nun freut mich, daß es geschehn."

Siegfried ward empfangen, wie man das wohl gesollt, 815 Mit viel großen Ehren; ein Jeder ward ihm hold. Des half mit Rittersitten Gernot und Geiselher; Man bot es lieben Gästen so gütlich wohl nimmermehr.

Nun konnten sich einander die Königinnen schaun. 816 Da sah man Sättel leeren und viel der schönen Fraun Von der Helden Händen gehoben auf das Gras: Wer gerne Frauen diente, wie selten der da müßig saß!

Da giengen zu einander die Frauen minniglich. 817 Darüber höchlich freuten viel der Ritter sich, Daß der Beiden Grüßen so minniglich ergieng. Man sah da manchen Recken, der Frauendienste begieng.

Das herrliche Gesinde nahm sich bei der Hand; 818 Züchtiglich sich neigen man allerorten fand Und minniglich sich küssen viel Frauen wohlgethan. Das sahen gerne Gunthers und Siegfrieds Mannen mit an.

Sie säumten da nicht länger und ritten nach der Stadt. 819 Der Wirth seinen Gästen zu erweisen hat, Daß man sie gerne sähe in der Burgunden Land. Manches schöne Kampfspiel man vor den Jungfrauen fand.

Da ließ von Tronje Hagen und auch Ortewein, 820 Wie sie gewaltig waren, wohl offenkundig sein. Was sie gebieten mochten, das ward alsbald gethan. Man sah die lieben Gäste viel Dienst von ihnen empfahn.

Man hörte Schilde hallen vor der Veste Thor 821 Von Stichen und von Stößen. Lange hielt davor Der Wirth mit seinen Gästen, bis alle waren drin, In mancher Kurzweil giengen ihnen schnell die Stunden hin.

Vor den weiten Gästesaal sie nun in Freuden ritten. 822 Viel kunstvolle Decken, reich und wohlgeschnitten, Sah man von den Sätteln den Frauen wohlgethan Allenthalben hangen; da kamen Diener heran.

Zu Gemache wiesen sie die Gäste da. 823 Hin und wieder blicken man Brunhilden sah Nach Kriemhild der Frauen; schön war sie genug: Den Glanz noch vor dem Golde ihre hehre Farbe trug.

Da vernahm man allenthalben zu Worms in der Stadt 824 Den Jubel des Gesindes. König Gunther bat Dankwart, seinen Marschall, es wohl zu verpflegen: Da ließ er die Gäste in gute Herbergen legen.

Draußen und darinnen beköstigte man sie: 825 So wohl gewartet wurde fremder Gäste nie. Was Einer wünschen mochte, das war ihm gern gewährt: So reich war der König, es blieb Keinem was verwehrt.

Man dient' ihnen freundlich und ohn allen Haß. 826 Der König zu Tische mit seinen Gästen saß; Siegfrieden ließ man sitzen, wie er sonst gethan. Mit ihm gieng zu Tische gar mancher waidliche Mann.

Zwölfhundert Recken setzten sich dahin 827 Mit ihm an der Tafel. Brunhild die Königin Gedachte, wie ein Dienstmann nicht reicher möge sein. Noch war sie ihm günstig, sie ließ ihn gerne gedeihn.

Es war an einem Abend, da so der König saß, 828 Viel reiche Kleider wurden da vom Weine naß, Als die Schenken sollten zu den Tischen gehn: Da sah man volle Dienste mit großem Fleiße geschehn.

Wie bei Hofgelagen Sitte mochte sein, 829 Ließ man zur Ruh geleiten Fraun und Mägdelein. Von wannen wer gekommen, der Wirth ihm Sorge trug; In gütlichen Ehren gab man Allen genug.

Die Nacht war zu Ende, sich hob des Tages Schein, 830 Aus den Saumschreinen mancher Edelstein Erglänzt' auf gutem Kleide; das schuf der Frauen Hand. Aus der Lade suchten sie manches herrliche Gewand.

Eh es noch völlig tagte, kamen vor den Saal 831 Ritter viel und Knechte: da hob sich wieder Schall Vor einer Frühmesse, die man dem König sang. So ritten junge Helden, der König sagt' ihnen Dank.

Da klangen die Posaunen von manchem kräftgen Stoß; 832 Von Flöten und Drommeten ward der Schall so groß, Worms die weite Veste gab lauten Widerhall. Auf die Rosse sprangen die kühnen Helden überall.

Da hob sich in dem Lande ein hohes Ritterspiel 833 Von manchem guten Recken: man fand ihrer viel, Deren junge Herzen füllte froher Muth. Unter Schilden sah man manchen zieren Ritter gut.

Da ließen in den Fenstern die herrlichen Fraun 834 Und viel der schönen Maide sich im Schmucke schaun. Sie sahen kurzweilen manchen kühnen Mann: Der Wirth mit seinen Freunden zu reiten selber begann.

So vertrieben sie die Weile, die dauchte sie nicht lang. 835 Da lud zu dem Dome mancher Glocke Klang: Den Frauen kamen Rosse, da ritten sie hindann; Den edeln Königinnen folgte mancher kühne Mann.

Sie stiegen vor dem Münster nieder auf das Gras. 836 Noch hegte zu den Gästen Brunhild keinen Haß. Sie giengen unter Krone in das Münster weit. Bald schied sich diese Liebe: das wirkte grimmiger Neid.

Als die Messe war gesungen, sah man sie weiter ziehn 837 Unter hohen Ehren. Sie giengen heiter hin Zu des Königs Tischen. Ihre Freude nicht erlag Bei diesen Lustbarkeiten bis gegen den eilften Tag.

Die Königin gedachte: "Ich wills nicht länger tragen. 838 Wie ich es fügen möge, Kriemhild muß mir sagen, Warum uns so lange den Zins versaß ihr Mann: Der ist doch unser Eigen: der Frag ich nicht entrathen kann."

So harrte sie der Stunde, bis es der Teufel rieth, 839 Daß sie das Hofgelage und die Lust mit Leide schied. Was ihr lag am Herzen, zu Lichte must es kommen: Drum ward in manchen Landen durch sie viel Jammer vernommen.

* * * * *

Vierzehntes Abenteuer.

Wie die Königinnen sich schalten.

Es war vor einer Vesper, als man den Schall vernahm, 840 Der von manchem Recken auf dem Hofe kam: Sie stellten Ritterspiele der Kurzweil willen an. Da eilten es zu schauen Frauen viel und mancher Mann.

Da saßen beisammen die Königinnen reich 841 Und gedachten zweier Recken, die waren ohne Gleich. Da sprach die schöne Kriemhild: "Ich hab einen Mann, Dem wären diese Reiche alle billig unterthan."

Da sprach zu ihr Frau Brunhild: "Wie könnte das wohl sein? 842 Wenn Anders Niemand lebte als du und er allein, So möchten ihm die Reiche wohl zu Gebote stehn: So lange Gunther lebte, so könnt es nimmer geschehn."

Da sprach Kriemhild wieder: "Siehst du, wie er steht, 843 Wie er da so herrlich vor allen Recken geht, Wie der lichte Vollmond vor den Sternen thut! Darob mag ich wohl immer tragen fröhlichen Muth."

Da sprach wieder Brunhild: "Wie waidlich sei dein Mann, 844 Wie schön und wie bieder, so steht ihm doch voran Gunther der Recke, der edle Bruder dein: muß vor allen Königen, das wiße du wahrlich, sein."

Da sprach Kriemhild wieder: "So werth ist mein Mann, 845 Daß er ohne Grund nicht solch Lob von mir gewann. An gar manchen Dingen ist seine Ehre groß. Glaubst du das, Brunhild? er ist wohl Gunthers Genoß!"

"Das sollst du mir, Kriemhild, im Argen nicht verstehn; 846 Es ist auch meine Rede nicht ohne Grund geschehn. Ich hört' es Beide sagen, als ich zuerst sie sah, Und als des Königs Willen in meinen Spielen geschah.

"Und da er meine Minne so ritterlich gewann, 847 Da sagt' es Siegfried selber, er sei des Königs Mann: Drum halt ich ihn für eigen: ich hört' es ihn gestehn." Da sprach die schöne Kriemhild: "So wär mir übel geschehn.

"Wie hätten so geworben die edeln Brüder mein, 848 Daß ich des Eigenmannes Gemahl sollte sein? Darum will ich, Brunhild, gar freundlich dich bitten, Laß mir zu Lieb die Rede hinfort mit gütlichen Sitten."

Die Königin versetzte: "Sie laßen mag ich nicht: 849 Wie thät ich auf so manchen Ritter wohl Verzicht, Der uns mit dem Degen zu Dienst ist unterthan?" Kriemhild die Schöne hub da sehr zu zürnen an.

"Dem must du wohl entsagen, daß er in der Welt 850 Dir irgend Dienste leiste. Werther ist der Held Als mein Bruder Gunther, der Degen unverzagt. Erlaß mich der Dinge, die du mir jetzo gesagt.

"Auch muß mich immer wundern, wenn er dein Dienstmann ist 851 Und du ob uns Beiden So gewaltig bist, Warum er dir so lange den Zins verseßen hat; Deines Uebermuthes wär ich billig nun satt."

"Du willst dich überheben," sprach da die Königin. 852 "Wohlan, ich will doch schauen, ob man dich fürderhin So hoch in Ehren halte, als man mich selber thut." Die Frauen waren beide in sehr zornigem Muth.

Da sprach wieder Kriemhild: "Das wird dir wohl bekannt: 853 Da du meinen Siegfried dein eigen hast genannt, So sollen heut die Degen der beiden Könge sehen, Ob ich vor der Königin wohl zur Kirche dürfe gehn.

"Ich laße dich wohl schauen, daß ich edel bin und frei, 854 Und daß mein Mann viel werther als der deine sei. Ich will damit auch selber nicht bescholten sein: Du sollst noch heute sehen, wie die Eigenholde dein

"Zu Hof geht vor den Helden in Burgundenland. 855 Ich will höher gelten, als man je gekannt Eine Königstochter, die noch die Krone trug." Unter den Frauen hob sich der Haß da grimm genug.

Da sprach Brunhild wieder: "Willst du nicht eigen sein, 856 So must du dich scheiden mit den Frauen dein Von meinem Ingesinde, wenn wir zum Münster gehn." "In Treuen," sprach da Kriemhild, "also soll es geschehn."

"Nun kleidet euch, ihr Maide," hub da Kriemhild an: 857 "Ob ich frei von Schande hier nicht verbleiben kann, Laßt es heute schauen, besitzt ihr reichen Staat; Sie soll es noch verläugnen, was ihr Mund gesprochen hat."

Ihnen war das leicht zu rathen; sie suchten reich Gewand. 858 Wie bald man da im Schmucke viel Fraun und Maide fand! Da gieng mit dem Gesinde des edeln Wirths Gemahl; Zu Wunsch gekleidet ward auch die schöne Kriemhild zumal

Mit dreiundvierzig Maiden, die sie zum Rhein gebracht; 859 Die trugen lichte Zeuge, in Arabien gemacht. So kamen zu dem Münster die Mägdlein wohlgethan. Ihrer harrten vor dem Hause Die Siegfrieden unterthan.

Die Leute nahm es Wunder, warum das geschah, 860 Daß man die Königinnen so geschieden sah, Und daß sie bei einander nicht giengen so wie eh. Das gerieth noch manchem Degen zu Sorgen und großem Weh.

Nun stand vor dem Münster König Gunthers Weib. 861 Da fanden viel der Ritter genehmen Zeitvertreib Bei den schönen Frauen, die sie da nahmen wahr. Da kam die edle Kriemhild mit mancher herrlichen Schar.

Was Kleider je getragen eines edeln Ritters Kind, 862 Gegen ihr Gesinde war alles nur wie Wind. Sie war so reich an Gute, dreißig Königsfraun Mochten die Pracht nicht zeigen, die da an ihr war zu schaun.

Was man auch wünschen mochte, Niemand konnte sagen, 863 Daß er so reiche Kleider je gesehen tragen, Als da zur Stunde trugen ihre Mägdlein wohlgethan. Brunhilden wars zu Leide, sonst hätt es Kriemhild nicht gethan.

Nun kamen sie zusammen vor dem Münster weit. 864 Die Hausfrau des Königs aus ingrimmem Neid Hieß da Kriemhilden unwirsch stille stehn: "Es soll vor Königsweibe die Eigenholde nicht gehn."

Da sprach die schöne Kriemhild, zornig war ihr Muth: 865 "Hättest du noch geschwiegen, das wär dir wohl gut. Du hast geschändet selber deinen schönen Leib: Mocht eines Mannes Kebse je werden Königesweib?"

"Wen willst du hier verkebsen?" sprach des Königs Weib. 866 "Das thu ich dich," sprach Kriemhild: "deinen schönen Leib Hat Siegfried erst geminnet, mein geliebter Mann: Wohl war es nicht mein Bruder, der dein Magdthum gewann.

"Wo blieben deine Sinne? Es war doch arge List: 867 Was ließest du ihn minnen, wenn er dein Dienstmann ist? Ich höre dich," sprach Kriemhild, "ohn alle Ursach klagen." "In Wahrheit," sprach da Brunhild, "das will ich doch Gunthern sagen."

"Wie mag mich das gefährden? Dein Uebermuth hat dich betrogen: 868 Du hast mich mit Reden in deine Dienste gezogen, Daß wiße du in Treuen, es ist mir immer leid: Zu trauter Freundschaft bin ich dir nimmer wieder bereit."

Brunhild begann zu weinen; Kriemhild es nicht verhieng, 869 Vor des Königs Weibe sie in das Münster gieng Mit ihrem Ingesinde. Da hub sich großer Haß; Es wurden lichte Augen sehr getrübt davon und naß.

Wie man da Gott auch diente oder Jemand sang, 870 Brunhilden währte die Weile viel zu lang. War allzutrübe der Sinn und auch der Muth: Des muste bald entgelten mancher Degen kühn und gut.