Das Nest der Zaunkönige Erzählung aus dem Anfang des 11. Jahrhunderts
Part 5
Immo achtete in seinem Übermut nicht auf ihre Bewegung und rief: »Mir ist heut manches schlecht gelungen, die Schwertleute haben sich an mich gehängt und mich hart geschnürt, und ich weiß nicht, was mir dein Vater ersinnen wird. Dennoch bin ich froher als je in meinem Leben und ich könnte auf meinem Stuhl hüpfen. Ich fühle auch gegen niemanden Groll und es ist mir ganz lieb, daß sie mich gefangen haben. Ich weiß nicht, woher das kommt, wenn mir nicht darum so wohl ist, weil ich neben dir sitze und mit dir aus einem Becher trinke. Wonnig ist mir zumute und ich möchte wohl einmal aus Herzensgrund aufjauchzen oder auch singen. Aber mein Gesang würde nicht jedermann freuen, denn meine Stimme ist rauh. Noch anderes Recht habe ich als dein Geselle, und auch das sollst du wissen. Denn küssen darf ich dich, wenn ich will.«
Hildegard erschrak und wandte sich ab. »Hüte dich, daß der Vater das nicht hört, schnell würde dein Ehrensitz dir genommen werden.«
»Um den Vater sorge ich nicht, nur um deinen Zorn,« versetzte Immo übermütig, »und daß ich dich vor den Kriegsleuten nicht beschäme. Aber wenn ich dich einmal allein wiedersehe, dann bestehe ich auf meinem Recht. Mögen die guten Engel fügen, daß dies bald geschehe.« Und er sang halblaut die Worte des Hymnus: »~Audi, benigne, Conditor, nostras preces cum fletibus~.«
Das Mädchen nahm die Weise auf und sang halblaut andere Zeilen des Liedes entgegen; »~dona, per abstinentiam jejunet ut mens sobria~[1]. Flehe zu den Heiligen, daß du nüchtern wirst, denn wie ich höre, redest du gleich einem Berauschten.«
»Wie du geschickt zu entgegnen weißt,« rief Immo begeistert, »du bist ein sinnvolles Weib, wenn du mich auch verhöhnst.«
Der Graf hatte unterdes mit seinen Mannen emsig dem Wildbret und starkem Bier zugesprochen und nur einzelne Reden mit den Vertrauten, welche ihm zunächst saßen, gewechselt, jetzt lehnte er sich zufrieden auf dem Stuhle zurück und hörte die lateinischen Worte des Hymnus, welche seine Tochter sprach. »Merkt auf unsere Klosterleute,« rief er, »sie summen nach Art der Mönche mit geneigten Köpfen,« und da er im geheimen stolz auf das Wissen seiner Tochter war, fuhr er fort: »Fremde Worte sprechen mag jeder, aber das Gesprochene verstehen ist schwerer. Vermagst du einzusehen, Immo, was das Mädchen zu dir gesungen hat?«
»Ja, Herr,« versetzte Immo, »sie mahnt mich mäßig zu sein, damit euer Trank mir nicht das Hirn betäube.«
»Allzu streng ist Hildegard,« lachte der Graf, »dir soll auch einmal etwas Gutes gegönnt sein. Obwohl ich erkenne, daß es dir an Dreistigkeit nicht fehlt, du junger Zaunkönig. Denn Zaunkönige nennt ja wohl das Volk die Männer deines Geschlechtes.«
Immo bezwang mit Mühe den aufsteigenden Zorn. »Weil meine Vorväter als alte Landherren auf freiem Erbe saßen, deshalb haben die Mönche ihnen im Scherz den Namen Reguli, kleine Könige, gegeben.«
Da rührte sich auch Egbert, ein unfreier Dienstmann des Grafen, welcher stattlich in rotem Gewande dasaß, weil er der Sprecher war und ein Liebling seines Herrn, und rief spottend in den Saal: »Eine Sage weiß ich. Als die Vögel den Genossen zum König wählen wollten, der sich am höchsten schwingen würde, barg sich ein Zwerg von Vogel in den Federn des Adlers und ließ sich hinauftragen bis dahin, wo er den Weltenherrn auf seinem Stuhle sah, dort flatterte er über das Haupt des Adlers und piepte: König bin ich. Da lachte oben der alte Gott in seiner Halle und unten schrien die Vögel im Zorn, bis der Herr des Erdgartens gebot, daß der Betrüger seine Krone nur heimlich in den Waldhecken tragen dürfe, wo ihm niemand zusieht. Darum heißt auch ihr Zaunkönige, weil eure Herrlichkeit im Busch versteckt ist.«
Immo erhob sich im hellen Zorn und rief: »Nicht dem Diener antworte ich, sondern dem Herrn. Ihr selbst habt es ja wohl erfahren, Graf Gerhard, daß die Helden meines Geschlechtes ihr Haupt nicht in der Waldhecke bergen. Nie hat einer von meinen Ahnen sein Land vom König oder von der Kirche zu Lehen genommen, wie die erbelosen Franken und Sachsen, welche von der Dienerbank in das Land kamen, um bei uns Grafen zu werden. Manchen weiß ich, der sich jetzt rühmt, ein Edler zu sein, weil er als Diener eines Königs mit großem Gefolge reitet, obgleich seine Vorfahren aus der Küche und aus dem Stall geschlüpft sind.«
Mißtönender Lärm erhob sich an den Bänken und die Hand des Grafen Gerhard griff nach dem Messer, das er an seiner Seite trug, der Jüngling aber sah mit blitzenden Augen über die Versammlung, stattlich stand er da trotz seinem Schülerkleide und rief laut in das Getöse: »Zürnt mir nicht, starke Helden, daß ich als ein unberühmter Jüngling vor euch meine Stimme erhebe. Aber keiner unter euch würde schweigend zuhören, wenn man seinem Geschlecht durch stechende Worte die Ehre mindert. Auch zu euch, Graf Gerhard, flehe ich, daß ihr ohne Kränkung vernehmt, was ich nur zur Abwehr sprach. Heil trinke ich euch und euren Kindern und Dank sage ich euch, wie dem Gaste gebührt.« Er leerte den Becher und setzte sich.
Der Graf barg seinen Groll hinter gezwungenem Lachen. »Ich höre, du hast unter den Mönchen gelernt, mit zwei Zungen zu reden.«
»Überall rühmen die Leute,« versetzte Immo, »daß die Zunge eine gute Waffe ist und wir Schüler haben, wie ihr wißt, vor andern darin Ruf.«
»Oft haben auch wir erfahren, wie scharf die Zunge der Mönche schneidet,« entgegnete der Graf, »vor andern aber bei den Mönchen des Wigbert, und wir alle wissen, daß ihr dort sehr ungeistlich lebet und der Gebete für arme Seelen wenig gedenkt. Auch von dir selbst, Immo, erinnere ich mich gehört zu haben, daß du wild in dem Kloster hausest und sogar den Mönchen üble Streiche spielst. Soll deine Rede mir besser gefallen als seither, so berichte ein wenig von deinem Streit mit den Geschorenen.«
»Verzeiht, Herr,« versetzte Immo ernsthaft, »die Rinder kämpfen oft mit ihren Hörnern gegeneinander, wenn aber der Bär naht, dann schließen sie sich einmütig zusammen und weisen ihm die bewehrte Stirn; so wäre auch mir Unrecht, an fremdem Tisch von den Vätern Übles zu berichten, denn als ein Kind des heiligen Wigbert hast du mich ergriffen.«
»Du sorgst schlecht für dein Wohl,« rief der Graf zornig, »wenn du dein Kloster in dieser Halle rühmst. Denn undankbar und treulos haben Wigberts Mönche an mir und meinem Geschlecht gehandelt. Oft habe ich mich enthalten, ihnen Übles zu tun, wo ich es doch vermocht hätte, und mühsam habe ich den Zorn meiner Mannen gebändigt, wenn sie die Rinder des Klosters begehrten und den Übermut eurer Dorfleute ansahen. Auch wegen der Wiesen und Fluren, von denen ich heut den geschorenen Schwarm vertrieben habe, ertrug ich schon lange das Unrecht. Denn meinem Vater gehörte der ganze Grund und er hat ihn, wie die Mönche behaupten, dem Kloster zugeschrieben, da ich noch jung war, unter der Bedingung nämlich, daß sie seine arme Seele von dem Höllenfeuer frei beten sollten. Dies aber haben sie uns zum Unheil und zur Schmach versäumt. Und ihr alle sollt es wissen, was mir begegnet ist, damit ihr mein Recht gegen die Wigbertleute erkennt. Jämmerlich war das Gesicht, welches ich neulich hatte, da ich auf meinem Bette lag.« Er bekreuzte sich heftig und fuhr fort: »Ich sah im Traum eine unselige Gestalt von Flammen umgeben und mit glühenden Ketten an den Beinen gefesselt und ich erkannte, daß sie so gestaltet war wie mein Vater, da er lebte. Der traurige Geist wies auf den Grenzhügel, welchen die Mönche nach der Schenkung neu geschüttet haben, und seufzte: mein war es und dein soll es wieder sein. Mir fuhr das Entsetzen durch den Leib, bis die Gestalt verschwand. Daraus erkannte ich deutlich, daß die Geschorenen als Lügner an meinem Vater gehandelt haben oder auch, daß ihr Gebet ganz unwirksam geworden ist, weil sie in Weltsünden leben; und darum beschloß ich, mein Eigentum wieder zurückzufordern. Vermag Wiese und Feld nicht meinem Ahn einen guten Sitz in der Himmelsburg zu erwerben, so soll dasselbe Land doch solchen, die mir treu sind, einen warmen Sitz auf Erden bereiten; denn es wird dazu helfen, zwei bis drei Kriegsleute mit ihren Rossen zu erhalten, wenn ich es ihnen als Lehn zuteile.«
Ein freudiges Geschrei ging um die Tische und laute Heilrufe erklangen dem Sprecher. Der Graf tat einen herzhaften Trank und sah zufrieden über seine Bewaffneten. »Dies sage ich in deiner Gegenwart, Immo. Denn obgleich du dich heut trotzig an meinem Tische gebärdest, so will ich dich doch morgen zu deinem Abt entsenden, damit du ihm meine Beschwerde verkündest. Ich wähle aber dich, weil ich merke, daß du recht gut verstehst, deine Worte zu setzen und weil ich dich als nutzlosen Schüler nicht im Kerker bewahren mag. Die Geschorenen, welche mein Gesinde fing, habe ich entlassen, damit sie nicht als Gefangene in meinen Mauern Unheil herabbeten, die Klosterknechte aber halte ich in Banden, bis dein Abt sie auslöst oder sich mit mir wegen der Wiesen verträgt. Und ich fordere, daß er sich mit der Lösung beeile, wenn er sie lebend wiedersehen will, da ich sie nicht lange zu füttern gedenke. Den Hugbald aber bewahre ich zu anderm Tausch. Denn zwei meiner Knechte, sattelfeste Knaben, liegen auf der Burg des Abtes verstrickt, weil sie neulich auf meinen Stuten beim Roßgehege des Abtes vorbeiritten. Da brachen die jungen Hengste des Herrn Bernheri aus und jagten eigenwillig hinter den Stuten her, und als meine Knaben den Füllen die Leine umwarfen, nur damit sich diese nicht in den Wald unter die Wölfe versprengten, da kamen Dienstmannen des Klosters herzu, schrien meine Leute trotz ihrer guten Meinung als Roßdiebe an, rissen sie von den Pferden und führten sie samt den Stuten nach dem Berg des Abtes. Mich aber kränkt dies Unrecht sehr und ich fordere meine Knaben und Pferde gegen den Hugbald und sein Pferd; das magst du deinem Herrn verkünden.«
Immo hörte erstaunt die Rede des Wirtes, ihm fiel schwer aufs Herz, daß auch sein Geschlecht dem Kloster wertvolle Hufen verkauft hatte und er fühlte nicht den Drang, die Mönche zu verteidigen. Er sah nach Hugbald, welcher mürrisch hinter seinem Becher saß, und begnügte sich, trotz der Freude über seine nahe Befreiung ruhig zu sagen: »Alles, was ihr mir auftragt, werde ich dem Herrn Abt berichten, auch euer Traumgesicht, wenn ihr das begehrt.«
Als er aber seitwärts nach Hildegard blickte, war ihr Antlitz gerötet und große Tränen rannen aus ihren gesenkten Augenlidern herab. Da erkannte er, daß die Jungfrau bitteres Leid über die Reden ihres Vaters empfand und sie wurde ihm dadurch noch lieber. Sie aber vermied ihn anzusehen, stand schweigend auf, hob den Bruder von seinem Sitz und erbat leise vom Grafen die Entlassung, der ihr gleichgültig durch eine Handbewegung gestattete aus der Halle zu scheiden. Und zu der Bank seiner Mannen gewandt, rief er: »Führt auch die Verstrickten in ihre Zelle zurück, wenn sie nüchtern abwärts steigen, so ist es ihre Schuld.«
»Lebe wohl, Hildegard,« sprach Immo leise und faßte heftig ihre Hand. »Denke mein, lieber als alles auf der Welt wird mir sein, wenn ich dich wiedersehe.«
»Sei auch du gesegnet,« antwortete Hildegard und neigte sich vor dem Vater. Immo freute sich, daß sie die Mannen stolz als Herrin grüßte; die kleine Tür öffnete sich und sie verschwand. Jetzt brannten die Fackeln dem Jüngling trübe, die wilden Mienen der Männer erschienen ihm unheimlich, und er folgte mit stummem Gruß dem Kämmerer. »Sorge dafür, daß die beiden Klosterkrähen einen besonderen Käfig erhalten und Stroh zu warmem Sitze,« rief der Graf unter dem Gelächter der Reisigen dem Kämmerer nach.
Während Hugbald schweigend auf der Streu lag, bis er im Schlafe seines Kummers ledig wurde, saß Immo neben ihm in seligen Gedanken, er überlegte jedes Wort und jede Miene der Jungfrau, spät sank er in Schlummer.
Am nächsten Morgen wurde er in den Hof geführt und vernahm noch wie im Traume ungnädige Entlassung und harte Worte aus dem Munde des Grafen. Als er aber auf das Pferd steigen wollte, das ihm ein Reisiger zuführte, ging eine junge Magd aus dem Frauengemach bei ihm vorüber, legte ihm verstohlen etwas in die Hand und sagte leise: »Nimm zurück, was dir gehört.« In ein großes Lindenblatt war ein Blättchen Pergament gewickelt, auf dem Pergament stand mit schöner Schrift der Reisegruß: »Die lieben Engelein sollen dich hüten und segnen auf allen deinen Wegen;« rings um die Schrift war mit der Nadel ein Goldfaden durch das Pergament gezogen. Er drückte das Blatt an seine Brust und barg es in seinem Gewande.
Immo ritt aus den Buchen, von einem Reisigen des Grafen bis an die Grenze begleitet. Er fand das Tor St. Peters geschlossen, die Brücke gehoben, wurde von Bewaffneten angerufen und mußte längere Zeit harren, bevor ihm der Eingang gestattet wurde. Herr Bernheri, welcher im Klosterhofe vor seinen Dienstmannen saß, vernahm unwirsch die Botschaft des Grafen und entsandte den Boten mit dem Mönch Eggo sogleich zur Fulda hinab in das Kloster. Auch das Kloster war in ein Kriegslager verwandelt, am Eingang des Dorfes standen die Weiber in Haufen, sie schrien dem Kommenden entgegen, umringten sein Roß und forderten Kunde von den Gefangenen. In dem Hofe der Reisigen drängten sich Kriegsleute und Knechte, das Rüsthaus war geöffnet und die Knechte trugen Eisenhemden und Waffen zu langen Reihen. In den Arbeitshöfen schwärmten die Brüder, aus der Klausur entlassen, aufgeregt durcheinander; bei der Mauer und dem Pfahlwerk zimmerten Arbeiter an den Treppen und Bänken für die Bogenschützen, und im Vorhof der Kirche stand Tutilo, ein Schwert über der Kutte, als Hauptmann der großen Burg, welche zur Verteidigung gerüstet wurde. Unfreundlich sah er auf Immo: »Hugbald liegt gefangen. Leichter hätte das Kloster dich entbehrt als seinen Dienstmann.«
»Nicht mein ist die Schuld,« versetzte Immo, »daß Hugbald gegen die Feinde keine andere Hilfe fand als meinen Stab.«
Finster wies ihn Tutilo mit einer Handbewegung zur Seite, Immo aber eilte zu seinen Genossen, welche vor allem froh waren, daß sie heut nicht durch den neuen Lehrer in die Schule gerufen wurden. Von ihnen umdrängt, berichtete Immo seine Fahrt und führte die Willigen vor das Rüsthaus, wo die Älteren gewappnet wurden, um mit den Knechten die Mauer und die Umgegend des Klosters zu bewachen. Eggo aber verkündete den Mönchen, daß Herr Bernheri am nächsten Morgen herabkommen werde, um die Brüder im großen Konvent zu versammeln. Mit düsteren Mienen vernahmen die meisten die Botschaft.
Der ganze Tag verging im Getümmel; trotz der Nachricht, welche Immo gebracht hatte, sorgten die Mönche, daß der Graf einen Anlauf gegen das Kloster wagen oder daß seine Dienstmannen in Herden und Dörfer einbrechen würden. Bis zum Abend kamen von allen Seiten Flüchtlinge mit ihrer wertvollsten Habe, auch das Herdenvieh wurde herangetrieben von Anger und Weide, zuletzt kam noch der Sauhirt mit seiner Herde und die Brüder hatten Not, die Menge der Menschen und Tiere in den Höfen zu bergen. Als die Sonne unterging, war in dem Kloster, das sonst am Feierabend so still in der Landschaft stand, ein wirres Getöse und Geschrei, die Rinder brüllten, die Schweine grunzten, die Schmiede schlugen auf die Speereisen und die Zimmerleute hieben Balken und Bretter für die Verschanzung.
3.
Der letzte Tag im Kloster.
Im Chor der Kirche sammelte sich der Konvent; hastiger als sonst drängten die Brüder herzu, heiß die Köpfe, gefurcht die Stirnen; und ein Summen, das nichts Gutes bedeutete, ging durch die Gemeinde. Als Herr Bernheri mit seinen Begleitern in den Chor trat, blieben die Nacken der Mönche steif und aus dem Summen wurde ein mißtönendes Geschrei. Der Abt stand einen Augenblick überrascht bei seinem Sitz und sah auf mehr als hundertundzwanzig Häupter seiner aufsässigen Kinder, aber da er von Natur ein mutiger Mann war, wenn auch ermüdet durch Müßiggang und Wohlleben, so zog er seine Augenbrauen zusammen, blickte aus seinem großen Haupt herausfordernd über den Haufen und setzte sich steif in den Abtstuhl. Die Hora begann und der Abt selbst erhob die Stimme: »~Deus in adjutorium~«, aber unordentlich tönte der Gesang der Brüder und der Lektor eilte so sehr er konnte, versprach sich und mengte die Zeilen. Als die letzten Klänge verrauscht waren, begann wieder das unzufriedene Brummen. Da erhob sich Herr Bernheri von seinem Stuhl und stand auf seinen Krückstock gelehnt gewichtig vor den Brüdern. Er eröffnete den Konvent durch den lateinischen Gruß und fuhr mit lauter Stimme fort: »Mein ist das Recht zu befehlen und euer die Pflicht zu gehorchen. Dennoch habe ich heut, wie die Regel erlaubt, die ganze Gemeinde zur Beratung versammelt; sorgt dafür, daß es mir nicht leid tue und daß es euch bei den Heiligen nicht zum Schaden gereiche, wenn ihr mir unbändig widersteht. Gutes und Übles habe ich euch zu verkünden. Das Gute ist von unserm Herrn, dem König Heinrich gekommen, denn er hat uns den großen Bannwald bei St. Peter, den wir uns längst ersehnt, mildtätig geschenkt.« Der Abt hielt an, aber keinerlei Beifall dankte für die Begabung, und der Abt setzte die Rede unzufrieden fort: »Das Üble aber kommt von dem Grafen Gerhard. Sehr gröblich hat dieser das Kloster geschädigt, durch den Schüler Immo hat er unpassende Worte hierher gesandt, nämlich, daß er ein Recht auf die Waldwiesen erhalten habe, weil sein Vater im Höllenfeuer stöhne.«
Aufs neue erhob der Konvent zorniges Gebrumm; Herr Bernheri schwenkte die Hand verächtlich gegen die Worte des Grafen: »Ich kenne seit lange den argen Wicht Gerhard und seine Gewohnheiten. Immer hat er üble Traumgesichte, wenn er den Frieden brechen will. Schon vor vielen Jahren träumte ihm etwas wegen unserer Hirschjagd, die er sich begehrte; er würde alle seine Väter und Mütter auf die heißeste Bank der Hölle setzen, wenn er dadurch für sich einen weltlichen Vorteil erreichen könnte. So viel gebe ich auf seine Träume,« -- er blies kräftig den Atem in die Luft. »Ich aber fürchte sehr, er selbst wird dafür in den Höllenrachen geworfen werden, obwohl er zuweilen beim Weidwerk und bei einem starken Trunk nicht schlechter war als andere. Denn wenige kenne ich unter den weltlichen Fürsten und Herren, die nicht ebenso raubgierig sind. Alle trachten darnach, viele Dienstmannen mit Lehen zu begaben, damit diese ihnen bei ihren Fehden die reisigen Knechte zuführen. Die Dienstmannen greifen das Kleine im Wald und auf der Straße und ihre Herren das Große vom Könige und der Kirche; zum Kriege sind sie nötig, aber den Frieden vermögen sie schwer zu bewahren, wenn nicht ein starker Herr sie zur Ruhe zwingt.«
Der Abt holte Atem und aufs neue tönte das dumpfe Brausen der Menge, doch war es weniger feindselig. Und Herr Bernheri hob wiederum an: »Gekränkt bin ich wie ihr alle, und wären meine Beine gesund und mein Sinn weniger gewitzigt, so würde ich vielleicht selbst den Streithengst besteigen; so aber mahnt mich die Erfahrung vieler Jahre und meine eigene Krankheit zur Vorsicht. Zuerst will ich euch verkünden, was unfehlbar geschehen wird, wenn wir gegen den Grafen rüsten. Dorfhäuser werden brennen und Männer erschlagen werden und das Ende wird sein, daß er außer dem Raub, den er jetzt gepackt hat, sich noch größeren fordert wegen der Mühe und Kosten seiner Rüstung, und daß er uns mehr schädigt als wir ihn, denn das Kloster bedarf zum Gedeihen den Frieden, er aber den Krieg, und er vermag uns von unsern Gütern in Thüringen zu scheiden. Vor dem König aber wird er recht behalten und nicht wir, denn schwerlich hätte er seinen Vater in der Hölle geschaut, wenn er nicht wüßte, daß der König ihm bei den Wiesen gegen das Kloster helfen will. Darum, wie sehr ich den Grimm über seine Missetat fühle, bin ich dennoch gewillt, ihm diesmal ein wenig nachzugeben, vielleicht, daß er sich begnügt das Land nur auf seine Lebenszeit zu behalten und bei seinem Tode dem Kloster zurückzugeben. Dies ist die Hoffnung, welche uns bleibt, denn er ist ein angefressener Stamm und mancher Wurm nagt in seinem Holze, auch ihn ängstigen zuweilen seine Missetaten jetzt und noch mehr in der Zukunft.«
Unter hellem Geschrei der Mönche sprang Tutilo auf und rief dem Abt mit harter Stimme entgegen: »Jetzt erkennen die Brüder alle, in welchem Sinne du die Worte des Gebetes gerufen hast: ›Erlaß uns unsere Verpflichtung, wie auch wir sie erlassen unsern Verpflichteten,‹ du selbst hoffst, daß du für dein eigenes Unrecht ein mildes Urteil empfangen wirst, weil du andere Verbrecher straflos dahin ziehen läßt. Aber du sollst auch verstehen, was die Brüder gemeint haben, als sie laut riefen: ›Befreie uns von dem Argen,‹ denn damit meinten sie nicht den Grafen Gerhard allein, sondern noch jemanden. Niemals hätte der Graf gewagt, Klostergut anzugreifen, wenn er nicht wüßte, daß solche, die zu Wächtern des Klosters gesetzt sind, selbst eigennützig mit dem Gut der Kirche schalten. Oft hast du das bewiesen; unter anderm auch neulich, als der fremde Händler starb, den wir in seiner letzten Krankheit ein Jahr lang gepflegt hatten. Denn bei seinem Tode verließ er dem heiligen Wigbert ein Kästchen mit edlen Steinen, die er aus Welschland gebracht hatte, und wir hofften, daß die Steine den Altären ein Schmuck werden sollten und außerdem vielleicht einmal jährlich den Brüdern ein frohes Liebesmahl verschaffen. Du aber hast die Steine an dich genommen und durch den Schmied in Becher schlagen lassen, die du selbst gebrauchen wirst oder auch ein anderer, wie es dir gefällt. Nicht als ein Vater, sondern als ein Tyrann herrschest du über die Gemeinde. Deinen Günstlingen gestattest du jede Unbill und dagegen versagst du den Brüdern auch die erlaubte Erquickung. So tatest du neulich, da du ein Verbot erließest, welches ich lächerlich und kindisch schelte, daß nämlich der Koch an den Fasttagen den Brüdern niemals Lebkuchen backen soll. Diese Speise war vielen eine heilsame Ergötzlichkeit, worauf sie sich durch die Woche freuten. Du aber hast dies aus Bosheit verwehrt, weil es ihnen lieb war. Antworte, wenn du vermagst, zuerst wegen der kleinen Dinge, denn noch weiteres haben wir über dich zu klagen.«
Dieser Angriff wurde durch starkes Gebrumm der Brüder bekräftigt. Da ihnen manche Speise versagt war, so hatte das Erlaubte für die meisten um so größeren Wert und sie dachten und murmelten viel über Trunk und Kost. Und Tutilo wußte, daß sie wegen dem entzogenen Gebäck ihrem Abte stärker zürnten als wegen Ärgerem.
Das Gesicht des Abtes rötete sich bei der Beschuldigung und er rief: »Schweig mit deinen ungebührlichen Reden, sowohl aus Scham vor mir, als aus Furcht vor den Heiligen. Ganz ungehörig ist, was du an geweihter Stätte über das Pfeffergebäck vorbringst. Denn jeder Verständige wird mir recht geben, daß der Pfeffer, welchen sie hineintun, für Mönche allzu hitzig ist, und weil sie die Speise stark mit Honig würzen, schmeckt ihnen nachher jeder Wein sauer und sie ziehen bei ihrem Trunk ärgerliche Gesichter. Was aber den Schatz betrifft, so habe ich allein das Recht zu erwägen, wie er dem Kloster den größten Vorteil bringt. Die Becher habe ich zum Geschenk bestimmt für solche, an deren gutem Willen das Heil des Klosters hängt, und ich selbst traure, daß es nötig ist, durch Gaben zu sühnen, was deine Untreue verbrochen hat. Denn mit Empörern verhandelst du, und du verleitest die Brüder zur Untreue gegen Herrn Heinrich, unsern König. Aber allzulange habe ich die Tücke deines Wesens ertragen, und ich bin entschlossen, mit dir zu verfahren, wie unser Vater, der heilige Benedikt, gebietet, wenn ein Präpositus von dem bösen Geiste des Hochmuts aufgeblasen wird. Mehr als viermal habe ich dich mit Worten gemahnt, jetzt naht der Tag deiner Strafe; fügen sollst du dich, oder du wirst aus dem Kloster geworfen zu einer Warnung für die andern. Die Pforte sperre ich dir auf, du magst auslaufen, wohin du willst, und die Toren, welche dir anhängen, mit dir.«