Das Nest der Zaunkönige Erzählung aus dem Anfang des 11. Jahrhunderts
Part 24
»Der Notschrei klang von den vier Wänden,« bestätigte der König, »doch sah der Zeuge nicht, ob es die Jungfrau war, welche rief. Hauste das Grafenkind allein in der fremden Stadt?«
»Nur ihre Dienerin kam mit ihr,« antwortete der Graf, »ein unfreies Mädchen.«
»Warum ist sie nicht zur Stelle?« frug der König. »Du hörst, Beklagter, etwas fehlt an dem Zeugnis gegen dich. Vermagst du den Spruch gegen dich weniger schwer zu machen durch deinen Eid und den Eid deiner Helfer, so darfst du schwören, daß die Jungfrau dir ohne die Notklage gefolgt ist.«
»Ich schwöre nicht gegen ihre Ehre,« antwortete Immo, »was mir auch darum geschehe.«
Da hob Hildegard das bleiche Antlitz ein wenig und begann leise: »Einen Goldfaden sandte ich ihm und er bewahrt ihn an seinem Herzen, die Sommerlinde auf der Idisburg sah es und weiß es, daß er mich küßte. In der brennenden Stadt stand ein steinernes Kreuz, so wahr das Kreuz dort steht, so wahr ist es, daß er mich aus den Händen der Mörder gelöst hat durch seinen Arm und sein Schwert. Dann kam er in der Nacht, in der ich angstvoll am Boden lag, weil ich die Liebe zu ihm im Herzen trug und doch am nächsten Morgen zu den Heiligen sollte; er weiß es wohl, daß ich schwieg, als er mich auf das Roß seines Freundes hob.«
In der Stille, welche diesen Worten folgte, hörte man nur das Stöhnen des Vaters, welcher sich abwandte und die Hände vor sein Antlitz hielt.
»Folgtest du freiwillig, ohne deiner Kindespflicht zu gedenken,« frug der König, »wer denn tat den Klageschrei? Weiß jemand Antwort zu geben, der antworte, damit der Zeuge nicht als meineidig erkannt werde.«
An den Schranken rührte sich's unter den Bürgern, welche aus Erfurt herbeigeeilt waren. Frau Kunitrud wurde von Heriman und andern vorgeschoben und der Rufer öffnete ihr auf einen Wink des Erzbischofs die Schranken. Sie warf sich auf die Knie, und begann mit geläufiger Stimme, während sie mehrmals aufstand und wieder niederkniete, bis sie in der Nähe des Königstuhls beharrte: »Es wird kein Brei so heiß gegessen als er gekocht ist, und ein Kind aus Burg Erfurt traut sich auch noch vor dem Könige zu reden, zumal wenn er jung ist. Alles kann ich auf das genaueste verkünden, Herr König, denn ich selbst habe die Entführung erlebt, und sie war das Ärgste nicht, was ich erlebt habe; schlimmere Gewalttat geschieht in der Welt, und noch dazu von Leuten, welche weniger gutherzig sind als dieses junge Blut. Ihr sollt wissen, Herr König, daß ich in jener Nacht bei der edlen Hildegard war. Reisemüde saß sie oder sie lag auf dem Boden und rang die Hände, wie es ihr gerade gefiel. Da vernahm ich draußen Getümmel und Klappern von Pferdehufen und ich tröstete die edle Hildegard und sagte ihr: Das tut nichts, es sind nur volle Brüder, welche gegeneinander die Messer zücken und es ist des Königs Wache, sie werden sich untereinander raufen, wie sie oft tun. Da sprang die Tür auf und der Held Immo trat ein, ganz in Eisen, und er fuhr auf die Jungfrau zu, welche wie ein Rohr wankte, da sie ihn sah; er faßte sie und rief: »Mußt du Zeter schreien, Kunitrud, so harre, bis ich zu Rosse bin.« Ich schlug erschrocken die Hände zusammen, und lief an das Fenster, riß die Decke weg und sah hinab, aber ich sah nur Undeutliches in der Finsternis, bis ich mich endlich besann und das Geschrei erhob, wie sich geziemte.«
Der König winkte und der Rufer bedeutete der behenden Frau zu schweigen, worauf sich diese wieder mit Kniebeugungen aus den Schranken zurückzog.
»Folgte das Weib widerstandslos dem heischenden Manne,« entschied der König, »so vermag der Richter nicht ihre Ehre zu rächen, sie selbst hat sich ihres Rechtes begeben und ist Mitschuldige der Gewalttat. Denn nicht ihr stand zu, sich den Gemahl zu wählen, sondern ihrem Herrn und Vater. An der Jungfrau hast du, Schwertloser, durch den Raub keinen Frevel geübt; der Richter fragt, ob du ihn geübt hast gegen Gerhard den Grafen. Dieser aber hat, wie du selbst sagst, dir sein Kind nicht verlobt, sondern er wollte es nach dem Wunsch des Königs geschleiert den Heiligen weihen. Weißt du, Immo, was dich von dieser Missetat entschuldigt, so verantworte dich.«
Die Lippen Immos bewegten sich, aber er schwieg.
Da Immo auf die Frage, welche für sein Leben entscheidend war, nicht antwortete, hob Edith mit einem Klageschrei die Hände zum Himmel, eilte durch die Versammlung zu ihrem Sohn und umschlang ihn mit ihren Armen. Er aber warf sich vor seiner Mutter nieder und barg sein Gesicht in ihrem Gewande.
Unter den Brüdern entstand eine Bewegung, Odo trat ein wenig vor und begann auf einen Wink des Richters: »Immer wünschen wir, daß der König uns gnädig sei, zumal wenn wir vor ihm sprechen sollen und doch behender Worte nicht sehr mächtig sind. So geht es jetzt mir. Was aber die Klage des Grafen Gerhard angeht, so behaupte ich, Odo, Irmfrieds Sohn, und mit mir meine Brüder Ortwin und Erwin, Adalmar und Arnfried, daß die Klage völlig eitel und nichtig ist, und wenn des Königs Huld uns Schwert und Roß gewähren will, so sind wir Fünf, die wir jetzt schwertlos stehen, bereit, dies gegen den Grafen Gerhard und vier ehrliche Kämpfer seiner Freundschaft zu erweisen, überall, wo die Sonne scheint, die Luft weht und der Anger grünt.«
Der König sah verwundert auf den jungen Helden, dem man wohl anmerkte, wie er die Worte bedächtig erwog, während er die grauen Augen und das unbewegte Gesicht auf die Versammelten richtete. »Du bist ein verwegener Gesell, daß du die Klage über eine ruchbare Missetat ungehörig schiltst. Du selbst hast die geraubte Jungfrau auf der Burg verschlossen.«
»Ich bin nicht mein Bruder,« versetzte Odo trocken, »mir war auch bisher ganz wohl in meiner eigenen Leibeshülle. Die Klage aber geht gegen den Helden Immo und nicht gegen mich. Darum ist sie grundlos und für jedermann ist deutlich, daß mein Bruder die Jungfrau nicht geraubt hat. Sie hat den Rücken seines Rosses nicht berührt; als sie in der Nacht unter den Sternen dahinfuhr, war er gar nicht in ihrer Nähe, als sie hinter dem Burgtor abgehoben wurde, lag er weiter von ihr entfernt, als die Stadt von der Burg. Wir im Lande aber strafen nur die schwere Tat, nicht schweren Willen. Was er gewollt hat, darum mögen sich die Unsichtbaren kümmern, welche, wie uns die Priester sagen, sogar die Gedanken eines Mannes erspähen, der Richter unter der Linde spricht nur über ruchbare und greifbare Tat.«
Der König musterte mit scharfem Blick den stattlichen Jüngling. »Wenn ich dich und deine Brüder betrachte, so wundert mich nicht, daß ihr die Sache wieder von des Königs Bank hinweg auf die Beine eurer Rosse bringen wollt. Ich merke, du wagst vor dem König Haare zu spalten. Was jener nicht vollbrachte, tat einer seiner Blutgesellen.«
»Dies gerade ist es, was ich der Gerechtigkeit des Königs sagen wollte. Ungern redet ein Mann gegen sich selbst. Auch ich erinnere hier nur daran, daß er schuldlos an der Tat erkannt werden möge, weil er der älteste von uns Brüdern ist und wie ich wohl weiß, unserer Mutter der liebste. Und ich fürchte, sein Tod würde ihr das Herz brechen. Muß also Strafe das Haupt eines Mannes treffen, weil das Grafenkind auf ein Roß geschwenkt wurde, so darf doch nicht mein Bruder für die Tat büßen, die ein anderer vollbrachte. Hätte Graf Gerhard diesen andern verklagt, so dürfte der andere sich nicht beschwert fühlen.«
»Du selbst warst der andere?« frug der König.
»Die Jungfrau wurde dem gereicht, der das stärkste Roß hatte,« versetzte Odo vorsichtig. »Das Roß wurde vor Jahren von dem Weidegrund des Königs nach Thüringen geführt, es ist vom besten sächsischen Schlag.«
»Auch der Reiter, wie ich merke,« versetzte der König. »Tritt zurück, Jüngling; die Klage nennt nach Recht den Urheber, er gab den Rat, er stiftete die Tat, ihm frommte das Vollbringen. Du aber warst nur sein Gehilfe. Zum andern Mal frage ich dich, Immo, weißt du etwas, was dich entschuldigt, so sprich.«
Immo stand in hartem Kampf, er wußte wohl, daß Gerhard in Wahrheit niemals der Vermählung günstig gewesen war, er selbst hatte früher dem König gestanden, daß der Graf ihm kein Versprechen getan habe, und obwohl er jetzt in Todesnot war, so erschien ihm doch nicht mannhaft, an nichtige Worte des Gegners zu mahnen. Während er mit seinen Gedanken rang, ob er reden sollte oder schweigend den harten Spruch erwarten, begann der König, zu dem Erzbischof gewandt: »Als die Ratgeber mir durch euren Mund, hochwürdiger Vater, ihren Rat kündeten, haben sie, so scheint mir, eines nicht erwogen. Der Thüring Immo war es, welcher dem Grafen zu Hilfe kam, als dieser in Kerkernot saß. Denn hätte der Jüngling nicht vor mir das Knie gebeugt, so würde der Graf einem schweren Schicksal nicht entgangen sein. Damals nun hat, so scheint mir, der Jüngling von dem Grafen selbst ein Versprechen erhalten, welches die Tochter betraf. Hat aber der Jüngling den Raub verübt auf Grund eines Gelöbnisses, das er von dem Vater empfing, so würde seine Verschuldung gegen den Gerhard gering erscheinen, denn er hätte durch empfangenes Versprechen ein Recht auf die Jungfrau gewonnen, wenn auch der Raub ein Frevel gegen den König und den Stadtfrieden war.«
Da drängte sich Graf Gerhard eilig hervor und rief laut in dem Ringe: »Keinerlei Gelübde hat der Räuber erhalten, und kein Schwur vermag ihm zur Entschuldigung zu gereichen; weder die Tochter noch irgend etwas anderes habe ich ihm verheißen, damit er tue, was mir zum Heil helfen konnte. Ganz ohne Entgelt wagte er, was für ihn kein schwerer Dienst war, da des Königs Gnade über denen, die im Unglück sind, ohnedies barmherzig waltet. War ich ihm einen Dank schuldig, so hätte ich ihm wohl etwas Gutes erwiesen durch ein Roß oder ein stattliches Gewand, wie es im Lande Brauch ist, nur nicht durch so unerhörten Lohn, wie das Magdtum meines Kindes.«
»Wie?« rief Heinrich, »war er so töricht, deine Sünden zum Könige zu tragen, ohne den Brauch der Welt zu üben und an den eigenen Vorteil zu denken? Ungern mag ich das glauben, wenn auch du es sagst. Sprich selbst, schwertloser Mann, redet der Graf die Wahrheit?«
Durch Immos Seele fuhr ein heißer Schmerz; hätte er den Schwur des Grafen angenommen, vielleicht würde er jetzt der Gefahr enthoben und zuletzt doch mit der Geliebten vereinigt. Die Lehre, welche er vom Vater Bertram gekauft hatte, mochte Unglück und Tod über ihn bringen. Und doch hörte er in diesem Augenblicke der Entscheidung wieder das feierliche Flüstern des alten Mönches, das ihn damals mit Ehrfurcht erfüllt hatte, und in seiner Seele schrie es, daß der Rat hochsinnig und ehrlich gewesen war. Darum sprach er leise in der Versammlung: »Der Graf redet die Wahrheit, ich empfing keinen Schwur von ihm, weder um seine Tochter noch um etwas anderes, und ich habe mir sie geraubt, wie Kriegsleute in der Not tun, weil sie mir lieber ist als mein Leben.«
»Nun denn,« rief der König, »so sprich, was trieb dich damals, ein unholder Bote des Grafen zu werden?«
»Mich jammerte, daß der Edle gegen einen Ehrlosen kämpfen sollte, und mehr noch als das Schicksal des Gebundenen ängstigte mich die Trauer der Jungfrau. Und Herr, wenn ich alles sagen darf, wie es mir damals erging, ich trug den Brief wahrhaftig in Einfalt und treuem Sinne, denn ich wußte und bedachte nicht, daß ich meinem huldreichen Herrn Ungünstiges reichte.«
Da flog ein heller Schein über das Angesicht des Königs. War es ein Sonnenstrahl oder ein Wetterleuchten aus seinem zornigen Gemüt, das wußten die Herren nicht, die den König mit gespanntem Blick betrachteten.
Nur der Erzbischof erkannte, daß in dem Gemüt des Königs etwas vorging; und da Willigis ein sehr kluger Herr war, so dachte er der veränderten Meinung des Königs Genüge zu tun, um zugleich sich selbst einen Gewinn zu schaffen, den er sich seit lange ersehnte. Deshalb begann er: »Alle preisen wir des Königs Huld, welche auch an dem schuldigen Mann das Ehrenwerte zu ehren weiß, und viele gibt es hier, welche ein mildes Urteil für ihn ersehnen. Keiner aber wagt für ihn zu sprechen, weil er an der Kirche und den Heiligen gefrevelt hat, indem er ein Weib entführte, welches der König dem Herrn verloben wollte. Darum ziemt vor andern mir, meinen Herrn und König flehend zu mahnen, daß er sowohl der Kirche eine Sühne gewähre, als auch dem Schuldigen Leben und Ehre erhalte. Möge der Weisheit des Königs gefallen, den Berg und die Burg, welche Held Immo verwirkt hat, den Heiligen zu übergeben, damit sie fortan dem Erzbistum gehören, und damit ich einen Lehnsmann hinaufsetze, entweder den Helden Immo selbst oder einen andern, wie es dem Könige gefällt.«
Der König sah überrascht auf den Erzbischof. Er gedachte der Worte, welche ihm Heriman zugetragen hatte, und ihm gefiel gar nicht, den mächtigen Priester zum Herrn im Lande zu machen. Dennoch konnte er die Hilfe desselben nicht entbehren, und so saß er, das Gesicht freundlich ihm zugewandt, aber in seinem Herzen meinte er es weit anders. Denn ihm hatte noch diesen Morgen im Sinn gelegen, die Mühlburg für sich selbst zu behalten, aber sie vielleicht als Lehn des Reiches einem Manne aus Irmfrieds Geschlecht zu übergeben. Darum hatte er heimlich seinen vertrauten Kriegsmann auf die Burg gesandt, welcher in Abwesenheit der Herrin einen Versuch machen sollte, die Besatzung zu täuschen oder zu überwältigen, und er hatte ihm geboten, stracks eine Stelle der Mauer zu brechen, damit des Königs Macht sichtbar werde. Jetzt gefiel ihm dieser Gedanke noch mehr.
Während der König auf die Antwort sann, hörte er das Rauschen eines Gewandes. Ein Mönch kniete zu seinen Füßen, es war Reinhard aus Herolfsfeld, der Vertraute seines Kaplans, des frommen Godohard. Er winkte dem Demütigen zu: »Was begehrst du, Vater Reinhard, der du jetzt durch Herrn Bernheri zum Präpositus deines Klosters ernannt bist?«
»Nicht aus eigenen Gedanken, sondern nach dem Willen meines Herrn Bernheri wage ich Unwürdiger in dieser hohen Versammlung zu bitten, zunächst, daß Herr Willigis mir verzeihe, wenn ich anders spreche, als ihm selbst gefällt. Die Mühlburg liegt nahe den Hufen und Wäldern, welche dem heiligen Wigbert gehören, und keine Sicherheit hat das Kloster in Thüringen zu hoffen, wenn nicht der Gewappnete, welcher auf der Mühlburg haust, dem Kloster gehorcht. Auch ist bereits ein Heiligtum auf dem Berge, welches St. Wigbert selbst geweiht hat, und das edle Geschlecht des Helden Immo betet seit der Urzeit an den Altären des Klosters. Darum flehe ich, daß es der Gnade des Königs und auch der Weisheit des Erzbischofs gefallen möge, den Berg und die Burg meinem Kloster zu gewähren, damit dieses einen treuen Kriegsmann hinaufsetze, der auch dem Könige wohlgefällig ist.«
Der König sah das zornige Gesicht des Willigis und um seinen Mund zuckte ein schadenfrohes Lächeln, denn ihm war lieb, daß die zweite Bewerbung leichter machte, dem Erzbischof für jetzt seinen Wunsch zu verweigern. Er hinderte also die Gegenrede, welche der Erzbischof vorbereitete, indem er antwortete: »Uns ziemt demütige Erwägung, wenn zwei so fromme Väter sich dasselbe Gut begehren. Da du aber mir sagst, daß das Geschlecht des edlen Immo sich längst den heiligen Wigbert zum Beschützer und Fürbitter erwählt hat, so will ich dich, Immo, selbst fragen: Wie kommt es doch, daß ihr seither vermieden habt, den heiligen Wigbert als Herrn zu erkennen. Übel hast du, so scheint es, dich beraten, daß du dich der Lehnshoheit des Heiligen entzogst, denn er vermöchte dir jetzt vielleicht die Mauern zu erhalten.«
Was der König sagte, fiel schwer auf das Herz des bedrängten Mannes, dennoch trat er mit gehobenem Haupte vor: »Herr, was ich als freies Erbe von meinen Vätern überkommen habe, das wollte ich in Ehre und Wert unvermindert den Nachkommen überlassen; immer war der Stolz meiner Ahnen, keinem Lehnsherrn zu dienen.«
»Und doch würdest du jetzt froh sein,« warf ihm der König prüfend entgegen, »wenn du dein Erbe wenigstens als Besitz aus der Hand der Kirche zurückerhieltest, damit du hättest, wo du dein Haupt birgst.« Immo schwieg. »Antworte mir,« befahl der König.
Immo kniete nieder. »Da mein Herr und König mich frägt, so will ich, obwohl in Todesnot, eine ehrliche Antwort geben. Kleiner wird alljährlich die Zahl der Freien im Lande, mein Geschlecht aber saß seit der Urzeit auf diesem Grunde. Nicht vom König und nicht von der Kirche stammt unser Recht, sondern von der milden Himmelssonne selbst erbaten meine Ahnen ihr Eigen, bevor König und Kirche im Lande herrschten. Wenig liegt mir am Leben, da ich doch alles verloren habe, worauf ich hoffte; aber ein Vasall werde ich nicht.«
In dem Kreise der Edlen entstand eine Unruhe und Heinrich rief: »Wahrlich, der König mag zufrieden sein, daß das Erbe deines Hauses nur klein ist, denn du steigst über den Adler und fährst höher in deinen Gedanken, als die Großen des Reiches, welche selten verschmähen, auch von anderen als dem Könige Land und Leute zu empfangen. Nicht unwahr reden die Menschen, wenn sie euch die kleinen Könige aus dem Wald nennen. -- Jetzt aber gedenke vor allem, ob du der Not dieser Stunde entrinnest. Als den Räuber seiner Tochter hat dich Gerhard verklagt, und zum drittenmal warne ich dich. Rede, wenn du etwas weißt, was dich gegen ihn entschuldigt, denn du redest für deinen Hals.«
Da sprach neben dem Könige eine leise Stimme: »Lieber Herr König, ich weiß etwas.« Heinrich winkte den jungen Gottfried an sein Ohr, dann befahl er ihm laut zu reden. Der Knabe trat in den Ring vor den Grafen und begann mutig: »Was mein Bruder verschweigt, daran will ich mahnen: Gedenke Graf Gerhard, daß du einst meinen Bruder Immo einen Frosch nanntest, der aus dem Weiher zu der Königstochter hinaufhüpft. Damals fordertest du selbst, daß mein Bruder ihr Geselle werden sollte, und du befahlst der Hildegard, weil sie den kalten Frosch nicht anrühren wollte, daß sie es doch tun mußte. Aus einem Becherlein haben sie getrunken und aus einem Schüßlein gegessen und mit einem Goldfaden haben sie sich gebunden, den sie meinem Bruder Immo geschenkt hat. Heute widerstrebst du mit Unrecht, daß er ihr Gemahl wird, denn du selbst hast deine Tochter dazu angestiftet, daß sie ihn wert halten sollte.«
Der König frug ergötzt: »Was weißt du auf die Sage des jungen Helden zu antworten? Hast du selbst den Jüngling und die Jungfrau vertraulich gemacht, wie darfst du dich beschweren, daß sie auch später sich zueinander gesellten?«
Da rief Graf Gerhard zornig: »Habe ich jemals einiges von dem Frosch gesagt, so vermag der König leicht zu ermessen, daß dies nur scherzweise und beim Trunk geschehen ist, wie man mit Kindern wohl zuweilen handelt. Im Ernst aber habe ich nie daran gedacht, den Helden aus den Waldhecken zum Gemahl für mein Kind zu wählen, denn damals stand er noch in Klosterzucht und später hatte er die Gunst des Königs verloren. Auch war dieses Geschlecht eines Zaunkönigs, welcher hier gegen mich piept, mir und meinen Mannen oft feindselig und abgeneigt.«
Da errötete Gottfried im Eifer und rief: »Darf ich ihm noch einmal antworten, Herr König? Eine andere Sage hörte ich in den Waldhecken, die er schmäht, daß einst Wolf Isegrim, ein Graf unter den vierfüßigen Tieren, das Nest der Zaunkönige verspottete, aber teure Buße zahlte er dafür. Denn die Vögel aus den Lauben begannen einen Streit gegen ihn und als sie in einer Waldlichtung aufeinander trafen, da wurde dem Wolf das Fell gerauft und Isegrim stand am Abend mit entblößtem Haupt an dem Nest der Zaunkönige und bat demütig vor allem Volk die kränkende Rede ab. Laßt euch erzählen, wie Wolf Isegrim damals Abbitte tat. Der jüngste Nestling aus dem Geschlecht, das er geschmäht hatte, wurde ihm gegenüber gestellt, und vor ihm mußte der Wolf sich demütigen. Merke wohl, Graf Gerhard, ich weiß das genau, denn der junge Vogel war ich und du warst der Wolf.«
Der Graf wurde zornrot und unwillkürlich tastete seine Hand nach der Schwertseite. Aber im Kreise der Herren erhob sich ein schallendes Gelächter und Gottfried fuhr fort, indem er dem Grafen näher trat und nach dem Schwerte desselben wies: »Bei diesem Kreuz wurde beschworen, daß die Fehde abgetan sein sollte und aller Groll vergessen. Und beim Mahle trug ich dir die erste Kanne Wein zu, und ich, den du jetzt wegen seiner Stimme schmähst, sang dir den Willkommen. Denke auch daran, Graf Gerhard, wie du damals zu meinem Bruder sprachst: Sehr leid tut es mir, Immo, daß der König mit meiner Tochter anderes im Sinne hat; wenn ich mit ihr verfahren könnte wie ich wollte, so meine ich, sie würde es nirgends besser haben als bei euch in den Waldlauben, und gern würde ich sie dir gewähren, da ich weiß, daß sie dir lieb ist. So hast du geredet, und so hast du selbst ihm den Mut gegeben, sich die Braut zu holen.«
Wieder ging ein Summen und Lachen durch den Ring, der Graf suchte ängstlich im Angesicht des Königs zu lesen und niederkniend sprach er: »Ich flehe, daß die Weisheit des Königs nicht vergangene Reden zu meinem Schaden gelten lasse. Denn wenn ich auch hie und da bessere Gesinnung gegen den Helden Immo hatte, durch den Raub der Jungfrau und durch den Friedensbruch ist er und sein Geschlecht aus Frieden und Ehre gesetzt und kein Edler kann billigen, daß ich mein Kind, auch wenn es nicht geschleiert wird, einem von jenen dort vermähle.«
»Du hast ein Recht, so zu sprechen,« versetzte der König ernsthaft, »und mich freut's, daß du gelernt hast, strenge über einen Mann zu urteilen, der geraubt hat. Nicht vergebens hast du mich gemahnt, denn der König ist dazu gesetzt, jedem sein Recht zu geben, das er sich verdient hat.«
Draußen klang Hufschlag; der Hauptmann trat gegenüber dem König in die Schranken, und warf einen ausgebrochenen Mauerstein vor dem Richterstuhl auf den Boden, zum Beweis, daß des Königs Befehl vollführt sei. Da hob Heinrich seinen Arm und rief den Söhnen Irmfrieds zu: »Die Burg eurer Väter ist in der Hand des Königs und harte Hände meiner Krieger werfen die Steine der Mauer, damit das Volk erkenne, daß der König Herr im Lande ist.« Die Versammlung erhob sich, die Gewappneten schlugen an die Waffen und riefen dem Könige Heil. Aber die Söhne Irmfrieds sprangen erschrocken zusammen und Edith sah bekümmert nach dem Helden Gundomar, der bei den Worten des Königs zuckte wie von einer Natter gestochen.
Und der König fuhr fort: »Die Mauer breche ich so weit, daß der König mit seinem Heergefolge unter freiem Himmel hereinreitet; du Gottfried, magst die Mauer wieder aufbauen und für dein Geschlecht bewahren. Was dem König anheimgefallen ist durch den Frevel deiner Brüder, das gebe ich dir, dem Schuldlosen, zurück in deine Hand als dein freies Eigen, das du fortan behaupten sollst als ein Geschenk, das nicht von der Sonne stammt, sondern von der Gnade des Königs. Denn dem Könige liegt auch am Herzen, die alten Landherren zu schützen, wenn sie nicht Bedrücker ihrer Nachbarn werden.« Er wandte sich zu dem Erzbischof und zu Reinhard und fuhr heiter fort: »Darum mögen mir auch heilige Männer meines Landes nicht übel deuten, wenn ich ihren frommen Wunsch für die Kirche diesmal nicht gewähre. Oft habe ich gewährt, da sie oft bitten. Hier aber geht, wie ihr alle merket, der Handel um Königsgut zwischen zwei Königen, der eine bin ich und der andere ist hier der kleine König aus den Waldhecken, und darum will ich einem Herrn meinesgleichen nicht zuwider sein, wenn sein Krönlein auch nur klein ist.«
Da der Erzbischof sah, daß der König ihm die Mühlburg versagte, so war ihm lieb, daß die Mönche von St. Wigbert sie auch nicht erhielten, sondern ein Knabe, den er sich einst geneigt machen konnte, und er antwortete lächelnd: »Der König hat weise entschieden und uns allen das Herz erfreut, indem er das Geschlecht eines seligen Bekenners vor den Edlen ehrte. Du aber, Jüngling, denke daran, daß du fortan als Herr auf eigenem Grunde gebietest.«
Der Knabe stand nachdenkend, dann trat er vor den König. »Ist's an dem, lieber Herr König, daß ich jetzt Herr bin über die Mühlburg?«