Das Nest der Zaunkönige Erzählung aus dem Anfang des 11. Jahrhunderts
Part 23
Edith machte eine abweisende Bewegung und Gundomar fuhr fort: »Willst du dem König in der Burg widerstehen, so vermagst du das ganz wohl; denn ihm fehlt alles Sturmgerät, und er kann nur wenige Tage vor diesen Mauern liegen, weil die Königspflicht ihn übermächtig nach dem Süden treibt. Beim Abzug wird er dem Gerhard und den Grafen in der Ebene die Fehde gegen dich und die deinen übergeben. Auch diesen Feinden kannst du siegreich entgegentreten. Merke, Edith, die Burg und den jüngsten Sohn vermagst du lange gegen den König zu bewahren, nicht die Häupter der Söhne, welche in seiner Gewalt sind. Denn diese wird er Rache heischend werfen. Kommst du dagegen mit der Jungfrau in sein Heerlager, so denkt er vielleicht auch an deinen Wert und an dein Herzeleid. Darum flehe ich dich an, Edith, daß du mir folgst.«
»Rate anderes, Gundomar; die Braut meines Sohnes und die Burg übergebe ich nicht.«
»Was frommt die Brautschaft, wenn der Bräutigam schwindet, und wie kannst du ihm die Burg bewahren, wenn du ihn selbst verlierst.«
Edith barg ihr Antlitz in den Händen. »Du sprichst die Wahrheit. Aber wo die Gedanken in der Seele feindlich gegeneinander ringen und der Mensch angstvoll zweifelt, was ihn retten werde, da findet er einen Trost, wenn er treulich die Pflicht tut, welche ihm aufgelegt ward. Der Herr dieser Burg und der Jungfrau hat uns geboten, beide festzuhalten; seinem Gebot folge ich, was uns allen auch darum geschehe.«
»Du verdirbst dich und andere,« rief Gundomar heftig. »Wohlan, manchen Dienst habe ich dem König geleistet und ich meine, er wird sich scheuen, mir die Ehre zu kränken. Um deinetwillen will ich wagen, was Heinrich mir nicht befahl. Ich biete dir mit der Jungfrau und dem jüngsten Sohne freies Geleit zum Gerichte des Königs, und wenn du es nach dem Gericht begehrst, wieder in die Burg zurück. Bis zu eurer Rückkehr mögen deine Dienstmannen die Burg halten, nur daß sie friedlicher Botschaft des Königs den Zutritt nicht weigern, wenn er sich Zeugen rufen will zu seinem Gericht.«
Da erhob sich Edith: »Gelobe mir, Gundomar,« und er warf sich am Altar nieder und legte die Finger auf sein Schwert.
* * * * *
Unterdes war der König nach dem Hofe gesprengt, in welchem er rasten wollte. Als er durch das Gedränge von Edlen und Landleuten schritt, und hier und da anhielt, um einem ehrenwerten Mann Gnade zu erweisen, erkannte er Heriman, den Goldschmied, welcher sich demütig verneigte. Der König winkte ihm ein wenig zu. Und da er seltene und kostbare Waren, wie sie der Goldschmied häufig aus der Fremde brachte, gern ansah und kaufte, so befahl er seinem Kämmerer: »Frage den Heriman, ob er etwas begehrt oder etwas bringt; begehrt er, so laß du dir seinen Wunsch sagen, und bringt er, so führe ihn zu mir.« Dem Eintretenden rief er gütig entgegen: »Wie gedeihen dir deine Fahrten auf des Königs Straße?«
»Wir Thüringe danken dem König, daß er die Raublust der Schildträger gebändigt hat,« versetzte Heriman.
»Dennoch wagt sich freche Gewalttat auf die Straße, sobald der König nur den Rücken kehrt. Ich bin hier, um über einen Friedensbruch zu richten, der euch Erfurter nahe genug angeht; und ich denke eine Warnung zu geben, welche andere Missetäter abschrecken soll, damit friedliche Leute wie du zu Ehren des Königs gedeihen. Was birgst du Gutes in deinem Sack? laß sehen.«
»Nur wenig habe ich, was wert ist, von dem König betrachtet zu werden,« versetzte der Goldschmied, öffnete einen Lederbeutel und breitete seine Schätze auf den Tisch: geschliffene Edelsteine, goldene Borten und zierliche Ketten, Gewürze und Balsam aus dem Orient in seltsamen Kapseln, Schnitzwerk aus Elfenbein, Dolche und Messer mit kostbarem Griff und Scheide.
Der König betrachtete mit Kennerblick Schmuck und Steine und schob hier und da ein Stück zurück. »Was bewahrst du in dem Kästlein?«
»Es ist ein Ring,« versetzte Heriman, »mit dem Stein, den sie Saphirus nennen, er verändert die Farbe, wenn der Ringfinger einen Becher berührt oder auch einen Teller, in welchem Gift ist. Der Stein wird jetzt sehr begehrt von vornehmen Geistlichen und Laien.«
Der König warf einen gleichgültigen Blick darauf und wies an seinem Finger einen Ringstein derselben Art. »Nicht jeden Helden meines Geschlechts hat dieser Stein vor dem Verderben bewahrt, Heriman, es ist sicherer, den eigenen Augen zu vertrauen, als der Warnung, welche aus Steinen kommt.«
»Besseres hoffe ich dem König zu bieten,« versetzte Heriman, »sobald ich von der nächsten Fahrt über den Rhein zurückkehre. Denn was hier im Lande Pilger und fremde Händler zutragen, das gelangt meist in die Hände der ungläubigen Juden, und diese legen es zuerst dem ehrwürdigen Herrn Willigis vor, weil er ihr Schutzherr ist; ich aber dem Könige.«
»Du meinst also, die Juden stören dir das Geschäft,« frug der König, einen Edelstein gegen das Licht haltend.
»Sie haben das Geld, und wer mit kostbarer Ware handelt, vermag sie nicht zu entbehren. Auch klage ich nicht über sie, zumal Herr Willigis ihnen günstig ist, weil sie seiner Macht in der Stadt nützen.«
»Und dir gefällt die Macht des Erzbischofs in der Stadt Erfurt,« warf der König hin, in Betrachtung des Steines vertieft.
»Ein weiser Herr ist Willigis; bald werden die Mauern der Stadt zu enge sein für die Zahl der Unfreien, welche er von den Hufen des Stiftes und anderswoher unter seinem Gericht versammelt. Wir alten Burgmannen aber, die wir uns rühmen, von den Vätern her freie Leute zu sein, sehen ungern, daß der Vogt des Königs nicht mehr allein zu Gericht sitzt, denn es fehlt nicht an Schlägereien zwischen unseren Leuten und den Zugehörigen des Erzbischofs. Ich fürchte, in kurzem sind wir die Minderzahl. Doch wir wissen, es ist schwer, den Heiligen zu widerstehen.«
Der König legte den Stein weg und frug in verändertem Ton: »Wie war's mit dem Raub der Grafentochter? Erzähle, was du davon weißt.«
»Die Leute des Erzbischofs haben die Notglocke geläutet,« entgegnete Heriman vorsichtig, »sonst würde die Stadt wenig davon wissen, zumal da niemand erstochen wurde. Selten vergeht eine Woche, wo nicht größerer Lärm in den Gassen ist. Unter den Burgmannen sind viele dem Helden Immo und seiner Sippe wohl geneigt; denn diese gelten sonst im Lande für redliche Männer, und wer ungerecht bedrückt wird, findet zuweilen bei ihnen Schutz.«
Der König sah mit großen Augen auf den Goldschmied und befahl streng: »Packe deinen Kram ein, ich will heute deine Steine nicht sehen; denn du kommst nicht um des Kaufes willen, sondern du begehrst etwas anderes von mir.«
»Als ich todwund am Idisbach lag,« antwortete Heriman, seine Steine langsam in den Sack sperrend, »da war es Held Immo, der mich aufhob, und ihm verdanke ich, daß ich heute vor den Augen des Königs stehen kann. Ich wäre niederträchtig, wenn ich nicht gut von ihm redete, da der König zuerst mich seinetwegen gefragt hat.«
Heinrich nickte: »Du hast recht, laß nur liegen.« Heriman packte aus, und der König sah wieder auf die Steine. »Also die Leute des Erzbischofs schlugen an die Glocke. Ich höre, daß einige aus der Stadt den Räubern Vorschub leisteten und sogar mit ihren Wehren die Bewaffneten des Herrn Willigis an der Verfolgung hinderten. Weißt du auch darüber etwas?«
Heriman besann sich. »Sie sagen, daß ein scharfer Schwertschlag getauscht wurde, und daß Held Immo nur darum ins Unglück kam, weil er einen andern, der, wie sie sagen, ein Erfurter war, nicht unter den Schwertern der Reisigen zurücklassen wollte. Und da manche in Erfurt glauben, daß der Held wegen seiner Treue gegen ein Stadtkind verwundet und gefangen wurde, so trauern diese über sein Unglück.«
Da schob der König den Kram heftig von sich und stand auf. »Räume fort, ich will gar nichts mit dir zu tun haben.«
Heriman öffnete zum zweitenmal seinen Beutel und packte ruhig ein. »Wenn der Herr König meint, daß die Erfurter Lämmern gleich sind, welche sich scheren lassen und dann noch aus der Hand, die sie geschoren hat, das Futter nehmen, so kennt er seine treuen Bürger nicht. Bei uns lebt mehr als einer, der einen Racheschwur gegen den Grafen Gerhard getan hat, weil dieser ein raubgieriger und ungerechter Mann ist.«
»Jetzt verstehe ich,« versetzte der König sich setzend. »Das an dem Dolch ist ja wohl Byzantiner Arbeit, laß sehen.« Und Heriman packte wieder aus. »Wie kommt's, daß man den Mann nicht mit Weiden geschnürt hat, der, wie du sagst, für den Räuber Immo das Schwert zog, und dem der Räuber, wie du sagst, Treue erwies. Mich wundert's, daß einer, der des Königs Frieden so frech gebrochen hat, frei in den Gassen wandelt.«
»Die Wächter des Erzbischofs waren Stadtfremde,« entgegnete Heriman argwöhnisch nach dem König blickend, »und die Erfurter haben vielleicht nicht sehr nach dem Einheimischen gesucht. Auch hat der Bürger eine Gewohnheit. Bevor er im Zwielicht das Schwert zieht, so streicht er sein Haar, wenn er es lang trägt, über das Gesicht; vielleicht birgt er auch seine Glieder in einem wendischen Kittel.« Er trat an den Tisch, bereit die Steine wieder einzupacken.
»Laß nur liegen,« sprach der König, »ich sehe, dein Haar ist kurz genug. Sagtest du nicht, daß sich die Dienstleute des Erzbischofs zu eurem Schaden in der Stadt mehren?«
»Herr, die Stadt wird dabei groß, und wenn auch schlechtes Volk unter den Zugewanderten ist, so muß man doch zugeben, der Stiftsvogt des Mainzers hält über seine Leute strenges Gericht. Nur sorgen bei uns die Alten, welche Bescheidenheit haben, daß die Königsmacht dadurch kleiner wird, und daß sie vielleicht einmal ganz schwindet.«
»Denken viele wie du, daß sie lieber dem König dienen wollen als dem Erzbischof?«
»Das Mehrteil wird sagen, es kommt darauf an, wie der König ist und wie der Erzbischof ist. Dennoch, wenn der König eine starke Hand hat und sein Vogt billig denkt, so wird der Bürger freudiger einem Helden dienen, der ein Schwert trägt, als einem geschorenen Haupte.«
»Ihr selbst sitzt am liebsten daheim; aber ihr hört es gern, wenn der Spielmann vor euch singt, wie die Knie des Königs im Drange der Schlacht wund gerieben wurden,« sagte der König mit trübem Lächeln. »Gemächlicher ist dein Herdsitz, Heriman, als der Sitz deines Königs, welcher das ganze Jahr im Sattel reitet. Geh in Frieden mit deinen Waren, dies hier habe ich für die Königin ausgewählt, laß dir den Preis von meinem Kämmerer zahlen. Und vernimm noch eins, was ich dir in deiner Redeweise vertrauen will. Die bescheidenen Leute in Erfurt und anderswo meinen, der Mann handelt unweise, welcher mit unbedecktem Haupt auf der Straße läuft, wenn der Hagel herunterschlägt. Besser täte er, sein Antlitz zu bergen, bis das Wetter vorübergerauscht ist.«
»Das ist gute Lehre,« versetzte Heriman demütig, »zumal wenn sie ein König gibt. Aber wir im Lande haben ein Sprichwort, womit wir uns trösten: je treuer der Sinn, desto dicker der Kopf.«
Als Heriman das Gemach verlassen hatte, sprach der König zu dem eintretenden Kämmerer: »Das ist ein redlicher Thüring. Sorge, daß er sein Geld ohne Verzug erhält.«
12.
Das Gericht des Königs.
Auf niedriger Anhöhe stand unweit dem Mühlberg eine große Linde; dort wurde innerhalb gezimmerter Schranken dem König der Richterstuhl erhöht und Sitze für die Großen des Reiches, welche in seinem Gefolge ritten. Die Diener breiteten Teppiche und Polster auf das Holzwerk, das Banner des Königs ward aufgesteckt, der Rufer trat an den Eingang des Geheges und die Leibwächter schritten mit ihren Spießen in die Runde, das versammelte Volk abzuwehren. Die Frühlingssonne schien warm und die Lerchen sangen freudig von der Höhe, aber Landleute und Burgmannen, welche in großen Haufen herzugeeilt waren, hielten sich abseits, sprachen leise miteinander und sahen scheu nach dem Gerichtsbaum und zurück nach dem Dorfe, bei welchem das Lager des Königs war. Nicht die Ehrfurcht allein bändigte ihnen Stimme und Gebärden, sonst zogen sie wohl einem scharfen Gericht wie einem Feste zu und freuten sich, wenn das Haupt eines Missetäters auf den Rasen fiel; diesmal war den meisten der Mut beschwert, entweder weil sie dem Helden Immo wohlgeneigt waren, oder weil sie dem Grafen Gerhard geringes Glück gönnten.
In gesondertem Haufen standen die freien Bauern vom Nessebach, in ihrer Mitte, der alte Baldhard mit Brunico und seinem Geschlecht, und Baldhard streckte den Arm nach dem Ring der roten Berge aus, auf welchen die Mühlburg ragte: »Seht dorthin.«
Auf dem Grunde lag der weiße Wasserdunst, darüber strahlten die Höhen wie abgelöst vom Erdboden und wie von eigener Glut durchleuchtet. An den waldlosen Stellen schimmerte das Erdreich hier rosenfarben und blau, dort blutig rot. »Schaut alle,« rief Baldhard, »gleich rotem Golde glänzt Erde und Stein. Manches Mal sah ich den alten Götterschein an den Höhen, und jedermann aus der Umgegend kennt das Gleißen, das man schwerlich an anderen Bergen schaut. Aber niemals erblickte ich solches Feuer, und bekümmert fragen wir, was das blutige Licht dem alten Landgeschlecht bedeute, gegen welches heute der Richterstuhl gezimmert wird.«
Alle starrten mit scheuer Verwunderung nach den Hügeln.
Und Ruodhard, der Müller begann: »Die letzte Nacht war still und der Mond stand am wolkenlosen Himmel, dennoch hörte ich im Berge ein Dröhnen und Brechen; wie mit schweren Hämmern arbeiteten Riesenhände in dem Gestein und ich sah, daß die Grauwölfe heulend die Nasen hoben und in den Berg hineinfuhren.«
Da rief eine rauhe Stimme: »Die in der Tiefe hausen, rüsten sich, um junge Helden zu empfangen, welche vom Tageslicht geschieden werden.«
Brunico stöhnte und wandte sich ab.
»Beklagst du die Söhne Irmfrieds?« frug die Stimme neben ihm. Brunico sah auf eine riesige Gestalt in einem Rock von Wolfsfellen, das buschige Haar des Mannes starrte wild um das Haupt, in dem Gurt steckte eine Axt mit neuem Stiel. »Jammervoll ist dieser Tag, Eberhard,« murmelte der Knappe.
»Du hattest dich einem von ihnen gelobt,« versetzte der Hirt finster, »ich aber war allen Sieben ein Knecht von den Vätern her. Darum bin ich neugierig zu sehen, wie meine Herren auf ihrem eigenen Grunde von einem Fremden geschlagen werden.«
»Wisse, Eberhard, der König selbst ist gekommen zu richten.«
»Bis heute waren die Söhne Irmfrieds Könige des Waldes, trifft ein fremder König die Sieben in den Nacken, wie mag ihr Knecht sich noch seinen Herrn suchen? Der Stiel ist neu und das Eisen ist scharf. Schwingt keiner der Herren die Axt in den Baum, so hebt der Knecht selbst die Axt zu einem Herrenwurf, und er wählt sich das Ziel. Von meinen Ebern bin ich entwichen, damit ich den fremden Richter schaue, weißt du mir ihn zu zeigen?«
»Du wirst ihn erkennen, wenn er auf dem Richterstuhl sitzt,« antwortete Brunico und wandte sich scheu von dem Wilden ab.
Der König ritt aus seinem Hofe auf das Feld hinaus. Die Leute sahen, daß er einen Hauptmann der Reisigen zu sich winkte, und daß dieser nach dem Lager der Königsmannen eilte. Gleich darauf tönten von dem Anger Hörner und das Getöse einer aufbrechenden Schar.
Als der König herankam mit großem Gefolge von Geistlichen und Laien, klang der Heilruf nicht freudig wie wohl sonst, und der König merkte das und schaute düster über die Haufen. Die Leute vernahmen, wie der Rufer Stille gebot und des Königs Gericht nach den vier Winden ausrief, und sie drängten schweigend an die Schranken. Als darauf Immo zum Hügel geführt wurde zwischen entblößten Schwertern und nach ihm seine Brüder, da hörte man trotz dem Gebot des Schweigens lautes Klagen und Jammern der Weiber, und viele knieten nieder, hoben die gefalteten Hände und taten Gelübde, damit die Heiligen sich der Angeklagten erbarmten.
Der König setzte sich auf den Richterstuhl und ergriff den weißen Stab, an welchem das goldene Königszeichen einer Lilie ähnlich glänzte. Erzbischof Willigis trat mit den Bischöfen und Edlen, welche der König zu Ratgebern gewählt hatte, vor den Stuhl und begann: »Da des Königs Würde selbst den Spruch tun will gegen den edlen Thüring Immo wegen Raubes einer Jungfrau und wegen Friedensbruch, so ist uns das Vorrecht geworden, im Rat zu sitzen über die Tat und die Rache. Denn so ist es Brauch, wenn der Spruch des Königs gegen das Leben eines Edlen geht. Was wir befunden haben, verkündet jetzt mein Mund dem Könige, wenn seine Hoheit es vernehmen will.« Der König winkte und der Erzbischof fuhr fort: »Gegen die ruchbare Tat des Helden Immo und seiner Brüder hat Graf Gerhard Klage erhoben wegen des nächtlichen Raubes seiner Tochter Hildegard aus dem Dach der Herberge, und daneben mein Vogt zu Erfurt wegen Friedensbruches und schwerer Verwundung seiner Reisigen. Darum möge die Gerechtigkeit des Königs erwägen, ob die schwere Tat verübt wurde gegen die Jungfrau selbst, gegen den Vater und gegen den Frieden der Stadt. Bekunden ehrliche Zeugen, daß der Mann Immo ein Räuber der Magd war, so büße er mit seinem Haupt und Leben. Hat er nur durch gezücktes Schwert den Frieden der Straße geschädigt, so möge der König ihn strafen, nicht an seinem Leben, aber an seinen Gliedern, an seiner Freiheit, an Gut und Habe, wie es dem König gefällt. Seine Gesellen aber, weil sie als jüngere Brüder die Treue des Geschlechtes erwiesen haben, möge der König strafen oder verschonen.«
Der König antwortete: »Ich rühme den Rat, den ihr Bischöfe und Herren gefunden, als gerecht und billig.« Aber hart war der Ausdruck seines Angesichts, als er auf die Gefangenen hinsah.
»Sind hier alle Söhne des toten Irmfried versammelt? Von sieben Nestlingen hörte ich singen und sagen.«
Gundomar trat heran. »Einer ist zurück, der jüngste Sohn Gottfried; schuldlos ist er, Herr, und hat keinen Teil an diesem Frevel seiner Brüder.«
»Ist er schuldlos, warum wird er dem Auge des Königs entzogen?« frug Heinrich, »brachtest du ihn von der Burg, so führe ihn her.«
Gundomar eilte aus dem Ring und Gottfried trat in die Schranken. Er trug das Panzerhemd, das ihm die Brüder geschenkt hatten, um das runde Gesicht ringelten sich die goldenen Locken. In holder Scham stand er da; auf eine leise Mahnung seines Begleiters trat er näher, kniete vor dem König nieder und senkte sein Haupt.
Der König sah überrascht auf den Knaben. Im Kreise der Herren erhob sich ein beifälliges Gemurmel und aus dem gedrängten Volke klangen Heilrufe der Männer und Segenswünsche der Frauen. Der König erkannte, daß die Edlen und das Volk ihn rühmen würden, wenn er dem Unschuldigen seine Gnade erwiese. Und da ihm der Knabe gefiel, so gedachte er bei sich, das Geschlecht nicht ganz zu vernichten, sondern diesen zu bewahren und er sprach gütig zu ihm: »Steh auf und sieh mir ins Gesicht.«
Gottfried starrte aus seinen großen Augen so erstaunt den König an, daß dieser lächelte. »Tritt näher,« gebot er, faßte den Knaben bei der Hand und strich ihm über die Wange. »In jungen Jahren trägst du das Eisenhemd, wer hat dich so früh mit dem Schwert gewappnet, du Singvogel? Noch ziemt dir nicht der wilde Flug. Danke den Heiligen, daß jene dich bei ihrem nächtlichen Ritt zurückließen.«
»Gern wäre ich mitgeritten,« antwortete Gottfried arglos, »und mich reut gar sehr, daß ich's verschlafen habe.«
Da lachten die Herren ringsum über die Kinderstimme und nickten einander zu. »Ich merke,« sagte der König, »wir sind hier in dem Lande, wo schon die Nestvöglein trotzig singen, wenn auch ihre Stimme noch fein ist. Daß du den Ritt verschlafen hast, Knabe, war dir diesmal größeres Glück als die beste Heldentat. Sieh auf deine Brüder; der einzige bist du aus deinem Hofe, der ein Schwert trägt, obgleich es in deiner Hand noch schwerlich tiefe Wunden schlagen wird.«
Gottfried sah erschrocken auf seine Brüder, gürtete sich schnell das Schwert ab und legte es dem König zu Füßen. »Verzeiht mir, Herr König, ich will nicht anders gehalten sein als meine Brüder, laßt mich das Unglück, das sie trifft, auch teilen,« und er lief von dem König zu den Gefangenen und stellte sich als letzter in ihre Reihe. Aber Gundomar ergriff ihn bei der Hand und führte ihn zum Stuhl des Königs zurück. »Hebe dein Schwert auf,« befahl der König gnädig, »damit ich dich selbst damit umgürte; als Kriegsmann sollen dich, Gottfried, Sohn des Irmfried, von heute an meine Edlen ehren.«
Da erhob sich ein Summen und Brausen in der versammelten Menge, und es verstärkte sich zu einem donnernden Heilruf für den König, so daß dieser wieder befremdet über das Volk sah. Denn die Leute hofften, daß die Huld, welche der König dem Jüngsten erwies, eine gute Vorbedeutung sei für das Schicksal der anderen Brüder. Aber solche, die den König zu kennen meinten, urteilten anders.
Der König gebot: »Führt die Jungfrau herein.«
Gestützt auf Edith trat Hildegard in die Schranken. Ein beifälliges Murmeln ging durch die Versammlung, als die Frauen vor den Königsstuhl traten. Würdig verneigte sich Edith und stand mit gehobenem Haupte in der Versammlung; und der König, welcher gedachte, daß sie sich stolz hielt, weil sie von den Ahnen her dem königlichen Stamme verwandt war, faßte mit der Hand an die Lehne seines Stuhles und hob sich ein wenig aus dem Sitz, indem er sich gegen sie neigte, um die Abkunft zu ehren. Ediths Augen suchten die Söhne. Als sie Immo erkannte, das bleiche Antlitz und die schmerzvollen Züge, da tat sie einen Schritt auf ihn zu, aber sie bezwang sich und hob nur die Hand segnend gegen ihn. Neben ihr stand Hildegard, die Augen zum Boden gesenkt, ängstlich griff sie nach der Hand ihrer Begleiterin, um sich daran zu halten. »Dies ist deine Tochter Hildegard, Graf Gerhard?« frug der König, und als der Graf sich bejahend verneigte, fuhr er fort: »Wenig gleicht sie dir, doch auch vom knorrigen Stamme kommt süße Frucht. Wahrlich, mancher von meinen jungen Helden wird über die Missetat des Räubers nicht erstaunen. Fasse Mut, Jungfrau, denn der Richter, welcher jetzt frägt, ist dir wohlgesinnt. Über dem Thüring Immo hängt die Klage, daß er dich mit Gewalt und entblößtem Schwerte aus dem Frieden meiner Burg Erfurt geraubt und durch seine Gesellen in sein festes Haus geführt hat. Ob es Raub einer Jungfrau war, die widerwillig der Gewalt folgte, das erkennt der Richter aus dem Notschrei der Geraubten; denn wie dem Mann das gezückte Eisen, so hilft der Jungfrau die Stimme. Hast du dich gesträubt gegen die Entführung durch abwehrende Hand, und wenn die Hand gebändigt war, durch den Mund, so sprich, damit wir dein Magdtum ehren und die Tat des Räubers erkennen.«
Hildegard hielt sich an Edith fest. Es wurde so still im Raum, daß man das Summen einer Mücke gehört hätte, aber kein Laut drang aus den zuckenden Lippen der Jungfrau.
Da trat Erzbischof Willigis zu der Schweigenden und sprach mit väterlicher Milde: »Zum Dienst der Heiligen bist du bestimmt; deshalb mahne ich dich freundlich, daß du alle Furcht abtust, denn du sprichst jetzt für deine eigene Ehre. Der Richter frägt, ob der Mann, der zu dir in die Herberge drang, dein Trauter war oder dein Räuber. Darum, hast du dir Hilfe gefordert, so antworte nur ein: Ja, ich habe.«
Im Angesicht der Jungfrau wechselte Blässe und hohe Röte, aber sie schwieg. Wieder ging ein Geflüster durch die Versammlung und manche Lippe verzog sich zum Lächeln. Graf Gerhard aber drängte sich vor und rief ängstlich: »Möge die Hoheit des Königs Nachsicht üben mit meinem armen Kinde, dem jetzt die Angst und Scham den Mund verschließt. In jener Nacht aber hat sie gerufen, wie einer sittsamen Jungfrau geziemt, Zeter und Waffen, und hat sich gesträubt, so sehr sie vermochte, als die Räuber sie auf das Roß schwenkten.«
»Da du selbst den Schrei nicht gehört hast, und die Jungfrau nicht reden will, so rufe Zeugen, wenn du deren hast,« gebot der König.
Graf Gerhard eilte an die Schranken und führte den Wirt des Hessenhofes herbei. Der Mann kniete nieder und bekannte: »Laut gellte der Notschrei einer Weiberstimme aus dem Gemach, in welchem die Jungfrau rastete, und als ich vom Lager sprang und mit meiner Waffe in das Zimmer eilte, fand ich es leer, auf der Straße sah ich Reiter davonsprengen und erkannte, daß einer die Jungfrau vor sich auf dem Rosse festhielt.«