Das Nest der Zaunkönige Erzählung aus dem Anfang des 11. Jahrhunderts
Part 22
Frau Edith hatte recht verkündet. Als der König durch reitende Boten des Erzbischofs die Kunde von dem Raube der Jungfrau erhielt, da hemmte er, wie sehr auch sein Herz sich nach dem Süden sehnte, sogleich die Fahrt und kam mit den Edlen und den Heerhaufen, welche um ihn gesammelt waren, über die Werra zurück. Der Erzbischof ritt ihm entgegen. Er fand den König hocherzürnt und wortkarg, und als er ihm von dem Raube berichtete, unterbrach ihn der König heftig: »Wer ist Kläger?« Und da der Erzbischof erwiderte: »Ich selbst durch meinen Vogt, und der Vater der Jungfrau,« hob der König drohend die Hand und rief: »Sagt dem Grafen, er soll seine Pflicht nicht säumig tun, denn des Königs Auge ist noch über ihm.« Zuletzt sprach der Erzbischof: »Ist auch die Stunde ungünstig, um die Verzeihung des Königs zu erbitten für einen andern, der in Ungnade lebt, so darf ich doch dem Flehenden mich nicht versagen, da er ein Geweihter ist. Der Mönch Tutilo begehrt, sich vor dem König zu demütigen; unstet treibt er umher im Zwist mit seinem Abte, er kam von Ordorf zu mir und stöhnte, daß ich ihm die Huld des Königs wieder erwerbe.«
»Er hat also Lust, die Rute zu küssen, wie die andern Empörer seines Geschlechtes getan haben,« spottete der König. »Manchen bessern Anblick weiß ich, als einen hochfahrenden Mann, der widerwillig die Knie beugt und seine Miene zur Demut zwingt. Doch da dem Könige nicht ziemt, gegen einen Mönch zu hadern, so laßt ihn herein.«
Kaum hatte der Erzbischof das Gemach verlassen, so lag Tutilo vor dem Könige auf dem Fußboden. Als der Mönch nach kurzer Unterredung mit gesenktem Haupt, einem reuigen Manne ähnlich, entwich, trat Heinrich in den Saal, in welchem sein Gefolge harrte, und rief: »Ihr sagtet mir, ehrwürdiger Vater, daß der Räuber Immo spurlos verschwunden sei, wenn er nicht etwa bei seinen Genossen auf der Mühlburg hause, ihr waret im Irrtum.« Und er rief Gundomar und gab ihm einen leisen Befehl.
An demselben Tage ritt eine Schar Königsmannen dem Dorfe zu, in welchem der Hof des Bauern Balderich lag. Die Reiter umstellten das Dorf und drangen unter harten Drohungen in den Hof. Gundomar trat mit dem Königsvogt von Erfurt in die Kammer, in welcher Immo saß. Dieser wandte sich finster ab, als er seinen Oheim erblickte, aber dem Vogt reichte er die Hand. »Mir tut's von Herzen leid, Held Immo,« sprach dieser traurig, »daß ich dich zur Stelle dem König überliefern muß.«
»Ich vermag mich nicht zu wehren, wie du siehst,« antwortete Immo ruhig, »nur eine Bitte erfülle mir, verhindere deine Reisigen, daß sie den Leuten hier einen Schaden an Leib und Gut zufügen, denn aus Mitleid haben diese mich aufgenommen, als ich hilflos vor ihrer Schwelle lag.« Das versprach der Vogt.
Am andern Morgen sahen die von der Burg in der Morgensonne blinkende Speere und wehende Banner; der König hielt mit seinem Heerhaufen bei dem nahen Dorfe, in welchem die Sachsenkönige seit alter Zeit einen Hof hatten, das Königsbanner ließ er auf einem Hügel errichten, der zu dem Erbe Irmfrieds gehörte, und rings herum die Wagenburg schlagen. Aus dem Heerlager bewegte sich zur Mühlburg langsam ein friedlicher Zug, an dessen Spitze der Erzbischof Willigis ritt und neben ihm der Mönch Reinhard. Edith selbst mit ihren sechs Söhnen empfing die frommen Väter am Tor und geleitete sie in die Halle. Sie begann, auf ihre Söhne weisend: »Als ich zum erstenmal nach meiner Vermählung vor dem Altar kniete, erbatet ihr, hochwürdiger Vater, den Segen der Himmlischen für mein Leben; hier seht ihr, was ich von meinem Glück zu bewahren vermochte. Daß ihr jetzt in unserer Not zu uns kommt, dafür danke ich dem Ewigen, denn als eine gute Vorbedeutung sehe ich euer geweihtes Haupt in diesen Mauern.«
»Ich komme nicht als Bote des milden Himmelsgottes,« versetzte Willigis, »sondern als Diener eines strengen Richters. Eile hinauf, gebot er mir, zerwirf das Nest unholder Vögel und bringe mir die Brut herab unter meine Hand. Darum übergebt euch der Gnade des Königs ohne Widerstand, denn scharf ist sein Zorn und schnell folgt seinem Willen die Tat.«
Odo versetzte ehrerbietig: »Wir stehen hier in festen Mauern unter treuen Schwurgenossen, wir haben nicht die Wahl, ob wir die Feste und die Jungfrau dem König ausliefern wollen oder nicht, denn unser Bruder Immo, der hier gebietet und heute fern ist, befahl uns, beide zu halten gegen jedermann.«
Da entgegnete der Erzbischof: »Es ist eures Bruders Hals, um den ich sorge, wenn ich von euch die Ergebung fordere. Denn wisse, Geschlecht Irmfrieds, Held Immo liegt gefangen in des Königs Gewalt.«
Edith rang die Hände gegen den Himmel und die Brüder traten bestürzt zusammen.
»Diesen Morgen brachten Reisige des Königs den Verwundeten in das Lager, sein Versteck wurde dem König durch einen Feind verraten.«
»Tutilo,« schrie die Mutter entsetzt.
»Seitdem hält der König fest, was euch zwingt. Liefere mir die Nestlinge des toten Irmfrieds, befahl der König, bevor die Sonne zur Mittagshöhe gestiegen ist; wenn sie länger zaudern, so lasse ich den Gefangenen an den Fuß der Mühlburg führen, wo man von der Höhe sein Haupt sehen kann, und ich werfe sein Haupt auf den Grund. Austilgen will ich den frechen Trotz, der Landrecht und Königsmacht mißachtet, und ausbrennen will ich die Mauern, hinter denen die Räuber mir widerstehen. Darum wollt ihr, junge Helden, den Bruder vor jähem Tode bewahren, so folgt mir aus der Burg zum Könige. Wenn er eure Ergebenheit sieht, wird sein Sinn eher der Gnade zugänglich und dem Rat solcher, welche euch Gutes wünschen.«
Da wandte sich Odo zu seinen vier Brüdern: »Unsere Lose warfen wir am Herdfeuer, als wir uns dem Bruder gelobten. Wenn wir willig waren, in den Gassen der Stadt unser Leben für das seine zu wagen, so müssen wir dasselbe vor dem Schwert des Königs tun. Ich bin bereit, den Priestern zu folgen. Vier von euch lade ich, daß sie zu mir treten.«
Da traten alle Fünf auf seine Seite, Odo aber wies seinen Bruder Gottfried zu der Mutter: »Nach dem Willen des Gefangenen gehörst du zu ihr, und dir ziemt auch jetzt diesen Willen zu ehren. Hochwürdiger Herr, wir sind gerüstet, euch zu folgen. Wir allein, denn nur wir fünf waren Genossen des Bruders bei der Tat. Die Burg unseres Geschlechts aber, die Dienstmannen und die Braut des Bruders vermögen wir euch nicht zu übergeben; darüber zu entscheiden, steht bei unserm Bruder Immo, wenn er auch gefangen ist; und solange wir nicht deutlich erkennen, daß er die Übergabe fordert, dürfen wir Brüder sie nicht vollbringen. Darum lege ich die Gewalt über die Burg und über alles, was sie umschließt, in die Hand unserer Mutter. Sorge du, Mutter, für Braut und Erbe deines Sohnes Immo, uns aber segne, da wir uns von dir scheiden.«
Die fünf Brüder warfen sich vor der Mutter auf die Knie und küßten ihr Hände und Gewand. Sie riß bleich und tränenlos einen der Liegenden nach dem andern an ihr Herz, ihre Lippen bewegten sich im Gebet, aber man vernahm keine Worte. Und als die Fünf der Tür zuschritten, stürzte sie ihnen nach und umfaßte ihnen noch einmal Hals und Haupt, bis sich die Weinenden von ihr lösten.
Die geistlichen Boten hatten der Trennung teilnehmend zugesehen, obgleich sie gewöhnt waren, alle irdische Liebe als nichtig zu betrachten. Jetzt begann der Erzbischof: »Den redlichen Entschluß eurer Söhne, edle Edith, will ich gern dem König rühmen; die Helden haben wohlgetan, dem Urteil der Mutter zu vertrauen, denn als fromm und weise wird sie im ganzen Lande geehrt.«
»Sechs junge Leben, die mir gehören, hat König Heinrich für sich genommen, was will er von der verwaisten Mutter noch mehr?«
»Die Burg und die geraubte Jungfrau, die eure Söhne darin bewahren, begehrt er von euch.«
»Die Braut meines Sohnes Immo gehört in das Frauengemach, in welchem die Mutter gebietet, und nicht in das Heerlager des Königs. An die Burg aber hat der König völlig kein Recht, und ich bewahre sie selbst um der Lebenden und Toten willen.«
»Denkt in eurem Schmerz auch daran, edle Frau, daß eure Söhne durch ihre Missetat dem Spruch des Königs verfallen sind.«
»Sind meine Söhne schuldig zu büßen für eine schwere Tat, so bin ich, ihre Mutter, in derselben Schuld. Denn Blut sind sie von meinem Blut, und wenn sie jetzt auch auf ihren eigenen Beinen dahinschreiten, wohin sie ihr Mut treibt, meine Seele wandelt mit ihnen allen bei Tag und bei Nacht. Dies Geheimnis einer Mutter vermag kein Priester zu begreifen. Haben sie Missetat geübt, so bin ich dem Richter verfeindet, wie sie; und gleich ihnen will ich das Erbe des Geschlechts bewahren gegen jedermann, auch gegen den König selbst.«
»Hütet euch, Frau,« mahnte der Erzbischof, »freiwillig eure schuldlose Seele mit derselben Schuld zu beladen, welche auf jenen liegt. Denn nicht nur den irdischen Richter haben sie erbittert, auch dem Himmelsherrn haben sie geraubt, was ihm zukam, als sie eine Jungfrau entführten, die geweiht werden sollte. Darum sorgt für das Heil ihrer Seelen, indem ihr die Jungfrau zurückgebt, sonst möchte der große Richter des Himmels sich ungnädiger erweisen als König Heinrich, und eure Söhne für ihre Tat hinabstoßen in das Reich des üblen Drachens.«
Da rief Edith mit flammenden Augen: »Und wenn wahr wäre, was ihr sagt, und wenn der große Himmelsgott ihnen die Wolkenhalle verschließt um so kleine Schuld, weil sie den Besitz eines geliebten Weibes begehrten und weil sie alle treu waren in der Not; meint ihr, ehrwürdige Väter, daß die Mutter allein im Himmelssaal kauern wird, getrennt von ihren Kindern? Werden diese verworfen, so will auch ich verworfen sein, lieber will ich meinen sieben Knaben ihre Becher und Schüßlein in der finstern Hölle zureichen, als fern von meinen Kindern euch, ihr Heiligen, in der strahlenden Burg des Himmels.«
Der Mönch Reinhard warf sich auf die Knie und Willigis schlug schnell das Kreuz. Er war ein alter und gestrenger Herr, der eifrig für die Kirche sorgte. Aber als Frau Edith so empört vor ihm stand, höher als sonst und einem Weibe aus der Urzeit ähnlich, da dachte er daran, daß sie von den wilden Sachsen herstammte, wie er selbst auch; und obschon ihm graute, so kam ihm doch vor, als ob er wohl auch so reden könnte. Aber seiner Würde gedenkend, zog er sein Gewand zusammen und wandte sich zum Abgang. »Wer die Strafen der Menschen nicht scheut und die Strafen der Ewigkeit nicht über alles fürchtet, mit dem hat ein Priester nichts mehr zu reden.«
Edith jedoch faßte ihm das Handgelenk mit eisernem Griff. »Haltet an, ehrwürdiger Vater, ihr selbst und wohl auch andere haben mich in meinem Glücke über Gebühr gerühmt als ein gottseliges Weib, das den Heiligen treu diene. Weshalb meint ihr wohl, bin ich verwandelt? Den ältesten Sohn habe ich verloren, weil ich nach eurem Rat forderte, daß er gegen seinen Wunsch der Kirche diene und diese Burg den Heiligen übergebe. Als er sich weigerte, habe ich ihm gezürnt und mein Auge hat ihn seitdem nicht wieder gesehen. Finstern Gedanken habe ich seine junge Seele preisgegeben, gerade als er den Rat und die Liebe der Mutter am meisten bedurft hätte. Untreu war ich als Mutter, weil ich den Heiligen zu getreu diente. Jetzt ist er, wie ich fürchte, in dieser Welt für mich verloren, und diese Burg, die der König ein Nest unholden Geflügels nennt, soll zerworfen werden durch Eisen und Feuer. Versucht das rühmliche Werk, laßt eure Knechte kommen mit der Haue und dem Brande, stürmet die Mauern, erschlagt meine Getreuen und führt hinaus an Strick und Kette, was ihr hier an lebenden Häuptern findet. Einen Leib werdet ihr dennoch zurücklassen. Folgt mir, ihr Geweihten, zu der Stelle, die auch ihr ehren solltet, wenn ihr eures Amtes denkt.« Sie zog den Erzbischof aus der Halle über den Hof und öffnete die Tür der kleinen Kapelle. Es war nichts darin als ein Altar mit dem Kreuz darüber. »An dieser Stätte hat der große Verkünder Winfried einen Stein der Heiden geworfen und sein Genosse Wigbert hat darüber den Altar geweiht. Euch, Erzbischof, und dem frommen Könige sollte dieser Ort ehrwürdig sein, und ich meine, ihr solltet für Frevel halten, dies Mauernest zu zerreißen und den Flug der Vögel, welchen hier die Heiligen ihren Sitz geweiht haben. Was ihr tun wollt, steht bei euch, was ich tun will, berge ich euch nicht. Brecht ihr das Haus, dann wird dies die Stätte, wo ich ausharre unter berstenden Mauern und brennenden Balken. Sagt dem König, daß hier das Grab der Edith ist, und daß die Mutter der sieben Knaben keine andere Antwort für ihn hat.« Sie warf sich am Altar nieder, die Sendboten verließen schweigend den Raum.
»Wilde Worte hörten wir,« begann der Erzbischof zu Reinhard, als sie herabritten. »Doch auch der schüchterne Vogel wandelt seine Art, wenn ein Feind die Krallen nach seiner Brut ausstreckt.«
Reinhard antwortete seufzend: »In meinem Herzen fühle ich den Jammer über das Schicksal, welches diesem Geschlecht bereitet wird. Hochwürdiger Vater,« bat er, die Hände faltend, »wenn jemand den Helden Immo vom Tode zu retten vermag, so ist eurer Weisheit diese gute Tat vorbehalten.«
Der Erzbischof schüttelte das Haupt. »Du kennst noch zu wenig den Sinn dieses Königs. Meinst du, daß Heinrich seine Reise unterbrochen und uns alle als Zeugen seines Tuns mitgeführt hätte, wenn er nicht seine eigene Macht erhöhen wollte, indem er die Häupter eines edlen Geschlechts auf den Rasen wirft. Selbst wenn er dem Schuldigen nicht feindlich denkt, ja auch, wenn er die Missetat in seinem Herzen entschuldigt, ihm ist doch willkommen, sich vor seiner Kriegsfahrt als strenger Richter zu erweisen. Denn die Trauer über des Richters Spruch fühlen nur wenige, die Kunde aber, daß er wieder einen Räuber aus der Zahl der edlen Schildträger getroffen hat, fliegt durch das ganze Land, sie schreckt die Argen und gewinnt dem König die Herzen der Friedlichen. Auch hat der König hier wenig um die Rache mächtiger Herren zu sorgen, denn einsam und ohne großen Anhang von Lehnsleuten haust das Geschlecht am Walde.«
»Dennoch vernahm ich, daß der König einst den Helden Immo wert hielt,« warf Reinhard bittend ein.
»Mir aber scheint sein Sinn gegen ihn verhärtet,« versetzte der Erzbischof, »vielleicht weil Held Gundomar dem Jüngling feind ist, vielleicht wegen anderem. Nicht umsonst wurde König Heinrich in Klosterzucht gezogen, er hat gelernt, was dem Manne am schwersten ist, seine Gedanken zu verbergen. Dreien Königen habe ich in die Tiefe ihrer Seelen gespäht, jetzt handle ich mit dem vierten, und eifriger als die früheren dient er der Kirche durch Huldbeweis und reiche Spenden. Dennoch erkenne ich zuweilen unter dem Lammfell die Tatze eines Raubtiers, und ich merke, wenn er sich vor den Heiligen am tiefsten demütigt, denkt er am meisten an den eigenen Vorteil. Mich aber freut die kluge Art, denn auch wir sind nicht einfältig, und beide verstehen wir, wo unser Vorteil gemeinsam ist.«
Am Fuß des Berges gab der Erzbischof seinem Gefolge ein Zeichen, die Reisigen rückten im Kreis um das Geschlecht Irmfrieds, und Willigis begann zu Odo: »Steigt von den Rossen, ihr jungen Helden, und gebt eure Waffen meinem Hauptmann, daß er sie euch bewahre.« Die Brüder saßen unbeweglich, sahen drohend auf den Herrn und zogen ihre Schilde am Arm herauf. »Demut rate ich euch, wenn ihr dem Leben des Bruders nützen wollt; du selbst weißt, edler Odo, daß du nicht hoch zu Roß dem Könige vor die Augen reiten darfst. Denn er fordert, daß ihr euch ihm ergebt, und barhaupt, mit den Füßen im Staube müßt ihr ihm nahen.« Die Brüder sahen einander grimmig an und Erwin gebot leise: »Schließt euch zusammen, damit wir wenden und rückwärts durchbrechen.« Aber Ortwin mahnte: »Dann stolpern die Rosse über das Haupt unseres Bruders,« und Odo sprach: »Der Pfeil flog vom Bogen, wir ändern nicht mehr seinen Lauf, taucht zur Erde und fügt euch.« Da sprangen sie von den Rossen, hingen die Schwerter ab, lösten die Helme und schritten zu Fuß unter den Bewaffneten dem Lager zu mit gerötetem Antlitz und Tränen der Scham in den Augen. Vor dem Lager ritt Willigis noch einmal zu ihnen und riet in guter Meinung: »Leichter biegt sich im Sturm der junge Stamm als der alte, und er schnellt auch wieder in die Höhe und breitet seine Wipfel lustig in der Sonne. Denket daran, daß der König vor allem Demut fordert; vermögt ihr sie nicht in eurer Rede zu erweisen, so werdet ihr euer Heil am besten bedenken, wenn ihr schweigend kniet.«
Der König hielt auf seinem Roß mit großem Gefolge, er sah finster über die Söhne Ediths, welche schwerfällig die Knie beugten. »Trotzig finde ich die Waldleute noch in ihrer Haft. Wo habt ihr die Jungfrau? Auch erkenne ich nicht des Königs Banner auf der Burg.«
Willigis antwortete: »In der Burg gebietet die edle Edith und sie weigerte mir die Jungfrau, welche, wie sie sagte, in Frauenzucht gehöre und nicht in ein Heerlager, da sie die Braut ihres Sohnes sei. Und weil Frau Edith aus edlem Sachsengeschlecht stammt, welches in alter Zeit mit dem Hause des Königs befreundet war, so hielt ich für Recht, daß der König selbst gebiete und der Sachsenfrau seinen Willen verkünden lasse. Denn schwere Worte sprach die Mutter in ihrem Schmerz, und ich fürchte, sie begehrt sich den Tod im brennenden Hause.«
Der König zog den Mund zu einem herben Lächeln. »Ich sah Frau Edith einst, als ich ein Knabe war. Meint sie mit dem König zu streiten, weil er sie damals im Kinderspiel auf die Hände schlug. Ist sie so bereit, die Pfänder zu verlieren, welche ich von ihr in der Hand habe? Ein Ende will ich machen mit dieser Widersetzlichkeit. Führt die Räuber ab, doch so, daß sie sich nicht ihrem Bruder gesellen. Euch, hochwürdiger Vater, bitte ich, zur Stelle mit den Fürsten und Edlen, welche mir folgen, im Rat niederzusitzen über den Raub der Jungfrau, damit ihr mir eure Meinung erklärt, die ich gern beachte, soweit ich vermag. Denn ich selbst will richten.« Und sein Pferd wendend, rief er Gundomar zu sich. »Dies geht dich an,« sprach er gütiger, »denn ist dir das Haus des toten Irmfried auch verfeindet, so wirst du doch um deiner eigenen Ehre willen dafür sorgen, daß die Frauen nicht in ihrer Torheit das Schicksal der Männer teilen. Reite hinauf und sage ihnen mein Gebot, daß sie vor mir erscheinen.«
Gundomar vernahm die Botschaft mit umwölkter Miene. »Hartes gebietet der König,« murmelte er, »mein Fuß betrat die Mauer nicht seit den Jahren meiner Jugend.«
Aber mit blitzenden Augen rief der König: »Willst auch du mir widerstehen? In guter Meinung sprach ich zu dir. Wahrlich, es ist Zeit, eine Warnung zu geben, denn unbändig und eigenwillig gebärdet sich jeder in dieser Waldecke.«
Da warf Gundomar sein Roß herum, winkte mit der Hand, daß seine Ritter ihm folgten, und sprengte dem Berge zu. Weit vor den anderen fuhr er dahin, und die Hofleute sahen freudig auf den streitbaren Helden. Doch hätten sie sein Antlitz geschaut, die Angst darin hätte sie gewundert. Als er den steilen Bergweg hinaufritt, sank ihm das Haupt auf die Brust und er seufzte schwer. Vor dem Wallgraben hielt er still wie einer, der nicht ganz bei sich ist, er vergaß sein Begehr, zum Turme hinaufzurufen und vernahm auch nicht, daß der Vogt ihn anschrie. Erst als der drohende Ruf zum zweiten Male erklang, hob er das Haupt und starrte wie ein Träumender um sich. Da rief der alte Berthold: »Ein Antlitz sehe ich, das ich vorzeiten fröhlicher schaute. Bringst du Frieden, Herr, so harre, daß ich dich unserer Herrin verkünde.« Er eilte von der Mauer, nicht lange und das Tor wurde geöffnet, Gundomar winkte seinem Gefolge zurückzubleiben und ritt allein in den Hof. Auch dort zögerte er abzusteigen und zuckte am Zügel, als ob er wieder hinauswenden wollte. Aber neben ihm erhob sich die alte Gertrud vom Boden: »Graues Silber glänzt in deinem Haar, aber deine ersten Locken wuchsen, als ich dich auf dem Arme trug. Kannst du dem Weibe deine Hand reichen, das allen Söhnen Irmfrieds als Wärterin diente, so sei gesegnet.«
Gundomar schüttelte das Haupt und Gertrud rief zornig: »Sieh dorthin, du Held, der Schlehenstrauch steht noch an der Mauer. Weiß ist die Blüte, aber schwarz die Frucht; dort trank der Boden das Blut zweier Brüder, die im Todeshaß gegeneinander schlugen. Dort binde dein Pferd an, du Feind des Geschlechts. Sechs Söhne Irmfrieds sind deiner Rache verfallen, nur das jüngste Kind ist noch übrig; ich denke, du kommst, auch mit dem letzten den Kampf zu beginnen.«
»Schweig, Alte,« versetzte Gundomar grimmig, »führe mich zu deiner Herrin.«
Gertrud wies auf die kleine Kapelle. »Traust du dich den Ort zu betreten, wo die Sünden vergeben werden, so wirst du sie finden.«
Schwerfällig stieg der Held ab und trat in das Heiligtum. An einer Ecke des Altars saß Edith auf den Stufen, sie wies auf die andere Seite. »Dort sitze nieder, Gundomar, denn die Nähe der Heiligen tut uns beiden not, wenn wir miteinander reden.«
Gundomar warf sich auf die Stufen des Altars, und es war ein langes Schweigen im Raume. Als er sich aufrichtete, warf er scheue Blicke nach Edith und sprach abgewandt: »Eine Lüge ist es, daß die Zeit das Herz des Menschen wandelt. Die Wunde brennt heute, wo ich dich wiedersehe, wie vor fünfundzwanzig Jahren. Die Krallen des Hasses und der Eifersucht fühle ich, wie damals, wo ich dich verlor; und was die Priester als schwere Sünde strafen, das hege ich unablässig in meinem Innern, den heißen Wunsch, der mich zu dir treibt.«
Edith wandte ihm ihr Antlitz zu: »Du siehst eine Mutter, die ihre Söhne großgezogen hat und im Witwenschleier des toten Gemahls gedenkt.«
»Blicke mich nicht an mit deinen Augen, deren lichter Glanz mich einst selig machte. Nicht die Mutter erkenne ich und nicht die Witwe eines anderen, nur das Weib, das ich selbst begehrt habe.«
Edith schob ihr Gewand zusammen und wandte sich ab.
Aber Gundomar fuhr fort: »Wie im Traum habe ich dahingelebt alle diese Jahre, nur meine Sehnsucht nach der einen und mein Haß gegen einen anderen haben wahrhaft in mir gebrannt; alles übrige war mir wie ein Spiel der Gaukler. Oft habe ich gebüßt und die Geißel über meinem Rücken geschwungen, aber fruchtlos war das Fasten und vergeblich die Schläge, denn die bösen Feinde versuchten mich immer wieder. Noch hier merke ich sie,« raunte er scheu um sich blickend. »Vieles habe ich auf Erden erlebt, sündige Liebe und sündigen Haß, ich sah, wie man eine Krone gewinnt und was die Herrlichkeit der Welt wert ist. Unterdes, wenn die warme Himmelssonne mich bescheint, fühle ich den Eisfrost in meinen Gliedern, verleidet ist mir diese Erde und ich schmecke die Galle aus dem Honig. Mich jammert, daß die Menschen so begehrlich sind nach Goldschmuck und Kampfspiel und nach nichtiger Ehre. Das sage ich dir, da ich dich wiedersehe gegen deinen Willen, damit du mich nicht hassest, wenn du an mich denkst. Denn nur an deiner Meinung ist mir gelegen, um die andern sorge ich wenig. Ich ringe und suche, was mir die Kraft gibt, zu überwinden, damit mir das ewige Erbarmen nicht fehle.«
Edith wies nach dem Kreuz auf dem Altare: »Meide den König und suche dir einen anderen Herrn.«
»Ich denke daran bei Tag und Nacht,« antwortete Gundomar leise. Und sich erhebend, fuhr er mit verändertem Tone fort: »Der König sandte mich. Forderst du meinen Rat, so weißt du, daß ich dir nichts berge.«
»Rate mir, so wahr du ein Sohn dieses Geschlechtes bist.«
»Dem König liegt am Herzen, seine Hoheit in einem Herrengericht zu erweisen. Dazu bedarf er die Geraubte und dich ladet er zur Mehrung des Ansehens. Ich rate dir, daß du gehst. Denn der wird den Königen am meisten verhaßt, der sie hemmt, wo sie vor dem ganzen Volk ihre Würde erweisen wollen.«