Das Nest der Zaunkönige Erzählung aus dem Anfang des 11. Jahrhunderts

Part 21

Chapter 214,050 wordsPublic domain

Vor ihnen knarrte ein Karren und knallte eine Peitsche. »Der Wagen fährt auf unsere Dörfer zu,« rief Brunico erfreut, »ich meine, es ist ein Nachbar, der sich in der Stadt verspätet hat.« Er rief den Wagen an und führte das Pferd zu ihm hin. »He, Landgenoß, kennst du den Freien Balderich im Dorfe vor uns?«

»Vielleicht kenne ich ihn,« versetzte der Mann, mit der Peitsche knallend.

»Willst du helfen, einen Verwundeten heimlich nach seinem Hofe zu schaffen, so soll dir ein guter Lohn werden.«

»Es kommt darauf an, wer der Wunde ist,« versetzte der Mann auf dem Karren. Als aber Brunico ihm näher kam, wandte er sich heftig ab. »Dies Gesicht kenne ich, ich sah dich unter den Disteln, verflucht sei die Hand, die sich dir zur Hilfe rührt.« Brunico zog sein Schwert.

»Laß den Mann in Frieden,« befahl Immo, aber er selbst glitt kraftlos vom Roß in die Arme des Getreuen. Der Fuhrmann beugte sich über ihn. »Halt,« rief er, »auch diese Stimme erkenne ich. Kann euch mein Wagen helfen, Herr, so hebe ich euch herauf. Es sind dieselben Räder, die ihr in meiner Not aus dem Wasser hobt.«

Immo nickte schwach mit dem Haupt. »Ladet mich auf.« Die beiden Männer hoben ihn auf den Wagen, der Fuhrmann Hunold breitete eine Decke und rückte die Strohbündel. »Euch schaffe ich in das Dorf, der andere möge sich fern halten von meinem Messer.«

Immo streckte die Hand über das Wagengeflecht. »Fort mit dir, Gespiele.« Der Knappe warf sich mit einem Seufzer auf das Pferd und trabte dem Holze zu, während der Fuhrmann ihm zornig nachsah.

Hinter dem Wagen klang schneller Hufschlag. Hunold sah sich um und zog die Decke über den Liegenden. Bewaffnete sprengten heran und frugen barsch nach Namen und Fahrt. Auf die Antwort des Führers, daß er ein Mann des großen Bischofs sei, klang die Gegenfrage, ob er Reiter gesehen habe.

»Sicher sah ich sie, kaum ein Viertel Weges zurück am Kreuze, zwei Männer auf einem Pferde,« und er wies rachsüchtig dorthin, wo Brunico in der Dunkelheit verschwunden war. »Ihr mögt die Spur erkennen, denn sie liegt rot auf dem Wege.« »Sie sind es,« riefen die Reiter und stoben zurück bis zum Kreuzwege.

Aber sie erreichten weder Roß noch Reiter. Denn Brunico war, als er sich in der Dunkelheit allein sah, vom Hengst gesprungen und hatte das zitternde Tier mit einem Schlage vorwärts getrieben. »Hilf dir allein, wenn du kannst, ich denke, den Weg nach deinem alten Stalle kennst du. Ich laufe dem Karren nach Balderichs Hof vor, damit der Alte und mein Mädchen über das Brautgeschenk, das ich ihnen sende, nicht allzusehr erschrecken.«

11.

Die Mutter auf der Burg.

Von den Mauern der Mühlburg spähten Immos Brüder die ganze Nacht sorgenvoll nach der Tiefe, immer wieder erwogen sie, ob er getötet sei, ob er in Erfurt gefangen liege, oder ob er sich auf einem Umweg in die Berge schlagen und zu ihnen kehren werde. Jedes Rauschen im Holz, jede Tierstimme im Walde dünkte ihnen ein Zeichen des Nahenden. Als der Morgen graute, sandten sie Läufer in die Dörfer, welche ihnen gehörten, und forderten heimlichen Zuzug ihrer Dienstmannen, und zwei von ihnen warfen sich mit den Knechten in das Gehölz, wo ein gedeckter Anritt zu den Bergen möglich war. Aber friedlich lag die Landschaft, auch von dem Turm des vorderen Berges, der am weitesten die Ebene nach Erfurt überschaute, vermochten sie nichts zu erkennen, nur einzelne Reiter sahen sie hie und da auf den Feldwegen, und ihre spähenden Knaben verkündeten, daß es Reisige des Erzbischofs waren, welche vorsichtig bei den Bauern nach der flüchtigen Schar forschten, aber den Rand des Gehölzes vermieden. Als die Sonne im Mittag stand, rief Ortwin: »Nicht länger vermag ich die Unsicherheit zu ertragen, es bringt uns wenig Ehre, hinter den Mauern zu harren, während der Bruder in Not ist; ich sattle und reite nach dem Hofe der Mutter und weiter der Stadt zu, damit ich Bericht einhole, sei er böse oder gut.«

»Ich widerrate,« versetzte Odo, »daß du der Mutter unter die Augen trittst, denn besser ist es, daß sie völlig keinen Teil habe an unserm Handel und fortan ebensowenig der Jüngling Gottfried, so wollte es auch unser Bruder Immo. Der Jungfrau aber hier auf dem Berge dient die alte Gertrud, welche die Mutter auf meine Bitte gestern dem Bruder gesandt hat. Auch deinen Ausritt vermag ich nicht zu loben, leicht könnten wir noch dich verlieren; besser gefällt mir, daß wir den Müller Ruodhard schicken, er versteht die Leute auszufragen und hat überall eher Frieden, als ein anderer.«

Der Rat gefiel den Brüdern und Ruodhard stieg eilig von dem Berge. Auf dem Herrenhofe fand er alles in Schrecken und Verwirrung, Frau Edith hielt das Tor geschlossen, nur über dem Grabenrand konnte er mit den Knechten verhandeln. Niemand dort wußte etwas von Immo und seinem Knappen. Dann lief er bis Erfurt. Alle Schenken waren gefüllt, und jedermann sprach von dem Raube, aber die Leute stritten, wer der Räuber sein möge, und von Immo vernahm er völlig nichts und er meinte, daß dieser schwerlich in Haft liegen könne, weil die Reisigen noch auf der Jagd wären.

Da beschlossen die Brüder, still zu harren, aber sie frugen unsicher, wie lange sie die Jungfrau bewahren sollten, wenn ein Landgeschrei erhoben würde und wenn gar die Mutter die Entlassung forderte.

Wieder am nächsten Morgen hielten zwei der Brüder auf dem Wartturm die Wache, da lachte Ortwin: »Den Kranich Ludiger hörte ich schreien, wie lief der Vogel aus unserm Hofe über das Land?« und als er hinabsah, erkannte er, daß an der Außenseite des Grabens mitten auf dem Wege etwas Fremdes lag. Er ließ das Tor aufsperren, die Brücke werfen, eilte hinab und hob vorsichtig den Fund in die Höhe, dann sprang er abwärts bis an das Gehölz, aber er vernahm nur noch ein Rasseln der Zweige, als ob jemand schnell hinabgleite, und suchte vergebens den Springer zu erkennen. Er flog zurück, rief in den Hof: »Eine Botschaft bringe ich, was sie bedeute, mögt ihr selbst erkennen,« und hielt ein kleines dicht umwundenes Bündel in die Höhe. Das Gebinde ging von Hand zu Hand, und Odo sprach: »Sicherlich ist es ein Zeichen, ruft die alte Gertrud, denn sie versteht alles Geheime besser zu deuten als wir andern.« Gertrud betrachtete mit scharfen Augen das fremde Stück, sie setzte sich nieder, murmelte Unverständliches darüber, löste behutsam das Band und dachte nach. Endlich hob sie die Hand und rief: »Ich verstehe den Gruß, Günstiges kündet er dem Hause; denn daß der Kranich rief, meldet euch, daß die Botschaft von einem Sohne des Hofes kommt; blau ist das Band, welches das Zeichen umschließt, und mit blauer Farbe malt ihr Helden eure Schilde, in der Schlinge liegen fünf Pfeile um ein Haselreis und eurer sind fünf, und das Reis in der Mitte meint die Jungfrau. Der dies gesandt hat, will, daß ihr mit euren Waffen die Jungfrau umringt wie die Pfeile das Reis. Das Reis ist noch ganz frisch, darum ist, der es sandte, nicht weit entfernt.« Da rief Odo: »Geendet ist der Zweifel. Er lebt und er denkt seine Beute zu bewahren, er soll erkennen, daß auch wir nach seinem Willen tun; wir halten die Jungfrau und wir halten die Burg gegen jedermann; denn hoch ist der Berg und fest die Mauer, und viele Helmkappen mögen daran zerschellen, wenn die Grafen aus der Ebene sich gegen uns erheben.«

Der flüchtige Bote war ein junger Sohn des Bauern Balderich, in dessen Hofe Immo verborgen lag. Ungeduldig forderte der Verwundete, daß Brunico ihn nach der Mühlburg schaffe; sein verrenkter Arm war ihm eingerichtet, aber der Schmerz und Blutverlust einer tiefen Armwunde hinderten, das Roß zu besteigen, und Brunico merkte, daß die Wege auch in der Nacht von Reisigen umlauert waren. Da dachte Immo, daß der Balsam, welchen die Mutter bewahrte, ihm schnelle Heilung verschaffen könnte, und er mahnte seinen Knappen, das Heilmittel mit Gottfrieds Hilfe zu gewinnen. Deshalb lief der kluge Knabe von der Mühlburg nach dem Herrenhofe, um die Arznei, welche Brunico selbst nicht zu holen wagte, vertraulich zu erbitten.

Dem Knaben gelang es, in den Hof zu schlüpfen und den Herrensohn heimlich zu grüßen. Als Gottfried in den Saal trat, fand er seine Mutter in Unterredung mit einem Mönch des heiligen Wigbert, den er nicht kannte; es war eine düstere, breitschulterige Gestalt, mehr einem Kriegsmann als einem Mönch zu vergleichen. Und er vernahm, wie die Mutter zu dem Fremden sprach: »Ich wußte längst, daß die Geweihten auch die hohe Pflicht üben, ihren Feinden zu vergeben und für sie zum Himmelsherrn zu bitten, aber daß ihr, ehrwürdiger Vater, gegen den mein armer Sohn am ärgsten gefrevelt hat, so treu der hohen Lehre anhängt und ihm jetzt eure Fürbitte zuteil werden laßt, das nimmt schwere Sorge von meinem Herzen.«

Gottfried winkte die Mutter zur Seite und sagte ihr heimlich: »Gib mir den Balsam der Kaiserin für einen Verwundeten, aber frage nicht, wer er ist.«

Edith sah ihn mit großen Augen an, dann eilte sie in ihre Kammer, riß die Büchse aus der Truhe, trug sie in den Saal und hielt sie dem Mönch hin, indem sie sprach: »Segnet die Arznei, ehrwürdiger Vater, denn vor jedem andern Gebet mag das eure dem Unglücklichen frommen, der sich dies begehrt.«

Der Mönch neigte sich darüber und segnete, Gottfried sprang hinaus und übergab dem Knaben die Büchse. Der Wigbertmönch aber sah mit finsterm Blick dem enteilenden Knaben nach.

Am nächsten Tage rief Ortwin von dem Turme in den Hof: »An das Tor, ihr Genossen, Staub wirbelt auf der Straße, einen reisigen Zug sehe ich mit Wagen und Herdenvieh, und Eisen blinkt über den Rossen.« Die Brüder sprangen herzu, in kurzem waren die sechs Kinder Irmfrieds auf der Höhe des Turmes gesammelt. »Ich sehe kein Banner wehen,« sprach Erwin, »und sorglos ziehen sie dem Gehölz zu.«

»Nur klein ist der Haufe, mehr Rinder und ledige Rosse als Männer,« rief Adalmar, »wie Flüchtige nahen sie und nicht wie Feinde.« »Weiber erkenne ich im Haufen und den jüngsten Bruder,« lachte Arnfried.

»Es ist die Mutter selbst,« rief Odo. Die Brüder sahen einander mit kummervollen Mienen an. »Sie naht mit ihrem Gesinde, die Bewaffneten des Gutes führt sie herbei.«

»Hart ist es, gegen die eigene Mutter zu kämpfen,« murmelte Erwin.

»Schwerlich dürfen wir den Zugang wehren,« sprach Ortwin, »aber wie sollen wir ihrem Willen widerstehen?«

»Alles hat seine Zeit,« rief Odo, »wenn sie fordert, mögen wir weigern, jetzt rate ich, ihr entgegenzugehen.«

Die Söhne eilten hinab, das Tor wurde geöffnet, auf der Mauer drängten sich die Mannen, und die Herren traten vor die Brücke, um den Zug zu empfangen. Schweigend nahten die Reiter, ohne Gruß und Willkommen sahen die alten Bankgenossen einander ins Gesicht, schweigend traten auch die Söhne an das Roß der Mutter, sie aus dem Sattel zu heben. Als Edith den Boden berührte, begann sie: »Es ist mir lieb, daß ihr mich empfangen habt, geleitet die Mutter in das Haus des Bruders. Du aber, Odo, gestatte, daß deine und meine Leute den Hof betreten,« und nach rückwärts gewandt rief sie: »Gehorchet, wenn Herr Odo euch fordert, denn er hat hier zu gebieten.« An der Hand des Sohnes schritt sie in den Hof und grüßte die Kriegsleute, welche ihr jetzt zuriefen und die Waffen zusammenschlugen. Unterdes sprachen die jüngeren Brüder mit Gottfried. »Sie hat unsern Hof geräumt,« erzählte dieser, »alle, die treu an ihr hängen, führt sie unter Waffen her. Was sie hier begehrt, hat sie mir nicht vertraut.«

Edith blickte über den Hof auf das Gedränge von Männern, Weibern und Vieh, und auf die unsichern und verlegenen Blicke, mit denen sie betrachtet wurde. »Harrt nur ein wenig, ihr Treuen; du, Odo, führe mich zu dem Herde, an welchem mein Sohn Immo gerastet hat, bevor ich ihn verlor.«

Die Brüder geleiteten sie in das Haus, Edith neigte sich zu dem leeren Herrensitze am Herde und ihre Lippen bewegten sich im stillen Gebet, dann trat sie unter ihre Söhne. »Euch wundert, wie ich erkenne, die Mutter hier zu sehen, und kalt ist der Willkommen, den ihr mir bietet, ich aber komme, bei euch zu bleiben und euer Schicksal zu teilen. Sorget nicht, daß ich euch den Sinn mit Klagen beschwere oder gar mit Vorwürfen, weil ihr gefrevelt habt gegen Frieden, Recht und die heilige Kirche. Andere werden euch darum bedrohen, ich aber will euch dienen, so weit eine Mutter vermag. Denn wir alle erkennen, daß wir in Todesnot stehen. Wisset, meine Söhne, der König naht mit großem Heergefolge, der Erzbischof und die Grafen im Lande haben ihre Mannen in den Sattel gefordert, heute oder in den nächsten Tagen wird der Feind die Burg umschließen, und die Kinder des Helden Irmfried werden hinter Mauern ihren letzten Kampf kämpfen, wenn sie nicht demütig ihr Haupt beugen und das Erbe ihres Bruders ausliefern.«

Die Brüder standen betroffen.

»Wir gedenken die Burg zu halten, Mutter, auch gegen den König,« antwortete Odo, »obwohl wir erkennen, daß wir in großer Gefahr stehen. Aber Mutter, daß ich alles sage, mehr als den König und den Erzbischof fürchten wir deinen Wunsch, daß wir die Braut des Immo den Feinden ausliefern.«

Da antwortete Edith: »Stets habe ich gehofft, daß mir die Heiligen gewähren würden, ohne große Missetat mein Leben zu beschließen; aber anders hat der üble Teufel es gefügt. Will ich meinem Geschlecht die Treue beweisen, so muß ich die Mitschuld auf mich nehmen zu meinem Schaden hier und dort. Eure Mutter bin ich, ihr Knaben, ich habe euch gezogen und über eurem Haupt gebetet von dem ersten Tage eurer Geburt. Darum will ich auch jetzt die Last mit dir tragen, du einsames, verfeindetes Geschlecht. Und die Engel mögen es wissen und die Heiligen mögen mir verzeihen. Ich lasse euch nicht und ich scheide mich nicht von eurem Los, wie es auch falle.« Da riefen ihr die Söhne Heil und hingen sich ihr um Hals und Hände. Edith aber fuhr fort:

»Laßt uns an die nächste Arbeit denken, Odo, unsere Getreuen sollen wissen, daß die Herren einig sind. Alle, die ich dir herführe, sollen dem Herrn Immo in deine Hand sich zuschwören. Ich bringe auch, was zumeist die Sorge der Frauen ist, Vorrat von den Gütern für Küche und Keller, vertraue mir die Aufsicht darüber an, damit ich mit meinen Mägden dir nütze, und ich rate, laß abladen und einräumen, solange nicht größere Sorge bedrängt.«

»Gestatte, Mutter, daß ich dir die Jungfrau zuführe,« bat Odo. Das Antlitz der Edith erblich, ihre Hand zog sich zusammen und sie rang nach Fassung, aber im nächsten Augenblick sprach sie lächelnd: »Erst machen wir das Haus fest, damit unsere Leute der Unsicherheit enthoben werden. Denn der Zweifel lähmt auch den Mutigen, aber wer seine Pflicht kennt, bewahrt leichter die Kraft. Ist Burg und Hof versorgt, dann denken wir des Gastes, der bei uns eingekehrt ist.«

Als Odo die Tür des Gemaches öffnete, in welchem Hildegard geborgen war, saß die Jungfrau gebeugt auf dem Lager, die Hände im Schoß gefaltet. Sie fuhr auf und sah erschrocken auf eine hohe Frauengestalt und den strengen Ausdruck eines edlen Antlitzes. »Es ist unsere Mutter,« sagte Odo, »welche zu dir kommt.« Da sank Hildegard vor Frau Edith auf den Boden und Odo verließ leise das Zimmer.

»Steh auf, Jungfrau,« begann Edith, »ich bin nicht der Herr, welchen du dir gewählt hast.«

Hildegard sah furchtsam zu ihr auf. »Im Traume sah ich dein Angesicht, es gleicht dem seinen, aber feindlich blicken die Augen. O sei barmherzig, Herrin,« rief sie in ausbrechendem Schmerze, »der Sturmwind riß ein Blatt vom Baume und es flatterte bis vor deine Füße. Zertritt nicht die Bebende.«

Edith hob ihr das Antlitz empor und sah scharf in die tränenfeuchten Augen. »Das sind die Züge, welche meinem Sohn lieber wurden als der Wille der Eltern und das eigene Heil. Waren es deine Tränen oder war es dein Lachen, womit du sein Herz umstrickt hast? Ich denke wohl, mit Lächeln begann's und die Tränen folgten, das ist das Schicksal aller, welche einander lieb haben auf dieser Erde. Leid brachtest du uns und Leid brachte er dir. Steh auf, Jungfrau,« fuhr sie milder fort, »ich komme nicht, dich zu schelten und zu richten, sondern damit ich dir Frauenrat gebe, so oft du ihn begehrst. Setze dich zu mir und wenn du mir gefallen willst, so sprich mir von ihm.« Sie führte Hildegard zu dem Lager, aber die Jungfrau glitt wieder an ihren Knien herab und klagte: »Laß mich liegen, Herrin, und zu dir aufsehen wie zu einer Fürbitterin, denn mir ist, als hätte ich dir Großes abzubitten, daß ich hier bin und daß ich ihn liebe.«

Edith neigte sich zu ihr herab: »Rede nicht weiter, bevor du mir eins gesagt hast. Als meine wilden Knaben dich hertrugen, folgtest du mit gutem Willen oder haben sie eine Widerwillige auf das Roß gehoben? Bist du als Braut meines Sohnes hier oder als Gefangene?«

Über das verstörte Gesicht der Hildegard flog eine holde Röte und sie neigte das Haupt in den Schoß der Mutter. »Als er eintrat,« murmelte sie, »erschien er mir wie damals, wo er mich am Kreuz mit seinem Schilde deckte. Gleich dem hohen Engel Michael stand er bei mir im Kriegskleide und mir schwand die quälende Angst vor dem Kloster.«

Edith seufzte schwer, aber sie legte ihre Hand auf die feuchte Stirn der Jungfrau.

Hildegard warf ihre Arme leidenschaftlich um den Leib der Herrin und klagte: »Meine Mutter ist tot, und freudenlos lebte ich. Da trat er in unsere Halle. Holdselig waren seine Worte, fröhlich seine Art, und unter den Männern wußte er sich zu behaupten, daß ihm keiner zu widersprechen wagte. Er wurde mir schnell so vertraulich, als hätten wir lange beieinander in der Schule gesessen. Und er lachte mich an und faßte meine Hand. Sein Lachen ist lieblich, Herrin. Er trank aus dem Becher, den ich ihm bot, und aß von meinem Teller.«

»Darum hat die Mutter ihm Becher und Teller vergebens gestellt,« murmelte Edith.

»Sie preisen ihn auch als einen Helden, Herrin, denn keiner kommt im Kampfe gegen ihn auf, und die kleinen Spielleute erzählen, daß er mit dem Speer sicherer als ein anderer auf die Stelle trifft, nach der er wirft. Jedermann wundert sich, wo er im Kloster so Schweres gelernt hat.«

»Er war schon als Knabe geschickt in aller Reiterkunst,« versetzte Edith, »und sein Vater staunte selbst darüber. Ich sorge, auch im Kloster hat er mehr an Holz und Eisen gedacht, als an die Bücher.«

»Dennoch, Herrin, versteht er ganz gut das Lateinische, obgleich er selbst sein Wissen nicht rühmt; und er weiß so geschickt mit Sprüchen und Versen zu antworten, daß es eine Wonne ist, ihn anzuhören.«

»Du warst auch in der Schule und verstehst das Latein?« frug Edith. »Das war es, was ihm gefiel, ich dachte sonst, die heilige Sprache hilft nur dazu, den Glauben vertraulich zu machen, ich merke aber, sie verlockt auch Männer und Frauen zueinander.«

»Du sagst die Wahrheit, Herrin. Denn die in der Schule waren, verstehen einander leicht unter fremden Leuten. Damals, als ich ihn zuerst sah, wurde mir weh ums Herz, weil er mir gestand, daß er ungern im Kloster weilte. Aber später kam mir ganz andere Sorge.« Sie hielt an und sah vor sich nieder. »Denn als ich ihn im Kriegskleide wiedersah und erkannte, daß er dereinst mein Herr werden sollte, da erschrak ich über den schweren Gedanken. Und ich saß im Sonnenuntergang auf dem Idisberge, bis die Nacht heraufstieg; und als der Nachtwind in den Zweigen rauschte, hörte ich immerdar seine Stimme und daneben eine andere, als wenn ich selbst mit ihm redete, aber fern und leise wie oben aus dem Wipfel des Baumes, und die eine Stimme sprach: Selig war ich, Held, denn ich habe deine Liebe gefunden, und jetzt zittre ich, dich zu verlieren. Und die andere Stimme antwortete: Ruhm ersehne ich, und schrecklich will ich meinen Feinden werden, gedenkst du das Weib eines Helden zu sein, so darfst du nicht vor dem Tode beben. Wenn zwei einander lieb haben, sollen sie auch beten, daß sie miteinander sterben. Da merkte ich, Herrin, was es bedeutet, einen Mann im Herzen zu tragen. Mein Geschlecht habe ich verlassen um seinetwillen,« unterbrach sie sich selbst, »und jetzt ist er nicht hier, ich aber gehöre zu ihm, wo er auch weilen mag.«

»Allzu ungeduldig bist du, an seinem Hals zu hangen,« versetzte Edith finster. »Verwundet ward er in jener Nacht.«

»Die Brüder sagten mir's,« antwortete Hildegard leise, »an sein Lager will ich, und fühlst du Erbarmen mit meiner Not, so sage mir, wo ich ihn finde.«

»Auch der Mutter bergen sie die Stätte,« rief Edith. »Meinst du, mich quält es weniger als dich, daß er unter Fremden liegt in traurigem Versteck?«

Hildegard sprang auf. »Wenn du ihn liebst, so komm mit mir aus diesen Mauern; wir hüllen uns in niederes Gewand und suchen ihn, bis wir ihn finden. Denn der treue Mann, der ihn im Heereszug begleitete, weiß es, wo er weilt.«

»Eitel ist dein Wunsch,« antwortete Edith, »wenn wir diese Burg verlassen, so würden wir ihn eher verraten als retten. Denn wisse, Jungfrau, der König naht mit seinem Heergefolge in feindlichem Willen, um den Raub zu rächen. Meinen Sohn, seine Brüder und uns alle auf dieser Burg bedroht des Königs Zorn.«

Hildegard verhüllte das bleiche Antlitz und sank abgewandt von der Mutter auf die Knie. Edith saß lange Zeit schweigend, endlich begann sie forschend: »Klagst du, daß er und sein Geschlecht um deinetwillen an Leben und Ehre bedroht sind? Die Klage allein schafft keine Hilfe, auch der Himmelsherr erhört nur die Bitten derer, welche in Demut und Reue zu ihm flehen. Reut dich das Unheil, das allen droht, so denke auch auf die Rettung. Um dich allein geht der Kampf. Du vermagst ihm Leben und Freiheit zu bewahren. Denn milder wird die Strafe des Richters sein, wenn er Ergebung und Gehorsam findet.«

Hildegard lag unbeweglich, Edith trat näher und sprach über ihrem Haupt: »Liebst du ihn über alles, wie du sagst, so kannst du das jetzt erweisen: kehre zurück zu deinem Geschlecht, wende deine Schritte dem Kloster zu und entsage ihm, damit du ihn rettest.«

Ein Schauer flog über Hildegards Leib, sie richtete sich auf, und ihre großen Augen starrten entsetzt auf die Mutter. »Ist deines Herzens Meinung, Herrin, daß ich tue, wie du sagst?«

»Ich sagte dir's, du aber antworte.«

Hildegard fuhr in die Höhe. »Eine Feindin hörte ich des geliebten Mannes und eine Feindin meiner Liebe. In den Abgrund will ich tauchen, in die Flammen will ich springen, um sein Leben zu retten, bezeugt ihr guten Engel, die ihr meine Gedanken bewacht, daß ich die Wahrheit rede. Mein Leben nehmt für ihn, aber meine Liebe verrate ich nicht. Hat er alles für mich hingegeben, ich habe dasselbe getan. Gebunden bin ich an ihn und solange ich atme, gehöre ich ihm zu. Jetzt ist meine Treue der Stab, an den er sich hält auf seinem Lager, in seiner Angst. Du aber willst mich zerbrechen und hinwerfen, damit er erkenne, daß seine Liebe nichtig war und die Jungfrau, der er alles geopfert hat, feige und schwach und seiner unwert. Und wenn alle Menschen auf uns blicken wie auf zwei wilde Tiere, welche von den Jägern umstellt sind, wisse auch, unter den friedlosen Tieren ist der Brauch, wenn der Bär verwundet ist und von den Hunden umstellt, so läuft die Bärin nicht abwärts, um ihn zu retten, sondern sie wirft sich der Meute entgegen. Die Kraft der Glieder ist mir versagt, aber mein Wille ist fest wie der seine. Sage mir, wie ich sterben soll, um ihn zu retten, aber mahne mich nicht, daß ich lebend ihm entsage.«

Da rief Edith: »Jetzt erkenne ich, wie du bist. Einer Taube siehst du ähnlich, aber wer dir die Kappe von dem Haupte löst, der erkennt die edle Art eines Falken. Zürne nicht, daß ich dich versucht habe. Denn ganz fremd warst du mir. Auch das Herz einer Mutter fühlt Eifersucht, und sie frägt zuerst, ob das Weib, das der geliebte Sohn sich erkor, würdig ist, seine Vertraute zu werden anstatt der Mutter. Gesegnet seist du, Jungfrau, und willkommen bist du mir als Braut des Sohnes und als Genossin im Hause. Deine Mutter bin ich von heute und du mein Kind, und verteidigen will ich dich gegen den König und alle Welt. Komm zu mir, Hildegard, zusammen wollen wir den Himmelsgott anflehen, daß er mir das Glück gewähre, deine Hand in die meines Sohnes zu legen.«

Hildegard warf sich an die Brust der Mutter.

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