Das Nest der Zaunkönige Erzählung aus dem Anfang des 11. Jahrhunderts

Part 17

Chapter 173,725 wordsPublic domain

In der Frühe des nächsten Tages begann die Feier der Heerschau. Unter den Mauern der Festung Babenberg waren auf freiem Felde Schranken errichtet, die Pfosten mit grünen Zweigen umwunden, die Treppen mit kostbaren Teppichen belegt, an einer Seite stand auf hohen Stufen der goldene Königsstuhl. Dort wollte der König die Gaben verteilen und sein siegreiches Heer entlassen. Als die Sonne aufging, zogen die Scharen von allen Seiten der Ebene zu und lagerten bei ihren Bannern in weitem Ringe um den eingefriedeten Raum. Eine unzählige Menge Volkes drängte an den Schranken, um den König und das Festgepränge zu schauen. Die Helden des Heeres ritten in ihrem besten Schmuck herzu, stiegen von den Rossen und sammelten sich in der Umzäunung. Als der König auf seinem Schlachtrosse herankam, in Königstracht, die Krone auf dem Haupt, begleitet von der Königin und einem endlosen Gefolge geistlicher und weltlicher Herren, da brauste der Heilruf durch die Scharen, und auch die Landleute schrien und hoben die Arme, obgleich viele von ihnen über das Schicksal ihrer alten Herren bekümmert waren. Der König und die Königin stiegen die Stufen hinauf und setzten sich würdig auf den Königsstuhl, um sie herum saßen auf niedrigen Stühlen die Edelsten des Reiches. Nachdem der Rufer Stille geboten hatte, erhob sich der Erzbischof von Mainz, sprach das Gebet, segnete den Tag und verkündete mit mächtiger Stimme, die weit in das Feld schallte, den Willen des Königs. Zuerst die Strafen, welche der königliche Richter über die Empörer verhängt hatte. Jeden derselben nannte er beim Namen, dann seine Missetat und die Strafe, welche nicht sanft war. Nur den Bruder des Königs nannte er nicht, um das hohe Geschlecht zu schonen.

Immo stand in den Schranken nahe den Stufen und lauschte gespannt auf jedes Wort des Erzbischofs. Als in der unseligen Reihe der Besiegten der Name des Grafen Gerhard gerufen wurde, hielt er ängstlich den Atem an, denn er wußte, daß der Geliebten unsägliches Wehe bereiten würde, was darauf folgte. Aber ihm schoß vor Freuden das Blut ins Gesicht und durch die ganze Versammlung ging ein leises Summen, als der Erzbischof aus dem großen Pergament verkündete, daß die Gnade des Königs die Missetat des Grafen nicht an seinem Leben und seiner Ehre, sondern nur an einem Teile seines Gutes rächen wolle, und daß dem Treulosen gestattet werde, seinem Lehnsherrn aufs neue den Treueid zu schwören. Immo machte eine heftige Bewegung, um aus den Schranken zu eilen, und der alte Hugbald, welcher als Führer der Klostermannen auch die Ehre genoß, in den Schranken zu harren, mußte ihn am Arme halten, daß er die Feierlichkeit nicht störte. Sorglos und mit lachendem Munde vernahm er eine lange Reihe von Belohnungen, welche der Erzbischof verkündete, denn der König teilte die großen Lehen der Babenberger unter seine Edlen. Jeder, der ein Herrenlehn empfing, ritt mit seinem Gefolge in gestrecktem Lauf dreimal um die Schranken, stieg am Eingange ab, trat die Stufen hinauf, empfing kniend die Fahne und schwor den Eid in die Hand des Königs. Das währte lange, und die Sonne brannte heiß, bevor alles nach Gebühr vollendet war. Aber die Krieger und das Volk ertrugen gern den Sonnenbrand, denn was darauf folgte, war der freudigste Teil der Begabung. Der Kämmerer des Königs schritt in die Schranken, gefolgt von einer langen Reihe wohlgekleideter Diener, welche an Stangen große Truhen trugen, die sie vor den Stufen des Königsstuhls nebeneinander niedersetzten. Die Decken wurden abgehoben, und ein Goldschatz, wie ihn wenige Menschen geschaut hatten, blinkte in der Sonne. Große Kannen, Becher und Schalen, Dolche und reichgeschmückte Helme, Ketten und Armringe lagen kunstvoll geschichtet übereinander. Nach der Enthüllung scholl ein lautes Geschrei und zahllose Heilrufe, die Zuschauer drängten ganz außer sich an die Schranken, die zahlreichen Trabanten mußten stoßen und sich entgegenstemmen, um den Einbruch abzuwehren. Und die Verteilung der Ehrengeschenke an die Tapfern des Heeres begann. Der Kanzler trat vor und öffnete eine Pergamentrolle, welche bis an den Boden reichte, laut rief er den Namen jedes Helden und die Gabe, womit er geehrt wurde. Die rechte Seite innerhalb der Schranken war durch den Rufer geräumt; wer von dem Kanzler geladen wurde, trat vor den Stuhl des Königs, empfing sein Geschenk, huldigte und schritt vergnügt der anderen Seite zu. War er aber aus vornehmem Geschlecht, so überreichte der Kanzler dem König die Spende, und dieser teilte sie selbst dem Glücklichen zu und sprach, wenn er ihn hoch ehren wollte, einige huldreiche Worte. Auch das Heer und Volk begleitete mit lautem Zuruf die Gaben, wenn der Empfänger rühmlich bekannt und im Heere beliebt war. Aus der Nähe Immos wurden viele Helden gerufen, Hugbald trat vor und empfing seine Kette, nicht lange darauf hörte Immo den Namen seines Gespielen Brunico, welcher ganz hinten an den Schranken stand, und als dieser einen schweren Goldring erhielt, sprach der König vom Throne: »Den Schmied hast du mir gerettet, trage dafür seine Arbeit.« Aber Immo wurde nicht gerufen. Die Truhen leerten sich, die Unruhe in der Umgebung des Königs zeigte an, daß der Aufbruch nahe war. Immo stand mit einer kleinen Zahl andrer unbeachtet auf seiner Stelle. Er merkte, daß sich verwunderte Blicke nach ihm richteten, und er begann zornig die Kränkung zu fühlen. Hatte ihn auch der König am letzten Abend ungnädig entlassen, er wußte doch, er hatte dem König gut gedient und war oft vor anderen ausgezeichnet worden. Zwar um den Goldschatz hatte er wenig gesorgt, aber auch er hatte zuweilen daran gedacht, daß ein Schmuckstück eine gute Erinnerung sein werde. Jetzt erkannte er, daß der düstere Blick Gundomars von der Höhe auf ihm haftete, und er fühlte, ärgerlich über sich selbst, daß er errötete und den Leuten ein gleichgültiges Gesicht zu zeigen nicht vermochte. Er merkte auch, daß Herzog Bernhard, dem seine Würde erlaubte, in der Nähe des Königs sich freier zu rühren, hinter den Stuhl des Königs trat, und daß der König sich einen Augenblick nach rückwärts wandte. Er verstand die Worte des Königs nicht, und sie hätten ihn auch nicht erfreut, denn Heinrich antwortete der gutherzigen Frage des Herzogs nach Immo: »Er hat bereits weit mehr erhalten, als er verdient.« Da stieg der Herzog die Stufen herab und schritt über den Platz dahin, wo Immo fast allein stand, stellte sich behaglich neben ihn und sagte lächelnd: »Für uns beide, für dich, Held Immo, und für mich, klingt heute das Goldblech nicht.«

»Euch, erlauchter Herr,« versetzte Immo mit einem dankbaren Blick, aber mit zuckenden Lippen, »vermag keine Königsgabe an Ehren etwas zuzusetzen, mir aber, hoffe ich, soll die Verweigerung der Gabe die Ehre nicht mindern.«

»So ist es recht, Held,« mahnte der Herzog, »sieh trotzig geradeaus. Vernimm ein Gesuch, das ich dir zur Stelle ausspreche, weil ich erkenne, daß du schwerlich im Dienste des Königs beharren wirst. Komm als mein Gast mit mir in mein Sachsenland, wir jagen miteinander die wilden Ochsen in der Heide. Du sollst das Weidwerk bei uns nicht schlechter finden als in deinen Bergen. Und noch anderes begehre ich von dir. Die Burgen, welche fremde Seeräuber an der Küste im Wasser geschanzt haben, will ich brechen, sobald der Eisfrost eine harte Bahn zu ihren Holzringen bereitet, dabei sollst du mir helfen. Ist dir's recht, so schlage ein.« Er hielt ihm die Hand hin, welche Immo freudig ergriff. Und der Herzog fuhr fort: »Der König erhebt sich, das Heer zu entlassen. Unsere Krieger sind ungeduldig, die Herden der Beutetiere und der gefangenen Böhmen zu teilen.«

Der König und seine Edlen bestiegen die Rosse, die Helden sprengten auseinander zu ihren Haufen. Vor jeder Schar hielt der König an, zollte seinen Dank und sprach die Worte der Entlassung. Auch als er zu dem kleinen Haufen der Bogenschützen kam, welche Immo führte, neigte er das Haupt und rief: »Treu erfüllt habt ihr den Eid, den ihr freiwillig gelobtet, ich löse euch von der Pflicht, zieht in Frieden heim zu euren Bergen.« Aber dabei ruhte sein Blick kalt und feindselig auf ihrem Führer, und dieser erkannte, daß der König ihn ungnädig von sich entfernte, und daß sein Schicksal ihn anders als er selbst gedacht hatte, aus dem Königsdienst löste. Er grüßte zum letztenmal mit seiner Waffe den Kriegsherrn und führte seine Knaben nach der Stadt zurück.

Aus der Herberge eilte er zum Grafen Gerhard, bayrische Königsmannen hielten die Wache und weigerten ihm den Zutritt; er stürmte zu dem Hofe der Nonnen, die frommen Mütter waren mit Hildegard durch Reisige aus der Stadt geleitet, niemand wußte zu sagen, wohin. Da suchte er den Kanzler auf, dieser empfing ihn kalt. »Soll ich dir Gutes raten, so entziehe dich dem Auge des Königs, denn ich fürchte, er sinnt dir nichts Günstiges. Für die Jungfrau wird der König selbst sorgen; wie ich vernehme, will mein Herr, daß sie geschleiert werde, damit sie für die Missetaten des Vaters von den Heiligen Verzeihung erwerbe.«

Mit Mühe bewahrte Immo die Kraft, den Segen des Kanzlers zu erbitten, den dieser mit einer nachlässigen Handbewegung erteilte. Er kam verstört in seine Herberge und trat in die Kammer, in welcher Heriman, der Goldschmied, lag, der von seiner schweren Wunde langsam genas. Oft hatte Immo während der Belagerung in der Hütte des Kranken gesessen und dem klugen Landsmann vertraut, was ihm auf der Seele lag, jetzt setzte er sich bleich und erschöpft neben ihn. »An einem Tage habe ich alles verloren, worauf ich hoffte, und wenn ich von hier weiche, wie ich soll, so nehme ich ein Herz voll Angst und Sorge mit mir. Dennoch vermag ich das Land nicht zu räumen, bevor ich die Jungfrau wieder gesehen habe.«

»Ich bleibe zurück,« versetzte Heriman tröstend, »dir danke ich, Immo, daß ich lebe und meine Glieder wieder zu regen beginne. Diese Schuld zahle ich dir jetzt oder wann du verlangst. Besser vielleicht als du selbst, vermag ich dir zu nützen. Denn Kundschaft habe ich beim Könige und vielen Großen, und mancher Stolze beachtet in der Stille meine Worte. Ziehe mit dem Herzog, denn weilst du hier, so wird es dein Verderben. Du läßt einen zurück, der ein wenig die Weise kennt, wie man die Geheimnisse der Mächtigen erkundet. Noch ist die Jungfrau nicht geschleiert. Und was ich erfahre, Günstiges oder Ungünstiges, das sollst du wissen.«

Während der Burgmann dem jungen Helden Trost einsprach und dieser gern seinen Worten lauschte, scholl in der Haustür und auf der Straße ein wirres Getön von Pfeifen, Fiedeln und Menschenstimmen, ein wilder mißtönender Lärm von allerlei Weisen, welche durcheinander klangen, von Gelächter und trunkenem Geschrei. Immo eilte die Treppe hinab. Im Hausflur saß Brunico an der weit geöffneten Tür, eine Trinkkanne in der Hand, umgeben von seinen Bogenschützen, vor ihm aber auf der Schwelle und auf der Straße stand ein großer Haufe fahrender Spielleute, von denen jeder unbekümmert um die anderen in seiner Kunst das Beste tat, so daß ein unordentliches und greuliches Getöse durch das Haus und über die Straße schallte. »Schneller,« trieb Brunico, »ihr zirpt wie die Mädchen, die zum erstenmal im Reigen springen. Wer um die Wette läuft, darf seinen Atem nicht sparen.« Von neuem begann das tolle Gefiedel und Geschrei. »Jetzt merkt auf,« mahnte Brunico lachend, »der schnellste fängt den Preis.« Er zog den goldenen Ring vom Armgelenk und hielt ihn in die Höhe, schleuderte ihn über die Köpfe der Spielleute in den Staub der Straße und rief: »So wirft der Bauer von Friemar den Armring des Königs.« Gleich Hunden sprangen die Fahrenden nach dem Ringe, sie fielen und überschlugen sich in wirrem Knäuel, das Volk schrie, jauchzte und balgte sich mit den Unehrlichen, bis endlich einer der Spielleute den Goldschmuck faßte, emporhielt und schnellfüßig mit dem Preise entrann. Und als Immo den Gespielen schalt: »Wie magst du eine wertvolle Gabe vergeuden, die dein Geschlecht und dein Mädchen lange erfreut hätte?« da antwortete Brunico: »Ich warf sie fort, damit sie mir nicht die Augen blenden sollte. Denn übel stände mir an, das Ehrengeschenk eines Königs zu tragen, der dich gekränkt hat, während er mir spendete.«

9.

Unter den Rößlein der Horsila.

Die Felder in Thüringen waren geleert, die Viehherden weideten auf den Stoppeln und die Jäger zogen mit ihren Hunden in den Bergwald. Auch die Brüder Immos hatten durch einige Wochen den Heerschild getragen, sie waren gegen die Elbe gezogen, um einen Einbruch der Böhmen zu rächen, aber der Feind war ihnen eilig hinter seine Berge ausgewichen und sie fanden nur die verkohlten Trümmer der niedergebrannten Höfe. Da waren sie unzufrieden heimgekehrt und sannen mit ihren Landsleuten auf einen vergeltenden Zug für das nächste Frühjahr.

Als sie an einem hellen Herbstabend von der Jagd zurückkamen und gerade über die Brücke eines Nachbardorfes ritten, fanden sie den Weg durch Gedränge der Einwohner gesperrt, und noch immer liefen die Leute aus den Höfen, einander zurufend und heranwinkend. In der Mitte hielten Reiter, und um diese schloß sich der Ring. Die Jagdhunde der Brüder fuhren mit wütendem Gebell gegen den Haufen, und Erwin hatte Mühe, die Zerrenden an ihren Riemen zurückzuhalten.

»Es sind Fremde, welche ausgefragt werden,« rief Ortwin, und schneller trabten die Rosse. Die Dorfleute machten den Jünglingen grüßend Platz, und diese fanden in der Mitte den Spielmann Wizzelin, der wie ein Herr gekleidet und von einem dienenden Genossen begleitet war, welcher das Saitenspiel bewahrte. Zwei Landleute hielten das Roß des Spielmannes am Zügel, vor ihm standen die Ältesten des Dorfes und in großem Kreise alt und jung mit aufgerissenen Augen, Verwunderung und helle Neugierde in den Gesichtern. »Sei gegrüßt, Spielmann,« rief Odo lächelnd, »wer deine Pferde betrachtet, muß rühmen, daß du Glück im Kriege gehabt hast.« Wizzelin neigte sich artig und trieb sein Pferd, damit es die wohlgeformten Glieder rege. »In dem siegreichen Heere findet auch ein armer Spielmann etwas Gutes,« versetzte er stolz.

»Wunderbares erzählt er von dem Glück des Königs und wie die Burgen des Markgrafen brannten,« berichtete ein alter Bauer.

»Tag und Nacht könnte ich euch erzählen, niemand vermöchte in einem Niedersitzen alle Heldentaten herzusagen,« fuhr Wizzelin fort. »Auch bei euch raste ich wohl einmal und singe unter der Linde; jetzt aber öffnet den Weg, denn ich begehre dringend weiter zu ziehen.«

»Ich hoffe, du herbergst heute bei uns im Hofe,« mahnte Odo. Doch unter den Dorfleuten erhob sich Gemurr. »Er hat noch wenig gesagt,« riefen mehrere Stimmen. »Wir verlangen von den Nachbarn zu hören, welche freiwillig zu König Heinrich gezogen sind,« schrien andere.

»Als Helden kehren sie zurück, ihre Wagen sind schwer mit dem Kampfgewinn beladen und Beuterosse führen sie in langer Reihe, auch böhmische Knechte, welche ihnen der König zugeteilt hat, wenn sie dieselben nicht bereits an die Händler verkauft haben; denn ihnen wird mühsam sein, die Menge der Sklaven auf der Reise zu ernähren.«

Ein lauter Schrei der Verwunderung antwortete, und die Knaben schlugen in ihrer Aufregung Purzelbäume im Staube.

»Sahst du den Dindo, den Sohn meiner Schwester Wendilgard?« frug eine stattliche Bäuerin.

»Dindo?« versetzte Wizzelin, »der Held mit den runden Backen, sicher kenne ich ihn. Er kehrt ganz heil zurück, und ich meine, in seinem Reisegepäck liegt auch eine Spange, welche das stolze Herz seiner Base erfreuen wird.«

»Was weißt du von Engilbrecht,« klang es aus dem Haufen, »und vom Vortänzer Richilo?«

»Engilbrecht kommt ohne Wandel, sowie er gegangen ist, und der schnelle Richilo hat neue Reigen getanzt von der Mauer in eine brennende Stadt, beide schreiten mit gebauschten Taschen einher und bringen für manche, die ihnen lieb sind, Gutes in ihren Säcken; geduldet euch jetzt und ihr alle werdet erstaunen.«

Wieder ging das frohe Schwirren durch die Versammlung und aller Blicke richteten sich nach den Brüdern. Niemand wollte die Frage tun, die zuerst ihnen gebührte. Da sie aber schwiegen, rief Sigilind, ein mutiges Weib: »Weißt du etwas von Brunico, dem Sohn des alten Baldhard?«

»Ha,« rief Wizzelin, »du nennst einen von den großen Helden des Königs Heinrich; laut hörte ich seinen Goldschatz rühmen, denn Armringe aus Königsgold, die wohl ein halbes Pfund schwer waren, hat er meinen Genossen auf die Straße hingeworfen als Lohn für ihre Lieder.«

Da scholl wieder ein lauter Schrei des Erstaunens, und Sigilind, Gisa, Engiltrud und die anderen Weiber hoben die Hände zum Himmel und rannten von dannen, um den Höfen die unglaubliche Kunde zuzutragen.

»Schnatternd wie Gänse fahren sie mit gereckten Hälsen auseinander,« spottete Wizzelin leise zu Odo, »die Bahn ist gefegt, gefällt's euch, so dringen wir durch.« Und nach allen Seiten grüßend und Rückkehr verheißend, trabte er mit den Brüdern von dannen.

Kaum war der Spielmann in das Tor des Herrenhofes geritten, so flog die Kunde von seiner Ankunft durch jeden Stall und jede Kammer; auch hier drängten die Leute heraus, die Knechte waren beflissen, ihm und seinem Gefährten die Pferde anzubinden, und die Mägde steckten die Köpfe zusammen und bewunderten sein schönes Gewand und die klirrende Kette. Nur Murhard, der Hofhund, und sein Geschlecht waren nicht willig zu wedeln, sie bellten wütend und unablässig und sprangen feindselig an den Spielleuten herauf, und Wizzelin klagte gegen Odo, welcher die Hunde scheuchte, mit finsterem Lächeln: »Der Fahrende vermag die Gunst der Männer und Frauen zu gewinnen, die Köter aber bleiben seine Feinde, sie erkennen ihn in jedem Gewande.« Er ordnete Haar und Rock und zog sein Gesicht in ehrbare Falten, als er in den Saal vor die Augen der Herrin Edith trat. Hinter ihm sammelten sich die Dienstleute, alle in froher Erwartung der Kunst, die er nach dem Mahle spenden würde. Den Spielleuten wurde ein besonderer Tisch gestellt, aber Edith winkte, daß ihnen gute Kost geboten wurde und der beste Met des Hauses. Und Wizzelin erhielt den Met in einem Silberbecher, welcher ihm der Ehre wegen noch lieber war als der Trank.

Nach dem Mahle begann Edith: »Da du beim Heere des Königs weiltest, so gib uns Kunde, soweit du vermagst. Denn nur Undeutliches hörten wir von seinem Siege und dem Unglück der Feinde.«

Der Spielmann erhob sich und begann seine Sage vom Raub des Schatzes, von Belagerung der Feste und von den Kämpfen gegen Hezilo. Er sprach langsam und feierlich und seine Rede tönte zuweilen wie Gesang; vieles berichtete er getreu nach der Wahrheit, anderes wie es ihm in den Sinn kam. Den Namen des Mannes aber, an den jeder in der Halle dachte, nannte er nicht. Regungslos, mit verhaltenem Atem lauschten die Zuhörer, nur wenn er vom Schlachtgewühl erzählte, rührten sich die Männer, ihre Augen glänzten und sie nickten einander zu, und so oft er den Fall der Helden und den Brand der Burgen beklagte, seufzten die Frauen. Als er seinen langen Bericht beendet hatte, sprach Edith: »Füllt ihm aufs neue den Becher. Du aber bewahre das Silber mit unserm Dank, denn große Dinge hast du uns verkündet, die wir alle im Gedächtnis behalten, solange wir leben.« Da sprang Gottfried auf, überreichte dem Spielmann den Becher und begann: »Weißt du etwas von meinem Bruder Immo, so verkünde auch das, denn an ihn dachten wir alle, während wir dich hörten.« Bei diesen Worten des Knaben brachen die Dienstleute in einen Freudenschrei aus, es war ein kurzer Ruf, der schnell verhallte, aber er kam aus bedrängten Herzen, die von einer Last befreit wurden. Wizzelin hob den Becher und rief: »Heil sei dir, junger Held, daß du als der erste nach ihm frägst im Saale seiner Väter.« Er ergriff sein Spiel, fuhr schnell über die Saiten und sprach: »Dieses Spiel hat oft von seinem Namen getönt, denn wir Fahrenden singen mehr als ein Lied von ihm auf den Märkten und am Herdfeuer. Wollt ihr das eine hören, wie er den Grafen Ernst schlug?« Und die Saiten rührend, stimmte er die Weise an: »Einen Helden weiß ich, Immo aus Thüringeland. So lautet das Lied,« erklärte er, »höre Geschlecht Irmfrieds!« Und er begann seinen Sang, wie Immo an der Furt des Baches die Helden des Babenbergers schlug, den Waltram, Hartwin und den jungen Hadamund, und wie er darauf die Wache am Felsentor hielt, um durch seinen Leib den König zu decken. Dort lief der edle Graf Ernst gegen ihn an, die Speere flogen, die Schilde krachten und aus den Schwertern fuhr die feurige Lohe, bis der Babenberger mit zerschlagenem Helme betäubt zurückfuhr. Da warf Wolfere von fern her den Hammer und traf dem jungen Helden das Haupt, daß er blutend zurücksank. Aber den Fall seines Edlen zu rächen, sprang König Heinrich selbst in den Kampf.

Oft hatte der Spielmann die Herzen der Hörer bewegt wie er wollte, und er war gewöhnt, daß sie durch hellen Ruf und leises Stöhnen ihren Anteil kundgaben. Heute aber freute sich der Schlaue über das Entzücken, welches er erregte. Die dienenden Frauen streckten in ihrer Aufregung die Hände immer wieder dem Himmel zu, Gertrud schluchzte vor Freude, und die Dienstmannen schnoben heftig mit den Nasenflügeln und griffen mit den Händen um sich. Der Knabe Gottfried stand wie verzückt mit glühenden Wangen und aufgerissenen Augen, seine schlanke Gestalt schien zu wachsen und sein goldenes Haar sträubte sich um das Haupt. Auch andere sah der Sänger, welche sich gegen die Gewalt seiner Töne wehrten, bis ihr stolzer Groll dahinschmolz in der heißen Freude über die Ehren eines Haussohns. Die Mutter barg nach den ersten Tönen ihr Gesicht in der Hand, und als er den Sturz Immos verkündete, erhob sie sich von ihrem Sitz und trat zurück in das Dunkel. Die Brüder saßen im Anfange mit zusammengezogenen Brauen gleich Männern, welche gefaßt sind, Unwillkommenes zu hören. Doch auch ihr Widerstand wurde schwach, in ihren Augen leuchtete die Freude, die jüngeren sprangen auf und traten nahe zu dem Sänger, nur Odo blieb sitzen, aber um seinen Mund zuckte die Bewegung. Und als der Sänger endete und ein Jubelgeschrei der Dienenden, welches nicht enden wollte, durch den Saal brauste, da trat Odo zu dem Spielmann, bot ihm den Becher, aus dem er selbst getrunken hatte, und sprach: »Nimm noch dies Silber, das dir die Söhne Irmfrieds spenden. Leben wir auch in Zwist mit dem Bruder, wir freuen uns doch, wenn der Name unseres Geschlechtsgenossen im Lande gerühmt wird.«

»Weißt du mehr von ihm?« rief Gottfried.

Der Spielmann rührte sogleich wieder die Saiten. »Ihr mögt wählen unter den Liedern, die ich von ihm habe.« Und er verkündete ihnen nach der Reihe alles, wie Held Immo unter den Sachsen ritt, wie er den Dienstmann Egbert schlug und wie er als erster sich mit seinen Genossen in die Festung schwang.

Der Sang war verklungen, die Hörer saßen schweigend, ganz aufgelöst von der starken Bewegung. Da ergriff Wizzelin seine Fiedel und begann mit dem Bogen die Saiten zu rühren, langsam, in einer rührenden Weise, aber er sang und sprach nicht mehr. Auch die Versammelten saßen still und wenn einem das Herz zu weich wurde, so wischte er verstohlen die Träne ab.