Das Nest der Zaunkönige Erzählung aus dem Anfang des 11. Jahrhunderts

Part 16

Chapter 163,787 wordsPublic domain

Immo eilte in das Haus. Mit einem Freudenschrei warf sich Hildegard in seine Arme und drückte sich an seine Brust.

»Wie bleich du bist, Hildegard, und gleich einer Gefangenen sehe ich dich bewahrt.«

»Sie sind nicht hart gegen mich, und wären sie es auch, ich würde es wenig beachten, wenn ich an dich denke und dein Antlitz zu sehen hoffe. Denn so oft mich die Einsamkeit ängstigt und die Gefahr bedroht, bist du mir in meinen Gedanken nahe, du Lieber, mich zu trösten. Bald aber werden sie mich von hier fortführen zu der Königin, in ihrem Gefolge soll ich bewahrt werden.«

»Das ist gute Botschaft,« rief Immo, »dort vermag ich dir eher nahe zu sein.«

Aber Hildegard schwieg, ihr Haupt lag schwer an seiner Brust, und ihr junger Leib bebte in seiner Umarmung. »Hoffe das nicht, Immo, denn nicht für ein fröhliches Leben denkt mich der König zu retten, nur weil der große Erzbischof Mitleid mit mir hatte. Sie halten mich fest, wie die frommen Mütter sagen, damit ich nicht gleich einer Dirne auf die Straße geschleudert werde. Mein unglücklicher Vater!« rief sie mit gerungenen Händen. »Geh' von mir, Immo, denn Elend ist mein Los, und meinem Vater droht das Verderben.«

Immo wußte wohl, daß der König damals, als er dem Geschlecht des Hezilo Abzug aus der Festung gestattete, den Grafen Gerhard mit seinem Gesinde aus dem Zuge der Entweichenden herausgerissen hatte, um ihn für seine Rache zu bewahren. Seitdem konnte niemand sagen, was mit dem Grafen geschehen war. Deshalb frug Immo sorgenvoll: »Vernahmst du, wo er weilt?«

»Er liegt im Turm der Stadt gefangen, ich war bei ihm und er begehrt in seiner Not nach dir. Eile, Immo, denn kurz ist, wie sie sagen, die Frist, welche ihm noch auf dieser Erde gestattet wird. Tröste ihn, wenn du vermagst, und dann komm noch einmal zu mir, damit ich dich segne und dir für deine Liebe danke. Denn, Immo, merke wohl, die Tochter eines entehrten Mannes kann nicht ferner dein Geselle sein. Suche dir die Braut unter den geschmückten Frauen, welche mit der Königin eingezogen sind und sich gleich dir des Sieges freuen; ich aber und mein Geschlecht schwinden dahin wie die flammenden Häuser und die Weiber und Kinder, die ich mit der Peitsche hinaustreiben sah.«

Immo rief unwillig: »Ich hörte immer, die durch ein Band gebunden sind, sollen auch Leid und Liebe miteinander teilen, solange sie leben. Meinst du, Hildegard, daß ich dich losbinde von deiner Pflicht gegen mich? Mein bist du, aus der brennenden Stadt habe ich dich getragen und was sie auch über dich ersinnen, solange ich atme, darfst du dich niemandem geloben als mir, nicht der Königin und nicht den Heiligen. Zur Stelle suche ich deinen Vater auf, ob ich ihm nützen kann.« Er hob ihr gesenktes Antlitz mit der Hand zu sich herauf und sah ihr in die Augen. Lange dachte er an die heiße Liebe, mit der sie ihn bei diesem Scheiden ansah. »Morgen bei guter Zeit bringe ich Botschaft,« rief er noch an der Tür.

Am Fuß der Turmtreppe sprach der Wärter zu Immo: »Ihr werdet den Grafen in unehrlicher Gesellschaft finden, wenn euch beliebt, jetzt hineinzugehen. Einer seiner Fechter ist bei ihm, er hat ihn gefordert; ich rate, daß ihr harret, bis der ruchlose Mann gewichen ist.«

»Öffne doch,« versetzte Immo, »er hat mich dringend begehrt.«

Als Immo mit dem Schließer eintrat, sah er den Grafen auf einer Holzbank sitzen, und vor ihm stand Sladenkop, der Fechter, ein unförmlicher Gesell mit Armen und Beinen, die aussahen, als ob sie von einem riesigen Tiere genommen wären, mit kleinen scharfen Eberaugen, kurzer Stirn und borstigem Haar. Die Miene des Mannes war verlegen und sein Gesicht gerötet. Immo wandte den Blick mit mehr Teilnahme auf den Grafen. Denn sehr bekümmert erschien dieser, die Augen lagen tief und fuhren ängstlich umher, er war hagerer geworden und sein Kopf stand nicht mehr so trotzig zwischen den Schultern wie sonst, sondern hing ein wenig nach vorwärts. Immo grüßte und winkte dem Schließer abzutreten, welcher mit einem argwöhnischen Blick auf den Fechter sagte: »ich harre draußen an der Tür, wenn ihr mich ruft.«

»Ich freue mich, Immo,« antwortete der Graf dem Gruße, »daß du nicht verschmähst mich aufzusuchen, obwohl ich im Unglück bin. Immer hat dein Geschlecht mir edle Art gezeigt und gute Freunde sind wir von neulich, wo du in meiner Halle saßest und wo du in meinem Lager den Würzwein trankest. Jetzt verläßt mich alles, sogar dieser Köter,« er wies auf den Fechter. »Betrachte seine Arme, so habe ich ihn gefüttert, und mir hat er sein Leben gelobt, jetzt aber sträubt er sich, mir im Kampfe einen Vorteil zu geben.«

»Verhüten die Heiligen, daß euch jemals das Los zuteil werde, diesem da im Kampfe gegenüber zu stehen.«

»Emsig flehe ich zu den Heiligen, daß sie es verhüten mögen; aber es scheint, daß sie Lust haben, es zu gestatten. Denn wisse, Immo, der König hat Übles gegen mich im Sinn, und weil wir am Idisbach in der Übereilung dem Erfurter Kaufmann seine Ballen genommen und den Mann dabei beschädigt haben, so will der König mir die Ehre nehmen, ich soll als gerichteter Räuber um mein Leben kämpfen, und weil ich Fechter gehalten habe, so fordert er in seinem Zorn, daß ich vor dem Ringe seiner Edlen gegen meinen eigenen Fechter streiten soll.« Immo trat erschrocken zurück. Der Gefangene erkannte die Teilnahme und fuhr vertraulicher fort: »Aus deinen Augen sehe ich, Immo, daß ich dir alles sagen darf; merke wohl, dieser Undankbare, der meinen Silberring an seinem Arm trägt und der mir gelobt hat, um Geld und Nahrung in jedem Kampfe sein Leben für mich zu wagen, er will sich jetzt von mir nicht treffen lassen.«

»Wie kann ich eine Abrede mit euch machen, Herr, da ihr kein Fechter seid und des Handwerks nicht kundig,« fiel gekränkt der Fechter ein. »Wäret ihr einer von meinen Genossen, so wollte ich einen Arm oder ein Bein wohl daran wagen. Ihr aber würdet mir, wenn ich euch einen Vorteil gäbe, das Eisen in die Glieder treiben, daß ich des Aufstehens für immer vergäße.«

»Du bist ein Narr, das zu fürchten. Ich war in meiner Jugend ein Schwerttänzer und treffe, wohin ich will, wenn mein Gegner Bescheidenheit erweist. So nimm doch die besten Gedanken in deinem dicken Kopf zusammen. Wenn ich dich wirklich ein wenig zu sehr träfe, durch die Hand eines Edlen zu fallen, wäre für dich das ehrenvollste Ende, das du finden könntest.«

Der Mann stand mit zusammengezogenen Augenbrauen und überlegte. »Ja, Herr,« sagte er zögernd, »ihr sprecht nicht ohne Grund, auch der Fechter hat seine Ehre. Und trefft ihr mich, so soll dies mein Trost sein und es wird Nachruhm gewähren bei allem fahrenden Volk. Doch wenn ihr mich nicht trefft, sondern ich euch, dann wäre der Ruhm noch größer.«

»Du aber hast dich mir gelobt, wie kannst du mich treffen, du Schuft?« rief der Graf zornig.

Der Fechter sah finster vor sich nieder. »Ich weiß, was ihr meint,« begann er endlich, »und ich merke, daß ich in der Klemme bin wie ein Marder. Sie sollen nicht sagen, daß ich gegen meinen Herrn unehrlich gehandelt habe. Solange ich euren Ring trage, seid ihr sicher vor meinem Eisen; feilen sie mir den Ring ab, so fechte ich als des Königs Kämpe und dann, meine ich, darf ich euch treffen.«

»Weiche hinaus, du Elender,« rief der Graf zornig, »mich reut's, daß ich so manches Kalb und Rind in deinen Magen gestopft habe und mich reut's, daß ich in meiner Not bei einem Ehrlosen Hilfe suche.«

Der Fechter sah verlegen und unschlüssig auf den Zornigen, dann wandte er sich trotzig zum Abgang. Als sich hinter ihm die Tür geschlossen hatte, saß der Graf eine Zeitlang schweigend auf der Bank, und Immo sah, daß ihm große Schweißtropfen von der Stirne rannen. Endlich begann er mit gebeugter Haltung: »Wundere dich nicht, Immo, daß ich gerade dich bitten ließ. Du kennst den Brauch in heiligen Dingen, du bist selbst ein halber Geistlicher, obgleich du das Schwert führst, und vor allem bist du jung, erst aus Wigberts Zucht gekommen, du kannst noch nicht sehr viel Böses getan haben, und die Heiligen werden dir eher etwas zugute halten, als einem andern. Darum möchte ich dir Vertrauen schenken in der Sache, die mir jetzt zumeist am Herzen liegt. Willst du mir geloben, eine Bitte zu erfüllen, so tue es.«

Da Immo erwartete, daß der Graf an seine Tochter denken würde, so war er gern bereit und sprach an sein Schwert fassend: »Ich will, wenn ich es ohne Schaden für meine Seele tun kann.«

»Es ist ein frommes Werk,« versetzte der Gefangene traurig. »Wisse, Immo, daß es schwer ist, auf Erden ohne Sünde zu leben. So habe auch ich, wie ich fürchte, zuweilen etwas getan, was mich den Heiligen verleiden kann, ich sorge, daß es ihr Zorn ist, der mich in diese Gefahr gebracht hat und daß sie mich gar nicht gutwillig hören werden, wenn ich sie hier aus diesem Loche um meine Rettung anflehe. Denn in meinem Jammer bekenne ich, wenig habe ich ihrer im Glück geachtet. Dem Gebet der Mönche mich zu übergeben, kann gar nichts frommen, denn auch diese sind mir zum Teil verfeindet, und sie beten nur eifrig, wenn sie Hufen und reiche Gaben erhalten. Meines Gutes aber wird, wie ich fürchte, der König mich entledigen. Darum ist mir eingefallen, was mich wohl retten könnte. Ich habe meine Sünden aufschreiben lassen; nicht gerade alle, denn mit den kleinen will ich den großen Fürsten des Himmels nicht lästig werden, aber die schwersten. Drei Tage und drei Nächte habe ich zwischen diesen Steinen darüber nachgedacht sie zu finden und zu bereuen. Dem Beichtiger der Gefangenen -- er ist ein ausgelaufener Mönch und ein guter alter Mann -- habe ich sie hergesagt und er hat sie auf mein Drängen niedergeschrieben und versiegelt.« Er holte ein zusammengelegtes Pergament unter seinem Sitze hervor, wies es dem erstaunten Immo und sprach feierlich: »Hierin sind meine Sünden, nämlich die groben. Mir kann Rettung bringen, wenn du sie zu wundertätigen Reliquien großer Heiligen trägst und sie in ihrem Schrein oder doch darunter birgst, damit die Heiligen selbst mein Bekenntnis empfangen, und wenn sie es lesen, sich meiner erbarmen.«

Immo trat erschrocken zurück und sah scheu auf das zusammengelegte Pergament. »Wie darf ich mich unterfangen, dies Blatt den Heiligen zu übergeben, da ich kein Priester bin?« versetzte er. »Und wie kann ich einen Reliquienschrein erreichen, da ich selbst kein solches Heiligtum besitze?«

»Schaffe das Blatt an einen Ort, wo große Heilige hausen,« raunte der Graf ängstlich.

»Ich selbst bin aus dem Kloster in Unfrieden geschieden,« antwortete Immo, »und weiß nicht, ob mir die Mönche dort gestatten werden, dem Altar des heiligen Wigbert oder gar den hohen Aposteln zu nahen.«

»Auch erwarte ich wenig Gutes von diesen Heiligen,« versetzte der Graf zerknirscht, »denn ich leugne nicht, alte Händel habe ich mit ihnen und sie möchten mir das gedenken. Auch in Fulda, fürchte ich, hat man schon manches von mir vor den Altären geraunt. Wandle leise zu einem hohen Heiligtum, wo man mich weniger kennt. Einen Reliquienschrein weiß ich, den besten von allen,« und er hob seinen Mund zu Immos Ohr und flüsterte: »das ist der Himmelsschatz unseres Herrn, des Königs. Er ist hier zur Stelle und schnelle Fürbitte tut mir not, sonst kann sie mir für dieses Leben nichts mehr helfen.«

»Wie vermag ich zu dem Heiligtum des Königs zu dringen?« rief Immo.

»Ich weiß, daß du zu den Auserlesenen gehörst, welche die Wache in seiner Behausung haben, da mag dir wohl möglich werden, daß du das Pergament ungesehen unter die Decke schiebst. Vielleicht gelingt dir auch, den Geschorenen des Königs, der über dem Schrein wacht, durch Flehen und Gabe zu gewinnen. Versprich ihm Großes; denn wisse, einen Goldschatz, der nicht klein ist, bewahre ich unter einem Baume verborgen; wird der Priester zu der Guttat geneigt, so will ich den Schatz daran wenden und ihm die Stelle offenbaren.«

»Um die Heiligtümer des Königs sorgt jetzt der fromme Abt Godohard,« versetzte Immo kummervoll, »der Goldschatz wird ihn nicht locken, den hohen Himmelsfürsten, die für den König bitten, in deiner Sache so zudringlich zu nahen.«

»Ich finde dich kalt, Immo, wo es gilt, einen alten Genossen deines Vaters aus der Angst zu retten,« klagte der Graf und griff sich nach der feuchten Stirn. »Besseres hatte ich von dir gehofft und anderes hatte ich auch mit dir im Sinne. Denn als ich dich neben Hildegard, meinem Kinde, sitzen sah, wie du als Geselle ihr zutrankest, da fiel mir einiges ein, was ich mit deinem Vater beredet hatte, als ihr beide noch klein waret, und ich dachte, was nicht geworden ist, vielleicht kann es doch noch werden, wenn die Heiligen es fügen und auch dein Wille dahin geht. Jetzt freilich bin ich arg verstrickt, du aber bist im Glücke. Dennoch erinnerte ich mich an die Augen, die du damals machtest, als ich dich in meinen Saal laden ließ. Aber ich sehe, der Menschen Sinn ist veränderlich, zumal wenn sie jung sind.« Er setzte sich seitwärts auf die Bank und faltete die Hände, aber er sah von der Seite scharf nach dem offenen Antlitz des Jünglings, in welchem der innere Kampf sichtbar war.

Wild stürmte es durch Immos Seele, Hoffnung, die Geliebte durch den Vater zu erwerben und wieder Mißbehagen darüber, daß der Vater sie ihm für eine heimliche Tat verkaufen wollte. Er stand in innerm Ringen und dabei fiel ihm die Lehre ein, welche ihm der alte Bertram für sein Leben mitgegeben hatte, daß er dem Gelöbnis eines Mannes, der in Todesnot sei, niemals trauen solle. »Wegen deiner Tochter fordere ich keinen Eid von dir, und du gedenke mich nicht durch ihren Namen zu beschwören, daß ich dir helfe. Denn deine Not will ich nicht mißbrauchen zu einem Gelöbnis.«

»Du denkst edel, Immo,« rühmte der Graf, »sei auch barmherzig.«

»Gib mir das Pergament,« rief Immo entschlossen, »ich will tun, was ich kann, wenn auch nicht gerade so wie du meinst, doch nach meinen Kräften; obwohl ich zage, daß mir die hohen Gewalten deshalb zürnen werden. Vermag ich nichts, so lege ich deine Sünden wieder auf deine Seele wie ich sie empfing.«

»Ganz hochsinnig finde ich dich, Immo, und ich vertraue deinem Mut und deiner Klugheit,« rief der erfreute Graf. Er legte das Pergament in die Hand des anderen und hielt sich mit beiden Händen an seinem Arme fest. Immo schob das Pergament vorsichtig in die Tasche seines Gewandes und wandte sich zum Abgange. »Ich fürchte, das Blatt verbrennt mir den Rock,« sagte er unruhig, »lebe wohl, soweit du es hier vermagst. Ich kehre wieder, sobald ich die Tat versucht habe.« Den wortreichen Dank des Grafen unterbrach das Klirren des Schlosses.

Als der König am Abend nach dem Mahle in seine Herberge kam und durch den Haufen der Edlen und Geistlichen schritt, welche ihn erwarteten, um Segen für seine Nachtruhe zu erflehen oder ihm aufzuwarten, da sah er huldvoll, wie seine Gewohnheit war, nach allen Seiten umher, grüßte und nickte. Die neu Angekommenen aber, wenn sie Edle waren oder Geistliche, faßte er bei der Hand und küßte sie. Als der König Immo erblickte, der sich in die vorderste Reihe gestellt hatte und ihn bei dem Gruß flehend ansah, da merkte er wohl, daß dieser Huld begehre, winkte ihm gütig zu und sprach: »Als ein stolzer Held hast du dich heute getummelt, edler Immo, hell klangen deine Speere an den Schilden.« Und weil er gern daran dachte, daß Immo ein Gelehrter war, fügte er, um ihn vor den anderen noch mehr zu ehren, einen lateinischen Vers hinzu: Stolz schwingt der Held Ascanius die Waffen im Kampffeld. Und nachdem er, wie dem Könige geziemt, jedem seinen Anteil an Ehren gegeben hatte, trat er in sein Schlafgemach. Als er sich dort ermüdet niedersetzte, begann der Kämmerer zu ihm: »Der Thüring Immo fleht um die Gunst, deiner Hoheit etwas zu sagen.«

»Hat er es so eilig, Lohn zu fordern für seinen Sprung von der Mauer, ich habe ihm ja soeben vor allen Leuten wohlgetan.«

»Er sagte,« antwortete der Kämmerer sich entschuldigend, »daß er dem König etwas Geheimes vertrauen müsse.«

»Die Geheimnisse des Jünglings hättest auch du empfangen können.«

»Das meinte ich auch,« versetzte der Kämmerer, »er aber flehte. Gefällt's dem König, so sende ich ihn fort, denn er harrt vor der Tür.«

»So führe ihn herein,« befahl der König und stützte müde das Haupt in die Hand.

Immo trat ein, kniete nieder und zog das Pergament des Grafen aus seinem Gewande.

»Was bringst du mir so spät, Immo?« frug der König und sah kalt auf den Knienden.

»Die Sünden des Grafen Gerhard,« antwortete Immo und legte das Pergament zu den Füßen des Königs.

»Verhüten die Heiligen, daß ich so unselige Gabe annehme,« versetzte der König, mit dem Fuß das Pergament wegstoßend, »Unheil bedeutet solche Spende, sprich, was soll der Brief?«

»Die Beichte ist es des Grafen,« sagte Immo feierlich, indem er das Kreuz schlug. Der König folgte schnell seinem Beispiel. »Der Graf verzweifelt in seiner Not, durch die Mönche bei den Himmlischen Gnade zu finden, zumal er ihnen nichts mehr zu spenden hat, denn sein Gut und Geld liegen in des Königs Hand. Da ließ er in der Herzensangst durch einen armen Priester seine Sünden niederschreiben und forderte von mir, daß ich sie heimlich zu den Heiligtümern meines Herrn und Königs trüge, damit die gewaltigen Nothelfer sich seiner erbarmten.«

»Und du hast ihm den Sündenbrief nicht zur Stelle vor die Füße geworfen, Verwegener?«

»Zürne mein König nicht, wenn ich gefehlt habe, mich erbarmte seine Angst. Wohl weiß ich, daß es ein Unrecht wäre, zu dem heiligen Geheimnis meines Königs zu schleichen und den Brief des armen Sünders dort zu verstecken, wie er begehrte. Dennoch wagte ich nicht, seiner Seligkeit hinderlich zu sein, und ich meine als redlicher Mann und nicht als Hehler zu handeln, wenn ich von der Gnade des Königs erbitte, daß mein Herr der Seele des hilflosen Mannes beistehe und seinem Priester gestatte, das Pergament zum Heiligtum des Königs zu tragen.«

»Und was hat dir der Graf versprochen, damit du diese freche Bitte wagst?« frug der König hart, »denn meine Edlen pflegen nichts für nichts zu tun.«

»Man hat mich gelehrt, von einem Manne in der Todesnot nicht Gabe und nicht Versprechen anzunehmen,« antwortete Immo.

»Der dich so seltene Vorsicht gelehrt hat, hätte dich auch lehren sollen, gegenüber deinem Könige die Scham zu bewahren. Wie mögen die hohen Gewaltigen des Himmels, deren Gnade ich selbst froh bin, wenn sie sich zu meinem Heiligtum herniederneigen und mich schützend umschweben, wie mögen diese zugleich die Beschützer meiner Feinde werden? Und wie kannst du das wollen, wenn du kein Verräter bist?«

»Ich vernahm die hohe Lehre,« versetzte Immo kniend, »daß der Himmelsherr gern Erbarmen mit dem Sünder hat, und wenn der König, der des Herrn Schwert auf Erden hält, hier den Schuldigen richten muß, so mag ihn doch in seinem Amte trösten, daß die Bitte seiner Heiligen den armen Sünder aus den Krallen des üblen Teufels errettet.«

»Mir aber liegt gar nichts daran,« rief der König ungnädig, »den untreuen Mann dereinst an der Himmelsbank wiederzufinden, wenn die Himmlischen mir dort den Herdsitz bereiten wollen. Das mußtest du wissen, du Tor, bevor du seine Sünden mir auf die Seele legtest. Denn wenn ich nach seinem unverschämten Verlangen tue, so schaffe ich einem, der mein Feind war, Hilfe in jenem Leben und vielleicht auch noch in diesem. Und wenn ich ihm dagegen seinen Willen nicht tue, so mögen die Heiligen mir zürnen, weil es mir an Erbarmen fehlt. In solche Gefahr setzt mich dein dreistes Verlangen. Entweiche mit dem Briefe und trage ihn zu einem anderen Heiligtum, zu welchem du willst, wenn dir an der Gunst des Grafen mehr gelegen ist, als an dem Vorteil deines Königs. Doch halt,« rief der König noch zorniger, »wer weiß, ob der Bösewicht nicht manches hineingesetzt hat, was mir selbst zum Schaden gereichen könnte, wenn die Unsichtbaren darauf hören.« Der König neigte sich schnell zu Boden, faßte den Brief und erbrach das Siegel. »Die Beichte des Grafen Gerhard will ich zuerst vernehmen, ehe sie zu den Heiligen dringt.« Er bekreuzte sich und setzte sich nahe zu der Kerze. »Schwach war die Kunst des Geschorenen, der diese Krähenfüße hingesetzt hat,« murmelte er. »Mit seiner letzten Verräterei fängt der Sünder an, ich glaube wohl, daß sie ihn am meisten ängstigt. Sie reut ihn, solange er im Turm sitzt. -- Dann kommt der Kaufmann. Der Goldstoff, den er geraubt hat, war für die Königin bestimmt, und er hat ihn noch nicht einmal herausgegeben.« Und er las fort mit gespannter Aufmerksamkeit. Immo merkte, daß der König seine Gegenwart ganz vergessen hatte, denn er sprach zuweilen laut von den geheimen Taten.

»Den Grafen Siegfried im Walde überfallen, wobei ihn leider mein Mann Egbert erschlug. Die Missetat blieb ungerochen,« rief der König, »die Leute sagten damals, der Gefällte sei von Räubern erschlagen worden. -- Hier folgen Sünden gegen die Wigbertleute. Es ist eine ganze Reihe. Schwerlich würde Abt Bernheri dafür Absolution erteilen. -- Mit Herzog Heinrich, dem Zänker -- der dreiste Bösewicht, meinen Vater so zu nennen.« -- Der König sah um sich, und als er Immo noch auf den Knien fand, sprang er auf und winkte ihm zornig die Entlassung. Dann ergriff er wieder das Pergament: »Mit Herzog Heinrich verschworen gegen Kaiser Otto.« Der König warf das Pergament auf den Tisch und schritt heftig im Zimmer auf und ab. »Das Unrecht meines eigenen Vaters soll ich zum Schrein der Heiligen tragen, damit die Heiligen es wissen und an mir rächen. Unerhört ist die Bosheit.« Wieder eilte er zum Tisch. »Und hier steht es, meine eigene Sünde,« und er las: »mit Herzog Heinrich, der jetzt König ist, Verabredung getroffen gegen seinen Vetter, den jungen Kaiser Otto.« Der König faßte das Pergament, drückte es mit der Faust zusammen und schleuderte es in den Kamin. Er riß die Kerze aus dem Leuchter, hielt sie daran, bis das Blatt sich bräunte und knisternd verkohlte und stieß heftig mit dem Fuß in die Asche. »Dies sei der Heiligenschrein, zu dem ich deine Sünden trage, du Ruchloser. Mich selbst soll ich verklagen vor meinen Nothelfern um deinetwillen. Lieber lasse ich dich unter deiner Sündenlast leben wie bisher, als daß ich dir den Himmel öffne. Siehe selbst zu, ob du auf dieser Erde das Erbarmen der Himmlischen gewinnst, ich weigere dir die Hilfe, die du begehrst.« Der König stand finster vor dem Kamin. »An mein eigenes Unrecht mahnt er mich und ich fühle den Schrecken und die bittere Reue. Für mich selbst will ich zu den Ewigen flehen wegen alter Sünden, und daß ich jetzt dem Flehen einer armen Seele nach der Seligkeit meine Hilfe verweigerte.« Und Heinrich eilte zu dem vergoldeten Schrein, um den, wie er meinte, die hohen Fürsten des Christenhimmels unsichtbar walteten, enthüllte die heilbringenden Reliquien und warf sich mit gerungenen Händen vor ihnen nieder.