Das Nest der Zaunkönige Erzählung aus dem Anfang des 11. Jahrhunderts

Part 11

Chapter 113,971 wordsPublic domain

»Ich lobe die Entschuldigung,« rief Edith bitter, »welche eine Untat abbläst, wie den Staub der roten Berge. Und da wir alle hier gesellt sind, das ganze Geschlecht Irmfrieds mit freundlichem Herzen und guter Meinung zueinander, so vernehmt eine Sage, meine Söhne, welche die Mutter am Feierabend für euch bereit hält. Einst, da ich Jungfrau war im Vaterhause, dachte ein junger Held der Thüringe darauf, ein Sachsenmädchen zur Hausfrau zu werben und der Vater war ihm wohlgeneigt. Da kam der ältere Bruder des Jünglings, mächtiger an Gut und Ehren, von einem Kriegszuge in den Sachsenhof, dieser gewann größere Gunst des Vaters und erhielt die Jungfrau zum Weibe. Unter den Brüdern entbrannte Feindschaft, in den Mauern ihrer Stammburg zogen sie gegeneinander die Schwerter und der jüngere wurde durch die Waffe des Bruders schwer getroffen. Seitdem ahnte den Gatten Übles für die Zukunft und sie meinten den Zorn der Ewigen zu versöhnen, wenn sie das erste Kind dem Dienst des Himmelskönigs weihten. Dies Kind warst du, Immo. Heute aber trug ein Bruder deines Klosters mir die Kunde zu, daß du am Altar der Heiligen die Hand gegen einen Geweihten erhoben hast und als ein Missetäter aus dem Kerker des Klosters entwichen bist.«

»Den Tutilo schlug ich am Altar nieder,« rief Immo dagegen, »weil er die Faust gegen seinen Abt ballte und gegen mich selbst die Geißel schwang. Wurde die heilige Stätte entweiht, nicht ich war der Verbrecher, sondern er. Und wagt der Babenberger mir noch einmal gegenüber zu treten, bei allen Heiligen des Himmels, wo es auch sei, ich tue ihm dasselbe. Du selbst aber weißt, daß ich nicht aus dem Zaun des Klosters gebrochen bin, sondern durch den Abt in Freiheit zu dir gesandt.«

»Nicht als ein Freier kehrtest du in das Haus deiner Väter, als Geweihten des Herrn begrüßten wir dich und du täuschtest die Mutter durch unwahren Bericht.«

»Das tat ich nicht,« rief Immo. »Als ich die Freude sah, mit der du auf meine Weihen hofftest, da wurde mir allzu schwer, dir zu sagen, daß ich die Stola für mich nicht begehre. Heut aber bekenne ich dir's, obwohl du zornig bist. Ich vermag nicht den Heiligen zu dienen, wie du begehrtest.«

»Ungehorsam willst du sein deinen Eltern und treulos gegen den Himmelsherrn,« rief Edith heftig.

»Gehorsam wirst du mich finden in allem, worin der Sohn seiner Mutter gehorchen darf, und um die Gnade des Himmelsherrn denke ich als ein ehrlicher Kriegsmann zu werben. Aber ein Pfaff werde ich nicht.«

»Als ich dir das erste Gewand auf deinen Leib zog, habe ich dich dem Dienst der Heiligen gelobt. Wie darfst du wagen, das Gelübde deiner Mutter unwahr zu machen?«

»Hast du dein Kind zum Opfertiere geweiht, um dich von der eigenen Not zu lösen,« rief Immo, »so siehe zu, ob du ihm seine Hörner zu binden vermagst. Ist das die Liebe der Mutter, daß sie den Sohn in das Elend stößt und mit seinem Haupte die Buße bezahlt, um sich selbst das irdische Heil zu sichern?«

Edith zuckte wie unter einem Schlage, ihr Antlitz erblich, als sie sprach: »Eines Gottlosen Stimme höre ich. Für ein Elend gilt dir der heilige Dienst und einen Verstoßenen nennst du dich, während ich dir das Beste bereiten will, was dem Menschen auf dieser Erde vergönnt ist. Mein bist du, von meinem Leibe kommst du und meine Treue hat dir das Leben bewahrt. Wem gehörst du an, wenn nicht deiner Mutter?«

»Gabst du mir das Leben, so gabst du mir doch nicht denselben Wunsch, der dir die Seele füllt. Nicht nach deinen Gedanken vermag ich zu wandeln, Liebe und Leid fühle ich anders als du und dem eigenen Willen gedenke ich fortan zu vertrauen, wenn ich auch deinen Rat ehrfürchtig höre.«

»Bist du so frei von der Pflicht gegen die Mutter und gegen dein Geschlecht, so vergiß auch, wer dich laufen lehrte und wer dir zuerst die Worte deiner Rede vorsprach, vergiß, daß du ein Sohn des Irmfried und der Edith bist, und wandle dahin gleich einem Vater- und Mutterlosen, der irgendwo am Wasser oder unter dem Baum gefunden ist. Alles Gute, das dir von der Mutter und den Ahnen kommt, willst du für dich nützen, deines Geschlechts willst du dich rühmen, und wenn sie dir sagen, daß dein Antlitz dem deines Vaters gleicht, willst du lachen und nicken. Aber was dir von Pflichten obliegt als dem Sohne deines Hauses und dem Kinde deiner Eltern, dem willst du dich frevelhaft entziehen. Ich lobe die Klugheit, Immo. Doch wisse, du Freier, wenn du deine Pflicht gegen die Mutter verachtest, so naht der Tag, wo die Mutter sich deiner schämt.«

Mit glühendem Antlitz sprang Immo zurück: »In der Halle meiner Väter höre ich die Kuttenträger zischen; sehnsüchtig kam ich her und begehrte die Liebe der Mutter und der Brüder; geschwunden ist die Treue, kalte Hohnrede vernahm ich von den Lippen der nächsten Verwandten. Lenke du den Flug deiner Nestlinge, Mutter, wie es dir gefällt, mir aber hast du den Sinn verwandelt und unter den wilden Tieren will ich lieber hausen als hier.« Er sprang aus der Tür und über den Hof, riß sein Pferd aus dem Stalle, hob den Balken des Hoftors und sprengte über die Brücke, während die Mutter in der erleuchteten Halle stand und die Hände über ihr Herz preßte. »Eilt ihm nach,« befahl die Mutter, »daß seine Seele nicht unter den bösen Geistern der Nacht verderbe.«

»Wie mögen wir ihn hindern, er ist ja der ältere,« versetzte Odo trotzig. Doch Gottfried lief in den Hof und rief den Namen des Bruders in die Nacht hinaus, nur undeutlich klang die Kinderstimme in das Ohr des Entweichenden. Es war ein leiser Ton, aber die Tränen brachen dem Flüchtigen aus den Augen, da er ihn hörte. In die Nacht hinein ritt Immo halb bewußtlos, das Blut hämmerte in seinem Haupte, die Mondsichel am Himmel zitterte und die Sterne flirrten und verschwanden vor seinen Augen; er sprengte durch den Bach, daß die Flut um sein Haupt spritzte, und fuhr über Wiesengrund und Felder den Bergen zu. Dort fand er sich in dichter Finsternis, schwarze Baumwipfel bargen das Wolkenlicht, die Äste und Zweige schlugen in sein Gesicht und hielten wie mit Krallen sein Haar und Gewand. Zitternd suchte das Roß einen Weg durch das wilde Gestrüpp, bis der Reiter wieder den Nachthimmel über sich sah und einzelne Hügel, die dunkel vor ihm aufstiegen. Als er sich in dem Talkessel zwischen den roten Bergen fand, da hob er den Arm in wilder Freude nach den Gipfeln und ritt längs dem Bergwall dahin. Die Stimmen, welche in dem hohen Rohr schrien und stöhnten, warnten ihn, daß er sein Roß der Höhe zu riß, denn dort unten hausten tückische Geister, die Roß und Mann festhielten und langsam hinab in die grundlose Tiefe zogen. Vor ihm flackerte durch den Wasserdunst ein rotes Feuer und undeutliche Schatten fuhren riesengroß durch den Lichtschein. Da sträubte sich ihm das Haar, auch das Roß ächzte und stauchte zurück und er hörte eine Menschenstimme: »Wer stört das Mahl und dringt in den Reigen, haltet ihn fest und werfet ihn zu Boden.« Er spornte das Roß zu weiten Sätzen und als er vorüberfuhr, sah er eine Flamme auf Steinhaufen, grell beleuchtete Gestalten von Männern und Weibern, wilde Gesichter und gehobene Arme. Wie vom Sturmwind getragen fuhr er hindurch, hinter ihm flogen Speere und krachte eine geworfene Axt, lautes Hallo und Geheul folgte. Dann war er wieder allein in dichtem Nebel. Er schlug sein Kreuz und sprach hastig das Kredo, er wußte, jene hinter ihm waren Landleute aus der Ebene, die dort heimlich alten Opferbrauch übten. Als Kind hatte er Schreckenvolles gehört von der Grausamkeit, mit welcher sie die Störer ihrer abgöttischen Feier straften, und er erinnerte sich, daß er schon einmal als Knabe von fern den Lichtschein gesehen hatte und daß der fromme Bruder, der damals sein Lehrer war, ihn ermahnt hatte sich abzuwenden, damit der teuflische Schimmer ihm nicht den Sinn verstöre.

Wieder umschloß den Reiter unheimliche Nacht. Kläglich seufzten die Unken im Teich und über ihm jammerten die Nachtvögel, die Rudel der Wölfe bellten und heulten und ihre schwarzen Schatten fuhren durch den Nebel dahin, da meinte er in der Luft die Gewaltigen der Nacht zu schauen, riesige Männer auf dunklen Rossen, welche ihm zuwinkten und nach dem Tor im Berge wiesen. Denn vor ihm gähnte der Erdriß, den er heute übersprungen hatte, und die Schatten mahnten zur Rache. Er hielt wie fest gebannt, das gellende Geschrei der Nachttiere und das Flattern in der Luft betäubte ihm das Hirn, daß er im Sattel schwankte. Aber im nächsten Augenblicke rückte er sich kräftig auf dem Rosse zurecht und atmete tief wie einer, welcher erkennt, daß sein Bangen unnötig war. Denn zwischen dem wilden Heidenlärm vernahm er laut und lauter das Rauschen eines gebändigten Wassers, unter welchem sich ein Rad schwang, und er vernahm das Klappern des Mühlwerks, die freundliche Stimme, welche von den Mönchen durch die Worte gedeutet war: Hilf, Herre Gott. Daran dachte er jetzt. Die Mühle klang bei Tag und Nacht langsam und schneller, wo Menschenwerk fleißig geübt wurde, sie hatte Frieden bei Heiden und Christen und Gutes bedeutete ihr Gesang jedem, der ihn hörte; alle Hausfrauen im Lande riefen ihr Heil und Segen zu, denn das kluge Werk befreite ihren Hof von der Mühe, die Handsteine zu drehen; die wilden Tiere fürchteten den Lärm und sogar der tückische Wassergeist saß, wie die Leute wußten, stundenlang am Ufer und horchte erstaunt auf das lustige Pochen. Und er hatte einst, da die Mühle grade still stand, dem Vater des jetzigen Müllers zugerufen: »Müller, laß dein Hackebrett klingen, damit meine Kleinen darnach tanzen.« Da lachte Immo und er gedachte, daß er einst im Kloster als Schüler bei großer Wassersnot mit dem Sintram und einigen Jünglingen dem Müller zu Hilfe gesandt worden war. Dort hatte Vater Sintram in der Nacht lange gegen den Wasserschwall gebetet, bis er darüber entschlief. Die frechen Knaben aber hatten dem schlafenden Greise sein Gesicht und den Scheitel ganz mit Mehl bestreut, daß er aussah wie ein Schneemann. Und als der Alte so verwandelt vor den Müller trat und aus dem Lachen des Mannes die Untat erkannte, da hatte er ruhig sein Haupt in das Wasser getaucht und darauf zu Immo gesagt: »Mir geschah recht, weil ich im Schlaf meine Pflicht vergessen hatte. Du aber mein Sohn hast unrecht getan, einem alten Manne die Ehre zu kränken.« Seit diesen milden Worten bestand das gute Vernehmen zwischen ihm und den beiden Greisen.

Immo sprang vom Rosse und blickte lange auf das stäubende Wasser und die weißen Blasen, welche in der Finsternis dahinschwanden, übertönt war das wilde Geschrei in seinem Rücken, er stand im Frieden, den der Mensch von den Gewalten der Natur erzwingt. Er beugte sich nieder zum Wasser und schöpfte einen Trunk mit der hohlen Hand, dann schlug er kräftig an die Pforte, bis Ruodhard, der Müller, öffnete und verwundert den Herrensohn und das Roß in seinem Gehege aufnahm.

Am Morgen saß Immo allein in dem öden Turmgemach der Mühlburg, der Gewitterregen schlug gegen die Mauern und goß sein Wasser durch die kleine Fensteröffnung auf den Steinboden. Die gute Lehre, welche der Mönch im Garten ihm zugeteilt hatte, war von ihm mißachtet worden. Hätte er der Mutter und den Brüdern sogleich bei der Ankunft die ganze Wahrheit gesagt, so hätte der Zorn nicht wie ein verdecktes Feuer um sich gefressen, bis er die Freundschaft verdarb. Er gedachte auch der Rede des Sintram und frug sich selbst, ob er noch jemanden in der Welt hätte, der für ihn bete. Denn den Himmlischen war er wohl verleidet, die im Kloster haßten ihn und die eigene Mutter hatte ihn von sich gestoßen. Ein Gefühl der Einsamkeit, wie er es im Kloster nie gekannt, bedrückte ihm das Herz, jetzt war er frei, er saß als Herr in der Burg, welche die Feinde das Nest der Zaunkönige nannten, aber er war auch frei wie ein Vogel und freundlos.

Als er aufsah, stand vor ihm die alte Gertrud, vom Regen durchnäßt und stellte einen Tragkorb zu seinen Füßen nieder. »Dies sendet dir Frau Edith, Immo.«

»Was sprach die Mutter?« frug Immo wild.

Gertrud hob ein leinenes Bündel aus dem Korb und breitete es mit zitternden Händen auf der Bank aus. »So redete Frau Edith zu mir: Trage dies dem Jüngling Immo und sage ihm, ich sende, was ihm gehört, und was ich in der Stille von seiner Habe bewahrte. Dies ist das erste Hemdlein, das ich ihm spann und das er trug, die Leinwand ist vergilbt, denn kein Sonnenstrahl hat sie gebleicht und kein Nachttau hat sie genetzt, aber die bittern Tränen der Mutter hängen daran, denn als er das erste Gewand auf seinem kleinen Leibe trug, habe ich ihn dem Dienst der Heiligen gelobt. Und hier sind andere Gewänder des Kleinen, sein Spielwerk, an dem er sich freute, als er zu meinen Füßen saß und die Kinderwaffen, welche ihm der Vater geschnitzt hat. Alles hob ich auf in der Truhe und oft hat mich gefreut, es herauszuholen und dabei an meinen Sohn zu denken. Jetzt hat er sich feindlich von mir gelöst, darum sende ich ihm, was sein ist.«

»Hart ist die Mutter,« rief Immo, seine Augen in der Hand verbergend.

»Und Frau Edith sprach weiter: Sage dem Kriegsmann, daß die Treue einer Mutter nicht verloren geht, wenn auch der Sohn statt des Vaterhauses sich die finstere Nacht erwählte. Solange ich lebe, werde ich harren, daß er zu den Heiligen zurückkehrt. An dem Tage werden ihm meine Arme geöffnet sein, und der Ehrensitz im Saal seiner Väter bereitet.«

»Vergebens wird sie diesen Tag erwarten,« rief Immo.

»Beide seid ihr feurig,« fuhr Gertrud begütigend fort, »wenn auch die Mutter ihre Hast besser zu bergen weiß als du. Denn ganz ruhig sprach sie zu mir, aber ich weiß wohl, wie ihr zumute war. Euch beiden kommt wohl die Überlegung, daß eins dem andern sich fügt. Unterdes gebot mir Frau Edith, daß ich auf dem Berge bei dir bleibe, mein Sohn, damit dir in der Einsamkeit die Pflege nicht fehle.«

Immo reichte der Alten die Hand. »Du wirst nicht lange für mich sorgen, denn ich gedenke von hinnen zu reiten.«

Am nächsten Tage sprengte der Knabe Gottfried in den Hof. »Heimlich habe ich mich aufgemacht,« begann er schüchtern, »ich komme dich zu bitten, mein Bruder, daß du meiner in Liebe denkst.«

Immo drückte den Treuen fest an sich. »Sprich auch, wenn ich nicht da bin, freundlich von mir zu der Mutter.«

»Auch sie gedenkt deiner,« versetzte Gottfried zutraulich, »denn wisse, zum Mittagsmahl trägt sie selbst deinen Stuhl an ihre Seite und setzt deinen Teller und deinen Becher auf den leeren Platz.«

»Vergeblich ist die Sorge der Mutter, der Sitz wird leer bleiben,« rief Immo finster.

6.

Auf der Reise.

Hügel und Tal lagen im Sonnenlicht und der Bergwind wehte kräftig vom Walde her, als eine Schar junger Thüringe von der Höhe in das Tal des Idisbachs hinabzog. An ihrer Spitze ritt Immo im eisernen Kettenhemd, den Stahlhelm am Sattelgurt, den Holzschild um den Hals gehängt, einen starken Speer in der Hand, neben ihm Brunico in ähnlicher Rüstung. Ihnen folgten zu Fuß wohl dreißig rüstige Jünglinge in kurzem Eisenhemd und leichter Helmkappe, mit hohen Lederstrümpfen und nackten Knien, auf dem Rücken den runden Schild mit eisernem Buckel, darunter den Köcher mit Pfeilen, in der Hand den Kampfbogen und zwei Wurfspeere. Mitten in der Schar führten zwei Heerwagen, mit starken Rossen bespannt, den Kriegsbedarf: Waffen, Wollmäntel und Säcke mit Lebensmitteln. Mit behendem Fuß schritten die Knaben des Waldes und mancher hob unnötig die Beine, um ein wenig den Reigen zu springen, welchen der Rufer des Haufens vorsang. In der Nähe eines Gehölzes hielt der Zug. Die Späher eilten voran, auf die Zeichen, welche sie zurückgaben, tauchte der ganze Haufe in den Busch. Immo sprang zur Erde, stellte die Wächter und die Jünglinge bereiteten sich und den Rossen das Mittagsmahl. Nur Brunico ritt vorwärts, begleitet von einem leichtfüßigen Genossen. Nicht lange, und er kehrte eilig zurück: »Eine reisige Schar liegt vor uns auf dem Wege, gerade unter der Idisburg. Sie sorgen wenig um Wache und Ausguck. Das Banner, welches sie führen, gehört, wenn wir recht erkennen, dem Grafen Gerhard. Es sind mehr als hundertzwanzig Rosse, die Reisigen bereiten das Mahl am Bache und hausen übel im Dorfe unter der Burg; ich sah sie Garben und Gerät aus den Höfen herzuschleppen und die Landleute liefen ihnen nach und schrien.«

»Ob uns die Begegnung lieb oder leid ist,« entschied Immo, »wir vermögen sie schwerlich zu vermeiden. Denn da auch Graf Gerhard dem König zuzieht, so ziemt uns nicht, gleich Wölfen heimlich hinter ihm herzutraben. Folge mir zu seinem Lager, ihr andern aber bergt euch im Versteck.« Und er besprach mit dem Hauptmann seiner Knaben, was die Vorsicht gebot.

Die beiden Reiter mieden den geraden Weg zum Lager des Grafen, um die Richtung ihrer Raststelle nicht zu verraten, über einen Hügel ritten sie im Trabe dem Banner zu. Brunico stieß in das Horn, das er am Halse trug, und sie harrten der Antwort. Im Lager entstand eine Bewegung, zwei Gewappnete kamen ihnen entgegen, Ruf und Gegenruf wurden getauscht, die Gräflichen fuhren rückwärts zu ihrem Herrn und brachten eine höfliche Einladung.

»Sei gegrüßt im Kriegskleide, du Flüchtling aus Wigberts Stall,« rief der Graf lachend dem Ankommenden zu. »Auch meine Helden werden dich als Reisegenossen willkommen heißen. Denn nur bis zum Main ist unser Weg frei, von da müssen wir uns länger als eine Tagfahrt an den Burgen des Hezilo vorbeiwinden, und wir sorgen, ob er uns die Straße verhauen wird. Mit geringem Gefolge kommst du, hoffst du allein beim König Ansehen zu gewinnen?«

»Meine Knaben blieben zurück, sie schreiten auf ihren eigenen Beinen,« versetzte Immo.

»Mit Fußläufern ziehst du heran?« spottete der Graf. »Doch ihr in den Waldlauben übt alten Bauernbrauch. Mich wundert, Immo, daß du nicht besser für dich gesorgt hast. Geringe Ehre wird dir die unritterliche Schar erwerben, denn an solchem Troß fehlt es dem Könige nicht.«

»Ihr werdet anders von ihnen denken, wenn ihr erst ihre Schläge geprüft habt,« versetzte Immo.

»Wohlan, jeder versuche sein Bestes,« fuhr der Graf fort und Immo glaubte ein ehrliches Wohlwollen in seinem Gesicht zu erkennen. »Andere Arbeit beginnt jetzt, als unser Hader mit den Mönchen war. Setze dich neben mich, heute biete ich dir mit gutem Willen den Trinkkrug, da du zu uns gehörst. Der lateinischen Reden bist du ledig, obgleich meine Tochter Hildegard deine Stimme wohl vernehmen würde, wenn du ein Mönchsgeschrei erheben wolltest, denn sie begleitet unsern Zug und rastet nicht gar weit von meinen wilden Knaben.«

Immo hatte Mühe, die freudige Überraschung zu verbergen. »Warum führt ihr die Tochter in das Heerlager?«

Der Graf lachte schlau. »Die Königin hat sie nach Regensburg geladen, die hohe Frau Kunigund hat, wie der Bote rühmt, Gutes von dem Kinde gehört und will der Mutterlosen eine Beschützerin sein. Verstehst du wohl, Immo, was diese Huld bedeutet?«

Immo bekannte seine Unwissenheit.

»Die Händler haben den Brauch, wenn sie ein Geschäft für die Zukunft bereden, so geben sie einander ein Unterpfand für treue Erfüllung. Du hast bereits etwas von den Waldwiesen vernommen. Diese halte ich, der König aber begehrt dagegen die Jungfrau. Und gern führe ich sie ihm zu, denn ich vertraue auf das Glück und die Klugheit des Königs. Ihm ist bisher vieles gelungen, und ich hoffe, daß auch mir dieser Krieg Land und Leute mehren soll, denn meine Wälder grenzen an die Mark des Hezilo. Und darum bringe ich mein ganzes Heergefolge dem Könige, wahrlich mit großen Kosten. Sieh, Immo, auch meine Kampfhähne führe ich mit mir,« er wies auf die beiden Fechter, welche in neuem, buntem Gewande zuunterst auf dem Rasen saßen und mit ihren riesigen Armen große Trinkkrüge schwenkten. »Denn König Heinrich achtet wenig auf die fahrenden Leute und vor andern sind ihm die schweifenden Frauen verhaßt, welche sich im Tanze vor den Helden drehen und dabei ihres Gewandes entledigen. Ja man sagt, daß ihm alles Weibervolk verleidet ist. Doch die Kämpfer schaut er gern, wenn sie herzhaft gegeneinander schlagen. Und dies sage ich euch, Hahn Ringrank und Hahn Sladenkop, wenn ich euch zum Ergötzen des Königs gegeneinander kämpfen lasse, so begehre ich andere Wunden als die einzölligen, die ihr im Vertrauen auf meine Gutherzigkeit einander anzumessen pflegt. Denn dergleichen schwache Ritze kann der König bei jeder Kirchweih sehen. Herrenwunden verlange ich diesmal, dreizöllig, und wenn ihr den König ehren wollt, noch tiefer und länger und zwar mit spitzem Eisen und nicht auf die Arme, sondern auf die Brust.«

Die Fechter sahen bekümmert einander an und Ringrank antwortete sich erhebend: »Drei Zoll auf der Brust mögen unsern Brotherrn um zwei Kämpfer ärmer machen. Fordert der Herr großen Dienst, so ersehnt sich der Mann großen Lohn. Sorgt wenigstens, daß wir beide gegeneinander kämpfen und nicht gegen die Kämpfer, welche der König mit sich führt, denn diese sind ungerecht bei dem Messen der Wunden, um ihren eigenen Ruhm gegen andere zu erhöhen.«

Die Herren lachten und saßen in guter Laune beim Mahl, tranken und riefen Heil, wie unter Helden Brauch ist.

Da nahte in gestrecktem Lauf Egbert, der Dienstmann, und trat staubbedeckt, mit heißem Antlitz vor den Grafen. »Durch wilden Ritt holte ich Kunde, die manchem sorgenvoll wird,« rief er. »Dem König ist sein ganzer Schatz genommen. Held Magano, der Diener des Babenbergers, hat den Schatz auf der Reise gefangen, ich selbst sah den Mann des Markgrafen und ich sah die lange Reihe der Saumrosse und Karren in seine feste Burg treiben.«

Mit Schreckensrufen sprangen die Bankgenossen von ihren Sitzen und drängten sich um den Boten, auch der Graf erhob sich bestürzt. »Wie ein Unsinniger gebärdest du dich, daß du diese Kunde vor aller Ohren ausrufst.«

»Herr, sie läuft durch das ganze Land wie Wasser durch den gebrochenen Damm, in den Dörfern liefen die Leute zusammen, und ich sah, daß frische Gesellen, die dem Lager des Königs zuritten, von den Rossen stiegen und die Köpfe senkten; wie soll einer unter dem Habicht dahinreiten, welchem die Federn gerupft sind?«

»Oft hörte ich den großen Schatz des Königs rühmen,« begann kopfschüttelnd ein alter Kriegsmann, »und gern dachte ich an das goldene Kreuzgeld darin, an die Armringe und Becher, mit denen er seine Getreuen lohnen würde; die Bayern haben lange an dem Schatz gesammelt, manch uraltes Schmuckstück lag darin aus Sachsenland, das einst Wieland, der Held, geschmiedet hat.«

»Jetzt aber ist der König so kahl wie meine Handfläche,« rief Egbert, »wer ihm dient, mag zusehen, wie er die Kosten des Zuges wiederfindet. Denn nicht der Goldschatz allein ist in die Hand des Markgrafen gefallen, sie sagen, daß auch die Königskrone dabei war, die heilige Lanze und die hohen Reliquien, an denen die Königsmacht hängt.«

Die Krieger erschraken, viele bekreuzten sich und die Augen aller wandten sich nach dem Grafen, dessen unsicherer Blick verriet, daß er mit schwerem Zweifel rang. »Ist die Krone verloren, wie mag er das Reich bewahren?« fuhr ihm heraus. »Unheil brachte der Tag, an dem wir auszogen, und üble Vorbedeutung war es, daß der Sauhirt die Faselschweine über den Weg trieb.«

»Auch andere Botschaft bringe ich, Herr,« fuhr Egbert fort. »Als ich vom Main den Kieferwald heraufritt, rastete an der Landstraße Heriman, der Goldschmied aus Erfurt, der nach seinen Worten zum König Heinrich reist. Da er ein Packpferd bei sich hatte, so riet ich ihm, sich unter euren Schutz zu begeben, er aber widerstrebte, und ich verließ ihn im Walde allein mit seinem Knechte.«

Der Graf sah seinen Dienstmann kummervoll an, ohne zu antworten. Aber Immo vermochte seinen Unwillen nicht zu unterdrücken.

»Dreiste Worte höre ich von den Helden eurer Bank, Graf Gerhard; mich dünkt, sie stehen solchen übel, die dem König zuziehen.«

»Wie vermag ich ihre Gedanken zu beugen,« versetzte der Graf ärgerlich, »da sie doch recht haben? Kann der König seinen Kriegern nicht lohnen, wie sollen sie ihm dienen? Entweicht zur Seite,« rief er den Dienstmannen zu, »vergällt ist mir der Trunk, harret, bis ich allein den Rat finde, der uns frommt.«