Das Nest der Zaunkönige Erzählung aus dem Anfang des 11. Jahrhunderts

Part 10

Chapter 103,933 wordsPublic domain

»Willst du Geheimes von mir hören,« versetzte der Alte, »so tritt hinaus ins Freie, denn der Wind, der über das Halmfeld weht, verträgt geheime Worte besser als die hallende Hauswand.« Baldhard führte seinen Gast aus der Niederung nach der alten Grenzeiche, die auf freier Höhe weit im Lande sichtbar stand. »Du kennst die Sage,« begann der Alte, »welche verkündet, daß um diese Eiche vorzeiten ein Lindwurm gehaust hat, welcher Feuer in die Höfe trug und sich die Menschen zum Fraß raubte, bis einmal ein starker Held mit seinem kleinen Sohn des Weges kam. Dieser setzte seinen Sohn auf einen Stein, und als der Arge herankam, das Kind zu holen, erlegte der Held den Wurm, aber ihn selbst verbrannte die flammende Lohe, welche aus dem Rachen des Untiers kam. Ein Weib aus unserm Dorfe drang mutig zu der Stätte, sie fand den Helden tot, den Knaben unversehrt unter brennendem Holz und versengtem Gras. Unsere Väter meinen, der Knabe sei von deinem Geschlecht gewesen und das Weib, welches ihn bewahrte und erzog, von meinem. Darum ist dies die Stelle, wo ich mit dir am liebsten vertraulich reden will.« Er trat unter die Eiche, wies nordwärts über die große Flur seines Dorfes und die benachbarten Markungen und begann: »So weit du hier das Land siehst, war einst alles freies Erbe handfester Männer, siehe zu, was die Kirche und die Grafen daraus gemacht haben. In allen Dörfern liegen jetzt die Hufen unter verschiedenem Recht. Viele gehören den Mönchen deines Klosters, andere den Mönchen von Fulda, noch mehrere dem Erzbischof von Mainz, und was am leidigsten ist, viele auch den gräflichen Dienstmannen. Diese sitzen unter uns und sperren, wenn sie es vermögen, ihre Höfe mit einem Graben gegen das Dorf, obgleich sie vielleicht als unfreie Leute unter der Faust der Grafen stehen. Völlig zerrissen ist die Gemeinschaft der Dorfgenossen, schon sind an vielen Stätten unseres Stammes die Freien in der Minderzahl, alljährlich verschlingen die Kirche oder fremde Gebieter mehr von unsern Hufen und Behausungen. Wie sollen die Landleute noch zusammen halten, wenn sie von allerlei Herren Befehle empfangen und um die Gunst Verschiedener zu sorgen haben. Keine Dorflinde kenne ich, unter welcher der Friede bewahrt wird, bei jeder Fehde der Großen streiten die Genossen desselben Dorfes gegeneinander und über jede Flur reiten fremde Herrenrosse. Wer aber mächtig ist, ob er die Kutte trägt oder den Schwertgurt, der weiß sich auszubreiten, wenn er sich einmal in einer Flur eingenistet hat. In unserem Dorf mißlang es den Fremden bisher noch, in den Bund der Freien einzudringen. Denn wenn die Grafen wider das Recht im Gemeindeholz gerodet hatten, um ihre Leibeigenen anzusiedeln, so weigerten unsere Knaben den Unfreien Gruß und Verkehr auf dem Anger und verbrannten bei Nacht die neuen Hütten.« Er sah mit einem wilden Blick nach der Seite, von welcher die Rauchsäule aufstieg. »Ich selbst habe einen Sohn auf den Altar gelegt, weil die Mutter das weinend von mir erbat, und ich hoffe, die Gabe wird den Heiligen willkommen sein. Auch bin ich nicht säumig, dem Kloster Spenden zu geben, und mehr als ein Füllen und manches junge Rind habe ich nach Ordorf geführt. Aber das Land, auf dem wir im Herrenschuh schreiten, wollen wir, soweit es uns noch geblieben ist, vor den begehrlichen Mönchen bewahren, obgleich sie uns viel Günstiges in der großen Wolkenburg verheißen. Darum vernahmen wir Landleute mit Trauer, daß dein Geschlecht um deinetwillen eine gute Burg der Kirche übergeben will. Denn wir gedenken wohl, daß die roten Berge zur Zeit unserer Väter der ganzen Landschaft vor den wilden Ungarn Zuflucht gewährt haben. Damals lagen die Weiber und Kinder und das Herdenvieh unserer Dörfer in eurem Bergwall und die Männer verschanzten die Talwege und die Höhen mit Verhau und Wasser und wehrten den Einbruch der grausamen Heiden siegreich ab. Damals öffnete dein Geschlecht uns die rettende Burg und seine Helden geboten im Kampfe. Jetzt aber sollen die Pfaffen dort herrschen und niemand weiß, wem sie bei einer Fehde anhängen werden.«

Immo ergriff die Hand des Bauern. »Vater, so wie du, denke auch ich. Wenn ich es zu hindern vermag, soll kein Geschorener auf der Mühlburg gebieten, nicht der Erzbischof und nicht ein anderer.«

»Du selbst aber bist der Kirche verlobt?« frug Baldhard erstaunt.

»Als Kriegsmann will ich zu König Heinrich reiten, wie sehr auch meine Mutter traure, und grade deshalb komme ich zu dir.«

»Wahrlich,« rief der Bauer, dem Jüngling kräftig die Hand drückend, »jetzt gefällst du mir ganz und gar, Immo, und ich hoffe auch, obwohl du jung bist, daß du diesen Sinn bewahrst und in deinem Leben allem Herrendienst widerstehst.«

»Gefällt dir was ich will, mein Vater,« fuhr Immo fort, »so hilf mir auch, daß ich's ausführe. Denn nicht als Einzelner möchte ich dem König zuziehen, sondern mit der Jugend unserer Dörfer. Auch deinen Sohn Brunico, der einst mein Gespiele war, erbitte ich von dir für die erste Schwertreise.«

Baldhards Gesicht zog sich ernst zusammen und er überlegte lange, bevor er entgegnete: »Willst du mit einem Gefolge, wie dir geziemt, zum Heer des Königs reisen, so siehe zu, ob dir manche unserer jungen Männer mit freiem Willen folgen, ich wehre dir's nicht und ich spreche nicht dagegen. Doch einen Heerdienst über das harte Maß, welches uns ohnedies aufgelegt ist, vermag ich auch nicht zu loben.«

»Vielleicht gefällt dir der Zug besser, mein Vater,« beredete Immo, »wenn du selbst an das denkst, was wir an deinem Herde über den bösen Willen der thüringischen Grafen sprachen. Denn ist der König in Bedrängnis durch die Untreue der Großen, so wird er es rühmen, wenn die freien Waldleute ihm jetzt ihre Treue beweisen und darum mag der Zug euch in Zukunft frommen gegen die Grafen.«

»Verständig sprichst du, um mich zu überreden,« versetzte der Alte, »aber wer mehr tut als ihm obliegt, der wagt vielleicht auch mehr als ihm recht ist. Wenn der König seinen Feinden unterliegt, dann würden wir's büßen, daß wir mehr Eifer gezeigt haben, als uns geboten war. Darum dürfen unsere Knaben nur als Freigänger der Donau zuziehen, auf ihre eigene Gefahr und ohne Ladung der Gemeinde. Nützt uns ihr Zug beim Könige, so haben wir den Vorteil, im andern Falle tragen sie den Schaden. Ich sehe auch ungern, daß du meinen jüngsten Knaben zu deinem Roßdienst werben willst und ich würde dir ihn am liebsten versagen. Aber ich gedenke, daß es mir nützen kann, wenn mein Geschlecht sich dem deinen wert erhält. Auch der Kriegskunst des Knaben kann es frommen, daß er einmal an deiner Seite sich im Schwertdienst übt. Dennoch fürchte ich für ihn die Verführung. Denn wenn er mit dir unter dem Rittervolk dahinfährt, werden ihm die roten Strümpfe der fränkischen Dienstmannen und ihr weißer Schwertgurt vielleicht gefallen und er wird fortan lieber den Speer halten als den Pflugsterz. Ich aber kann nicht ertragen, daß der ehrliche Bau in unserer Flur ihm verleidet wird. Darum gelobe mir, daß du meinen Knaben nur auf Jahr und Tag an dich bindest und daß du ihm, soweit du vermagst, sein Heimatsdorf lieb erhältst und auch die Peitsche, mit welcher er einst auf seinem freien Erbe über Rinder und Rosse gebieten soll.«

Das gelobte Immo und in gutem Einvernehmen verhandelten beide über die Fahrt zum König.

Als Letzter kehrte Immo am Abend in den Saal zurück, die Brüder saßen zusammen an der Bank, beachteten seinen Eintritt wenig und sprachen leise miteinander. Immo sah finster über sie weg, begrüßte die Mutter, welche auf ihrem Stuhl seine Ankunft erwartet hatte, und setzte sich abseits. Ihm gegenüber hingen an der Wand die Rüstungen, welche sein Vater als Siegeszeichen aus dem Kriege heimgebracht hatte, daneben auch Slawenschwerter und Streitkeulen, die er noch nicht kannte. Er wußte, es waren Beutestücke seiner jüngeren Brüder. Da wurde ihm der Sinn noch mehr beschwert; er trat an eine Rüstung seiner Ahnen, hob das Schwert vom Pflock, trug es zu seinem Sitz, zog es aus der Scheide, prüfte seine Schärfe und legte es neben sich. Odo stand schweigend auf, nahm die Waffe weg und schritt zu dem Nagel, um sie aufzuhängen. Da fuhr Immo empor, riß dem Bruder das Schwert aus der Hand und rief: »Unheil bringe dir der Griff nach meiner Waffe, denn dies Erbstück des Geschlechtes fällt nach dem Brauch dem Ältesten zu.«

»Vielleicht dem ältesten Kriegsmann,« versetzte Odo, »der aber bist du nicht. Besseres hat das gute Eisen verdient als an der Seite eines Pfaffen zu hängen, der das Schwert nur trägt, wenn es seines geschorenen Haares vergißt.«

»Versuche es zu nehmen,« rief Immo, »so sollst du selbst erfahren, ob meine Hand es zu schwingen vermag.«

Gertrud, die zu den Füßen der Herrin saß, tat einen gellenden Schrei. Edith erhob sich aus ihren Gedanken und als sie die Brüder kampflustig gegeneinander sah, wurde ihr Antlitz totenbleich und sie stürzte zwischen die Hadernden: »Gib mir die Waffe, Immo,« rief sie und faßte die Scheide, »Unheil hängt an dem Eisen.« Sie löste die Waffe aus der Hand des Sohnes. »Wisset, ihr Zornigen, euer Vater selbst mied das Schwert, denn er trug es an einem Tage, der ihn oft gereut hat. Und als ein Unglückszeichen hängt es seitdem ungebraucht an der Wand. Harret der Zeit, wo das Los geworfen wird über diese und andere Habe, ich meine, keiner von euch wird dann noch lüstern sein, die Waffe an sich zu reißen.« Sie hing das Schwert an den Pflock und trat zu ihrem Sitz zurück, während die Söhne voneinander abgewandt gegen ihren Unwillen rangen.

Die Mutter, in deren Antlitz noch der Schrecken zuckte, gebot von der Höhe: »Töricht war euer Streit. Den Frieden des Hauses habt ihr gebrochen, gleich unbändigen Knaben widerstrebt ihr einander. Reichet euch die Hand zur Versöhnung, damit auch ich euren Frevel vergesse.« Und da die Söhne unbeweglich standen, rief sie mit flammenden Augen: »Du zuerst, Immo, ich befehle es.« Widerwillig streckte Immo die Hand aus, die Odo ebenso ergriff. Ein langes unbehagliches Schweigen folgte, endlich begann Edith: »Sage mir, Immo, wie kommt es doch, daß du zu deiner Mutter so gar nicht von dem Kloster sprichst und von deiner Lehrzeit.«

»Du selbst weißt, Mutter, daß es nicht ziemet, die Geheimnisse des Klosters kund zu tun.«

»Ist denn alles geheim, was ein Schüler dort erfährt?« frug die Mutter. »Ich meine, nur die Mönche sind gebunden.«

»Auch mich bindet ein Gelöbnis, das ich vor Herrn Bernheri getan,« versetzte Immo.

»Dann lobe ich dein Schweigen,« fuhr Edith fort, »doch laß die Mutter noch eine Frage tun, wie kommt es doch, daß du die frommen Väter zu Ordorf nicht begrüßt hast, da du doch sonst jeden Tag durch die Flur reitest? Mancher von ihnen kennt dich aus dem Kloster und von früher her, und mehr als einer will dir wohl. Und daß ich dir alles sage, der Magister war heut in unserm Hofe, deinetwegen kam er hierher und er klagte, daß die Väter und die Scholastiker in seiner Zelle sich beschwert fühlen, weil du dich von ihnen fern hältst, obgleich du doch auf der Wassenburg mit den Dienstmannen verkehrt hast.«

»Gute Kundschaft haben die Mönche,« entgegnete Immo bitter, »und neugierig schleichen sie hin und her.«

»Du hast unrecht,« versetzte Edith, »guten Leumund haben sie im Lande.« Da Immo schwieg, fuhr sie fort: »Der Magister klagte, daß ein Bruder, der von dem großen Mann Tutilo gesandt ist, schwere Kunde aus dem Kloster gebracht habe. Von hartem Zwist der Mönche sprach er und daß viele aus dem Kloster scheiden wollten. Auch dem Boten des Tutilo lag es sehr am Herzen, daß du in die Zelle nach Ordorf kämest.«

»Wenn ein Bote Tutilos mich ladet,« rief Immo, »so wird er vergeblich harren. Er mag seine Botschaft, wenn er es wagt, hierher zu meinem Ohr tragen.« Immo schritt aus der Halle in Mißbehagen und Sorge. Er gedachte einer guten Lehre des Bertram, die er nicht befolgt hatte. Weil er der Mutter und den Brüdern am ersten Tag seinen Willen verborgen hatte, fand er sich in Widerwärtigkeiten verstrickt. Auf den Beifall der Brüder durfte er nicht mehr hoffen und das Herzeleid der Mutter ängstigte ihn jetzt viel mehr als auf der Reise. Dennoch erkannte er, daß er seinen kriegerischen Sinn nicht länger bergen durfte, und er beschloß, am nächsten Tage sich zuerst den Brüdern mit versöhnlichem Gemüt zu eröffnen und darauf der lieben Mutter. Als er aber nach wortkargem Abend in seinem Schlafgemach wieder den Weihrauch roch und die Kerze und die gestickte Herrendecke sah, da bedrängte ihn die Ehre schwer, und auch am andern Morgen machten ihm die zwitschernden Vögel und der pfeifende Knabe das gepreßte Herz nicht leichter.

* * * * *

Auf einem Vorsprunge des Mühlbergs waren die streitbaren Söhne Irmfrieds versammelt, dazu die Dienstmannen, welche die Burg und die Warttürme der nächsten Höhen besetzt hielten. Hinter den Männern erhob sich die starke Burgmauer, welche die beiden Türme und das hohe Dach eines Herrensaals umschloß, seitwärts ragten die Gipfel und Bergleiten des langgezogenen Ringwalls. Grade unter dem Vorsprung war der Ring gegen das Tal geöffnet, gegenüber dem Mühlberg stand ein hoher Vorberg, gekrönt mit festem Turme, die beiden Höhen beschützten gleich Schanzen den Zugang. Durch die Talöffnung dazwischen warf die Abendsonne ihr Licht in die umschlossene Tiefe, auf Ackerstücke und Wiesen, und auf den großen mit hohem Rohr bewachsenen Teich, über welchem dichte Schwärme von Staren und Wasservögeln auf- und niederflogen in unaufhörlichem Schwatzen und Zanken. Hoch aber über ihnen zogen zwei Bergadler ihre Kreise, bis sie in die Wolken der flatternden Vögel hinabstießen, ihre Beute zu holen, dann schrie und rauschte der ungeheure Schwarm und stob in wildem Getümmel auseinander.

Immo stand seinen Brüdern gegenüber. Er sagte ihnen, daß er für die Tage seiner Zukunft den Schwertgurt gewählt habe statt der Stola, und er bat sie mit herzlichen Worten, ihn als Bruder in ihre Genossenschaft zu nehmen und ihm als sein Recht die Ehren des Ältesten zu gewähren und seinen Anteil am Erbe. Er gestand ihnen auch, daß er dem König zuziehen wolle, und daß seine Ehre nicht gestatte, als Landloser unter den andern Edlen zu reiten.

Als er seinen Willen verkündete, ein Kriegsmann zu werden, riefen ihm die Dienstmannen Heil und schlugen ihre Waffen zusammen, die Brüder aber standen mit umwölkter Stirn und waren nicht willig ihm nachzugeben. Endlich begann Odo: »Hat sich dein Sinn so gewandelt, daß du gegen den Willen der Eltern ein Kriegsmann werden willst, so siehe zu, wie du dich vor unserer Mutter entschuldigst. Darüber mit dir zu rechten, steht uns Brüdern nicht zu. Die Teilung des Vatererbes aber vollbringen wir erst in Jahr und Tag, wenn das Kind Gottfried sein Schwert trägt und bei der Teilung als Jüngster sein Recht ausüben darf, vorweg zu wählen. Denn so ist es beschlossen und wir alle haben uns seither in der Gemeinschaft wohl befunden. Die Mühlburg hatten wir widerwillig auf das Bitten der Mutter von dem Erbteil ausgeschieden, doch nur für den Fall, daß du die Pflicht der Weihen über dich nimmst, welche das Geschlecht dir aufgelegt hat. Weigerst du dich, dein Haupt zu scheren, so bestehen wir andern darauf, daß die Burg uns allen gemeinsam bleibe bis zur Teilung. Die Herrschaft aber im Geschlechte über Dienstmannen und Höfe gestehen wir dir nicht zu, obgleich du an Jahren der älteste bist, denn aus dem Kloster kommst du, fremd dem Lande und fremd kriegerischer Sitte, und wir vermögen keinem, der von der Schülerbank entlief, die Sorge um unser Wohl und Wehe zu übergeben. Ziehe du dem Heere des Königs zu, wenn dich der Wunsch übermächtig treibt, versuche, ob du dort als Ältester Ehre gewinnst. Im Walde aber und im Tale der Heimat behaupte ich bis zur Teilung mein Recht, die Brüder und Mannen zu führen.«

Immos Hand ballte sich und das Blut schoß ihm zum Haupte, aber Berthold, der alte Dienstmann, welcher in der Mühlburg gebot, trat schnell in den Ring und begann gegen Odo: »Traurig ist dieser Tag für einen Alten, der euch beide auf dem Arme hielt, als ihr noch lachende Kinder waret. Euch Herrensöhnen steht wohl an, heiß nach Ehre und Macht zu streben, doch hörte ich den Mann noch höher rühmen, der sich friedlich mit seinem Geschlecht verträgt. Aber deiner Rede, Herr Odo, muß ich widerstehen. Denn nicht zwischen euch allein schwebt der Streit, auch uns verdirbt er das Leben. Das Erbe des Vaters mögt ihr teilen, wann es euch gefällt, über die Ehre des Ältesten aber müßt ihr euch zur Stelle entscheiden. Das fordern wir, die wir euch dienen, als unser Recht. Ihr ladet uns und gebietet, daß wir auf die Kampfheide ziehen und gegen jeden streiten, der euer Feind ist, und jeden ehren, den ihr ehrt. Dem Geschlecht Irmfrieds haben wir Treue geschworen und wir folgen, solange das Erbe ungeteilt ist, dem Ältesten. Bisher warst du, Odo, uns der Älteste. Jetzt aber steht ein Bruder, der an Jahren dir voraus ist, im Schwertgurt gegen dich und begehrt sein Geburtsrecht. Euch beiden zugleich vermag keiner von uns zu gehorchen, wenn ihr uneinig seid. Und ich sage dir, wir Dienstmannen müssen, bevor die Sonne untergeht, den Herrn erkennen, welchem wir fortan folgen. Darum vertragt euch zur Stelle gütlich, was ich herzlich wünsche, oder entscheidet euren Streit wie Helden geziemt, indem ihr ein Urteil sucht vom Himmel oder von der Erde oder von eurem Schwert.«

»Gut spricht der Alte,« rief Immo. »Ich biete dir die Hand zur Versöhnung, mein Bruder, behalte du bis zur Teilung das Recht der Erstgeburt in allen Höfen, ja auch unter den Nachbarn, welche uns freiwillig ehren; mir laßt die Burg mit den Bergen und den Dienstmannen, bis in Jahr und Tag das ganze Geschlecht sich gütlich vergleicht.«

»Hältst du die roten Berge in deiner Hand,« versetzte Odo, »so bleibt das Geschlecht in der Ebene wehrlos und die Mutter und die Brüder mögen büßen, was dein wechselnder Sinn ihnen erfindet. Nötig scheint mir, daß in dem Kriege, der jetzt entbrennt, Land und Leute in einer Hand stehen, damit nicht auf dem Grunde unserer Väter der Kampf zwischen Brüdern beginne. Darum vermag ich nicht nach deinem Willen zu tun, selbst wenn ich dir bessere Gesinnung gegen uns zutraute, als du seither bewiesen hast, und bevor ich dir nachgebe, hole ich ein Urteil von meiner Schwertseite.« Er griff nach dem Schwert, die Brüder sammelten sich um ihn.

»So bezeugt mir, ihr Helden, die ihr meinem Geschlechte dient,« rief Immo in aufbrennender Wut, »bezeuge mir, hoher Himmel und du Grund meiner Väter, daß ich den gerechten Stolz gebändigt und ihm nachgegeben habe, soweit ich vermochte, und daß er mich schmäht und meinen guten Willen verachtet. Entehrt vermag ich nicht zu leben, das Blut des Bruders scheue ich mich zu vergießen. Darum fordere ich ein Urteil vom Himmel oder aus der Tiefe. Besser ist es, daß einer von uns beiden dahinschwinde, als daß das ganze Geschlecht in Zwist verderbe. Seht um euch, ihr Männer, wo ihr steht, die roten Berge gleißen und leuchten zu der Herrenwahl und die in der Erde hausen, rüsten sich einen Helden zu empfangen.« Er wies vor sich hin, die Tiefe lag in grauem Dämmer, der Dunst auf Wasser und Wiese schied den Bergring von der Ebene; wie abgelöst vom Boden schwebten die Gipfel in der Luft und in der Abendsonne leuchtete das Erdreich gleich glühendem Metall.

»Gewaltig sind die Worte, die du in der Schule gelernt hast,« warf ihm Odo mit düsterm Blick entgegen, »doch schwerlich gleicht ihnen die Tat. Du warst behend, über geschorene Köpfe zu hüpfen, aber denke nicht, dich ebenso mit leichtem Fuß in die Ehre des Geschlechts zu schwingen.«

»Verhöhnst du meine Sprünge,« schrie Immo außer sich, »so wage auch du, mir einen Sprung nachzutun, den ich jetzt um mein Recht wage. Das Gottesurteil hole ich von dem Boden unserer Väter, vertraust du deinem Recht, so folge mir nach, oder entweiche.« Er wies nach der Seite.

Dort gähnte wenige Schritte von den Männern ein Erdriß, der nahe am Gipfel begann und sich bis zum Fuß des Berges hinzog. Vielleicht hatte das herabstürzende Wasser die Kluft geöffnet, vielleicht hatte unterirdische Gewalt das Gefüge des Bodens gesprengt. Die Stelle war unheimlich, und die Leute wußten, daß sich die Schlucht in mancher Zeit schloß und wieder öffnete, so oft Unheil die Landschaft bedrohte. Nackt und kahl starrte das wilde Erdreich in dem Spalt, kein grünes Kraut haftete darin, nur beim Gewitterregen rauschten schäumend die Wasser in trübem Schwall hinab und führten den roten Schlamm über das lichte Gehölz und den Wiesengrund. Ungern klomm jemand längs dem Riß hinab, denn man sagte, daß dort der Eingang in das Innere des Berges sei, und daß böse Gewalten aus dem Reich des alten Gottes das Tor hüteten. Mehr als einer der Burgleute hatte bei Nacht ihr Geschrei gehört, Schnauben der Rosse und Bellen der Hunde, und viele hatten im Abendlicht erkannt, wie große Rudel von Wölfen hinein- und herausfuhren. Jetzt gerade war der Riß auf der Oberfläche breiter als wohl sonst, an manchen Stellen so tief, daß man von oben in das Innere des Berges hineinzusehen meinte.

Immo sprang an den Schlund, aber Berthold lief ihm nach und schlang die Arme um ihn. »Halt ein,« rief er, »greulich ist die Stelle, kein Menschenfuß vermag die Tiefe zu überfliegen, fürchte die Unsichtbaren, welche dort unten lauern.«

Aber Immo schüttelte den Alten ab und rief: »Den guten Gewalten meines Lebens vertraue ich, ob sie mir gnädig sind. Sieh her, Odo, der Springer schwingt sich in sein Erbe, folge mir, Kriegsmann, wenn du vermagst.« Und weit ausholend, setzte er in mächtigem Schwunge über den Schlund. Erschrocken sahen die Männer die wilde Tat, als er aber am andern Rand des Schlundes auf die Knie sank und die beiden Arme gegen die untergehende Sonne hob, da schrien die wilden Genossen lautes Heil und zogen die Schwerter. Im nächsten Augenblick verstummten die Rufe, der Leib eines Mannes sank mit schwerem Fall, Odo stürzte in die Tiefe. Immo wandte sich um und Entsetzen durchfuhr ihn, als er den Bruder undeutlich unter sich liegen sah. Die jüngeren Brüder liefen abwärts, die Gewappneten drängten sich mit starren Blicken um den Spalt. Sobald aber Immo erkannte, daß Odo, der weiter abwärts an das Licht getragen wurde, die Glieder regte und sich auf die Schulter eines Bruders stützte, hob er sich empor auf den Vorsprung, der untergehenden Sonne zu, riß das Schwert aus der Scheide, schwang es dreimal gegen die Sonne und rief: »Zu mir, ihr Helden. Von der Sonne holten meine Ahnen ihr Recht und von keinem geborenen Manne. Bezeuge mir, milde Herrin, daß ich als rechter Erbe Besitz ergreife von Burg und Herrschaft.«

Die Schatten der Nacht lagen auf dem Lande und dunkle Wolken verdeckten das Sternenlicht, als Immo in den Hof zurückkehrte. Vor der Tür harrte seiner der jüngste Bruder. »Wie geht es dem Gestürzten?« frug Immo. »Er sitzt zerschlagen im Saal,« antwortete der Knabe traurig. Immo atmete tief und stieß die Tür auf, die Mutter saß bleich auf ihrem Sitz, die Brüder schweigend an der Bank.

Als Immo auf der Schwelle der Mutter gegenüber stand, erhob sie sich, riß das Schwert, welches sie den Abend vorher den Händen des Sohnes entwunden hatte, von der Wand und schleuderte es zwischen sich und Immo auf den Boden. »Hier nimm, was dir zukommt,« rief sie, »die Teilung des Erbes suchst du bei den bösen Geistern des Abgrundes. Das Recht des Ältesten begehrst du an Leib und Leben deiner Brüder. Dem Helden, der so mannhaft denkt, gebührt die unheilvolle Waffe; prüfe die Schneide, du Held. Erkennst du alte Rostflecke darauf, so wisse, daß die Waffe schon einmal von Bruderblut gerötet ist.«

Immo trat einen Schritt auf Odo zu. »Mich reut der wilde Zorn, mein Bruder, und groß war meine Angst, als ich dich in der Tiefe sah. Zur Stelle fühlte ich schweres Leid. Daß ich dich wiederfinde, nimmt mir das Grauen von der Seele.«

Aber Odo sah finster vor sich hin und antwortete nicht.