Das Naturforscherschiff oder Fahrt der jungen Hamburger mit der "Hammonia" nach den Besitzungen ihres Vaters in der Südsee.

Part 9

Chapter 93,596 wordsPublic domain

Und so vergingen Stunden. Das geheimnisvolle Leben des Urwaldes regte sich und sprach und flüsterte mit tausend Stimmen. Es glitt über das Moos dahin, es lauschte durch die hohen Farn und flatterte in den Wipfeln. Zuweilen fielen reife Früchte herab, oder stürzte polternd unter den ungestümen Sprüngen einer Affenschar ein dürrer Ast auf den Boden; lautes Kreischen und Bellen bezeichnete den Weg, den die nächtlichen Plünderer genommen, hart vorüber an dem hohlen Baum wälzte sich der wilde Haufe, und durch die entstehende Stille klangen wieder die Stimmen derjenigen Geschöpfe, welche jählings aus ihrer Ruhe aufgescheucht worden waren. Da schien plötzlich der Boden selbst zu erdröhnen, wie dumpfes Rollen tönte es herüber, Zweige und Äste knackten, größere Körper bewegten sich vorwärts, offenbar dem Versteck der beiden entgegen. Holm versicherte sich seiner Kugelbüchse, -- die Herannahenden konnten ja möglicherweise Bonny- oder gar Beninleute sein. --

Hinter ihm erhob sich geräuschlos die leichte Gestalt des Knaben. »Ich schlafe nicht, Karl! Was bedeutet das sonderbare Geräusch?«

Ein Schnaufen und Brüllen durchdrang die Luft, -- Holm atmete auf. »Gottlob, wenigstens doch keine Menschen.«

Er stellte die Büchse neben sich. Die da herankamen, waren ohne Zweifel Elefanten, also in betracht des engen Zuganges ein unschädlicher Besuch; im Gegenteil konnte man sie so recht bequem aus der Nähe beobachten. Die ersten Riesengestalten wurden im Halbschatten unter den Stämmen bereits sichtbar; dunkel und gewaltig wälzten sie sich heran, in gerader Richtung dem Versteck entgegen, pfeilschnell jetzt, feindlich wie es schien, wenigstens zwölf an der Zahl. Als das erste Tier mit gesenktem Kopfe, rasch nach einander drei laute gellende Pfiffe ausstoßend, den Baum anrannte, da konnten sich beide jugendliche Bewohner desselben doch des unwillkürlichen Erschreckens nicht erwehren, obwohl freilich der erlittene starke Anprall den alten Boabab in keiner Weise erschüttert hatte. Nun erst erkannten Lehrer und Schüler den Feind ihrer nächtlichen Ruhe. -- Die Herde bestand aus glatthäutigen schwarzen Rhinozerossen mit je zwei großen Hörnern, einer Tiergattung, die zu den bösartigsten unter allen gerechnet wird, wenigstens was Kampfbegier und Stärke anbetrifft. Die gellenden Pfiffe wiederholten sich, wütende Stöße trafen den Baum, so daß Splitter und Flechten nach allen Seiten flogen, dennoch aber war keine eigentliche Gefahr vorhanden, die Wände standen wie von Eisen. Holm trat zurück und legte an. Freilich konnte die Kugel das Tier nicht verwunden, aber doch vielleicht erschrecken.

Der Erfolg entlockte beiden Versteckten ein herzliches Gelächter. Sobald der Schuß krachte, fuhr das zunächst stehende Ungeheuer wie vom Blitz getroffen zurück, mitten in die Herde seiner Genossen hinein, alles sprengend, alles in Verwirrung setzend und dann mit lautem Gebrüll davon eilend. Hinter ihm her jagten die übrigen, als sei ihnen der böse Feind auf den Fersen.

Holm und der Knabe lachten, wie sie es seit geraumer Zeit nicht mehr gekonnt. »Unser Glück war es, daß wir den schwarzen Riesen nicht im offenen Walde begegneten,« sagte endlich der junge Gelehrte, »sonst wäre es uns schlimm ergangen. Um diese Zeit wandern die Nashörner in ganzen Trupps auf bestimmten Wegen zur Tränke, am Tage dagegen liegen sie meistens unter dem Baum, dessen Zweige ihr Dach bilden, und lassen sich nur stören, wenn ihnen der Wind die Witterung eines Feindes -- des Menschen -- zuführt. Während sie weder scharf sehen noch hören, ist ihr Geruchssinn so ausgebildet, daß sie auf Hunderte von Metern das Herannahen eines Jägers mit Sicherheit erkennen. Sie stürzen sich ihm dann blindlings entgegen und fallen in die verdeckte Grube, welche zu diesem Zwecke vorher sorgfältig angelegt worden ist. Nur auf diese Weise läßt sich das gewaltige, bösartige Tier einfangen.«

»Die schwarzen Unholde hatten eine ganz glatte Haut,« bemerkte Hans, »ihr Vetter im Hamburger Zoologischen Garten ist am Körper überall mit Falten bedeckt. Wie kommt das?«

»Letztere Art ist die indische,« antwortete Holm. »Aber nun will ich schlafen, mein Junge. Wahrhaftig, -- es muß sein, -- in der nächsten Nacht werden wir ja wandern.«

Und wieder kehrte die frühere Stille zurück. Holm schlief, Hans hörte seine tiefen Atemzüge, alles rings umher lockte zur Ruhe, zum bequemen, wachen Träumen und sich hinzugeben an das Schweigen der Nacht. Unmerklich sank des Knaben Kopf gegen die Baumrinde, unmerklich schlossen sich die Augen -- er konnte ja hören, auch wenn er nicht sah! -- und dann kam der sonderbare Zustand, wo wir zu wachen, zu handeln und uns zu bewegen glauben, während doch der Schlaf mit siegreicher Gewalt immer mehr von unserm Bewußtsein Besitz ergreift und es endlich ganz in Dunkel hüllt. Als die beiden erwachten, erst Hans und dann, durch dessen lauten Ausruf erschreckt, auch der junge Gelehrte, da schien die Sonne hell vom Himmel herab, es mußte wenigstens acht Uhr morgens sein; Bäume und Blüten erglänzten im frischen Schimmer, ein angenehm fächelnder Wind zog durch die Laubkronen und mit ungezählten Stimmen sangen im Gezweig die verschiedenen Vogelarten.

Holm und der Knabe sahen einander an. Wie nahe war vielleicht während dieser Nacht der Tod an ihnen vorübergegangen!

»Das laß uns als gutes Vorzeichen nehmen,« rief Holm. »Wir haben geschlafen, obgleich Löwen und Hyänen uns umschlichen, wir haben Geist und Körper neu gekräftigt, ohne durch irgend eine Gefahr beunruhigt zu werden, also ist auch unsere Stunde noch nicht herangekommen. Gib acht, wir finden heute noch die anderen wieder!«

Seine gute Stimmung belebte auch den Knaben. »Was thun wir denn jetzt zunächst, Karl?« fragte er.

»Hm, wir schießen uns einen Braten, pflücken Früchte, holen Wasser und gehen ein wenig auf die Jagd, kurz, wir spielen Robinson zu zweien. Sobald dann das erste Sternchen am Himmel erscheint, beginnt die Heimreise.«

»Und das denkst du durchführen zu können, Karl?«

»Ganz gewiß, Hänschen, nur bleibt es unbestimmt, ob wir auf diesem Wege ein Dorf der Bonny streifen werden oder nicht. Unser Schiff müssen wir erreichen.«

Während dieser Unterhaltung waren die beiden aus ihrem Versteck hervorgekommen und sahen nun von draußen die Verheerungen, welche in der letzten Nacht durch die Rhinozerosse angerichtet waren. Handgroße Holzsplitter lagen umher, Büsche und Gräser waren zerstampft, als sei eine Schlacht geliefert worden und hier und dort sogar ein junger Baum vollständig geknickt. Der Weg, den die riesigen Tiere eingeschlagen, zeigte sich als sehr leicht erkennbar.

Holm winkte seinem jungen Begleiter. »Jedenfalls gibt es hier herum einen Flußarm oder sonstiges Gewässer, in dem sich keine Krokodile befinden,« sagte er. »Die Rhinozerosse bahnen sich herdenweise ihre Pfade durch das Unterholz immer nur, um eine Tränke zu erreichen; laß uns also der Spur nachgehen.«

»Aber wenn die schwarzen Teufel noch da wären?«

»Das sind sie keinesfalls, überdies weht uns auch ein ziemlich starker Wind gerade entgegen, sie könnten unsere Annäherung daher durch kein Zeichen erkennen.«

Die Gewehre wurden nachgesehen und geladen, zur Stärkung ein Schluck Wein genommen, und dann ging es vorwärts; schon nach fünf Minuten zeigte sich ein schmaler, sonnenbeschienener Fluß, dessen Wellen leise murmelnd dahinglitten, und der sich zur Rechten in einen See zu verwandeln schien. Die Ufer mußten sehr flach sein, denn Wasservögel aller Art verzehrten teils stehend, teils langsam wandernd, halb von den Wellen überspült, ihr aus Schnecken oder Fröschen und kleineren Fischarten zusammengesetztes Frühstück; weiterhin, wo das Wasser breiter wurde, lagen im Sonnenschein die weiblichen Flußpferde mit ihren Jungen, zu denen sich nicht selten ein auf dem breiten Rücken des Muttertieres neben den Kleinen stehender Reiher oder Kranich gesellt hatte. Das Flußpferd blinzelte gemütlich, der Vogel hielt scharfen Ausguck nach Beute, die jungen Tierchen neckten einander und fielen zuweilen klatschend in den See, der aber auch hier nicht tief schien; kurz, es war im ganzen ein Bild des ungestörtesten Friedens, den selbst die Büffelherde im hohen Farngras trotz ihrer Hörner und ihres bedrohlichen Aussehens nicht zu scheuchen vermochte. Marabuts und Ibisse, Pelikane und Plotos wiegten sich halbgeschaukelt, halb auf einem Bein im Wasser stehend; Fische zuckten zuweilen vom Grund herauf; Schmetterlinge aller Größen, golden und purpurn, ganz weiß oder im schönsten Blau prangend, huschten von Blüte zu Blüte; geschäftige Bienen trugen Beute; Ameisen in langen Zügen marschierten auf dem duftenden Erdboden; unschädliche Schlangen verschwanden blitzartig unter dem nächsten Gebüsch oder ein paar vertrockneten Blättern.

»Karl,« fragte Hans, »kennst du die sonderbare Frucht, welche von diesem Baum herabhängt, flaschenförmig und ganz grün wie das Blatt selbst? -- Die müssen wir uns einmal in der Nähe besehen.«

Er ging zu einem Stamm, von dessen Zweigen unzählige grüne, langgestreckte Früchte oder Auswüchse herabhingen. Mit der Hand ließen sich dieselben nicht erreichen, Hans schüttelte daher den untersten Ast, und nun fielen allerdings die unbekannten Dinger haufenweise herab, aber -- -- -- welchen Inhalt ausschüttend!

»Um des Himmels willen!« rief Holm, »das sind die Nester der Eloway-Moskitos! Wie konnte ich mich denn auch darüber täuschen! Schnell, Hans, schnell, nimm einen dichten Busch und schlage damit in den Schwarm hinein. Wir müssen flüchten, -- so rasch als möglich.«

Während dieses schreckensvollen Rates hatte er bereits ein paar blattreiche Zweige abgebrochen und einen davon seinem jungen Genossen zugeworfen. Die Moskitos, Tausende an der Zahl, umschwärmten ihre vermeintlichen Angreifer und begannen laut summend zu stechen, wohin sie sich setzten. Jeder Schlag tötete eine bedeutende Anzahl, aber wo eine gefallen war, da erschienen hundert andere an ihrer Stelle; Holm und der Knabe befanden sich inmitten einer schwarzen Wolke dieser Blutsauger, die vereint in der Weise beleidigter Bienen ihren Angriff vollführten. Es war unmöglich, sich der kleinen Gegner zu erwehren; aus allen Nestern krochen sie hervor, fanden den Weg unter die Kleider der beiden jungen Leute und verursachten ihnen so heftige Schmerzen, daß die Jagdlust davor weichen mußte. »Ins Wasser,« rief Holm, »ins Wasser oder wir sind verloren!«

Die Gewehre lagen schon längst im Grase, die Strohhüte auch, und so sprangen denn Lehrer und Schüler, sich notfalls auf ihre Schwimmkunst verlassend, Hals über Kopf in die blaue Flut hinein. Bis an den Mund unter Wasser, war es ihnen nunmehr ein leichtes, den etwa nachfliegenden Verfolgern durch schnelles Tauchen zu entgehen. Triefend, mit zerstochenen, geröteten Gesichtern, die Augen voll Wasser, so sahen sie sich an und brachen zugleich in ein herzliches Lachen aus. »Von einem Mückenschwarm besiegt!« rief Hans.

Karl hob aus der schützenden Flut unvorsichtig den rechten Arm, um auf das Ufer zu deuten, zog ihn aber sogleich wieder zurück, als ein Dutzend Moskitos über seine Hand herfielen, der Kopf folgte nach, und so förderte er in Absätzen, prustend, sich schüttelnd und verschluckend, die beabsichtigte Rede zu tage, nur je zuweilen inne haltend, wenn er sah, daß Hans wie eine flinke Ente tauchte, und daß er also in diesem Augenblick keinen Zuhörer hatte. »Du sagst Mückenschwarm, mein Junge? Die Art sticht durch -- warte Bestie! -- prr, ich meine, sie bohren sich durch das Leder bis in die Haut. -- Junge, wo bist du? -- aha, ich sehe dich bereits. Hier haben wir auch die Iboko-Hornisse, die größte von allen! Bitte, ich verzichte auf nähere Bekanntschaft.«

Er entfernte sich während dieser Rede mit seinem Begleiter von der gefährdeten Stelle und machte es möglich, unter dem Schutz eines dichten Gebüsches das Ufer wieder zu erklettern. Die ertrunkenen oder zerquetschten Mücken wurden aus den Kleidern geschüttelt, das Wasser so gut als thunlich entfernt und Schilf und Halme abgelesen. »Jetzt warten wir noch ein Viertelstündchen, bis sich die Wut der Tiere gelegt hat,« meinte Holm, »dann holen wir die Gewehre und schießen Büffel.«

»Überfallen denn die Moskitos nur ihre Angreifer, Karl? Nicht vielmehr alle Geschöpfe, die des Weges kommen?«

»O bewahre, sie sitzen ruhig in ihren Nestern, bis man dieselben bedroht, dann aber kennt auch, wie wir soeben sahen, ihr Zorn keine Grenzen. Laß uns nur warten, der Schwarm wird schon durchsichtig, die meisten sind davongeflogen.«

Nach kaum zehn Minuten war es den beiden Freunden möglich, ihre Hüte und Gewehre ohne weitere Gefahr wieder an sich zu nehmen, und nun begann die Büffeljagd. Schon bei dem ersten Herannahen ihrer Verfolger ergriffen sämtliche Tiere die Flucht, alle einer bestimmten Richtung folgend, und wie es schien, unter der Leitung eines besonders großen, alten Stieres; sie donnerten über den Boden dahin, daß er dröhnte, und schon glaubten die Jäger, daß ihnen kein Stück zu Schuß kommen würde, als plötzlich hart vor ihrem Wege aus dem feuchten Grunde ein Büffel aufsprang und mit gesenktem Kopfe auf sie zustürzte. Nach rechts und links ausweichend, ließen ihn die jungen Leute im heftigsten Anprall gegen einen alten Tamarindenbaum rennen, die Hörner drangen tief in das Holz desselben, dichte Ranken thaten das Ihrige, um ein Loskommen im Augenblick zu verhindern, und so hatte sich der Büffel in eigener Falle gefangen. Von zwei Kugeln getroffen, stürzte er verendend am Fuße des Baumes zu Boden. Ganz schwarz behaart und mit dicht stehenden, mächtigen Hörnern war er ein Gegner, dessen Gefährlichkeit erst jetzt, nachdem man ihn in der Nähe besehen, so recht erkennbar wurde. Gegen zwei Meter hoch und dem entsprechend lang ließ sich das Tier nicht von der Stelle bringen, die glücklichen Schützen mußten also aus dem Rücken ein tüchtiges Stück herausschneiden und das übrige den wilden Räubern preisgeben. »Schade um die Zunge,« sagte Holm, »sie ist das Feinste von allem, aber wir haben für keine Zubereitungsart die nötigen Geschirre; das Fleisch muß roh mit Salz und Pfeffer verzehrt werden.« -- So zogen sie heimwärts und pflückten unterwegs noch einige Ananas, die als Nachtisch dienen sollten. Glücklicherweise hatte sich für die Höhle noch kein vierfüßiger Bewohner eingefunden, die zurückgelassenen Decken und Vorräte lagen unversehrt an der früheren Stelle, und nachdem daher das Fleisch auf einem flachen Stein geschabt worden, begann das durch den besten Appetit gewürzte Mahl, bei dem nun freilich die letzten Zwiebäcke und der letzte Wein verzehrt wurden. Aber das machte keine Sorge, es gab hier herum Lebensmittel die Hülle und Fülle, man brauchte nur zu pflücken oder einen Schuß Pulver dran zu wenden.

»Gottlob,« sagte Holm, nachdem er den Vorrat in der Jagdtasche untersucht, »Munition ist reichlich vorhanden. Wir können in dieser Beziehung ruhig sein.«

Gegen Mittag fiel ein heftiger, andauernder Regen, der unsere Freunde zwang, unter Dach und Fach zu bleiben; sie mußten auch einigen größeren Affen, welche den Baum erobern wollten, den Zugang wehren, und da späterhin für einen Ausflug die Zeit zu weit vorgerückt war, so verbrachten beide plaudernd und ruhend die Stunden, bis auf den Tag wieder die Nacht folgte und nun der gefahrdrohende, überaus schwierige Weg durch den Urwald angetreten werden sollte. Gerade um diese Zeit brachen auch alle wilden Tiere, auf Raub ausgehend, aus ihren Schlupfwinkeln hervor; gerade jetzt war die Gefahr am größten, lauerte hinter jedem Baum und sprach aus jedem Laut der Wildnis, aber es gab kein Bedenken, ein Zögern inmitten dieser Verhältnisse, ohne Nahrung außer Früchten und rohem Fleisch, ohne menschliche Nähe oder einen gesicherten Schlafplatz wäre ja unfehlbarer Untergang gewesen. Da also der Führer fehlte, so mußte man, um nicht durch völlige Unkenntnis des Weges möglicherweise noch tiefer in die Wildnis hineinzugeraten, während der Nachtstunden reisen, -- gelang das, so war die Küste bald erreicht.

Von dem allen plauderten die beiden, von der Heimat und tausend anderen Dingen, die ihnen am Herzen lagen, nur nicht von den Verschollenen; es war als könne sich keiner entschließen, zuerst ihre Namen auszusprechen. Die Gewehre wurden geladen, von den Früchten auch soviel als sich verpacken ließ, mitgenommen, die leeren Flaschen am Ufer gefüllt, und fort ging es in die Wildnis hinein.

Wo der Weg über eine baumlose Strecke führte, da beleuchtete heller Mondschein die Umgebung, wo aber wieder so ein Stück Hochwald begann, da herrschte fast völlige Dunkelheit, an welche sich jedoch das Auge bald derartig gewöhnte, daß es wenigstens leicht wurde, größere Gegenstände zu erkennen und zu unterscheiden. Links von den Wandernden rauschte der Fluß, in einiger Entfernung zeigten sich die dunklen Umrisse des Affenberges, Holm hatte also den Rückweg richtig aus den Sternen herausgelesen, und dadurch wuchs natürlich auch in beider Herzen die Hoffnung, das Dorf der Bonnys wieder zu erreichen. Dort gab es nicht allein Führer, sondern es befanden sich unter der Obhut der Eingebornen alle zurückgelassenen Vorräte, man durfte mithin auf eine bessere und leichtere Reise zählen.

Holm sah, so gut es anging, in das Auge des Knaben. »Getrost, Hänschen, es ist mir immer, als müsse sich heute noch etwas Angenehmes zutragen. Ich« --

»Pst! -- dort unter den Büschen bewegt es sich!«

Beide horchten. Alles ringsumher war still, aber an der bezeichneten Stelle schaukelten die Farne, als sei ein größerer Körper hastig hindurchgekrochen, ja sogar weiterhin bewegte sich das Unterholz, und endlich klang es wie das Knacken von Gewehrhähnen. Eine menschliche Gestalt glitt blitzschnell aus den Büschen hervor hinter den nächsten Stamm.

Holm ergriff den Arm des Knaben. »Ein Schwarzer,« raunte er, »ein Bonny! Um des Himmels willen still also. Die Schar hält vermutlich das von uns herrührende Geräusch für die Annäherung wilder Tiere und zieht weiter, wenn alle Gefahr vorüber scheint.«

Auch im anderen Lager flüsterte es. Mehrere Schwarze begannen mit ihren langen Spießen in das Unterholz hineinzustoßen, um den vermeintlichen Feind erst einmal von Angesicht zu Angesicht kennen zu lernen. Es waren ihrer wenigstens sechs bis zehn, sie schienen entschlossen, die Jagdbeute nicht aufzugeben, sondern zu umzingeln und aus dem Dunkel herauszutreiben. Dort im Gewirre von Schmarotzerpflanzen, unter Ranken und Zweigen mußte der Gegner verborgen sein! -- Immer enger rückten die Verfolger heran.

»Das geht so nicht länger!« flüsterte Holm. »Noch ein paar Schritte näher und die langen Spieße erreichen uns. Folge mir nach, Hans, zwischen diesen beiden Bäumen müssen wir durchschlüpfen -- ich glaube, hinter denselben steht kein Schwarzer Wache.«

Das Gewehr im Anschlag glitten die beiden so geräuschlos als möglich über den dichtbewachsenen Boden dahin. Wirklich, kein Schwarzer war zu sehen, vielmehr schienen sich alle nur mit dem dornigen, wildverwachsenen Gebüsch jenseits der zusammenstehenden Bäume zu beschäftigen, schienen den Ausgang nach dieser Seite hin vergessen zu haben. »Gerettet!« raunte Holm, »wir warten nun unter irgend einem Schutz, bis die Räuber weiter ziehen.«

Noch hatte er den Satz nicht vollendet, als ihn von hinten zwei Arme umschlangen und rückwärts zu Boden rissen. Sein Angreifer versuchte es, ihm das Gewehr aus der Hand zu winden. Ein schwarzes Gesicht beugte sich über das seine, funkelnde Augen blickten ihn an, und ehe er es hindern konnte, war ihm der Mund mit einem baumwollenen Tuche völlig gestopft. Das alles geschah zu schnell, um dem vorauseilenden Knaben bemerkbar zu werden, Hans verschwand unter den Stämmen, und Holm lag wehrlos am Boden.

»Ob das ein Beninkrieger ist?« flüsterte in der Nähe eine Stimme. »Gott stehe uns bei, wenn wieder ein Trupp dieser räuberischen Halunken um die Wege wäre! Man muß jedenfalls den Gefangenen hindern, seinen Freunden ein Zeichen zu geben.«

Holm bewegte sich mit allen Gliedern zugleich; er rang heftig gegen die Eisenarme des Negers, ein dumpfes Stöhnen hob seine Brust. Da gelang es ihm, eine Hand freizumachen; er wollte das Tuch aus dem Mund reißen, wurde jedoch daran plötzlich durch den, der eben gesprochen hatte, verhindert. Jetzt zweien Gegnern preisgegeben, blieb ihm nur übrig, dieselben so viel als möglich zu beschäftigen; vielleicht kam ja Hans, wenn er ihn vermißte, hierher zurückgesprungen und konnte ihm beistehen. Hätte er nur zu rufen vermocht, nur irgend einen Laut von sich geben oder die Hände gebrauchen können! Aber alles das war unausführbar, bis nach einigen Augenblicken der Schwarze von ihm abließ und horchend aufsprang. In der Nähe hatten die Büsche gerauscht, dann folgte ein Blitz und eine Büchsenkugel flog haarscharf über die Köpfe der Ringenden hin. Sämtliche Anwesenden standen starr vor Schreck.

Diesen Moment benutzte Holm, um mittels einer schnellen, unerwarteten Bewegung seines ganzen Körpers den Mann, welcher ihn, gebunden wie er war, am Boden festhielt, in gewaltsamer Weise mit sich hinaus zu schleudern auf den hellbeschienenen Grasstreifen, der wie ein schmales Silberband zwischen den Bäumen dahinlief. Dann lag er mäuschenstill und sah nur gespannt und erwartungsvoll empor in das Gesicht des anderen.

Dieser selbe Mann stützte beide Hände auf den Boden und schien nicht mit Sicherheit zu wissen, ob er wache oder träume. Immer noch kniete er über der hingestreckten Person seines Gefangenen, aber ohne doch gegen die Freiheit desselben irgend etwas zu unternehmen. Holm brachte die gefesselten Hände an den Mund, das Tuch wurde bei Seite geschleudert, und nun erst kam wieder Bewegung in diese stille Gruppe. »Ich grüße Sie, Doktor!« sagte trocken der junge Mann.

Ein lautes, fröhliches Lachen, in das der andere sofort einstimmte, beantwortete diesen Satz. Es schien nicht enden zu wollen, es erstreckte sich mit auf die beiden Knaben, welche dort einander umarmten, vor Freude sprangen und jubelten, aber trotzdem immer wieder lachen mußten, lachen, bis ihnen die hellen Thränen über das Gesicht herabrollten.

»Wie kommt ihr hierher, ihr unklugen Deserteure, weshalb habt ihr uns überhaupt verlassen? Und wofür hieltet ihr uns jetzt?«

»Für das, was ihr seid, Bonnys und Wegelagerer!« klang es zurück. »Wie könnt ihr euch gestatten, friedliche Reisende für Raubtiere zu halten und sie mit langen Spießen zu bedrohen?«

»Wer kraucht denn in dem Busch herum, anstatt wie ein rechtschaffenes Menschenkind Rede und Antwort zu geben?«

»Wer stellt ein schwarzes Gesicht an die Spitze des Zuges und verdächtigt dadurch die ganze Reisegesellschaft?«

»Nun, Gott im Himmel sei Dank, wir haben uns wiedergefunden!«

»Meiner Sternkunde sei Dank, wollten Sie doch sagen, Doktor?«

»Und wer hat die Sterne als Wegweiser an den Himmel gestellt, Freundchen?«

»Amen. Sie sollen den Sieg behalten, Doktor. Jetzt komm einmal her, Hans, beinahe hättest du uns beide zugleich erschossen.«

»Ich hab's gethan!« rief Franz. »Glorreich vorbei, Gottlob. Wie konnte ich auch ahnen, daß du es warst, den unser würdiger Doktor aus Leibeskräften bändigte, in der besten Meinung, einen Beninkrieger unter seiner Faust zu haben.«

»Ja, ja, meine Brille!« seufzte der alte Theologe, »das ist nun die zweite von sechs, welche ich zur Vorsicht mitnahm. Die unsinnige Rauferei hat mich die zweite Brille gekostet!«

Jetzt ging nun das Fragen und Verständigen an. Der Stamm der Reisegesellschaft mit den Führern und Bonnyträgern hatte durch Vermittelung der letzteren leicht einen Vertrag mit dem Häuptling des heimziehenden Haufens der siegreichen Bonnyleute geschlossen, wonach sie gegen entsprechende Geschenke und unter nachdrücklichem Hinweis auf die drohend nahe ihren Heimatdörfern vor Anker liegende »Hammonia« freien Hin- und Rückweg haben sollten.