Das Naturforscherschiff oder Fahrt der jungen Hamburger mit der "Hammonia" nach den Besitzungen ihres Vaters in der Südsee.

Part 8

Chapter 83,533 wordsPublic domain

»Ich möchte dazwischen schießen,« gestand Holm. »Wie es aussehen müßte, wenn einmal alle diese behenden, lebhaften Tiere zugleich in Bewegung gerieten!«

»Thun Sie das nicht, Herr,« warnten die Führer. »Wir könnten angegriffen werden.«

»Nun, und was hätte das zu bedeuten? Vierundzwanzig mit Feuerwaffen versehene Männer gegen eine Horde Affen!«

Die Jagdlust riß ihn gewaltsam mit sich fort, der Schuß krachte und widerhallte in zehnfachem Bergesecho. Die Wirkung war eine unbeschreibliche. Als sei jedes einzelne Tier getroffen worden, so stürzten und fielen, liefen und kugelten die Affen durch einander. Einige flohen in ihre Höhlen im Innern des Felsens, andere spähten aufrecht und mit gerecktem Hals nach der Ursache des plötzlichen Schreckes, alle aber waren aus ihren Spielen oder Streitigkeiten aufgestört. Nur zu bald sollte es sich zeigen, daß die Mahnung des Eingebornen eine wohlberechtigte gewesen; der Feind war entdeckt, und eine ganze Flut von Wurfgeschossen hagelte herab. Steine, Felsstücke und die Knochen ihrer von Raubtieren erwürgten Genossen, alles schleuderten die Affen in wahnsinniger Wut den Angreifern entgegen, dabei aber rückten sie selbst immer weiter vor, sammelten sich zu ganzen Haufen und schrieen in allen möglichen Tonarten.

»Wir müssen fliehen!« riefen die Führer. »Es ist die höchste Zeit! Schnell, schnell!«

Aber Holm und Franz hörten nicht. Sie schossen wieder und wieder in das lebende Gewirre hinein, rechts und links stürzten die Affen, und jetzt waren auch schon die vordersten bei den Weißen angelangt, -- im nächsten Augenblicke hätte ein Handgemenge entstehen müssen.

Die mitgenommenen Führer drängten unsere Freunde bis unter die schützenden Bäume des Waldrandes, von wo es leichter wurde, den nachsetzenden Tieren zu entgehen. Trotzdem aber hätte bei der unübersehbaren Anzahl der Gegner die Sache immerhin noch eine schlimme Wendung nehmen können, wenn nicht in diesem drohenden Augenblick ein Ton, langgezogen und gewaltig wie ferner Donner, unverhofft als Ablenkungsmittel erklungen wäre. Die Affen mochten bei dem furchtbaren Gebrüll alles übrige vergessen und nur an ihre eigene Sicherheit denken, sie ließen plötzlich von der Verfolgung der Feinde ab, kehrten um und suchten mit eiligen Schritten, einander überstürzend, die geschützten Felshöhlen zu erreichen. Bis auf zwei getötete, die im Wege liegen blieben, waren in wenigen Augenblicken alle verschwunden.

»Ein Löwe!« ging es von Mund zu Mund. Er schien nahe.

Alle Gewehre wurden geladen, die Reisegesellschaft bildete einen festgeschlossenen Trupp, und lautlos drang man vorwärts in das dichte Unterholz hinein. Noch eine Viertelstunde verfloß, aber nichts zeigte sich.

»Schade!« rief Franz, »eine Löwenhaut hätten wir erobern müssen.«

»Hier sind die Spuren,« bemerkte einer der Führer. »Das Tier ist vor uns diesen Weg gegangen, -- jedenfalls hat es in der Nähe seine Lagerstatt.«

»Blut!« rief plötzlich Holm, »Blut auf dem Gras und an den Baumstämmen. Der Löwe hat ein Tier getötet, das er nun mit aller Muße verspeist.«

Wirklich führten rote Perlen auf dem grünen Boden wie ein schlangenartig gewundenes Band der nahen Lichtung zu. Am Ufer des Stromes bildeten Dubabelbäume mit ihren fünfzig und noch mehr aus einer Wurzel aufschießenden Stämmen eine Art von undurchdringlicher Laube, in deren Innerem es fast dunkel erschien. Dahin führten die Blutspuren.

Eine Kette von Schützen umgab das Dickicht; es war unmöglich, daß irgend ein Tier herausschlüpfen konnte, ohne gesehen zu werden. Der aufregende, spannende Augenblick, in dem sich die Entscheidung vollziehen mußte, ließ aller Herzen höher schlagen. Wo auch der Löwe erscheinen würde, da begrüßten ihn zehn Büchsenkugeln zugleich, während niemand nahe genug stand, um von ihm im Sprunge erreicht werden zu können. Alles blieb vollkommen still.

»Wir müssen ihn herausjagen!« rieten die Führer. »Schade, daß uns ein paar tüchtige Hunde fehlen.«

Ein Steinwurf in das Gebüsch hinein begleitete den Satz, -- der Löwe gab kein Zeichen seiner Anwesenheit.

Wieder vergingen Minuten. Sollte man sich völlig getäuscht haben?

Aber nein. Unter den Schlingpflanzen, welche von Stamm zu Stamm lebende Wände flochten, zeigten sich plötzlich ein Paar funkelnde, mit rotem Schimmer leuchtende Augen, das gewaltige Brüllen drang erschütternd in die Herzen der Hörer, und endlich kam der königliche, mähnenumwogte Kopf zum Vorschein.

Mit einem einzigen elastischen Sprung erreichte der Löwe das Freie. Noch troff Blut von seinem Maul, die Mähne hatte sich gesträubt und der Schweif peitschte wütend den Erdboden. Etwa zehn Schritt vor dem Platze des jüngeren Knaben blieb er brüllend stehen.

Fünf oder sechs Schüsse krachten, auch Hans selbst gab Feuer, das gewaltige Tier blutete aus mehreren Wunden, noch einmal setzte es an zum Sprunge, flog zusammenbrechend, taumelnd, eine kurze Strecke weit vorwärts und stürzte dann dumpf brüllend auf den Boden. Die eine Vordertatze riß im Fall den Knaben mit sich, -- Hans lag unter dem Schenkel des verendenden, im Todeskampfe zuckenden Löwen. Schon nach wenigen Augenblicken erhielt sein Gesicht eine bläuliche Farbe, die Hände griffen krampfhaft in das Gras, und ein Gurgeln wie das des Erstickens verriet die furchtbare Gefahr, in welcher er schwebte. An den Löwen heranzutreten und ihm sein Opfer zu entreißen, war unmöglich; wer es gewagt hätte, der würde das eigene Leben dahingegeben haben, ohne dem armen Hans nützen zu können. Holm besann sich daher nicht lange, er kniete unmittelbar neben dem bedrohten Knaben ins Gras, sprach in fliegender Eile diesem Mut zu und ermahnte ihn, keine Bewegung zu machen, dann schoß er über seines Zöglings Körper hinweg dem Untier die tötende Kugel in den Kopf. Der Löwe streckte sich, atmete noch ein paarmal und hatte aufgehört zu leben.

Jetzt konnten vereinte Kräfte den Halberstickten hervorziehen; man rieb und schüttelte ihn, gab ihm Branntwein zu trinken und spritzte ihm Wasser in das Gesicht, bis er endlich wieder ganz zum Bewußtsein gebracht war. Auf der Brust fanden sich vom Druck des Löwenschenkels blaue Flecke, die Glieder schmerzten und der Kopf war schwer wie Blei. »Wir müssen einen kleinen Halt machen,« riet Holm, »Hans ist zu sehr angestrengt worden, und uns anderen thut es ebenfalls gut, namentlich nach der schmählichen Flucht vor den Affen.«

Dieser Vorschlag fand allgemeinen Beifall. Die Führer warfen ihre Vorräte und Waffen ins Gras, ein Teil ging aus, um frisches Wasser zu suchen, ein anderer raffte trockenes Holz zusammen, und Franz und Doktor Bolten wanderten mit den Gewehren am Ufer hin, um womöglich irgend einen frischen Braten zu schießen; schon nach wenigen Minuten war es um die beiden Zurückgebliebenen still wie in einer Kirche.

Helle, goldene Sonnenstrahlen umspielten Blätter und Blumen, buntfarbige Vögel schossen überall singend und pfeifend durch das Gewirre, Käfer und Schmetterlinge bevölkerten die Luft, zuweilen zeigte sich am Rand der Lichtung eine scheue, flüchtige Kudu-Antilope, ein Papagei ließ sein mißtönendes Kreischen hören, oder eine kleine, schillernde Schlange kroch durch das Gras; aller Streit aber, aller Krieg und Kampf schien aus der Natur verbannt. Die hohen Farne, bei uns nur Gräser, in den Tropen aber Bäume, bogen im Wind die federartigen, hellgrünen Wipfel; Stechpalmen strebten kerzengerade empor; Blätter wie grüne, faltenreiche Mäntel hingen in ungeheurer Breite von Rankengewächsen herab; spitze dunkle, säbelförmige Pfeile bohrten sich dazwischen, und Hunderte von weißen, roten und violetten Orchideen umzogen und verflochten wie ebenso viele grüne Arme das Ganze. Dazu murmelte das Wasser und rauschte der Wind, kurz es war eine wundervolle Stille, welche auf die jungen Leute beinahe einschläfernd wirkte. Mitten in der freien Lichtung lag der tote Löwe, dessen Körper bereits anfing verschiedenen Tiergattungen zum Schmause zu dienen. Namentlich ein großer, brauner Käfer erschien in starker Anzahl und ebenso, verlockt von der tiefen, mittäglichen Stille, eine Rattenart mit spitzem Zahn und raublustigem Blick.

Holm stand auf. »Das verbitte ich mir,« rief er scherzend den ungeladenen Gästen zu. »Kommt wieder und laßt's euch wohlschmecken, wenn ich die Haut in Sicherheit gebracht habe!«

Noch waren seine Worte nicht verhallt, als plötzlich ein lauter mehrstimmiger Ruf die Einsamkeit durchdrang. Wie »hierher!« oder »Hilfe!« klang es, und noch einmal, aber kürzer, weniger laut, wiederholte sich der Ton, dann wurde alles still. Die beiden Zurückgebliebenen aber behielten keine Zeit, über das Gehörte ihre Ansichten auszutauschen. Ein Schauspiel, das sie von allen am wenigsten erwartet haben mochten, fesselte plötzlich Augen und Ohren. Aus dem Walde her kamen im Laufschritt ganze Horden nackter, schwarzer Beninkrieger, zum Teil kämpfend, fliehend, mit einem Geheul, das Wut und Todesangst ausdrückte, verfolgt von ebenso vielen bewaffneten Bonnyleuten, die offenbar den Sieg behalten hatten und jetzt den letzten Überrest ihrer entspringenden Feinde in Sicherheit zu bringen suchten. Jeder Sklave ist dem Häuptling Tauschware, ganz so wie Elfenbein, Felle oder lebende wilde Tiere; je schlechter also die Jagdbeute gewesen, desto eifriger wird der Feldzug gegen einen benachbarten, schwächeren Stamm betrieben, nur um bei den reichen Häuptlingen im Inneren oder gar bei gewissenlosen weißen Unterhändlern an der Küste mit den lebenden Handelsgegenständen ein gutes Geschäft zu machen. Die Bonnyleute trugen sämtlich den hohen Federkopfputz, den Streifen Bastgeflecht oder Kattun um die Hüften, den hölzernen, reichgeschnitzten Schild und den Spieß oder Speer von Eichenholz mit Metallspitze. Sie stutzten zwar bei dem unerwarteten Erblicken der beiden Weißen, nahmen aber von denselben weiter keine Notiz, sondern setzten Kampf und Verfolgung ununterbrochen fort. Als das ganze Getümmel von schwarzen und braunen Gestalten gleich einer Windsbraut vorübergestürmt war, lagen Sträuche und Gräser zertreten am Boden, die Ranken hingen geknickt und zerrissen herab, und mitten im Wege krümmte sich sterbend ein von mehreren Lanzenstichen durchbohrter Neger. Holm, obgleich tödlich erschrocken und wegen der Reisegefährten in begreiflicher Unruhe, beugte sich dennoch zu dem armen Schelm herab und versuchte es, seine Schmerzen zu lindern, aber schon nach wenigen Minuten war alles vorüber, der Körper dehnte sich noch einmal lang aus, und die zuckenden Hände fielen matt ins Gras. Nur aus der Ferne schallten Stimmen und ein lebhaftes Krachen der brechenden Baumstämme herüber, hier am Flußufer herrschte wieder die frühere Stille.

Hans sah unruhig in das Auge seines älteren Freundes. »Wo doch Franz und die anderen bleiben?« sagte er zweifelnd.

Holm setzte eine kleine Pfeife an die Lippen. Der schrille Ton scheuchte die umherfliegenden Vögel, aber eine Antwort brachte er nicht. Auch ein paar Schüsse, nach verschiedenen Richtungen abgefeuert, blieben ohne Erfolg. Eine Viertelstunde des peinlichsten Wartens verging den beiden jungen Leuten, mehr und mehr stieg die innere Furcht, welche einer dem andern zu verbergen strebte, dann aber kam der Augenblick, wo gegenseitiges Aussprechen nicht länger zu umgehen war. »Jetzt müssen wir eine kleine Robinsonade durchleben, Hänschen,« sagte in erkünstelt sorglosem Tone der Gelehrte. »Wahrscheinlich sind unsere Gefährten durch die Bonnyleute fürs erste gänzlich von uns abgeschnitten worden.«

»Wie wäre das möglich?« rief Hans. »Ich denke, daß man sie getötet hat wie diesen armen Schwarzen hier, und -- du glaubst das auch, Karl.«

»O, fällt mir gar nicht ein,« beteuerte Holm. »Die Führer mögen gefangen genommen sein, und eben weil sie dadurch schutzlos wurden, haben sich der Doktor und Franz verirrt.«

»Wollen wir denn diesen Ort verlassen, Karl?«

»Noch nicht, mein Junge. Vielleicht gelingt es uns doch, durch irgend ein Zeichen die beiden Verlorenen zu uns zurückzuführen, und überdies -- wie sollten wir uns am Tage in der pfadlosen, meilenweiten Waldwildnis bis zum nächsten Dorfe oder gar bis an die Küste durchbringen?«

Hans erschrak. »Aber Karl, wenn das am Tage unmöglich ist, so sehe ich wahrhaftig doch kein Mittel, es während der Nacht auszuführen?«

»Ich desto besser, Hänschen. Die Sterne müssen mir ebensowohl im Urwalde als Wegweiser dienen können wie auf dem Meer. Einen Kompaß führe ich auch bei mir, -- um die Heimkehr zum Schiff -- sei du also um diesen Punkt ganz außer Sorgen.«

Hans sprach nicht mehr. Er hatte den Nachdruck, welchen Holm vielleicht unbewußt auf das Wort »diesen« gelegt, deutlich herausgehört. Das hieß nichts anderes, als: wenn wir lebend hinkommen, an wilden Menschen und Tieren, an den Gefahren des Fiebers, des Verhungerns und der Vergiftung glücklich vorüber, dann wird wohl endlich die Küste wieder zu erreichen sein.

»Mach fort, mein Junge,« ermahnte Holm, mehr um die Gedanken seines Zöglings abzulenken, als der Sache wegen. »Die Herren Bonnys haben glücklicherweise weder unsere Lebensmittel noch unsere Waffen des Mitnehmens wert befunden, also können wir vor allen Dingen essen, damit Leib und Seele kräftig bleiben. Denke an das Unglück, wenn eins von uns krank würde -- dann erst wären wir beide verloren.«

Der wohlgemeinte Zuspruch that seine Wirkung; wenigstens äußerlich schien Hans ruhiger, obgleich in seinen Augen helle Thränen schimmerten, als er jetzt die Vorräte auspackte und einiges davon auf einen umgestürzten Baumstamm legte. Franz hatte ja vielleicht in diesem Augenblick nichts zu essen, lebte vielleicht nicht einmal mehr. --

Holm entzündete nun ein mächtiges Feuer, dessen aufwirbelnder Rauch möglicherweise den beiden Verirrten als Wahrzeichen dienen konnte, er trug dürres Holz, so viel sich in der Nähe zusammenraffen ließ, herbei, und erst als helle Flammen an den alten, von der Sonne ausgetrockneten Zweigen hinaufleckten, setzte er sich zu dem Knaben, um etwas Zwieback und Rauchfleisch zu genießen, ebenso ein paar Tropfen Madeira. Das alles war in luftdichten Gefäßen von Hamburg mitgebracht, und namentlich der Wein mit seiner belebenden Wirkung stärkte fühlbar die gesunkenen Kräfte der jungen Reisenden, auch die Frucht des Affenbrotbaumes würzte das Mahl, und dann machten Lehrer und Zögling ihre Pläne für den Tag, oder besser gesagt, für die Nacht, denn bis dahin waren es jetzt nur noch wenige Stunden.

»Wir müssen uns zuerst nach einem einigermaßen geschützten Zufluchtsort umsehen,« meinte Holm, »der wilden Tiere wegen. Ich schlage vor, in einen Baum zu klettern.«

»Schlangen und Leoparden kommen uns dahin nach! -- Aber wenn wir einen hohlen Stamm finden könnten, das wäre gut.«

Holm warf noch ein paar starke Äste in das Feuer, dann ergriff er sein Gewehr und forderte den Knaben auf, ihm zu folgen. »Mir deucht, ich habe auf dem Wege hierher einen ausgehöhlten Boabab gesehen, den wollen wir suchen.«

Die beiden machten sich auf und fanden wirklich in der Entfernung von etwa hundert Schritten den Baum, welchen Holm bemerkt hatte. Sein ungeheurer Umfang ließ die natürliche Hütte in seinem Innern als geräumig und hoch voraussetzen, nur fragte es sich, ob nicht etwa dieser laubumrauschte Palast bereits einen Bewohner gefunden hatte, der sich aus seinem Daheim keineswegs vertreiben zu lassen gedachte. Ein schwerer Stein, von Holms Hand geschleudert, flog hinein, aber nichts zeigte sich, -- die Höhle schien leer.

»Bleib du zurück,« gebot er seinem jungen Begleiter, »ich will einmal hineinleuchten und Umschau halten.«

Hans brachte das Gewehr in Anschlag. Obwohl er noch sehr heftige Brustschmerzen empfand und auch mit geheimer Sorge ununterbrochen lauschte, ob nicht irgend ein Zeichen die Rückkehr der beiden Verschwundenen andeuten würde, so war es ja doch seine Pflicht, den Freund im gegebenen Falle zu beschützen, und anderseits mochte er auch nicht müßig zusehen. Die Kugelbüchse schußgerecht zur Hand, blieb er dicht hinter dem Vorangehenden.

Ein Zündhölzchen flammte auf, die mitgebrachte Wachskerze wurde in Brand gesetzt und das Innere des Baumes beleuchtet.

Ein heiseres Gebell tönte den beiden entgegen.

»Hunde!« rief erstaunt der Knabe. »Karl, sind es Hunde?«

Die Antwort erschien in der Gestalt des Bellenden selbst. Ein Mandril oder hundsköpfiger Affe sprang über Holms Schulter hinweg aus seinem Versteck hervor und mit Windeseile auf den nächsten Baum. Ebenso rasch aber hatte er auch die Früchte desselben, halbreife Zitronen, geschäftig abgerissen und eröffnete nun auf die Störer seiner häuslichen Existenz ein so wohlgezieltes Bombardement, daß sofortige Deckung hinter irgend einem Schutzwall geboten schien. Hans erhielt zwei steinharte, grüne Zitronen dergestalt zwischen die Schultern, daß er um die Wette lachte und hustete, sich aber in einem mächtigen Tamarindenbaum einen Verbündeten suchte und nun, von dem Stamm desselben verborgen, den Affen so lange neckte, bis Holm die ganze innere Höhle beleuchtet und leer gefunden hatte. Der Mandril mit seinem Hundekopf saß auf dem Zitronenbaum und fletschte das greuliche Gesicht. Die ganze Erscheinung dieses selbst unter dem häßlichen Affengeschlecht als allerhäßlichstes Exemplar bekannten Tieres rechtfertigte den Namen »Waldteufel«, welcher ihm häufig beigelegt wird. Über einen Meter hoch, hatte er eine kurze, struppige, ganz schwarze Mähne, und dünne olivengrüne Schenkel, dazu eine grellrote Schnauze und blaue, gefurchte Backen, sowie große Ohren, plumpen, hundsartigen Körper und spitzen, gelben Bart. So angethan saß er mit einem schnell zusammengerafften Vorrat von Wurfgeschossen lauernd auf einem starken Ast, und so oft Hans nur die Hand vorstreckte oder gar ein wenig um den Stamm herumzulugen wagte, gleich flog eine Zitrone durch die Luft, meistens freilich ohne zu treffen, aber immer von einem gebellartigen Brüllen des Unholdes begleitet.

Holm hatte innerhalb des Affenbrotbaumes Posto gefaßt. »Ich will ihm den Garaus machen,« sagte er, »diese Gattung lebt meistens in ganzen Trupps, wenn uns daher die Genossen durch das wütende Bellen auf den Hals gelockt würden, so könnte es uns schlimm ergehen. Reize einmal die Bestie, sich nach dieser Seite zu drehen, damit ich sie aufs Korn nehmen kann.«

Hans lugte um den Baumstamm herum, dann streckte er den Arm vor und schien werfen zu wollen. Der Jagdeifer riß ihn dermaßen mit sich fort, daß er im Augenblick die drohende Gefahr der Verschwundenen sowohl als seine und Holms schlimme Lage gänzlich vergaß. »Jetzt kannst du schießen, Karl,« rief er, »der greuliche Kobold bietet dir die Brust dar!«

Und das Pulver blitzte, der Schall zog donnergleich zwischen den dichten Stämmen dahin, das getroffene Tier lag, immer noch bellend, am Boden, aber nach kurzer Zeit hatte es zu leben aufgehört. Jetzt konnte die innere Höhlung des Baumes gereinigt werden; trocknes Reis diente als Besen, Scharen von Käfern und Spinnen, selbst kleinere Vögel und ein paar Eidechsen mußten das Feld räumen; aus einer in einem hohlen Ast verborgenen Ecke flog schwerfällig und erschreckt eine Eule heraus, und als letzter der vertriebenen Bewohner wurde ein zusammengerollter Igel vorsichtig entfernt; dann war die Festung erobert, die Sieger konnten ihre Wolldecken auf dem Boden ausbreiten und sich für die Nacht häuslich einrichten. Draußen mahnte indessen das sinkende Tagesgestirn zur Eile, man mußte noch so viel als möglich von den aufgestapelten, am Lagerplatz zurückgelassenen Mundvorräten in Sicherheit bringen und auch etwas Wasser zu erlangen suchen, jedenfalls aber den getöteten Affen vom Eingang der Höhle entfernen, um nicht durch die Leiche den Raubtieren verraten zu werden.

Beide jungen Leute gingen zu der Stelle zurück, wo am Morgen die verhängnisvolle Trennung stattgefunden hatte, und obwohl sich einer wie der andere bemühte, äußerlich ruhig zu erscheinen, so wurden doch beide von einem gleich wehmütigen, niederdrückenden Gefühl erfaßt. Nun galt es, von dieser Stelle Abschied zu nehmen, die überzähligen Waffen und nicht fortzubringenden Lebensmittel ihrem Schicksal zu überlassen und so gewissermaßen ein letztes, unsichtbares Band zwischen ihnen selbst und den Verlorenen zu durchschneiden. Aber es mußte geschehen, jedes Zögern konnte ein Todesurteil werden. Wenn ihre Rückkehr in die schützende Höhlung des Baumes sich verspätete, wenn vor ihnen ein Löwe oder Gorilla davon Besitz nahm, -- was dann? Für diese Nacht ließ sich an keine Wanderung durch den pfadlosen Urwald mehr denken, dazu waren beide viel zu ermüdet, viel zu ruhebedürftig und abgespannt, sie mußten in dem todbringenden afrikanischen Klima zuerst und zunächst ihre Kräfte schonen, mußten alles vermeiden, was möglicherweise ein Erkranken herbeiführen konnte, da sonst jede Hoffnung auf ein glückliches Entkommen aus der Wildnis von vorn herein abgeschnitten gewesen wäre.

Um den toten Löwen hatte sich eine Schar von beutelustigen kleineren Tieren versammelt, sogar mehrere scheublickende Hyänen flüchteten in den Schutz des Dickichts zurück, und Raubvögel flogen schwirrend empor; der König der Wälder war zerrissen und zernagt, sein Fell hing in Streifen herab, sein Blut färbte den Rasen. -- Holm beeilte sich, den Knaben von hier fortzubringen, er wußte nur allzuwohl, daß weiterhin der Leiche des getöteten Negers von dem Raubgesindel gerade ebenso mitgespielt sein würde, weshalb aber sollte Hans auch diesen trostlosen Anblick mit in den Schlaf hinübernehmen? »Rasch,« ermahnte er, »auf Wasser müssen wir wohl verzichten, mein Junge, oder wenigstens bleibst du in der Höhle, während ich ausgehe, um die Quelle zu finden. Nimm diese Weinflaschen, den Zwieback, das Fleisch, -- so, so, Hänschen das übrige bleibt in Gottes Namen liegen, da wir es unter keiner Bedingung forttragen könnten. Ist einmal das Dorf der Bonny wieder erreicht, dann begleiten uns neuangeworbene Leute, und der Streifzug beginnt abermals, wenn auch anders und schneller. Die Unsrigen sind wahrscheinlich Gefangene der Bonnys, weshalb denn die Verständigung ganz leicht werden wird.«

Hans antwortete nicht, es war ihm so sonderbar eng ums Herz, er konnte kein Wort herausbringen. Der helle Tag läßt ja jede Befürchtung, jede Unruhe leichter ertragen, die Abendschatten dagegen fallen wie Fesseln auf die Seele, im Dunkel erscheint alles Schlimme und Beängstigende doppelt quälend, doppelt schwer. Ohne zu sprechen gingen die jungen Leute schnellen Schrittes zum erwählten Nachtquartier zurück. Holm schaffte den toten Affen beiseite, holte Wasser aus einer in der Nähe vorüberfließenden Quelle und entzündete, als es gänzlich finster geworden war, eine der mitgebrachten Wachskerzen. Das Auge fand jetzt ein malerisches, nie gesehenes Schauspiel. In halben Windungen, hier enger und dort weit offen, erstreckte sich die Höhlung bis in die obersten Zweige des Baumes; keineswegs jedoch waren ihre Wände überall dicht und verschlossen, im Gegenteil sah hier und da funkelnd ein Sternchen vom hohen Himmel in das seltsame Nachtquartier der beiden jungen Leute hinein; Vögel und Fledermäuse huschten über ihre Köpfe hinweg, ziehende Schatten verhüllten die höchsten Spitzen, und je zuweilen unterbrach plötzlich eine fremdartig klingende Stimme erschreckend die Stille der anbrechenden Nacht.

»Den Eingang können wir nicht verschließen,« meinte Holm, »daher muß einer von uns wachen, während der andere schläft. Lege dich hin, Hänschen, und sei völlig ohne Sorgen, hörst du?«

Der Knabe widersprach nicht. Er wußte nur allzu wohl, daß kein Schlummer seine Augen umhüllen werde, und daß es ihm daher möglich sei, in jeder Minute dem etwa bedrohten Freunde zu Hilfe zu eilen, -- mochte es recht still bleiben, mochte die Unterhaltung gänzlich stocken, desto besser ließ sich den eigenen schlimmen Befürchtungen nachhängen.