Part 6
Der Neger, welcher vorhin getanzt hatte, lag jetzt neben den übrigen im Sande, aber nicht ohne fortwährend seine Beschwörungsformeln zu murmeln und die Hände über den Kopf zu erheben. Das Wort »Abosam« (Teufel) wiederholte sich häufig, der Ton aller dieser Worte verriet die innerste Herzensangst.
»Das Tier ist nur leicht verwundet!« rief Holm. »Wir müssen auf die Augen zielen. Feuer.«
Eine zweite Ladung von Kugeln traf den Dickhäuter, zugleich aber trieben die Wellen, durch das Stampfen und Toben des wütenden Flußpferdes in Bewegung gebracht, den Kahn bis in die tiefere Mitte des Wassers. Der getroffene Koloß, halb und halb schon taumelnd im letzten Kampfe, brüllend vor Schmerz und Wut, näherte sich mit ungestümer Bewegung dem Boote und packte von oben und unten den Rand desselben. Die gewaltigen Hauer schlugen tief in das Holz hinein, die breite Brust hob wie einen Strohhalm das Fahrzeug empor und warf es samt allen seinen Insassen mit solcher Macht in das Wasser, daß dieses hoch aufspritzte und im zischenden Strudel das Boot weit hinausschleuderte. Kieloberst schaukelte es im Schilf, -- von den Weißen war keine Spur mehr zu sehen.
Das Flußpferd taumelte, machte Schritte nach rechts und links, schüttelte den Kopf wie in unerträglichem Leiden und fiel schwer zurück in das Schilf. Nur halb vom Wasser verborgen, lag es tot und regungslos da. Die Neger verbargen noch immer ihre Gesichter.
Mitten im Wasser arbeitete und kämpfte es, ein Kopf kam zum Vorschein, -- Franz sah aus den Fluten hervor. »Helft doch!« rief er mit lauter Stimme, »um des Himmels willen, so helft doch! Wollt ihr denn um eurer unsinnigen Furcht willen andere Menschen ertrinken lassen?«
»Hierher, Franz!« rief hinter dem Knaben der junge Gelehrte. »Faß an.«
Er hatte sich halben Leibes aus dem Wasser herausgearbeitet und hielt in seinen Armen den jüngeren Knaben. »Ach, das ist gut, Hans kommt schon wieder zu sich! -- Jetzt rasch, damit wir unseren alten Freund noch rechtzeitig finden.«
Er hob den taumelnden Knaben an das Ufer, und nun begann auf dem Grunde des Flusses die eifrigste Nachforschung, der sich auch binnen wenigen Augenblicken sämtliche Matrosen anschlossen. Es war allen gelungen, die Oberfläche zu erreichen, nur Doktor Bolten allein mußte, vielleicht vom Schilf zurückgehalten oder von einer Ohnmacht ergriffen, dem Anschein nach als verloren gelten. Selbst sein Körper konnte nicht entdeckt werden.
Die Neger hockten im Kreise um den gefallenen »Uralten« ihrer Flüsse. Sie sprachen mit ihm, sie betasteten vorsichtig seinen großen Kopf und schlugen mit Binsen auf die dunkel gefärbte, haarlose Haut, ohne sich im mindesten um das Geschick der Fremdlinge zu bekümmern. Als sie sich überzeugt hatten, daß das Leben des Gefürchteten entflohen sei, faßten sie sich wie Kinder an die Hände und begannen einen Freudentanz, wobei sie sich abwechselnd auf den Rücken warfen und in rasender Eile herumwirbelten. Sowohl ihre Jagdbeute als auch die Feuerwaffen der Weißen waren vergessen, -- nur daß der Abkömmling Abosams tot vor ihnen dalag, schienen sie zu begreifen.
Die Stimme des Matrosen rüttelte sie auf. »Wollt ihr gleich Hand ans Werk legen, ihr schwarzen Teufel!« rief er. »Wir vermissen noch einen Mann, helft uns ihn wiederfinden.«
Die Neger drängten sich schnatternd zusammen, und nach kurzer Beratung trat der, welcher ihr Anführer zu sein schien, vor. »Ob die Weißen den Körper des getöteten Tieres herausgeben und darauf keinen Anspruch machen wollten?« fragte er zögernd.
»Alle fünfhundert Peitschen, die ihr aus dem Fell schneiden könnt, sollen euch auf dem schwarzen Rücken tanzen, wenn ihr nicht zugreift!«
Diese kräftige Ermunterung genügte, um alle Unverschämtheit in Respekt zu verwandeln. Die ebenholzfarbigen Männer tauchten unter das Wasser wie Enten, oder schwammen dem Boote nach, holten vom Grunde die Ruder und Gewehre herauf und suchten emsig den Körper des offenbar Ertrunkenen. Ehe mehrere Minuten vergingen, brachten sie den ganz von Schilf und Wasserpflanzen umstrickten Körper an die Oberfläche. Doktor Bolten hatte allem Anschein nach aufgehört zu leben.
Die Schreckensrufe der Knaben unterbrachen das lastende Stillschweigen; einer nach dem andern versammelten sich alle, Matrosen, Neger und die Reisegefährten selbst, um den unglücklichen, seinen Freunden so teuren Mann, auch Hans schlich herzu, obgleich er sich selbst kaum auf den Füßen halten konnte. Niemand dachte an die Gefahr der Lage, an die durchnäßten Schießwaffen und verlorenen Lebensmittel, sondern aller Augen verfolgten gespannt und ängstlich die Bemühungen Holms, der nun den Ertrunkenen nach ärztlicher Weise zu behandeln begann. Zuerst legte er unter Beistand der Matrosen den Körper auf Bauch und Gesicht, um das eingedrungene Wasser herausfließen zu lassen, und dann brachte er seinen Mund an den des anderen, fortwährend aus allen Kräften in die unthätigen mit Blut überfüllten Lungen Luft hineinblasend, während zugleich Franz die inneren Handflächen rieb, und ein paar Neger die entblößten Füße mit Nesseln peitschten. Aber trotz aller dieser vereinten Bemühungen dauerte es lange Zeit, bevor der Verunglückte die ersten Lebenszeichen gab; man verbrachte eine angstvolle halbe Stunde und fing schon an, die Sache als hoffnungslos fallen zu lassen, da endlich kehrten Wärme und Atem zurück, die Lippen bewegten sich, und ein Schauer durchlief den ganzen Körper. Es galt jetzt nur noch, die gesunkenen Kräfte des alten Mannes durch einige stärkende Nahrungsmittel wieder zu beleben und ihn, ehe das Bewußtsein erwachte, wenigstens in trockene Gewänder zu hüllen.
Da das Negerdorf etwas weiterhin unmittelbar am Flußufer lag, so wurde langsam der Weg dorthin fortgesetzt. Einige Schwarze blieben bei den erlegten Tieren zurück, die anderen ruderten, und nach wenigen Minuten war die kleine Niederlassung erreicht. Mitten im Walde belegen, nur aus einer geringen Anzahl von Hütten bestehend, zeigte sie sich als das Bild trostlosester Armut. Zwischen Pfützen und Lachen, in denen sich Schweine mit verschiedenem Geflügel einträchtig tummelten, sah man die spitzen Rohrdächer der Wohnungen oft an mehreren schwankenden Pfählen befestigt, ohne daß zwischen diesen letzteren irgend eine Wand zu entdecken gewesen wäre. Wie alle Negerhäuser etwas über dem Erdboden belegen, also Pfahlbauten, hatten sie einen dürftigen Bambusfußboden und ein paar Matten zur Lagerstatt, weiter nichts; nur die allerwenigsten zeigten feste Wände.
Frauen und Kinder liefen den Ankömmlingen entgegen, hundert Stimmen sprachen zugleich; das gutmütige Völkchen brachte den schrecklichen Kaffee der Kolanuß sowie den Branntwein, welcher vielfach in tropischen Ländern aus den Wurzeln einer Pfefferart gewonnen wird, kurz die schiffbrüchigen Fremdlinge wurden außerordentlich gastfrei aufgenommen, und als endlich der langsam Erwachende in Matten gehüllt sicher gebettet lag, als Holm erklärte, daß nun alle Gefahr vorüber sei, da kehrte bei den Knaben das Vergnügen des Abenteuers, das Verlangen, sich die Negerhütten näher zu besehen, mit Macht wieder in die Herzen zurück. Sie mußten ja ohnehin die nassen Kleider am Körper trocken laufen und spürten auch infolge des kalten Bades einen Hunger, der ihnen nur durch die Gastfreundschaft der Schwarzen gestillt werden konnte. »Gib acht,« flüsterte Franz, »man setzt uns Affenbraten vor, -- ich habe das bei den Gallinas erlebt.«
So wohl sollte es indessen den jungen Naturforschern nicht werden. Als die ganze ausgehungerte Schar so plötzlich über das arme kleine Dorf herfiel und vor allen Dingen essen wollte, da erschien auf den großen, grünen Blättern, welche Teller und Tafeltuch zugleich vertreten mußten, ein Gericht, das sämtliche Deutsche dem Aussehen nach für geschnittenen weißen Kohl hielten, und das in einer Art von Pfanne auf offenem Feuer vor den Hütten geschmort worden war. Franz roch daran, »Essig gibt's hier nicht, -- schade!«
Der Matrose hob ein paar Fäserchen von seinem Blatt empor. »Das sieht mir aus wie Mückenbeine!« sagte er bedenklich. »Hm, hm, auf dem Halm oder sonst aus irgend einer Wurzel heraus ist die Geschichte nicht gewachsen.«
Hans schauderte. »Sie meinen doch nicht, daß es Tiere sind, Maat?«
»Sehen Sie einmal dahin, junger Herr! Rechts auf Ihrem Teller lebt das Gericht noch und will eben jetzt mit geknickten Beinen Reißaus nehmen, -- Heuschrecken, sage ich Ihnen, leibhaftige Heuschrecken.«
Und so war es wirklich. Zu Tausenden auf dem Felde eingefangen, wurden diese Tiere von den Wilden zwischen zwei flachen Steinen zermalmt und mit etwas Fett und Gewürz einige Augenblicke lang der Hitze ausgesetzt. Daß dabei das eine oder andere arme Geschöpf nur halb getötet worden und noch lebend und zappelnd in die Glutpfanne gelangt war, -- nun das ließ sich nicht ändern. Es schmeckte auch roh gut, wenigstens verspeisten die reichlich umherspielenden Kinder mit Behagen jedes Insekt, das ihnen über den Weg lief.
Den Deutschen war der Appetit gründlich vergangen. Etwas anderes als das graugrüne, unangenehme Gemisch vor ihnen gab es in dem Negerdorf nicht, was blieb daher übrig, als zur Unglücksstätte zurückzufahren und ein tüchtiges Stück Fleisch des erlegten Dickhäuters herbeizuholen? Gedacht, gethan! Zwei Matrosen mit den Knaben ruderten wieder stromauf, während die beiden anderen bei den durchnäßten Gewehren Wache hielten und dieselben so gut als es ging von dem eingedrungenen Wasser reinigten. Als die Abgesandten mit einem tüchtigen Braten beladen wieder anlangten, wurde ein starkes Feuer entzündet, Pfefferkörner und Salz mit einigen frischen Lorbeerblättern, einer Zwiebel und einer Menge grüner Bohnen, die reichlich rings umher wuchsen, zum Feuer gesetzt und das abgewaschene Fleisch hinzugethan. Ein Matrose spielte den Koch und gab ganz ernsthaft den übrigen seine Befehle. »Sie, junger Herr, pflücken Sie gefälligst ein paar reife Melonen, die ich dort in großer Menge wachsen sehe, und Sie, besorgen Sie für die Gesellschaft einige Teller! Flache Steine wären mir aber bei meiner armen Seele lieber als Blätter, denn ob das Fleisch sehr mürbe werden wird, steht einstweilen noch dahin, -- wir müssen es vielleicht nachdrücklich mit dem Messer bearbeiten. So, jetzt wäre die Hauptsache gethan. Im Fall es ein Schweinebraten sein sollte, müssen wir uns Zwiebel und Lorbeer, im Fall es ein Pferdebraten ist, die Bohnen hinwegdenken. Ein weiser Haushalter bereitet sich vor auf alle etwa eintretenden Verhältnisse, und wer noch keinen Hippopotamus verspeisen half, der kann nicht wissen, wie er schmeckt. Ich habe gesprochen!«
Die übrigen lachten. Wie der helläugige, spitzbübisch lächelnde Sohn Hammonias mit untergeschlagenen Beinen, den Eisenlöffel in der Hand, vorm Feuer saß und Befehle gab, die alle sofort befolgt wurden, da schwand aus den Herzen der letzte Schatten des Unbehagens, Franz pflückte Beeren und Früchte verschiedenster Art, Hans sammelte Nüsse für den Nachtisch, ein Matrose zerrieb zwischen zwei Steinen die reifen Maiskörner, um Mehl für einige Klöße zu gewinnen, und der letzte suchte die nötigen Teller zusammen, welche dann im Flusse erst einer gründlichen Reinigung unterzogen wurden.
Als Franz zur Feuerstelle zurückkehrte, hob der Matrose den Deckel vom Topf. »Nun, junger Herr, wonach riecht's?«
Franz beugte sich über die wallenden Dampfwolken. »Nach etwas außerordentlich Gutem, Maat! Ich glaube, es wird ein Schweinebraten!«
Er nahm mit dem Taschenmesser eine Bohne aus dem brodelnden Gemisch heraus und aß sie mit Behagen. »Noch nicht gar,« erklärte er, »aber sehr schön schmeckend. Ob wohl diese schwarzen Menschen gar keine Gemüse essen?«
»Das wollen wir gleich sehen.« Und der Koch nahm aus dem Gefäß einen Löffel voll Bohnen, den er zierlich gegen eine der anwesenden Frauen vorstreckte. »Diese ehrenwerte Madame oder das gnädige Fräulein -- man weiß hier nicht so recht, wie es mit den Titeln steht -- hat schon seit einer Stunde heimlich die Heuschreckenpastete benascht,« sagte er, »immer wenn ich zur Seite sehe, schwebt so ein unglücklicher Grashüpfer zwischen den schwarzen Fingern und den greulichen, spitzgefeilten Zähnen, die edle Dame muß also einen gewaltigen Hunger im Kamisol haben. ^Don't^ schenir ^you^!«
Mit dieser letzteren, aus englisch und deutsch in freier Bearbeitung zusammengesetzten Ermunterung bot er der Negerin den Inhalt des Löffels, aber eine hastige, abwehrende Antwort, nur dem Tone nach verständlich, schallte ihm entgegen. Die Schwarze wandte sich schaudernd ab.
Der Matrose zuckte die Achseln. »Kann dir nicht helfen, meine Schöne,« sagte er, »es kommt im Leben allemal auf den Geschmack an. Was thut ihr denn aber mit den Bohnen, he?«
Die Frau mochte den Sinn dieser Frage verstehen. Sie nahm aus einer Ecke der Hütte anstatt aller Antwort eine Handvoll trockner Bohnen und warf sie den Hühnern vor.
»Dazu?« nickte der Matrose. »Würde übrigens den guten Eierspenderinnen lieber die Heuschrecken überlassen und die Bohnen selbst behalten. Aber -- ^chacun à son känguruh^, wie, glaube ich, die Franzosen sagen. -- Junger Herr, wollen Sie jetzt zu Tische rufen?«
Laut lachend sprang Franz davon und wandte sich der anderen Seite des Dorfes zu, wo mittlerweile sein alter Erzieher in mehrstündigem Schlaf die Folgen des unvermuteten Bades überstanden hatte. Der würdige Gelehrte steckte bis über die Schultern in einem Haufen von angenehm duftenden, trocknen Farnkräutern, auf dem auch sein Haupt einen behaglichen Ruhepunkt gefunden. Seine Kleider schaukelten an den nächsten Baumstämmen.
Die ohnehin durch das Französisch des Matrosen erregte Heiterkeit schwoll bei diesem Anblick in der Seele des Knaben bis zum lauten, jubelnden Ausbruch. Er warf sich lachend neben dem seltsamen Blätterlager auf die Kniee und küßte seinen väterlichen Freund der so nahe, so nahe an den Pforten des Todes dennoch dem Leben glücklich erhalten worden war. »Wir wollten bei Ihnen bleiben, Herr Doktor,« sagte er herzlich, »aber Karl schickte uns fort, Hans und mich.«
»Daran that er sehr recht,« antwortete lächelnd der alte Herr. »Es war für euch besser, das kaltgewordene Zeug laufend und springend zu trocknen, als hier zu sitzen und mich schlafen zu sehen. Das Flußpferd hätte mir übrigens um ein Haar den Garaus gemacht, ich stürzte kopfüber in ein undurchdringliches Gewirre von Pflanzenfasern, wollte mich herausarbeiten und geriet immer tiefer hinein, bis ich das Bewußtsein verlor. Die Neger müssen gerade diese gefahrbringende Stelle gekannt haben, sonst würde ich nimmer gefunden worden sein.«
»Sie sind alle wieder zu den erlegten Tieren zurückgekehrt,« berichtete Franz. »Es scheint, als ob sie den Uralten ihrer Flüsse jetzt auch nicht eher aus den Augen lassen wollen, bis er in hundert Stücke zerlegt und seine Wiederkehr unmöglich geworden ist.«
»Jetzt laßt uns nur eilen, um erst einmal tüchtig zu essen,« riet Holm. »Nachher zeige ich euch am Ufer ein Schauspiel, das allerdings nicht großartig, aber höchst komisch ist. Hier, Herr Doktor, Ihre Garderobe, -- es scheint alles ziemlich trocken.«
Franz half seinem Erzieher, der sich doch immer noch etwas matt fühlte, und dann wanderten die drei bis zu der Stelle, wo eben die letzten, kugelrunden, von den derben Fäusten des Matrosen gedrehten Klöße gar geworden waren, und wo das fertige Gericht im Topfe dampfte. Freilich beanspruchte das Fleisch recht gesunde Zähne, hatten die Klöße eine gewisse unleugbare Ähnlichkeit mit Bleikugeln, und waren die grünen Bohnen zu Brei zerkocht, aber dennoch aßen alle mit dem besten Appetit und bedauerten nur, den Wilden keinerlei Geschenke machen zu können. Als die Negerboote, beladen mit Jagdbeute, zurückkehrten, und jetzt das ganze Dorf erfuhr, welche Heldenthat die Fremdlinge verübt, da war der Bewunderung und des Jubels gar kein Ende. Ein Schwarzer mit einem seltsam geformten, aus Bambus angefertigten Instrument begleitete spielend und tanzend die Gäste, wohin sie gingen, und Frauen und Kinder warfen sich mit den Gesichtern in den Sand.
Durch den Matrosen, welcher ihre Sprache verstand, wurde ihnen ein reiches Geschenk zugesichert, und dann machten die Deutschen am Flußufer in der unmittelbaren Nähe der Niederlassung noch einen kleinen Spaziergang. Weit hinein in den Wald durften sie sich ja ohne alle Waffen nicht wagen.
»Kommt hierher,« erinnerte Holm, »ich wollte euch etwas zeigen.« -- Er führte die übrigen zu einer Stelle, an welcher der Fluß ein breites, sandiges, ganz flaches Ufer besaß. Dort hatten sich Tausende von Krabben, -- die kleinen Soldatenkrabben -- eine neben der anderen aufgepflanzt und brachten den Sand mit ihren Scheren zum Munde. Es sah aus, als verzehrten sie die wenig einladende Speise, in der That aber sogen sie die darin enthaltenen tierischen Stoffe nur heraus, um ihn dann wieder fallen zu lassen. Ein klingendes, leises Geräusch, aus dem Erdboden herauftönend und wie fernes, leichtes Singen die Luft erfüllend, bezeichnete den Ort als Hauptansiedelung des Krabbengeschlechtes, deren größere Arten in unterirdischen Höhlen wohnen und dort ihre Konzerte aufführen.
Unsere Freunde verhielten sich lautlos, denn bei der geringsten Bewegung tauchten die Krabben in ihre Löcher hinein und verschwanden auf diese Weise buchstäblich bis in den Erdboden, -- da bewegten sich unvermutet die niederen Gebüsche zur Seite des Strandes, und ein schwarzer Rüssel streckte sich vor. Kleine, verschmitzte Augen übersahen die freie Fläche, ein leichtes Grunzen wurde hörbar und eine Familie von Warzenschweinen, Papa und Mama mit acht Sprößlingen, erschien in Geschwindigkeit auf der Szene. Das Krabbenkonzert verstummte wie durch Zauberei, die kleinen Soldatenkrabben waren im Handumdrehen verschwunden, und die Schweine schienen um ihre gehoffte Beute betrogen zu sein. Dem war aber nicht so! Die Schlauheit des kleinen Gegners vollkommen würdigend, begannen die Räuber mit ihren plumpen Rüsseln den Sand aufzuwühlen und unbarmherzig die kleinen wehrlosen Geschöpfe zu verschlingen. Ihre häßlichen Köpfe hatten große, hängende, mit Warzen bedeckte Hautlappen, die erwachsenen Tiere, waren in der Größe etwa unserm Wildschweine gleich, von wildem Aussehen, mit einem gefahrdrohenden Gebiß, so daß es nicht geraten gewesen wäre, sich ihnen ohne Waffen zu nähern, namentlich da mehr und immer mehr Familien aus dem Walde hervorkamen, um hier ihre Abendmahlzeit zu halten. Einige Arten gruben auch Wurzeln aus der Erde oder fraßen Kräuter, die meisten aber durchwühlten den Sand nach Krabben.
»So lebt überall auf Erden immer eine Art von dem Untergang der anderen,« sagte Holm, »die Natur aber sorgt für das trotzdem bestehende Gleichgewicht durch den Umstand, daß sich die Raubtiere in ihrer Anzahl zu den geraubten oder Pflanzenfressern wie eins zu sechs verhalten, und daß niedere Geschöpfe, z. B. Insekten, Kerbtiere, Muscheln und kleinere Fische in jedem Jahre nach Millionen neu entstehen, um einigen wenigen Verfolgern zur Nahrung zu dienen. Je wertloser das Einzelwesen, in desto größerer Menge ist es vertreten.«
»Wollen wir nicht jetzt, da doch leider keine Jagd mehr möglich ist, noch ein paar Vogelnester suchen?« fragte Franz. »Eine Eiersammlung möchte ich gar zu gern von dieser Reise mit nach Hause bringen.«
»Auch Nester habe ich entdeckt!« antwortete Holm. »Es wohnen hier herum ganze Scharen von Nashornvögeln, in jedem hohlen Baum wenigstens ein Pärchen.«
Man wanderte wieder bis unter die uralten Stämme zurück, und bald sah auch schon aus einem ganz kleinen, kaum handgroßen Loche der schöne, stolze Kopf eines Pfefferfressers hervor, während ein anderes großes und schöngezeichnetes Exemplar derselben Art dicht daneben saß, gleichsam Wache haltend und die Ankömmlinge mit seitwärts geneigtem Kopfe musternd, offenbar das Männchen der gefiederten Hausfrau, welche treulich im Nest ihre Eier behütete.
»Aber,« rief Hans, »wie ist nur der stattliche Vogel dort hineingekommen? Jetzt kann ja kaum mehr der Kopf hindurch!«
»Das möchte ich auch wissen, mein Herr Naturforscher!« fügte Doktor Bolten hinzu.
»So will ich das Rätsel einfach genug erklären!« lächelte Holm, indes Franz bereits den Baumstamm zu erklettern begann. »Wenn das Nest im Innern der geschützten Höhlung erbaut ist, und alles für den Empfang der Jungen vorbereitet, dann vermauert der Herr Papa höchsteigenschnäbelig und sonder Rücksicht den Zugang, so daß Mama nicht mehr heraus kann, sondern wohl oder übel brüten muß, bis die Jungen im Nest zirpen. Freilich soll er bei dieser Gelegenheit auch beweisen, daß ein guter Hausvater es versteht, die Seinen zu ernähren, und ist daher von früh bis spät thätig, um Pfefferkörner aufzusuchen, so daß verschiedene Naturforscher behaupten, er werde unter dieser doppelten Anstrengung mager wie ein Skelett und sitze zuweilen vor Mattigkeit schwankend auf den Zweigen. Erst wenn das Brütegeschäft vollendet ist, wird die Gefangene wieder in Freiheit gesetzt.«
»Ein schöner, stolzer Vogel!« meinte der Doktor. »Schade, daß wir ihn nicht schießen können. Dieser scheint noch keineswegs ermattet.«
»Ich will ihn fangen,« erklärte Franz. »Auf ein paar Schnabelhiebe kommt mir's weiter nicht an.«
Er hatte auch wirklich den Baumstamm bis zum Nest sehr bald erklettert, da aber erhob sich der Vogel und flog fort; es blieb also nur das eingesperrte Weibchen mit den Eiern. »Soll ich das Nest erobern?« fragte lachend der junge Wagehals.
»Greife hinein und sieh nach, ob Eier oder Junge darin sind,« antwortete Holm. »Ist ersteres der Fall, so gib mir ein Ei herunter.«
Franz begann, auf einem starken Aste stehend, das Gemäuer rings um den Zugang her zu zerbröckeln, aber nicht weiter als notwendig war, um die Hand hindurchzubringen, dann verband er dieselbe mit seinem Taschentuch und griff hinein. »Au!« schallte es den übrigen entgegen, »Au! -- Es sind Eier! -- Au, du boshafte Kröte! wahrhaftig -- da hast du eins, Karl! -- wahrhaftig bis aufs Blut gebissen.«
Er reichte ein Ei dem jungen Naturforscher, der es gegen das scheidende Sonnenlicht hielt und zu seiner Freude noch ganz unbebrütet fand. Es mochte erst gestern oder heute gelegt worden sein. »Kannst du den Vogel ergreifen, Franz?« fragte er. »Das wäre viel wert!«
»Ich will's versuchen!« rief der Knabe, »aber so leicht bekomme ich ihn nicht. Er beißt wie ein Papagei, -- Au du! -- Au!«
Holm lachte. »Das kommt mir vor wie jenes Rätsel: Es sieht aus wie eine Katze und miaut und schleicht wie eine Katze. Was ist es? -- Ein Kater. So ungefähr ergeht es dir im Augenblick mit dem Verwandten der Papageienfamilie. Erkennst du nicht an Kopf und Schnabel die Art?«
Franz streckte den Arm aus und brachte das an beiden Flügeln gefangene Tier zum Vorschein. »Ja,« seufzte er, »ich erkenne den Schnabel!«
Das klang komisch genug, um selbst ihn trotz seiner blutenden Wunden zum Lachen zu zwingen. Unter allgemeiner Heiterkeit wanderten die Eier in des jüngeren Knaben Strohhut, und dann trat unsere kleine Gesellschaft den Heimweg an. Holm trug an den Flügeln den gefangenen Vogel und machte Franz auf verschiedene Pflanzen aufmerksam, die auch eingesammelt wurden. Plötzlich machte Holm vor einem dichten Gebüsch aus dornigem Gestrüpp Halt und sagte: »Wir haben kein Gummi arabikum zum Kleben, jetzt ist die schönste Gelegenheit da, es zu besorgen.«
»Ich sehe aber keine Apotheke,« entgegnete Franz.
»Wir beziehen unsern Bedarf direkt, ohne Zwischenhändler. Hier dieses Gesträuch ist der arabische Schotendorn, eine Akazienart, die das Gummi ausschwitzt, wie bei uns die Kirschbäume.« Franz trat näher und fand an den Zweigen der Sträucher zahlreiche verhärtete Gummitropfen, die der Dornen wegen freilich mühsam zu sammeln waren. Es gelang ihm aber, Vorrat genug zu gewinnen. Mit Beute mancherlei Art erreichten sie das Negerdorf.
Was aber bisher im Walde unbemerkt geblieben, das zeigte sich jetzt: -- der verscheuchte Nashornvogel war seinem geraubten Weibchen von Stamm zu Stamm gefolgt. Selbst bis auf die Zweige der einzeln stehenden Bäume inmitten des Örtchens wagte er sich hinan.