Das Naturforscherschiff oder Fahrt der jungen Hamburger mit der "Hammonia" nach den Besitzungen ihres Vaters in der Südsee.

Part 44

Chapter 443,480 wordsPublic domain

Schweifend, ziellos wanderte von Schönheit zu Schönheit der entzückte Blick. Rauschender Hochwald im ewigen Blau beginnend und allmählich sich senkend, stufenweise vom hellsten bis zum dunkelsten Grün schattiert in tropischer wechselnder Fülle; darunter der Wasserfall und tiefer im Thal das Städtchen von fester Kaimauer umzogen, mit friedlichem Hafen, mit Kirchen und hohen ragenden Bauten, versteckt im Laubgrün, geschmückt mit bunten Wimpeln wie mit großen, leuchtenden, weithin sichtbaren Blumen im Kranze. Allen voran wehte von hoher Stange an einem weißen Hause unweit des Hafens die hamburgische Flagge -- rotweiß in heller Pracht glänzten die heimatlichen Farben den Augen der Näherkommenden entgegen; jetzt wurden am Kai auch Menschen sichtbar, der Kapitän begrüßte mit drei Kanonenschüssen die Kolonie seines Chefs, und von einem anderen im Hafen liegenden Dampfer schallte Antwort zurück. Auch das war ein Gottfriedsches Schiff, dessen Steuermann die »Hammonia« erkannte und zur Bewillkommnung derselben ein Boot ausschickte.

Deutsche Worte schallten herauf; hier und da feierten zwei Matrosen ein Wiedersehen; am Strande hatten sich auf die erste Nachricht vom Eintreffen des Naturforscherschiffes auch schon mehrere Angestellte des Gottfriedschen Hauses eingefunden, und bald sahen sich die Weltumsegler von Bekannten umringt, hörten die jungen Leute Worte des Erstaunens wie: »Ist das Hans? Unmöglich! Nur seine Augen sind's, der blasse Junge ist ja ein brauner Jüngling geworden!« -- oder: »Herr Franz, darf man noch du sagen? Sie sind wahrhaftig dem Herrn Papa über den Kopf gewachsen!«

»Und das ist der Hova mit dem unmöglichen Namen!« rief ein dritter, dem verlegenen Malagaschen kräftig die Hand schüttelnd. »Willkommen, junger Herr, Sie werden finden, daß man in Hamburg bestens für Ihre Zukunft gesorgt hat. Bleiben Sie bei uns oder gehen Sie mit nach Europa?«

So schwirrte es durch einander, und während dessen waren die Reisenden ausgeschifft und ans Land gestiegen. Die Packhäuser, welche sich hier stattlich und gedehnt den Blicken zeigten, bildeten gleich einen Teil des Gottfriedschen Eigentums, und eine Menge von farbigen Arbeitern ließ den Umfang des Geschäftsbetriebes erkennen. In helle, leichte Stoffe gekleidet, Strohhüte auf den Köpfen und mit dem Wesen zivilisierter Menschen gingen hier mehr als hundert Polynesier aus und ein, Fässer und Ballen rollend, Wagen abladend oder an Neubauten arbeitend, kurz alles verriet das fröhliche Wachsen der Kultur, den Aufschwung, welchen die Verhältnisse der Insel, sämtlichen anderen voran, dauernd nahmen.

Man konnte glauben, sich in einer kleinen deutschen Stadt zu befinden. Überall Läden, hübsche Wohnhäuser, gut erhaltene Straßen und Fuhrwerke, nette Gasthöfe und größte Sauberkeit der Bewohner. Die jungen Leute bezogen Zimmer in dem großen Verwaltungsgebäude ihres Vaters und wurden von den Familien seiner Angestellten natürlich wie liebe Freunde aufgenommen. Einer derselben hatte sich vor Jahr und Tag eine junge Hamburgerin nach Opolu heimgeholt, und in eben dieser liebenswürdigen Wirtin erkannten die Gottfrieds eine ehemalige Schulgenossin von der Fibelzeit her; man feierte mit deutschem Wein und deutschem Händedruck das Wiedersehen, dem dann eine tüchtige, nach Hamburger Art bereitete Mahlzeit folgte; die Gäste kamen gar nicht zu sich, da doch auch so viele Briefe gelesen werden mußten, da hier und da ein deutscher Landsmann einsprach, um die Weitgewanderten, Langerwarteten zu begrüßen; kurz, der Tag hätte doppelt so lang sein können und wäre doch für alle diese verschiedenen angenehmen und erfreuenden Eindrücke noch nicht lang genug gewesen.

Erst am folgenden Morgen gewannen unsere Freunde Zeit, ein wenig Umschau zu halten. Sie hatten in einem mit allen Bequemlichkeiten des verfeinerten Daseins ausgestatteten Zimmer geschlafen, hatten Kaffee und frisches Brot gefrühstückt, auch die heutige Nummer des »Samoan-Reporter« dazu erhalten, mit einem Wort, sie fühlten sich, wie Franz lachend behauptete, unterwegs zur fast eingebüßten Ordnung zivilisierter Menschen; sie wollten sogar nach jahrelanger Entsagung heute, als an einem Sonntag, die Kirche besuchen und standen am Fenster, um den Strom der Vorübergehenden zu beobachten.

»Alle Welt scheint diesem Gottesdienst beiwohnen zu wollen,« sagte Franz. »Man sieht vornehm und gering in seinen besten Kleidern, -- herrscht hier ein so religiöser Sinn, Herr Frank?«

Der Buchhalter schüttelte den Kopf. »Es ist sonst leider nicht immer so, Herr Gottfried, -- aber heute, wissen Sie, da will im nationalen Gefühl kein Deutscher und aus Neugier kein Amerikaner oder Eingeborner gefehlt haben.«

Franz sah ihn an. »Heute? -- Warum gerade heute mehr als sonst?«

Der Buchhalter schlug sich vor die Stirn. »Ja du lieber Gott, Sie kommen direkt aus der Wildnis und können daher nicht wissen, was inzwischen die zivilisierte Welt aller Länder in Abscheu und Entrüstung versetzt hat. So hören Sie denn, Herr Gottfried! Auf unseren ehrwürdigen, alten Kaiser ist kürzlich von zwei Verbrechern nach einander geschossen worden, während er wie gewöhnlich ohne Begleitung und im offenen Wagen in Berlin unter den Linden spazieren fuhr. Der erste Meuchelmörder, ein verkommenes Subjekt von Hause aus, traf glücklicherweise die Person Seiner Majestät gar nicht, der zweite aber verletzte den einundachtzigjährigen Greis durch nicht weniger als dreißig Schrotkörner, die an den verschiedensten Stellen des Körpers eindrangen, freilich ohne das Leben ernstlich zu gefährden. Für diese so überaus glückliche zweimalige Rettung des Monarchen ist in ganz Deutschland ein Dankgottesdienst abgehalten worden und wird jetzt auf Anregung mehrere hier lebender Deutscher auch in Apia abgehalten werden. Deshalb sehen Sie die ganze Bevölkerung unterwegs.«

Franz eilte in sprachloser Entrüstung zu den übrigen, die er schon unterrichtet fand, und die alle wie er selbst sich freuten, hier zur rechten Zeit eingetroffen zu sein, um an einer so tief empfundenen nationalen Feier teilzunehmen. Als die jungen Leute auf der Straße erschienen, wurde ein Flüstern und heimliches Bezeichnen bemerkbar; offenbar wußte schon jedermann, wer sie waren, und mancher Blick ruhte wohlgefällig auf den schlanken, hübschen Gestalten.

Der erste Gottesdienst nach jahrelanger Entbehrung erhielt für unsere Freunde noch seine besondere Weihe durch das Dankgebet für die glückliche Errettung des Kaisers, mit welchem heute der Geistliche seine Predigt eröffnete und dem sich die aus dem Herzen kommende Fürbitte unmittelbar anschloß. Das Vaterlandsgefühl der am anderen Ende der Erde lebenden Deutschen wurde so mächtig erregt, daß manches Auge in feuchtem Schimmer glänzte und daß sich jeder einzelne eben so sehr und eben so innig als Unterthan des beleidigten Heldenkaisers fühlte, wie dies nur immer in Berlin, in seiner nächsten Umgebung der Fall gewesen sein konnte. Auch auf der fernen Insel des Stillen Meeres waren und blieben sie Deutsche, auch unter fremden Völkern lebend bewahrten sie die Liebe zu Kaiser und Reich, das empfanden alle, das gestaltete sich während dieser erhebenden Feier in vielen Herzen zu einem Entschluß, dem die beiden Brüder Gottfried nach beendetem Gottesdienst zuerst Worte liehen. Aus Apia mußte eine Adresse an den Kaiser abgesandt werden und alle Deutschen mußten sie unterschreiben.

Die Idee fand ungeteilten Beifall. Noch selbigen Tages entwarf Doktor Bolten das Schriftstück, von dem schon in der ganzen Stadt gesprochen wurde und das der Kontordiener allen Deutschen ins Haus tragen sollte. Franz war der Held des Tages geworden, ehe er selbst es wußte.

Nachmittags wurde der erste Spaziergang unternommen. Heute als am Sonntag arbeitete natürlich niemand, aber desto reger gestaltete sich das Treiben der Eingebornen, ihre Spiele, ihre Jagd, selbst die Art und Weise wie sie Vorräte für das Haus sammelten. Weiterhin im Rücken der deutschen Niederlassung lag ein Arbeiterdorf, dessen Hütten, kreisrund mit spitz zulaufendem Dache, eng an einander gedrängt, großen Bienenkörben glichen. Hier war alt und jung in Bewegung zum Strande hinab, es wurden Messer und Körbe, Kochtöpfe und große Stangen aus den Häusern hervorgeholt, die Männer trugen zu zweien ihre, einen halben Meter breiten und bis zu siebzehn Meter langen Kähne, an deren Seiten aus Zähnen sehr hübsche Verzierungen angebracht waren, kurz, alles schien einem besonderen Vergnügen, einer aufregenden Thätigkeit entgegenzugehen.

»Was haben die Leute?« fragte Franz.

»Wahrscheinlich sind an der Küste Haifische gesehen worden,« versetzte ihr Begleiter. »Sie gehen ins Wasser, um dieselben zu fangen.«

»Aber doch nicht die Frauen, die Kinder?«

»Ebensowohl diese. Wir werden es ja gleich sehen.«

Unsere Freunde folgten dem Zuge und so kamen alle hinab an den Strand, wo heute die Sonne auf sehr stille, regungslose Wasserfluten brannte, wo aber gerade aus diesem Grunde der Fischfang bestens bewerkstelligt werden konnte.

Doktor Bolten wandte sich an den Kommis, der als Führer die kleine Expedition leitete. »Aber sagen Sie mir, lieber Freund, woher kommen die vielen preußischen Infanterieuniformen hier auf der Südseeinsel? Jeden Augenblick taucht so ein zerschlissenes, zerfetztes Gewand aus den Büschen am Wege auf.«

Der junge Hamburger lächelte. »Das sind die Kleider, welche wir den ganz Wilden der Kingsmillinseln geben, wenn diese zuerst, nur mit einem Grasgürtel bekleidet, hierherkommen, um in unseren Faktoreien Arbeit zu suchen. Sie kennen weder den Begriff des geordneten Staatswesens, noch den des Anstandes, aber eben darum suchen wir sie zu gewinnen. Wer drei Jahre lang unter Christen als arbeitender und verdienender Mensch lebte, den gelüstet es nicht mehr, wieder in den Urzustand zurückzukehren.«

Franz sah mit stolzem Blick umher. »Und das alles schuf mein Vater!« sagte er. »Tausende verdanken ihm Glück und Wohlstand.«

»Weil er ein so ganz ausgezeichneter Kaufmann ist, ja!«

Franz errötete. »Hm, hm,« sagte er. »Wer weiß, was noch geschieht.«

Der Strand war jetzt erreicht und die Samoaner in ihren hellfarbigen Kleidern schoben die Boote ins tiefere Fahrwasser. Die hübschen, vielfach geschnitzten Ruder wurden eingelegt und nun fuhren mehrere Männer, zu drei in einem Kahne, etwas weiter hinaus bis in den Schatten der vorspringenden Klippen; hier banden sie ein Stück Fleisch an ein langes starkes Seil und ließen dann dasselbe ins Wasser sinken. Frauen und Kinder standen noch am Strande, die Fischer beobachteten gespannten Blickes das Geheimnis der dunkeln Tiefe da unten.

Plötzlich gab einer ein Zeichen. »Der Hai!«

Aber das große Tier, satt und im Halbschlummer des Verdauens begriffen, regte sich nicht, ob auch der verlockende Bissen gerade vor seiner Nase auf- und abhüpfte. Die Samoaner berührten sogar mit dem Fleische das sonst so gefräßige Maul, -- umsonst, der Koloß blinzelte nicht einmal.

Einer der Fischer klatschte in die Hände und auf dieses Signal hin geschah etwas, das unsere Freunde im ersten Augenblick erschreckte. Wie von einem einzigen Gedanken erfüllt, sprangen alle zugleich in das Wasser, junge Bursche, Frauen mit Säuglingen auf den Armen, selbst Kinder in einem so jugendlichen Alter, daß sie kaum fähig schienen, auf festem Boden allein zu gehen und zu stehen, -- jede Stimme schrie, sämtliche Hände klatschten, sämtliche Füße stampften und strampelten, das Wasser wurde aufgewühlt, Steine hineingeschleudert und alles Mögliche gethan, um es in immer größere Bewegung zu bringen. Die am weitesten vorgedrungenen Frauen schwammen bereits in der tieferen Flut; oft mit einem Arme rudernd, ballten sie die andere Hand zur Faust und von allen Lippen zugleich brach ein Strom solcher Laute, die sich dem Zuhörer, ob er der Sprache mächtig sei oder nicht, doch sogleich als Schimpfreden kennzeichnen. Die Frauen schrieen, schlugen mit der flachen Hand auf das Wasser, sprangen und hüpften, kurz, sie vollführten, während sich die Männer in den Booten ganz unthätig verhielten, einen wahren Höllenlärm.

Unsre Freunde lachten. »Das ist die Herausforderung für den Hai,« meinte Holm. »Ob er den Kampf annimmt?«

Es schien nicht so. Nachdem der Spektakel etwa eine Viertelstunde lang angedauert hatte, veränderten die Fischer ihre Taktik. Jetzt mußten sich Frauen und Kinder auf das feste Land zurückziehen, wogegen einer der Männer, ein besonders kühnblickender, hochgewachsener Häuptling, im Boote stehend die Jacke abwarf und mit flach zusammengelegten Händen kopfüber in die Tiefe hinabschoß.

»Der will den Hai mit bloßen Fäusten angreifen!« rief Franz.

»Er streichelt ihm die Schnauze. Sehen Sie, Herr Gottfried, dort verläßt noch ein zweiter den Kahn.«

»Und der hat vorher eine Schlinge geknotet!«

»Die er im gegebenen Augenblick um den Schwanz des Fisches legt!«

»Mein Gott, wie ist es möglich!«

Beide Taucher waren jetzt unsichtbar, die Handlung bewegte sich unter dem Spiegel des wieder ruhig gewordenen Wassers, ängstliche Spannung hatte alle Gemüter erfaßt, -- was würde folgen?

Da erschien mit jähem Schwung der Häuptling wieder an der Oberfläche; etwas weiter hin rauschte das Wasser, als hebe ein Erdbeben die blauen beweglichen Fluten mit zwingender Gewalt hoch empor; auch der zweite Samoaner sprang in sein Boot, aber beide muskulöse Arme hielten dabei die Schlinge, er zog etwas Schweres nach sich, er arbeitete aus allen Kräften -- --

»Der Hai! Der Hai!«

Zehn andere Fahrzeuge ruderten hinzu, ärger und ärger wurde unter dem Wasser das verzweifelte Ringen, zwanzig, fünfzig nackte Arme zogen und zogen, Frauen und Kinder jubelten laut, langsam näherten sich die Fahrzeuge dem Strande und als die tollkühnen Männer heraussprangen, da konnten sie den wehrlosen, überwältigten Gegner im Verein mit allem, was Hände hatte, an den armdicken Seilen aus Kokosfasern aufs Trockene ziehen.

Ein stattlicher Kerl mit wahrhaft furchtbaren Zähnen und weitgeöffnetem, schauderhaften Rachen, wohl der aufgewendeten Mühe wert. Aber jetzt wurde er auch gespalten, zerschnitten und zerhackt, daß bald die Küste einem blutbedeckten Schlachtfelde glich, Frauen und Männer schleppten eifrig ihre Beute in Körben und Töpfen davon, während das beste am ganzen Tier, das sogenannte »Beefsteak« gleich an Ort und Stelle gebraten und mit den Früchten des Urubaumes als Festmahl verzehrt wurde.

Die Samoaner, gastfrei wie vielleicht kein anderes Volk, liebenswürdig und zuvorkommend, boten den Weißen sowohl die besten Bissen als auch die besten Plätze und so speisten denn unsre jungen Freunde zum erstenmale die zwischen zwei heißen Steinen gebackenen, in Scheiben zerschnittenen Früchte des Urubaumes, welche dem besten Weißbrot an Wohlgeschmack nichts nachgeben.

Überall fanden sich indessen bei den Eingebornen sowohl Messer, Gabeln und Löffel, als auch saubere Blechteller, sie waren keine Wilden mehr, diese hübschen, hellfarbigen Ozeanier, freilich noch Naturkinder im verwegensten Sinne des Wortes, aber doch gesittet und anständig. Auf den Häuptling, der in das Wasser gesprungen war, um einen Haifisch am Kopf zu packen, deutete der Begleiter der Reisenden ganz besonders. »Es ist einer unsrer tüchtigsten Aufseher, beliebt bei seinen Landsleuten und bei uns. Wir schicken gerade diesen Mann hinüber nach den Kingsmillinseln, wenn es gilt, Arbeiter zu werben. Furchtlos wie ein Löwe, geht er dort in die Wälder und hält förmliche Predigten, natürlich spricht er auf seine Weise auch deutsch, d. h. ohne unser R, von welchem die polynesische Mundart nichts weiß.«

»Johannes!« rief er gleichzeitig dem herkulischen Manne zu: »Sag einmal: Preußen!«

Der Samoaner lächelte: »Polusia!« antwortete er.

Unter den Kindern entstand ein Flüstern. Sie waren jedenfalls in der Kultur schon weit genug vorgeschritten, um den Begriff eines Trinkgeldes zu kennen, denn verschiedene der Kecksten drängten sich vor und erzählten, daß sie auch was könnten, Lesen, Beten, Schreiben und allerlei nützliche Dinge. »Ich weiß, wie dein Häuptling heißt«, sagte ein zierliches, kleines Mädchen von acht Jahren: »Kaisa o Simiani!«

Franz amüsierte sich köstlich. »Simiani?« wiederholte er zweifelnd.

»^Germany!^« erläuterte der Buchhalter. »Komm einmal her, kleines Ding, zeige, daß du lesen kannst!«

Er zog ein Zeitungsblatt aus der Tasche und hielt es dem Kinde vor das Gesicht. Ganz wie ein deutsches Schulmädchen von gleichem Alter las die kleine Samoanerin den Satz, welchen ihr seine Finger bezeichneten. Daß dabei Kleidchen und Haar noch um die Wette trieften, kam weiter nicht in Betracht; Wasser und Luft und Wind, alles ist auf jenen glücklichen Inseln warm und schmeichelnd, -- man genießt ohne Furcht vor der Zukunft, man ist gesund und daher froh.

Alles Geld aus den Taschen der Reisenden wanderte in die Hände der Kinder, welche den Fremden treuherzig das Geleite gaben. Franz war sehr still geworden, unterwegs winkte er seinem Bruder. »Du, Hans, mir kam vorhin ein Gedanke, über den ich mit dem Vetter doch noch sprechen möchte! -- Wenn Deutschland auch in die Wälder von Ceylon seine Boten senden würde, wenn _wir_, ja, Hans, _wir_, mit dem Häuptling Tippoo eine Handelsverbindung anknüpfen könnten, die das Licht der Zivilisation zu den baumbewohnenden Singhalesen trüge und allgemach ihrem Schlangenkultus, ihren heiligen Feigenbäumen und den Skorpionen im Dache gründlich den Garaus machen müßte, -- wie schön wäre das!«

»Und die Veddas ohne Kleider und Wohnungen, die armen vertierten Veddas könnten dann die Stelle der Kingsmillinsulaner einnehmen, könnten auch allmählich aus bloßen, lebenden Wesen wirkliche Menschen werden.«

»Nicht wahr? -- Du, Hans, es ist doch schön, ein großer Kaufmann zu sein, ein Apostel der Kultur und Gesittung. Was hat unser Vater hier alles erschaffen! und für alle, alle Zeit, jedem Wechsel gegenüber!«

Sie drückten sich stumm die Hände und als später am Abend die ausgesuchte Gesellschaft von Apia sich in den großen Räumen der Gottfriedschen Faktorei gastlich zusammenfand, da konnten diese beiden, aus Hamburg als Knaben fortgegangenen jungen Leute die Honneurs ihres Hauses mit stolzer Freude machen. Daß das deutsche Element auf den Samoainseln so entschieden vorherrscht, daß deutsche Biederkeit und Treue aus den wilden, von Krankheit und beständigen Bruderkriegen zerrissnen Völkerschaften zufriedene, arbeitende Menschen erschuf, -- ihr Vater hatte das alles ins Leben gerufen.

Franzosen, Engländer und Amerikaner fanden sich in den Sälen vereint, aber weitaus die meisten Gäste waren Deutsche, denen auch die Insel ihre Schulen, ihren Arzt und eine segensreich wirkende Krankenkasse verdankte. Der erste Toast galt wie immer dem erlauchten Kaiserlichen Hause, der zweite dem Vaterlande, dem teuren, geliebten.

Als die Sterne hell vom Himmel strahlten, entwickelte sich draußen unter den Fenstern im Mondschein ein reges Durcheinander. Die Arbeiter der Gottfriedschen Faktoreien, unter Führung des Häuptlings, den der Buchhalter Johannes nannte, vollführten zum Vergnügen der Fremden einen ihrer Nationaltänze, wie sie trotz Arbeit und Gesittung bei den harmlosen Naturkindern immer noch sehr beliebt sind. Es mochten etwa sechs Anführer beisammen sein, jeder begleitet von zwei Narren, die dort als unerläßliches Gefolge des vornehmen Häuptlings gelten. Diese beiden jungen Männer trugen Anzüge von allen erdenklichen Farben, bald mit Federn, bald mit Stroh, Fasern und Zahnreihen geschmückt, in den Händen hielten sie Stöcke, die Gesichter waren unter schauderhaften, grob angestrichenen Masken versteckt, sie gebärdeten sich absichtlich wie Tollhäusler. Was irgend einer der Tänzer unternahm, das suchten sie zu vereiteln; was er ausführte, das ahmten sie in possenhafter Weise nach, am meisten die Musik, welche lediglich aus einem ohrenzerreißenden Trommeln bestand. Ein zwei Meter langer Block war ausgehöhlt, darauf wurde sonder Takt oder auch nur Übereinstimmung der Musiker mit derben Stöcken geschlagen, erst langsam, während sich die Tänzer langsam drehten, dann toller und immer toller, bis die ganze Menge raste, daß der Schweiß von allen Stirnen troff.

Nach diesem Tanze kam das Kriegsspiel, bei dem unsere Reisenden eine Waffe kennen lernten, die ihnen vorher unter keiner wilden Völkerschaft begegnet war, Handschuhe nämlich, grobe, plumpe Fausthandschuhe aus Kokosfasern mit einer inwendig befestigten Doppelreihe von Haifischzähnen.

Die beiden scheinbar feindlichen Parteien stellten sich einander gegenüber, während auch hier die seltsame Trommel mit Einzelschlägen das ganze Spiel begleitete und nun that jeder Mann ohne Verabredung das, was ihm als das Beleidigendste, als die ärgste Herausforderung erschien, zum Teil Dinge, wie wir sie nur bei kleinen Kindern zu bemerken gewohnt sind. Natürlich schrieen und kreischten alle ohne Ausnahme, dann aber warfen sich einige zu Boden, um wie die Katzen oder Füchse aus dem Hinterhalt den Feind zu beschleichen, andre streckten die Zungen hervor, ballten die Fäuste, schüttelten die schweren, geschnitzten Keulen oder schlugen geradeswegs Purzelbäume, während sich ihre Häuptlinge nur durch Worte herausforderten, ohne der Würde des höheren Standes das Geringste zu vergeben.

Nach Schluß dieser lärmenden Feierlichkeit folgte ein Schmaus, der indessen auf keine Weise in ein Trinkgelage ausartete.

»Und in Wirklichkeit kommt solcher Kampf, solche Herausforderung niemals vor?« fragte Franz.

»Auf den Samoainseln wenigstens nicht. Es gibt hier in den fernen Gebirgsthälern allerdings noch einige hundert Eingeborne, die weder arbeiten noch zum Christentum bekehrt sind, aber diese bilden eine so kleine, in sich uneinige Gruppe, daß sie keinen Einfluß mehr besitzen. Europäische Waffen und europäisches Hausgerät findet sich auch bei ihnen.«

»Aber sie haben noch ihre eignen Gesetze und betreiben nach wie vor Götzendienst.«

»Dann wollen wir sie jedenfalls aufsuchen!«

Das war ohnehin beschlossene Sache und nach etwa vierzehn Tagen vollkommensten Ausruhens machte sich die kleine Karawane wieder auf den Weg, um auch die letzte Entdeckungsfahrt dieser Reise würdig zu beenden.

Meilenweit ins Innere hinein erstreckten sich freilich zunächst die Arbeitshöfe der Faktoreien, in denen Kokoskerne zerschnitten, getrocknet und dann als Kopra auf Wagen geladen und zum Ufer befördert wurden, um erst in Deutschland ihrer Verwandlung zu Palmöl, Schmiere und jenem wertvollen Viehfutter aus den Überresten entgegenzugehen. Tausend und abertausend Nüsse lagen in den weiten Räumen aufgestapelt, die eingebornen Arbeiter sangen und lachten, Scharen von Frauen sammelten die kostbaren Fasern und banden dieselbe in feste Packen, oder flochten gleich an Ort und Stelle Matten, Treppenläufer, Fußdecken, Körbe und Taue, die für den Handel nach Europa bestimmt waren, während selbst Kinder und Greise noch Gelegenheit fanden, sich in irgend einer Weise nützlich zu machen und immerhin einige Pfennige zu verdienen, die dann angeschrieben und bei dem Austausch der Arbeitslöhne gegen die Erzeugnisse deutscher Industrie verrechnet wurden.

Aus diesem heiteren, fast ganz unter dem blauen Himmelszelt sich entwickelnden Fabriktreiben führte der Weg in die eigentlichen Wälder, wo sich Plantage an Plantage aus dem Gewirre der tausendfältig wildwachsenden Farne, Orchideen und Bananen erhob. Immer eine junge Kokospalme und eine Baumwollenstaude standen friedlich bei einander, damit, wie der eingeborne Führer erklärte, die letztere so lange Ertrag gebe, bis erstere Frucht trägt, was erst nach sechs Jahren geschieht; dann stirbt die Baumwolle ab. Unabsehbar dehnten sich in jedem Alter der Anpflanzung die jungen Stämme, es folgten aber neben dieser Hauptsache auch Felder mit Kaffee, Vanille und sogar Thee, bis zuletzt die ursprüngliche Wildnis wieder aus jedem Fußbreit der Umgebung hervorsah.