Part 43
Er zielte und schoß den Turban vom Kopf des Wilden, der vor Schreck tauchte und erst nach einer Minute in ziemlicher Entfernung wieder zum Vorschein kam. Die Weißen begrüßten mit lautem Hurra den allgemeinen Rückzug des farbigen Rachekorps um so mehr, als jetzt auch der Dampfer in Sicht kam und zum Zeichen des Erkennens einen langhallenden Kanonenschuß über das Meer dahinsandte. Die Antwort wurde mittels hochgeschwungener Taschentücher und Hüte gegeben, nur Rua-Roa konnte nichts dergleichen schwenken, weil er bei seiner Pfadfinderexpedition alles von sich geworfen hatte und ganz als Wilder den Doppelkahn regierte. Die Matrosen fischten indessen glücklich den Turban des Fidschianers und überreichten ihm diesen, der nun tröpfelnd vom Kopf bis zur Kniebeuge herabhing; es war eine Szene ausgelassener, nach dem überstandenen Schrecken um desto lebhafter hervortretender Heiterkeit, die gerade durch den ohnmächtigen Zorn der Eingebornen ihre höchste Würze erhielt. Während diese in großen Sprüngen am Ufer den Weg der Boote begleiteten, und während das Schiff in langsamer Majestät den heimkehrenden Reisegenossen entgegenkam, berieten die Führer, was mit den Booten der Wilden zu machen sei.
»Wir überlassen sie ihrem Schicksal,« meinte Holm.
Hans protestierte. »Das dürfen wir nicht, Karl. Auch Kannibaleneigentum ist heilig.«
»Aber wie wolltest du es denn einrichten, mein Lieber?«
»Wir binden die Kähne wie einen Rattenkönig zusammen,« versetzte der junge Mann. »In unser eigenes Boot steigen sodann sechs Mann mit geladenen Gewehren, die das ganze kleine Geschwader an Land bringen, wenigstens bis an das äußere Riff. Die Wilden werden unter der unmittelbaren Gefahr der Bleikugeln keinen Angriff wagen.«
Doktor Bolten stimmte ihm bei. »Hans hat recht,« entschied er. »Gerade die menschlichen Bestien, welche im Begriff waren, ihrem Nächsten das Leben zu stehlen, gerade diese müssen sehen, daß wir die Besitzrechte anderer respektieren.«
Der Malagasche schüttelte den Kopf. »Diesen Kahn und die Ruder und sämtliche Waffen behalte ich!« sagte er keck. »Sie sollen in das Museum in Hamburg.«
Der Kapitän lachte. »Nun gut,« warf er ein, »so wollen wir die Sache ausgleichen. Durch das große Boot von der »Eintracht« haben wir ein solches zu viel an Bord, das mag mit einigen anderen Geschenken den Wilden in Tausch gegeben werden, nicht wahr? Sie besitzen dann ein Erinnerungszeichen an den Tag des verunglückten Menschenopfers.«
»Und wir haben einen höchst interessanten Doppelkahn von Viti-Levu nebst Wurfwaffen aus Holz mit Menschenknochen!« rief der junge Gelehrte, jetzt erst die erbeuteten Spieße genauer betrachtend. »Ich kenne sie freilich schon aus verschiedenen Sammlungen, aber diese hier sind ganz besonders schön.«
Er zeigte den übrigen die langen, aus steinhartem Holz gefertigten, braun gebeizten und in schauerlicher Weise verzierten Speere. Nach oben rund und kolbenartig zulaufend, hatten mehrere ein strahlenförmig befestigtes Bündel von Knochensplittern, deren mittlere fußlang und die äußeren von Reihe zu Reihe etwas kürzer waren, während andere platt und länglich an beiden Seiten eingelassene Zähne zeigten: alles schwere Waffen, die den einmal Getroffenen unfehlbar töten mußten.
Der Dampfer war unterdes herangekommen, die Reisenden gingen an Bord und ließen nur so viele Matrosen, als zur Befestigung der Kähne notwendig waren, einstweilen unten. Im Boot der »Hammonia« brachten dann zehn Bewaffnete, die Kugelbüchsen beständig im Anschlag, sämtliche Fahrzeuge mit Einschluß des vertauschten an Land, ohne daß die Wilden irgend eine Feindseligkeit gewagt hätten. Als ihre Kähne von den Weißen verlassen waren, fielen sie wie ein Bienenschwarm darüber her; das fremde Fahrzeug schien sogleich ein Gegenstand erbitterten Streites zu werden, ja, ehe noch der Dampfer die hohe See gewonnen hatte, rauften sie sich schon untereinander auf das lebhafteste.
Jetzt erst, nachdem die Gefahr vorüber und völlige Sicherheit zurückgekehrt war, kam es zwischen den Geretteten und ihren Rettern zu Mitteilungen. Rua-Roa blieb der Held des Tages, obgleich ihm Holm lächelnd riet, den zivilisierten Menschen wieder anzuziehen; er erzählte, daß im Dorf die Weiber und Kinder ihn für einen bösen Geist gehalten haben müßten, da sie bei seinem Erscheinen mit dem Gesicht auf den Fußboden gefallen und vor Schreck liegen geblieben seien, jetzt aber schien er sich doch seines früheren Rausches einigermaßen ungern zu erinnern und schlüpfte eilends in die Kajütte, um Toilette zu machen.
Der Kapitän der »Eintracht« berichtete, daß er von Bremen nach Lewuka, der Hauptstadt von Viti-Levu, bestimmt gewesen und daß er mit seinen Leuten die brennende Bark habe verlassen müssen, um nur das nackte Leben zu retten. Vom Erd- oder besser gesagt vom Seebeben hatte er nichts bemerkt, sondern nur von dem heftigen Gewitter, dessen erster Schlag den Großmast zersplitterte und das ganze Schiff in Brand setzte; er erzählte, daß ihn und die Seinen jene räuberischen Wilden nach einer unter allen Qualen des Durstes im Walde vollbrachten Nacht am heutigen Morgen aufgegriffen und zum Opfer bestimmt hätten, daß man ihnen keinerlei Nahrung gereicht und sie gänzlich ausgeplündert. Trauringe, Taschenmesser, Portemonnaies, Schlüssel, Taschenbücher, ja sogar die Papiere des verbrannten Schiffes, alles war in den Händen der Fidschianer geblieben.
Man beschloß daher, Lewuka anzulaufen und hier die Geretteten den zuständigen Behörden unter Mitteilung aller Einzelheiten ihrer Auffindung zu überliefern; das paßte auch Holm und den jungen Leuten gut, da sie bei der schleunigen Flucht aus dem Walde auf jede Ausbeute für ihre wissenschaftlichen Zwecke hatten verzichten müssen. Als das Schiff nach wenigen Tagen den sicheren, hübschen Hafen erreicht hatte, als auf derselben Insel, die in ihrem entlegenen, bergigen Innern noch Kannibalen beherbergte, jetzt eine elegante Stadt mit schönen Gebäuden und glänzenden Läden sich zeigte, da begriffen sie kaum, wie auf verhältnismäßig so engem Raume solche Gegensätze nebeneinander bestehen konnten. Hier ließ sich ein Ausflug in die nächste Umgebung ohne alle Gefahr wagen, nur ein paar Eingeborne wurden mitgenommen, um als Lastträger zu dienen.
Wie schön war die Landschaft ringsumher! Wie belebt von großen Schmetterlingen, von Riesenspinnen, Skolopendren und Käfern, von Tauben, Drosseln und Kakadus. Auf einer grünen Ebene sahen unsere Freunde sogar Termitenbauten, die Holm als bewohnt erkannte. Diesen Fund wollte er sich natürlich nicht entgehen lassen. Es wurde Halt gemacht und man bearbeitete mit kurzen Beilen die Hügel so lange, bis der innerste Mittelpunkt derselben, die Wohnung der Königin, den Blicken bloßgelegt war. Ein Geschöpf, so seltsam wie kein anderes, kam zum Vorschein, das Termitenweibchen mit dem zum unförmlichen Sack verlängerten Hinterkörper der Tausende von Eiern barg und wenigstens viermal so groß erschien als das Tier selbst. Nachdem unsere Freunde diesen Fang in Sicherheit gebracht, verließen sie das Termitendorf, um nicht mit den Bewohnern desselben in Konflikt zu geraten. Noch wurden große Fruchttauben, schwarze Glanzstare und viele andere Tiere erlegt, auch eine grün und rot gefleckte große Wanzenart.
Fünfzehntes Kapitel.
Nach mehrtägigem Aufenthalt, nach beglückendem Stillleben inmitten der abenteuerreichen Reise wurde die Fahrt nach den Samoa- oder Schifferinseln fortgesetzt, zunächst nach Tutuila, einem schönen Garten gewissermaßen, wo die Eingebornen, nackte, hellfarbige Polynesier, in regelrecht gebauten Dörfern lebten und sowohl Landwirtschaft als Viehzucht betrieben, obgleich ihnen Schafe, Ziegen, Hunde und Schweine erst aus den Kulturländern zugeführt worden waren. In den dichten Palmenhainen standen unter grünem Blätterdach die hübschen, runden Hütten, neben denen Ställe aus Bambus, Vorratsschuppen und wohlgepflegte Gärten das Auge angenehm berührten. Wo sich offene Stellen zeigten, da waren Yams, Taro, süße Kartoffeln oder Gemüse und Gewürze angebaut, während in den Wäldern die aus Steinen errichteten Feuerstellen durch ihre reichliche Asche verrieten, daß unablässig Palmöl gekocht wurde. Alle diese gutmütigen Menschen schienen große Freunde von Tieren, namentlich Geflügel, das in ganzen Massen jeden Hausstand belebte. Scharen stolzer Hühner, Pfauen, Tauben und Fasanen bewohnten den Hof, Papageien, zahm wie bei uns, hingen in Holzkäfigen, und allerlei Singvögel schmetterten lustig vom Dach herab.
Obgleich die Eingebornen meistens nur mit dem Gürtel einhergingen, so gab es doch für sie auch einen Staatsanzug, der bei festlichen Gelegenheiten übergeworfen wurde, und der bei den Männern aus einem Gewand von den Blättern der Drauma, bei den Frauen aus einem Mantel von weißem Faserwerk bestand. Eines Morgens erschienen sie sämtlich in diesem Kostüme; durch die Dorfstraße ging ein Mann mit einem großen, hohlen Holzklotz, auf dessen Boden er mit zwei Stöcken taktmäßig schlug und dadurch die Reisegefährten auf etwas Außergewöhnliches vorbereitete.
Sie wohnten hier für die Tage ihres Besuches mitten unter den Eingebornen, schliefen auf Matten aus feinem Flaum, aßen die bescheidenen Gerichte außer dem auch hier beliebten Palolo und sammelten ebensowohl die verschiedenen Arten vulkanischen Gesteins als der einzelnen kleineren Pflanzenformen und Insekten, -- jetzt aber war alles das vergessen. Schleunigst folgten sie dem Trommler zu einer mäßigen Anhöhe vor dem Dorfe, wo bereits der Häuptling mit seinem Hofnarren Platz genommen hatte, und wo sich junge Mädchen und Burschen mit dem beliebten Ballspiel unterhielten.
Aller Köpfe schmückten granatrote und weiße Blüten; die Männer hatten sich durch an Brust und Rücken befestigte Palmenzweige auf das wunderlichste herausgeputzt; Frauen und Kinder trugen die langen, zottigen Mäntel, in denen sie wie vermummt erschienen. Die possierlichste Figur bildete der Hofnarr, den bunte Federn, Steine, Blumen, ausgeschnittene Stücke Perlmutter, aufgereihte Muscheln und die greulichsten Malereien in einen menschlichen Teufel verwandelten. Er verbarg sein Gesicht hinter einer ungeheuren, gelb und rot bemalten Maske mit ellenlangem Flachshaar, er tutete auf einem hölzernen, gewundenen Instrument und vollführte die seltsamsten Sprünge, wobei sich sein überall angestrichener Körper wie der eines Verrückten drehte und wendete.
Dieser Narr war keineswegs ein Priester oder Zauberer, sondern lediglich für die Unterhaltung des Königs bestimmt; er durfte alles thun, was ihm eben einfiel, selbst den alten Monarchen necken oder am Ohr zupfen, die Kinder in Schrecken setzen und den Ort, wo des Häuptlings Hütte stand, nach Belieben betreten. Für alle übrigen war die unter hohen, alten Brotbäumen belegene Stelle unzugänglich; es lag auf ihr das »Tabu« oder die Heiligsprechung, welche fast allen Südseeinseln, einschließlich sogar des großen Neuseeland, eigentümlich ist. Die Wohnungen der Priester und Häuptlinge, die Tempel und zuweilen ganze Orte sind tabu, d. h. der gemeine Haufe darf sie nicht betreten, er wird durch dies Gesetz von jedem Mitbesitz, jedem Recht ausgeschlossen. Wie viel Mißbrauch daraus entsteht, ist begreiflich, weil eben jeder Gegenstand, den die Mächtigen, Reichen für sich zu behalten wünschen, bis herab auf einen besonders schönen Fruchtbaum, eine Hütte oder ein Tier, einfach für tabu erklärt und dadurch der Berührung entzogen wird.
Die Wohnung des alten Königs lag patriarchalisch-friedlich im Schatten hoher Bäume, während rings anstatt jeder Einfriedigung kreuzweis gebundene Palmenzweige die geheiligte Grenze bekundeten. Beide Majestäten, der Häuptling Le-Le und seine Gemahlin Li-Ho saßen auf kostbaren, von weißen und bunten Federn zusammengesetzten Matten mit untergeschlagenen Beinen und ziemlich gleichgültigen Gesichtern, die sich selbst bei den Kapriolen ihres Narren nur sehr selten zum Lächeln verzogen. Als sich die weißen Gäste dem Herrscherpaare unter Überreichung verschiedener, sehr anständiger Geschenke vorstellten, da geschah etwas für die Einwohner des Dorfes nie Dagewesenes; König Le-Le hob den Fremden zu Ehren das Tabu seines Hauses auf und lud alle ein, sich neben ihn zu setzen und mit ihm aus einer Schüssel zu speisen. Letztere Vergünstigung hatte allerdings wenig Lockendes, denn das Gefäß bestand aus einem Holznapf und der Inhalt aus gerösteter Yamswurzel, wobei mittels spitzer Holzstückchen gegessen wurde, während sich die Teilnehmer des Schmauses um die auf dem blanken Fußboden stehende Schüssel gruppierten; dennoch aber erwiesen sich unsere Freunde äußerst höflich, so daß nach und nach der alte Le-Le ganz vertraulich wurde und vor allem die Weißen bat, ihm doch gegen seine quälenden rheumatischen Schmerzen ein Zaubermittel zu schenken, er wolle dafür auch alles, was ihnen etwa erwünscht sei, sogleich zur Verfügung stellen.
Während draußen die Jugend den Mekitanz aufführte, Ball spielte, Taubenschießen hielt und endlich das Fest des Tättowierens beging (die Weißen kannten es von Australien her), kramte der alte Häuptling unter seinen Sachen und förderte Schätze zu Tage, die sowohl Holm als auch die jüngeren Besucher förmlich entzückten.
»An Bord haben wir noch verschiedene Büchsen mit Opodeldok und Nervensalbe,« meinte der Doktor; »damals in Hamburg nahm ich's für alle Fälle mit, und jetzt kann es diesem alten Herrn wenigstens als Linderungsmittel dienen. Tauscht nur in Gottes Namen ein, was ihr wollt, morgen schicke ich einen Boten mit ein paar Worten an den Kapitän nach Pangopango, wo dann die Kleinigkeiten verabfolgt werden.«
Das übersetzte der als Dolmetscher mitgenommene Eingeborne dem alten Häuptling, welcher indessen von solcher Verzögerung nichts wissen wollte. »Einer seiner Sklaven könne gleich hinlaufen,« antwortete er, weshalb denn der Doktor ein Blatt aus der Brieftasche riß und unter andächtigem Staunen aller die Bitte an den Kapitän niederschrieb. Der junge Bursche erfaßte das Blatt mit den fremden, zauberhaften Strichen so zaghaft, als sei es heißes Eisen, dann aber, nachdem er für etwaiges Verlieren oder Versäumen auf kürzeste Weise mit dem Tode bedroht worden war, machte er sich schleunigst davon, indes nun der Häuptling, wahrscheinlich um den Zauber wirksam zu erhalten, seinen Gästen schenkte, was sie eben zu besitzen wünschten, eine Tapa aus Perlmutter, Federn und Pflanzenfasern, in der er früher als junger Mann den Mekitanz mitgemacht, und die, wie eine Art von faltigem Mantel, am Hals beginnend, über Brust und Rücken herabfiel, während die Arme frei blieben und der Kopf hindurchgesteckt wurde, -- einen hölzernen, schöngeschnitzten Schläger, eine Rolle Bast des Papiermaulbeerbaumes, ein Steinbeil mit Holzgriff aus uralter Zeit, ehe noch das Eisen von Europa und Amerika eingeführt worden, und ein eben so altes, vom Vater auf den Sohn vererbtes Tättowierinstrument, von dem freilich Seine Majestät berichtete, daß es aus Menschenknochen hergestellt sei. Scharfe, kammartige Spitzen waren an einem Schildpattgriff befestigt und das Ganze sehr alt, es hatte vielleicht Jahrhunderte lang gedient, um die Zeichen der Häuptlingswürde den zuckenden Gliedern einzuprägen, jetzt aber war seine Laufbahn beschlossen. »Die Häuptlinge lassen sich nicht mehr tättowieren,« setzte Le-Le hinzu, »sie sind fast alle Christen, -- ich bin es auch.«
Unsere Freunde hüteten sich, daran zu zweifeln. Der gute, jeden Augenblick vor Schmerz blinzelnde alte Mann war zwar durchaus ein Wilder, aber dennoch mochte das Christentum viel dazu beigetragen haben, auf seinem Gebiet so geordnete wirtschaftliche Zustände ins Leben zu rufen.
Der Kamm aus den Knochen geschlachteter und von früheren Generationen ohne Zweifel verzehrter Menschen wurde als Andenken vergangener, hier für immer besiegter Greuel dankbar entgegengenommen, ebenso die Spenden, welche jetzt Li-Ho, die Königin, denen ihres Gemahls hinzufügte, ein Stirnband ihrer Mädchentage aus aufgereihten, geschliffenen Rosamuscheln, »Pale« genannt, nur den Töchtern und Frauen der Häuptlinge gestattet, -- die dazu gehörigen Armringe und die »Fau«, ein Gewand aus den Blättern des Papiermaulbeerbaumes, das um den mittleren Teil des Körpers bei hohen Festlichkeiten getragen wird, ebenso lange, über Brust und Rücken herabhängende, mit vielen Perlmutterstückchen verzierte Schnüre aus Menschenhaaren.
Das alte Paar hatte keine Kinder, es sah also seine Heiligtümer recht gern in solche Hände übergehen, die wenigstens den empfangenen Wert zu schätzen wußten; erst spät, nachdem nochmals bei der Beleuchtung langsam brennender, halbdürrer Blätter (die auf den Samoainseln als Lampen dienen) der wunderliche Mekitanz, ein wahrer Höllenreigen halbbekleideter und nicht selten vom Kawagenuß mehr als halbberauschter Gestalten, vollführt worden war, spät am Abend unter Sternenschein und dem sanften Wehen des Nachtwindes kehrten die Fremden durch den Palmenwald zu ihrer Hütte zurück. Auf diesen glücklichen Inseln, wo man arbeitete, um zu essen, wo die Natur reichlich spendete, was eine geringe Bevölkerung verbrauchte, wo weder wilde menschliche Leidenschaften noch gefährliche Raubtiere den Frieden störten, auf den schönen, von mildester Luft durchhauchten Inseln mußte es sich leben wie einst im Paradiese; selbst die Angehörigen des Kulturstaates rasteten hier beglückende acht Tage, indem sie das Eiland nach allen Richtungen durchforschten und von den friedliebenden Einwohnern alle möglichen Gebrauchsgegenstände gegen Eisenwaren und bares Geld erhandelten, -- Holzgeräte, Perlenschnüre, Waffen, die ungeheuerlichen Beratungsmasken, hölzerne Kopfkissen, Farben und geschnitzte Formen, mittels derer das Grün und Rot den Stoffen aufgedruckt wird. Für den Häuptling kamen von Pangopango nicht allein die versprochenen Medikamente, sondern Franz ließ auch die Zimmerleute, mit Gerät und ein paar großen Glasscheiben ausgerüstet, vom Kapitän erbitten, worauf dann die Hütte Le-Les das wirksamste Mittel gegen Rheumatismus, nämlich dichtschließende Wände, Thüren und Fenster erhielt. Letztere beide Gegenstände waren den Dorfbewohnern durchaus fremd, sie gingen fortwährend an der königlichen Behausung vorüber, um das Wunder der Fensterscheiben anzustaunen, während Le-Le seinerseits nicht müde wurde, von außen und innen das Glas zu betasten und sich selbst zu fragen, ob es denn wirklich möglich sei, daß man einen festen, harten Gegenstand vor sich habe und doch hindurchschauen könne, als sei dieser nur leere Luft.
Die geschenkten Wolldecken, die Medikamente und die erhöhte Wärme in der jetzt überall wohlverwahrten Bambushütte bewirkten so angenehme Veränderung, daß der alte Häuptling den Abschied von seinen weißen Wohlthätern wie einen wahren Verlust empfand. Mehrere Knechte mußten ihnen die schönsten, erlesensten Früchte, die seltensten Vögel und Pflanzen bis Pangopango nachtragen, und so verließen sie eines Tages, von wohlwollenden Wünschen begleitet, das kleine paradiesische Eiland, um dafür die Insel Sawaii, die hochgelegene, einem breiten Felsrücken gleichende, unzugängliche größte Insel der Samoagruppe, aufzusuchen. Auch Tutuila hatte Berg an Berg; auch hier befanden sich thätige und erloschene Vulkane; lag doch der kleine Hafen Pangopango zwischen 250 Meter hohen Felswänden; dazwischen aber befanden sich reizende, fruchtbare Thäler mit üppig tropischer Vegetation, während auf Sawaii neben vorhandenem Wassermangel der entschieden schroffe Gebirgscharakter mehr hervortrat.
Es ist bekannt, daß um die Insel Sawaii herum ein Korallenriff ohne Unterbrechung fortläuft und daß Schiffe keinen Hafen finden. Unsere Freunde besuchten mittels des Bootes die Ostküste, wo alles von braunen, nackten Klippen und Geröllen starrte. Über ihnen erhoben sich die ungeheuren Kuppen der Gebirge, unter ihnen dröhnte der hohle, von vulkanischen Erschütterungen gehobene und zerrissene Boden; stellenweise grünte kein Halm und sang kein Vogel, die ganze Umgebung war mit Blöcken von Lava und Gestein überdeckt. An anderen Punkten ragte dichter, ununterbrochener Hochwald, in dem sich wie auf Tutuila die Palmen am meisten vertreten fanden.
»Wir wollen uns hier nicht aufhalten,« hatte Holm gesagt. »Nicht nur alle Samoainseln, sondern überhaupt alle im Großen Ozean besitzen eine in den wesentlichsten Punkten übereinstimmende Tier- und Pflanzenwelt, die zwar nach dem Äquator hin üppiger und artenreicher wird, sonst aber doch die gleiche ist. Neues, anderes begegnet uns nicht, auch wenn wir alle Häfen anlaufen; laßt uns daher erst auf Opolu längere Rast machen und dort Felsen besteigen, dort die Schlünde und Untiefen alter Krater durchforschen, namentlich da hier die wenigen Bewohner an der Nordküste leben und für uns weder Führer noch Lebensmittel aufzutreiben wären.«
Der Vorschlag wurde angenommen und die beschwerliche Kletterpartie über ungangbare Pfade nach wenigen Stunden wieder aufgegeben. Schöne, malerische Felshöhlen hatten die Reisenden gesehen, eine großartige, wildromantische Natur, ein selten berührtes einsames Gebiet, auf dem fast alles noch ursprünglich und von keiner Kultur beeinflußt erschien; aber lebende Wesen waren ihnen außer vielen Strandvögeln nicht begegnet. Ein eigentümliches Gefühl beherrschte die Teilnehmer der jetzt gegen drei Jahre dauernden Weltreise, als sie von Sawaii aus wieder an Bord gingen. Auf Opolu wartete ihrer ein halbes Zuhause; bekannte, befreundete Gesichter würden sie empfangen, deutsche Laute, deutsches Wesen ihnen entgegenkommen; da war der Name Gottfried in jedermanns Mund, da standen die großen Faktoreien des Hamburger Handelshauses und hatte deutsche Bildung, deutscher Unternehmungsgeist aus der Wildnis ein kleines, blühendes Gemeinwesen erschaffen, eine hübsche Stadt, die ihre Bewohner gut ernährte, und von wo aus sich europäische Gesittung erfolgreich immer weiter verbreitete. Aber mehr als alles das! -- Die Söhne des Gottfriedschen Hauses würden hier in ihrem Eigentum sein, auf väterlichem Grund und Boden wohnen, höchst wahrscheinlich sogar auch mehrere Schiffe der väterlichen Firma antreffen, -- das ließ die Herzen höher schlagen, das stimmte weich und fröhlich, wie man es seit langer Zeit nicht empfunden hatte.
Schon folgenden Tages kam Opolu in Sicht, schöner als irgend eine Küste, der die Vielgereisten bis dahin begegnet waren. Das erste, was die Blicke aller magnetisch fesselte, war ein Wasserfall. Von schwindelnder Höhe herab und in die krausbewegten Meereswellen fiel ein mächtig breiter Wasserstrahl über eine natürliche Terrasse aus Felsen, die ihre Vorsprünge und Klippen, ihre Pfeiler und Stufen nur vorzustrecken schien, um den Lauf des flüssigen Elementes in hundert und aberhundert Einzelwege zu teilen, in Ströme und Bäche, die sich dennoch um einige Stufen tiefer wieder zum Ganzen vereinten, breiter und breiter, schäumend, rollend und donnernd, ewig verändert und ewig dasselbe, wunderbar schön im Sonnenglanz, blau und golden überhaucht, ein lebendes, bewegliches, majestätisches Etwas, von dem sich das Auge nicht wieder loszureißen vermochte, zu dem es zurückkehrte, so oft auch andere landschaftliche Schönheiten versuchten, mit diesem höchsten Reiz des Bildes zu konkurrieren.
Hoch über der schäumenden, silberhellen Welt erhob sich die Reihe erloschener Vulkane, auf deren einst so verderbenbringenden Gipfeln heute die Riesen des Waldes ihre grünen Arme ausstrecken, wo Palme an Palme den schlanken Stamm wiegt und Blätter und Blüten im Winde flüstern. Bis in die Wolken hinein, unerreichbar dem Blick, ragte der Krater Tafna, der Riesenwächter, der uralte ernste, der höchste Punkt auf viele Meilen ringsumher.