Das Naturforscherschiff oder Fahrt der jungen Hamburger mit der "Hammonia" nach den Besitzungen ihres Vaters in der Südsee.

Part 42

Chapter 423,556 wordsPublic domain

Ein wahrer Wolkenbruch endete nach einer halben Stunde das furchtbare Naturschauspiel, dem die Reisenden mit ebensoviel Anteil als Grauen beigewohnt hatten und das von seiten der wilden Bewohner jener größeren Insel noch einen höchst unerwarteten Schlußakt erhielt. Die Doppelkähne setzten sich in Bewegung, die braunen, schöngeschnitzten Ruder aus Eisenholz wurden eingelegt und große Weidenkörbe mit den toten Fischen angefüllt. Ohne von den Weißen Notiz zu nehmen, ohne sich Zeit zum Auflesen zu gönnen, fielen die Eingebornen sogleich über ihren Fang her und vertilgten die unheimliche Speise mit Haut und Gedärmen da, wo sie dieselbe aufgriffen. Ohne Zweifel litt also die Insel, wie dies gerade in der heißen Zone so oft vorkommt, an Hungersnot; die Trägheit ihrer Bewohner ließ keine Feldarbeit aufkommen; da wo die Ernte eine zehnfache sein konnte, wurde kein Acker gebaut, kein Fruchtgarten gehalten; -- die Menschen fielen wie Hyänen über tote, ekle Körper her, um nur den nagendsten Hunger zu stillen.

Ein paar Säcke Mehl wurden verteilt; dann nahm der Dampfer seinen Weg wieder auf. Das Gewitter hatte nachgelassen; eine angenehme Kühle folgte der furchtbaren Hitze, die See ging ruhig wie zuvor. Früh am folgenden Morgen, als die ganze Gesellschaft, noch das erstaunliche Erlebnis des letzten Tages besprechend, ergänzend und berichtigend beim Frühstück auf dem Verdeck saß, etwa gegen neun Uhr, meldete der Mann am Steuer einen dunkeln Punkt in Sicht. »Ein Schiff ist's nicht,« setzte er hinzu, »es fehlen Masten und Takelage.«

Auch der Kapitän sah hin. »Sonderbar, das kann nur ein Wrack sein, denn für ein Boot ist es viel zu groß.«

»Aber wir haben ja gar kein Unwetter, keinen Sturm gehabt! -- hm, Steuermann, das müssen wir aus der Nähe besehen.«

Der Alte nickte, die nötigen Befehle wurden gegeben und allmählich schwand der Raum zwischen dem Dampfer und dem treibenden, offenbar herrenlosen Rumpf, dessen Weg die ganze Gesellschaft mit lebhaftem Interesse verfolgte. Als für einen Anruf durch das Sprachrohr die nötige Nähe erreicht worden war, fragte Papa Witt mit lautem Ton nach dem Woher und Wohin; er wiederholte sogar mehrere Male den Zuruf, aber keine Antwort klang von der Stätte der Verwüstung zurück, -- auf dem Wrack konnte sich keine lebende Seele mehr befinden.

Jetzt befahl der Kapitän, den Rumpf des unbekannten Schiffes zu entern und ihn behufs Feststellung seiner Verhältnisse einstweilen ins Schlepptau zu nehmen; das geschah auch, die Matrosen zogen mittels langer Haken das Wrack heran, und mehrere von ihnen sprangen an Bord desselben, um den Thatbestand zu untersuchen. Das Schiff, die deutsche Bark »Eintracht«, war offenbar während des gestrigen Gewitters vom Blitz getroffen worden und bis auf das Deck niedergebrannt. Hier mochten die stürzenden Regenfluten dem Verderben Einhalt geboten haben, jedenfalls aber lebte auf den traurigen Überresten des stolzen Baues kein Mensch mehr; die Mannschaft war entweder verbrannt oder ertrunken, vielleicht auch dem Ärgsten entronnen, indem sie rechtzeitig die Flucht ergriff; darüber ließ sich nichts entscheiden. Wo keine Masten, keine Takelage zu entdecken war, da konnte auch kein Boot sein, -- möglicherweise trieb es voll hoffnungsloser, verzweifelnder Männer auf offenem Meer, möglicherweise war es verbrannt und die Besatzung mit ihm.

Nachdem die verkohlten Luken geöffnet und die Ladung als Ballast erkannt war, löste man jede Verbindung mit dem Dampfer. Mochte das Wrack, überall angebrannt und total ruiniert, vor Wind und Wellen treiben, bis es irgendwo von den Eingebornen aufgefangen wurde, -- da unsere Freunde nie in bekannten Häfen, sondern möglichst immer an irgend einer einsamen Stelle landeten, so konnten sie es nicht mitnehmen; namentlich jetzt nicht, wo sie an der Küste von Viti-Levu für sich selbst eine stille, versteckte Bucht erst suchen mußten.

Hier wohnten die Menschenfresser, es war größte Vorsicht geboten.

Noch vor Abend kam die Insel in Sicht, und am andern Morgen hatte sich auch schon eine Möglichkeit des Anlaufens gefunden. Obwohl das Korallenriff ganz Viti-Levu umgab, so zeigte sich doch hier oder dort eine brandungsfreie Bucht, und in die erste derselben lief der Dampfer ein. Mangroven und dichtes Gebüsch verhinderten den Blick tiefer einzudringen, dennoch aber entdeckten unsere Freunde schon sehr bald etwas ganz Unerwartetes, nämlich ein großes, wohlerhaltenes, keinesfalls aus den Händen der Fidschianer hervorgegangenes Boot, das mittels einer starken Kette am Ufer befestigt lag und außer einigen leeren Trinkgefäßen weiter nichts als die Ruder enthielt. Sobald die Reisenden ihr eigenes Boot ausgesetzt hatten und dem fremden näher kamen, erkannten sie am Steuer den Namen »Eintracht«.

Kapitän und Mannschaft sahen einander an. Schiffbrüchige deutsche Matrosen hatten sich vor der Verheerung durch die Flammen ohne alle Lebensmittel in das Boot gerettet und waren dann vom Hunger getrieben hier an Land gegangen, um womöglich irgend etwas Genießbares aufzufinden; -- durfte man die Landsleute schutzlos den Händen der Kannibalen überlassen?

Franz beantwortete die stumme Frage. »Auf, Herr Kapitän, auf! ich bin überzeugt, Sie wollen die ganze Insel durchsuchen, bis diese armen Kerle gefunden sind!«

Der Doktor klopfte ihn auf die Schulter. »Mein warmherziger Junge,« sagte er freundlich, »wenn keiner mit dir ginge, so thäte ich es. Eine Schande für jeden Mann, der seinen Nächsten feige im Stich läßt!«

Hans und der Malagasche erklärten sich ebenfalls einverstanden, sämtliche jungen Leute suchten schon nach ihren Waffen, nur Holm und der Kapitän zögerten noch. »Das kann eine blutige Geschichte werden,« meinte bedenklich der letztere, »diese Wilden sind erwiesenermaßen Kannibalen.«

»Vielleicht kommen wir auch bereits zu spät, um die Unglücklichen noch zu retten. Es ist bekannt, daß die Fidschianer alle Schiffbrüchigen verzehren! Wenn auch in den von Weißen bewohnten Küstenstädten, wo das Christentum Boden besitzt, dergleichen vielleicht seit Jahrzehnten nicht mehr geschieht, so ist es doch hier in der vollkommensten Wildnis damit noch ganz wie früher. Die Matrosen von der »Eintracht« können längst bei einer Kolanfeier verspeist sein.«

Der Doktor schüttelte den Kopf. »Vielleicht aber leben sie noch und bitten den Himmel, ihnen in höchster Not einen Erretter zu schicken,« versetzte er. »Es ist nicht von ohngefähr, daß wir dem Wrack, und später hier dem Boote begegnen mußten; das behaupte ich, -- und nun lassen Sie uns eilen.«

Der Kapitän legte ihm beide Hände auf die Schultern. »Wollen Sie zu Hause in Hamburg die ganze Verantwortung übernehmen, Herr Doktor? Wollen Sie es bei dem Vater vertreten, wenn einem seiner Söhne ein Unglück geschähe?«

»Da wir nicht im Mutwillen, sondern den heiligen Geboten der Menschenliebe folgend handeln, ja, Herr Kapitän! Vor dem Vater und vor Gott will ich vertreten, daß auf mein Zureden die Expedition unternommen wurde.«

Der Kapitän nickte. »^Well^, dann laßt uns gehen,« entschied er. »Aber diesmal soll kein einziger fehlen, nur der Maschinenmeister mit zweien seiner Leute mag als unerläßliche Bedeckung an Bord bleiben. Heda, Jungens, wollt ihr die Kameraden von der »Eintracht« aus den Klauen der Wilden retten helfen? Das hier ist ihr Boot und höchst wahrscheinlich sind sie selbst Gefangene. Ich zwinge keinen; wer nicht mitgehen will, der kann zurückbleiben!«

Ein allgemeines Hurra war die Antwort. Fünfundzwanzig Männer, vom Kopf bis zu den Füßen bewaffnet, schlossen sich der Expedition an, es bildeten sich unter Führung des Kapitäns, des Steuermanns und derjenigen Holms drei Züge, die zunächst vom Boot aus die Spuren ihrer unglücklichen Landsleute aufsuchten, um die Richtung, in welcher sie vordringen wollten, ganz genau festzustellen. Das war freilich keine leichte Aufgabe! Ohne Beistand des Malagaschen wäre sie wahrscheinlich überhaupt nicht gelöst worden. Blumen und Blätter bedeckten das Ufer so dicht, die Pflanzenwelt zeigte so üppige Entfaltung, daß schon Stunden genügen mußten, um in dieser heißen Luft an Stelle des geknickten Halms, der zertretenen Blume eine neue Knospe, neues Grün entstehen zu lassen. Der Malagasche kroch auf Händen und Füßen im Kreise um das Boot herum, bis er die Spur gefunden hatte. »Hier sind die Weißen gegangen,« behauptete er, »ich sehe die Abdrücke ihrer Schuhnägel in den Yams- und Torablättern; sie haben von diesem Baum Früchte gepflückt und dort eine Kokosnuß zerschlagen. Ach, an den Dornen hängt Blut! Es ist sicher, daß Menschenhände hineingriffen!«

Der junge Hova war in diesem Augenblick ganz Wilder auf dem Kriegspfad. Er ging voran durch die wundervolle, mit verschwenderischer Pracht ausgestattete Schöpfung und fand an hundert kleinen, dem Auge des Weißen unerkennbaren Spuren den Weg, welchen die jedenfalls vergeblich nach Wasser suchenden Matrosen genommen haben mußten; immer tiefer hinein in das Walddunkel marschierte die kleine Schar, deren jeder eine Kugelbüchse, zwei Pistolen und einen tüchtigen Säbel bei sich führte. Alle Arten schöner Vögel, besonders der prächtige Tropikvogel und die großen Papageien, saßen in den Zweigen; Brotfruchtbäume, Bananen auf hohen korbartigen Luftwurzeln, Kokospalmen, Citrusarten und Orangen wiegten im lauen Sommerwind ihre Laubkronen und vereinigten dieselben zu einem förmlichen, alle Sonnenstrahlen abschneidenden Blätterdach, unter denen ein so schwüles Halbdunkel herrschte, daß viele Blumen in _grauer_ Farbe erblüht waren, und alle lebhafteren Farben fehlten.

»Sie suchen Wasser,« beharrte der Malagasche. »Sie sind früh morgens hier gegangen und haben aus Durst die Blätter des Yaquota durch den Mund gezogen, -- auch Orangen haben sie gepflückt.«

Er zeigte einzelne Kerne, kleine Stückchen Schale und hob dann plötzlich ein kaum fingerlanges Pflänzchen aus dem Boden hervor. »Wasser,« flüsterte er, »es ist Wasser in der Nähe. Diese Blume lebt nur an feuchten Stellen.«

Holm hatte den grünen Stengel ergriffen. »Ein Vergißmeinnicht,« sagte er lächelnd, »ein deutsches Vergißmeinnicht! -- Aber du hast recht, Junge; dergleichen liebt feuchte Gräben oder mehr noch seichtes, fließendes Wasser. Vorsichtig also, um Gotteswillen vorsichtig, die Wilden können ganz in der Nähe ihr Dorf haben.«

Der Malagasche schlich lautlos voran. Den Hut und den Rock hatte er, sonst an diese Bekleidungsstücke zivilisierter Menschen längst gewöhnt, schon abgeworfen; jetzt folgten auch die Stiefel, und nur mit Hemd und Leinenhose angethan, drängte sich der Sohn des wilden Stammes wie ein schlankes Reh durch die niederen Büsche, den einzelnen kleinen Vergißmeinnichtstauden folgend, bis an ein Bächlein, das über den Waldboden dahinrieselte und an seinen Ufern ganze Felder der blauen Blume umspülte. Hier traten erkennbare Fußspuren zu Tage. Die verirrten Matrosen hatten knieend getrunken und dann so gut, als es anging, gebadet; ihr weiterer Weg führte am Fluß hinauf, woselbst denn auch nach kurzer Wanderung der Malagasche die ersten Anzeichen menschlicher Nähe entdeckte. Ein Wink befahl den übrigen, zurückzubleiben; Rua-Roa tauchte geräuschlos wie eine Schlange in das Dickicht und kam nach wenigen Minuten blaß vor Erregung zurück. »Die Fidschianer sind da,« raunte er, »und die Weißen auch, sechzehn Männer im ganzen. Ich glaube, wir können siegen! -- kommt hier herum, -- aber leise, leise!«

Die Kugelbüchsen schußgerecht in den Händen, die Säbel gelockert und die Herzen schlagend vor Erwartung, vor begreiflicher Unruhe, so folgten die Weißen dem jungen Hova. Bald sahen alle in geringer Entfernung das Dorf der Fidschianer und diese selbst; den Hintergrund bildeten hübsche Pfahlbauten, deren Thüröffnungen bunte, geschmückte Decken zeigten, und über denen auf mäßiger Anhöhe der Ortstempel sich erhob. Dies letztere Gebäude diente den Häuptlingen als Schlafgemach und umschloß eine Art von Altar, vor welchem die Priester den Kolan (Göttern) die üblichen Menschenopfer darbrachten; außerdem aber schienen rings um dasselbe herum in Friedenszeiten die Wurfwaffen der Insulaner als eine Art künstlich geordneter Schmuck verwahrt, während auf dem spitzen Dache eine ungeheure Anzahl von Schädeln zur Pyramide getürmt war.

Die Fidschianer trugen weiße, selbstgewebte Stoffe aus den Fasern einer Binsengattung; diese Kleider hatten aber keinerlei Schnitt und wurden weder angezogen noch geschlossen; vielmehr erschienen Männer und Frauen vom Kopf bis zu den Knieen _hineingewickelt_, so zwar, daß das letzte Ende des Zeuges je nach dem Range der verschiedenen Personen von einem bis zu dreißig Fuß nachschleppte. Ihre Farbe war schwarzbraun, ihr Haar lang und lockig, die Bärte besonders voll entwickelt und ihre Höhe staunenswert. Manche hatten geradezu riesenhafte Größe.

Alle diese Wilden lagen im Halbkreise um ein Feuer, das soeben zu glimmen begann, und das die Priester schürten. Vor ihnen hockten am Boden um eine große, aus einem Holzblock künstlich geschnitzte Schale eine Anzahl junger Mädchen, die sämtlich beschäftigt waren, den Kriegern das Material zu ihrer Bowle zu liefern und zwar auf eine ebenso abscheuliche als nur diesen barbarischen Völkerschaften eigentümliche Art. Sie kauten nämlich die Wurzeln einer Pfefferpflanze zwischen ihren Zähnen zu Brei und spuckten diesen letzteren in die große Schale, von wo er mit Wasser vermischt an das Feuer kommt und abgeklärt den »Kawa«, ein sehr berauschendes Getränk, gibt.

Hinter den jungen Fidschianerinnen, also in der Nähe der versteckten Weißen, lagen auf dem Gras, an Händen und Füßen gebunden, die gefangenen Matrosen am Rande des Gebüsches. Es schien ganz leicht, sich diesen Männern bis auf Schrittweite zu nähern, schwerer aber war es, ihnen ein Zeichen zu geben, das nicht auch zugleich die Aufmerksamkeit der Wilden erregte, -- unsere Freunde berieten leise, was zu thun sei.

»Jedenfalls soll erst das Getränk fertig und der Holzstoß zu Kohlen verbrannt sein,« flüsterte Holm.

»Wir können also den günstigen Augenblick erwarten.«

»Aber wer schleicht sich hin? Ich kann es nicht thun, da sie mich für einen Wilden halten und mir nie trauen würden.«

»Ich gehe, Rua,« flüsterte Franz. »Laß mich nur machen. Der Gefangene am äußersten Ende der Reihe scheint mir ein Schiffsoffizier zu sein, vielleicht der Kapitän selbst, -- ihm gebe ich mein Messer in die Hand.«

Der Malagasche nickte. »Ich schleiche um das ganze Dorf herum, bis hinter den Tempel und schieße von dorther mitten in die Räubergesellschaft hinein,« setzte er leise hinzu. »Die allgemeine Aufmerksamkeit kehrt sich also jener Seite zu, -- unterdessen können die Matrosen ihre Fesseln durchschneiden und ihr kommt auf der ganzen Linie mit Erfolg heran.«

Franz reichte ihm die Hand. »Rua, wie willst du dich den Verfolgern entziehen?« fragte er gepreßt.

»Ich? -- Die Hovas sind große Krieger, sie lassen sich von keinem Feind besiegen.«

Der junge Halbwilde lächelte stolz und nahm seine Kugelbüchse in die Hand. »Wenn drüben ein Papagei in Absätzen dreimal schreit, dann schieße ich,« fügte er bei. »Aufgepaßt, mein Bruder, dein Freund wird seine Sache gut machen!«

Er hatte auch das Hemd und die übrigen Waffen von sich geworfen; die Büchse trug er wie einen Stock. Je mehr seine Fähigkeiten, sein Können zur Geltung gelangen sollten, desto deutlicher trat die ursprüngliche Natur in ihre Rechte zurück. Rua-Roa schüttelte das Haar in den Nacken, seine schwarzen Augen glänzten, er verschwand wie ein Schatten den Blicken der übrigen; binnen Sekunden hatten die Gebüsche den braunen, schlanken Körper verschlungen.

Holm lachte. »Der Wilde steckt ihm doch noch tief im Blut,« raunte er. »Ich wette, unser Freund verlebt, nachdem er mit Rock und Stiefeln die aufgedrängte Kultur abgeworfen, einen wahrhaft beglückenden Tag.«

Auch die übrigen lächelten, indes sie geräuschlos ihre Schlachtlinie ordneten. Franz hatte sich so aufgestellt, daß er, ohne selbst gesehen zu werden, den Anführer der Gefangenen fixieren konnte. Sein Blick haftete auf der Stirn des bleichen, düster dreinschauenden Mannes, bis sich dieser, magnetisch gezogen vielleicht, halb umdrehte und in solcher Weise plötzlich dicht vor sich den jungen Europäer gewahrte. Eben so schnell aber hatte auch Franz den Finger auf die Lippen gelegt, eben so schnell hatte der Gefangene begriffen, daß ein einziger Laut genügen werde, um alles zu verderben. Er regte kein Glied, sondern sah mit dem gewohnten Ausdruck abweisenden Ernstes vor sich hin, dabei aber immer den unerwartet erschienenen Fremdling im Auge behaltend und jede seiner Bewegungen beobachtend.

Die Fidschianer lagen ahnungslos rauchend um das Feuer herum. Sie konnten sich ja nicht träumen lassen, daß in ihren nie von Weißen betretenen Wäldern der Feind nur das Signal zum Kampfe erwartete, daß die nächsten Minuten ein furchtbares Blutbad bringen sollten. Gerade diese vollständige Ruhe sicherte den Weißen den Sieg.

Franz hatte sein Messer aus der Tasche gezogen und es dem Gefangenen gezeigt. Jetzt bückte er sich, um es durch das Moos den gefesselten Händen näher zu bringen. Ein Stöckchen schob nach, eine schlauberechnete Wendung des Körpers deckte das Unternehmen, und der Schnitt durch die scharfgedrehten Binsenstricke war glücklich vollbracht. Franz sah an der Reihe seiner Genossen hinab, sie lagen alle im Anschlag, -- atemlos vor Aufregung horchte er den verabredeten Zeichen.

Da trat einer der mit Turban und vielfachen Zieraten geschmückten Priester aus der Mitte der übrigen hervor und näherte sich den Gefangenen, deren einen er ohne Umstände an den Haaren ergriff und gebunden, wie der Unglückliche war, nach sich schleifte. Franz fühlte, wie ihm das Blut in allen Adern kochte; nur mit äußerster Anstrengung bezwang er sich, nicht sogleich den kecken Übelthäter zu Boden zu strecken, doppelt angestrengt aber lauschte er dem Signal, das Rua-Roa zu geben versprochen hatte. So viele Papageien krächzten von den Bäumen herab, -- wie würde es möglich sein, gerade den einen erkünstelten Schrei aus der Menge natürlicher herauszuhören?

Die Priester hatten mittlerweile ihr Opfer seiner sämtlichen Kleider beraubt und schritten nun zur Vollstreckung eines Greuels, wie es nicht grausamer und fürchterlicher gedacht werden kann, wie es aber im Innern der Fidschiinseln dennoch bis auf den heutigen Tag, nicht allein Schiffbrüchigen und Kriegsgefangenen, sondern auch den eigenen Stammesgenossen gegenüber Sitte ist. Jeder Häuptling bekommt als Mahlzeit einen in sitzender Stellung gebratenen Menschen; der Gottheit aber wird vorher ein Gefangener geopfert, dem man Arme und Beine vom lebendigen Körper geschnitten, und den man gezwungen, Stücke seines eigenen Fleisches zu verschlucken. Hierfür war der aus der Reihe der übrigen hervorgesuchte Matrose, ein blutjunger Mensch, ausersehen, und die Priester holten steinerne Messer sowohl als eine irdene Pfanne herbei, um die entsetzliche Verstümmelung auszuführen, während sich der unglückliche junge Mensch aus Leibeskräften gegen die Fäuste seiner Angreifer sträubte und nicht unterließ, sie mit den ehrenrührigsten Titeln zu überhäufen.

Franz sah von einem zum andern. Schon schwebte das Messer des Zauberers über dem rechten Arm des jungen Matrosen, schon schrie dieser vor Entsetzen laut auf, -- was sollte er thun, um das Fürchterliche abzuwenden?

Da erklang der Ruf des Malagaschen. Franz hört sofort den bezeichnenden, warnenden Klang, ein- -- zwei- -- dreimal, und zugleich mit dem letzten fiel der verabredete Schuß. In den Kopf getroffen stürzte der Priester, dessen Mordwaffe schon gehoben gewesen, um ein abscheuliches Verbrechen zu begehen.

Tiefe Totenstille folgte dem Schrei des Getroffenen, der ersten Bewegung jähen Erschreckens, das alle Wilden ergriffen hatte. Was war das? Woher kam es?

Aber nur Sekunden währte die allgemeine Erstarrung, dann wandten sich einige Häuptlinge, die Feuerwaffe erkennend, mit furchtbarem Wutgeschrei jener Richtung zu, aus der Rua-Roa geschossen. Sie zogen die übrigen nach sich, der ganze Haufe stürzte gegen die Hütten vorwärts, auch die jungen Mädchen flüchteten schreiend, kurz, es war eine Szene furchtbarster Aufregung und des wildesten Durcheinanders.

Jetzt mußte gehandelt werden, die Weißen sahen es alle. Ohne Kommando fielen auf der ganzen Linie die Büchsenschüsse, während zugleich drinnen der befreite Kapitän im Fluge die Fesseln seiner Leute durchschnitt und so die Zahl der Kämpfenden um sechzehn Männer vergrößerte. Auch der zum Kolanfest bestimmt Gewesene wurde mit Kleidern und Waffen versehen; die nach allen Seiten flüchtenden, ratlosen, unbewaffneten Wilden erhielten noch eine zweite Salve, die gleich der ersten nur in ihre Beine traf, ohne sie zu töten; dann aber benutzten unsere Freunde den Augenblick panischen Schreckens, um so schnell als möglich zu fliehen. Ein Papageienruf klang ihnen vom Dorf her nach, laut und spöttisch, nah und näher, bis endlich der Malagasche aus dem Gebüsch hervorbrach mit blutenden Armen und Schultern, aber mit triumphierenden Blicken, über dem Kopf eine Anzahl Wurfspieße schwenkend, die er vom Tempel herabgerissen, ganz Wilder, ganz der Sohn des Urwaldes. »Ich habe den Tempel in Brand gesteckt,« rief er, »und das Gewehr liegen lassen, um die Aufmerksamkeit der Menschenfresser einstweilen abzulenken. Hier hinunter, hier, -- in fünf Minuten können wir das Riff erreichen, während uns jene auf der anderen Seite suchen.«

Er stürmte voran und die übrigen drängten nach, nicht ohne von einzelnen Fidschianern verfolgt zu werden, die aber durch ein paar Kugeln sehr bald allen Mut zu weiteren Feindseligkeiten verloren und hinkend und blutend zum Dorfe zurückkehrten. Es konnte indessen nicht zweifelhaft sein, daß sogleich, nachdem die erste Verwirrung besiegt, auch der ganze Stamm den Flüchtigen nachsetzen würde; die größte Eile war daher geboten.

»Wir sind nicht weit vom Ufer entfernt,« rief der Malagasche. »Ich stieg auf einen Baum und sah dabei ziemlich nahe die See durch das Gebüsch schimmern. Rasch, rasch, dann erreichen wir das Korallenriff, ehe uns die Kerle mit ihren langen Schleppen einzuholen vermögen.«

Die ganze Schar folgte der angedeuteten Richtung; schon nach kaum hundert Schritten blitzte im Sonnengold hinter dem Riff der Ozean auf; eine weite freie Bucht dehnte sich bis tief in das Land hinein, an Pflöcken und Baumstämmen lagen hoch heraufgezogen die schönen, schlanken Doppelkähne der Fidschianer.

»Hurra!« rief Franz, »Hurra, die Ausbeute ist größer, die That ruhmvoller, als man denken sollte! -- Wir nehmen die Boote der Wilden und drehen ihnen vom Wasser her eine Nase.«

Der Vorschlag fand allgemeinen Beifall; über Hals und Kopf wurden die Taue gekappt, jeder Mann bestieg eins der schlanken Fahrzeuge, und die übriggebliebenen nahm man, um das Nachsetzen erfolgreich zu verhindern, ins Schlepptau. Es war aber auch die höchste Zeit. Kaum trieb die seltsame Flotte in der Entfernung von etwa fünfzig Schritten auf hoher See, als aus dem Walde die ganze Masse der Kannibalen hervorbrach und mit einem Gebrüll, das nichts Menschliches hatte, ihre Opfer sich entgangen sah. Zugleich sollten auch die Kähne verloren sein; das raubte den Fidschianern alle Überlegung, einige stürzten sich blindlings, heulend vor Wut, ins Meer, um die Flüchtigen zu verfolgen, andere tanzten buchstäblich wie die Verrückten am Ufer auf und ab; alle aber schrieen, daß es klang, als sei eine Herde von Teufeln losgelassen.

Der alte Steuermann bemühte sich voll Ingrimm, mittels des Ruders den Doppelkahn zu lenken; der nebenher schwimmende Klotz ärgerte ihn über alle Maßen, und als jetzt einer der Fidschianer seinem Fahrzeug ziemlich nahe kam, da legte er erbost die Kugelbüchse auf ihn an. »Warte, du Satan, mit dem Schrecken sollst du davon kommen; aber für deine Art, Kähne zu zimmern, will ich dir doch einen Denkzettel geben.«