Das Naturforscherschiff oder Fahrt der jungen Hamburger mit der "Hammonia" nach den Besitzungen ihres Vaters in der Südsee.

Part 41

Chapter 413,476 wordsPublic domain

»Zuerst nehme ich ein Bad,« meinte Hans, »aber nicht im Meer, sondern im süßen Wasser. Alles, was ich denke, ist Flüssigkeit, alles, was ich ersehne, träufelt. Der Platz unter dem Strahl jener Feuerspritzen scheint mir im Augenblick als der beneidenswerteste auf Erden.«

»Ja, eine Douche,« nickte auch Holm. »Gebückt sitzen und es immer über sich herabregnen lassen, das wäre schön. -- Wie mir der Gaumen brennt!«

»Meine Haut löst sich ab,« fügte Franz hinzu. »Damals in der Gefangenschaft bei den Kaffern hatten wir Wein und Branntwein, wir konnten Gras und Blätter kauen, aber hier gibt es nur Sand und das entsetzliche Anschlagen der Wellen. An diese Nacht werde ich denken, so lange ich lebe.«

»Es muß nun sehr bald Tag sein,« tröstete einer der Führer. »Noch eine Stunde, dann ist wenigstens dies traurige Dunkel gelichtet.«

»Aber solche Stunden sind elastisch, sie dehnen sich so furchtbar!« versetzte Franz.

Die übrigen lachten; so gut als es eben ging, half man sich über die zögernden, widerstrebenden Minuten hinweg, und als endlich nach langer Geduldsprobe das goldene Tagesgestirn am Himmel seine ersten Strahlen entsandte, da wurde es mit Jubel und unsäglicher Dankbarkeit begrüßt. Jeder neue Sonnenblick enthüllte neue Schätze. Drüben hinter dem Meeresarm lag ein Städtchen mit roten Ziegeldächern und einem bescheidenen, kleinen Kirchturm in der Mitte, ein ganz winziges, unbedeutendes Städtchen von wenigen hundert, zum Teil nur hölzernen, zum Teil strohgedeckten Häusern, mit friedlichen Gärten und wallenden Kornfeldern, mit Schafherden, die rings an den Abhängen das magere Dünengras weideten, und mit einer ländlichen, einfachen Bevölkerung. Aber doch, so dörflich, so anspruchslos das ganze Bild sich zeigte, so innig entzückte es die Herzen der Beschauer. In vielen dieser Gärten, namentlich wo sie an das Meer herantraten, wehte vom hohen Flaggenstock die deutsche Flagge, auch das wunderliche Türmchen ohne Stil oder architektonische Schönheit zeigte am goldenen Knauf das Schwarz-Weiß-Rot der Heimat, neben dem die Flagge des Einzelstaates dem deutschen Herzen unbedeutend erscheint, das in der Ferne den Wanderer, wo er es findet, wie freundliches Grüßen berührt, das in sich, in seiner Vereinigung alles birgt, was deutsch heißt, gleichviel ob dem Süden oder Norden des großen Vaterlandes entstammt.

»Auf! Auf!« rief Franz, den Strohhut schwenkend, »da werden auch Hamburger wohnen.«

»Hurra!« tönte es aus geringer Entfernung, »hurra! ich habe Wasser gefunden!«

Der alte Squatter war's. Er sah Weidengebüsche und auf ihren Zweigen ein paar Eisvögel, -- da mußte süßes Wasser sein. In aller Stille, um niemand zu täuschen machte er sich auf und suchte, und richtig, ein murmelndes Flüßchen kroch über den Sand, er konnte sein lautes Hurra! hurra! den Genossen zujubeln.

Menschen und Tiere tranken, Menschen und Tiere badeten unterhalb des Flüßchens die heißen, eingetrockneten, staubbedeckten Glieder; auch der Doktor erwachte von all dem Toben und Jubeln, auch er wurde an den segenspendenden Quell geführt und ihm zum Bade das bequemste Plätzchen ausgesucht. Es war ein Freuen und Jauchzen überall, sogar die Pferde ließ man laufen, damit sie sich in der Umgebung ein Frühstück suchten; Hans dehnte sich im Wasser von einer Seite zur anderen und behauptete, daß er noch stundenlang so liegen bleiben würde, kurz, alle diese gehetzten, halbverhungerten Menschen genossen in vollen Zügen die Seligkeit des frischen Bades und Trunkes, alle steckten sie, Führer und Reisende, jung und alt, bis an den Hals im Wasser; da plötzlich erschienen auf der Szene zwei Personen, die zwar durchaus nicht gefahrdrohend oder schrecklich aussahen, deren Empfang sich aber unter den gegebenen Verhältnissen nicht bewerkstelligen ließ, -- zwei Frauen in deutscher Bauerntracht mit großen runden Strohhüten, Körbe am Arm und derbe Holzpantoffeln an den strumpflosen Füßen.

Einen Augenblick schien es, als wollten sie die Flucht ergreifen oder wenigstens um Hilfe rufen. Kopf an Kopf im Wasser, auf dem Strand die Kleider, -- was bedeutete das in der Wildnis, wo ihnen noch nie eine Menschenseele begegnet war?

Holm beruhigte durch seinen freundlichen Zuruf die Erschreckten. Im Namen aller seiner Gefährten -- gegenwärtig nicht vorstellbar, wie er beifügte, -- erzählte er den Hergang des Geschehenen und bat um gastliche Aufnahme im Städtchen.

Die Antwort klang deutsch, norddeutsch sogar; sie entzückte die Hörer: »Willkommen bei Landsleuten, ihr Herren! Geht nur hinunter und laßt euch Speise und Trank geben. Gott zum Gruß!«

Damit entfernten sich heimlich lächelnd die Frauen, um weiterhin am Strande junge Schildkröten aufzulesen; unsere Freunde aber fanden es nun doch geraten, an dieser Stelle, die sich bei näherer Betrachtung als gangbare Landstraße erwies, nicht länger in Adams Toilette zu verharren, sondern sich im ganzen Glanze ihrer vielfach zerrissenen und von Flecken übersäeten Leinenkleidern den Bewohnern des Örtchens zu präsentieren. Eine Stunde später hielten sie jenseits der schnell umrittenen Meeresbucht unter dem kuriosen Türmchen ihren Einzug, und am Abend dieses so schön begonnenen Tages schliefen sie wie die Bären in Federbetten, die zwar nicht in Deutschlands Gauen, aber doch nach deutscher Art gestopft waren. In Federbetten! -- seit Hamburg hatten sie keine mehr gesehen, seit Hamburg sich nicht so behaglich gestreckt, so zu Hause gefunden wie hier unter diesen ländlich-einfachen Leuten.

Alles deutsch, deutsch. Früh am Morgen gab es Kaffee und eigengebackenes Brot, »Stuten«, wie die lächelnde Wirtin sagte; die Kinder mußten ihre Lektionen wiederholen und wanderten zur Schule; der Schmied und der Böttcher arbeiteten auf der Straße vor den Werkstätten; hüben und drüben erklangen deutsche Lieder. Die freundlichen Leutchen ließen sich von ihren Gästen wieder und wieder erzählen, was sie alles Schönes, Herrliches in der weiten Welt gesehen, besonders die alte Großmutter horchte begierig diesen Berichten, aber sie schüttelte doch zuletzt den Kopf und fuhr mit dem Rücken der mageren zitternden Hand über die feuchtgewordenen Augen. »Zu Hause ist es am besten,« sagte sie dann, »in Deutschland ist alles am besten.«

Namentlich Franz erfreute sich ihrer Gunst. »Setze er sich zu mir, junger Herr,« konnte sie in urwüchsigem Plattdeutsch bitten, »ich möchte ihn einmal etwas fragen. Sieht er, mein Sohn, der Bauer hier im Hause sagte zuweilen, daß auf unseres Herrgottes Erde die deutsche Heimat gerade unter unseren Füßen liege und daß ich, wenn meine Stricknadel dazu lang genug wäre, hier in den Boden hineinbohren und zu Hause in Deutschland wieder ans Tageslicht kommen könne. Ist das die Wahrheit?«

Und als der junge Mann lächelnd bejahte, da wiegte sie den eisgrauen Kopf. »Dann hätte man also gar nicht weiter von Deutschland fortkommen können, als bis hierher, junger Herr?«

»Zu Lande nicht, Mütterchen.«

Die Alte schwieg lange Zeit. »Grüße er mir das liebe kleine Holstein, wenn er wieder heimkommt, junger Herr,« bat sie endlich. »Da hat vor achtzig Jahren meine Wiege gestanden.«

Franz drückte gerührt die faltige Hand. Ihm und allen anderen wurde es schwer, von diesem traulichen Asyl, das den müden Wanderern Leib und Seele neu erfrischt, nach einigen Tagen des behaglichen Ausruhens wieder zu scheiden. Wie eine Art Heimatsgefühl war es über aller Herzen gekommen; wie von lieben Angehörigen nahmen sie Abschied, und mehr als ein Seufzer flog zum Städtchen zurück, nachdem die kleine Schar abermals im Sattel saß und neuen Gefahren, neuen Anstrengungen entgegenging. Dieser Weg wurde jedoch durch die erhaltene Begleitung mehrerer Bauern, die Wolle zur Hauptstadt brachten, und durch die mitgenommenen reichlichen Vorräte bedeutend erleichtert. Vorüber an himmelhohen Gebirgszügen mit prächtigen Gipfeln an zahlreichen anziehenden Punkten ging es in bequemen Tagereisen und unter dem Schutze ausreichender Ortskenntnis langsam durch das reizlose Land zum Schiff zurück, wo schon der Kapitän und Papa Witt angefangen hatten, heimliche Besorgnis zu hegen.

* * * * *

Als man am ersten Abend behaglich in der Kajütte saß, warf der Kapitän, der mit Genugthuung einige Herabstimmung bei unseren Freunden gemerkt hatte, mit schlauem Lächeln die Äußerung hin: »also morgen nach dem Südpol?«

Eine längere Pause entstand. Man sah sich gegenseitig an, niemand sagte ein entschiedenes Ja, von dem sonst so kühnen Franz ward sogar ein Seufzer gehört.

Da brach Holm das Eis. »Kinder,« rief er, »seien wir ehrlich. Es ist offenbar, daß niemand mehr rechte Lust zu diesem ausschweifenden Unternehmen hat, nehmen wir uns nicht selbst unnötig beim Wort, sondern gehen wir mutig einen Schritt zurück und dampfen wir durchs Korallenmeer ruhig nach Samoa. Da ist's wärmer und behaglicher, und wir kommen einige Monate früher nach Hause.«

»Früher nach Hause, das ist das Entscheidende!« jubelten die Knaben, der Doktor nickte billigend mit dem Haupte und alle atmeten auf, als sie sich von dem etwas übereilt gefaßten Vorhaben befreit fühlten.

»Damit aber die schönen Wärmemittel nicht umkommen,« rief Holm, »der herrliche Arrak und die treffliche Zitrone, die uns eure gute Mama für den Südpol geschickt hat, soll uns auch die warme Zone nicht hindern, einen herzhaften Punsch zu brauen. Ihr wißt ja: vier Elemente innig gesellt ...«

Und so geschah es. Das erste Glas galt dem Südpol, vor dem man glücklich bewahrt geblieben war.

Vierzehntes Kapitel.

Der Dampfer durchschnitt die blauen Fluten des Großen Ozeans. Nach herrlicher Fahrt durch das Korallenmeer, südlich um Neukaledonien herum, näherte man sich, quer die Gazelletiefe durchschneidend, dem nächsten Ziele, als welches die Tongainseln ausersehen waren. Die altgewohnten Bilder südlich-tropischer Prachtfülle luden wieder alle Sinne zum Genuß. Hier ragten aus dem Meere die sogenannten Atolls, die schmalen, unbewohnten, meist bogenförmigen Koralleninseln, auf denen schlanke Palmen ihre Kronen wiegten, wo große, schöne Seevögel nisteten und ein reiches, üppiges Grün das Auge des Beschauers entzückte; dort dehnte sich das Gestade eines kleinen, waldigen Inselchens, auf dessen Rund die Forscher nur wenige Pflanzen und Insekten, aber keine menschliche Wohnung fanden, -- überall glänzte Schönheit und höchste Vollentfaltung der Natur. Auch das Meer selbst zeigte neue Gestalten. In zahlreicher Fülle umschwamm das Schiff eine Quallenart, wie sie bisher noch nicht erschienen war, eine Familie von Einzelwesen, die jedoch zusammen ein geschlossenes Ganzes bildeten, und bei deren Anblick die Reisenden nur verdroß, daß auch dies farbenschöne Geschöpf nicht eingefangen und mitgenommen werden konnte.

An einer zarten, milchweißen Schwimmblase hingen mehr als fünfhundert kleine, weiße Glöckchen, die immerfort auf- und zuklappten und dadurch das sonderbare Wesen über Wasser erhielten. Sie glichen durchsichtigen klaren Tröpfchen, deren Reiz nur übertroffen wurde durch den des roten gewellten Stieles, des eigentlichen mit Saugapparaten versehenen Nährpolypen, von dessen Rund je eine rosige Kapsel das abwärts geneigte Tröpfchen wie ein Dach überschattete, der fadenartig dünn auslief und gegen das Ende hin weniger und immer weniger kleine Glöckchen trug. Das Ganze glich einer riesigen, aus den zartesten weißen Perlen zusammengesetzten Traube, es lag in der obersten Wasserschicht wie das Geschmeide einer Kaiserin, würdig, im Fürstensaale zu prangen, das Kunstvollste, Reizendste, was auf dem ganzen weiten Gebiet der schaffenden Natur den Forschern begegnet war -- und doch in Wirklichkeit nur klebriger Schleim. Holm versuchte nicht, es einzufangen, ebensowenig die hier im großen Ozean schwimmenden, gleich einem wandernden Blumenbeet dahinsegelnden Seerosen, deren bunte Farben das Schiff umgaukelten, während sie in allen übrigen Meeren nur festsitzend auf dem Grunde angetroffen waren; er machte noch einige Züge mit der den Orang-Badju so mühsam abgetrotzten, unterseeischen Laterne; aber die Hauptaufmerksamkeit galt hier doch den Inseln, nicht dem Meeresgrunde, dessen Bewohner in seinen Sammlungen, so weit möglich, schon alle vertreten waren.

An den Tongainseln warf das Schiff zum erstenmale nach langer, schöner Reise wieder seine Anker aus, natürlich nicht in einem Hafen, sondern wo gerade der überall flache, langgestreckte Strand die Landung gestattete. Daß es nicht ratsam sei, hier unter den Wildesten aller Wilden, wo selbst noch Menschenfresser gefunden werden, weite Landreisen zu machen, wußten die jungen Leute, aber zu zwanzig Mann das Ufer betreten, wohlbewaffnet und wohlversehen mit allerlei Geschenken, das ging doch an. Sie nahmen alte Kleider, Lebensmittel, ein paar Säbel und Dolche sowie etwas bunten Kattun; dann wurde das nächste Dorf aufgesucht. Am Strande fischten langbeinige Reiher und große kornblumblaue Eisvögel; in allen Zweigen lebte und wogte es von den schönsten Papageien und Singvögeln, bunte Schmetterlinge segelten durch die Luft, Bienen flogen summend umher, und Käfer krochen am Boden; nur Säugetiere sahen die Reisenden nicht; auch selbst die kleinsten Arten fehlten.

Große, schöne Menschen, hellfarbig mit schwarzen, klugen Augen und langem, schwarzen, durch Kalk an den Spitzen gelb gefärbten Haar kamen aus den Gebüschen hervor und besahen neugierig wie harmlose Kinder die fremden weißen Menschen. Ihre Hütten waren die bekannten Pfahlbauten, welche Bienenkörben gleich hart neben einander im Kreise standen, und wo sich nach australischer Weise der Herd in einem Erdloch mitten in der Wohnung befand; sie zeigten teilweise hübsche, geflochtene Matten, einige Körbe, Waffen und Schmuckgegenstände aus Korallen, im ganzen aber blickte doch die Trägheit und Armut der Bewohner überall durch. Trotz des gesegneten Klimas und des überaus fruchtbaren Bodens war nirgend eine Spur von Landwirtschaft aufzufinden; vielmehr lebten die Leutchen von dem, was der Himmel freiwillig spendete, und wenn ja zuweilen irgend eine Mühe aufgewendet wurde, so war es die, den Meerwurm einzufangen und das widerwärtige Gericht auf heißen Steinen zu rösten.

Die ganze Insel erschien wie ein einziger, großer, schöner Garten, zum Teil Park mit hohen, alten Bäumen, zum Teil flaches Land, auf dem nur die Tierwelt fehlte, um es zum Paradies zu gestalten. Tauben in den seltsamsten Farben, weiß mit violettem Kopf oder weiß mit rosenroter und grüner Brust, bevölkerten die Bananenbäume, deren Früchte sie naschten; Zwergloris, ganz kleine, purpurne und grüne Papageien, zerfaserten die Nüsse der Kokospalme, blaue und weiße Winden krochen an allen Stämmen hinauf, die Sandelholzbäume boten kostbaren Wohlgeruch, und Baumwollenstauden erhoben überall die kapselartigen Häupter.

Es war nicht möglich, sich mit den Wilden zu verständigen, aber dennoch schienen sie den Begriff des Tauschhandels recht gut zu kennen, so daß für die Sachen, welche unsere Freunde mitgebracht hatten, ganze Massen frischer Früchte an Bord kamen. Auch Wasser wurde eingenommen, und nachdem das Dorf besehen, die hauptsächlichsten Vogelarten erlegt und ein paar Zweige des Sandelholzbaumes mitgenommen waren, luden unsere Freunde die schönen, zutraulichen Menschen ein, nun ihrerseits das Schiff zu betrachten. Eine Menge Kähne, lauter sogenannte Einbäume, lagen am Strande, und auf ihnen ruderten die Polynesier heran, Männer und Frauen, Kinder und Erwachsene, sämtlich nackt bis auf den Grasgürtel; sie untersuchten jedes Stück, schwatzten unter einander ohne Aufhören und verlangten wie Kinder alles, was ihnen gefiel. Nur vor Büchern zeigten sie entsetzliche Furcht. Keine Überredung kein Lockmittel konnte sie bewegen, irgend einen Band mit ihren Händen zu berühren, ja, wenn die Weißen den Deckel zurückschlugen und so das Gedruckte ans Tageslicht kam, dann flohen sie bis an das entgegengesetzte Ende des Schiffes und zuweilen sogar ohne weiteres köpflings ins Wasser. Es machte sich bei ihnen die ganze Natürlichkeit des wilden Zustandes geltend, dennoch aber mußten sie von weißen Eroberern schon gehört haben, mußten wissen, daß Bücher für allerlei einengende und unbequeme Zwecke ihnen gegenüber das Mittel waren, daß sie gefährliche Zaubereien enthielten und der gefürchteten Rasse als Waffen dienten.

Erst die hereinbrechende Nacht zwang die Leutchen, in ihren steuerlosen Kähnen, deren jeder einen Zwillingsbruder von ganz gleicher Gestalt, nur unausgehöhlt, wohlbefestigt neben sich führte, ans Land zurückzukehren; das Schiff dagegen blieb liegen, um vor Antritt der Weiterreise an gesicherter Stelle auch das nächtliche Naturleben dieser Breiten kennen zu lernen.

Vom nahen Ufer herüber rauschten die Baumkronen, helle Tropennacht lag auf der leise rollenden See, und hier und da regten sich die Geschöpfe des Strandes oder der Tiefe. Schildkröten watschelten schwerfällig auf dem Kies, große fischende Reiher und Möwen strichen hart über der Oberfläche des Wassers dahin, und durch die Luft huschten graue, häßliche Vampire, sogar das Schiff streifend, lautlos mit faltigen, niedrigen Flügeln und scharfen Krallen. Unzählige kleine Quallen, die Noktiluken und Salpen verbreiteten, in gewundenen Zügen schwimmend, das schöne demantartige Meerleuchten, Fische tauchten auf, und flatternde Nachtvögel jagten einander in den Zweigen. Als die Morgenröte am Himmel emporstieg, hatte sich das ganze Meer mit kleinen, dünnen Würmern wie mit einer erdgrauen Schicht völlig bedeckt; vom Lande stießen eine Menge Boote, in denen die Eingebornen mit großen Körben saßen und geschickt in einer Art Netz die unappetitliche Speise einfingen. Das Wort »Palolo« ging von Mund zu Mund, und sobald ein Korb gefüllt war, trugen ihn die Frauen in das Dorf, um den Inhalt auf heißen Steinen zu rösten.

Dieser Palolofang schien ein besonderes Fest; wahrscheinlich zeigte sich der Wurm nur selten, weshalb auch die Frauen ihr Haar mit Palmöl, Sandelholz und Blumen geschmückt hatten, während die Kinder durch Tanzen und Jubeln ihre Freude zu erkennen gaben. Einige der schönen, hellfarbigen Gestalten kamen auch an Deck, um die schreckliche Speise anzubieten, und wurden reich beschenkt mit bestem Dank wieder entlassen, indes Hühner und Affen den Wurm eilfertig verzehrten, die Menschen dagegen schaudernd den sonderbar fettig und brenzlich duftenden Pudding von sich wiesen.

Das Schiff lichtete seine Anker und steuerte den Fidschiinseln zu. Von diesen sollte es, da fast alle verschiedenen Gruppen einander im hauptsächlichsten gleichen, nur noch dem eigentlichen Ziele, den Samoainseln, einen Besuch abstatten und dann die Heimreise antreten. »Von den drei größeren Unterscheidungsformen der ozeanischen Völkerschaften, den Melanesiern, Polynesiern und Mikronesiern, sind nur die Polynesier für uns noch neu,« hatte Holm gesagt, »die beiden andern dagegen nähern sich der schwarzen genugsam bekannten Rasse, sind -- namentlich in Neuirland, Neuhannover und den Neuhebriden -- falsch und diebisch, wogegen die Mikronesier ganz in der Unkultur und Armut der Negervölker dahinleben; wir wollen deshalb ihren Inseln keine weitere Aufmerksamkeit zuwenden, sondern, lieber den berüchtigten Fidschianern unsere Visite machen: in Samoa ist dann der Aufenthalt ein längerer und eingehenderer.«

Damit waren die übrigen einverstanden, und so dampfte das Schiff durch die heiße, inselreiche See dahin, oft an einzelnen Klippen, oft an blühenden Ufern vorüber, so recht in dem vulkanischsten, den meisten und bedeutendsten Erdbeben ausgesetzten Teile unserer Erde, immer zwischen Korallenfelsen, zwischen den Häuptern rauchender Krater und ganzer Züge erloschener, ehemals feuerspeiender Berge, aus deren brodelndem Inneren sich dereinst vor Jahrhunderten die heute so blühende Insel herausgehoben hatte. Fast alle waren sie von Korallenriffen umgeben, fast alle von einer Menge kleinerer Inselchen und vorspringender Klippen wie von einem grünen Gürtel eingeschlossen; zuweilen glitt das Schiff langsam am Ufer dahin, so nahe, daß die nackten Gestalten der Bewohner deutlich erschienen, oder daß weiße, nach europäischem Muster aufgeputzte Gebäude durch das Grün der Bäume hervorschimmerten, jedesmal ein Anblick, den die gesamte Mannschaft durch lautes Hurra begrüßte.

»Morgen laufen wir in Viti-Levu ein,« sagte nach dreiwöchentlicher Reise der Kapitän. »Ich hoffe es wenigstens!« --

Holm sah ihn an. »Wenn es nicht heute noch einen Orkan gibt, gelt?« fragte er. »Himmel und Wasser haben eine eigentümliche Beleuchtung, -- mich deucht, das Meer ist unruhig, obgleich man doch keinen Wind verspürt.«

Der Kapitän antwortete ausweichend. Eine der Fidschiinseln, eine kleine, namenlose, mit hohem, rauchendem Vulkan lag zur Rechten des Schiffes und vor ihr mehrere grüne mit Palmen bestandene Erdfleckchen, mehrere vulkanische, wildzerrissene Klippen -- auf diese richtete er sein Augenmerk. Plötzlich deutete er zu dem Krater der Hauptinsel hinüber. »Da haben wir es, ich dachte mir's bereits!«

Ein rollender, knatternder Ton erfüllte die Luft, eine hohe Feuersäule schlug gen Himmel, und Ströme gelber, glühender Lava flossen nach allen Richtungen am Berg hinunter in die Tiefe. Große Steine wurden hoch emporgeworfen und fielen donnernd wieder hinab in den entsetzlichen Schlund, die ganze Umgebung war in Rauch und Asche gehüllt. Auf dem Schiff standen sämtliche Reisende und betrachteten das herrliche Schauspiel, dem sich jetzt vom Himmel herab ein Gewitter mit blendenden, zuckenden Blitzen zugesellte. Da plötzlich begann die Unruhe, welche das Wasser schon seit Stunden beherrscht, in förmliches Toben überzugehen. Wie im stärksten Sturm hoben sich unter vollkommenster Windstille die Wellen; auf der Oberfläche erschienen Blasen; das Schiff wurde wie von unsichtbaren Händen geschüttelt, so daß jeder der Männer, um nicht zu fallen, nach irgend einem festen Gegenstand griff, und dann, als das Murren und Grollen, das Zischen und Donnern seinen Höhepunkt erreicht, dann geschah etwas, dessen Anblick den Weißen wie ein Zauberkunststück vorkam, das ja unmöglich Wahrheit sein konnte.

Die kleinen Inselchen mit ihren Palmen und Bananen, die Klippen von sonderbarer phantastischer, fast einem Riesenvogel gleichender Form -- sie alle schienen zu schwanken, sich zu neigen, die vorderste Klippe drehte sich sogar um ihre eigene Axe -- unmöglich, unmöglich, das konnte nicht sein, das war ein Blendwerk. -- --

Aber da rauschte es auf, hundertfältiger Donner zerriß den Schoß des Meeres, mitten aus der Klippe fuhr ein Flammenstrahl, betäubend brüllten die Wogen, ganze Berge türmend, ungeheure Wassermassen, die das Schiff wie einen Kreisel drehten, die spritzend, kochendheiß, von Dampf und Funken umflogen, bis über die Schornsteine hinauf ihren Tropfenregen entsandten und überall, wohin sie trafen, die Haut der Männer empfindlich verbrannten. Ein Schrei brach von den Lippen der Beherztesten, mehrere waren von dem Stoß zu Boden geworfen worden, alle lähmte Schreck und Verwirrung. Als aber einige Besinnung zurückgekehrt, und sie wieder hinaus sahen auf den Ort der gespenstigen Katastrophe, da war von den schwankenden Inselchen, von der brennenden, in helle Gluten getauchten Klippe nichts mehr zu entdecken; die Tiefe hatte sie für immer verschlungen; nur große Stücke Schlacken und eine Unmasse grauer und gelber Asche trieben auf den stiller werdenden Wellen, daneben aber auch tote, buchstäblich gekochte Fische, Würmer, Schnecken und Muscheln in großer Anzahl. Binnen wenigen Augenblicken war die ganze Oberfläche des Meeres davon bedeckt; Krebse im schönsten Todesrot, alle Arten eßbarer Flossenträger, Tintenfische, selbst ein Hai, dazu kleine Schildkröten und Muscheln, so trieb es, emporgeworfen von den unterirdischen, den Boden des Ozeans aufwühlenden Gluten, leblos neben einander, während drüben die Ausbrüche des Vulkans fortdauerten und aus den Wolken Blitz auf Blitz herabzuckte.