Das Naturforscherschiff oder Fahrt der jungen Hamburger mit der "Hammonia" nach den Besitzungen ihres Vaters in der Südsee.

Part 40

Chapter 403,596 wordsPublic domain

Keiner der Weißen fand im Augenblick Worte diesen rührenden Auseinandersetzungen gegenüber. Wie hatte der verbannte, auf den unfruchtbaren, verödeten Küstenstrich vom Schicksal verschlagene Mann so treulich gestrebt, innerhalb des Gedankenkreises seiner Schüler das Christentum zu erwecken, wie schwer und mühevoll war sein Los gewesen!

»Wer hat denn für euren Freund das Kreuz gezimmert?« fragte endlich Holm.

»Er selbst. Er hat auch den Holzkasten, worin er liegt, mit eigener Hand gemacht; mich trug er auf den Armen, als ich noch ein kleines Kind war.«

»Also ruht er lange schon!« setzte der Doktor hinzu. »Und was er ausgesäet, ist wieder überwuchert vom Unkraut; die er als Säuglinge taufte, sind heute Wilde und vielleicht arge Schurken dazu. Aber einen Kranz auf das einsame Grab wollen wir doch legen, nicht wahr?«

Die jungen Leute hatten schon den gleichen Gedanken gehabt. Schilf und ein paar spärliche Blüten, wie sie die australische Flora hergab, bildeten einen schlichten Kranz, der das Holzkreuz rings umflocht. Nachdem so der tote Mann ihrer eigenen Farbe von den Weißen geehrt worden war, setzten sie ihre Reise fort, wobei noch der Wilde eingestand, daß er eigentlich John Eward heiße, später aber nach Landessitte von den Seinen wieder Heu-Heu genannt worden sei.

»Sind denn außer diesem einen nie mehr Missionare hierhergekommen?« fragte Franz.

»Doch, noch viele, aber wir haben sie totgeschlagen. Weiße und wir können nicht zusammenleben.«

»Da hat er recht,« nickte Thompson. »Eigentümlich genug; aber dies Volk verträgt und mischt sich mit der weißen Rasse nirgends. Wie in Nordamerika die Indianer, so werden in ganz Australien die Eingebornen verdrängt und sterben aus, aber sie schließen mit uns keinen Frieden.«

Heu-Heu sah von einem zum andern. Er hörte, daß von seinem Volke gesprochen wurde, -- der lauernde Blick zeigte, daß er etwas verbarg.

»Nicht so schnell,« ermahnte er schon nach den ersten Wegstunden. »Ich kann mit euren großen Pferden unmöglich Schritt halten.«

Der Führer zügelte sein Tier. »Komm her,« sagte er, »setze dich hinter mich, der Gaul verträgt's schon eine Weile.«

Dazu war der Schwarze unter keiner Bedingung zu bewegen, er sträubte sich aus allen Kräften gegen die Nähe des Pferdes, so daß nichts übrig blieb, als im Schneckenschritt den Weg fortzusetzen; dafür aber wurden auch keine Pausen gemacht, zumal nichts zu kochen vorhanden war. Nur als endlich die Nacht herabsank, mußte notgedrungen den Tieren und dem Wilden eine Erholung gestattet werden, obgleich freilich die Weißen an keinen Schlaf dachten.

Die Reiter hielten ihre Tiere an den Zügeln und ließen sie weiden oder sich ausstrecken, während sie selbst die harten Lebensmittel hinunterwürgten. Im weiten Kreise umstanden die Führer das Lager, es war somit an eine plötzliche Überrumpelung nicht zu denken.

»Schlaf!« ermahnte Mr. Thompson den Neger. »Wonach spähst du umher?«

Heu-Heu streckte sich sofort gehorsam auf den Fußboden. »Ich glaubte ein Geräusch zu hören,« stammelte er. »Dort! -- hinter den Gebüschen regte sich's.«

Er deutete auf eine in der Richtung des weiteren Weges ziemlich entfernt stehende Gruppe von hohen, üppigen Farnen. »Gewiß, von daher klangen Stimmen,« beharrte er.

Die Führer wechselten Blicke. »Hinter uns lauert der ganze Stamm,« flüsterte Thompson. »Hätte ich es nicht schon längst geglaubt, so wüßte ich es jetzt. Wenn wir uns von diesem Schurken verleiten ließen, das Gebüsch abzusuchen, so wäre unser Untergang sicher.«

Einer der anderen näherte sich ihm. »In einer Stunde haben wir Mondschein, Thompson,« raunte er. »Wie wäre es, wenn wir den Schwarzen an Händen und Füßen knebeln, ihm das Verrätermaul stopfen und ihn auf eines der Pferde binden, so daß er den übrigen Teufeln kein Zeichen geben kann? -- Sie sind hier, das ist vollkommen gewiß.«

»Vollkommen!« bestätigten alle. »Der Schwarze liegt mit offenen Augen, ich habe ihn fortwährend beobachtet.«

»^Well!^« nickte der Anführer. »Verhaltet euch ganz ruhig, macht euch mit den Tieren zu schaffen, legt ihnen Decken auf, hört ihr!«

Die Leute zerstreuten sich anscheinend absichtslos. Einer oder der andere suchte unter den Bäumen eine Stelle, um mit dem Zügel über dem Arm eine Viertelstunde zu ruhen, die meisten aber breiteten über ihre Tiere die am Sattelknopf befestigten Wolldecken, ohne indessen den schlauen Thompson auch nur für eine Sekunde aus den Augen zu verlieren. Sie kannten ihn, sie wußten, daß er »mit allen Salben geschmiert« sei und schon hundert Kämpfe mit den Eingebornen bestanden hatte, aber dennoch begriffen sie nicht, was er jetzt im Schilde führte.

Auch der Neger beobachtete heimlich. Eine heiße Ungeduld durchflutete sein Inneres, -- würde denn nicht endlich der Zeitpunkt kommen, wo die Natur ihre Rechte geltend machte, wo die weißen Männer, eingewiegt in trügerische Sicherheit, die Augen schließen und in Schlummer versinken mußten?

Thompson glitt hart an ihm vorüber. Er ging langsamen Schrittes, wandernd die große Wolldecke auseinander faltend und seinem ruhig weidenden Pferde einige ermunternde Worte zurufend. »Wollen dich einhüllen, alter Kerl, damit dir die Nachtkühle nicht schade, he? -- bewahrt ist besser als beklagt!«

Während er im Tone harmloser Gutmütigkeit anscheinend dem Tier diese Rede hielt, brachte ihn ein plötzlicher, mit staunenswerter Keckheit ausgeführter Seitensprung in die unmittelbare Nähe des Negers, hatte er über den Kopf desselben die Decke geworfen und durch handfesten Druck auf den schwarzen Mund jeden beabsichtigten Schrei im Keime erstickt. Jetzt sah er lachend zu seinen Genossen hinüber. »Besteigt die Pferde, meine Herren, es ist Zeit, daß wir uns von hier entfernen; die Kerle sind ganz in der Nähe, das behaupte ich, -- diesen Burschen nehmen wir eine Strecke Weges mit uns.«

Er und zwei andere banden während dieser Worte die widerstrebenden Glieder des Schwarzen, der auf jede erdenkliche Weise loszukommen und namentlich den Gebrauch seiner Stimme wieder zu erlangen suchte. »Ho, ho, Freundchen,« murmelte er belustigt, »nicht so wild. Beißt der Kerl wie eine Katze in meine Hand hinein. Na, na, jetzt hast du Ruhe, nicht wahr?«

Er erhob sich vom Boden und zog das Pferd am Zügel heran. Der Neger, den Knebel im Mund, bis unter die Nase wie ein Paket zusammengeschnürt, konnte nur in ohnmächtiger Wut zuweilen gleich dem Fisch auf dem Trocknen mit halbem Leibe vom Gras emporschnellen und die Augen rollen, als wolle er alle Weißen verschlingen.

»Thompson,« lächelte Holm, »Sie sehen Gespenster. Es ist ja weit und breit alles so ruhig wie in einer Kirche.«

Der Führer nickte. »Aufgepaßt, meine Herren!« versetzte er. »Der Beweis soll sogleich geliefert werden. Sind Sie alle bereit, Ihren Tieren auf das erste Signal hin die Sporen zu geben?«

»Alle! -- aber da ist nichts zu fürchten, Thompson.«

Statt jeder Antwort drehte der alte Squatter den Kopf in der Richtung des zurückgelegten Weges und stieß dann mit aller Kraft seiner Lungen einen tierisch-wilden, furchtbaren Schrei hervor. Es war der Kriegsruf der Australier. Die versteckten Schwarzen sollten glauben, mittels dieses langgezogenen, gellenden Tones von ihren Genossen ein Zeichen zu erhalten, sollten antworten und den geplanten Überfall ins Werk setzen.

Die List gelang vollständig.

Auf der offenen Ebene, die jetzt erreicht war und von dem Strahlen des aufsteigenden Mondes ringsum hell beleuchtet wurde, hielten in breiter Reihe, einer neben dem anderen, die Reiter; aller Blicke waren rückwärts gerichtet.

Und wie das Geschrei von Hunderten von Teufeln brach es los; es zerriß die Luft und ließ das Trommelfell erzittern unter seiner donnerartigen Wucht.

Schwarze, nackte Gestalten sprangen aus den Büschen, wilde Gestikulationen zeigten das rachsüchtige Verlangen nach Raub und Mord. In jeder Hand wirbelte hochgeschwungen der Bumerang, jede Kehle überbot sich in wüstem, sinnverwirrendem Geschrei.

»Achtung!« gebot mit Donnerstimme der Führer. »Vorwärts!«

Und dahin über die Ebene jagten fünfzehn Rosse, daß »Kies und Funken stoben.« Wie durch Zauberei erstarrte mitten im Ansatz beim Erblicken dieser fliehenden, ihrer Bestialität entzogenen Opfer das Toben der Wilden. Sie blieben plötzlich stehen, als habe eine feindliche Macht ihre Glieder gelähmt, der eine mit erhobenem, der andere mit herabhängendem Bumerang, -- alle totenstill, -- regungslos.

Aber nur sekundenlang währte diese Erstarrung; dann begann wie auf ein allgemeines Signal die Verfolgung, welche indessen unsern Freunden keinerlei Befürchtungen einzuflößen brauchte. Brüllend und kreischend, losgelassenen Teufeln gleich, werfend, sich überstürzend im rasenden Laufe, folgte die schwarze Schar den ausgreifenden Pferden; matt und unschädlich fielen ihre Waffen weit hinter den Bedrohten in das Gras, schwächer und schwächer verhallte das Kriegsgeheul, immer undeutlicher wurde den Zurückblickenden der tobende Haufe, bis endlich nichts mehr zu sehen und nichts mehr zu hören war. Nur der Mond schien mit halbem, wolkenverhülltem Glanz vom Himmel herab, hie und da rauschte im kühleren Nachtwind eine hohe vereinzelte Kaurifichte, von den Negern aber war jede Spur verschwunden.

Thompson gebot Halt, die schnaufenden Tiere verfielen in ruhigere Gangart und standen endlich ganz still; einer der Männer sah stumm den andern an.

»Nun, meine Herren, war die Gefahr wirklich eine eingebildete?«

Holm reichte ihm über den gebundenen Neger hinweg die Hand. »Wir verdanken Ihnen das Leben, Thompson,« sagte er. »Die schwarzen Teufel hätten keinen von uns verschont.«

Der alte Squatter lachte. »Ich kenne die Schufte seit dreißig Jahren,« versetzte er, »weiß, was sie wert sind und was man von ihnen zu erwarten hat. Als dieser Kerl hier während der letzten Nacht mehrere Male vergeblich zu stehlen versuchte, da stand es für mich ganz fest, daß wir einen Kampf auszufechten haben würden. Die Neger hier herum sind rachsüchtig; sie vergessen und verzeihen nie.«

»Was wollen Sie denn mit Ihrem Gefangenen machen, Mr. Thompson?« fragte der Doktor. »Ich hoffe, daß Ihnen blutige Wiedervergeltungspläne fernliegen.«

Der Squatter lüftete den breitkrempigen Strohhut. »Ich will dem Schlingel nichts zuleide thun, Ehrwürden,« lächelte er, »die Glieder schmerzen ihn ohnehin noch acht Tage, und die Wut erstickt ihn beinahe.« Er sprang vom Pferd und warf den gebundenen Neger wie einen Packen in das hohe, weiche Gras, dann durchschnitt er die Stricke, welche Arme und Füße umwunden hielten. »So, nun lauf, du Spitzbube und grüße deine schwarzen Gesellen. Der weiße Mann sei doch noch klüger als sie.«

Während sich der Neger unter dem lauten Lachen aller Anwesenden mit den krampfhaftesten Verrenkungen aus seiner Decke hervorschälte, hatte der Squatter das Pferd wieder bestiegen und die ganze kleine Gesellschaft setzte in langsamerer Gangart den Weg durch die Ebene weiter fort. Zur Linken rauschte in einiger Entfernung das Meer, ein kalter Wind strich über die Klippen dahin und zuweilen war das lächelnde Mondgesicht derartig unter Wolken versteckt, daß tiefe Finsternis die ganze Umgebung beherrschte. Nur im Schritt konnte dann die Bahn verfolgt werden; jetzt, nachdem die nervöse Spannung der letzten Stunden nachgelassen, fühlten alle Reiter die natürliche Ermüdung des tagelangen und noch dazu unter den härtesten Entbehrungen zurückgelegten Weges; auch die Pferde schnauften und schüttelten die Köpfe in zunehmender Ungeduld. Nur an einer einzigen unbedeutenden Quelle war man seit heute früh vorübergekommen, nur einmal hatten Menschen und Tiere trinken können; das machte sich jetzt immer quälender bemerkbar.

Noch eine halbe Stunde wurde schweigend die Reise fortgesetzt, dann riet Thompson zu einer kleinen Rast, die den Tieren durchaus notwendig sei. Für die Menschen gab es nichts zu beißen und zu brechen, die Pferde dagegen fanden wenigstens Gras in Hülle und Fülle, so daß ihnen die Entbehrung des Trinkwassers etwas erleichtert wurde. Bald ging es wieder vorwärts, -- wohin, das wußte keiner unter ihnen.

Vielleicht hatte ja Heu-Heu eine Fabel berichtet, als er von der am Meer gelegenen Kolonie der Weißen sprach, -- vielleicht wohnte hier herum ein anderer Negerstamm, und die kaum überwundene Gefahr begann von neuem.

Wie bei einem Leichengefolge so ritten langsam und schweigend die fünfzehn Männer hinter einander durch die Einöde; keiner konnte sich der schlimmsten Befürchtungen entschlagen; es gab keinen, der nicht Kopfschmerz und Ermattung fühlte, alle Stirnen brannten, über den Rücken jedes einzelnen lief es unnatürlich kalt herab, fast wie beginnender Fieberfrost.

Und dennoch mußten sie vorwärts, keiner durfte zurückbleiben, niemand den Mut verlieren. Vor ihnen lag eine weite Ebene, nirgendwo ein Baum, der Früchte lieferte oder nur erquickenden Schatten spendete. Der letzte Zwieback war gegessen, der Hunger meldete sich ungestüm. Die Männer schwiegen wie in dumpfer Verzweiflung, und die Knaben, ihrem Beispiele folgend, äußerten keinerlei Klage, obgleich ihnen jeder ansehen konnte, wie sehr sie litten.

Hans atmete fieberhaft. Seine Augen lagen tief in ihren Höhlen, die Lippen waren trocken und heiß. »Nur Mut, mein armer Junge,« suchte Holm ihn zu trösten. »Werde mir nur nicht krank. Mit Gottes Hilfe werden wir auch diese Prüfung überstehen.«

»Es klingt mir so seltsam vor den Ohren,« flüsterte Hans, »wie ferne Musik und dazwischen ist mir, als hörte ich die Stimme meiner Mutter, ich habe sie sogar deutlich gesehen, wie sie mir ein Glas Wasser reichte und ein großes Butterbrot. Als ich zugreifen wollte, war sie aber verschwunden.«

Holm blickte den Knaben ängstlich an. »Er ist kränker vor Hunger und Durst als ich dachte,« sagte er zu sich selbst, »denn er sieht schon die Traumerscheinungen, welche das langsame Verschmachten zu begleiten pflegen. Naht sich denn keine Rettung?«

Und weiter ging es vorwärts in der Hitze. Die weite Grasfläche schien kein Ende nehmen zu wollen. Der baumbekränzte Horizont, den sie vor sich sahen, wich vor ihnen zurück, wie das Trugbild der Fata morgana. Es war nicht möglich, die Entfernung bis dahin mit den Augen abzuschätzen. Die Ebenen täuschen das Augenmaß ähnlich wie das offene Meer.

»Nur ein Stückchen Zwieback,« flehte Hans, »nur ein kleines Stückchen, der Hunger thut so weh.«

»Habe nur Geduld, mein guter Junge,« sagte Holm. »Du siehst ja dort in der Ferne Wald und Busch, dort wird es uns besser ergehen.« Er hatte nicht den Mut einzugestehen, daß der australische Busch arm an eßbaren Früchten ist, aber er wollte um jeden Preis Hoffnung in dem Gemüte des Knaben erwecken.

»Wachsen dort so schöne saftige Früchte, wie auf Borneo?« fragte Hans. Holm schwieg, er konnte in dieser ernsten Stunde keine Zuflucht zu einer Notlüge nehmen.

Langsam schritten die Pferde vorwärts; es war eine traurige Fahrt. »Wenn mir nur der Knabe nicht stirbt in dieser Einöde,« dachte Holm und ein kalter Schauer überrieselte ihn bei diesem Gedanken.

Jetzt hörte der Graswuchs auf und ein dichtes Kraut bedeckte den Boden. »Sieh dort, unser heimatlicher Klee!« rief Franz. »Hier können wenigstens die Pferde sich neue Kräfte sammeln, damit sie im stande sind uns weiter zu tragen.«

»Das ist kein Klee!« rief Holm und sein Antlitz leuchtete freudig. »Laßt uns Gott danken, daß er uns diese Pflanze erreichen ließ, ehe wir verschmachteten. Wie der Herr einst das Manna in der Wüste sandte, so läßt er uns dieses unscheinbare Gewächs zum Heile finden. Steigt alle ab, laßt die Pferde weiden und sucht selber am Boden, dort werdet ihr die kleine, schalenförmige Fruchtkapsel der Pflanze finden, welche stärkemehlhaltige Körner enthält, die uns vor dem Hunger einstweilen schützen werden.«

Alle thaten, wie Holm geheißen. Reichlich waren die erwähnten Fruchtkapseln vorhanden und wenn auch klein an Gestalt und mit nur winzigen Körnchen erfüllt, so boten sie doch wenigstens Nahrung. Wie köstlich schmeckten ihnen die kleinen Liliputbissen, wie emsig pflückten sie die unscheinbare Frucht.

»Es schmeckt gut,« sagte Hans, »es erquickt mich wunderbar.«

»Wir grasen mit den Pferden um die Wette,« meinte Franz. »Wenn das die Hamburger sähen!«

»Es kann denen in der Heimat ein Dutzend Austern nicht besser munden, als uns in der Öde dieser Klee,« fügte Doktor Bolten hinzu.

»Bester Doktor,« rief Holm, »es ist kein Klee, den wir hier verspeisen, sondern die wohlthätige Pflanze, welche uns vom Verhungern rettet, ist die »Marsilea.« Obgleich ihre Blätter denen des Klees ähnlich sind, so gehört sie wegen ihrer eigentümlichen Fruchtbildung doch zu den Farnkräutern. Wenn wir auch jetzt unsere Nahrung den Vierfüßlern gleich auf der Erde suchen, so sind wir doch noch weit davon, Futterkräuter zu speisen.«

Nachdem der größte Hunger gestillt, pflückte jeder der Reisenden sich einen kleinen Vorrat der Frucht der Marsilea, worauf die Tiere wieder bestiegen wurden und die Reise weiter ging. Es war jedoch nur dem einen Quälgeist etwas gewehrt worden, dem Hunger; der Durst machte sich von Minute zu Minute peinlicher bemerkbar.

Nach und nach näherte man sich dem Waldsaume. Nirgends war eine Quelle zu entdecken oder ein Bach, der Wasser enthalten hätte.

Der Malagasche parierte plötzlich sein Tier. »Halt!« rief er ängstlich, »halt! -- Vor uns ist das offene Meer, -- dicht vor uns!«

Die Tiere standen wie auf Kommando. Sie schaukelten die Köpfe und schienen offenbar selbst durchaus nicht geneigt, weiter vorzudringen. Alle horchten.

»Der Schall kommt von links her,« meinte Franz.

»Das glaube ich auch,« fügten mehrere andere hinzu.

Rua-Roa blieb bei seiner Behauptung. »Wir haben das Meer vor uns,« wiederholte er.

Der alte Squatter unterdrückte einen Seufzer. »Ich glaube dir, Junge,« sagte er. »Alle Farbigen sind den Weißen in dieser Beziehung überlegen, -- wahrhaftig, mir selbst scheint, daß sich der Schall gegen früher etwas verändert hat.«

Er sprang vom Pferde und ermunterte die übrigen, ein Gleiches zu thun. In der dichten Finsternis schritten nun unter Führung des Malagaschen die fünfzehn Männer langsam vorwärts, deutlich und immer deutlicher erkennend, daß vor ihnen die Küste lag, daß nach wenigen Minuten ihrem Wege ein Halt geboten sein würde, ein unbedingter Halt, -- gleichviel wohin sich die Verirrten sonst wenden konnten. Der Graswuchs hörte auf, der Boden wurde erst steinig, dann sandig, Schilf erschwerte das Gehen, lauter und lauter schlugen die Wellen gegen das Ufer, ein feiner Staubregen erfüllte die Luft. Und endlich erschien das bewegte schillernde Element, vom schönsten Leuchten der zahllosen Salpen und Quallen überglänzt, wie mit Demantstreifen durchflochten, Demanten spielend auf den Strand rollend, Demanten in jeder seiner Tiefen bergend. Blau und golden, purpurn und violett schimmerten die Lichter, in Wellenlinien zog sich's über das Schwarz der Fluten dahin, weiße Schaumkronen rauschten auf und griffen springend, schrittweit hinein in das Land.

So schön, so hehr und majestätisch die Schöpfung in ihrer Ruhe, so friedlich das ganze von tiefster Stille überhauchte nächtliche Bild -- und doch, wie zerriß es die Herzen der kampferprobten, trotzigen Männer.

Dieses Rauschen und Fluten, dieser Sprühregen, diese ganze feuchte, von Wasserduft erfüllte Luft, sie erregten und erhöhten bis zur körperlichen Qual den Durst, den unstillbaren, sie wandelten angesichts dieser unübersehbaren Wassermenge das Verlangen nach etwas Trinkbarem in förmliche Verzweiflung. Die Reisenden wandten sich ab, sie ertrugen es nicht, das Salzwasser anzusehen; sie fühlten, wie Müdigkeit und Hoffnungslosigkeit ihr ganzes Denken gefangen nahmen.

Da vor ihnen kein Durchgang, links kein Durchgang, -- wie weit hinein in das Land erstreckte sich vielleicht dieser verderbenbringende Meeresarm?

Dann gab es nur eine einzige Möglichkeit, nämlich zurückzureiten, vielleicht den Wilden entgegen, vielleicht vor Hunger unfähig, sich im Sattel zu halten.

Sie dachten alle das Gleiche, keiner aber sprach es aus. Nur eins konnte sich Thompson nicht enthalten, brummend hervorzustoßen: »Wollte, daß ich den schwarzen Halunken hätte stehlen lassen, was ihm beliebte, dann säßen wir nicht in dieser unseligen Patsche!«

Der Doktor klopfte ihm auf die Schulter. »Das ist ein Irrtum, alter Freund,« versetzte er in ermunterndem Tone. »Sie durften das Unrecht, welches noch verhindert werden konnte, sicherlich nicht geschehen lassen, Sie würden auch dadurch ganz gewiß keinen Segen gestiftet haben.«

Der alte Führer nickte. »^Well^, Ehrwürden, aber -- die Frage, wie wir aus dieser Einöde lebendigen Leibes wieder herauskommen sollen, ist bei alledem doch noch ungelöst.«

»Aber sie wird sich lösen wie so viele es thaten,« beharrte der Doktor. »Lassen Sie uns vor der Hand ein paar Bäume suchen, um die Pferde festzubinden und dann unsere Wolldecken ausbreiten. Die eine Hälfte kann ja immerhin wenigstens im Schlafe Erholung suchen.«

Niemand antwortete, aber der Rat wurde dennoch befolgt.

»So laßt uns ausharren, Kinder, laßt uns ausharren,« ermahnte der alte Theologe. »Noch ein paar kurze Stunden und es ist Tag, die Sonne bringt neues Leben, neuen Mut. Wer wollte denn gleich dem ersten Anlauf erliegen?«

Während er aber die Worte sprach, fühlte der alte Herr doch selbst, wie schmerzlich ihm die Augen brannten und wie die Stimme den Dienst versagte. Er streckte sich in den Sand und behauptete mit dem Aufgebot seiner letzten Kräfte, daß es ein recht bequemes, weiches Bette sei.

Die übrigen waren eben im Begriff, ihm zu folgen, als von fern her ein schwacher Schall ihre Ohren traf, nur die Ahnung eines Schalles vielleicht, aber doch stark genug, um gleich einem elektrischen Schlage die mutlosen, verzweifelten Männer zu berühren. Es waren Glockenklänge, die da der Wind herübertrug, -- Glockenklänge, sie hatten es alle gehört, aber kein einziger unter ihnen wagte, dem Zeugnis seiner Sinne zu vertrauen.

Und doch, -- es tönte ja fort, es war keine Täuschung möglich, es wurde stärker und stärker, -- das war das Feuersignal, wie es deutsche Kirchenglocken in der Nacht den schlafenden Bewohnern des Ortes mitteilen.

Bum! -- Bum! -- Bum! -- die bekannten Einzelschläge von tiefem Baß! Wie sie fern im Städtchen die Herzen erbeben lassen mochten, wie sie hier draußen gleich Engelsstimmen erklangen, -- die deutschen Glocken!

Noch sprach keiner der Verirrten. Fürchteten sie, den Traum, den wunderbaren, erlösenden, zu scheuchen durch das laute Wort?

Holm streckte die Hand aus. Was er halb unbewußt flüsterte, das kannten sie alle, das kennt jedes Menschenherz, so weit die deutsche Zunge klingt -- --

»Soll eine Stimme sein von oben, Wie der Gestirne helle Schar« -- --

-- Ja, eine Stimme von oben! -- Glockenklang in nächster Nähe, eine Niederlassung hinter dem Meeresarm, -- was gab es da noch zu fürchten, zu klagen?

»Sagte ich's nicht, ihr Kleingläubigen,« lächelte der Doktor. »Kommt und schlaft, ich begann schon in Träume zu verfallen, -- es ist weich und bequem hier auf dem Sande.«

Er schlief den Schlaf äußerster Ermattung, indes die jüngeren Leute wachten und sich leise flüsternd unterhielten. Es mußte von hier jedenfalls einen Weg zum jenseitigen Ufer geben, vielleicht sogar direkt in Booten, die auf dem Meere lagen. Hunderte von Hoffnungen und Vermutungen durchzogen die Seelen der eben noch Niedergedrückten; sie hörten jetzt auch Hundegebell und sahen den Feuerschein gerade vor sich emporsteigen. Danach konnte der Meeresarm nur sehr schmal sein; -- wenn sich der Landweg zu weit zeigte, erhielten die Bewohner des Städtchens unschwer ein Zeichen ihrer bedrängten Stammesgenossen; schon von den ersten Morgenstunden durfte man mit Recht Erlösung aus dieser qualvollen Verlassenheit erwarten. Niemand dachte an Schlaf, nur die Pferde lagen und träumten, gewiß von gefüllten Eimern, denn sie vollführten mit geschlossenen Augen die Bewegung des Saufens.