Das Naturforscherschiff oder Fahrt der jungen Hamburger mit der "Hammonia" nach den Besitzungen ihres Vaters in der Südsee.

Part 4

Chapter 43,490 wordsPublic domain

»Pah, das ist ganz unmöglich. Der Junge ist doch kein Wickelkind, daß er in den See plumpsen und sich fassen lassen sollte, ohne zu seiner eigenen Rettung das allermindeste zu unternehmen? -- Die Gallinas haben ihn, und wir müssen sehen, mit dem Raubgesindel thunlichst zu unterhandeln.«

Das war ein schlimmer, aber doch der einzig mögliche Trost, und nachdem noch die Neger zur Vorsicht festgestellt hatten, daß nirgend im Umkreis des Sees ein Unglück geschehen sein könne, beeilte man sich, die vordere Seite zu erreichen. Hier waren auch die Gallinas mit dem Aufbruch beschäftigt; sie ließen den Dolmetscher äußerst gleichmütig an sich herankommen und beantworteten seine Fragen nach dem verschwundenen Knaben fast nur durch Achselzucken. Vielleicht hatte er ihre vorangegangenen Gefährten begleitet, sie wußten es nicht.

Aber nicht allein Achilles, sondern auch die Weißen waren durch den Ton dieser Antworten in ihrem anfänglich gehegten Verdacht vollkommen bestärkt worden, sie folgten daher ohne weiteres den nach Hause gehenden Gallinas, und nur einmal fragte Holm den Dolmetscher, ob denn das Dorf derselben in der Nähe liege. Die Antwort traf wie ein Kanonenschuß, -- man mußte acht bis zehn Stunden marschieren und dann natürlich während der Nacht im Walde bleiben.

Neue Verwirrung, neues Entsetzen bemächtigte sich der beiden Männer. »Achilles,« rief Doktor Bolten, »machen Sie doch Ihren Landsleuten den Vorschlag, uns den Knaben hierher zurückzuliefern. Wir wollen alles, was wir besitzen, mit Vergnügen hergeben.«

Der Dolmetscher schüttelte den Kopf. »Gallinas klug«, antwortete er, »fürchten Feuerwaffen. Achilles allein gehen mit Fetisch und Gewehren.«

Das aber konnten wieder die beiden anderen nicht zugeben, auch Hans wollte sich trotz aller Vorstellungen nicht mit einem der Neger auf den Rückweg machen, und so zog denn die kleine Gesellschaft in tiefstem Schweigen, verstimmt und unruhig durch den Wald dahin. Die Gallinas in ihren weißen Turbanen und Burnußen gingen gewissermaßen als Wegweiser voran, und sobald sie Halt machten, lagerten auch die Weißen mit ihrer Begleitung, um scheinbar wenigstens ein Mahl einzunehmen. In der That aber sprachen nur die Kruneger den mitgebrachten Vorräten tapfer zu.

»Wie wäre es,« meinte Holm, »wenn wir alle mit dem Gewehr auf dem Rücken, also in ganz friedlicher Absicht, jetzt zu den Gallinas gingen und ihnen vor die Füße legten, was sie zu besitzen wünschen? Wo das geschieht, ist doch gleichviel.«

Aber Achilles wies den Vorschlag durchaus zurück. »Gallinas lassen den weißen Knaben frei, ohne ihm Waffen oder Führer zu geben,« sagte er. »Gallinas falsch, weißer Knabe von Raubtieren zerrissen.«

»Und warum hat man uns nicht gleich an Ort und Stelle den ganzen spitzbübischen Handel vorgeschlagen?« rief Holm.

»Zehn Feuerwaffen,« lächelte Achilles, die Gewehre überzählend, »zehn entschlossene Männer. Gallinas klug -- den Gegner müde machen.«

»Diese Spitzbuben! Sie wußten also, daß wir bis an das Ende der Welt dem armen Jungen nachgehen würden?«

Und man brach wieder auf, bis der Abend herabsank und die Schatten länger wurden. Plötzlich an einer Waldlichtung waren die Weißmäntel wie in den Boden hinein verschwunden, -- auch nicht ein einziges Zeichen verriet, wohin sie sich gewendet.

Die Kruneger berieten heimlich, und dann wandte sich der Dolmetscher zu den Weißen. Eine Viertelstunde von hier läge das Dorf, versicherte er, sie wüßten es ganz gewiß. Zwei von ihnen wollten die Zugänge desselben bewachen und die übrigen hier aus den mitgenommenen Decken ein Zelt errichten. Der Plan der Gallinas sei ihm und seinen Genossen jetzt ganz klar.

»Und wenn uns die schwarze Bande in Gemeinschaft verrät?« flüsterte Bolten.

»Dann sind wir unter allen Umständen verloren. Unserer drei gegen ebenso viele Hunderte.«

»Aber wir haben die Gewehre!«

»Dem Himmel sei Dank dafür! Die Schurken fürchten uns wie den bösen Feind, weil eben die Feuerwaffen aus so weiter Entfernung zu schaden vermögen.«

Achilles und seine Genossen bauten mit flinken Händen das Zelt, reinigten den Boden von Moos und Insekten und zündeten bei einbrechender Dunkelheit ein riesiges Feuer an, welches die Raubtiere verscheuchen sollte. Zwei Neger verschwanden ganz in der Stille, die anderen trugen Wasser herbei, kochten Kaffee und rösteten Mais zwischen rohen Feldsteinen, dann aber mußten auf ihren Rat die Gewehre, auch die der fortgeschlichenen Krumänner, vor dem Zelt zusammengestellt werden. Nachdem das geschehen, begaben sich scheinbar alle zur Ruhe, die Weißen im Zelt, die Neger davor. -- Stunde nach Stunde verrann; von fern brüllten mit ihren greulichen Stimmen die wilden Tiere; im Gebüsch raschelte und krachte es wie von glatten Schlangenleibern, vom Fuß schleichender Raubkatzen; das Feuer hüllte alles in seine purpurnen Gluten; nagende, quälende Unruhe hielt die drei leise flüsternden Deutschen wach. So ganz allein am Rande der Zivilisation, nahe jener Gegend, die noch kein weißer Mann betreten, den Schwarzen und den reißenden Tieren wehrlos preisgegeben, -- das konnte mit Recht eine böse Lage genannt werden.

Und Doktor Bolten flüsterte kaum hörbar: »Vater, wenn es möglich ist, so laß diesen Kelch vorübergehen.«

»Amen!« schluchzte Hans, der wohl fühlte, daß dies Gebet seinem verschwundenen Bruder galt.

Achilles, der vor dem Eingang des Zeltes saß, hob in diesem Augenblick die Hand.

Vom Schein des Feuers hell bestrahlt, warf die schwarze Hand einen Riesenschatten, -- unwillkürlich erstickte ihr Erscheinen jeden Laut.

Der Neger streckte sich, als schlafe er; tiefe Totenstille beherrschte die Umgebung, dann hoben von hinten mehrere Hände den Zeltvorhang auf. Gallinas in starker Anzahl hielten das Lager umzingelt, hatten die Gewehre ergriffen und die Messer der drei Deutschen an sich gerissen, ehe viel Zeit verging; jetzt untersuchten sie sogar die Taschen und bemächtigten sich der Uhren, -- nur die Bambusbüchse des Zauberers wurde verächtlich bei Seite geworfen.

So schnell wie sie gekommen, verschwanden die unheimlichen Gäste.

»Und nun?« fragte Bolten. »Sie haben den Jungen doch sicher ermordet.«

Achilles schüttelte lachend den Kopf. »Wozu?« sagte er. »Bald genug hier sein, -- sehr bald.«

Und wirklich war kaum eine Viertelstunde vergangen, als aus dem nächsten Gebüsch die beiden Kruneger hervortraten, in ihrer Mitte den Knaben, grinsend von einem Ohr zum andern, äußerst vergnügt, daß sie List mit List vergolten hatten. Franz war unversehrt, er flog den anderen entgegen und warf sich stürmisch in ihre Arme. Minuten verflossen, bis einer der Männer sprechen konnte. »Kinder,« stammelte endlich Doktor Bolten, »Kinder, laßt mich unserm Gott danken und diesen beiden braven schwarzen Menschenbrüdern hier --«

Aber weiter kam der alte deutsche Theologe nicht, sondern ging mit offenen Armen zu den beiden fettglänzenden, schwarzen Wilden und küßte die erstaunten Gesichter, -- und das war ein echter, wahrhaftiger Gottesdienst, wie er tief aus dankbarem Herzen heraufquoll.

»Nur mein kostbares Zauberpulver ist gerettet!« rief Holm, »sonst alles dahin. Aber gerade dieses -- -- O nein!« unterbrach er sich plötzlich, »das ist denn aber doch empörend!«

Man umringte ihn und sah in die offene Schachtel hinein. Sand, purer grauer Sand, weiter war nichts darin. Der Zauberer hatte das vielbegehrte Hundehalsband erlangt, sein Geheimnis aber daneben schlau bewahrt.

Ein dröhnendes, nicht endenwollendes Gelächter stellte die urgemütliche Reiselaune wieder her. »Gib nur acht, Karl,« rief Franz, »ich will den Betrüger mit seinen eigenen Waffen schlagen. Er soll mich für einen noch größeren »Medizinmann« halten, wie er selbst es ist und schon Respekt bekommen. -- Jetzt aber laßt uns wandern! Auf, hinaus in den Mondschein!«

»Aber ohne Waffen!« rief Hans.

»Nicht ganz!« lächelte Holm. »Meine Taschenpistolen hatte ich in Sicherheit gebracht.«

Er zog die Waffen unter dem Moos hervor und lud beide Läufe. Auch einer der Neger brachte grinsend vor Vergnügen Bogen und Pfeile herbei, die er im Dorfe der Gallinas stibitzt hatte, und die Franz sogleich für Papas Museum mit Beschlag belegte. Das kaum errichtete Zelt wurde seiner Decken wieder beraubt, und dann im Freien am Wachtfeuer eine köstliche Mahlzeit gehalten; jetzt machte, nachdem Angst und Sorge vorüber waren, die Natur ihre Rechte doppelt geltend, und namentlich Franz schmauste wie ein Halbverhungerter. »Die Gallinas haben mir Heuschrecken vorgesetzt,« schauderte er, »und einen halb rohen, halb verbrannten Affenbraten.«

»Aber wie war es eigentlich möglich, daß sie dich wegfangen konnten, ohne unsere Aufmerksamkeit zu erregen, Junge? Ich begreife es nicht.«

»Sie warfen mir von hinten eine Decke über den Kopf,« erklärte Franz, »und wenn nur nicht gerade der eine große Elefant so fürchterlich trompetet hätte, dann müßtet ihr auch meinen Schreckensschrei und das Zerren und Schleifen durch die Gebüsche gehört haben. Aber darauf war vielleicht gerade gerechnet worden.«

Man brach nun auf und hatte das Glück, im hellen Mondschein ungefährdet das Dorf Lope zu erreichen. Nur ein paar kleinere Tiere liefen über den Weg, aber die wurden verschont, teils um keine Zeit zu verlieren, teils weil man gar nicht in der Stimmung war, irgend ein Geschöpf zu töten. Die Botanisierkapseln waren dafür bis an den Rand gefüllt.

Am folgenden Morgen begab sich Franz, mit einem kleinen Brennspiegel ausgerüstet, in die Nähe des Tempels und nahm seinen Platz so, daß er gerade vor der Thür der Hütte saß. Der Zauberer lag wie immer faul im Innern derselben.

Alle übrigen hatten sich in der Nähe versteckt.

Jetzt drehte Franz das Glas so, daß der Sonnenstrahl versengend die Hand des Zauberers traf und dieser erschreckt zurückfuhr. Er lugte durch eine Spalte der Bambuswand und gab so sein schwarzes Ohr preis, -- husch, hatte der Strahl es erfaßt.

Nun ging ihm die Geschichte über den Spaß. Er kam heraus, offenbar um das Ansehen seiner Person geltend zu machen; die Augen rollten vor Zorn, und die Fäuste waren geballt. Er schrie einige Worte in der Negersprache.

Franz drehte heimlich das Brennglas und hielt es jetzt so, daß es der Schwarze deutlich sehen konnte. Im Zickzack stach es und prickelte Brust und Kopf, Schultern und Beine.

Der Zauberer stieß ein sehr natürlich klingendes Geheul aus, schoß in die Hütte und erschien wieder mit dem Halsband, das er weit fortschleuderte. Sein Ruf klang jetzt unverkennbar wie »Gnade! Gnade!«

Franz trat mit der ernsthaftesten Miene vor und nahm das Halsband vom Boden. »Betrug ist Betrug, auch wenn er komischer Natur wäre, nicht wahr, Herr Doktor? Damit durfte der graue Sünder nicht durchkommen.«

Und lachend zogen alle von dannen. Die beiden Neger, welche Franz aus dem Dorf der Gallinas sicher zu den Seinigen gebracht hatten, sowie Achilles erhielten in Lagos namens der Eltern des Knaben von den Herren Geiser und Kopp eine ansehnliche Belohnung und dann ging es, von ihren Segenswünschen begleitet, beladen mit allen Schätzen dieser kleinen Reise, an Bord der Hammonia zurück.

Trotz der mannigfachen Gefahren, die der kleine Trupp der Naturforscher mit Mut und Glück bestanden hatte, war die Ausbeute an Naturalien aller Art keine geringe geworden, nun galt es die gewonnenen Schätze vor dem Verderben zu bewahren, damit sie wohlerhalten in Europa anlangten, um den Gelehrten als Material zum Studium oder zur Vervollständigung der Sammlungen zu dienen.

Zunächst wurden daher jene Gegenstände in Angriff genommen, die dem Verderben am meisten ausgesetzt waren, und da vier rüstige Arbeiter zur Verfügung standen, machten sich alle an die Arbeit, deren Einteilung Holm, als der Führer der Expedition anordnete. Dem Doktor Bolten war die Aufgabe zugefallen, das Tagebuch zu führen, in welches alle Erlebnisse niedergeschrieben wurden. Hans wurde der botanische, Franz der zoologische Teil zugewiesen, während Holm die nötigen Anleitungen gab und bald dem einen bald dem andern half, wenn besondere Schwierigkeiten zu überwinden waren.

Es galt nun vor der Hand die Schmetterlinge zu präparieren, damit dieselben schön ausgebreitet die Pracht ihrer Flügel, die bunte Zeichnung derselben und ihre ganze Form auf das deutlichste erkennen lassen konnten. Zu diesem Zwecke waren einige 30 Zentimeter lange und 5 Zentimeter breite glatte Bretter mitgenommen worden, die der Länge nach eine 2 Zentimeter breite Furche enthielten, deren Tiefe fast ebenso viel betrug. Aus einer der Schachteln wurde der eingesperrte Schmetterling nun vorsichtig herausgenommen und zwischen Daumen und Zeigefinger der linken Hand festgehalten.

»Ehe wir das Tier spießen,« sagte Holm, »wollen wir es vergiften, damit es keine zu großen Qualen leide. Wir könnten hierzu von dem Chloroform aus der Reiseapotheke nehmen. Allein, wer weiß, ob wir dasselbe nicht noch zu anderen, wichtigeren Zwecken gebrauchen werden.«

»Haben wir denn noch ein anderes Gift, das uns dieselben Dienste leistet?« fragte Franz.

»Ich bin soeben im Begriff einiges zu bereiten,« antwortete Holm mit scheinbar wichtiger Miene.

»Wo denn,« fragte Franz verwundert, »ich sehe keine Retorte noch sonst einen chemischen Apparat.«

»Hier, dies ist mein großes Laboratorium,« erwiderte Holm lächelnd, indem er auf die kleine Tabakspfeife deutete, die er vor kurzem in Brand gesetzt hatte. »In dem unteren Behälter,« fuhr er fort, »sammelt sich der Tabakssaft an, der beim langsamen Verbrennen des Tabaks entsteht und jenen Giftstoff enthält, den die Chemiker Nikotin nennen. Dieses Nikotin ist ein Gift für alle Insekten, die deshalb den Tabaksrauch auch ängstlich meiden.«

Holm goß den Tabakssaft in eine kleine Muschelschale, tauchte eine Nadel in denselben und feuchtete den Rüssel des Schmetterlings, den er vorsichtig aber doch sicher in der angegebenen Weise festhielt. Nachdem der Schmetterling einige kleine Tropfen des ihm tödlichen Giftes gekostet hatte, war er vollkommen leblos geworden.

Nun wurde ihm eine lange Insektennadel durch das Rückenschild gestoßen und dieselbe in der Furche eines der vorhin erwähnten Bretter derart festgesteckt, daß der Rumpf des Schmetterlings sich in der Furche befand. Leicht war es nun möglich, die Flügel auf der glatten Fläche des Brettes schön und eben auszubreiten, Streifen von starkem Papier wurden über die Flügel gelegt und an ihren äußeren Enden mit kleinen Nadeln ebenfalls befestigt, so daß die Flügel in der ihnen einmal gegebenen Lage verharren mußten. Ein Schmetterling nach dem andern wurde in gleicher Weise behandelt, bis kein Platz auf dem Brette mehr vorhanden war und die noch leeren an die Reihe kamen.

»Was machen wir mit den übrigen Schmetterlingen?« fragte Franz, als auch diese besetzt waren.

»Wir lassen sie bis morgen leben,« antwortete Holm, »denn dann sind in dieser tropischen Hitze die jetzt ausgebreiteten soweit trocken, daß wir sie abnehmen und in eine Schachtel bringen können, deren Wände aus Kork bestehen, in welchen wir die Nadeln mit leichter Mühe spießen. Ist die Schachtel voll, so befestigen wir ein Stück Kampfer in derselben, setzen den Deckel auf und kleben die Fugen gut zu.«

»Wozu dient der Kampfer?« fragte Franz.

»Um den Motten und anderen Insekten die Lust zu nehmen, unsre mühevoll präparierten Schmetterlinge zu zerstören. Ohne diese Vorsichtsmaßregeln würden wir nur Staub und Moder nach Hamburg mitbringen.«

»Das wäre ein übler Lohn für unsere Arbeit und ein Resultat unserer Expedition, auf das wir nicht stolz sein dürften,« entgegnete Franz.

»Das Einsammeln der Naturalien ist nicht minder schwer als das Schützen derselben vor Zerstörung,« erwiderte Holm. »Es ist daher dem Forscher mitunter unmöglich, seine kostbare Beute in die Heimat zu transportieren, weil es ihm in der Wildnis an den Mitteln zur Erhaltung derselben gebricht. Nun wollen wir noch jede Nadel mit einem Stückchen Papier versehen, auf das wir eine Nummer schreiben. Diese Nummer wird in einem kleinen Büchlein ebenfalls notiert und dahinter schreibst du den Fundort des Tieres und sonstige Bemerkungen, Datum des Fanges und Beobachtungen, die wir an dem lebenden Tiere machten.«

Franz versprach die gewissenhafte Ausführung des Auftrages und sagte: »Man soll nicht von uns behaupten, daß wir des Vergnügens wegen reisten, sondern daß wir der Wissenschaft zu nützen suchten, so viel in unseren Kräften stand.«

»Bravo!« sagte Doktor Bolten, »diesen Ausspruch will ich mir für unser Tagebuch merken.«

Holm zeigte nun Hans, wie er mit den Pflanzen verfahren müsse, um dieselben in ihrer Form möglichst gut zu erhalten. Zu diesem Zwecke wurden die Pflanzen auf einen Bogen weichen Löschpapieres sorgfältig ausgebreitet, die Blumenblätter so gelegt, daß die Form der Blüte nicht verzerrt, sondern, so weit dies möglich, in ihrer natürlichen Gestalt erschien. Sobald ein Blatt, eine Blüte, oder sonst ein Teil der Pflanze in die geeignete Lage gebracht worden war, setzte Holm einen ziemlich schweren Kieselstein auf denselben, damit er in seiner ihm einmal gegebenen Stellung verharrte.

Als dies geschehen, wurde ein zweiter Bogen Löschpapier auf den ersten gelegt, unter gleichzeitiger gewandter Entfernung der Kieselsteine, worauf die derart eingelegte Pflanze unter eine Presse kam, die ganz einfach aus einem Kistendeckel bestand, den einige Steine nicht allzusehr beschwerten, um die zarten Teile, wie Stengel, Fruchtboden u. s. w. nicht zu zerquetschen.

»Werden die Insekten auch die Pflanzen angreifen?« fragte Franz.

»Ihnen ist einerlei, was ihnen vor die Freßwerkzeuge kommt,« antwortete Holm. »Die tropischen Insekten, namentlich die Ameisen, schonen nichts, was ihnen nur irgendwie schmackhaft vorkommt.«

»Dann müssen wir auch hier Kampfer anwenden,« meinte Franz.

»In diesem Falle nutzt uns derselbe nichts,« entgegnete Holm, »denn es wird uns schwer werden, ein großes Paket gesammelter und zwischen Papier liegender Pflanzen luftdicht einzuschließen, denn in nicht luftdichten Kasten verdunstet der Kampfer. Wir haben jedoch ein anderes Mittel, das freilich sehr giftig ist, mit dem wir die trockenen Pflanzen einpinseln. Es ist dies in Weingeist aufgelöster Sublimat, eine Verbindung von Chlor und Quecksilber, die fast alles Lebende tötet.« Sobald die Pflanzen getrocknet wären, wollte Holm das Einpinseln derselben mit dem Gifte selbst vornehmen.

Hans meinte, daß das Einlegen der Pflanzen viel einfacher sei, als das Präparieren der Schmetterlinge, und daß gar keine Schreibereien damit verknüpft seien.

»Da irrst du dich gewaltig,« rief Holm lachend. »Nein, es wird ebenso wie bei den Tieren der Fundort angemerkt, ferner die Beschaffenheit des Bodens, ob derselbe sandig, felsig, trocken oder sumpfig. Dann, ob die Pflanze im Schatten wächst, oder in der Sonne, ob sie an anderen Gewächsen emporrankt oder gar auf ihnen schmarotzt, wie viele der prachtvollen Orchideen, zu denen auch die Vanille gehört.«

»Ich wollte, ich hätte einen Becher Vanille-Eis,« sagte Franz, »der sollte mir in der Hitze hier schmecken!«

»Und was für Gesichter die Eingebornen wohl machen würden, die nie in ihrem Leben Eis gesehen, noch viel weniger solches gegessen haben,« fiel Hans ein.

»Sie würden glauben, sich den Mund verbrannt zu haben,« erklärte Holm, »denn diese Empfindung würde sich ihnen zunächst aufdrängen. Auch erzeugt sehr große Kälte ebensowohl Brandblasen auf der menschlichen Haut, wie eine hohe Temperatur.« -- Dann wandte er sich wieder zu Hans und fuhr fort: »Ferner müssen die Früchte und Samen von den Pflanzen gesammelt und in Papier aufbewahrt und genau bezeichnet werden, teils für den Forscher und teils für den Gärtner, der dann versucht, sie im Gewächshause zum Keimen zu bringen.«

»Ich verstehe schon,« fiel Hans ein. »Wenn der Gärtner nicht erfährt, wo und wie die Pflanze wächst, dann säet er am Ende den Samen einer Sumpfpflanze in trocknen Sand, als stammte er von einem Steppengewächs und steckt den Samen einer Kletterpflanze ins Wasser. Ich will alles genau notieren.«

»Wo aber bleiben der Heerwurm und die anderen Käfer, die noch im Spiritus sitzen?« fragte Franz.

»Die nehmen wir aus ihrem nassen Grabe und spießen sie ebenso auf wie die Schmetterlinge. Die größeren derselben wickeln wir in Papier und bezeichnen sie mit Nummern. Nur die Mücken, die Fliegen, die bienenartigen, die Stechfliegen und Schlupfwespen lassen wir im Spiritus, in welchem sie sich am besten halten.«

Material war genügend vorhanden und somit fehlte es nicht an Arbeit. Bald wurden die Gegenstände präpariert, bald gab es Notizen zu machen und zu schreiben, und die Knaben erlangten schon in kurzer Zeit eine große Geschicklichkeit in der Handhabung der einzelnen Gegenstände. Als aber Holm ihnen sagte, daß noch schwierigere Aufgaben zu bewältigen seien als diese, verloren sie den Mut durchaus nicht, sondern meinten, dann wird uns die Sache erst recht interessant.

Während sie so arbeitend plauderten und über dem oft heiteren Gespräch die Arbeit nicht versäumten, rief Franz plötzlich: »Womit soll ich die Nummern an die Pflanzen kleben? Wir haben das Gummi arabikum vergessen.«

Holm lachte. »Wir werden in die Apotheke schicken!«

Als die Knaben ihn ungläubig ansahen und riefen: »hier in der Wildnis gibt es keine Apotheke,« sagte er, »auf dem nächsten Ausfluge werden wir schon jemand finden, der uns das Gewünschte gibt.«

Zweites Kapitel.

Nichts vergißt sich schneller als Mühe und Gefahr, nachdem beide glücklich überstanden sind. Kaum waren die mitgebrachten Insekten und Pflanzen in die verschiedenen Sammlungen gehörig eingereiht und Geist und Körper durch etwas Ruhe neu gestärkt, als sich die Knaben auch schon nach weiteren Abenteuern umsahen. Zehn Tage lang mußte das Schiff noch vor dem Hafen von Lagos liegen, um dort seine Ladung Palmöl einzunehmen. Diese ganze kostbare Zeit konnte man unmöglich an Bord verbringen und eben so wenig in der Umgebung von Lagos, die nur aus Busch und Flachland besteht und außer dem Krokodil kein jagdbares Wild mehr aufweist.

»Wir wollen das Schleppnetz auswerfen,« entschied Holm. »Heute abend nach Eintritt der Dunkelheit sollt ihr ein nie gesehenes Schauspiel erleben, den Fischfang vermittelst einer großen Laterne, die das Meer in einer Tiefe von etwa fünfzehn Metern weit umher erhellt und von allen Seiten die neugierigen Bewohner desselben herbeilockt. Morgen machen wir dann vielleicht bei günstigem Wetter mit dem kleinen Bugsierdampfer »Hansa«, der uns des Sonntags wegen von seinen Eigentümern zur Benutzung überlassen werden kann, eine Fahrt stromauf in das Innere hinein. Ich möchte ein paar Flußpferde schießen oder harpunieren.«

»Wenn wir ein Junges fangen und nach Hamburg bringen könnten!« rief Franz.

»Das wird uns nicht so leicht gelingen,« antwortete Holm, »denn die Flußpferde sind äußerst scheu und dabei im gereizten Zustande sehr gefährlich. Außerdem macht der Transport des lebenden Tieres große Schwierigkeiten.«

»Einerlei,« riefen die Knaben. »Auf dem Dampfer befinden wir uns überdies auch in voller Sicherheit. Ist es gewiß, daß wir ihn benutzen dürfen?«

»Ganz gewiß, ich habe heute morgen mit dem Kapitän gesprochen. Nun aber laßt uns das Schleppnetz herrichten.«