Das Naturforscherschiff oder Fahrt der jungen Hamburger mit der "Hammonia" nach den Besitzungen ihres Vaters in der Südsee.

Part 39

Chapter 393,535 wordsPublic domain

Die Reisenden erblickten auf dem Baume, nach welchem hin der Führer deutete, eine Anzahl großer, grauer Vögel, mit starkem spitzen Schnabel und buschigem Kopfe, die in ihrer äußeren Gestalt Ähnlichkeit mit dem Eisvogel besaßen. »Es ist der Jägerliest oder Riesenfischer,« sagte Holm, »ein wenig scheuer Vogel, der alles genau betrachten muß, was seine Neugierde reizt; den Ansiedlern ist er überaus nützlich, die den lachenden Hans oder Jacka, wie ihn die schwarzen Eingebornen nennen, sehr hoch schätzen. Des Morgens früh weckt er die Kolonisten mit seinem Gelächter und heißt deshalb auch des Buschmanns Uhr, da er sich namentlich gerne in der Nähe der Zelte und Wohnungen aufhält. Wegen seiner heftigen Feindschaft gegen die Schlangen ist er sogar ein geheiligter Vogel, den zu schießen als ein Verbrechen angesehen wird. Er tötet die giftige Schwarzotter, sowie die Todesotter, ohne ihrem Giftzahne zu erliegen, und selbst die Teppichschlange, die drei Meter lang wird und als die Riesenschlange Australiens angesehen werden kann, weiß er durch wohlgezielte Hiebe mit seinem scharfen, starken Schnabel zu verwunden und zu erlegen. Durch ihr Geschwätz und schallendes Gelächter bezeugen sie ihre Freude über den Tod ihrer Erzfeindinnen. Ob sie die Schlangen fressen, ist übrigens nicht genau festgestellt, es scheint vielmehr, als wenn sie sich von Eidechsen und den kleinen Säugetieren ernähren, so daß ihr ununterbrochener Krieg gegen die Schlangen aus einem besonderen Haß hervorgeht, den sie auf diese Geschöpfe geworfen haben.«

»Ein dreimaliges Hoch dem wackeren Vogel,« rief Hans, »auch wir wollen den prächtigen Burschen nicht erlegen, sondern ihm sein nützliches Leben unbehelligt lassen, zumal er mein Namensvetter ist.«

Alle leisteten dieser Aufforderung Folge, worauf sie endlich einmal wieder in ein herzliches Gelächter ausbrachen, in das der lachende Hans mit seiner Sippe fröhlich einstimmte.

Man nahm sich jetzt auch Muße, den Pflanzen Aufmerksamkeit zu schenken. Sie begegneten dem Eisenrindenbaum, dessen festes Holz sich vortrefflich zu haltbaren Zäunen eignet, da es fast gar nicht in der Erde fault. »Das wäre ein Holz für Eisenbahnschwellen und Telegraphenstangen,« meinte Franz. »Vielleicht bildet es später einmal einen geeigneten und nützlichen Handelsartikel.«

»Bravo!« rief Holm. »Ich sehe, die Naturforscherreise hat den Sinn für deinen künftigen Kaufmannsberuf nicht erstickt.«

Dann fand sich auch der »Stringybark«, dessen langfaserige Rinde in Streifen von sieben bis zehn Metern niederhängt und dem Baum das Ansehen eines zerlumpten Bettlers gibt, während die abgefallene äußere Rindenschicht in langen, trockenen, braunen Rollen wie riesige Zimtstengel am Boden umherliegt.

Zwischen dem Unterholze bemerkten sie die »Flaschenbürste.« Sie hat rauhe gedrehte Zweige und ein Blatt, das dem unserer deutschen Stechpalme sehr ähnlich sieht. Sir Joseph Banks gab ihr den Namen Banksia, die Bezeichnung Flaschenbürste erhielt sie wahrscheinlich von dessen Haushofmeister, der am Flaschenputzen mehr Interesse hatte als an der Botanik.

Die aufrechtstehenden, kugelförmigen Blüten, mit denen dieser eigentümliche Busch übersäet ist, gleichen in der That jenem nützlichen Instrument, nach dem er benannt ward. Bei voller Blüte sehen die tief orangefarbenen Blumen vortrefflich aus; im Winter aber, wenn die abgeblühten braunen Kegel noch immer an der Pflanze hängen, geben sie dem Busch ein wildes, wunderliches Aussehen.

Neben der Flaschenbürste standen zwei zierlichere Gewächse das ^Exocaspus^ oder die wilde Kirsche, welche den Kern nicht innen sondern außen an der einen Seite der Frucht trägt, und der »Wottle« oder die australische Akazie, die mit gelben Blütenbüscheln bedeckt ist und die Luft mit balsamischen Wohlgerüchen erfüllt.

Den Eukalyptusbaum fanden die Reisenden häufig. Auch im südlichen Europa fängt man an, diesen rasch wachsenden Baum zu pflanzen, dessen aromatische, harzreiche Blätter nicht nur ein Mittel gegen das Fieber sind, sondern der ferner die herrliche Eigenschaft besitzt, Moräste und sumpfige Gegenden, welche mit ihren schädlichen Ausdünstungen Fieber und Typhus erzeugen, durch seinen Anbau in schöne Wälder zu verwandeln, die dann statt der gefährlichen Miasmen frische, dem Menschen zuträgliche Luft aushauchen.

Die Kasuarinen, welche die Kolonisten sehr ungerechtfertigt Eiche nennen, sind von auffallender Form, ihre blätterlosen, dünnen Zweige geben ihnen das Ansehen baumartiger Schachtelhalme. Die Bewohner der Südseeinseln verfertigen ihre Kriegskeulen aus dem harten Holz der Kasuarinen, weshalb dieselben auch wohl Keulenbäume genannt werden.

Der neuseeländische Flachs wuchs in den Niederungen. Die zwei Meter hohe Pflanze hat viele Ähnlichkeit mit unserer Schwertlilie, jedoch besitzt sie dickere Stengel und rote Blumen. Aus ihren festen Blättern gewinnt man eine Pflanzenfaser, die den Eingebornen schon seit undenklicher Zeit zur Anfertigung von Kleidung, Matten, Netzen und Seilen dient, allein von weit größerem Nutzen hat sich der neuseeländische Flachs (^Phormium tenax^) für die Europäer herausgestellt. Er eignet sich zu Tauwerk nicht nur unendlich besser als der europäische Hanf, sondern die aus ihm verfertigten Gewebe lassen an Dauerhaftigkeit, Geschmeidigkeit und Glanz die europäische Leinwand weit hinter sich. Die Engländer führen namentlich von Neuseeland jährlich neuseeländischen Flachs im Werte von gegen 20000 Pfund Sterling aus und die Franzosen haben ihn bereits in Südfrankreich mit Vorteil angepflanzt.

Als sie nun so weiter zogen und die fremdartige Pflanzenwelt dieses sonderbaren Weltteiles ihrer Beobachtung unterzogen, trafen sie auf ihrem Gange einen Erdbau an, der fast dem eines europäischen Fuchses glich.

»Der Bau eines Wombats!« rief der Führer. »Er schläft bei Tage, ohne sich um den Sonnenschein zu kümmern, an dem sich andere Tiere erfreuen, denn er ist ein veritables Nachttier, das erst in der Dunkelheit aus seiner unterirdischen Wohnung humpelt, um sich genügsam von einem harten, binsenartigen Grase zu ernähren oder Wurzeln zu verspeisen, die er sich durch kraftvolles Graben erwirbt.«

»Schade, daß jetzt heller Tag ist,« äußerte Hans, »einen Wombat hätte ich gern geschossen.«

»Zumal er einen delikaten Braten abgibt,« sagte der Führer. »Nun, wenn er nicht gutwillig kommt, so wenden wir Gewalt an. Seine Wohnung wird zwei Ausgänge haben und wenn wir in den einen Feuer hineinlegen, so treibt der Rauch ihn zum andern heraus vor die Gewehre.«

Der zweite Ausgang wurde nach einigem Suchen entdeckt und hierher postierten sich die beiden Knaben sowie Holm, mit den Flinten im Anschlag. Rua-Roa und der Doktor bewachten den zuerst gefundenen Ausgang, in dem der Führer trockenes Holz aufschichtete, das er anzündete. »Nun wollen wir den Schläfer dort unten räuchern!« rief er und legte eine Hand voll grünen Grases in die Flamme. Ein fürchterlicher Qualm entwickelte sich.

»Ich höre etwas schnauben,« flüsterte Hans.

Alle waren gespannt aufmerksam. -- Da kam etwas in dem zweiten Ausgange der Höhle hervor. Ein dicker Kopf mit kurzen Ohren zeigte sich und ein unhöflicher, schlaftrunkener Geselle kroch langsam, mit blinzelnden Augen hervor. Ein wohlgezielter Schuß tötete den Wombat, welcher von dem Rauche aus seiner gemütlichen Wohnung vertrieben war.

»Ein Prachtkerl,« frohlockte der Führer, »mindestens seine sechzig Pfund schwer; der soll uns schmecken!« Der Führer weidete das Wildbret kunstgerecht aus, schnürte seine Beine zusammen und warf es wie eine Tasche um den Nacken. »Nun vorwärts,« rief er, »damit wir zur rechten Zeit das Lager erreichen!«

Alle gingen auf diesen Vorschlag ein, und mit neuem Mute durchzogen sie die Gegend, welche sich immer schöner gestaltete. Es wurde wärmer und wärmer, endlich drückend heiß und in dem Dorfe an der Küste wieder ganz tropisch, wie in den früher bereisten Gegenden. Die kleine Karawane zog über öde Basalt- und Lavafelder, an den Ufern großer Ströme dahin, vorbei an Seen mit Rohr und Schilf wie daheim in Deutschland, mit weißen und blauen Wasserrosen und schwarzen, purpurschnabeligen Schwänen; sie sah zahlreiche heiße Quellen und thätige Vulkane und atmete auf, als das Erscheinen der Eisvögel den Strand verriet. Diese Reise durch so weite, menschenleere Strecken, ohne Fleischnahrung, in dem zwischen nächtlicher Kälte und drückender Tageshitze schwankenden Klima war keine leichte und keine sehr unterhaltende gewesen. Alle erklärten einstimmig Australien für das wenigst interessante Gebiet, welches sie bisher betreten. Und nun stand noch der Südpol bevor!

In den Flüssen an der Küste begegnete ihnen ein alter Bekannter, die Schildkröte; auf den Klippen saß der große Eisvogel, Papageien zeigten sich in großer Anzahl; schwarze Gestalten erschienen, Blätterdächer tauchten auf und Boote schwammen über die krausen Wellen des Meeres dahin. Dieser Stamm hatte augenscheinlich oft weiße Menschen gesehen; die Reisenden wurden ohne Erstaunen, aber mißtrauisch aufgenommen, man schien von ihnen eher Böses als Gutes zu erwarten.

Für Geld erlaubte es der Häuptling, daß die Weißen eine Hütte aus Bambus und Palmblättern bezogen; man band die Pferde an lange Leinen und ließ sie das üppige Gras abweiden, während sich ihre Herren nach Möglichkeit mit den Schwarzen zu verständigen suchten. Der männliche Teil des Fischervölkchens trug gar keine Kleider, die Frauen dagegen zeigten sich im Schmuck des Grasgürtels und verschiedener, sehr hübsch gearbeiteter Zieraten aus Muscheln und Schildkrötenschalen. Sie hatten auch hier wulstige Lippen, magere Arme und die abschreckende Gewohnheit des Bemalens, zu der noch das Einreiben ihrer ganzen Personen mit entsetzlich stinkendem Thran kam. Das Dorf war gewissermaßen in zwei Teile geteilt; unten am Strande wohnte ein kräftigerer Menschenschlag, dessen Angehörige Fischerei betrieben und selbst Boote zimmerten; weiter hinauf dagegen lebten Geschöpfe, deren bloßer Anblick Erbarmen einflößen konnte. Abgezehrt wie Skelette, gelbgrau von Farbe und mit trommelartig aufgetriebenem Leibe, wohnten diese Jammergestalten, deren es übrigens nur wenige zu geben schien, für sich allein im Gebüsch oder in schlechten, ruinenartigen Hütten, einer einzigen Leidenschaft frönend, wie etwa der Trinker dem Genusse des Branntweins, -- der des Erdessens.

Man findet diese unselige Gewohnheit, außer an einigen Punkten Südamerikas, nur bei den Australnegern, obgleich auch dort selten. Die Erdesser werden vom Stamm als gewissermaßen unrein ausgestoßen, sie gehen alle dem frühen Tode mit Sicherheit entgegen und sind schwach und elend, oft kaum im stande, sich aufrecht zu erhalten; aber von ihrer schrecklichen, so ganz unbegreiflichen Leidenschaft lassen sie nicht, sondern sterben, wenn ihnen der Genuß einer gelben fettigen Erdart entzogen wird; jede andere Nahrung weisen sie mit Abscheu zurück.

Holm nahm eine Quantität der Erde mit, um dieselbe später einer genauern Prüfung zu unterwerfen.

»Wir werden unter dem Mikroskop finden,« sagte er, »daß diese Erde reich an Diatomeen ist, von denen wir bereits einige Arten kennen gelernt haben. Es finden sich an vielen Gegenden der Erde große Anhäufungen von Diatomeenpanzern, die der weißen, staubartigen Beschaffenheit wegen Bergmehllager genannt werden. In Lappland und dem nördlichen Schweden, wo der kurze Sommer das Getreide nur spärlich reifen läßt, mischt der leichtbefriedigte Nordländer das leckere Bergmehl dem spärlichen Brotteige zu, um eine größere Quantität des kostbaren Nahrungsmittels, des Brotes, zu erzielen. Obgleich die Kieselpanzer nur wenig Nährstoff besitzen, werden dennoch ungeheure Mengen derselben verzehrt; von dem Bergmehl von Lollhapysön werden alljährlich viele Wagenladungen in der angegebenen Weise verspeist. In Nordasien und Südamerika leben ganze Völkerschaften, welche ebenso wie diese Australier feine Erdarten genießen und sogar als Leckerbissen schätzen. Auch in diesen Erden finden sich unzählige Diatomeen, denen möglicherweise noch eine Spur nahrungsspendender organischer Substanz anhängen mag, die eine Erklärung der wenig einladenden Geschmacksrichtung zuläßt.«

Die Erdesser verkrochen sich vor dem Blick der Weißen; diese Unglücklichen glichen häufig lebenden Leichen und boten mit ihrer Ungestalt einen äußerst abschreckenden Anblick. Während sie über den aufgetriebenen Leib nicht hinwegzusehen vermochten, waren ihre übrigen Körperteile bis auf die Knochen abgemagert.

Die Wilden ernährten sich hier von Fischen, Muscheln und Schildkröteneiern. Vor jeder Hütte war in die Erde ein Loch gegraben; zuerst kam das Holz hinein und, wenn dieses brannte, mehrere flache Steine, die nach ihrer Erhitzung als Pfanne dienten. Die Eier wurden sofort darauf gar, und der Fisch geriet wenigstens in einen Zustand, welcher ihn halb verbrannt, halb geröstet einigermaßen genießbar machte. Auch Kokosnüsse, Brotfrüchte und Taro wurden auf diesen Steinen zu einer harten, brotartigen Masse gebacken. In dem ganzen, an genießbaren Pflanzen so armen Australien schien dies Gebiet das ärmste; es fanden sich hier selbst nicht einmal jene Beerenfrüchte, die in den Wäldern zuweilen als angenehme Erfrischung gedient hatten.

Ihre Fische fingen die Männer, indem sie dieselben vom Boot oder vom Strande aus mit langen Spießen geschickt stachen; außerdem tauchten sie auch wie die Enten und brachten vom Grunde Muscheln in Fülle mit herauf.

Gleich während der ersten Stunden bemerkten die Weißen, daß unter diesem Stamm wieder einmal wie bei den Alfuren ein bedeutend entwickelter Hang zum Diebstahl vorhanden war; sie schossen daher mehrere Eisvögel, kauften einige noch nicht gesehene Schaltiere und beschlossen dann, der Pferde wegen noch vor Nacht wieder abzureisen. Wenn ihnen durch einen Handstreich die Reittiere genommen wurden, so waren sie in dem Lande, das keine Jagd und fast keine wildwachsenden Früchte bot, dem Hungertode preisgegeben. Einer erzählte ohnehin dem anderen, daß er täglich seine Kleider enger einschnüren müsse.

Die Führer hielten Wache und verscheuchten bei dieser Gelegenheit mehr als einmal die Wilden, welche nicht umhin konnten, sich schleichend mit lüsternen Blicken den aufgestellten Gewehren zu nähern; man hielt es aber auch nicht für klug, eine offene Fehde heraufzubeschwören, vielmehr versuchte Mr. Thompson, der Dolmetscher, durch einen Vergleich die Frage allseitig befriedigend zu lösen. »Komm einmal her, Kamerad,« redete er den schlangengleich durch das Gebüsch kriechenden Schwarzen im ruhigsten Tone an, »wie heißt du, Alter?«

Der Wilde erschrak zwar, aber er gehorchte doch dem Rufe. »Heu-Heu, Master,« versetzte er etwas unsicher. »Was willst du von dem schwarzen Manne?«

Thompson bot ihm mittels einer Handbewegung neben sich auf der Wolldecke Platz. »Du sollst mir einen Rat geben, mein lieber Heu-Heu,« fuhr er fort. »Wie weit ist es von deinem Dorfe bis zur nächsten Niederlassung weißer Menschen? -- oder wohnen hier herum keine?«

Der Wilde zeigte über seine Schulter hinweg. »Wenn der Kasuar bei Sonnenaufgang von hier fortläuft, so kommt er am Abend zu den weißen Männern,« antwortete er.

»Aha! das ist eine gute Nachricht, Freund Heu-Heu! Nun höre weiter. Kannst du uns bis zu diesem Dorfe den Weg zeigen?«

Der Schwarze überlegte. Sein lauernder Blick wanderte von den weidenden Pferden zu den Gewehren und von diesen wieder zurück. »Wir werden zu zwanzig oder dreißig die Führung übernehmen,« versetzte er endlich. »Weniger können es nicht sein, sonst möchten wir uns verirren.«

Thompson zuckte die Achseln. »Das ist schade, mein lieber Heu-Heu,« sagte er mit der größten Ruhe, »wirklich schade. Einen Mann brauchen wir nur.«

In den Augen des Wilden blitzte der Zorn der Enttäuschung. Wahrscheinlich hatte er es sich sehr leicht und angenehm gedacht, mit seinen Genossen die Weißen in der Wildnis abzuschlachten und sich ihres Eigentums ohne Mühe zu bemächtigen. Dazu aber war eine bedeutende Überzahl ganz unerläßlich.

»Ein einzelner Mann meines Stammes geht nicht mit euch,« setzte er hinzu. »Einer allein ohne seine Freunde wagt sich so weit nicht hinaus.«

Thompson nickte. »Dann müssen wir es eben ohne Führer versuchen, mein Bester,« gab er zurück. »Es thut mir leid, dich gestört zu haben, Heu-Heu. Schlaf wohl!«

Aber der Schwarze blieb sitzen. »Geht ihr allein, so fallt ihr in die Hände der räuberischen Ara-Punga,« sagte er. »Sie wohnen ganz in der Nähe und töten jeden, dessen sie habhaft werden können.«

»Hm, hm, was du sagst, Heu-Heu. Da würden ja auch zwanzig oder dreißig von deinem Stamme nichts ausrichten! Ich sehe schon, wir müssen unsere Reise allein fortsetzen.«

Damit drehte er den Kopf, wie um zu schlafen, indes der Wilde zögernd, heimlich knirschend seine Hütte wieder aufsuchte. Er ballte im Dunkel der Nacht drohend die Faust. »Heu-Heu wird dir zeigen, daß er klüger ist, als alle weißen Länderdiebe und Schurken zusammen,« zischte er. »Keiner deiner Gefährten erreicht die Kolonie am Meer, keines eurer Pferde soll uns entgehen.«

Er blieb während der ganzen Nacht unsichtbar, am frühen Morgen jedoch erschien er wieder. »Wenn die Weißen langsam reiten wollten, so daß ein Mann zu Fuß bequem folgen könne, dann sei es ihm doch vielleicht möglich, unter den Felsen am Ufer einen Weg zu finden, der das Gebiet der Ara-Punga nicht berühre. Wie viel bei der Sache verdient werden könne?«

Thompson bot im Namen der Weißen eine anständige Summe, und beide Teile einigten sich dahin, gleich nach dem Frühstück abzureisen. »Ich traue dem Frieden nicht so recht,« erklärte der Führer, »da ist irgend ein Schurkenstreich im Werden begriffen. Wollen wir auf das gute Glück hin allein fortreiten oder riskieren, daß uns der ganze Stamm nachschleicht, um Beute zu machen?«

Die Reisegenossen sahen einander an. »Laßt uns lieber das Geld bezahlen und doch ohne Führer reisen,« antwortete der Doktor. »Wir hatten ja auch bisher keinen solchen.«

»^Well!^« nickte der Dolmetscher. »Aber auf dem Gebiet der steinigen, von Klippen durchzogenen, oft aus Sandfeldern bestehenden Küste leben weder Känguruhs noch wachsen solche Wurzeln, die zur Not einen Menschen vom Hungertode erretten können. Was wollen wir essen, wenn uns die Kolonie während mehrerer Tage nicht zu Gesicht käme?«

»Warum trauen Sie denn dem Schwarzen nicht, Thompson?«

»Hm, die Australneger sind durchweg rachsüchtiger Natur. Daß wir ihnen mittels unausgesetzter Wachsamkeit ihre kleinen Diebereien unmöglich gemacht haben, verzeihen sie uns nicht.«

»Da gibt es also nur ein einziges Mittel,« entschied Holm. »Die Kolonie liegt ohne Zweifel am Meer, wie alle Ansiedelungen auf wildem Gebiet; wir können uns also in der Richtung nicht irren, das ist die Hauptsache. Eine Partie Schildkröteneier und etwas von dem harten Tarogebäck wird sich ja kaufen lassen, das reicht für einen Tag; während der Nacht bleiben wir im Sattel, so daß kein Überfall möglich ist und folgenden Morgens erreichen wir unser Ziel.«

Der Dolmetscher lächelte. »Ganz gut, Sir, ganz gut,« versetzte er, »aber den Führer können wir dabei doch nicht entbehren. Die Küste ist so unregelmäßig, so von Ausläufern und vorspringenden Landzungen unterbrochen, daß recht wohl in einer dieser versteckten Buchten die Kolonie unseren Blicken entgehen könnte und daß wir direkt hinter dem jedenfalls nur unbedeutenden Städtchen vorüberreiten. Besäßen wir Lebensmittel, dann stände alles anders, so aber stimme ich dafür, den Schwarzen mitzunehmen.«

»Abgemacht!« rief Franz. »Mr. Thompson und seine Genossen haben nur übernommen, uns durch das Gebirge zu führen; sie erklärten von vorn herein, in den Küstendistrikten ganz unbekannt zu sein; wir können ihnen also jetzt, wo sie uns aus Gefälligkeit unter den schwersten Entbehrungen hierher begleiteten, nicht zumuten, auch noch Leben und Gesundheit aufs Spiel zu setzen. Der Schwarze soll schon gehorchen, wenn er erst mit uns allein im Walde ist.«

Mr. Thompson erhandelte von den Schwarzen, die sich noch mehr als am letzten Abend von ihren Gästen zurückzogen, eine tüchtige Anzahl Eier sowie Taro, beides steinhart gebacken; die Wasserflaschen wurden gefüllt und die Decken aufgeschnallt, dann ging es unter Heu-Heu's Führung weiter über den Strand dahin. Ein Versuch, diesen ungastlichen, scheuen Wilden Lebewohl zu sagen, schlug gänzlich fehl, sie hatten sich in ihre Hütten zurückgezogen und schienen den Weißen einen tief empfundenen Haß zu bewahren.

Als Heu-Heu an der Spitze der Reiterschar zum Dorfe hinauswanderte, wechselte er mit dem vom Meer herübersehenden Häuptling einen Blick, der den Führern nicht entging. Thompson und die übrigen bedeuteten sich schweigend. Der Wilde hatte gesagt: »Paß auf!« und der Häuptling geantwortet: »Es bleibt dabei!« --

»Die Kerle ziehen uns nach, es ist gar kein Zweifel,« raunte der Dolmetscher.

»Verdammt sollen sie sein. Wir werden ihnen einen heißen Empfang bereiten.«

»Pst! -- die Fremden erfahren das früh genug, wenn's erst einmal so weit ist.«

Im schönsten Sonnenschein ritt die kleine Gesellschaft über den Kies dahin, wurde aber sehr bald durch einen seltsamen Anblick so gefesselt, daß der schwarze Führer stillstehen und Erklärungen geben mußte. Aus dem Schoße eines rieselnden, fußtiefen Sandbodens herauf ragten in langen Reihen die Kiele halbversenkter Boote, deren vorderer Teil mit der offenen Seite nach unten auf dem Sande lag, während der hintere von diesem ganz bedeckt war. Der unbeschützte, von keiner Einfriedigung umgebene Raum bildete den Gottesacker des Stammes; wo ein Mann begraben lag, da hatten ihm die Überlebenden sein Boot, sein einziges irdisches Besitztum als Erinnerungszeichen mitgegeben; wo aber eine Frau die letzte Ruhestätte gefunden, da ragte aus dem Boden die Hälfte des Weidenkorbes, in dem sie Eier und Brotfrucht gesammelt.

So einförmig, so schmucklos und öde dieser Kirchhof den Blicken der Europäer auch erschien, einen so guten, versöhnlichen Eindruck brachte er dennoch bei allen hervor. Wie viel würdiger war es, die Toten der Mutter Erde zurückzugeben und ihre Gräber durch das Erinnerungszeichen vor Entweihung zu schützen, als sie auf Bäumen den Sonnenstrahlen und den Raubvögeln zu überlassen, bis endlich ein Sturmwind die letzten Überreste auf den Erdboden und damit den Lebenden unter die Füße warf. --

Die jungen Leute stiegen von ihren Pferden, um diesen seltsamen Friedhof auf hoher Sanddüne am Meer nach allen Richtungen zu durchwandern; auch der Doktor und Heu-Heu hatten sich ihnen zugesellt, während die Führer bei den Tieren Wache hielten.

Der Schwarze deutete auf eine vorspringende Klippe am höchsten Punkt des ganzen Raumes; seine unverständlichen Reden schienen den Fremden ein besonderes Schauspiel zu verheißen. Ziemlich neugierig näherten sie sich dem Winkel, wo in einer Art von Vertiefung unter überhängendem Dache wirklich ein Anblick, wie sie ihn am wenigsten erwartet, ihrer harrte. In der natürlichen Nische stand ein grobgezimmertes, unbemaltes Kreuz mit der Inschrift: »^John Mulgrave^,« darunter die Worte: »Christus ist mein Leben und Sterben ist mein Gewinn.«

Es war jedenfalls ein Missionar, der hier schlummerte, das sahen alle; der Schwarze schien auch die Einzelheiten des Falles zu kennen, wenigstens redete er immer fort; aber erst als Thompson hinzukam und vermittelte, konnten ihn die übrigen verstehen. Mr. Mulgrave hatte lange Jahre unter den Wilden gelebt und war von ihnen hoch verehrt worden, weil er nur Gutes stiftete und allen Leuten nützliche Kenntnisse beibrachte. »Die kleinen Kinder begoß er mit ein paar Tropfen Wasser,« erzählte Heu-Heu, »und dann wußte er auch viel Schönes von einem Manne, den er gekannt, der ein großes Haus besitze, in welchem sie dereinst nach ihrem Tode sämtlich wohnen würden, Häuptlinge und Sklaven, Weiße und Schwarze, und wo auch der große Weltgeist seinen Sitz habe. In diesem Lande gibt es nicht Hunger noch Durst, die Ara-Punga sind keine Feinde, und Brotbäume wachsen auf allen Wegen.«