Part 38
Das Schiff steuerte nun in wochenlanger Fahrt um die ganze Osthälfte des australischen Festlandes und erreichte ohne bemerkenswerte Zwischenfälle Sidney, die Hauptstadt von Neu-Südwales, noch vor sechzig Jahren ein elender Ort für deportierte Verbrecher Englands, jetzt eine große Stadt. Vom Hafen aus wurde sogleich eine Reise in das Innere angetreten, zuerst mittels der Eisenbahn, dann zu Wagen, und nachdem die Grenze der Kolonie erreicht, hoch zu Roß unter Führung von Engländern und Deutschen, die mit den Australnegern im besten Einvernehmen standen und außerdem bis an die Grenzen des bekannten Innern schon mehrmals vorgedrungen waren.
Aber wie traurig war gegen die schönen Sundainseln, gegen das entzückende Ceylon hier die ganze Umgebung! Busch und Sand, Sand und Busch, so wechselte es mehrere Tage lang, bis endlich langgestreckte Weiden, von Hunderttausenden von Schafen bedeckt, eine geringe Veränderung boten. Am Saume dieser Grasflächen stand jedesmal das Hüttendorf des wandernden Stammes, dem die Tiere gehörten, und bei dem nächsten wurde Halt gemacht. Das Dorf selbst hatte rohgearbeitete, niedere, wie Maulwurfshaufen neben einander liegende menschliche Wohnungen, die hier nirgends auf Pfählen standen, sondern viel eher sogar um einen oder mehrere Fuß tief in den Boden hineingegraben waren. Das spitze Dach trugen ein paar starke Pfähle; Blätter und Zweige, auch wohl Stücke von lebendem, lustig wachsendem Gras bildeten die Bedeckung; Fenster gab es nirgends. Das Seltsamste an diesen Gebäuden aber war, daß sie sämtlich keine Vorderwände hatten, auch nicht einmal eine Andeutung derselben, keine Matte oder Vorhang, sondern nur die weit offene Front, vor der gewöhnlich ein helles Feuer brannte. Jeder Stamm hatte nur einen losen Verband, an der Spitze eine Art von Häuptling; der des ersten Dorfes hieß Wi-Tako und war ein großer, starker, alter Australneger, dessen finstere Blicke, im Verein mit dem unförmlichen durch die Nase gezogenen Knochen und der dunkelblauen, den ganzen Neger bedeckenden Malerei ihm ein wenig angenehmes Äußere verliehen. Desto eigentümlicher war die Kleidung, welche bei ihm und bei allen übrigen, sogar auch den Frauen, aus einem langen, vom Kopf bis zu den Füßen reichenden Mantel aus Opossumfell bestand, dazu eine Mütze vom selben Stoff und unter den Sohlen eine Art von ledernen Sandalen. Die Leute schienen sämtlich Hirten zu sein; sie zogen in den wasserarmen Gegenden von Busch zu Busch und fristeten offenbar ein kümmerliches Dasein, obgleich neben den Dorfhütten auch bebaute Strecken auf eine gute Ernte hinzudeuten schienen. Mürrisches Wesen, Roheit und Mißtrauen bildeten die Grundzüge des Volkscharakters.
Häuptling Wi-Tako, der wie die meisten seiner Unterthanen ein leidliches Englisch sprach, bot den Weißen als Aufenthalt eine gerade leer stehende Hütte und lud sie ein, an einer großen für den folgenden Tag festgesetzten Känguruhjagd teilzunehmen; die »Gins« oder Frauen des Stammes brachten ein steinhartes, bleischweres Brot aus Maismehl, getrocknetes und wieder gekochtes Schaffleisch, sowie ein Gemüse aus Bohnen oder Linsen; dann überließ man die Gäste, ohne weiter Notiz von ihnen zu nehmen, sich selbst, offenbar erstaunt, daß vor ihrer Hütte kein Feuer entzündet, wohl aber der Eingang mit Wolldecken verhüllt wurde. Die Frauen betasteten sogar das Gewebe, flüsterten unter einander und setzten sich dann wieder zu der Wolle, welche verfilzt und verworren in großen Haufen neben jedem Feuer lag, um mit einer Art von grober, hölzerner Hechel vorerst des reichlichen Schmutzes entkleidet zu werden. Sie sahen aus wie eine Gesellschaft zahmer, kränklicher Affen, diese Weiber, besonders die alten, skelettartig mageren, wie sie zusammengekauert unter dem formlosen Fellmantel dasaßen und schweigend Wolle kratzten, anscheinend ohne eine Ahnung, daß aus eben diesem Stoff die leuchtend roten, zartbraunen und weichen Decken der Reisenden gewebt seien. Arm, roh und unwissend in einem Lande ohne Schönheit oder pflanzlichen Reichtum, scheinen sie Stiefkinder der Natur selbst den nackten afrikanischen Wilden gegenüber.
Kein Wasserstreif unterbrach das Gelbgrün des Bodens, wenig Vögel sangen im Busch, und selten nur belebte ein lauterer Schall die Öde. Als der Abend dämmerte, legten sich aller Orten die Schafe in gedrängten Massen zum Schlaf, große magere Hunde umkreisten die Herden, der Hirte im Fellmantel entzündete sich ein Feuer und kochte sein Abendbrot, Wald und Busch verschwammen zum grauen Ganzen; es lief wie die erste Ahnung der nahenden kalten Zone über den Rücken der Reisenden herab, und fester und fester hüllten sich alle in ihre Decken.
»So geht es noch Hunderte und Aberhunderte von Meilen fort,« sagte Holm. »Das Innerste von Australien ist gerade so unbekannt, wie das des äquatorialen Afrika, es kann aber unmöglich die Forschung in gleichem Grade anziehen, weil das Tier- und Pflanzenleben keinen Reichtum verheißt, weil man den Boden als wasserarm und daher den Ertrag als dürftig kennt. Hier an den Grenzen des der Kultur gewonnenen Landes betreiben die Einwohner noch Schafzucht und Wollhandel, weiterhin in der felsigen Gegend hört auch das auf, da lebt man von der mageren Ernte und vom Raube, da bewohnt man Höhlen und hat den leichtsinnigen, zum fröhlichen Nichtsthun geneigten Charakter solcher Völker, die gar kein Eigentum besitzen. Wir werden auch die Eingebornen der Berge kennen lernen.«
»Wie lange bleiben wir denn hier, Karl?« fragte Franz.
»Hm, übermorgen geht's fort, denke ich. Die große Känguruhjagd müssen wir doch jedenfalls mitmachen.«
Dem stimmten die übrigen lebhaft bei; es wurde noch eine Zeitlang halblaut gesprochen; zuweilen wieherte im Busch eins der Pferde, zuweilen flog eine Fledermaus durch den engen Raum oder ein fliegender Fuchs mit spitzer Schnauze; dann schliefen alle, bis sie bei Tagesanbruch durch einen langgezogenen, lautschallenden Ton erweckt wurden. Häuptling Wi-Tako in eigener Person sammelte seine Scharen zum großen Treiben, dem die Feinde der bebauten Felder, die überhand nehmenden Känguruhs, erliegen sollten. Mit einem Muschelhorn vor den Lippen, ohne Mantel, nur angethan mit dem Nud-le-bul oder breiten Gürtel aus Tierhaut, ganz kornblumenblau angemalt, auf Brust und Rücken abscheuliche Tier- und Fratzenbilder von Narben, so stand er da und blies gellende, unharmonische Töne, die indessen von allen Eingebornen verstanden und deren Befehle sofort vollzogen wurden. Schar auf Schar trabte herbei, jeder einzelne Mann bekleidet, bemalt, und tättowiert wie der Häuptling selbst, jeder bewaffnet mit dem gefürchteten Bumerang, jener hölzernen, einen Meter langen, krummen und im Fliegen einen Bogen beschreibenden Waffe, sowie einem Wurfspieß, einem steinernen Hammer und einem Messer, das in der Scheide vom Nud-le-bul herabhing. Als ein paar hundert Männer versammelt waren, wurden die Befehle zur Aufstellung gegeben und mit größter Pünktlichkeit ein Buschgebiet von einer Viertelmeile im Umkreis des Dorfes förmlich umstellt. Unsere Freunde hatten, da die Wilden unberitten waren, auch ihrerseits die Pferde weggelassen und sich bei seiner blaugefärbten Majestät nur ausbedungen, während der Jagd nicht von einander und nicht von den Führern getrennt zu werden. So standen sie denn unter den ersten, ziemlich blassen Strahlen der australischen Sonne im hohen Gras und warteten der Dinge, die da kommen sollten. Hierher wollten die Neger aus dem Busch heraus das sonderbare, springende, einer Riesenmaus nicht unähnliche Geschöpf bis auf die freie Fläche treiben und dort töten; die geladenen Büchsen harrten ihrer Opfer.
Von ferne erklangen jene greulichen Töne der Muschelhörner; zuweilen schlüpfte ein Opossum oder eine Ratte, beunruhigt durch die ungewohnte Störung, eilends vor den Füßen der Jäger vorüber, ein paar Kasuare reckten die langen Hälse, Erdpapageien sahen aus ihren Löchern hervor, Trappen, Tauben und Hühner flatterten vom Walde herüber und Dingos sprangen mit großen Sätzen ins Freie; die Weißen hatten schon hübsche Beute gemacht, ehe noch die ersten Känguruhs aus den Büschen brachen. Das Geschrei der Wilden tönte näher und näher; erst zu zehn und zwanzig, dann zu Hunderten erschienen die aufgescheuchten Tiere und wurden reihenweise von den Bumerangs, sowie von den Wurfspießen der Australier niedergemacht. Fast anderthalb Meter hoch, mit unförmlich langen, fleischlosen Hinterbeinen und einem sehr dicken, meterlangen Schwanz, der beim Sitzen als Stütze dient, hatten die Känguruhs einen graubraunen, auf dem Rücken dunkleren Pelz, der am Bauche bräunlichweiß erschien und in grauen Streifen über das Gesicht lief; die Vorderbeine waren unverhältnismäßig kurz und der Hinterleib plump; alle weiblichen Tiere hatten die bekannten Beutel, in denen sich nackte Junge an den Zitzen ihrer Mütter festhielten.
Etwas vom Kaninchen, etwas von der Maus, ganz eigenartig mit Rücksicht auf den Stützschwanz, zuweilen mittels der Hinterläufe die kräftigsten Schläge austeilend, so erregte das im zoologischen Garten oft gesehene Tier hier in vollster Freiheit das Interesse aller Beschauer, namentlich durch die enorme Anzahl, in welcher es erschien. Fünf- bis sechshundert Känguruhs wurden an diesem einzigen Morgen erlegt und von den »Gins«, nachdem sie ihrer Bälge entkleidet, ins Dorf geschleppt, um dort als leckerer Bissen in den Topf zu wandern.
Unsere Freunde entschlossen sich erst auf das Zureden der Führer, auch ihrerseits einen jungen Bock zu braten und zu kosten. Hatten sie doch im Gefängnis von Madagaskar sogar einen Mückenkuchen genossen, der, wie Franz erinnerte, sogar ganz vortrefflich geschmeckt, -- es kam nur auf den ersten Entschluß an.
Das übliche Feuer vor der Hütte flackerte lustig empor, das Känguruh wurde von den Händen der Führer kunstgerecht ausgeweidet und an den mitgebrachten Bratspieß gesteckt; dazu kochte man einheimisches Gemüse, für dessen Bereitung das Wasser weit hergeholt werden mußte, und endlich jenen Kaffee, der nach der anstrengenden Morgenjagd allen gleich wohlthat, den zu kosten aber die Eingebornen sich beharrlich weigerten. Nach dem Frühstück, bei dem das Känguruh als wohlschmeckender Braten von den Reisenden vollständig aufgezehrt wurde, zeigte Wi-Tako seinen Gästen die Umgebung des Dorfes und unter anderem auch das Feld, welches während einer der vorigen Nächte von den Känguruhs überfallen und seiner Früchte vollständig beraubt worden war. »Wenn es mit den springenden Tieren zu arg wird, schlagen wir ein paar hundert tot,« sagte er, »dann verläßt der überlebende Rest die Gegend. Die Felle verbrauchen wir zu Mänteln und Decken, das Fleisch wird verzehrt oder, wenn die Gelegenheit günstig ist, nach den Städten hin verkauft. Die Kolonisten bezahlen es teuer.«
»Und sonst habt ihr keinerlei Jagd?« fragte Franz.
»Ein paar Vögel vielleicht,« entgegnete der blaugefärbte, mit einem gewaltigen Nasenknochen geschmückte Monarch, »aber viel ist es nicht. Wir leben von der Schafzucht.«
»Und was betreibt ihr denn zur Unterhaltung,« fragte wieder der durch das Einerlei der Umgebung schon heimlich angefröstelte junge Mann, »wodurch erfreut ihr euch oder belebt den Mut, die Lust zur Arbeit? Es muß doch grenzenlos langweilig sein, so fortwährend Schafe zu hüten und zu scheren.«
Der Häuptling tutete wieder in das Muschelhorn hinein, worauf sich vom Dorf her ein langer Zug in Bewegung setzte, junge Männer sowohl als junge Mädchen, alle auf das abschreckendste bemalt, alle nur mit dem Nud-le-bul bekleidet und mit gewaltigen Masken aus Flechtwerk oder buntgefärbtem Thon versehen. Nachgemachtes Haar hing von diesen, die natürliche Größe dreifach überragenden Köpfen in Unmasse herab, die Gesichter waren scheußliche Fratzen, zum Teil sogar Tierköpfe, zum Teil feuerrot oder gelb angestrichen. Die affenartig langen, mageren Arme und Beine der Neger, die sinnlose Farbenverteilung und die Riesenköpfe bildeten ein Ganzes, das durch Häßlichkeit abstieß, dennoch aber in seiner Originalität und als nie Gesehenes das Interesse der Zuschauer in Anspruch nahm.
Die Neger entzündeten mittels Aneinanderreiben zweier dürrer Holzstücke einen Scheiterhaufen, der vorher schon dort zusammen getragen worden war; dann bildeten sie um die brennende Masse eine Kette und begannen zu tanzen, indem die Hände klappernd auf die Kniee schlugen und nach einem einigermaßen erkennbaren Takt ein geheulartiges Singen oder Schreien, begleitet von Fußstampfen, die Luft zerriß. Immer schneller und schneller wurden die Sprünge, immer teuflischer erschienen in der grellroten Beleuchtung die schwarzen Gestalten, immer rasender drehten sich im Kreise alle diese gehörnten, mit Vogel- und Mäuseköpfen verzierten Menschen; hier verschwand in windgetragener Rauchwolke ein Teil der Tanzgesellschaft, hier erglänzte von Funken übersäet ein anderer, und zwischen allen diesen tollen Springern stand, auf dem Muschelhorn tutend, der Häuptling, zuweilen unwillkürlich die Bewegungen der Tänzer nachahmend, zuweilen von seinen langgezogenen Klängen zu kurzen, schrillen, schnell auf einander folgenden übergehend und dann wieder im tiefsten Moll das Geheul der tanzenden Stammesgenossen begleitend.
Nach diesem Tanz kam ein Kampfspiel, wobei die Bumerangs durch die Luft flogen, Spieße und Hämmer weidlich geschleudert wurden und ein Handgemenge mit blitzenden Messern den Einzelkampf versinnlichte. Hier lag ein Schwarzer scheinbar leblos, dort schwenkten und flüchteten andere, ganze Scharen drangen im Sturmschritt vorwärts, Gebrüll und Kampfrufe erschütterten die Luft, selbst das Wehklagen der Sterbenden wurde nachgeahmt, und endlich näherten sich vom Dorfe her die Gins, um mit verhüllten Gesichtern, schreiend und weinend bei den Gefallenen in das Gras zu sinken. Diese ganze Komödie zeigte ein starkentwickeltes Schauspielertalent der Neger; sie kam in manchen Szenen der Wirklichkeit bis zur Täuschung nahe und wurde schließlich von den Weißen durch reichlich gespendete Scheidemünze belohnt.
Es war während der Vorstellung fast Abend geworden; die Scharen der Tierkopfträger und Bemalten, der Bumerangkämpfer und wiedererstandenen Toten wanderten zum Dorfe zurück; helle friedliche Feuer und lagernde Herden begrüßten die Heimkehrenden, nochmals gab es Känguruhbraten, und dann senkte sich die Nacht herab auf diese armen, aber zufriedenen Menschen.
Am andern Morgen wurde die Reise in das Innere weiter fortgesetzt. Große Wälder der gleichen, düsteren, einförmigen Art führten hinauf in das Gebirge.
Wie arm doch das Tierleben war! Wenig Schmetterlinge und Insekten, wenig Singvögel, an Vierfüßlern nur die kleinen Opossums und das Schnabeltier, der Ameisenigel, welcher mit heraushängender, klebriger Zunge wie tot am Boden lag und die ahnungslosen Tierchen zu Hunderten auf den Leim lockte, ehe er sie plötzlich mit einem einzigen Ruck in die Tiefe seines Magens beförderte, um dann dasselbe Spiel von neuem zu beginnen. Auch das einen halben Meter lange Schnabeltier mit dem rüsselartigen Kopf lebte in Erdlöchern, die sich zahlreich neben einander befanden und aus deren Eingängen die tiefliegenden Augen der scheuen Bewohner neugierig hervorsahen, um dann blitzschnell wieder zu verschwinden. Es kostete eine ähnliche Anstrengung wie bei den Beuteltieren der Nightinsel, um ein Männchen zum Schuß zu bringen, schließlich gelang's aber doch, und Holm präparierte den Balg, um ihn sogleich an Bord der »Hammonia« auszustopfen und nach Hamburg zu schicken.
So ritt unsere Schar vierzehn Tage lang ins Innere des fünften Erdteils, oft unter großen Entbehrungen für Menschen und Tiere. Als man endlich von einem Gebirgsrücken aus unabsehbar weite Ebenen vor sich sah, deren trostlos trockene Weiten auch keinen grünen Halm für die treuen Pferde verhießen, da hielt man es doch für geraten, die Küste wieder zu gewinnen.
Alle Führer rieten das Gleiche, und so zog die wanderlustige Schar über Berg und Thal den Gestaden des Meeres wieder entgegen, freilich in ganz anderer Richtung als der des Hafens, wo das Schiff lag, hinunter zu den Australnegern der wildesten Gegenden. Die Vegetation ging allmählich über in mehr südlichere Formen, die Vogelwelt wurde mannigfaltiger, schöne Papageien und die noch nirgends gesehenen schwarzen Kakadus füllten die Bäume, Palmen tauchten vereinzelt aus dem Fichtenwalde empor, wildes Zuckerrohr, Kautschukbäume, blühende Theesträuche, Orchideen und viele Kräuter sowie Schlinggewächse bedeckten den Boden. Die Führer warnten jetzt die Reisenden, auf der Hut vor der gefährlichen Schwarzotter zu sein, deren Biß tödlich werden könnte, wenn sie sich im gereizten Zustande befände oder ihr Giftzahn eine blutreiche Stelle des Körpers träfe.
Holm erkundigte sich, ob die Buschotter häufig in Australien vorkomme.
»Sie ist in einigen Gegenden eine förmliche Landplage,« ward ihm zur Antwort. »Wo sie häufig vorkommt, kann man sich ihrer kaum erwehren. Man mag sich befinden, wo man will, in dem tiefsten Walde oder im dichten Heidegestrüpp, in den offenen Heiden und Brüchen, an den Ufern der Teiche, der Flüsse oder Wasserlöcher, man darf sicher sein, daß man seiner ingrimmig gehaßten Feindin, der Schwarzotter, begegnet. Sie dringt bis in das Zelt oder die Hütte des Jägers; sie ringelt sich unter seinem Bettlaken zusammen, sie legt sich unter seinen Stuhl und kriecht in Kisten und Kasten. Es ist zu verwundern, daß nicht weit mehr Menschen durch sie ihr Leben verlieren, als wirklich der Fall ist. Gegen Ende des März verschwindet sie, um ihren Winterschlaf zu halten, im September aber kommt sie ausgehungert wieder zum Vorschein und ist dann im höchsten Grade beißlustig und gefährlich. Ihre Bewegungen sind schneller als die anderer Giftschlangen, nicht selten verläßt sie das feste Land, um entweder auf Bäume zu klettern oder sich in das Wasser zu begeben.«
»Greift die Schwarzotter den Menschen an?« fragte Franz.
»In der Regel nimmt die Schwarzotter eiligst die Flucht, wenn sie einen Menschen zu Gesicht bekommt,« wurde ihm Bescheid. »In die Enge getrieben und gereizt, ja nur längere Zeit verfolgt geht sie ihrem Angreifer jedoch kühn zu Leibe und hat sich deshalb bei den Ansiedlern auch den Namen »Sprungschlange« erworben. Die Schwarzen fürchten diese Schlange ungemein, trotzdem daß sie selten von ihr gebissen werden, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil sie nur mit äußerster Vorsicht ihres Weges dahin gehen und ihre Adleraugen alles entdecken, was sich vor ihnen regt und auch nicht regt. Lange Gewohnheit hat sie in hohem Grade vorsichtig gemacht, so daß sie niemals eine Vertiefung durchschreiten und niemals in ein Loch treten, das sie nicht genau übersehen können. Sie essen Schlangen, welche sie selbst getötet haben, niemals aber solche, welche, wie dies oft geschieht, sich im Todeskampfe selbst einen Biß beigebracht haben.«
Hans wollte hierauf wissen, ob die Schwarzotter nur kleinen Tieren nachstellte, oder sich auch an größere Säugetiere wagte?
»Leider beißen sie in ihrer Wut Rinder und Schafe, die sie zu verzehren nicht imstande sind. Viele Kühe und Schafe, welche man im Sommer sterbend oder verendet auf den Ebenen liegen sieht, sind durch den Biß der Schlange zu Grunde gegangen, obgleich die Schafe viele dieser gefährlichen Geschöpfe töten, indem sie mit allen vier Füßen auf ihren Feind springen und ihn zerstampfen.«
»Also vorgesehen,« mahnte Holm.
Plötzlich stieß Rua-Roa einen durchdringenden Schrei aus. Alle standen still.
Vor dem Malagaschen erhob sich eine schwarze Schlange von etwa zwei Meter Länge. Ihr lebhaft blaßrot gefärbter Bauch schimmerte im Sonnenlichte, ihre Augen funkelten. Den Kopf hatte sie zurückgelegt, den Rachen mit den Giftzähnen weit zum Bisse aufgesperrt. Rua-Roa schien rettungslos verloren.
»Die Schwarzotter!« rief der Führer erschrocken.
Ehe jedoch die Schlange zum Bisse ausholen konnte, hatte Franz in Blitzeseile die mit Schrot geladene Flinte angelegt und losgedrückt. In scheußlichen Ringeln wälzte das getroffene Tier sich im Grase. Rua-Roa sprang zurück und war gerettet. Eine Sekunde später und er wäre dem giftigen Reptil zum Opfer gefallen.
Die Schlange krümmte sich in ohnmächtiger Wut auf dem Boden, die Schrotkörner hatten sie zwar verwundet, aber ihrem zähen Leben kein Ende gemacht. Sie mochte jedoch wohl fühlen, daß sie zu schwer verletzt sei, um weiter leben zu können und mit einem kräftigen Biß versetzte sie sich selbst die Todeswunde in ihren Schwanz, worauf sie alsbald verendete.
Der Führer lobte Franzens rasche Entschlossenheit. »Du hast mich jetzt zum zweitenmale aus Todesgefahr errettet,« flüsterte Rua-Roa ihm zu, »wie soll ich dir danken?«
»Hättest du nicht dasselbe gethan, wenn ich an deiner Stelle gewesen wäre?« fragte Franz. »Und sind wir nicht Blutbrüder?« fügte er leise hinzu.
Der Malagasche konnte nicht antworten, in seinen Augen aber standen Thränen.
»Was hätten wir beginnen sollen, wenn der Knabe von dem Scheusal gebissen worden wäre?« fragte Doktor Bolten.
»Das erste wäre gewesen, die Wunde auszuschneiden und mit Schießpulver auszubrennen,« antwortete der Führer. »Trotzdem aber würde die Wirkung des Giftes sich in großer Schläfrigkeit geäußert haben, gegen die der Knabe nur schwer angekämpft hätte. Wir hätten ihn jedoch zwingen müssen, auf den Beinen zu bleiben, denn aus dem Schlafe wäre er wohl kaum wieder zum Leben erwacht. Die Bewegung ist das einzige Mittel, den üblen Folgen des Bisses zu begegnen, nachdem das Gift so sorgfältig als möglich aus der Wunde entfernt worden. Geschieht keine von diesen Vorsichtsmaßregeln, so ist der Tod des Gebissenen unvermeidlich.«
»Gibt es kein Mittel, diese abscheulichen Tiere auszurotten?« fragte Hans.
»In den Kolonien werden sie bereits seltener,« entgegnete der kundige Führer. »Alljährlich wird daselbst das verdorrte Gras auf den Weideplätzen angezündet, um den Boden mit der fruchtbaren Asche zu düngen, und dem Feuer fallen alljährlich Tausende von giftigen Schlangen und anderem Ungeziefer zum Opfer. Man hofft allgemein, daß mit der zunehmenden Bevölkerung und einer regelmäßigen Bearbeitung des Landes die Giftschlangen sich rasch vermindern werden. Auch die Todesotter, welche selbst in der nächsten Nähe von Sidney häufig vorkommt, wird durch das Abbrennen der Weiden ziemlich vernichtet. Wenn auch die Eingebornen diese Schlange, welche bei der Ankunft eines Feindes ruhig liegen bleibt, um ihn zu erwarten, nicht für todbringend halten, so haben die Weißen doch schon das Gegenteil erfahren und halten deshalb die Todesotter für die gefährlichste aller Schlangen Australiens.«
Das soeben glücklich überstandene Begegnis mit der Schwarzotter hatte die kleine Karawane etwas verstimmt und mißtrauisch auf die Umgebung gemacht. Man sah sich vor beim Vorwärtsschreiten und vermied das freie Umherstreifen des einzelnen im Busch, um einer etwaigen Kollision mit dem gefährlichen Feinde aus dem Wege zu gehen. Während sie so dahinschritten und der allgewohnte, rechte Humor sich gar nicht wieder einstellen wollte, ertönte neben ihnen mit einemmal ein lautes Gelächter, das gerade so klang, als wenn eine Gesellschaft von alten Kaffeeschwestern sich köstlich über irgend einen Witz amüsierte.
Alle standen unwillkürlich still und horchten. »Wer war das?« fragte der Doktor. »Sind Wilde in der Nähe oder spottet ein Heer teuflischer Dämonen über unsere triste Fahrt durch dieses greuliche Australien?«
»O nein,« rief der Führer mit vergnügtem Gesichte, »das ist der lachende Hans, der beste Freund der Ansiedler, und dort sitzt er auf dem Zweige eines Baumes, uns neugierig betrachtend.«