Das Naturforscherschiff oder Fahrt der jungen Hamburger mit der "Hammonia" nach den Besitzungen ihres Vaters in der Südsee.

Part 37

Chapter 373,581 wordsPublic domain

»Das nenne ich ein Jagdglück,« rief Holm, »denn dieser Vogel mit seinen wundervollen langen Schwanzfedern, die wie eine Leier gestaltet sind, kommt nur selten zum Schusse. Mancher Jäger hat sich schon tagelang im Busche aufgehalten und hörte die laute, helle Stimme der scheuen Vögel, war aber nicht imstande einen derselben zu Gesichte zu bekommen. Merkwürdig ist, daß wir diesen Vogel hier antrafen, der sonst in Gegenden wohnt, die schwer zu erreichen und wegen tiefer, nur mit vermodernden Pflanzen bedeckter Felsenspalten dem Jäger lebensgefährlich sind.« Als Holm den Leierschwanz näher untersuchte, ergab sich, daß der Vogel ein verletztes Bein hatte, was ihn am Laufen verhindert haben mußte. Holm mahnte zur Vorsicht beim Betreten des Bodens, denn schon oft sei ein Jäger in die heimtückischen Felsenspalten geraten, in deren Nähe sich die Leierschwänze aufhalten, und nichts sei dem Unglücklichen übrig geblieben, als sich vermittelst eines Schusses durch den Kopf vom langsamen Verschmachten zu befreien, denn auf eine Hilfe von Menschenhand kann niemand in diesen Einöden rechnen, der tief in eine steile Felsenspalte geraten ist.

Kaum hatte er diese Warnung ausgesprochen, als der Doktor vor ihren Augen verschwand und mit einer dichten Masse von moderndem Laub in die Erde sank. »Hilfe!« rief er aus der Tiefe. Sie eilten rasch an den engen Schlund, der sich vor ihren Augen öffnete.

»Haben Sie sich verletzt, Doktor?« fragte Holm besorgt.

»Gott sei Dank, nein,« scholl es herauf; »aber die Felsenwände sind so glatt und schlüpfrig, daß ich mich nirgends anhalten kann. Ich sinke allmählich tiefer. Helft mir rasch.«

Mit größter Eile wurden die Riemen der Gewehre an einander geknüpft und hinabgelassen, sie erreichten jedoch den Doktor nicht, da sie nicht lang genug waren. Was nun beginnen? Woher einen Strick nehmen, um den Verunglückten heraufzuziehen, der langsam weiter in die Tiefe glitt und flehend um Hilfe rief? Mit jeder Sekunde nahm die Gefahr zu, die Felsenspalte konnte unergründlich sein und sich nach unten erweitern. Dann war der Doktor verloren. In solchen Augenblicken der höchsten Not kommen dem Menschen jedoch oft Gedanken zur Rettung und zwar so plötzlich, als hätte sie ihm jemand zugerufen, der unsichtbar ihm zur Seite stände. Wie mit Wundermacht wird dann das Unscheinbarste zum wichtigen Hilfsmittel, und wer nur Augen hat zum Sehen und Ohren zum Hören, der erfährt zu solcher Stunde, daß immer noch Zeichen und Wunder geschehen, daß Gott den Menschen zur Zeit der Prüfung nicht verläßt.

Franz war es, in dem sich blitzschnell der Gedanke zur Rettung des Doktors offenbarte. Ehe noch jemand begriff, was er wollte, hatte er den leichten Rock abgeworfen und sich des starken Leinenhemdes entledigt, das er rasch mit dem scharfen Jagdmesser in Streifen zerschnitt, die er wie einen Strick zusammendrehte und an einander knüpfte. »Wenn es nur ausreicht?« flüsterte er bange.

Rua-Roa hatte sofort begriffen, was Franz im Sinne hatte, und folgte seinem Beispiele. Auch er warf sein Gewand ab und zerschnitt es mit dem Messer, das Franz ihm damals geschenkt hatte, als er so tapfer die Prozedur des Gipsens über sich ergehen hatte lassen. »Ich helfe dir, mein weißer Bruder,« rief er, »Doktor Bolten muß gerettet werden und sollte ich meine ganze Habe, ja mein Leben für ihn hingeben. Er hat mich gelehrt, daß alle Menschen Brüder sind und daß der arme Waisenknabe Rua-Roa einen Vater im Himmel hat, dessen Kind er ist. Ich wollte sein Sklave sein, er aber hat mich freigegeben. Retten wir den guten Doktor!«

Die Stricke aus dem Zeug waren in fieberhafter Eile geflochten, alle legten sie Hand an, und nachdem dieselben an die Lederriemen der Gewehre geknüpft waren, wurde das so erhaltene Seil in die Felsenspalte hinabgelassen. »Geben Sie acht, Doktor,« rief Holm, »und suchen Sie das Seil zu erhaschen!«

Eine ängstliche Pause entstand. »Haben Sie das Seil?« rief Holm.

»Ich halte es!« ertönte die Antwort aus der Tiefe.

»Nun zieht an,« kommandierte Holm.

Alle faßten das Seil und taktmäßig, mit lautem Ahoi, wie auf dem Schiffe, förderten sie ruckweise den Doktor langsam in die Höhe, bis nach einiger Zeit der Gerettete wieder festen Boden unter seinen Füßen hatte.

Doktor Bolten sank auf die Kniee, als er glücklich wieder oben war, und seine Lippen sprachen ein leises Dankgebet. Dann reichte Hans ihm die Feldflasche, aus der er einen tüchtigen Schluck nahm, der ihn nach der überstandenen Angst und Gefahr sichtlich erquickte. Als er erfuhr, auf welche Weise die Rettung zustande gebracht war, reichte er Franz und Rua-Roa beiden die Hand. Er war zu bewegt, um sprechen zu können. Dann faßte er sich und sprach nur die wenigen Worte: »Der Segen eines alten Mannes ruhe auf eurem Haupte!«

Holm schlug nun vor, diese gefährliche Gegend zu verlassen und den Wald aufzusuchen, wo kräftiger Baumwuchs von dem Nichtvorhandensein der tückischen Naturfallgruben Zeugnis ablegte. Alle waren mit diesem Vorschlage einverstanden, und bald war die Gefahr, in welcher der Doktor geschwebt hatte, vergessen. Die Jagdlust und das Vorkommen reichlichen Vogelwildes stellte bald wieder den alten Frohsinn her. Holm erlegte einige der zierlichen Diamantvögel und einen der schwer zu erlangenden Emuschlüpfer. Der Schwanz dieses allerliebsten Vogels besteht nur aus sechs mit zerschlissenen Fahnen besetzten Federn. Seine Behendigkeit vereitelt fast immer die Nachstellungen, wozu noch kommt, daß er in der Kunst des Versteckens außerordentlich erfahren ist.

Als sie vorwärts schritten und in eine Niederung gelangten, auf der immergrüne Zedergebüsche sich ausbreiteten, machte Holm plötzlich Halt und winkte den andern mit der Hand zu, sich ruhig zu verhalten.

Die Knaben hielten ihre Gewehre in Anschlag. »Ein Raubtier?« fragte Hans.

»Nein,« erwiderte Holm leise. »Kommt behutsam an meine Seite, uns bietet sich ein reizendes Schauspiel dar.«

Alle traten mit leisen Schritten näher, und in der That nahmen sie durch die dichten Zweige, welche Holm vorsichtig zurückbog, einen merkwürdigen Gegenstand wahr, den sie früher noch niemals gesehen hatten.

Unter einer ziemlich großen Zeder sahen sie aus feinen und biegsamen Reisern erbaut eine kleine Hütte, die in ihrem Aussehen einer spitzdachigen Laube glich und an jeder Seite einen offenen Eingang besaß. Vor der Laube lagen bunte Schneckenschalen, Muscheln, weißgebleichte Knochen und glänzende Kieselsteine. Das Innere der Laube war mit roten, gelben und blauen Papageienfedern dekoriert, als sollte in derselben ein Fest gefeiert werden.

»Sollte das Hüttchen von den Kindern der Eingebornen im Spiel erbaut sein?« fragte der Doktor.

»Wir haben den merkwürdigen Bau des Atlasvogels vor uns,« erklärte Holm. »Die Vögel sind soeben davon geflogen, wenn wir uns ruhig verhalten, wird es uns hoffentlich gelingen, Augenzeuge von ihrem Thun und Treiben zu sein.« Kaum hatte er diesen Wunsch geäußert, als es durch die Luft schwirrte und ein Vogel mit einem Reisigzweig im Schnabel sich vor der Laube niederließ. Sein wie Atlas glänzendes Gefieder war tief blauschwarz, die Flügel- und Steuerfedern samtschwarz, blau an der Spitze, das hellblaue Auge besaß einen roten Ring, die Füße waren rötlich.

Der Vogel, seiner Größe und glänzenden Farbe nach zu urteilen das Männchen, nahm nun den Zweig und verflocht ihn gar künstlich und geschickt in die Wand der Laube, und ließ, als er die Arbeit vollbracht, einige wohllautende Töne hören, als freue er sich des gelungenen Werkes. Nach einiger Weile kam das minder schön gefärbte Weibchen hinzugeflogen, das eine hochrote Papageienfeder im Schnabel hielt, die es im Innern der Laube anbrachte. Als dies geschehen war, lockte es das Männchen, welches in die Laube hüpfte und durch allerlei Gebärden seinem Wohlgefallen an dem neu erworbenen Zierat Ausdruck verlieh. Die beiden Vögel hüpften in der Laube auf und ab, schlugen mit den Flügeln und spielten vergnügt mit einander in dem kleinen Palast, den sie sich erbaut hatten, so gut ein Vogel es nur irgend kann.

»Ihr Nest haben die Atlasvögel an einem anderen Orte,« sagte Holm, »dies hier ist ihr bestes Zimmer oder, wenn wir wollen, ihr Museum, an dessen Schätzen sie sich erfreuen. Wollen wir die Vögel schießen?«

»Schenkt ihnen das Leben,« bat der Doktor. »Ihr ganzes Betragen hat so etwas Harmloses und Freundliches, daß es mir fast ein Unrecht erscheint, sie zu töten.«

»Nun so mögen sie leben bleiben,« versetzte Holm, »obgleich ich gerne ein Exemplar für unser Museum in Hamburg gehabt hätte.«

In diesem Augenblicke kam ein dritter Atlasvogel angeflogen, der sich vor der Laube niederließ und eine blanke Muschelschale zu stehlen suchte, trotz der Abwehr der Eigentümer der Laube.

»Oha,« rief Holm, »du willst hier annektieren. So ein Sozialdemokrat, der das Eigentum auch teilen will, soll seinen ihm gebührenden Lohn empfangen.« Ein wohlgezielter Schuß aus der Vogelflinte streckte den unberufenen Gast und Räuber danieder. »Nun haben wir alle unseren Willen,« sagte Holm. »Der Doktor sieht das Leben seiner Schützlinge erhalten und wir haben einen Atlasvogel für unser Museum.« Die beiden anderen Atlasvögel waren davon geflogen, und die beste Gelegenheit zum Inspizieren der Laube war gegeben. Franz zeichnete dieselbe, während Holm sich anschickte ein frugales Mahl zu bereiten. Nachdem dieses eingenommen, machte man sich auf den Rückweg, und zur rechten Zeit, noch vor Sonnenuntergang, erreichten sie das Lager.

Am folgenden Tage begann die Durchforschung des Strandes. Schwarze Austernfische fanden sich reichlich, viele hübsche Reiher und weiße schwanenartige Vögel, ebenso auf den Klippen der nur in Australien lebende weiße Hummer und sehr schöne Schnecken und Muscheln, welche die Flut zu hoch hinauf geworfen, als daß ihnen der Rückzug ins Meer noch möglich geworden wäre. Hier sah man auch die Makadamas auf dem Gebiet ihrer eigenen Thätigkeit; sie zimmerten Kanoes, sogenannte Einbäume von alten umgewehten Baumstämmen und zwar mit den Eisenteilen gestrandeter Schiffe. Ohne alle Meßinstrumente, ohne Beil oder Säge, nur mit eisernen Faßreifen, die spitz und scharf geschliffen waren, brachten die Wilden schlanke, schnell dahinschießende Fahrzeuge zu stande; auch platte Doppelruder, die blitzartig von einer Hand zur andern flogen und bei jeder Drehung über den nackten Körper des Schiffers einen Tropfenregen ergossen, hatten diese Boote, denen die Sitzbretter gänzlich fehlten, und deren hinterer Teil zollhoch mit Wasser überspült war. Die dreizackige Harpune des Ruderers brachte nach jedem Stoße einen zappelnden Fisch aus der Tiefe mit herauf.

Während die Weißen über den klippenreichen, vielfach ganz unpassierbaren Strand dahingingen und sich an solchen Punkten, deren Ausläufer wie Kaps bis ins Meer vorsprangen, wieder landeinwärts schlugen, entdeckten sie in den Kronen der Bäume eine Anzahl längliche Pakete, deren Form unschwer erkennen ließ, daß hier auf die Weise der Dajaks Leichen dem Verfall ausgesetzt worden waren, nur insofern anders, als man dort die Gestorbenen den Raubvögeln preisgab, während hier, wo diese fehlten, der Körper in Baumrinde gewickelt, mit Bast umschnürt und am Waldrande aufgehängt wurde, damit ihn die Sonne vertrockne.

Nachdem der Ankerplatz erreicht worden, nahmen die Reisenden, so gut als dies bei der gänzlichen Unkenntnis der Sprache möglich war, Abschied von den Wilden, die auch hierher nachgelaufen kamen und sich bei den vielen Schüssen, welche sie an diesem Vormittag schon gehört, einigermaßen mit Klang und Wirkung vertraut gemacht hatten. In der Bai, wo das Schiff lag, apportierten sie sogar, wie gut geschulte Hunde. Sich hinter Bäumen versteckt haltend, so oft einer der Weißen zielte, sprangen sie in das Wasser und brachten den getroffenen Vogel zwischen den Zähnen herbei.

Alle blanken Knöpfe, Kattunstückchen, Metallringe und namentlich ein Spiegel wurden unter die bemalten Gestalten verteilt; -- den kleinen Rasierspiegel erhielt eine Frau, die sogleich, als sie ihr eigenes, nie gesehenes Antlitz erblickte, hinter das Glas griff und die vermeintlich Fremde aus dem Versteck hervorziehen wollte. Erst durch verschiedene Versuche über den Irrtum dieser Anschauung belehrt, schien sie zu glauben, daß hier etwas Geheimnisvolles, Geisterhaftes vorgehe; sie gab das Glas einem der anwesenden Männer, dessen Gesicht sich vor Schreck zusehends verlängerte. Er legte den Spiegel auf den Rand eines Felsens und schlich leise herzu, ganz geräuschlos, als wolle er den Zauber da drinnen überlisten, -- Zoll um Zoll hob sich der schwarze Kopf, endlich hatten die Augen den Rand des Glases erreicht, zaghaft sah er hinein und fuhr eben so schnell zurück, -- wieder das feindliche Gesicht!

Und dann machte er es anders. Er trat hinter den Spiegel, er ließ eine längere Pause vergehen; der Bursche da drinnen sollte offenbar denken, daß jetzt niemand mehr in der Nähe sei. Ein Lächeln des Triumphes flog über die wulstigen Lippen; plötzlich wie der Blitz sah er wieder hinein, noch dazu mit schadenfroh hervorgestreckter Zunge. --

Aber was war das? Vor Schreck und Furcht blieb er zum Ergötzen der Weißen in seiner einmal angenommenen Stellung unbeweglich stehen. Im Haar, triefend von Thran, den gelben Ocker, Nase und Kinn feuerrot, am ganzen Körper streifenweise rot und weiß beschmiert, den einen Fuß unternehmend vorgestreckt, die Zunge lang heraushängend, so sah er zornfunkelnden Auges in das Glas. Jener andere unterstand sich, die Herausforderung zu erwidern; ja mehr noch, er äffte ihn; er machte ihm alles nach, selbst die kleinste Bewegung.

Das sollte er bereuen. Der Wilde legte den Spiegel platt auf den Felsen und führte mit einem Ruder, welches sich in der Nähe befand, einen so wuchtigen Hieb, daß nun nach seiner Berechnung der feindliche Schädel in Stücke zerschmettert war; dann trat er herzu, um mit der Miene befriedigter Rache die Splitter noch ein paarmal zu treffen, besonders einen, welcher der Vernichtung bis auf die Größe eines halben Groschens entronnen war. Er hob das Stückchen vom Boden und brachte es nahe ans Gesicht -- wieder der spukhafte Gegner!

Das ging denn doch über den Spaß. Die verhängnisvolle Scherbe mit einem einzigen Ruck weit hinaus schleudernd in das Meer, floh er hasengleich zurück zum Walde und verschwand zwischen den Bäumen auf Nimmerwiedersehn. Wahrscheinlich erfreute sich dieser Tapfere bei seinem Stamme eines besonders hohen Ansehens, denn nachdem er in der bezeichneten Weise das Signal gegeben, rannten ihm alle wie die Schafe dem Leithammel nach, so schnell sie konnten, bis kein einziger mehr zu erblicken war. Die Weißen riefen und pfiffen, um sich noch länger mit den Naturkindern zu unterhalten; aber es nützte alles nichts; der Strand war und blieb ausgestorben.

Man häufte noch einige alte Waffen, Eisengeräte und Ketten als Abschiedsgeschenke an sicherer Stelle auf, und dann wurde die kleine Insel umfahren, späterhin aber der Besuch bei den Echaus sehr abgekürzt, weil sich dort in bezug auf Land und Leute gegenüber der anderen Inselhälfte durchaus nichts Neues ergab. Hier wälzte sich ein breiter Fluß vom Walde her bis in den Ozean; die Gelegenheit, das Innere kennen zu lernen, war also günstiger als vorhin im Lande der Makadamas. Unsere Freunde bestiegen das große Boot und ruderten, vom schönsten Südwind getrieben, langsam stromauf in den schweigenden Wald hinein. Der Matrose, welcher sich als Taucher schon in der Bucht von Celebes bewährt hatte, war samt dem Apparat mitgenommen worden, und Holm freute sich auf neue Tiefseegeschöpfe, vorher aber mußte man den Grund kennen lernen, um zu erfahren, ob er auch nicht etwa verschlammt sei. Das Patentlot glitt in die Tiefe hinab und brachte günstigen Bescheid; etwa acht Meter Wasser und fester Kiesboden; außerdem offenbar Korallenbildungen, -- besser konnte es gar nicht sein.

»Wir wollen zweimal nachsuchen,« rief der Matrose, »erst hier, wo noch das Wasser salzhaltig ist, und später mitten in der Insel. Zwischen den Korallenstöcken am Strande sitzen gewöhnlich die großen schönen Muscheln.«

Holm sah bedenklich über das Meer hinaus. »Aber die Haie!« warnte er.

»Bah, die kommen nicht so nahe an die Grenze des süßen Wassers. Wir sind schon über hundert Schritt in den Fluß hinein. Nebenbei bemerkt man auch ein solches Ungeheuer zeitig genug.«

Die Rüstung wurde also angelegt und der moderne Ritter über Bord gelassen. Die Wellen zogen große Kreise, der Apparat that seine Schuldigkeit und schon nach wenigen Minuten kam das Zeichen zum Hinaufziehen. Eine Sammlung wundervoller Pflanzentiere gelangte in das Boot, vielverzweigte, braune Stämme mit goldgelben Blumen und zarten Rosarändern, Geschöpfe, die in der Naturgeschichte zwischen Korallen und Quallen stehen, außerdem Schwämme wie feines gesponnenes Glas, große Seltenheiten in den Museen, und wieder andere wie riesige Handschuhe, andere wie Blumenkörbe; -- Holm hätte vor Vergnügen gern einen Luftsprung gemacht, wenn nur ein Boot auf hohen Wellen dazu der geeignete Schauplatz gewesen wäre. »Da unten sind wahre Unmassen,« berichtete der Matrose, »ich kann Ihnen ganze Säcke voll heraufschaffen. Und dieses Getier, diese Spinnen, Krabben, Würmer, Schnecken! -- jeder Punkt hat seinen Bewohner. Nur die Algen sind ganz dieselben von der Celebessee.«

Er wurde wieder hinabgelassen, die jungen Leute bewunderten und sortierten emsig das nasse Durcheinander auf den Brettern; besonders der Schwamm wie eine Blume aus Glasfäden erregte ungeteilten Beifall; Holm erzählte eben, daß ihn die Frauen der Südseeinseln als Kopfputz tragen, da wurde plötzlich von unten her das Signal zum Heraufziehen gegeben, aber so hastig, so wiederholt, daß der Eindruck des Außergewöhnlichen, des Erschreckens sich im selben Augenblick bei allen Anwesenden geltend machte.

»Großer Gott,« rief Holm, »wenn es ein Hai wäre!«

Alle Arme spannten sich an die Taue, alle zogen mit der Kraft der Angst, -- wie ein Ball hätte nach ihrer Berechnung der Taucher an die Oberfläche gelangen müssen, -- aber dennoch rührte sich da unten nichts, dennoch hing es bleischwer in der Tiefe und schien aller Bemühungen der Matrosen zu spotten. Wieder und wieder kam aus dem Wasser das Signal.

Kalter Schweiß stand auf Holms Stirn. Hatte etwa ein Hai den Unglücklichen gepackt, und hing er selbst mit seiner ganzen Schwere an dem nur für einen Menschen berechneten Seile?

»Zieht! Zieht!« rief er mit erstickter Stimme. »Um Gottes willen, thut euer Möglichstes, den Mann zu retten!«

Diesmal hingen sich sogar der Doktor und Hans mit an die Taue, alle Hände bluteten, alle Muskeln spannten sich auf das äußerste, langsam, ganz langsam wurde die Last heraufgehoben. Unheimliche Stille lag auf dem ganzen kleinen Kreise; es schien, als fürchte jeder, den entsetzlichen Vermutungen, welche er hegte, durch Worte Ausdruck zu verleihen. Was würde man binnen wenigen Minuten vielleicht sehen, was zog man Unheimliches, Vielhundertpfündiges da aus dem verborgenen Schoße des Meeres hervor?

Jetzt, jetzt mußte es kommen.

Über dem Wasser erschien der Kopf des Tauchers, die Rüstung war unversehrt, aber als der Mann emporsah, sprachen aus seinem blassen Gesicht Furcht und Verwirrung. -- Ein Ruck noch, dann zeigte sich aller Augen das Geschehene.

Um den Körper des Tauchers hatte sich von hinten her eine der größten Quallen, eine Sepie mit vier furchtbaren Armen festgeklammert. Diese letzteren, anderthalb Meter lang und von der Dicke eines starken Ofenrohres, besaßen einen gemeinsamen Mittelpunkt, den mißgestalten Körper, an welchem der befranste, unförmliche Mund ohne Kopf zwischen den Vorderarmen saß und immerwährend mit den Fühlern nach einer offenen Stelle zum Saugen tastete. Offenbar hatte das Ungeheuer der Tiefe den Mann so fest umfaßt, daß ihm der Atem auszugehen drohte; wenigstens schien er beinahe leblos.

Die Sepie ließ auch außerhalb des Wassers nicht von ihrem Opfer; sie mußte aus stärkerem Stoff sein, als ihre kleinen Verwandten; die Axthiebe, welche jetzt Rumpf und Arme trennten, trafen auf eine ziemlich widerstandsfähige Masse, die mehr zähe als fest war und unglaublich viele Saughaken besaß.

Das alles ging zauberschnell, ohne Worte oder Befehle, ohne irgend welche Hindernisse von statten. Die Rüstung wurde abgestreift, der Körper des Scheusals am Rumpf zerschnitten und der Taucher von allen beengenden Einflüssen frei gemacht. Nachdem man ihn gerieben, gewalkt und ihm etwas Rum eingeflößt, kam er langsam wieder zu sich. Ihm war außer der erlittenen Todesangst kein weiterer Schaden geschehen. Erst jetzt wandte sich die Aufmerksamkeit der Reisegefährten dem Untier zu, Franz legte die einzelnen Glieder wieder aneinander, und Holm maß die stattliche Länge von drei und einem halben Meter, wobei jedoch der Matrose versicherte, daß er die häßlichen Geschöpfe schon doppelt so groß gesehen. Er erzählte nun auch, wie sich der Polyp ihm von hinten unbemerkt genähert und ihn umfaßt habe, als wolle er ihm alle Rippen zerbrechen. »Ich versuchte es, den ersten Arm abzulösen,« sagte er, »aber das war unmöglich; im Gegenteil faßten drei andere nach, und nun ging mir der Atem aus. Was geschehen ist, nachdem ich ein paarmal das Zeichen zum Aufziehen gegeben, kann ich mich nicht mehr erinnern, jedenfalls aber hat mich die Rüstung vor dem sichern Tode geschützt. Diese Saugapparate lassen gutwillig nichts, was sie einmal erfaßt haben, wieder los.«

»Fort damit!« rief Franz. »Mag sich ein Hai die Überreste holen.«

Schaufeln halfen das Boot von den Überresten des Tieres reinigen, und dann wurde die Fahrt fortgesetzt. »Ich tauche doch noch wieder,« meinte der Matrose, »nur die Rippen thun mir ein bißchen weh, sonst ist nichts passiert. Langweilige Gegend, was?«

»Düster, düster wie das ganze eigentliche Australien!« versetzte Holm. »Harte, steife, dunkelgrüne, verholzte Blätter, kein Tierleben, keine Menschenwohnungen, keine Anfänge der Kultur, -- woher soll da die Schönheit kommen? Auf dem Festlande, soweit diese Bezeichnung zulässig ist, wird es nur wenig besser; erst die Inseln des Großen Ozeans bringen wieder tropische Vegetation und reichere Tierwelt, wenigstens was Vögel und Insekten betrifft.«

»Hier ist aber auch gar nichts zu finden,« sagte Franz. »Echaus heraus, damit man euch endlich einmal kennen lernt!«

Niemand beantwortete den Kriegsruf, nur eine Schar Kasuare galoppierte über die Ebene, und ein wilder Hund bellte, sonst blieb alles still. An einer von Wald und Busch umsäumten lichten Stelle trafen die Schiffer die ersten menschlichen Wesen, eine Schar kleiner, krüppelhafter und affenähnlicher Geschöpfe, die zum Teil aus Erdlöchern hervorsahen, zum Teil stumpfsinnig im Sonnenschein dalagen, ohne sich um das Boot mit den Fremden irgendwie zu bekümmern. Holm und auch die übrigen riefen ihnen verschiedene Worte zu, die indessen unbeachtet verhallten, so daß es den Weißen zweifelhaft schien, ob diese tierischen Wesen überhaupt eine bestimmt geordnete Sprache besaßen. Es war sehr begreiflich, daß sich die Echaus den Makadamas gegenüber in respektvoller Entfernung hielten, jedenfalls mußten sie, so roh und unkultiviert auch diese letzteren sein mochten, doch im Kampfe mit ihnen entschieden den kürzeren ziehen.

Ein zweiter Tauchversuch schaffte eine tüchtige Mahlzeit gewöhnlicher Krebse, weiter nichts; Fluß und Wald waren gleich arm an Produkten wie an Reiz. So wurde denn die ungastliche Küste der Echaus sehr bald verlassen und an Bord der Fang des ersten Zuges in Sicherheit gebracht.