Part 36
Das Schiff drehte bei, dann wurde ein Boot ausgesetzt und die Naturforscher erreichten das Innere der Koralleninsel von der brandungsfreien Seite aus. Ein stiller, ruhiger Salzwassersee bildete das Innere der Insel. Während sich an den Korallenriffen die Woge in furchtbarer Brandung brach, herrschte hier Ruhe und Frieden, und in dem klaren Wasser lebte eine eigene Tierwelt ihr vergnügtes Stillleben. Papageifische zermalmten mit ihren harten Kiefern die Korallenzweige. Schnecken aller Art weideten förmlich die Korallenfelder ab, indem sie die weichen Tiere erwischten, welche aus ihrem harten Kalkbau hervorkamen, um auf Nahrung zu lauern. Seesterne, Seeigel und Haarsterne mit nach unten gerichtetem Munde belebten den See, in dem die von Holm vermuteten Holothurien sich ebenfalls in reicher Anzahl und mannigfaltigen Arten vorfanden. Sie alle ließen es sich wohl sein unter dem Schutze des Korallenriffes, das sie vor der Vernichtung durch die Wellen des Meeres bewahrte, indem es einen festen Wall, gleichsam eine Schanze gegen das anstürmende Meer bildete.
»Hier in diesem glasklaren See wollen wir das seltsame Wesen der Seewalzen beobachten,« sagte Holm, »und dann nach Herzenslust fischen. Seht hier die violette Seewalze, wer hat Lust, sie zu ergreifen?«
Kaum hatte Holm die Frage gethan, als auch schon Hans sich niederbeugte und die lange Seewalze mit festem Griff der Hand umklammerte. Nun aber ereignete sich etwas sehr Seltsames.
Kaum bemerkte die Seewalze, daß ein Feind sie gepackt hielt, als sie sich krampfhaft zusammenzog und durch den Mund ihre sämtlichen Eingeweide ausspie. Hans kümmerte sich jedoch nicht darum, daß das Tier ihn mit seinem klebrigen, anhaftenden Inhalt besudelt hatte, sondern suchte seine Beute aufs Trockene zu bringen, aber dies Vorhaben wurde ihm von dem Tiere gründlich vereitelt, denn es schnürte sich ein und teilte sich in mehrere Enden, als wenn es eine Wurst wäre, die der Metzger durch Abdrehen in mehrere Teile zerteilt hätte. Nur ein Stückchen Haut behielt er in der Hand.
»Sieh einer doch solche Bosheit,« rief er, »das Tier vierteilt sich selbst, um der Gefangenschaft zu entgehen.«
»Es schnürt sich ab bis auf den Kopfteil,« sagte Holm. »Dort liegt ein ringförmiger Nerv, und so lange dieser unzerlegt bleibt, ist es der Seewalze möglich, wieder nachzuwachsen. Die Zerstörung durch freiwillige Abschnürung geht bei einigen Arten so weit, daß noch kein Naturforscher sich rühmen konnte, ein vollständiges Exemplar aus dem Meere heraufgeholt zu haben.«
»Aber warum übt es solche Selbstverstümmlung aus?« fragte Hans.
»Diese Abschnürung ist ein wunderbares Auskunftsmittel, um bei der gänzlichen Widerstandslosigkeit gegen Angriff und Verfolgung wenigstens das Leben zu retten. Selbst im Rachen eines gierigen Räubers vermag die Seewalze sich in zwei Hälften zu teilen, deren eine sie als wertlos dem Feinde überläßt, während das Kopfende das Meer zu erreichen sucht, um auf dem Grunde desselben einen Ruheplatz zum Neuwachstum und Ersatz des preisgegebenen Körpers zu suchen. Selbstwillige Zerstörung und rasches Wiederherstellungsvermögen sind es, die bei der Seewalze die Verrichtung eigentlicher Verteidigungsorgane höherer Tiere ersetzen.«
»Wir wollen uns jedoch durch dieses Gebaren der Seewalzen nicht beirren lassen, sondern so viele Bruchstücke derselben zu erlangen suchen, wie nur möglich, denn die übrigbleibende Haut liefert dem Mikroskopiker das Material zu Präparaten, die jedes Auge erfreuen.«
Es wurde nun eifrig Jagd auf Seewalzen gemacht, und die Stücke, welche nach der freiwilligen Vierteilung übrig blieben, wanderten nach Holms Anleitung in den Spiritusbehälter. Holm versprach den Knaben, während der nächsten Fahrt auf dem Schiffe ihnen die Wunder der Holothurienhaut unter dem Mikroskop zu zeigen.
Von den Papageifischen, die sich durch die Eigentümlichkeit ihres Gebisses ebensowohl auszeichnen als durch die Farbenpracht ihrer Schuppen, wurden mehrere Exemplare gefangen. Die Tiere, welche weder den Menschen noch das Netz kannten, waren mit leichter Mühe zu erlangen.
Holm fand an einer Stelle die rote Orgelkoralle, bei der die kalkigen Wohnungen der Einzeltiere als schlanke Röhren wie die Orgelpfeifen neben einander stehen. Auch die elegante Seefeder sowie der Neptunsfächer wurden erbeutet, zierliche Korallenstöcke, die sich ausnahmen wie Hutfedern oder wie riesige Fächer von bräunlicher, rötlicher und gelber Farbe.
Der Ausflug nach diesem kleinen Koralleneilande war ein überaus lohnender gewesen. »Wir wollen diesem Punkte im Ozean einen Namen geben,« schlug Hans vor. »Was meint ihr, wenn wir ihn »die Schatzkammer der Naturforscher« nennen?«
Alle waren damit einverstanden, und als sie wieder an Bord waren, trug der Kapitän das Inselchen und seinen Namen in die Seekarte ein.
Das Schiff setzte seine Fahrt fort, bis endlich nach kaum drei Wochen die kleine, wenig bekannte Insel an der Nordküste Australiens erreicht war. Viele gefährliche Klippen starrten himmelhoch und von Brandungen umtobt den Seefahrern entgegen, viele stille Baien, anmutig in flaches, grünes Land verlaufend, schienen aber auch zur Einkehr zu locken, und als das Schiff langsam zwischen den Korallenfelsen hindurchlief, zeigten sich auch schon gleich beim ersten Erblicken des Innern die Bewohner vom Stamme der Papuas. Kleine, gedrungene Gestalten, die Weiber von ungeheurer Häßlichkeit, die Männer mit dick aufliegenden Stammesnarben geschmückt, rot und weiß angemalt, im Haar den gelben, dick mit Thran aufgestrichenen Ocker, beide Geschlechter aber bis auf den zerfaserten Grasgürtel der Frauen ganz wie Gott sie erschaffen, so standen die Wilden scharenweise am Ufer, vielleicht hoffend, daß das Schiff stranden und ihnen seine Eisenteile zum Verbrauch überlassen solle, jedenfalls aber ohne irgend eine böse Absicht, etwa einer Rinderherde gleich, die ahnungslos den Fremden an sich herankommen läßt, ihn kaum beachtend, gleichgültig und ruhig.
Hätten nicht diese schwarzen, schauderhaft beklecksten Gestalten deutlich den entlegenen Weltteil verraten, so würden sich unsere jungen Freunde nach Europa zurückversetzt geglaubt haben. Hohe, schlanke Nadelhölzer, besonders die prächtige Kaurifichte, spendeten kühlen Schatten, das Gewirre des Unterholzes und der Schlinggewächse fehlte gänzlich, den Boden bedeckte üppiges Gras, und aus seiner grünen Fülle hervor sah das bescheidene, deutsche Maßliebchen. Auch die parkartige Ähnlichkeit der Hölzer unter einander, die gleichmäßigen Stämme und die Einförmigkeit des ganzen Pflanzenwuchses erinnerten lebhaft an deutsche, stille Wälder mit ihrem Sonnenschein und ihrem tiefen, nur zuweilen durch Vogelstimmen unterbrochenen Frieden. Die Vogelwelt freilich bot wieder ganz fremde und noch dazu neue Erscheinungen, nämlich Strauße so klein wie Truthühner, aus Erdlöchern hervorsehend und schnell in dieselben zurückschlüpfend, Papageien und schöne Reiher, die an den Uferklippen ihrer Beute harrten.
Das Gesamtbild trug den Charakter des ländlichen Stilllebens. Als die Weißen ausgeschifft waren, kamen ihnen die Wilden vertraulich entgegen und betasteten sowohl ihre Anzüge als auch ihre Gesichter, wie um sich zu überzeugen, daß lebende Wesen dahinter steckten; sie lachten laut und ahmten nicht selten den Gang, die Haltung oder gar die Worte ihrer plötzlich erschienenen Gäste nach, was jedenfalls auf gänzliche Unbekanntschaft mit der weißen Menschenrasse schließen ließ. Ebenso vergeblich war es, ihnen in englischer Sprache irgend etwas zu sagen, sie verstanden davon keine Silbe, sondern lachten wie Kinder, denen das Fremde Spaß macht; viele von ihnen sprangen auch sogleich in das Wasser und versuchten es, den Dampfer zu erklettern, andere eilten zu ihren Booten und umfuhren das Schiff; nirgends aber trafen sie Vorkehrungen, den Weißen irgend etwas anzubieten; in dieser Beziehung standen sie offenbar ganz auf der niedrigsten menschlichen Stufe.
»Wir wollen doch die Insel durchwandern,« erklärte Holm, »unsere Zelte und Lebensmittel auf den Rücken nehmen und wie die Köhlerkinder des Märchens Zeichen in die Bäume hauen, um später den Rückweg wiederzufinden. Es ist gerade angenehm warm, der Boden nicht durch Hindernisse versperrt, die Tierwelt ungefährlich; also laßt uns sehen, ob denn tatsächlich keine feste Hütten vorhanden sind.«
Es wurde ein deutsches Lied angestimmt; im kräftigen Chor durchhallte das »Freiheit, die ich meine« den australischen Wald, und gefolgt von einer Menge schwarzer, arg bemalter und tättowierter Gestalten zogen unsere Freunde im hellsten Sonnenschein dahin, vergeblich ein Dorf oder eine Niederlassung suchend, vergeblich nach genießbaren Baumfrüchten ausspähend, vergeblich hinter jeder neuen Lichtung, jedem Busch oder Fluß bebaute Felder erwartend. Nur Fichten und Fichten, dazwischen der amerikanische Hickory, schönblühende Myrthaceen, Kasuarinen, sowie der Gummibaum mit seinen steifen, lederartigen, glanzlosen Blättern; aber nie Fruchtbäume. Am Boden blühten viele schöne Blumen, doch waren sie geruchlos und von großer Einförmigkeit der Erscheinung, den Tropen gegenüber geradezu ärmlich.
Dieser helle, lichte, sonnendurchschienene Wald wechselte stellenweise mit dem berüchtigten, australischen »Busch«, einer Wildnis von Dornen, Akazien, großen Immortellen und Protaceen, auf deren Boden kein Halm sproßte, die dagegen aber bewohnt waren und zwar von verschiedenen, meist unbedeutenden Tiergattungen, namentlich den Dingos (wilden Hunden) und den zahllosen größeren oder kleineren Beuteltieren, marderähnlichen Geschöpfen mit langem, buschigen Schwanz und dem bekannten, an der Unterseite des Körpers liegenden Hautbeutel, worin die Weibchen ihre Jungen tragen, bis dieselben ausgewachsen sind, und wohin diese selbst dann noch zurückkehren, wenn ihnen während ihrer ersten Jugend draußen irgend eine Gefahr droht.
Die behenden Tiere zeigten sich nie im Freien, sondern lugten aus den Erdlöchern der Buschpartieen vorsichtig herauf, um dann eben so schnell wieder zu verschwinden; sie ohne Hunde zu jagen, war ganz unmöglich. Holm postierte bei einer dieser Höhlen die jungen Leute so, daß ihnen das flüchtende Beuteltier jedenfalls zu Schuß kommen mußte; dann begann er selbst mit Hilfe des Malagaschen den Erdhügel oberhalb der Wohnung durch Axtschläge und Spatenstiche abzuräumen, während ein Trupp Wilder daneben stand und neugierig beobachtete, was die Weißen thaten.
Zuweilen zeigte ein leises Geräusch unter der Erde, daß die Tiere höchst wahrscheinlich schon in Unruhe gerieten, daß ihnen vielleicht bröckelndes Gestein auf den Kopf fiel oder die Wahl zwischen Flucht und Tod ihren erschreckenden Einfluß ausübte; dann geschah etwas, worüber alle Weißen lachten, bis ihnen der Atem versagte. Das Männchen des Beuteltieres, der marderähnliche Rotschwanzbeutler, schoß mit einem plötzlichen, gewaltigen Sprung aus dem Eingang hervor; schon mochte er glauben, sich durch seine kecke That der Gefahr glücklich entzogen zu haben, als im selben Augenblick zwei Schüsse krachten und der schlanke, aufbäumende Körper sterbend zu Boden stürzte, -- außer ihm, den die Kugeln durchbohrten, waren aber auch alle Wilden wie ein Haufen Kartenmännchen hingefallen und zumeist auf das Gesicht. Höchst wahrscheinlich hatten sie die Büchsen für Stöcke gehalten und waren bei dem doppelten Knall dermaßen erschrocken, daß ihr bißchen Nachdenken sie vollständig im Stich ließ, ja, daß sie die dämonischen Mächte ihrer dunklen, halbverworrenen Vorstellungen verkörpert vor sich zu sehen glaubten.
Es war komisch und bedauernswert zugleich, diese hingestreckten schwarzen Gestalten zu beobachten, wie sie, weit mehr Tier als Mensch, so hilflos dalagen, aller vernünftigen Vorstellung bar, außer sich vor Angst unter dem Eindruck eines Büchsenschusses; der Doktor ging von einem zum andern, sprach hier deutsch und dort jenes fabelhafte Etwas, das er englisch nannte; er versuchte auch, die rotbemalten Schultern aufzuheben und riskierte endlich sogar einen zornigen Befehl, aber das alles half nichts, bis Holm vorschlug, es mit einem andern Verfahren zu probieren. »Zeigen Sie einmal die Knöpfe und Metallringe, welche wir mitgebracht haben, Doktor,« riet er.
Und das half über Erwarten. Der alte Herr setzte sich auf eine Erhöhung des Weges, in seiner Hand glänzten allerlei Spielereien, womit in zivilisierten Ländern kleine Kinder belustigt werden, -- und siehe da, Kopf nach Kopf tauchten aus dem Gras die schwarzen Gesichter herauf. Hier erhob sich vorsichtig eine Gestalt, deren Ocker und Mennig den Boden klumpenweise färbte, hier rang sich ein Laut des Entzückens von den schnalzenden Lippen einer Frau, dort flüsterten Kinder, unfähig, dem erwachten Verlangen zu widerstehen.
Und der alte Theologe hielt mit einer Hand seine Messingknöpfe in das Sonnenlicht, mit der andern winkte er den Zögernden. »Nur her, ihr Ärmsten unter den Armen, nur her, verirrte Wesen, was fürchtet ihr denn eigentlich? -- Da, da, -- und da! -- Aber nun seht euch auch die Gewehre an; hier!«
Er hatte die Waffe aus dem Grase genommen und wollte sie jetzt den Wilden in aller Ruhe zeigen, aber weg, wie vom Wind entführt, war plötzlich die ganze Schar, der nächste Busch hatte sie verschlungen.
Franz hatte unterdessen seine Jagdbeute in Sicherheit gebracht, worauf sich sämtliche junge Leute vereinigten, um nun aus dem Bau das wahrscheinlich noch darin befindliche Weibchen des Rotschwanzbeutlers lebend hervorzuziehen. Vor allen Dingen wurde zu diesem Zweck der Ausgang verschüttet und nun vorsichtig weiter und weiter gegraben, bis die letzte Erdschicht einstürzte und dadurch die Weißen die Möglichkeit erhielten, das kleine, mit den andrängenden Massen kämpfende Tier einzufangen. Es sollte seine Freiheit zurück erhalten; nur wollten die jungen Naturforscher gern den seltsamen Beutel des Muttertieres in der Nähe sehen und womöglich die kleinen Jungen darin entdecken; daher mußte es gefesselt und zur Flucht unfähig gemacht werden. Die Sache gelang nur nach vieler Mühe und einigen von den scharfen Nagezähnen erlittenen derben Bißwunden, dann aber waren glücklich die Vorder- und Hinterfüße, je zwei zusammen, mit starken Stricken gebunden, und zum Überfluß die Schnauze mit einem starken Taschentuch umwickelt. Das Tier pfauchte und zischte, aber es konnte sich nicht wehren, als zwei von den jungen Leuten seinen Körper in ausgestreckter Lage erhielten, während Holm den breiten, unförmlichen Beutel untersuchte.
Diese mit einem engen Spalt versehene Hauttasche umgab rings im Kreise eine Anzahl sehr langer Milchzitzen, an deren jeder ein unausgewachsenes, bewegungsloses und nur mit undeutlichen Gliedmaßen versehenes Junges hing, das dort thatsächlich festgewachsen war und erst, nachdem das kleine Mäulchen die nötige Weite erreicht haben würde, die mütterliche Zitze wieder verlassen konnte. Der Spalt wurde sehr vorsichtig geöffnet, so daß es dem gefesselten Tier keinen Schmerz verursachte, und dann, nachdem alle die kleinen, saugenden Wesen bewundert, die geängstete Mutter wieder in Freiheit gesetzt. Ein einziger, trotz der fünffachen Last gewandter und schneller Sprung brachte den Pelzträger aus dem Bereich der verfolgenden Blicke.
»Eine neue Höhle mag sich das Tier selbst wieder herstellen,« meinte Holm, »wir wollen uns jetzt etwas näher an das Ufer zurückbegeben und dann unsere Zelte aufschlagen. Die Sonne sinkt, es ist Zeit!«
»Da sehe ich Feuer!« rief plötzlich Hans. »Ob es ein Dorf ist?«
»Und da! -- und da!« setzten die übrigen hinzu, als heller Schein von allen Seiten den Wald durchleuchtete. »Wie seltsam!«
In der That war dieser Anblick ein nie gesehener, und so im Zwielicht, ohne die Anwesenheit der Wilden, vom kälteren Hauch bereits durchzogen, trug die Landschaft den Charakter des Nordischen, ja fast des Düsteren, Unheimlichen. Wie Soldaten in Reihe und Glied standen die schlanken, astlosen Stämme der Kaurifichten, dicht gedrängt und in den Wipfeln jenes Rauschen verursachend, das so herbstlich, so wehmütig stimmt, das wie ein Wiegenlied über den ganzen Wald von Krone zu Krone dahinklingt; unter ihrem monddurchschienenen Dach erhoben sich die Feuersäulen der brennenden Holzstöße, wallende Rauchwolken strebten empor zum ewigen Blau, und ein eigentümlicher, bald heller, bald dunkler leuchtender Schein traf die ganze Umgebung des Feuers. Hier lag er purpurn auf den Blüten der Myrthaceen, dort rosig auf den Blättern des Gummibaumes, die holzigen, ledernen verjüngend, die glanzlosen mit sanftem Schimmer überziehend; am Fuß der alten Stämme aber fiel sein vollstes Glühen auf die Gruppe der Schwarzen, welche jedesmal dort im Moos oder Gras lang ausgestreckt Nachtruhe hielt und sich so nahe als thunlich um die wärmenden Strahlen geschart hatte. Nicht einmal ein Fell wärmte die nackten Glieder, nicht einmal einen Haufen trockener Blätter hatten sich die Wilden als Lagerstatt zusammengetragen; viel weniger besaßen sie irgend etwas, das einem Dache glich; ja, als die Reisenden näher kamen und den Raum neben dem Feuer überblicken konnten, sahen sie, daß dort von den Eingebornen Fische und Vögel sowie die Wurzeln verschiedener Kräuter in rohem Zustande gegessen wurden.
Als die Weißen ihre kleinen Geschenke auskramten, liefen die Wilden herzu und nahmen dieselben, ohne zu bitten oder zu danken, wie ein Tier das Futter nimmt. Sie standen auch umher, ohne begreifen zu können, was ihre Augen sahen, als später die Weißen Zelte aufschlugen und Decken ausbreiteten. Von den gebotenen Näschereien wie Cakes, Wein, gebratenem Fleische und eingemachten Früchten nahmen sie nur zögernd und ließen nach dem ersten Bissen das übrige wieder fallen. Die Eier, welche sie roh genossen, wiesen sie in gekochtem Zustande schaudernd zurück.
So wurde denn das Lager aufgesucht, auf allen Seiten umgeben von den Feuern der Wilden, kühl, beinahe kalt selbst unter dem Schutz der Wolldecken, auf einer waldumsäumten, kleinen Ebene belegen, inmitten hundertjähriger Baumriesen, deren Kronen das Schlummerlied rauschten. Hier brauchte keiner für die Sicherheit der anderen zu wachen, nirgend bot sich die Möglichkeit einer Gefahr; es lebte in der Nähe kein Tier, das fähig gewesen wäre, den Menschen zu schaden. Nur wenige rote, kleine Papageien saßen in den Bäumen, in der Ferne bellten wilde Hunde, und zuweilen segelte durch die Luft ein Tier, das dem fliegenden Hunde der Sundainseln verwandt war, ein fliegender Fuchs mit spitzer Schnauze und klugem Gesicht, ein fledermausartiges Beuteltier von rotbrauner Farbe. Das Hübscheste aber, was die Augen der Weißen vor dem Einschlafen noch erblickten, war ein großes weibliches Beuteltier mit feinem, grauen Pelz und einem langen Schwanz, um dessen Ansatz sich die Schwänze mehrerer Jungen, welche die Mutter auf dem Rücken trug, festgeklammert hatten. Das Tier kam schnuppernd heran und fraß dann begierig die Überreste der verschiedenen Mahlzeiten, während seine Sprößlinge auf dem Rücken hockten und warteten, bis sich die gesättigte Alte ins Gras lagern und ihnen zu saugen gestatten würde. --
Am andern Morgen ging es wieder in die Wälder, um Jagd auf die Vögel zu machen, die auf den australischen Inseln sowie auf dem australischen Festlande in großer Mannigfaltigkeit vorkommen. »Wir werden uns so wenig als möglich von der Vogeljagd ablenken lassen,« sagte Holm, »und Wald und Busch auf das sorgfältigste absuchen. Größere Exemplare werden sofort abgehäutet, kleinere Vögel werden wir an Bord präparieren. Die neuholländischen Inseln sind eine wahre Fundgrube für den Zoologen in bezug auf die Vogelwelt.«
Das erste, was ihnen bei ihrer Wanderung aufstieß, war ein Schwarm prächtiger Kakadus mit blendend weißem Gefieder und gelbem Schopf. »Wir wollen von diesen herrlichen Geschöpfen keines erlegen,« sagte Holm, »denn der Kakadu ist in Europa hinreichend bekannt, und wir würden uns nur unnötig mit den Getöteten beladen. Wenn ihr jedoch einen großen schwarzen Papagei sehen solltet, so zögert keinen Augenblick und sucht ihn zu erlegen.«
Der ersehnte Papagei zeigte sich nicht. Wohl aber schoß Franz einen schön gefärbten Papagei, die Rosella, der bunt war wie ein Harlekin. Oberkopf, Halsrücken, Brust und Unterschwanzdecke waren scharlachrot, die Wangen weiß, die Rückenfedern schwarzgelb gesäumt, der Hinterrücken, die Oberschwanzdeckfedern und der Bauch, mit Ausnahme eines gelben Fleckes, grasgrün, die Flügelmitte hochblau, die Schwingen dunkelblau mit blauem Rande, die Schwungfedern grün, blaugrün und am Ende lichtblau mit weißer Spitze.
Alle waren über diese Beute erfreut, und auch Doktor Bolten äußerte sein Wohlgefallen über die Farbenpracht dieses Vogels. »Die Natur übertrifft oft die Phantasie des Menschen,« sagte er. »Kein Seidenweber in Lyon ist imstande, ein so herrliches Gewand zu weben, als dieser Vogel trägt, wie denn anderseits noch kein Komponist solche Töne finden konnte, wie die, mit denen daheim die unscheinbare Nachtigall unser Herz erfreut.« Er wollte weiter sprechen, als ein Schuß seine Rede unterbrach. Hans hatte geschossen und stieß einen Freudenruf aus, als er sah, daß sein Ziel glücklich getroffen war. »Der schwarze Papagei!« rief er, »ich habe ihn erlegt!«
Er eilte auf die Stelle zu, an welcher der Papagei im Grase lag, und hob ihn auf.
»Fürwahr,« rief Holm, »ein Rüsselpapagei -- der Kasmalos!« Der Vogel war größer, als alle bekannten Papageien und übertraf selbst den Arra an Länge und Flügelweite. Sein Gefieder war gleichmäßig tiefschwarz gefärbt und schillerte etwas ins Grünliche. Sein Kopf trug eine ebenfalls schwarze Federholle, der große Oberschnabel bedeckte den kleineren Unterschnabel vollkommen. Holm zeigte nun den Knaben den eigentümlichen Bau der Zunge. Diese war ziemlich lang und fleischig, nicht breiter als dick, aber oben ausgehöhlt und vorne an der Spitze abgeflacht. Sie kann weit aus dem Schnabel vorgeschoben und von dem Vogel wie ein Löffel gebraucht werden, mit welchem er die vom Schnabel zerkleinerten Nahrungsmittel aufnimmt und der Speiseröhre zuführt. Die Ränder der Zunge sind sehr beweglich und können vorne von rechts nach links her gegen einander gewölbt werden, so daß sie den ergriffenen Speisebissen wie in einer Röhre einschließen, in welcher er leicht zum Schlunde hinabgleitet. Wegen dieser Eigentümlichkeit der Zunge ist ihm der Name Rüsselpapagei zuerteilt worden. Da der Rüsselpapagei zu den größten Seltenheiten der europäischen Sammlungen gehört, war Holm besonders froh über den glücklichen Schuß, den Hans gethan hatte, der seine Beute nicht ohne Stolz betrachtete.
»Fast könnte ich eifersüchtig auf den Schützen werden, wenn es nicht mein Bruder wäre,« sagte Franz. »Paßt nur auf, noch ist nicht aller Tage Abend, vielleicht gelingt es mir, ein zweites Exemplar dieser seltenen Art zu erlegen, oder ich schieße ein Geschöpf, das eben so wertvoll ist, wie dieser Rüsselvogel!«
»Ein edler Wettstreit, aus dem die Naturforschung Nutzen ziehen wird,« meinte Holm lachend.
»Das ist die wahre Konkurrenz,« sagte der Doktor, »sie fördert und regt an, sie -- --«
Schon wieder fiel ihm ein Schuß in die Rede. »Nehmen Sie's nicht übel, Doktor, daß ich Sie unterbrach!« rief Franz, »aber hier in der Wildnis geht leider die Notwendigkeit über die Höflichkeit. Ich mußte schießen!« Er sprang davon und holte die erlegte Beute -- einen prachtvollen Leierschwanz.