Part 35
Der Fang des Meerwurmes wurde also gewerbsmäßig betrieben; unsere Freunde wollten es keineswegs versäumen, sich die Sache anzusehen und nahmen zur sicheren Erreichung dieses Zweckes einen jungen Alfuren mit sich, der sie zum Dorfe der Strandbewohner geleiten sollte. So ziemlich kannten alle den Weg selber, es war daher gar kein Verrat möglich, auch konnte der eine Alfure gegen die Überzahl von sechzehn Männern natürlich nichts unternehmen.
Wilde Bienenschwärme bevölkerten die Luft; ein mattes, rosiges Glühen der untergehenden Sonne lag auf dem Gras und vergoldete die Zweige hundertjähriger Bäume; einige kleinere Singvögel zwitscherten im Laube ihr Abendlied; große Spinnen, Riesen ihrer Art, webten jene Netze, in denen sich sogar die geflügelten Sänger auf Augenblicke zu verstricken im stande sind; Ameisen zogen in langen Reihen, mit Beute beladen nach Hause; kurz, alle Zeichen deuteten auf das Hereinbrechen der Nacht, und eben daher beeilten sich unsere Freunde so sehr als möglich, die Küste zu erreichen. Der Trepangfang durfte ihnen nicht entgehen.
Da plötzlich raschelte es im Laube, eine Nuß flog herab, dem Doktor gerade an den Kopf, und als sich der alte Herr äußerst erstaunt nach dem unvermuteten Angreifer umsah, blickte zähnefletschend ein großer, schwarzer Affe vom Baum; kaum aber hatte diesen der Alfure bemerkt, als er mit einem Satz zurücksprang und sich auf beide Kniee warf. Seine Lippen murmelten abgebrochene Laute, seine Bewegungen deuteten auf lebhafte Furcht.
Der Doktor stand still und sah ihn an. »Herr des Himmels, betet der zu dem Affen?« sagte er ganz aus aller Fassung.
Holm verbot den Matrosen das laute Gelächter und fragte dann den zitternden Eingebornen nach dem Grunde seines sonderbaren Benehmens. Der Alfure blinzelte verstohlen zu dem lauernden Vierhänder hinüber. »Der schwarze Verräter ist der Spion und Diener der Empongs,« antwortete er, »von ihm erfahren sie, was die Menschen thun und treiben, er hält das Gute und das Böse in seiner Hand. Dem Schwarzen darf kein Leides geschehen, oder es entsteht ein Unglück.«
Holm schüttelte den Kopf. »Aber der Affe ist doch ein Tier wie jedes andere,« bemerkte er.
Der Alfure fuhr immer fort zu beten. »Die Empongs haben ihm Menschengestalt und Menschenlist verliehen,« sagte er, »dafür verrät er ihnen die Geheimnisse des Stammes, bei dessen Hütten er lebt. Thut ihm nichts zuleide, Herr, sonst schicken die Empongs einen Sturm, der in dieser Nacht alle Boote zerstört und die Trepangfischer ertrinken läßt.«
Holm wandte sich zu den jungen Leuten. »Laßt den Affen in Ruhe,« sagte er auf deutsch. »Was nützt es uns, diese armen Wilden in ihrem Aberglauben zu stören; wir selbst würden den Schaden davon haben. Kommt nur und thut, als wüßtet ihr nichts.«
Das Jagdvergnügen mußte also diesmal geopfert werden, und während der Doktor sich alle mögliche Mühe gab, im schlechtesten Englisch den Alfuren vom ganzen Unwert seiner Anschauungen zu überzeugen, wanderte die kleine Schar dem Stranddorfe zu. Auf dem Wege dahin begegneten ihnen große, graue, langbeinige Kasuare, die ihre umfangreichen, grünfleckigen Eier in den Sand legen, sie lose bedecken und dann der Sonne zum Ausbrüten überlassen; häßliche Tiere mit bräunlich-schmutzfarbenem Gefieder und wie bei dem Truthahn vom Hals herabhängenden feuerroten und himmelblauen Hautlappen, große, behende Schnellläufer, mit denen es ein Windhund an Eile und Ausdauer nicht aufnehmen kann. Es war unmöglich einen von ihnen zu schießen.
Auch den Hirscheber in seinem Versteck fanden die Reisenden nicht mehr vor und schlossen daraus mit Recht, daß die Alfuren hinter den nächsten Bäumen gelauert und das Wild, sobald sie sich unbeobachtet sahen, schleunigst wieder an sich genommen hatten. Dieser Verlust war zu verschmerzen, aber er zeigte doch aufs neue, daß Treue und Glauben den Gelben ganz fremde Eigenschaften seien und die höchste Vorsicht ihnen gegenüber geboten schien. Als das Dorf im tiefen Thal am Strande auftauchte, wurde der junge Alfure entlassen und in geschlossenen Gliedern der Platz zwischen den drei oder vier langgestreckten Häusern besucht, um dann unter einem überhängenden Felsen das Nachtquartier aufzuschlagen.
Die Frauen und Kinder der Alfuren hielten sich in scheuer Entfernung, nur selten kam irgend ein altes, hinkendes oder blindes Weib, geführt von nackten Kindern, und streckte bettelnd die Hand aus; auch Greise näherten sich, um ein buntes Tuch oder ein Messer zu erhaschen; im ganzen aber waren die Leute zurückhaltend und bescheiden.
Vom Meer herüber glänzten Hunderte von Fackellichtern, der Trepangfang war im vollen Gange, und Boot an Boot trieb auf den ruhigen Wellen, während verhältnismäßig wenige Männer die kleinen, schlanken Fahrzeuge besetzt hielten. Wo hatten sich die übrigen versteckt? -- Das Rätsel sollte sich sehr bald lösen. Unsere Freunde benutzten die Erlaubnis mehrerer Eingebornen, sich der am Strande befindlichen Kanots zu bedienen und befanden sich bald mitten unter den Alfuren in der Bucht. Was sie von fern nicht deutlich erkennen konnten, das lag jetzt offen vor ihren Blicken; die Wilden tauchten ununterbrochen und spießten mit dünnen, spitzen Bambusrohren das auf den Algen am Grunde lebende Tier; in jedem Augenblick erschien auf der Oberfläche der Kopf des Fischers; ein paar fußlange, vier Zoll dicke, walzenförmige Würmer von brauner Grundfarbe mit schwarzem Punktenschmuck und einer Reihe Fransen oder Fühler um den Mund wurden in das Boot spediert, und dann verschwand der Alfure, um neue Beute heraufzuholen. Die wenigen in den Fahrzeugen gebliebenen Männer hielten die Fackeln aus Kienspänen und sammelten die wurmartigen Stachelhäuter, welche auch eßbare Seegurken genannt werden. Sie besitzen eine lederartige, bräunliche, rötliche oder schwarze Haut, die sie vorm Austrocknen behütet, wenn sie auf den Strand geraten und wie lange Würste ohne Lebenszeichen im Sande von der Sonne beschienen werden. Getrocknet bilden sie unter dem Namen Trepang einen wichtigen Handelsartikel in der Südsee, zumal da die Chinesen diese Speise für einen Leckerbissen halten, der allerdings dem europäischen Gaumen wenig oder gar nicht zusagt. Holm hoffte später in den seichten Tiefen der Korallenriffe einige seltene und schöne Exemplare dieser Seewalzen oder Holothurien, wie sie wissenschaftlich bezeichnet werden, zu fangen. Die Wilden warfen die gespießten Seewalzen in bereitstehende Körbe und fischten eifrig in buntem Durcheinander.
Es war ein malerischer, unvergeßlicher Anblick, die vielen schaukelnden Fahrzeuge mit den Gestalten der braunen, nackten Wilden, die auf- und abtauchenden Köpfe, die Fackeln in wirbelnde Rauchsäulen gehüllt und als Hintergrund des Bildes die düsteren, hohen Felsmauern, unter deren Schatten das Dorf seine Hütten barg. Alles dieses scharf umrissen vom Helldunkel der Tropennacht, zuweilen grellrot angehaucht im Fackellicht, zuweilen silbern umsäumt im matten Glanz der Sterne, gewährte ein Gesamtbild, dessen poetische Schönheit die Herzen der Weißen entzückte. Sie verließen erst nach stundenlangem Schauen und mit den letzten Alfuren die Bai, konnten sich aber nicht entschließen, den dargebotenen gerösteten Trepang zu kosten, sondern warfen heimlich die widerwärtige Speise beiseite und begnügten sich mit ihren vom Schiff gebrachten Vorräten, worauf dann die Wolldecken ausgebreitet und zu später Stunde die Ruhe gesucht wurde. Holm zählte die Häupter seiner kleinen Schar, alle sechzehn waren vorhanden! Zwei Matrosen erhielten die erste Wache; das Verbot, sich in die Alfurenhäuser zu begeben, wurde nachdrücklichst wiederholt und den Leuten gesagt, daß sie sich gerade hier unter den wildesten, am wenigsten zivilisierten Bewohnern der ganzen Insel befänden; dann suchte jeder zu schlafen.
Franz und jener junge Matrose, der am Morgen die Alfuren verspottet, lagen zufällig hart nebeneinander. Nachdem alles still geworden, stieß der Hamburger leise gegen den Arm seines Genossen. »Schlafen Sie, Herr Gottfried?«
»Nein -- was ist los?«
»Pst! Nichts, gar nichts, wecken Sie doch nur den Doktor und Ihren anderen Lehrer nicht auf, die thun ja, als ob die gelben Kerle hier herum Menschenfresser wären. Wissen Sie, ich möchte gar zu gern das Innere eines solchen Alfurenhauses sehen! -- was ist denn auch weiter dabei, und wen geht es an, ich trage meine eigene Haut zu Markt.«
Franz schüttelte den Kopf. »Lassen Sie sich dazu nicht verleiten, Hartmann,« warnte er. »Die Sache könnte ihnen doch gefährlicher werden, als Sie denken, und überdies ist wahrhaftig der Aufenthalt in einem solchen Familienhause nichts weniger als angenehm. Schreckliche Luft, Ungeziefer, Kindergeschrei und Hahnenkämpfe, das ist das Bild einer Nacht unter diesen Dächern; ich habe es auf Borneo kennen gelernt.«
Der Matrose schien nicht überzeugt. »Man kann aber doch seinen Spaß haben,« versetzte er. »Ich möchte hinein.«
»Das dürfen Sie nicht, Hartmann, und Sie thun es auch nicht.«
Der Matrose lachte. »Hm, schwören Sie nicht darauf, junger Herr. Ich hatte übrigens gehofft, daß gerade Sie heimlich mit mir gehen würden.«
Franz errötete bis unter die Haarwurzeln. Also man hielt ihn jedes tollen Unternehmens ohne weiteres für fähig.
»Gute Nacht, Hartmann,« sagte er etwas kurz. »Ich möchte schlafen.«
Dabei drehte er dem jungen Menschen den Rücken und bekümmerte sich nicht weiter um ihn. Daß der Bursche in ihm den Teilnehmer einer Unklugheit vermutet, beleidigte seinen Stolz. Aber wahrhaftig, in Zukunft sollte das anders werden.
Erst sehr spät schlief er ein; die wachthabenden Matrosen saßen rauchend und leise plaudernd in halbliegender, bequemer Stellung im Gras, die laue stille Luft wirkte fast betäubend, ringsumher störte kein Laut die Ruhe. Auch jenes Flüstern der Blaujacken drehte sich um die Vorsicht, welche der Steuermann und Holm den Leuten so dringend empfohlen hatten. »Narretei,« sagte der eine, »es ist lächerlich, hier zu sitzen und zu wachen. Die Kerle denken an keine Feindseligkeiten, sie waren ja ganz höflich, brachten uns sogar die vertrakten Würmer zum Essen! Aber weil vor einem halben Jahrhundert einmal ein Mord passiert ist, muß man am Lande über Stock und Stein klettern und darf nachher nicht einmal schlafen.«
Ein herzhaftes Gähnen schloß den Satz, der andere legte sich etwas bequemer, übersah die ganze Reihe der Schlummernden, brummte Unverständliches aber offenbar wenig Schmeichelhaftes in den Bart, und dann schwieg auch diese Unterhaltung.
Es war alles still wie in einer Welt ohne lebende, atmende Wesen.
* * * * *
Am andern Morgen erwachte Holm, nachdem die Sonne schon hoch am Himmel stand. Sein erster Blick suchte die Wachen, -- sie lagen lang ausgestreckt im Gras und schnarchten vernehmlich. Holm lächelte; die Leute mußten schon geschlafen haben, ehe sie ihre Kameraden wecken und von diesen abgelöst werden sollten, wenigstens bemerkte er kein Zeichen, das die Nähe eines wachenden Menschen verkündet hätte. Alles schlief den festen Schlaf der Jugend und Ermüdung.
Aber mochten sie doch! Es war nichts passiert, die Gefahr glücklich vorübergegangen, der ganze Tag bis zum Abend, wo in der Einfahrt die Boote ihre Passagiere erwarteten, konnte noch zum Ausflug in die Umgebung auf der anderen Seite verwendet werden.
Holm richtete sich höher auf. Wieder wie am gestrigen Abend zählte er, heimlich besorgt, immer im Bann von Papa Witts schauerlichem Erlebnis, halb ohne Absicht; aber er zählte maschinenmäßig -- -- eins, zwei, drei, -- nun, wo steckte denn der sechzehnte?
Er überzeugte sich, daß der Doktor und die Knaben unversehrt an seiner Seite lagen, und etwas ruhiger geworden zählte er nochmals. Der sechzehnte fehlte.
Jetzt stand er auf, sein lauter Zuruf weckte die übrigen, er wollte eben fragen, welcher von den Leuten vermißt werde, als sein Blick im Hintergrunde des Lagers die Stelle streifte, wo alles Gepäck aufgehäuft worden war. Dort unter dem Felsen hatte es gelegen, die Waffen, die Vorräte; aber jetzt befand sich auf dem ganzen Gebiet des Nachtquartiers davon auch kein einziges Stück mehr. Was nicht die Reisenden an ihrem Körper getragen hatten, das war fort.
»Herr des Himmels, -- unsere Gewehre!«
Holm fühlte, wie es ihm kalt über den Rücken herablief. »Still!« rief er mit lauter Stimme. »Still! Wer ist der Mann, welcher in unserer Zahl fehlt?«
Sekunden genügten, um festzustellen, daß es Hartmann sei, den die kleine Expedition vermißte. Franz erzählte erbleichend, was er mit ihm während der Nacht gesprochen.
Eine unbeschreibliche Aufregung und Erbitterung hatte sich aller Gemüter bemächtigt. Nach rechts und links schallte der Name des Verschwundenen durch die stille Morgenluft, die Matrosen verwünschten den Schlaf, der sie überfallen, Holm war stumm vor Schmerz und Zorn, der Doktor trieb wiederholt zum Aufbruch und Franz und sein Bruder verlangten energisch jetzt am hellen Tage die Durchsuchung der Alfurenhäuser.
Rua-Roa nahm die Spur des verlorenen Leichtmatrosen da auf, wo er während der Nacht gelegen, und verfolgte sie über Gras und Blumen hinweg mit dem Instinkt des Wilden bis hinab zum Dorfe, wo vor der Thür des einen Pfahlbaues jedes kleinste Merkmal endete. Es erschien unzweifelhaft, daß der junge Mensch hier seinen Tod gefunden.
»Vielleicht halten sie ihn nur gefangen, um ein Lösegeld zu erpressen,« meinte einer der Männer. »Wir sollten doch nachsehen!«
»Damit sie uns mit unseren eigenen Gewehren erschießen? -- Ohne Waffen können wir gar nichts ausrichten.«
»Ich möchte mich selbst ohrfeigen,« rief der Matrose. »Wären mir nicht die Augen zugefallen, so hätten wenigstens die Kugelbüchsen nicht gestohlen werden können.«
Holm suchte ihn zu trösten. »Darüber beruhigen Sie sich, Schwarz,« sagte er. »An eine Gefangenschaft des armen, jungen Menschen, an Wiederfinden und Lösegeld ist nicht zu denken. Hätten wir alle Waffen der Welt, so könnten uns dieselben das geraubte Leben nicht zurückgeben. Nur finden und ehrlich begraben möchte ich den Ermordeten.«
»Sollten auch wir eine kopflose Leiche an Bord bringen, Karl?« fragte Franz.
Der junge Gelehrte wandte sich ab. »Er wurde gewarnt,« sagte er seufzend. »Weshalb suchte er im Ungehorsam eine Art von Ehrgeiz?«
Franz sah stumm über das Meer hinaus. Der arme Schelm hatte so fröhlich dreingeschaut, sein lebensfrisches Bild stand so klar vor der Seele des Knaben, -- er fühlte, wie Thräne um Thräne über die Wangen herabrollte. Dies Ereignis machte auf ihn einen Eindruck, stärker und erschütternder als alle früheren.
»So laß uns suchen,« ermahnte er endlich. »Laß uns wenigstens den toten Körper finden.«
Es wurde nun eine Kette gebildet und rings im Halbkreise das Waldgebiet durchforscht; kein Gebüsch, keine Niederung blieb unbeachtet, aber nichts war zu finden, bis am späten Mittag der Malagasche eine Stelle entdeckte, an der er stehen blieb. »Hier ist in der letzten Nacht die Erde aufgegraben worden,« sagte er. »Das Gras und das Moos wachsen nicht, sie sind nur lose in den Boden gesteckt.«
Er lockerte mit der Hand den Pflanzenwuchs, unter welchem sich sogleich die frisch umbrochene Erde deutlich zeigte, und wo schon nach geringer Mühe, in einer Tiefe von kaum sechs Zoll, die Leiche des unglücklichen jungen Menschen gefunden wurde, -- kopflos wie man erwartet hatte.
Schweigend umstanden alle das offene Grab, besonders Franz war tief im Herzen erschüttert. Noch immer hörte er den Toten sagen: »Ich hatte gerade gehofft, daß Sie heimlich mit mir gehen würden!« --
O wie inbrünstig dankte er dem Himmel, hier nicht nachgegeben zu haben; wie demütig gestand er dem eigenen Bewußtsein, daß nur der Mangel an Neugier, nicht aber ruhige Überlegung ihn zurückgehalten. Hätte er nicht auf Borneo das Innere eines solchen Familienhauses genügend kennen gelernt, wer weiß, ob nicht die Versuchung auch ihn überwältigt haben würde. Es war ein stilles, aber festes Versprechen, das er an diesem Grabe sich selbst leistete.
»Auf!« ermahnte der Doktor. »Hüllt die Leiche in unsere Wolldecken, Kinder, und tragt sie abwechselnd, damit wenigstens ein ehrliches Seemannsbegräbnis dem Armen zu teil werde. Ich übernehme es, zuerst an Bord zu gehen und dort unsere Freunde vorzubereiten.«
Vier Matrosen nahmen den Körper ihres Kameraden, banden ihn mit ihren Riemen an ein paar derbe Stangen und trugen ihn so schweigend, in unheimlicher Stille, gefolgt von den übrigen, bis zur Bucht am Strande. Keiner dachte an Essen, obwohl ihnen seit dem gestrigen Abend nichts mehr zu teil geworden war; keiner dachte an eine Bestrafung der hinterlistigen Alfuren, die sich heute morgen alle sorgfältig versteckt gehalten hatten, oder an die verlorenen Waffen; -- sie beeilten sich nur, so schnell als möglich das Gebiet des tückischen Stammes zu verlassen und atmeten voll Erleichterung auf, als ihnen durch das Buschwerk des Strandes der Ozean blau und friedlich entgegenschimmerte.
Der Dampfer lag hart an der Küste, und auf dem Verdeck stand der Steuermann, -- er musterte wie in Gedanken verloren das felsige Ufer. Erst als ein lautes »Schiff Ahoi!« der Matrosen sein Ohr traf, fuhr er zusammen. Schon die nächste unwillkürliche Handbewegung zeigte den Schrecken, welcher ihn durchbebte.
Das abstoßende Boot brachte den Alten selbst, und da war es denn der Doktor, welcher ihm entgegenging, um in schonender Weise das Unglück zu berichten. Papa Witt schüttelte den Kopf. »Ich weiß es schon,« sagte er, »ich wußte es, seit wir in den malaiischen Archipel kamen. Bin nicht hier gewesen seit jener Unglücksnacht, hab's immer vermieden, obgleich ich tausendmal im Traum diese scharfe Ecke und die unruhigen schwarzen Wellen am äußersten Vorsprung sah, -- aber daß es geschehen würde, wußte ich. Solch ein Vorgefühl täuscht nicht. Na, nun sagen Sie mir nur, wer es ist; Hartmann, nicht wahr, Herr Doktor?«
»Konnte es mir denken,« fuhr er fort, »gerade er war der helläugigste, frischeste Bursche unter allen, ihn trieb die kecke Lebenslust ins Verderben, wie damals meinen Kameraden. -- Steigen Sie nur ein, Herr Doktor, das große Boot soll die Leiche holen.«
Er hatte dem alten Theologen zu keiner Antwort Zeit gelassen, hatte auf dem Gesicht desselben die Richtigkeit seiner Vermutung schon gelesen und drängte ihn jetzt in das kleine Fahrzeug hinein. So kam es, daß der Doktor auch den Kapitän vorbereiten konnte, ehe nach einer Viertelstunde das große Boot die Leiche mit den übrigen Reisegenossen wieder an Bord brachte.
Von den Alfuren zeigte sich auch jetzt kein einziger; sie mochten, ihrem eigenen wilden und rachsüchtigen Denken nach, wohl annehmen, daß jetzt die Weißen ihre Kanonenkugeln in das Dorf hineinschicken würden, und waren alle landeinwärts in die Wälder geflohen. Natürlich aber geschah dergleichen nicht; das Schiff verließ die Küste, und erst als der letzte Streifen Landes dem Auge entschwunden war, versenkten die Kameraden auf hoher See den Leichnam des Vorwitzigen, der so kecklich seinem Übermute die Zügel schießen ließ und vielleicht die schrecklichsten Martern erlitten hatte, ehe ihn der Tod aus den Händen der Alfuren erlöste.
Noch einmal grüßte, langsam hinauf und herab gleitend, Deutschlands Flagge vom Mast den toten Sohn der Vaterstadt, noch einmal sahen die Genossen zurück zu der Stelle, wo die Celebessee den kopflosen Leichnam verschlungen -- dann drehte sich der Eisenrumpf, und das Schiff steuerte den Inseln Australiens entgegen, zunächst der kleinen, wenig bekannten Nightinsel zu, wo ein friedliebender, harmloser Papuastamm auf allerunterster Stufe, fast im Zustand der Tierheit, leben oder besser vegetieren sollte.
Dreizehntes Kapitel.
Wie wohlthuend berührte nach der brennenden Hitze in der Celebessee die immer frischer und frischer werdende Kühle jede Stirn! Jetzt ging es mit gleichem Schritt über Australien bis zur antarktischen Barriere, und die beiden Knaben freuten sich schon im voraus des Schnees, mit dem sie nach so langer Entbehrung wieder Ball spielen wollten. Es war höchst komisch, welche Mühe sie sich gaben, dem Malagaschen begreiflich zu machen, was Schnee sei. »Gefrorenes Wasser,« sagte Hans, »kleine zarte, sechseckige Sterne.«
»Der Übergang zwischen Wasser und Eis,« setzte Franz hinzu.
Rua-Roa schüttelte immer wieder den Kopf. »Aber was ist denn _gefroren_?« fragte er.
Da winkte ihm der Koch, eben jener gemütliche Sohn Hammonias, der auf Ceylon den Singhalesinnen Pfannkuchen buk. »Komm mal heran, Gelber! Sieh, mein Sohn, hier ist Butter, die ich eben geschmolzen habe. Sie fließt wie Wasser, nicht wahr? Das that die Hitze, weißt du; wenn ich sie aber wieder kalt stelle, läuft sie zusammen und wird ein Klumpen. Das macht das Wasser ebenso, und dieser Klumpen heißt Eis, -- wenn's sehr kalt ist nämlich. Und kalt sein, mein Junge, das heißt, wenn man eine bläuliche Nasenspitze hat und Kribbeln in den Fingern.«
Und jetzt hatte Rua-Roa begriffen! Also eine Temperatur, die das Wasser erstarren ließ! -- Er wandte sich kopfschüttelnd zu seinen Erziehern. »Wenn es nur keine Fabel ist von diesem Lande,« sagte er bedenklich. »Ich kann schwören, daß auf Madagaskar nie Eis getroffen wurde.«
Ein helles Gelächter klang über das Schiff dahin, und eine Extrastunde Geographie war die Folge. Jetzt wurde übrigens der junge Hova in den verschiedenen Lehrfächern schon so fest, daß er hübsch lesen und erträglich schreiben konnte; nur wenn so ganz Unerwartetes ihn aus der Bahn warf, griff seine Phantasie unwillkürlich zurück zu den Verhältnissen und Anschauungen der Heimat, als dem einzig Sicheren, was er besaß. Holm errettete ihn aus der verlegenen Situation, indem er die anderen darauf hinwies, wie schwer es sei, sich von etwas Ungesehenem einen Begriff zu machen; dann brachte er das Gespräch auf die Nightinsel, der nun das Schiff entgegensteuerte. »Kapitän, waren Sie früher schon einmal dort?«
Der Gefragte nickte. »Das ist die Kannibalengegend,« antwortete er, »freilich nicht die Nightinsel selbst, aber doch die Gruppe, zu der sie gehört. Ich habe einmal hier Schiffbruch gelitten und mit dreißig Mann gegen über hundert Wilde gefochten, bis ein Schiff vorbeikam und durch seine Kanonen die Neger in die Flucht schlug. Zwei von uns, die unglücklicherweise vom Hauptquartier abgeschnitten worden waren, ließen ihr Leben am Bratspieß der Wilden, -- wir fanden später die abgenagten, verkohlten Überreste.«
»Sollte uns denn dergleichen auf der Nightinsel nicht geschehen können?« fragte schaudernd der alte Theologe.
»Unter keiner Bedingung. Da leben die Makadamas, eine Horde gutmütiger Geschöpfe, die sich durch nichts von harmlosen Tierarten unterscheiden, die keine Kleider oder Gesetze, kein Oberhaupt, keine Wohnung oder Ehe, ja nicht einmal eine Arbeit kennen; sie laufen nackt umher, stellen sich beim Regen unter einen Baum, schlafen ein, wo sie müde werden, und essen, was sie finden; Feuer dagegen unterhalten sie der Kälte wegen immer und sind auch sehr geschickt in allem, was das Leben auf dem Wasser betrifft.«
»Bewohnt denn dies Naturvölkchen die Insel ganz allein?«
Der Kapitän schüttelte den Kopf. »Das treffen Sie nirgends,« antwortete er. »Ist eine Insel überhaupt groß genug, um Menschen zu ernähren, so hausen auch auf ihr zwei Stämme, die einander hassen und bekämpfen. Auf Nighteiland leben außer den Makadamas noch die Echaus, weshalb Kriege, bei denen man sich gegenseitig mit langen Spießen zu durchbohren sucht, hier gar nichts Seltenes sind. Auch die Frauen kämpfen, diese aber bedienen sich schwerer Holzblöcke, welche eine der anderen auf den Kopf schlägt.«
»Sehr einladend!« lachte Holm. »Wir werden also Gelegenheit finden, ganz neue Menschen und Verhältnisse kennen zu lernen.«
»Wollen wir vorher nach Timor anlaufen?« fragte Franz.
»Nochmals zu den Alfuren? -- Ich danke, nein.«
»Aber jenes kleine Koralleneiland, an dem die Wogen hoch aufschäumen, möchte ich inspizieren,« sagte Holm, »es kann uns der Besuch desselben höchstens einen halben Tag aufhalten. Ich hoffe dort ziemlich reiche Beute, gerade in diesem Meere zu machen.«