Part 34
Etwas weiter hin, außerhalb des Gebietes der Pfahlbauer, begann dann an der Küste im seichten Wasser die Algenfischerei, zuerst mittels der herabgelassenen Lampe, die ohne Schleppnetz oder eine andere Vorrichtung zum Fang nur als Beleuchtungsmittel diente. Während das blaue, bewegliche Element auf hohem Meer bis zu zehn und zwölf Meter Tiefe ganz durchsichtig bleibt, ist diese Eigenschaft an der Küste selbst nicht mehr bis zu einem Meter vorhanden, die Strahlen der Laterne waren also erforderlich, um dem tauchenden Matrosen den Weg zu zeigen. In einen Taucheranzug gehüllt, wurde der Mann hinabgelassen, nachdem der Schlauch der Luftpumpe wohl gefüllt, und dann die Laterne nachgesandt. Das Wasser war vielleicht sechs Meter tief, einige Augenblicke hätten genügt, um auf das leiseste Zeichen hin den Taucher an die Oberfläche zu bringen, die Sache konnte daher ganz ungefährlich genannt werden und machte hauptsächlich den Knaben großes Vergnügen.
Auch die Orang-Badju kamen auf ihren Booten von allen Seiten heran, vielleicht bei dem Erblicken des Tauchers an Zauberei denkend, vielleicht in der stillen Hoffnung, den Schatz, welchen nach ihrer Ansicht die Weißen aus dem Meere hervorholen wollten, ohne viele Mühe an sich zu bringen, jedenfalls aber voll Erwartung, im tiefsten Schweigen und in dichtgedrängter Menge. Eine förmliche Flotte umgab das große Boot von der »Hammonia«, und als sich der Grund des Wassers zu erhellen begann, da stiegen zu den »Empong« oder Göttern der Insel doch allerlei Stoßgebete empor. Sie selbst kannten nicht einmal ein Mittel, am Abend die trockene Luft zu beleuchten, diese Weißen dagegen verstanden es, sogar das Wasser anzuzünden. -- --
Ein Gemurmel durchlief die Menge. Den Zauber sollten die Weißgesichter herausgeben, -- einer verständigte sich mit dem anderen durch Blicke; um jeden Preis mußte man das Feuer, welches tief unter dem Wasser brannte, besitzen.
Unsere Freunde hatten inzwischen ein reiches Lager von Algen entdeckt. Was auf hohem Meere vielleicht eben so schön und mannigfaltig vorhanden war, das ließ sich doch nur sehr selten und meistens in zerrissenen oder abgestorbenen Exemplaren einsammeln; hier aber wuchs es nahe der suchenden Hand in üppigster Vielgestaltung; manche ganz neue Art sah Holm zum erstenmale, manche bekannte, lang vermißte fand er endlich wohlerhalten vor, während die jungen Leute und der Doktor in ein wahres Zauberland zu blicken glaubten.
Die Welt da unten glich der des Märchens, es war der Palast und der Wald des verwünschten, in einen Frosch verwandelten Königssohnes; allerlei kriechendes, sonderbares Getier bildete die Dienerschaft, das Bett war von grünen, ganz kleinen, aber üppig dicht neben einander stehenden Pflänzchen, und zur Wache thronten an beiden Seiten große Krebse mit weit heraustretenden Augen. Das waren die wie Samt aussehenden Konserven, die dichten Teppiche, auf denen sich Würmer mit roten Ringeln und Federbüschen am Kopf behaglich dehnten; aus ihrer Mitte heraus wuchs der Meersalat mit breiten, grünen Blättern und zuweilen hier oder da die rosa und scharlach gefärbten Irideen in der Pracht ihrer riesigen, mantelförmig gefalteten Blätter, dann der gewöhnliche, olivenfarbene Tang und die seltsamen, netzförmig durchbrochenen Thalassiephyllen und Agaven. Diese letzteren bildeten in des Zauberprinzen Königreich schon die großen Baumarten; sie sahen aus wie ein tropischer Wald und schillerten zuweilen sogar auf einer und derselben Blattfläche in allen Farben. Gelb, grün, rot und blau in Verbindung mit sämtlichen Zwischenstufen dieser verschiedenen Grundtöne, dehnten sich die meterlangen und ebenso breiten, von Gestalt unförmlichen Blätter unter dem Wasser, gestickten Maschen gleich, ganz glattfest, knorpelig oder wie Gallerte, je nach ihrer besonderen Eigenart, tief unter dem Schatten der großen Riesen des Wasserwaldes. Diese letzteren waren die Laminarien mit ihren zehn Meter langen, dem Auge unübersehbaren, wie breite wellige Bänder dahinflatternden Blättern, die Makrocystisarten mit birnenförmigen Blasen, die langgestielten Alarien, deren Stamm von einem schmalen Blattbüschel wie von einer Manschette umfaßt, in das einzige riesige, auf hohem Meer bis zu zwölf, hier freilich nur bis zu fünf Metern anwachsende Blatt auslief. Erst fadenförmig, dann stärker und stärker werdend, endete dieses Blatt als plumpe, runde Keule, auf der ein ganzer Büschel langer, schmaler Blattstreifen sich nach allen Seiten ausbreitet. Zwischen und unter den genannten großen Gattungen wuchsen zahllose, purpurne Florideen, und endlich und zuletzt erschienen als die Blumen dieser weitgedehnten Busch- und Baumanlagen die schönen zarten Seerosen aller Farben, von den kleinsten, die wie Fingerhüte an jeder vorspringenden Klippe hafteten, bis zu den größten, deren Umfang den der Rose weit hinter sich ließ, von weiß bis dunkelrot, violett und hochgelb in allen Schattierungen.
Das ganze Bild im schwankenden Licht der Laterne hatte etwas wunderbar Phantastisches, Märchenhaftes; die Gestalt des Tauchers, vom Wasser vergrößert und auseinandergezogen, erschien wie die eines Riesen, der raublustig einbricht in das stille Reich und ganze Wälder, ganze Fluren auf einen Griff verwüstet. Wenn die große Hand solch unterseeische Pflanze erfaßte und in den mitgebrachten Sack steckte oder zum Boukett, dessen letzte Ausläufer zehn Schritt weiter hin im Wasser lagen, zusammenraffte, dann flüchteten Krebse und Käfer, Schnecken und Muscheln nach allen Seiten. Die Seerosen wurden verschont; man hatte sie oft genug gesehen und wußte ja, daß ihnen die freie Luft sofort tödlich war; ebenso die kleinen Krebse und Muscheln.
Die Winde am Deck begann zu arbeiten, langsam erschien auf der Oberfläche des Meeres der Taucher mit dem Sack voll Algen, und vorsichtig wurde ihm dieser, sowie das gesammelte Boukett der größeren Pflanzen aus der Hand genommen. Holm zog die langen Blätter an sich wie Schätze, die ihm der nächste Hauch entführen könnte; er ließ die Laternen aufwinden und gab Befehl, so schnell als möglich zum Schiff zurückzukehren; dann aber, als seine Blicke der feindlichen Haltung aller dieser Wilden begegneten, stutzte er. Was bedeutete das?
Der vorderste Gelbe streckte die Hand aus. »Das Feuer, welches unter dem Wasser brennt,« sagte er in englischer Sprache, »wir wollen es haben.«
»Die Laterne?« rief erschreckend der junge Gelehrte. »Das ist unmöglich, ich kann mir während dieser ganzen Reise keine zweite verschaffen und muß sie behalten!«
Der Orang schüttelte den Kopf. »Sie soll uns Fische und Krebse zeigen, wir wollen sie auf alle Fälle haben.«
Der Kapitän erhob sich vom Sitz. Bisher war ihm bei dem interessanten Schauspiel da unten nicht in den Sinn gekommen, die Boote der Eingebornen zu beobachten, er sah erst jetzt die nahende Gefahr. »Ich gebe euch eine solche Laterne, Leute!« rief er mit hallender Stimme. »Kommt zum Schiff, und ihr sollt sie haben.«
Die Orang-Badju flüsterten. An ihrer Haltung ließ sich leicht erkennen, daß sie dem Versprechen nicht trauten, sie antworteten mit einer neuen energischen Forderung.
Der Kapitän übersah die augenblickliche Lage. Vom Schiff wenigstens fünfhundert Schritte entfernt, von einer gedrängten Anzahl bewaffneter Männer umgeben, war die Lage der kleinen Schar so ungünstig wie nur möglich. Alle diese Orang-Badju hatten Bogen und Pfeile, schwere mit Eisenspitzen versehene Harpunen und nicht selten auch noch lange Spieße; wenn sie sich ernstlich gegen das Boot der »Hammonia« kehrten, so war dasselbe verloren.
»Die Gewehre in Anschlag!« kommandierte er. »Keinen Schuß, ehe ich das Zeichen gebe.«
Dann trug der Wind den Schall der Signalpfeife über das Wasser dahin; jedenfalls aber mußte an Bord die Bedrängnis der Gefährten schon bemerkt worden sein, denn im selben Augenblick stießen die beiden letzten Boote voll bewaffneter Matrosen vom Schiffe ab, und an Deck brummte die Kanone. Eine Kugel flog über alle diese Pfahlbauten hinweg weit in das grüne Ufer hinein, riß die Krone eines Baumes fort und brachte so den Wilden von der verheerenden Macht des Geschosses einen ungeahnten Begriff bei. Sie stutzten, vergaßen im Augenblick die gewohnte, für ihre Absichten so durchaus notwendige Vorsicht und ermöglichten es dadurch dem Kapitän, mittels schneller Bewegung des Steuers aus dem umgebenden Kreise heraus und an die Seite ihrer Fahrzeuge zu gelangen.
Ohne weiteren Befehl legten sich die Matrosen mit vereinten Kräften in die Riemen, das Boot schoß wie eine Möwe über die blaue Flut dahin, -- die List der Weißen schien gelungen.
Aber nur sekundenlang währte die Überraschung der Orang-Badju, dann brach von ihren Lippen ein Wutgeheul gleich dem Toben wilder Tiere los, überall schwirrten Pfeile durch die Luft, ja sogar Harpunen wurden geworfen, und wieder einmal erhielten unsere Freunde verschiedene nicht unerhebliche Wunden; sie selbst aber schossen nur auf die leichten Fahrzeuge, nie auf die Eingebornen, deren Wut sich vergrößerte, je mehr Vorsprung ihre Feinde gewannen. Hier oder dort sank eines der schlechten Boote; die Matrosen vom Dampfer vereinigten ihre Kräfte mit denen der Kameraden, und um endlich die Sache gründlich zu behandeln, schlug eine zweite Kanonenkugel derartig ins Meer, daß die Mehrzahl der Wilden von dem gewaltigen Spritzwasser, welches sie überschüttete, zu Boden oder häufig gar über Bord geworfen wurde. Es war eine Szene bodenlosester Verwirrung und des Aufruhrs sondergleichen. Hochgehende Schaumwellen, schwimmende Wilde, leer treibende und versinkende Kanots, dazu Spieße, Ruder, Pfeile und Harpunen, alles nickend und tanzend, wie die Wogen kamen und gingen. Inmitten dieses Trödelmarktes auf den Wellen drangen die Boote mit den Matrosen weit genug vor, um sich erfolgreich zwischen beide Parteien zu werfen; man schoß auch hier nicht, aber dennoch hielten die Kugelbüchsen und vor allen Dingen die Schiffskanone den ganzen Schwarm der Orang-Badju dermaßen in Respekt, daß kein weiterer Versuch zu Feindseligkeiten gewagt wurde. Wie im schweigenden Einverständnis hatte man allerseits das Leben der Wilden verschont und doch seine Zwecke erreicht; Papa Witt nickte grimmig, als die kleine Expedition blutend und mit bleichen Gesichtern wieder an Bord kam. »Die gelben Hunde!« sagte er. »Wär's nicht unchristlich gedacht, ich möchte wohl ein paar Vollkugeln in das Dorf hineinschicken und die Banditen unter ihren eigenen Dächern begraben.«
Dann aber verband er mit des Kapitäns Hilfe die verschiedenen schmerzenden Glieder und legte Salben auf das von den Pfeilen zerrissene Fleisch; erst nachdem der erste Schreck überwunden, konnten die jungen Leute ihre Erinnerungen sammeln und sich alle Einzelheiten des kleinen Abenteuers ins Gedächtnis rufen. Das war so schnell, so überraschend gekommen, sie wußten selbst nicht recht wie. Nur daß die Wilden geglaubt hatten, diese Lampe sei ein Zauber, der das unter dem Wasser Befindliche zu entdecken und zu heben vermöge, schien klar; kein Wunder also, daß sie lebhaft wünschten, für ihre Fischerei und ihren Perlenfang den Fetisch zu besitzen.
Als das Schiff am Ausgang der Bai vorüberfuhr, hielten sich die Gelben sämtlich versteckt, wahrscheinlich aus Furcht, eine dieser entsetzlichen großen Kugeln in ihr Dorf einschlagen zu sehen. Die Fahrzeuge waren an Pfählen befestigt, alles Treiben ruhte, alle diese Wasserstraßen voll Kinder und Frauen, diese Boote voll handelnder Männer schienen plötzlich ausgestorben, dafür aber gewann, nachdem Kap Rivers umschifft worden, die Landschaft des Ufers einen immer anziehenderen Charakter. Auf weiten, freien, von üppigstem Graswuchs bedeckten Ebenen weideten zahllose Herden von kräftig gebauten Büffeln, Antilopen und namentlich auch kleinen, äußerst feurigen wilden Pferden, die ersten, welche die Reisenden in freiem Zustande angetroffen. Es gab ein hübsches Bild, die gewaltigen, plumpen Büffel und die leichtfüßigen Pferde so über das ebene Land dahingaloppieren zu sehen, zwischen ihnen schlanke Antilopen und den Annang, ein Mittelding des Rinder- und Antilopengeschlechtes, über ihnen auf allen Bäumen die schönsten, farbenprächtigsten Vögel, namentlich den Tropikvogel mit seiner wunderbaren, gebogenen, einzeln dastehenden Schwanzfeder und verschiedene Arten des Paradiesvogels, ebenso die großen samtglänzenden Schmetterlinge der Tropen.
Wäre nicht die Hitze beinahe unerträglich und dadurch die Schmerzhaftigkeit der Wunden bedeutend verstärkt gewesen, so hätten die Reisenden an manchem Punkt dieser einsamen Nordküste von Celebes schon angelegt und die friedlichen Wälder streifend durchforscht; so aber gab es viel zu leiden, Franz hatte sogar Fieber, und der Malagasche hinkte wie ein Stelzfuß; die Wunden waren noch nicht völlig geheilt, als einige Boote die Abenteurer an dem nördlichen Punkt der Insel, in Menehasse, an Land setzten. Absichtlich hatte man eine ganz versteckte, unbewohnte Ecke gewählt; hoch und steil ragte in scharfer Biegung das Ufer bis in die Wellen hinaus; eine schmale enge Bucht, am Felsen dahinlaufend und langsam im Grün des Bodens verschwindend, führte durch schattiges Dunkel auf einer Seite in den etwas versumpften dichten Wald und auf der anderen zum sandigen, der Sonne preisgegebenen Strande.
Diesmal war alles, was das Schiff entbehren konnte, mitgenommen worden, um die Alfuren von Feindseligkeiten zurückzuschrecken; auf Führer verzichtete man, Häuser wollte man nicht besuchen und auch nicht Tauschhandel anbahnen, sondern einzig und allein Pflanzen und Tiere sammeln. Zwei Tage und Nächte waren für diese gefährliche Expedition bestimmt, und jeder einzelne Mann trug Waffen für zwei. So ausgerüstet, verproviantiert und mit Munition und Wolldecken reichlich versehen, schlugen die kecken Abenteurer zunächst den Weg ein, der sie in das kühlere, schattige Innere des Waldes führte. Welch eine Labung nach der langen, brennend heißen Fahrt durch die Celebessee! Mit welchem Entzücken ließen die jungen Leute den stäubenden Wasserfall über sich dahinströmen; mit welchem Hochgenuß verzehrten sie die Beeren, deren reiche Fülle auf jedem Schritt zum Pflücken einlud! Hier brachte der Wind unter den undurchdringlichen Laubkronen die ersehnte Kühlung, hier lockte das dichte Moos des Bodens zum Ausruhen, der Gesang in den Zweigen, der Duft der Blumen zum Träumen auf weichem Blätterlager. Das Fleisch war gebraten vom Schiff mitgenommen, eine tüchtige Portion Brot und Cakes steckte in den leinenen Taschen, Käse und Rum befanden sich wohlverpackt daneben, ebenso gekochte Eier in Unzahl; man brauchte also für den Magen nicht zu sorgen, sondern konnte sich ganz den Neigungen überlassen.
Papa Witt war an Bord geblieben, nach langem Widerstand zwar, aber doch endlich besiegt. Die jungen Leute wollten ihn nicht mit sich nehmen, um unbehindert ihre Streifpartie hierhin und dorthin ausdehnen zu können, wobei ihnen der Alte im Wege gewesen wäre. »Es geht über Stock und Stein,« hatte Holm gesagt, »die höchsten Berge hinauf und die tiefsten Schluchten hinunter, -- wollen Sie das wagen, Steuermann?«
Und er wagte es nicht, aber er schärfte noch allen ein, sich vor den Alfuren zu hüten, besonders den Matrosen, deren Neigung für Reibereien und kleine Ausschreitungen er aus Erfahrung kannte. »Ihr geht in kein Haus hinein, Jungens,« befahl er, »oder ich lasse euch im nächsten Hafen für Ungehorsam in aller Form bestrafen. Und noch eins -- die Handharmonika bleibt hier auf dem Schiff!«
Sein ernster Blick suchte den des Kapitäns. »Ist mir's doch, als sei es gestern gewesen, wo wir unseren Kameraden ohne Kopf wiederfanden,« sagte er heimlich schauernd. »Gleich hier hinter der Ecke liegt das Dorf, -- ich erkenne die Bucht und die scharfe Biegung; da hat sich in allen den Jahren nichts verändert, Kapitän. Wissen Sie was? -- Wir verbieten kurz und gut den ganzen unklugen Zug in das Land der Halsabschneider. Ich will's vertreten vor dem Chef, wenn wir nach Hause kommen.«
Dazu wollte aber der Kapitän sich nicht verstehen, obwohl ihn selbst der Anblick der bekannten Bucht weit tiefer erschüttert hatte, als er es dem alten Gefährten gegenüber äußerte. Weiterhin gab es keine Stelle mehr, wo Boote ungesehen die Landung zu bewerkstelligen vermochten; er schlug sich daher die Besorgnis, welche auch ihn heimlich beherrschte, so gut es anging, aus dem Sinn, und fügte nur noch den Ermahnungen des Steuermanns die seinigen hinzu; dann hatte er die kleine Gesellschaft ziehen lassen.
Tiefe Stille lag auf dem Walde, kein Mensch und kein Tier kreuzte den Pfad, nur seltsame, nie gesehene Vögel saßen auf allen Zweigen. Offenbar wurden diese hübschen Geschöpfe selten oder nie gejagt, denn ihre Zutraulichkeit ging so weit, daß sie sich zuweilen mit ausgestreckter Hand ergreifen oder sich eine Hanfschlinge über den Kopf werfen ließen. Einen derselben sahen die Knaben, als er an sumpfiger Stelle Schlamm mit dem Schnabel aufhäufte und dann davonflog. Es war ein niedriger Hügel entstanden; Franz untersuchte ihn sofort und entdeckte zu seinem Erstaunen unter einer zähen, leichten Schlammschicht fünf Eier, die jedenfalls dort von der Sonnenwärme ausgebrütet werden sollten. Eine genauere Durchforschung der Umgegend brachte noch dreißig oder vierzig weitere derartige Erdnester an das Tageslicht, zum Teil unter Schlamm, zum Teil unter Gras und Blättern verborgen, blaue und weiße, grüne und gesprenkelte Eier zeigend, aber sämtlich in einer Vertiefung des Bodens gelegen; nirgends zeigten sich Spuren einer brütenden Mutter. Natürlich wurden nur so viele Eier genommen, als verschiedene Arten vorhanden waren und immer auch nur eins aus jedem Neste; die Vögel schienen sich indessen um ihre Nachkommenschaft sehr wenig Sorgen zu machen, sie flogen davon und ließen die Weißen in ihrem Thun unbehelligt.
Von Strecke zu Strecke wurde der Wald sumpfiger und unwegsamer. Ausgedehnte stehende schwärzliche Gewässer, von mannshohem Schilf umkränzt, lagen unter dem ewigen Schatten der Bäume, große Krokodile dehnten sich an den Ufern, Schlangen glitten über den Fußboden dahin, und zuweilen tönte in der Ferne ein Brechen und Knacken, als wenn von flüchtenden Tieren das Unterholz gewaltsam beiseite gedrängt werde. Dann horchten die Weißen; aber der Klang verhallte, und es zeigte sich nichts; die Herde mußte ihren Weg in entgegengesetzter Richtung genommen haben.
»Das sind wilde Schweine,« behauptete Rua-Roa, »ich kenne ihre Art.«
Holm schüttelte den Kopf. »Die gibt es hier nicht,« antwortete er. »Aber ja doch, ja,« setzte er plötzlich hinzu, »wie konnte ich denn den Hirscheber, den Babirussa, vergessen! Wir müssen ihn unter allen Umständen schießen, wenigstens aber zu Gesicht bekommen.«
»Das wird nicht leicht sein,« versetzte der Malagasche. »Nur erfahrene Schweinsjäger vermögen es, das Tier zu erlegen; in meiner Heimat sind sie hochgeehrt und gehen in jedem Hause aus und ein, als sei es das ihrige.«
»Verstehst du selbst denn nicht ein wenig von der Jagd, Junge?«
Rua-Roa schüttelte den Kopf. »Die Hovas sind keine Jäger, Herr! Aber wenn mich nicht alles täuscht, so werden diese Schweine von Eingebornen gejagt. Da sind sie wieder!«
Diesmal erklang das Grunzen und das Brechen der Zweige aus größerer Nähe, man hörte einen Augenblick lang auch Menschenstimmen, dann den Aufschrei eines Tieres, und alles war wieder still. Die Weißen sahen sich an, -- Alfuren hinter den nächsten Gebüschen!
Holm legte den Finger auf den Mund. »Still, vielleicht kommen wir noch unbemerkt davon!«
Niemand rührte sich; es war, als behaupte eine Anzahl Versteinerter den Platz unter den Bäumen, nur der Wind flüsterte, und die Insekten schwirrten, -- der Instinkt der Wilden hatte trotzdem die Gegenwart der Fremden entdeckt. Aus den Zweigen hervor sah ein rotes, von schwarzem Haar umgebenes Gesicht, dunkle, tiefleuchtende Augen sendeten spähende Blicke über die Gruppe der Weißen dahin, und dann sprach der Mann nach rückwärts zu seinen Genossen einige wenige Worte, worauf zwölf bis sechzehn Alfuren erschienen, sämtlich nackt, vollbewaffnet und von einem Schmutz, einer Verkommenheit der Erscheinung, wie man sie selbst bei den Urbewohnern Ceylons nicht wahrgenommen hatte. Alle diese Männer waren klein, schmächtig, von ungesunder Hautfarbe, mager und nicht selten mit einem Gesichtsausschlag behaftet; um die Lenden trugen sie den bekannten, zerfaserten Grasgürtel, sonst aber nichts als nur Waffen, einige von ihnen gingen auch ganz ohne alle Bekleidung einher.
Holm und die übrigen grüßten höflich, nur einer der Matrosen, ein blutjunger Mensch, sagte auf deutsch: »Das Lumpenzeug! sechs davon nehme ich allein auf mich!«
Der vorderste Alfure sah ihn an; es war ein langer, verborgenen Haß sprühender Blick. Hatte der Ton den Inhalt verraten? -- --
»Di meen ick, Döskopp!« setzte nickend und lachend der junge Hamburger hinzu.
Holm verbot mit kurzen barschen Worten dergleichen Scherze, auch die übrigen stimmten ihm bei, so daß die Alfuren aufhorchten, der Matrose jedoch allerlei Gegenreden in den Bart brummte. Der Auftritt ging schnell vorüber, aber er hatte genügt, in dem Herzen des jungen Menschen einen eigensinnigen Trotz wachzurufen und anderseits die Alfuren aufmerksam zu machen. Sie versicherten, ein schlechtes Englisch sprechend, daß den Weißen bei ihrer Jagd im Walde keinerlei Hindernis erwachsen würde und stellten ihr Dorf mit allem, was sie besaßen, den Gästen zur Verfügung. Holm dankte ebenso höflich; dann wurden kleine Geschenke verteilt und von den Wilden das eben erlegte Tier herbeigeholt, um es den Fremden als Gegenleistung anzubieten.
Darauf trennte man sich, nachdem die Alfuren noch versichert, daß in einer Bucht nahe bei ihrem Dorfe heute abend Trepang gefangen werden würde, und daß dazu die Weißen höflichst eingeladen seien!
Holm hatte nichts Eiligeres zu thun, als sich des Hirschebers zu bemächtigen und das seltene Tier nach allen Richtungen zu besehen und auszumessen. Dieses große, vollausgewachsene männliche Exemplar zeigte die Länge von anderthalb Metern und war etwas über einen halben Meter hoch; es hatte die rauhen Borsten des gemeinen Schweines, aber dabei die melancholischen, sprechenden Augen des Hirschgeschlechtes; die hauerartigen Eckzähne durchbohrten an beiden Seiten die Oberlippe.
»Haben wir ihn einmal, so wollen wir ihn auch essen,« meinte Holm, »sein Fleisch ist ohnehin bekannt als das zarteste der gesamten Schweinefamilie. Wir lassen ihn hier liegen und nehmen ihn heute abend mit zum Alfurendorf; den Fang auf dem Meer möchte ich doch gern ansehen, nebenbei aber ist es auch klüger, jetzt, nun uns die Wilden einmal bemerkt haben, nicht geradezu vor ihnen zu flüchten. Unser Nachtlager können wir ja im Schutz der Uferfelsen vor den Dorfhäusern aufschlagen, und morgen an den Spießen der Alfuren das Schwein braten.«
Man warf also große Zweige und Blätter über den toten Körper und drang dann tiefer in das grüne Gewirre hinein. Ungeheure Bäume, wahre Riesen, versperrten in urweltlicher Fülle und Breite den Weg; manche Arten waren für die Weißen noch ganz neu, so besonders der Upasbaum, das Tekholz, das Sandelholz, die Zeder und Muskat- und Ebenholzbäume, sie sammelten überall Blüten und Blätter, ebenso unzählige Kletterpflanzen und große schöne Blumen, es begegneten ihnen aber auch mehrere Alfurendörfer, deren Einwohner bettelnd und neugierig hinterher liefen; alles, Häuser und Menschen, unter Schmutz vergraben. Die einzige Beschäftigung der Leute schien im Einfangen dessen zu bestehen, was die Natur freiwillig spendete; wenigstens arbeitete niemand, und als Holm in einem der wackelnden, trübselig verfallenen Dörfer eine diesbezügliche Frage stellte, da antwortete man mittels eines einzigen Lautes: »Trepang!«