Das Naturforscherschiff oder Fahrt der jungen Hamburger mit der "Hammonia" nach den Besitzungen ihres Vaters in der Südsee.

Part 33

Chapter 333,545 wordsPublic domain

Die Früchte schmeckten erfrischend, waren aber sehr schwer zu erlangen und wurden außerdem verteidigt von einer Menge großer Kakadus, deren weißes Gefieder von allen Zweigen glänzte. Holm erlangte durch die Geschicklichkeit der im Klettern geübten Matrosen einige Blüten und Blätter des merkwürdigen Baumes, den die Erde nur an dieser einen kleinen Stelle trägt; dann wurde, nachdem der Hauptzweck so schnell erreicht, das nächste Dorf aufgesucht. Wald schien die Insel nicht besonders viel zu haben, nur ödes, häßliches Buschwerk versperrte den Weg; nach einigen Stunden fortgesetzten Vordringens dagegen zeigten sich Baumwollenfelder und in einer sumpfigen Niederung üppiger Reisbau, die gewohnten Baumarten, Schlinggewächse, Affen, Papageien und Insekten aller Art. Zerstreute Gebäude auf Pfählen, etwa fünf bis sieben Familien fassend, lagen unregelmäßig zwischen den Äckern, die weißen Turbane und die blaugestreiften Lendentücher verrieten die Bekenner des Islam.

Unsere Freunde lagerten an einer schattigen Stelle, entzündeten ein Feuer und begannen die vom Schiff mitgebrachten Vorräte zuzubereiten, wobei sich der Kreis ihrer Zuschauer mehr und mehr verdichtete. Hierher nach Lombock kam sehr selten ein Schiff, viel weniger aber die Besatzung desselben in die Dörfer der Malaien; es war ersichtlich, daß die meisten dieser halbnackten Wilden nie weiße Menschen, nie Schußwaffen oder überhaupt Spuren der Zivilisation kennen gelernt hatten; sie hielten sich in respektvoller Entfernung, die Kinder flüchteten bei jeder Anrede erschreckend zu den Müttern, und selbst die Männer zeigten eine Scheu, welche nur ganz Wilde den Europäern gegenüber an den Tag legen.

Hier auf Lombock konnten wieder wie in Westafrika kleine Spiegel, Knöpfe und Perlen als Geschenke dienen; am meisten aber belustigte die Art und Weise, in welcher unsere Freunde ihre Mahlzeit verzehrten, das gelbe zusehende Völkchen, und als endlich einige Männer nach langem Ermuntern und Bitten an der Tafel auf Gottes grüner Erde mit Platz nahmen und sich von den vorhandenen Lebensmitteln vorsetzen ließen, da wagten es die übrigen, langsam näher zu kommen. Die Messer schienen den Leuten bekannt, nicht aber die Gabeln, vor deren Berührung sie sich kopfschüttelnd zurückzogen; ebensowenig die Löffel. Das Fleisch spießten sie mit einem spitzen Holzstäbchen, und den Reis warfen sie mittels dreier Finger in die Luft, um ihn dann geschickt mit den Lippen wieder einzufangen.

Die Matrosen kannten das schon; den Knaben dagegen war es ganz neu, weshalb denn auch beide Parteien, die Wilden und die Weißen, einander beim Essen neugierig beobachteten und nicht selten laut lachten, wenn z. B. die Aufmerksamkeit des Speisenden abgelenkt war und ihm die Reisportion anstatt auf die Lippen, vielmehr auf die Nase fiel, oder wenn die jungen Leute versuchten, das malaiische System nachzuahmen und durchaus den halbflüssigen Reis zwischen ihren Fingern nicht halten konnten.

Es war im ganzen ein gutmütiges, gastfreies, wenngleich scheues Volk, das von Lombock; erst nach längerem Verweilen der Fremden gelang es, die Leutchen einigermaßen vertraulich zu machen und sie zum Sprechen zu bringen, wobei freilich das gegenseitige Verständnis nicht besonders weit hinaus ging, denn auf der ganzen Küste gab es keinen englisch redenden Eingebornen; das was die Matrosen durch häufigen Aufenthalt in Batavia und Surabaja von der malaiischen Mundart erlernt hatten, blieb das einzige Mittel zur Unterhaltung. Der Radscha von Lombock war der holländischen Regierung von Java tributpflichtig; er mußte für den Baumwollen- und Reisertrag der Insel alljährlich eine bedeutende Steuer zahlen und verkaufte seine Waren an einige Holländer und Amerikaner, die weiterhin an der Küste ihre Faktoreien besaßen; sonst aber wohnten von den »Menschen mit weißen Gesichtern« auf dem Eiland keine, und ebensowenig kamen jemals Fremde hierher, um das Innere zu durchforschen. Alle Einwohner bauten Baumwolle und Reis.

Holm fragte nach Raubtieren, er beschrieb ihre Größe, er zeichnete auf ein Blatt Papier die Gestalt eines Leoparden, eines Büffels, aber keiner der neugierig beobachtenden Eingebornen hatte ein solches Geschöpf jemals gesehen, Hirsche dagegen waren vorhanden und auch der Orang-Utang, -- die Malaien machten ihm eine Faust, als sie das Bild sahen. »Er stiehlt unsere jungen Mädchen,« sagten sie, »und nimmt die geängstigten mit sich in seine unerreichbaren Felsenschlupfwinkel; unsere Knaben zerdrückt er an seiner Brust wie Strohhalme.«

Auch Pferde kannten die harmlosen Leutchen nicht, wohl aber schöne Ziegen und Schafe; ebenso kletterten auf allen Zweigen die Papageien und Kakadus, deren lautes »Arra! Arra!« in der Umgegend widerhallte. Die grüne Art schien hier sehr zahm, sie flog, wie bei uns das Sperlingsvölkchen, ganz nahe heran, um womöglich von der Mahlzeit ihren Teil zu erhalten, und als einmal Hans ein Stück Schiffszwieback nahm und es einem der Vögel zuwarf, da entstand eine höchst lebhafte Balgerei.

Nachdem alles in Augenschein genommen, wurde der Rückzug zum Schiff angetreten, unter dem Geleit sämtlicher Wilden, die nie ein solches Fahrzeug kennen gelernt hatten. Was sie besaßen, war eine sogenannte Prau, ein flaches, schlechtes Boot, mit dem sie oft von einer der zerstreuten kleinen Inseln zur anderen fuhren.

Nur die Kecksten wagten es, mit an Bord zu gehen; wie Kinder betasteten und bewunderten sie jeden Gegenstand, die Wanduhr hielten sie sogar für göttlichen Ursprunges, und als Franz in der Kajütte anfing, das Piano zu spielen, da verstummten die harmlosen Hörer vor lauter Staunen. Auf den Zehenspitzen schlich sich einer heran und dicht hinter den Stuhl des Knaben, der seine Absicht schon ahnte. »Vierhändig?« sagte er zum Ergötzen der anderen in deutscher Sprache.

Der Malaie nickte. Behutsam den Zeigefinger ausstreckend vollführte er einen plötzlichen, heftigen Schlag gegen eine Taste, und als der Ton hell erklang, sah er triumphierend seine Landsleute an. Der Geist hatte für ihn gesprochen.

»Gib acht,« lächelte Franz, »jetzt werden sie alle ihre Kunst probieren wollen.«

Und so geschah es wirklich. Der eine wagte nur mit spitzen Fingern das Instrument zu berühren, der andere legte die ganze Hand darauf, der dritte fuhr langsam von oben bis unten über alle Tasten und lachte vor Vergnügen über die »verschiedenen Stimmen, die ihm geantwortet hatten.« Aber auch ein Ehrgeiziger fand sich darunter, einer, der den Bock einnehmen und mit beiden Händen spielen wollte, wie er es von Franz gesehen; dieser rötliche, in Adams Staatsanzug erschienene, aber dabei mit Bogen und Köcher wohlbewaffnete Jüngling mußte sehr genau beachtet haben, was vorging, denn er ahmte vollständig die Handbewegungen des jungen Weißen nach, schlug auch energisch auf die Tasten, vollführte aber dabei natürlich einen solchen Höllenlärm, daß sich unsere Freunde am liebsten die Ohren zugehalten hätten. Franz lachte, daß ihm die Thränen aus den Augen liefen: so urkomisch war das Bild des entzückten, emsig hämmernden Malaien.

Und dann kam bei Wein und allerlei Geschenken, unter denen namentlich blanke Knöpfe sehr begehrt waren, der Abschied, den Papa Witt mittels einiger Kanonenschüsse verherrlichte. Zuerst erschraken die Wilden, so daß einige unter ihnen laut aufschrien, andere sich köpflings über Bord ins Wasser stürzten, dann aber überzeugten sie sich, daß ihnen kein Schade geschehen war und kamen wieder, um den Geist nochmals reden zu hören. Als die letzten an Land gesetzt waren und das Schiff seine Fahrt begann, da stürzte sich der ganze Stamm, Männer und Frauen, ohne weiteres in das Meer und gab dem langsam dahingleitenden Koloß, noch eine Strecke schwimmend und laute Zurufe ausstoßend, das Geleit; erst als der Dampfer seine volle Kraft entfaltete, blieben sie natürlich im Kielwasser desselben weit zurück.

Die Weißen waren von diesem Besuch unter den harmlosen Naturkindern sehr befriedigt; sie wollten bei den Alfuren auf Nordcelebes ebenso verfahren oder doch höchstens eine einzige Nacht am Lande bleiben, zumal man dort keineswegs diese kindliche Unbekanntschaft mit den zivilisierten Völkern der Welt mehr voraussetzen konnte, die Alfuren vielmehr wegen ihres schlechten, hinterlistigen und durch den Umgang mit ihren weißen Unterdrückern mißtrauisch gewordenen Charakters berüchtigt waren.

»Wir dürfen dorthin gar nichts mitnehmen,« erklärte Papa Witt, »wir müssen in unseren Kleidern schlafen und die Waffen in der Hand behalten, denn alle diese schwarzen Kerle stehlen wie die Raben, haben Ungeziefer und sind zu jeder Schandthat fähig, säbeln auch ebenso wie die Dajaks mit großer Vorliebe anderer Leute Köpfe herunter, ohne jeglichen Unterschied der Farbe, die weißen sowohl als die gelben. Führer können wir nicht brauchen, sie würden uns vielleicht in den nächstbesten Hinterhalt locken und ermorden.«

»Sind Sie dagewesen, Alter?« fragte Holm.

»Ich? Wo wären wir beide nicht gewesen, der Kapitän und ich? Wer so seine dreißig und mehr Jahre auf der See >schwalkt<, der hat am Ende alle Küsten der Erde gesehen. Ich sage Ihnen, da bei den Schmutzmenschen in Menehasse ist nichts Erfreuliches zu holen.«

»Einerlei, Papa! haben wir nun nach einander alle möglichen westafrikanischen Negersorten, die Hottentotten, Buschmänner und Kaffern, die Malagaschen, Singhalesen, Javanen, Dajaks und Malaien von Lombock gesehen, dann dürfen schließlich auch die Alfuren nicht fehlen. Zwei oder drei Tage auf Celebes machen nichts aus.«

»Zwei oder drei Tage!« knurrte der Alte. »Und darum einen ganzen Breitengrad segeln, ohne Sinn und Verstand im Zickzack, es ist zum Tollwerden. Mit Naturforschern reise ich all mein Lebtage nicht wieder. Die gebahnten Straßen sind ihnen ein Greuel, den sicheren Handelshäfen gehen sie weit aus dem Wege und landen da, wo rechtes Diebsgesindel wohnt, und wo das Schiff kaum eine Stelle findet, um seine Anker auszuwerfen. -- Nun, da ihr doch einmal nicht zu bessern seid, will ich euch in der Bucht von Lomini eine Stelle zeigen, wo ihr mit dem Boot über die Spitzen eines unterseeischen Waldes dahinfahren und eine kleine Pflanzung von lauter Algen ansehen könnt. Es ist lange her, seit ich hier war, -- wir begruben damals im Meer einen Kameraden, der von den Alfuren ermordet wurde, -- mitten in der Nacht, denn der Kapitän hatte uns verboten, an Land zu gehen, aber wir wollten natürlich unseren Genossen nicht ohne Seemannsehren dem nassen Grabe überliefern und machten daher die Sache heimlich. Erinnern Sie sich noch, Kapitän?«

»Gewiß!« nickte der. »Damals waren wir junge schlanke Leichtmatrosen, unternehmungslustige Hamburger Schlingel, die zu fünfen das Schiff verließen, um mit den Eingebornen Händel zu suchen. Einer von uns wagte sich im besten blauen Anzug, mit Uhr und Kette allein in ein solches verdammtes Wohnhaus hinein, noch dazu mit der Harmonika, spielend wie ein Neapolitaner, tanzend und aller Thorheiten voll, der arme Junge! -- Als wir ihn nach stundenlangem, ängstlichen Suchen wiederfanden, da war er bis auf die Haut entkleidet und des Kopfes beraubt. Aus Furcht vor Strafe fuhren wir weit in die Bucht hinein und versenkten ihn da, der Kapitän hat niemals erfahren, wo wir in jener Nacht gewesen, und wohin der fehlende Leichtmatrose gekommen.«

»Hört ihr's?« ermahnte Doktor Bolten. »Also vorsichtig, solchen Menschen gegenüber. Hier und in den Australischen Inselgruppen können wir keine weiten Landreisen unternehmen; es kommen zu wenig Weiße hin, als daß die Eingebornen wie in Afrika und auf Madagaskar oder Java an eine Bestrafung ihrer Mordthaten denken sollten. Celebes hat, so viel ich weiß, nicht einmal einen namhaften Hafen?«

»Nur Makassar!« nickte der Kapitän. »Dahin aber kommen wir nicht. Unser Weg führt uns zu den Orang-Badju, welche in einer stillen Bai auf dem Wasser leben und zwischen ihren Pfahlbauten nur in Booten verkehren, und zu den Alfuren nach Menehasse.«

»Und wann gelangen wir etwa dorthin?« fragten neugierig die jungen Leute. Der Gedanke an ein Dorf auf dem Meer hatte ihr Interesse im höchsten Maße erweckt.

»In acht bis zwölf Tagen,« war die Antwort.

Das schien zwar vorerst eine lange Zeit, aber Borneo hatte hinreichendes Material geliefert, das präpariert werden mußte, und so war nicht zu fürchten, daß Langeweile ihren Aufenthalt an Bord nehmen würde.

Einige der geschossenen Vögel mußten abgebalgt werden und anderseits galt es, die an Ort und Stelle gewonnenen Häute tüchtig mit Arsenikseife einzureiben, denn in etlichen zeigten sich schon zerstörende Maden und Würmer. Auf Borneo hatte Holm den Baya erlegt, den berühmtesten aller Webervögel, der aus Grashalmen ein Nest zusammenflechtet, das aussieht wie die Retorte des Chemikers. Meistens hängt er sein Nest an die Palmen an, in Birma aber, wo dieser Vogel auch vorkommt, nistet er an den Häusern und Hütten, ohne Furcht vor den Menschen zu äußern, und oft sieht man dort an den Wohnungen der Eingebornen zwanzig bis dreißig solcher Nester hängen.

»Ähnlich wie bei uns die Nester der Schwalben,« warf Hans ein, »denen niemand etwas zuleide thut und die sogar auf dem Flur der Bauernhäuser sich friedlich ansiedeln.«

»Merkwürdig ist noch der Umstand, daß dieser Vogel Lehmklumpen in sein Nest einträgt, die oft ein Gewicht von hundert Gramm haben,« sagte Holm, »und deren Zweck zu sein scheint, das Nest im Gleichgewicht zu halten, wenn der Wind heftig daherweht.«

Prachtdrosseln waren in mehreren Arten erlegt; darunter der Pulih, dessen Oberseite metallisch grün, Schwanz und Flügel schwarz, Spitzen der Flügel und des Schwanzes mattblau, Kehle rosenrot, Oberbrust gelblich, Unterbauch scharlachrot ist. Der nur auf Borneo lebende seltene Kellenschnabel war von Franz geschossen worden, der ihn auch eigenhändig abbalgte und einseifte. Von Taubenarten war man so glücklich gewesen, die reizende Sperbertaube und die prachtvolle Mähnentaube zu schießen, die in den glänzendsten Farben prangt. Der Kopf, der Hals und die ganze Unterseite sowie die Schwingen sind schwarzgrün, die Federn der Unterseite kornblumenblau gesäumt und die langen, mähnenartigen Federn des Halses grasgrün und goldschimmernd. Das Auge ist licht rotbraun. Auch hatte Hans glücklicherweise ein Exemplar des Maleo erlegt, ein Buschhuhn, das ähnlich wie der Strauß seine Eier in den Sand legt und von der Sonnenwärme ausbrüten läßt.

An gefangenen Buschhühnern hat man das Brutgeschäft genau beobachten können. Das männliche Buschhuhn beginnt beim Herannahen der Brutzeit innerhalb seines Geheges alle nur irgendwie vorhandenen Pflanzenstoffe zusammenzuscharren, indem es dieselben mit dem Fuße nach hinten wirft, und zwar immer einen Fuß voll auf einmal. Da es seine Arbeit stets am äußeren Rande des Geheges anfängt, so wird die Masse nach innen in den Kreis geworfen und allgemach zum Haufen aufgetürmt. Sobald dieser eine Höhe von etwas über einen Meter erreicht hat, machen sich beide Vögel daran, ihn zu ebnen, und wenn dies geschehen, höhlen sie im Mittelpunkte eine Vertiefung aus. In letzterer werden zu bestimmten Zeiten die Eier niedergelegt und ungefähr vierzig Zentimeter unter dem Gipfel in einem Kreise geordnet. Die verfaulenden organischen Stoffe entwickeln nun, in ähnlicher Weise wie im Mistbeet, eine nicht unbeträchtliche Wärme. Das Männchen beaufsichtigt den Hergang der Entwickelung und namentlich den Zustand der Wärme des natürlichen Brütofens sehr sorgfältig. Es bedeckt gewöhnlich die Eier und läßt nur eine runde Öffnung, durch welche die den in der Brut befindlichen Eiern unumgänglich notwendige Luft nach unten gelangt und durch welche eine übermäßig gesteigerte Wärme gemildert wird. Bei heißem Wetter aber nimmt es zwei- oder dreimal täglich fast die ganze Decke weg, damit die Eier nicht zu heiß werden.

Diese Mitteilung interessierte die Knaben in hohem Grade, und sie bedauerten nur, daß die Verhältnisse es nicht gestatteten, brutfähige Eier des Maleo nach Hamburg zu senden, damit im dortigen zoologischen Garten Beobachtungen an diesen Verwandten des Buschhuhns gemacht werden könnten.

»Ich sehe immer mehr ein,« bemerkte Franz, »wie ungemein schwer es ist, einen zoologischen Garten mit seltenen Tieren zu versehen. Wenn auch der Fang, trotz der vielen Gefahren und Schwierigkeiten gelingt, so kommt hinterher noch erst der Transport der Tiere, durch Wüsten und unwegsame Gegenden, über Meer und über Land, bis sie den Ort ihrer Bestimmung erreichen. Wie viele Tiere sterben unterwegs aus Mangel an geeignetem Futter und weil es ihnen an allem fehlt, was ihnen sonst zum Gedeihen notwendig ist.«

»Und doch,« unterbrach Holm ihn lächelnd, »besuchen viele Menschen die zoologischen Gärten nur -- um ein Konzert zu hören oder ihren neuen Anzug bewundern zu lassen. Doch das soll uns jetzt nicht viel kümmern. Wir haben hier eine Anzahl schöner Schmetterlingsraupen, die präpariert werden müssen.«

»Legen wir sie in Spiritus?« fragte Hans.

»Nein,« erwiderte Holm, »im Spiritus verlieren sie zum Teil ihre Farbe und zuweilen auch ihre Form. Wir müssen sie in Mumien umwandeln und zwar dadurch, daß wir sie mit Tabakssaft töten und dann in gelinder Hitze rasch trocknen.«

Er nahm eine der eingefangenen Raupen und tötete sie mit einem Tropfen Tabakssaft, wie er die Knaben gelehrt hatte die Schmetterlinge zu töten. Dann spießte er die Raupe vorsichtig auf einen feinen Eisendraht, der mit Nickelmetall überzogen war, damit er nicht verroste, und über dem Feuer einer Spiritusflamme wurde die Raupe hierauf unter fortwährendem Drehen und Wenden langsam getrocknet, bis sie keine Feuchtigkeit mehr enthielt und fast zerbrechlich geworden war.

»Das ist eine Arbeit für mich,« rief Doktor Bolten, »sie erfordert keine größere Geschicklichkeit, als ich mir zutrauen darf.«

»Nehmen Sie sich nur in acht, daß Sie mit den rauhhaarigen und borstigen Raupen der Flamme nicht zu nahe kommen,« rief Holm lachend, »denn abgesengte Exemplare haben keinen Wert mehr für uns.«

»Ich will meine Sache schon gut machen,« antwortete Doktor Bolten. »Während Franz und Hans ihre Journale vervollständigen, werde ich Raupenmumien präparieren, denn mit meinen Aufzeichnungen bin ich fertig.«

»Gut,« sagte Holm, »hier ist eine recht große fette Raupe, nun zeigen Sie einmal ihre Geschicklichkeit.«

Der Doktor tötete und spießte die Raupe und brachte sie über die Flamme. »Seht ihr,« rief er, »ich verstehe mich ausgezeichnet auf solche Sachen!«

Kaum aber hatte er sich dieses frühzeitige Lob erteilt, als die Raupe anfing sich dick aufzublähen. Dann aber sagte sie laut »Paff« und war auseinandergeplatzt.

»Was ist das?« fragte der Doktor und machte eine bestürzte Miene.

»Sie haben die Raupe der Flamme zu nahe gebracht, teuerster Doktor,« antwortete Holm. »Sie hätten bedenken müssen, daß eine Raupe kein Bratapfel ist.«

Alle lachten, auch der Doktor stimmte mit ein. »Von jetzt an werde ich vorsichtiger sein,« sagte er. »Jedenfalls hat ein mißlungener Versuch das Gute, daß man aus ihm lernt, wie man es nicht zu machen hat.«

Die getrockneten Raupen wurden in Watte gehüllt und gut in Blechdosen verpackt. Reichliche Mengen von Kampfer wurden dazwischen gelegt, um zerstörende Insekten von ihnen fernzuhalten.

So vergingen die Tage auf dem Schiffe in voller Beschäftigung, bis an einem schönen Morgen die massigen Umrisse eines weit hinausreichenden Vorgebirges in blauer Ferne aus dem Wasser auftauchten; die langgestreckte, skelettartige Form von Celebes zeigte einen ihrer Arme, das Kap Rivers; ein ungeheurer Höhenzug trug rauschenden Wald und thätige, von Wolken umwirbelte Vulkane; darunter aber in stiller enger Bucht, gleichsam an die Brust des Felsens geschmiegt, lag das Pfahldorf.

Die Bauten unserer ersten Eltern, die Uranfänge aller Menschenwohnungen, die nächsten, natürlichsten Schutzmittel gegen wilde Tiere! -- ein sonderbarer Anblick, so Hütte an Hütte auf muschelbedeckten, von Schnecken und Austern bewohnten Pfählen, unter denen das seichte Wasser kaum zwei Meter tief dahinfloß. Selbstverständlich konnte der Dampfer nicht bis in die Nähe gelangen, aber er setzte Boote aus, und die ganze kleine Gesellschaft fuhr in die schmalen Straßen zwischen den Häusern hinein. Fahrzeug nach Fahrzeug kam ihnen entgegen: Fische, Krebse, Austern, Schneckenhäuser und hundert kleine, zierliche Arbeiten aus Muscheln, Schildpatt, Korallen und Perlen wurden zum Kauf angeboten; die Menschen zeigten sich als eine Mischlingsrasse, sowohl den Malaien als den Chinesen verwandt, waren hell und hübsch, und in ihrem Auftreten äußerst bescheiden und friedliebend. Aber wie arm, wie eng schienen diese Hütten! Das Boot von der »Hammonia« steuerte hindurch, die jungen Leute kauften von jedem Händler etwas, sahen bei Gelegenheit in jede Thür hinein und entdeckten dort immer nur ein Blätter- und Mattenlager, Fischgerät, einen rohen Tisch und ein paar Decken; gekocht wurde draußen in den Booten. Überall war es lebendig, überall wimmelte es in chinesischer Überfüllung von Kindern und Erwachsenen; nur eine schmale Fahrstraße lief zwischen den engbewohnten Bienenkörben dahin, Seitengänge zweigten sich ab, manche Familie schien sogar nur das offene Boot als Heimstätte zu besitzen und hinter einer vom Mast flatternden Decke auf bloßen Brettern zu schlafen.

Wie doch die Orang-Badju auf den Gedanken kamen, so ihr ganzes Dasein in dieser Bai zu verbringen? Meilen und abermals Meilen standen ihnen auf der schönen fruchtbaren Insel offen, unbegrenzte Ebenen lieferten Weideplätze und Ackerland, unbegrenzte Wälder den Schutz und die Früchte ihrer Riesenstämme; aber das handeltreibende Völkchen zog es vor, abgeschnitten von allen Schönheiten der Natur, aller Freiheit der Bewegung und des Verkehrs, hier auf dem Wasser in feuchten, unbequemen Käfigen sein Dasein zu verbringen, wahrscheinlich ohne jemals selbst die Möglichkeit einer Änderung ins Auge gefaßt zu haben. »Derartige Niederlassungen in Buchten und schmalen Wasserstraßen gibt es hier herum viele,« sagte der Kapitän. »Die Leute sind Fischer und treiben Tauschhandel mit allen benachbarten Küsten.«

»Aber im Sturm,« fragte Hans, »wie machen sie es im Sturm?«

»Dann schlagen vielleicht die Wellen zur Thür hinein, spülen Kinder und Greise mit sich weg oder reißen die ganze Hütte in ihren Schoß hinab, daran läßt sich eben nichts ändern. In China hat man ja engbevölkerte, schwimmende Städte, die oft über Nacht meilenweit stromab getrieben werden, von denen im Orkan ein Dritteil aller Bewohner zu Grunde geht; -- es bleiben immer noch mehr als genug Menschen übrig. Die Familienliebe, die Zärtlichkeit der Eltern für ihre Kinder ist wenig entwickelt, da wo es großen Massen am Notwendigsten fehlt; in den unteren Schichten des Volkes verkauft der Chinese mit Vergnügen seine Sprößlinge für billiges Entgelt, verschenkt sie auch wohl gar, um nur die hungrigen Mäuler loszuwerden. Ich glaube, die Orang-Badju machen es nicht besser.«

Wirklich sollte Holm mit dieser Vermutung recht behalten. Mehr als ein gelber, verschmitzt blickender Fischer kam in seinem Boote heran und deutete vertraulich blinzelnd auf einen größeren oder kleineren Jungen, den er mit sich führte. Ob nicht der fremde Herr einen Schiffsjungen brauche, einen Diener oder sonst einen Knecht irgend einer Art; ganz wohlfeil sei er zu haben, für geringe Bezahlung, er sei ein so geschicktes, anstelliges Kind, so klug und so sanft wie ein Mädchen, der Herr möge ihn nur erst einmal mitnehmen!

Und wenn dann der Kapitän den Kopf schüttelte, bot der brave Vater seinen Sohn ganz umsonst an, meistens wurde erst eine entschiedene Drohung notwendig, ehe die beharrliche Verfolgung ein Ende nahm.