Part 32
Der junge Bursche sah voll Stolz von einem der Besucher zum anderen. »Ich will auch Panglima werden!« übersetzte der Dolmetscher seine Antwort ins Englische.
Holm schenkte ihm eine Taschenpistole, die der Knabe mit einem Freudenschrei empfing und vor Entzücken einmal über das andere küßte. Er wolle damit hundert Malaienschädel zerschmettern, versicherte er.
Holm näherte sich dem Panglima. »Unsere Führer sind, obwohl von dem dir verhaßten Volke stammend, doch in deinem Dorfe ihres Lebens sicher, nicht wahr, König Nigura?« fragte er. »Wir besitzen einen Schutzbrief des holländischen Statthalters, der euch befiehlt, uns und die Malaien ungehindert zu lassen, willst du den respektieren, oder verlangst du, daß wir dein Gebiet meiden?«
Der Greis lächelte. »Wer ist der holländische Statthalter?« fragte er in geringschätzigem Tone. »Womit will er Nigura, den großen König der Mankeian, zwingen, seinen Fetisch zu achten oder seine Freunde zu beschützen? Wenn es mir beliebt, lasse ich eure und die Köpfe der gelben Diebe über meine Thüre nageln, der holländische Statthalter kann mich daran nicht hindern, aber ich schenke euch Freiheit und Leben, weil kein Mankeian seine Gäste beleidigt, und wären es selbst Malaien. Ihr wohnt in unseren Hütten, ihr eßt an unseren Tischen, so lange es euch beliebt.«
Damit schien er die Audienz beenden zu wollen, man erhob sich also, um im Vorraum zu speisen, bei Gelegenheit des Abschieds aber fragte Holm noch wie zufällig, ob denn nur die Mankeian oder sonst noch ein anderes Volk in diesem Thale wohnten.
»Die Punan,« hieß es, »ein armer Stamm, der Getreide baut und sich mit den Affen um die Ernte streitet. Der Goldfluß gehört den Mankeian.«
Die kleine Schar wechselte bezeichnende Blicke. Also die Punan waren es, welche Bassar aufsuchen wollte, und daß er als Gast bei den Goldwäschern unverletzlich sei, hatte der Gauner jedenfalls auch recht gut gewußt. Mochte er jetzt thun und lassen, was ihm beliebte, das Wort des Panglima schützte die Weißen vor aller Gefahr.
Der Hirschbraten, das Lendenstück vom Büffel und das erbsenartige Gemüse waren gut zubereitet, der Tuach-Katan wärmte äußerst angenehm den Magen, und die Früchte, welche von allen Seiten herbeigebracht wurden, schmeckten vorzüglich; nach Tisch besahen die Weißen den Fluß, der das Gold im Sande mit sich führte, Holm kaufte eine Handvoll unausgewaschenen, von den gelben glitzernden Spuren durchzogenen Flußsandes; der Dolmetscher mußte, um alles erklären und übersetzen zu können, bei der Gesellschaft bleiben, und so verging ein Abend und eine Nacht, ohne die geringste Störung zu bringen. Interessante Pflanzen und Insekten wurden gesammelt, die Dorfbewohner zeigten sich äußerst zuvorkommend, überall fanden die Weißen gedeckte Tische und willige Hände, auch der kleine Orang-Utang hatte an einer Schafmama eine gutmütige Ernährerin erhalten; man veranstaltete Kampfspiele und Wettfahrten in schmalen, selbstgebauten Booten, den Fremden zu Ehren. Diesem ganzen Treiben aber hielten sich die Punan durchaus fern. Es kam kein einziger von ihnen in das Dorf der Mankeian, wie denn auch die fünf Malaien sich hüteten, ihrerseits das Gebiet der Punan zu betreten; Holm hatte das sehr bald entdeckt, obgleich Bassar achselzuckend die Sache für Zufall erklärte.
Am Abend des zweiten und letzten Tages, nachdem Schmetterlinge, Vögel, Käfer und selbst kleine Vierfüßler in Menge erlegt worden, nachdem man das Leben der Dajaks aus nächster Nähe kennen gelernt hatte, -- wurde zur Abreise gerüstet. Das Gepäck war geordnet und für den kleinen Affen eine Ziege gekauft, man hatte sich vom Panglima verabschiedet und Geschenke gemacht und erhalten; die Umgebungen des Dorfes waren aufgenommen, kurz alles wider Erwarten gut abgelaufen; die Weißen mit dem Dolmetscher und den Malaien schliefen oder schienen doch zu schlafen; denn in der That wachten die Gelben und auch der junge Gelehrte. Holm hatte ein verdächtiges Flüstern gehört; er fühlte eine geheime Unruhe, die ihn hinderte, sich dem Schlummer hinzugeben.
Bassar reckte das Haupt. Sein Blick durchdrang die Dämmerung der tropischen Nacht, sein Ohr horchte. Alles still! -- Er winkte den übrigen. Torio und die drei jungen Leute mußten dies Zeichen bereits erwartet haben; wie Schatten glitten sie an des Führers Seite, und alle fünf nahmen langsam schleichend, an den Weißen vorüber, den Weg zum Ausgang der Hütte. Holm sah jede Bewegung, -- sollte er Einhalt gebieten, sollte er fragen, wohin?
Noch zauderte er. Was konnte ihm die Einmischung nützen? Bassar würde seine Absichten ausführen, ob er sie mißbilligte oder nicht, das war sicher.
Jetzt hatte schon der erste den Thürvorhang erreicht, Holm streckte die Hand aus, um zunächst den Dolmetscher zu wecken, da plötzlich wurde von draußen die Matte hinweggezogen, heller Fackelschein verbreitete sich über das Innere der Hütte, und wenigstens zwanzig Dajaks, mit Spießen und großen Messern bewaffnet, erschienen auf der Schwelle.
Die Aufregung, welche sich während der nächsten Minuten jedes einzelnen Herzens bemächtigte, läßt sich nicht schildern. Nur der Dolmetscher blieb kaltblütig, er schien sehr wohl zu wissen, was da im Entstehen begriffen war, und dachte vielleicht, um seiner Unentbehrlichkeit willen von den Weißen nur noch mehr Geld erpressen zu können. Es gab ja im ganzen Dorfe keinen zweiten, der die einheimische und die englische Sprache gleich geläufig beherrschte, man brauchte ihn notwendiger als jemals.
Aufspringend gleich allen anderen, übersetzte er, was gesprochen wurde.
Ein älterer Dajak, die Stirnbinde um den Kopf, den handbreiten Lendenschurz als einziges Kleidungsstück am braunen, wetterharten Körper, mit düsterem Blick und erhobener Hand trat dem Anführer der Malaien entgegen. Sein Zeigefinger berührte die Brust des Gelben. »Kennst du mich, Bassar, Sohn Hawalles?« fragte er in feierlichem Tone.
Der Malaie hatte ihn seit dem Augenblick seines Eintretens unverwandt angesehen. Das gelbe Gesicht wurde fahl, in dem Blick des verschmitzten lauernden Auges spiegelte sich ein furchtbares Erschrecken, die ganze Haltung zeigte das offenbarste Schuldbewußtsein. Hinter ihm zischelten und flüsterten die übrigen so leise, daß es dem Dolmetscher unmöglich war, ihre Worte zu übersetzen.
»Kennst du mich?« wiederholte der Dajak seine frühere Frage.
Bassar schien sich einigermaßen gefaßt zu haben. »Nein!« antwortete er in rauhem, abweisendem Tone, »nein, ich kenne dich nicht, habe dich nie im Leben gesehen. Gib Raum, was willst du von mir?«
Aber der andere stand unerschütterlich. »Du kamst hierher, um den Stamm der Punan mit Krieg zu überziehen, Bassar,« fuhr er fort, »du wolltest die Köpfe der Männer holen, deren Großväter einst im Kampfe um den Besitz der Küste deine Vorfahren erschlagen, du wolltest vielleicht sogar ihre jungen Kinder mit dir führen in die Sklaverei der Kohlenbergwerke, aber Dewata-Dugingang sah deine falsche Absicht und lenkte die Schritte der Rächer hierher in dies Thal. Ich bin Solani, der Sohn Alteis, kennst du mich noch nicht?«
Bassar umklammerte krampfhaft den Kolben seiner Büchse. Nur der Hinblick auf die vergifteten Pfeile der Dajaks hielt ihn ab, von der Schußwaffe sofort Gebrauch zu machen. »Was willst du von mir?« fragte er wieder.
»Deinen Kopf!« entgegnete düster der Wilde. »Entsinnst du dich des Tages, wo du mit deinen Spießgesellen einbrachst in das unbeschützte, entlegene Dorf der armen Hirten, wo du die Mädchen und Knaben in die Sklaverei schlepptest und das Eigentum der Alten stahlst? -- Mein Vater verteidigte seine Hütte, seine jungen, blühenden Töchter, die du in Spielhäuser und an tyrannische Herren verkauft hast, er fiel von deiner verruchten Hand, er mußte seine Kinder dahingeben, ohne sie retten zu können, denn deine teuflische List hatte den Überfall ausgeführt, als die jungen Männer des Stammes abwesend waren, -- jetzt gib dafür, was dein ist, dich selbst und die Söhne, welche dir gefolgt sind, ebenso den andern Mann aus deinem Raubtiergeschlecht, deinen Bruder.«
Bassar trat zurück. »Du lügst!« schrie er wild, »du lügst!«
Holm näherte sich dem Dajak. »Laß ab von deiner Rache, Freund Solani,« sagte er überredend. »Wir wollen dir eine große Summe Geldes geben, wenn du uns unbehindert unseres Weges gehen läßt.«
Der Dajak schüttelte den Kopf. »Kaufst du mit deinem Gelde das Leben Alteis zurück, weißer Mann?« fragte er, »kaufst du die Verzweiflung seiner Kinder, die in Kohlengruben und unter den Peitschenhieben grausamer Gebieter elend zu Grunde gingen? -- Das war Solanis Vater, das waren seine Schwestern und Brüder!«
Holm klopfte die Schulter des Erregten. »Nein, Solani, nein,« sagte er eifrig. »Du bist in den Deinigen unheilbar gekränkt und verletzt, aber was nützt es dir, wenn du jetzt einen Mord begehst? Wird dadurch die Sache besser?«
Der Dajak neigte den Kopf. »Ja!« gab er einfach zurück. »Der Ermordete schläft nicht, bis der Mörder bestraft wurde, und wäre es erst nach vielen Ernten (der einzige Begriff der Zeitrechnung bei den Wilden auf Borneo!), ja wäre es erst in seinen Ur-Urenkeln. Bassar nimmt meinen Kopf, oder ich nehme den seinen! -- komm heraus, Sohn Hawalles!«
Der alte Theologe hob die Hand zum Himmel, von dem Mond und Sterne so friedlich herabsahen auf die Greuel des Hasses, welche sich da unten vollzogen. »Verblendete,« rief er in eindringlichem Tone, »laßt ab von euren abscheulichen Plänen, euren wahnwitzigen Folgerungen! Die Toten bedürfen keiner Erdenhilfe mehr, die Blutrache ist vor Gott eine Todsünde!«
Auch das übersetzte der Dolmetscher, aber ohne damit Eindruck zu machen. »Komm!« wiederholte Solani, und als Bassar keine Folge gab, entstand ein Handgemenge, bei dem sich zwar die Weißen zu gunsten ihrer Führer beteiligten, woraus aber die Dajaks nach kurzem Ringen als Sieger hervorgingen. Immer mehr Kopfjäger drängten nach, die Weißen wurden abgeschnitten zwischen ihnen und den Dajaks bildete sich eine dichte Mauer, die Malaien befanden sich draußen und in der Gewalt ihrer Gegner, ehe noch wenige Minuten vergingen.
Vor der Hütte hatten sich Hunderte versammelt, teils Punan, teils Mankeian, sie wußten offenbar alle, um was es sich hier handelte, keiner von ihnen streckte die Hand aus, um das beabsichtigte Verbrechen zu hindern.
Als sich die Weißen in der verlassenen Hütte allein sahen -- nur der Dolmetscher war geblieben! -- da erfüllte ein einziger Gedanke die Seele aller. Zum Panglima! er mußte Hilfe schaffen.
Die königliche Behausung war bald erreicht und der alte Nigura aus dem Schlaf erweckt. Ein paar Kienspäne sandten ihre flackernden Lichter, ihre dichten, blauen Rauchwolken zum Himmel empor; im Gras zirpten und huschten glänzende Insekten die Blüten dufteten stärker, der Mond spiegelte sein lächelndes Antlitz im Flusse, und über den Himmel eilten im schnellen Fluge schimmernde Sternschnuppen.
So tiefer, tiefer Schöpfungsfriede, so stille, träumende Mondnacht, -- und in nächster Nähe mordete der Mensch den Menschen, wurden einem furchtbaren Irrwahn blutige Opfer gebracht, starben in diesem Augenblick fünf Männer wehrlos unter den Fäusten eines ganzen erbitterten Stammes.
Der Doktor eilte allen voraus dem alten König der Mankeian entgegen. »Panglima,« rief er, »hilf uns, hilf uns, man mordet die Malaien, denen du Schutz zusagtest.«
Der Greis schüttelte den Kopf, auch er wußte offenbar alles. »Das thun nicht die Mankeian, Fremder,« versetzte er, »sondern die Punan, und diese sind im Recht. Bassar wollte hieher kommen, um eine uralte Fehde, einen Kampf der ersten Besitzer mit den ersten Eindringlingen, für sich auszubeuten, indem er, gestützt auf die Gastfreundschaft der Mankeian und euern Beistand, ein paar junge Leute in die Sklaverei entführte; es traf sich aber, daß bei den Punan ein anderer Stamm weilte, und daß unter diesen ein Mann lebte, dessen ganze Familie jener Malaie aus Habsucht ins Verderben stürzte, -- das ahnte der Schuldige nicht, er würde sich sonst gehütet haben, die Rache herauszufordern! Im Augenblick, als Bassar aus den Hütten der Punan seine Opfer stehlen wollte, sandte Dewata-Dugingang den Sohn Alteis, -- ich kann nichts thun, um ihn an seinem gerechten Vorhaben zu verhindern. Nur für eure Sicherheit werde ich sorgen.«
Der Doktor hatte mehrfach versucht, den alten Häuptling zu unterbrechen. Jetzt, als er schwieg, ergriff er dessen Hand. »Ich bin ein Liau, Panglima,« sagte er, mit innerem Widerstreben seinen heiligen Stand in der Weise dieser Barbaren bezeichnend, »ich bin ein Liau, und als solcher frage ich dich, ob du glauben kannst, daß Dewata-Dugingang den einen seiner Söhne erschaffen habe, damit er den andern morde? Ist das vernünftig, ist das gut und erlaubt?«
»Nicht immer, Fremder, und nicht wenn der eine des anderen Genosse, oder wenn er ihm ganz unbekannt ist, wohl aber, sobald sich der Dajak und der Malaie gegenüberstehen. Es ist den Göttern wohlgefällig, daß wir den gelben, falschen Stamm ausrotten, das Gleiche lehren auch die Liaus deines Volkes, Fremder! Nigura ist ein großer König, er hat viele Küstenländer besucht und mit den weißen Seefahrern Handel getrieben; er hat gehört, daß auch in ihren Hütten Feindschaft entbrennt, so oft ein Stamm den anderen überfällt.«
»Aber das ist etwas durchaus anderes, Panglima! Die --«
»Still!« winkte der Alte. »Du weißt nicht, Fremder, welches Elend die Malaien über unser friedliches Volk gebracht haben, du weißt nicht, was es heißt, ganze Stämme, die bisher glücklich und zufrieden lebten, in Sklaverei geraten zu sehen. Der Malaie kam und zerstörte unsere Häuser, nahm unsere Felder und Herden, nahm unsere jungen Kinder und trieb hinein in den Wald, wo nichts wächst, was den Menschen ernährt, alle die seinen Peitschenhieben entflohen, die nicht in seinen Kohlengruben lebendig verscharrt werden wollten, -- Fluch den Malaien!«
Der alte Geistliche seufzte mutlos. »Das ist das Volk, welches bislang alle Missionare ermordete und allem Eindringen des Christentums einen Damm entgegensetzte,« sagte er leise in deutscher Sprache. »Ich halte weitere Bitte für verschwendet.«
»Panglima,« wandte er sich dann nochmals an den greisen Häuptling, »willst du für Geld unsere Führer in Schutz nehmen? Ich biete dir große Summen.«
In den eingesunkenen Augen des Fürsten blitzte plötzlich ein heißer Strahl. »Mehr als alles Geld der Erde ist es wert, den Kopf eines Malaien abgeschnitten zu haben,« versetzte er mit düsterem Ernst. Dann aber, die Hand erhebend, fügte er hinzu: »Hört ihr?«
Die Weißen horchten und vernahmen voll inneren Grauens einen Ton, der wie Drohung, wie wildes Flehen klang, und der endlich in schauerliches Röcheln überging. --
»Kommt!« mahnte Holm, »kommt, wir haben das Unsrige gethan. Es ist vergebens, bei so eingefleischtem Hasse Erbarmen zu suchen.«
Die kleine Schar verabschiedete sich stumm grüßend von dem alten weißhaarigen Heidenkönig, der inmitten seiner Getreuen, durchaus nicht ohne persönliche, angeborene Herrscherwürde, die Gäste entließ, indem er mehreren Unterhäuptlingen leise Befehle gab. Die Malaien waren tot, daran ließ sich nicht zweifeln; unsere Freunde befanden sich also vollständig in der Gewalt der Eingebornen, sie konnten nicht zuviel auf die versprochene Sicherheit bauen. Das Gepäck wurde aufgeschnallt, die Dolmetscher abgelohnt und in Begleitung von vier bewaffneten Dajaks die Weiterreise angetreten. Schon graute der Tag, als die kleine Karawane das Zeltlager der Punan durchschritt; überall standen und saßen in Gruppen die Männer, man flüsterte und zischelte, obgleich keinerlei Angriffe oder Beleidigungen stattfanden; schon war fast das ganze Dorf passiert, als an der letzten Hütte desselben die Dajaks stehen blieben und zum Mittelbalken hinauf Worte riefen, aus deren Ton sich der haßerfüllte, beschimpfende Inhalt unschwer erraten ließ. Sie schwangen die Waffen und ballten die Fäuste, wildes gellendes Jauchzen erfüllte die Luft. -- --
Holm sah hinauf, nicht ohne eine Vorahnung dessen, was seinen Blicken begegnen würde, -- er versuchte es, die Knaben so schnell als möglich vorüberzuführen, aber der Doktor verhinderte ihn daran, indem er selbst stillstand und den Strohhut vom Kopfe nahm.
Da oben über dem Eingang hingen, umspielt von den ersten Strahlen der jungen Morgensonne, die abgeschnittenen Köpfe der fünf Malaien, noch blutend, noch wie im Leben mit offenen Augen -- grauenhaft, entsetzlich zu sehen. Wo die Körper geblieben, das verriet kein Zeichen; nur der Kopf ist es ja, nach dem des Dajaks brennender Ehrgeiz trachtet.
Der alte Theologe sprach unbeirrt von den drohenden Gefahren des Augenblicks auf Deutsch ein Gebet für die Seelenruhe der Ermordeten, und während dieser in ernstem, würdevollem Ton gehaltenen Rede schwiegen selbst die rohen Heiden, wagten sie keinen Widerspruch, keine Beleidigung, sondern hielten sich still, als sei der »fremde Liau« ein Priester ihres eigenen Volkes. Der Greis sprach zu den Göttern, Dewata-Dugingang verweilte ungesehen in ihrer Mitte, -- sie regten kein Glied, um nicht die Gewaltigen zu erzürnen. --
Das ist die erhabene Macht des Gottesgedankens, daß selbst die wildesten Wilden sich ihr widerstandslos beugen! Kein Volk so niedrig, kein Volk so vertiert -- es betet doch. -- --
* * * * *
Fast ohne alle Unterhaltung, ohne die alte frische, fröhliche Reiselaune wurde der erste Teil des Weges zurückgelegt. Gewiß waren große Sünder jählings im Augenblick ihrer kecksten, verbrecherischen Pläne vom Schicksal ereilt worden, gewiß war frevlem Übermute hier von Gottes Hand ein Ziel gesetzt, aber dennoch ließ das Grauenhafte der ganzen Begebenheit zunächst diesem Gedanken noch keinen Spielraum; erst als am Abend ein neues Dorf der wandernden Mankeian erreicht war und hier dem Unterpanglima von König Nigura der Befehl überbracht wurde, die Reisenden in Schutz und Geleit zu nehmen, als die vier Dajaks den Rückweg antraten und somit die äußere Erinnerung an den fünffachen Mord nicht unwillkürlich in jedem Augenblick aufgefrischt ward, da fingen die Weißen an, das schauderhafte Ereignis zu vergessen oder wenigstens doch sich aus dem Bann desselben freizumachen. Auf anderem Wege als dem, welcher sie hierhergeführt, durch lachende Thäler und üppiges Weideland verfolgten sie von Dorf zu Dorf ihren Zug über den ganzen Mittelrücken der Insel. Viele Tausende von Dajaks wohnten im Inneren, und alle gehorchten ohne Widerspruch dem Befehl Niguras, jeder Stamm gab bis zu den nächsten Hütten der kleinen, wandernden Schar einige seiner Krieger zum Geleit, so daß die Weißen von Hand zu Hand bis in die Nähe der Malaiengrenze gelangten; dann freilich hüteten sich die Dajaks, noch weiter vorzudringen, um nicht etwa für jene ersten Schuldigen, hundert Meilen tiefer im Urwalde, zur Rechenschaft gezogen und als willkommene Beute in die Kohlengruben gesteckt zu werden.
Im Angesicht der ersten malaiischen Pflanzung waren sie ohne Abschied wie in den Boden hinein verschwunden.
Die Reisegenossen saßen am Wege und hielten Rat. Holm war verdrießlich, weil er bei der übereilten Flucht seinen kleinen Orang-Utang im Stich lassen mußte, der Doktor riet ernstlich, nun mit den Malaien keine Verbindung wieder anzuknüpfen, nur die drei jungen Leute wollten von keinem Zurückweichen oder Aufgeben hören.
»Wir gehen direkt nach Celebes zu den Alfuren!« sagte Franz.
»Ich will nach Lombock, um die _nur dort_ wachsende Palme kennen zu lernen, welche, nachdem sie einmal getragen hat, stirbt,« warf Holm ein.
»Eine Expedition unter Malaienführung mache ich nicht noch einmal wieder mit,« beharrte der Doktor. »Ihr könnt allein reisen.«
»Laßt uns den Kapitän hören,« schlug Hans vor. »Vielleicht kann er Gutes raten.«
Und das geschah denn auch. Die letzten paar Meilen durch das Malaiengebiet wurden in langsamen Märschen zurückgelegt, und in der Stadt dem holländischen Gouverneur die ganze Angelegenheit zu Protokoll gegeben, ebenso das bedungene Geld den Hinterbliebenen Bassars ausgezahlt; dann steuerte das Schiff nach Lombock, einer der kleinen Sundainseln, an dessen von steilen Gebirgswänden umgebenen Küsten es tagelang warten mußte, ehe die fast unmögliche Landung zu glücklicher Stunde bewerkstelligt werden konnte.
Zwölftes Kapitel.
Wie ein Kranz von wutentbrannten Raubtieren mit drohend offenem Todesrachen umgab die Brandung das verhältnismäßig kleine Eiland, haushohe Wogen, schillernd in grün und blau, sprangen an kahlen Klippen hinauf, nirgends zeigte sich ein Hafen, nirgends war vom Schiff aus Wald und wohlthuendes Grün zu sehen, nur Bergspitzen ragten hoch über den Wolkenrand hinaus, leichte Rauchwolken auf einzelnen Punkten zeigten die thätigen Vulkane, grau und düster zogen sich Felsketten nach allen Seiten.
Es war verabredet worden, weder hier auf Lombock, wo gar keine bemerkenswerten Tiere leben, noch später auf Celebes weitere Touren in das Innere zu unternehmen. Tiere und Pflanzen sind auf den Sundainseln, wenn man Java und Borneo gesehen hat, mit sehr unbedeutenden Ausnahmen alle einander gleich, die großen Vierfüßler fehlen namentlich auf Celebes und der Gruppe der »kleinen Sundainseln« gänzlich, die Erzeugnisse des Bodens sind dieselben, wenn auch in etwas abweichenden Arten der Baumwolle, der Farbehölzer u. s. w. Die Annahme des englischen Naturforschers Wallace, daß alle diese zerstreuten Erdflecke zusammen in vorgeschichtlicher Zeit ein Weltteil gewesen, erhält dadurch eine entschiedene Bestätigung.
Nachdem das Schiff auf einer sehr schlechten, offenen Reede vor Anker gegangen, begaben sich alle, die an Bord entbehrlich waren, zum Ufer, ohne jedoch daselbst irgend eine Spur von Menschen oder Menschenwohnungen zu entdecken. Im Gegensatz der entzückend schönen Landschaften Javas und namentlich Borneos war hier die Küste sandig, pflanzenarm und von niederem, reizlosen Buschwerk stellenweise bedeckt. Der vulkanische Ursprung zeigte sich auf jedem Schritt; die hohen Felsmauern, welche das ganze Land umgaben, fielen nach innen keineswegs ab, sondern bildeten eine breite Hochebene, die in der Weise eines Deiches unabsehbar dahin lief. Zahllose Käfer belebten den Sand, Schmetterlinge wiegten sich auf den Büschen, und stellenweise kletterten große Krebse über das steile Ufer schleunigst in das Meer zurück oder ließen sich ohne weiteres hineinfallen. In einiger Entfernung zeigte sich der Wald, weshalb die Reisenden dorthin ihre Schritte lenkten und auch bald des sonderbaren Anblicks, um den sie überhaupt einzig und allein hierher gekommen, teilhaftig wurden. Die grünen Wipfel standen äußerst undicht; aller Orten lagen zwischen den schlanken Stämmen der Fächerpalmen die gestürzten, fünfzig und mehr Meter hohen Baumriesen, oder starrten die grauen Überreste abgestorbener Exemplare, deren lebende, im besten Gedeihen befindliche Brüder ein ganz seltsames Aussehen zeigten. Die Palmen von Lombock, eine der höchsten Arten, blühen nämlich nur ein einziges Mal, werfen im Augenblick der Entstehung dieser Blüte sämtliche Blätter ab und tragen auf kahlem Stamm Früchte. Sind diese reif, so stirbt der Baum.
Dieses Bild von Zerstörung war eigentümlich, aber durchaus ohne allen landschaftlichen Reiz und von herbstlicher Grundfarbe. Hier oder da stand eine Palme im vollen Schmuck ihrer grünen, fächerförmigen Blätter; dann folgte eine mit kleinen unansehnlichen, ja kaum erkennbaren Blütenbüscheln auf dem nackten Holz; dann eine mit langen Ähren, in denen die glatten, grünen, ovalen Früchte wie Pflaumen bei einander lagen und zwischen diesen das Heer gestorbener Stämme, deren Holz in weniger als einem Jahr zu Staub zerfällt.