Das Naturforscherschiff oder Fahrt der jungen Hamburger mit der "Hammonia" nach den Besitzungen ihres Vaters in der Südsee.

Part 31

Chapter 313,564 wordsPublic domain

Holm verbrachte mit geschlossenen Augen, regungslos horchend, eine qualvolle Viertelstunde. Die brennende Wachskerze qualmte und tropfte, allerlei fernes und näheres Geräusch traf das Ohr des jungen Mannes, der endlich, getrieben von folternder Ungeduld, den Kopf zur Seite drehte, um nur die Augen öffnen und in das hohle, dunkle Innere des Raumes hinaussehen zu können. Torio und die Söhne Bassars lagen ruhig, letztere schliefen sogar ganz fest; drüben im Frauengemache hinter den Matten tönten flüsternde Stimmen, leise Schritte wurden auf dem knarrenden, schwankenden Boden bemerkbar, -- immer noch kam der Malaie nicht zurück.

In einem Augenblick drängte es den jungen Mann, die Genossen zu wecken und so schnell als möglich zu den Waffen zu greifen, schon schwebte auf seinen Lippen der Ruf »Verrat! Verrat!« -- dann aber fiel ihm wieder ein, daß ja doch noch nichts erwiesen sei, und daß vielleicht erst die ausgesprochene Beleidigung Feindschaft erregen konnte, -- er wartete noch, obgleich ihm das Herz gegen die Rippen pochte, als habe er selbst ein Verbrechen begangen.

Endlich erschien der Malaie. Sein verschmitztes Gesicht trug den Ausdruck größter Zufriedenheit, er legte sich neben seinen Bruder auf die Streu und sprach lange und eifrig mit ihm; offenbar hatte er von den Frauen der Dajaks eine Nachricht erhalten, die ihn sehr befriedigte und die also mit den Weißen in keinem Zusammenhang stehen konnte. Holm atmete auf, aber er selbst schlief doch nicht eher, bis Bassars Atemzüge bewiesen, daß er wenigstens für den Augenblick durchaus keine verbrecherischen Absichten hegen könne. Irgend etwas ging vor, irgend etwas wurde heimlich geplant, davon war Holm überzeugt; er wollte also die Gelben unausgesetzt beobachten, namentlich dann, wenn irgend ein anderer Dajaksstamm erreicht war.

Den Rest der Nacht schliefen alle; die Malaien hatten schon das Frühstück fertig, als die Weißen herauskamen und die Nachwehen der schlechtverbrachten Ruhestunden in dem Anblick der dampfenden Kaffeekanne vergaßen. Diesmal hatte man die edlen braunen Bohnen vom Schiff in die Wildnis mitgenommen, Zucker und Milch gaben die Frauen, und so gelang es bestens, den kräftigenden Trank herzustellen. Eben wollte Franz die Lippen öffnen, um vom Aufbruch zu sprechen, als ein sonderbarer Zug seine Blicke fesselte. Voran gingen, in ihren klingendsten Putz gehüllt, der Liau und drei Bliangs, dann folgten vier Männer, die auf Bambusstäben eine Leiche trugen, ohne Zweifel die der jungen Frau, der die schauerliche Totenklage dieser Nacht gegolten; den Beschluß machten drei weitere Bliangs.

Wieder murmelte es von allen Lippen »Dewata-dugingang! Dewata-dugingang.«

»Ob das eine Beerdigung wird?« raunte Hans. -- »Wie unzart, nicht einmal das Gesicht der Leiche zu verhüllen.«

»Wir wollen mitgehen,« ermunterte Franz. »Laßt uns doch die Sache mit ansehen!«

Holm fragte die Malaien, ob das erlaubt sei, und diese antworteten äußerst bezeichnend: »Wir nehmen unsere Waffen mit! Es sind ja keine Männer da.«

Und so folgte man aus anständiger Entfernung dem Leichenzuge, aber nicht etwa auf ein freies Feld hinaus, sondern mitten in den dichtesten Wald. Da wurde unter einigen breitästigen Bäumen Halt gemacht, die Leiche mit der Bahre zu Boden gesetzt, und nun begann eine seltsame, ganz stumme Szene. Die Männer -- lauter Sklaven -- zogen sich auf einen Wink des Liau etwas zurück, die Leiche erhielt ihren Platz inmitten eines geschlossenen Kreises, der mit einem Stock auf dem Moos bezeichnet war; dann vollführten die Bliangs und der Liau einen Tanz, bei dem jedes für sich den Körper wie Kautschuk verdrehte, sich hintenüber und vornüber beugte, die Haare zerzauste und die Arme in die Luft warf. Die Putzgegenstände rasselten und klapperten; immer toller, immer rasender wurde der Tanz, bis eine nach der anderen, die Bliangs und der Liau, atemlos wie vom Schlag gerührt zu Boden sanken. Damit war die Vorfeier beendet. Jetzt kamen die Sklaven, beluden sich mit Bahre und Leiche und fingen an, den nächststehenden Baum zu erklettern. Es war ein schauerlicher Anblick, so vom Rücken der braunen Gesellen das Totenantlitz dann und wann zwischen den Bäumen erscheinen zu sehen! Rings Blüten und Früchte an einem Zweig, flatternde Schmetterlinge und purpurrote Singvögel, rings Schönheit und reiches, üppiges Leben, -- dazwischen, wie eine Mahnung an die Vergänglichkeit alles Irdischen, das fahlbleiche Gesicht mit dem gramvollen Zug um die Lippen, -- die herabhängenden kleinen Hände.

»Gott im Himmel,« fragte Hans, »was wollen denn die Leute mit der Toten da oben im Baumwipfel?«

Die Malaien wußten es wohl, und bald sahen es auch die Weißen. Auf der höchsten Höhe, über den letzten Zweigen wurde die Bahre befestigt und so die Leiche den Raubvögeln zum Zerfleischen preisgegeben. Nachdem die Hanfseile gehörige Sicherheit verhießen, stiegen die Sklaven wieder zur Erde, wo sich bei ihrem Anblick Liau und Bliangs wunderbar schnell von der früheren Ohnmacht erholten und in das Dorf zurückkehrten. Schon jetzt verriet ein Krächzen über den Wipfeln, daß die geflügelten Räuber ihre Beute in Empfang genommen hatten.

»Das Skelett wird späterhin beerdigt,« erläuterte Bassar, »aber nicht eher, bis alles Fleisch verzehrt ist, so will es die Sitte. Andere Stämme verbrennen ihre Toten, ebenso gibt es einige, die sie durch Räuchern mit bestimmten, nur dem Liau bekannten Kräutern zu Mumien dörren und verwahren. Diese Art der Bestattung ist die häufigste.«

Der Doktor schüttelte den Kopf, als ihn Holm am Arm fortzog. »Ist es denn nicht empörend, da oben die Tote unter den Fängen der Geier zu wissen?« fragte er.

»Sie fühlt's ja nicht!« begütigte der junge Gelehrte. »Und dann -- mir hat der Gedanke an das Grab mehr Schrecken als der eines so schnellen Zerfallens in tropischer Luft. Kommen Sie, -- ob hoch oben im freien Blau oder tief unter dem Boden, -- zu Erde wird, was von ihr stammt, nach Gottes Gesetz überall. Wenn mich etwas empört hat, so war es der tolle Tanz um die Leiche herum. Heda, Bassar, sagen Sie uns doch, ob nun im Dorfe noch eine Fortsetzung der Feier stattfindet?«

Der Malaie nickte. Er selbst war, wie alle ansässigen Glieder seines Volkes, Mohammedaner und hielt sich daher über das Heidentum der Dajaks hoch erhaben. »Diesen Leichenschmaus sollten Sie aber lieber nicht mit ansehen,« riet er, »das ist ein greuliches Gelage, bei dem die Bliangs und der Liau so viel Opium rauchen und Tuach-Katan (Arrak) trinken, bis sie in Raserei verfallen und dem leichtgläubigen Volke vorspiegeln, daß die Götter, nur ihnen sichtbar, mit am Tische säßen. Sie schreien, bekommen Krämpfe und Verzückungen, kurz es wird ein arger Skandal.«

»Den wir nicht mit ansehen wollen!« erklärte Holm. »Besser in den grünen Wald hinaus, als zu solch einem Gaukelspiel, von dessen Lügeninhalt seine Vertreter ganz genaue Kenntnis haben. Lassen Sie uns nur schnell noch etwas Geld verteilen und unsere Sachen aufpacken, dann geht's fort. Sie kennen ja die Richtung, welche wir einschlagen müssen?«

Bassar nickte. »Zunächst ist es doch den Herren daran gelegen, einen wandernden Stamm in seiner Häßlichkeit zu sehen, nicht wahr? Nun, für diesen Zweck müssen wir am Flusse hinunter in das Thal zwischen jenen Gebirgszügen gehen. Da weiden die Mankeian.«

Wieder sah Holm in den falschen Zügen jenes Aufblitzen, das Lauern und den glühenden Haß, der so oft darin auftauchte. Ob Bassar bei den Angehörigen der Mankeian irgend einen Feind hatte, den er herausfordern wollte?

Sie verstanden einander offenbar alle fünf, die Männer mit den niederen, umbuschten Stirnen und dem verschmitzten Aussehen; Holm hätte nicht eingewilligt, gerade die Mankeian zu besuchen, wenn nur das Verbot durchführbar gewesen wäre; aber wie sollte er in der unbekannten Wildnis irgend einen Pfad bezeichnen, wie einen Stamm von dem anderen unterscheiden? -- Zu aller Sicherheit nahm er den Malaien beiseite. »Gestehen Sie mir's, Bassar, bei den Mankeian haben Sie irgend einen alten Streit auszufechten, irgend einen Handel, den Sie uns verschweigen! -- es lebt unter diesem Stamm ein Mann, dessen erbitterter Feind Sie sind?«

Bassar hob die Hand zum Himmel. »Bei Allah und seinem Propheten,« sagte er in feierlichem Tone, »die Mankeian sind meine Freunde. Der Stamm kommt zuweilen an die Küste und tauscht Edelsteine oder Gold gegen Kleider und Schmucksachen, ich kenne den König sowie viele Männer aus dem wandernden Volke, -- ein Feind ist nicht darunter.«

Das wurde mit jenem überzeugenden Tone vollkommenster Wahrheit gesagt, das schien eine bestimmte, unwiderlegliche Thatsache; Holm konnte also nur einwilligen, den Zug anzutreten, im stillen aber dachte er einmal über das andere »du lügst doch! unausgesprochen, verdreht und umschrieben vielleicht, -- Lüge ist's doch!«

Dies Bewußtsein trug nicht dazu bei, die Stimmung, in welcher er sich befand, zu verbessern; erst als das Dorf weit hinter der kleinen Schar zurückgeblieben war und dadurch die letzten, noch halb und halb schwebenden Fragen erledigt, da that wie immer im Leben die vollendete Thatsache das Ihrige, um ihn ruhiger werden zu lassen. Nur langsam drang der Zug vor in die grüne Wildnis, einesteils der gehäuften Hindernisse und anderseits der brennenden Hitze wegen; alle Weißen hatten auf den Rat der Führer im Nacken ein herabhängendes Stück Leinen nach Art unserer Kohlenträger befestigt, die Strohhüte mit breiten Rändern beschatteten das Gesicht, und hoch heraufgehende Stiefel erlaubten den Weg über das dichte Rankengeflecht mit seinen zahllosen kriechenden, stechenden und zum Teil giftigen Bewohnern. So üppig wie hier war ihnen der Pflanzenwuchs nirgends entgegengetreten, dafür aber auch das Durchdringen desselben nirgends so schwer gewesen; Affen, in ungeheurer Anzahl und zu ganzen Gesellschaften vereinigt, bevölkerten die Bäume, Paradiesvögel hüpften, auf Java so selten, hier von Zweig zu Zweig, große Orang-Utangs, mit Baumästen bewaffnet, versuchten es, den Eindringlingen ihre entlegene waldige Heimat streitig zu machen und konnten nur durch ein paar Büchsenschüsse zur Umkehr bewogen werden.

»Haben die Mankeian nur einen Weideplatz?« fragte wie zufällig Holm.

»Mehr als hundert,« versetzte unbefangen der Malaie, »wir können daher ganz sicher sein, wenigstens einen anzutreffen. Morgen oder übermorgen sind wir da.«

»Wenigstens hundert!« wiederholte sich Holm, »und alle diese Leute wandern. Sollte der Schurke in Erfahrung gebracht haben, wo gerade die Familie lebt, bei der er Rache sucht? Unmöglich!«

Und von diesem Gedanken beinahe beruhigt, half er am Abend das schwebende Lager herrichten und die Mahlzeit bestellen wie gewöhnlich. Eine der zahllosen, das gesegnete Land durchziehenden Wasseradern plätscherte über Kiesel und Sand dahin, schöne Schwimmvögel bauten an den Ufern ihre Nester, Fische glitten durch das klare, blaue Element, und große Schildkröten lagen träge im letzten Sonnenschein. Es war den Malaien gelungen, einen Hirsch zu schießen, Früchte hingen von allen Zweigen, Gemüse verschiedenster Art wuchs genug, um ganze Bataillone zu sättigen, prachtvolle Ananas wuchsen in den feuchten Niederungen; es häuften sich also die seltensten und teuersten Delikatessen, um diese Abendmahlzeit zu würzen, selbst frische Eier fehlten nicht; nur das Tafelgerät war äußerst unzureichend und sparsam, Blechteller, Blechlöffel, ein paar Gabeln und Pfannen nebst dem Messer, welches jedermann in der Tasche trug, das war alles. Im heißen Aschenhaufen mußten die Eier kochen, die Schildkrötensuppe blieb ungeschäumt, das Rückenstück vom Hirsch ließ die Kartoffeln schmerzlich vermissen, und das Gemüse hätte mit Butter noch weit besser als mit Hirschfett geschmeckt; aber dennoch mundete es allen vortrefflich, und auf die fatale Nacht im Dajakshause folgte hier unter freiem Himmel, an schwankenden Zweigen, ein herrlicher, durch nichts gestörter Schlummer, der bis zum Morgen währte.

Dann aber kamen Prüfungsstunden. Es mußte ein tiefes Thal durchwandert werden, eines jener sonderbaren, auf Borneo vielfach vorkommenden Gebiete, welche während der Regenzeit unter Wasser stehen und kleineren oder größeren Meerbusen gleichen, späterhin jedoch austrocknen und einen sehr fruchtbaren Boden abgeben. Gerade jetzt war die entstandene Schlammschicht vielleicht noch einige Zoll tief; braun und unbeweglich, Blasen treibend, von glühender Sonnenhitze überhaucht, lag die weite Fläche wie ein deutsches Moor, einsam, nur von wenigen Raubvögeln besucht und zuweilen von aufsteigenden Gasen unangenehm durchzogen, dem Auge endlos und öde erscheinend da; dennoch aber mußte man hinüber, -- hinter den Bergen, die dort vom blauen Duft verhüllt ihre Häupter erhoben, wohnten ja die Mankeian, und diese zu erreichen war das nächste Ziel. Bassar prüfte, als Anführer des Zuges, zuerst den unsicheren Boden. Die Schlammschicht schien nicht mehr gefährlich, man konnte sie ohne Bedenken betreten. Es wurden also große Wanderstäbe geschnitten, alles Gepäck auf den Rücken geschnallt, die Hüte so tief als möglich herabgezogen und dann in Gottes Namen der wenig verlockende Marsch begonnen. Überall traf der Fuß den toten, ausgedörrten Körper solcher Tiere, welche während des täglichen Regenfalles hier in hoher Flut lustig geplätschert und sich wohlbefunden, aber später, als das Wasser plötzlich ablief, den Rückweg zum eigentlichen Strome nicht mehr gefunden hatten. Kleine Schildkröten, Krebse, Muscheln, Schnecken, sogar ein halbwüchsiges Krokodil und zahllose Wasserkäfer, deren einige noch bemüht waren, im zähen Schlamm mühsam kletternd das Leben zu fristen, und die als willkommene Beute den Botanisierkapseln der Forscher anheimfielen. Binnen wenigen Wochen würde üppiges Grün den Boden bedecken, sagten die Führer; für jetzt aber sproßte noch kein Halm, kündigte kein kleinstes Keimchen das verborgene, der Auferstehung harrende Leben. Es war schwer, mit dem Fuß in der weichen Masse einen festen Halt zu gewinnen, es war schwer, ihn wieder herauszuheben, die langen Stöcke mußten einmal über das andere helfen; von allen Stirnen rann der Schweiß, aller Glieder waren todmüde, ehe noch die Hälfte des Weges durchmessen worden, und dennoch gab es kein Plätzchen zum Ausruhen, dennoch konnten nur stehend die mitgebrachten Erfrischungen eingenommen werden, indes die Sonne auf die Köpfe ihre glühenden Strahlen senkrecht herabsandte und unter den Füßen im Schlamm allerlei böse Miasmen erzeugte. Zuweilen tönte der heisere Schrei eines Raubvogels, sonst unterbrach kein Laut die tiefe, beinahe grauenvolle Stille; es war, als sei dies Thal der Vorhof zur Unterwelt.

»Noch zwei Stunden,« tröstete Bassar, »dann ist's hinter uns gebracht.«

Und wieder pilgerten die Wüstenfahrer den voranschreitenden Gelben nach, einer den anderen ermutigend, so gut es gehen wollte, heimlich jeder fürchtend, daß diese Aufgabe doch alle Kräfte übersteigen werde. Der einzige Trost blieb jenes blaue Gebirge, das allmählich anfing, in deutlichere Formen überzugehen. Man sah Wald und kahle, vulkanische Kegel, das Grün der Bäume trat hervor, stille, liebliche Thäler, jähe Felsstürze und Wasserfälle öffneten sich dem Blick; eine Herde schöngezeichneter Büffel graste an den Abhängen, die Vogelwelt, die alles bezaubernde, farbenprächtige, war zum Leben erweckt und endlich auch das braune, grauenhafte Schlammfeld überschritten, -- der Fuß betrat wieder üppiges Gras, balsamische Luft umfächelte die Stirn und Blumen über Blumen spendeten ihren süßen Wohlgeruch.

Sie warfen sich in das wallende grüne Blätterlager, wo es sich jedem zunächst bot, sie wollten nur ruhen, ruhen um jeden Preis. Aller Hunger war vergangen, die Mahlzeit der Malaien blieb unberührt, ein mehrstündiger Schlaf erst stellte das Gleichgewicht zwischen Verbrauch und Kräften wieder her. Und danach ein Bad! ein Bad unter dem sprudelnden, silberhellen Fall! -- Sie bemerkten nicht, daß selbst das Wasser lauwarm geworden war auf seinem Wege durch die äquatoriale Sonnenglut; sie fühlten nur, wie es über ihre steifgerüttelten, schmerzenden Glieder lebenspendend herabträufelte und den letzten Rest von Mattigkeit glücklich entfernte, -- jetzt konnten auch das kalte Fleisch und die Früchte zur Anerkennung gelangen; mit wahrem Wolfshunger fielen alle darüber her.

Hinter ihnen lag unübersehbar das Schlammfeld, ganz in der Nähe zeichneten sich noch am Rande desselben die Fußspuren der Wanderer deutlich ab, -- nicht für Schätze hätte ein einziger unter ihnen, die Malaien ausgenommen, nochmals das tote, verödete Reich durchwaten mögen; der Doktor gestand sogar, daß er mehr als einmal im Begriff gewesen sei, sich fallen zu lassen und das Ende zu erwarten; selbst die Knaben schauderten, nur der Malagasche fand die Sache nicht so schlimm. »Wenn jenseits des Thales meine Heimat läge,« sagte er leise, »dann ginge ich hin und wieder her in einem Atem, um sie zu sehen, wär's auch auf Augenblicke!«

Franz nickte. »Ich auch!« rief er. »Sähe ich von hier den Michaelisturm von Hamburg, ich könnte die Arme ausbreiten und laufen -- laufen -- bis ich ihn erreicht hätte.«

Der Doktor schüttelte den Kopf. »Ich thue nicht mit!« lächelte er. »Die Sechzig machen sich heute nach der beschwerlichen Wanderung doch fühlbar. Wollen wir hier rasten, Kinder?«

Alle waren einverstanden, und die Hängematten wurden aufgeschlagen. Am frühen Morgen begann der Weg über das Gebirge, dazu mußten die Reisenden ihre Kräfte schonen.

War das Wandern im Schlamm eine mühevolle Arbeit gewesen, so konnte auch das Ersteigen des Gebirges eine solche genannt werden, nur daß es hier Ruhepunkte in Hülle und Fülle gab, und daß überhaupt die Schönheit des Weges seine Beschwerden nicht wenig milderte. Dajaksdörfer fanden sich auf diesem Höhenzuge nicht; wohl aber brachten die Reisegefährten einen ganz unerwarteten kleinen Gast, einen Orang-Utang von vielleicht drei oder vier Monaten, mit hinunter in das Thal zu den Mankeian. Bassars Kugel traf die Mutter, als sie von einem Baume herab in Ermangelung anderer Waffen mit Nüssen warf, und das Kleine stürzte aus ihren Armen köpflings ins Gras. Die dichte Blätterschicht ließ es unversehrt ankommen, und nun trugen die Männer abwechselnd das kleine Geschöpfchen, um ihm womöglich unter den Haustieren der Dajaks eine Pflegemutter zu finden. Holm wollte es aufziehen und mit nach Europa bringen.

Im Thale lagen unzählige Hütten aus Gras und Mattengeflecht, dicht gedrängt in langen Reihen, jede auf Pfählen und jede spitz wie ein Bienenkorb; daneben Hürden für das Vieh, Büffelkühe, Bergschafe, Schweine und Geflügel und an einer Seite bebaute Felder, an der anderen dagegen verschiedene rohe Werke von Holz, die auf Goldwäscherei schließen ließen. Ein breiter, aus dem Gebirge herabfallender Fluß begrenzte die Niederlassung, deren ganze Ausdehnung die Reisenden nicht überblicken konnten. Jedenfalls hatten sich mehrere der wandernden Züge hier zusammengefunden, es schienen nicht weniger als tausend bis zweitausend Köpfe unter diesen Laubdächern zu wohnen.

Holm legte ungesehen von den übrigen die Hand auf Bassars Achsel. »Da wären wir nun am Ziel,« sagte er mit leisem, eindringlichem Tone, »versprechen Sie mir, den Frieden dieser Hütten zu ehren, Bassar? wollen Sie da unten keinerlei Zwist oder Hader ausfechten?«

Der Malaie vermied es, ihn anzusehen. »Die Mankeian sind meine Freunde,« versetzte er, »ich habe Ihnen das schon einmal mitgeteilt, Sir.«

Gerade diese Worte waren es indessen, die Holm hören wollte. »Gut, Bassar,« beharrte er, »das freut mich ja, aber dennoch möchte ich von Ihnen eine bestimmte Antwort erlangen. Sehen Sie einmal ab von den Mankeian und versprechen Sie mir, mit niemand, er sei wer er wolle, Streit anzufangen.«

Ein ärgerlicher Blick des Führers streifte den seinen. »Das hat keinen Sinn, Herr,« antwortete er in einem Tone, den er sich bis jetzt niemals erlaubt hatte, »und das ist auch meine Sache allein. Lebe ich, so bringe ich Sie wohlbehalten an das Schiff zurück, -- sterbe ich, dann thun das meine Söhne und mein Bruder. Mehr haben Sie nicht zu verlangen.«

Das war deutlich; Holm fragte nicht weiter, aber er hielt es jetzt für notwendig, den übrigen seine Besorgnisse mitzuteilen. Demgemäß wurde einstimmig beschlossen, sich den Dajaks gegenüber möglichst zurückhaltend zu benehmen und den ganzen Besuch auf einen Tag und eine Nacht zu beschränken. Also auch Bassar und Torio waren in ihrer Weise Verräter, man konnte den Malaien unter keiner Bedingung trauen! -- Papa Witt behielt recht, wenn er sagte: man muß die gelben Halunken prügeln, das ist das beste. --

In den Herzen aller Weißen regte sich lebhaft das Verlangen, den schlechten Streich der Führer zu bestrafen. Um ihrem Rachegelüst zu genügen, hatten sie die wehrlose Schar der Reisenden auf beinahe unzugänglichem Pfade in das Herz der Wildnis gelockt, ohne sich darum zu bekümmern, welcher Nachteil, welche Lebensgefahr daraus erwachsen würden, -- das war nicht minder schändlich als die Betrügerei der Javanen, deren Geldgier sie bewog, die Fremden unter Tigern und Rhinozerossen schutzlos zu verlassen.

Der alte Theologe predigte Ruhe und Besonnenheit. »Noch haben wir nur Vermutungen, Kinder! Seid also auf eurer Hut, aber nicht voreilig im Urteil. Vielleicht endet das alles viel besser, als wir jetzt zu hoffen wagen.«

Holm seufzte. »Dem Panglima und dem Liau dieses Dorfes müssen wir bedeutende Geldgeschenke machen,« riet er, »ich würde auch vorschlagen, ihm die Pistolen zu Füßen zu legen und das eine oder andere Taschenmesser, obgleich sich die Leute selbst Waffen schmieden. Mir ist, um es rund heraus zu gestehen, diesmal die Sache sehr unbehaglich.«

»Kommt nur,« drängte Franz, »kommt nur, der Besuch bei dem Panglima ist das Notwendigste.«

Und so zogen sie denn aus, um in der Mitte des Dorfes den Heerführer in seiner Hütte zu begrüßen. Mehrere Männer gaben ihnen das Geleite, überall auf den Dorfstraßen wimmelte es von nackten, schwarzhaarigen Gestalten, die lebhaft, wie etwa bei uns Franzosen oder Italiener, durcheinander schwatzten, schnelle, leichte Bewegungen vollführten und mit blitzenden Augen um sich sahen. Sie schienen heiter, liebenswürdig und freundlich zu sein, aber sehr heftig und von leidenschaftlicher Gemütsart.

Der Panglima zeigte sich inmitten einer Schar bewaffneter Krieger, die alle lange Bambusspieße mit Stahlspitzen und Bogen mit vergifteten Pfeilen trugen. Er war ein Greis von gewiß sechzig Jahren, dem heißen Klima gemäß aber nicht etwa ein alter, wohlerhaltener Mann, sondern schneeweiß mit pergamentfarbenem Gesicht und erloschenem Blick. Seine Hände stützten sich auf einen schlanken, feueräugigen Knaben, seinen Enkel; er empfing mit der ganzen Herablassung eines Fürsten die fremden Reisenden und ließ ihnen in der offenen Hütte eine Mahlzeit aus Hirschbraten, Tuach-Katan und Reis auftragen, auch schlug er es aus, die gebotenen Geldgeschenke zu nehmen. »Die Mankeian sind nicht arm,« sagte er. »Beseht immerhin ihr Land, jagt den großen Affen und den Paradiesvogel, wenn ihr dergleichen Geschöpfe zwischen euren Heimathütten nicht besitzt, aber behaltet euer Geld. Nigura ist ein großer Kriegsherr, er braucht sich nichts schenken zu lassen.«

Sein matter Blick streifte dabei die abgeschnittenen Köpfe über dem Eingang, als nähme er vor diesen Zeugen bewiesener Tapferkeit den wohlverdienten Ruhm in Anspruch. »Es ist kein Weißer darunter,« fügte er bei, »auch kein Mann meines eigenen Volkes, das alles sind die Köpfe der Erbfeinde meines Landes, der Malaien.«

»Und du selbst hast diese Menschen getötet, großer Panglima?« fragte Holm.

Der Greis nickte. »Die Köpfe, welche du hier siehst, sind mein, Fremdling. Jeder meiner Söhne hat eben soviele, ja sogar dieser Knabe, mein Enkel, besitzt schon den Kopf eines Malaienknaben von seinem eigenen Alter, -- nicht wahr, Omaha?«