Das Naturforscherschiff oder Fahrt der jungen Hamburger mit der "Hammonia" nach den Besitzungen ihres Vaters in der Südsee.

Part 30

Chapter 303,439 wordsPublic domain

Die kleine Gesellschaft machte also Halt, obwohl auf den Rat der Malaien in respektvoller Entfernung, um nicht etwa von einer fallenden Frucht dieses seltsamen Baumes erschlagen zu werden, dann kletterten Bassars Söhne wie die Katzen an dem schlanken, astlosen Stamm hinauf und brachten den Weißen mehrere reife Durianen herunter.

Die Schale erwies sich nicht härter als die der Kastanien und war gleich unserer Stachelbeere mit grünen, krautartigen, ganz kleinen Auswüchsen bedeckt; fünf genau begrenzte, gleich große Felder durch Linien bezeichnet, gaben für die zu machenden Einschnitte die nötigen Winke, aber -- o Himmel, als sich der Kern ohne Hülle zeigte! --

Ein Geruch wie von Fäulnis und Zwiebeln erfüllte die Luft, so daß sich alle unwillkürlich abwandten, obwohl kaum ein appetitlicherer Anblick als der dieser Frucht gedacht werden konnte. Das eigentliche Fleisch zunächst der Schale, glänzend wie schneeweißer Atlas, barg in seiner Mitte einen rosafarbenen Brei, der vier Kerne umschloß, -- eben diese halbflüssige Masse war es, die so besonders angenehm schmecken sollte. Holm schauerte heimlich, aber dennoch kostete er, -- kostete nochmals und nickte den entsetzten Malaien zu. »Steigt nur immer hinauf, Freunde, holt mehr Früchte herunter und eßt selbst mit, wenn ihr klug seid. Eine solche Delikatesse gibt es nicht zum zweitenmale.«

»Wirklich, Karl? -- Gib her, gib her!« -- »Aber bester Holm, dieser Geruch, wie konnten Sie sich nur entschließen!«

So schallte es durch einander, während der junge Gelehrte mit dem aus dem Besteck gezogenen Löffel die Frucht ihres breiigen Inhaltes entleerte und schon nach der zweiten griff, ehe noch jemand im stande war, das Wunder zu glauben, »Ich sage euch, so haben wir lange nicht gespeist, Kinder! Doktor, halten Sie den Atem an, während der erste Bissen auf Ihrer Zunge schmilzt, späterhin bekümmern Sie sich um alle Zwiebeldüfte der Welt nicht mehr! -- Freund Bassar, pflücken Sie gefälligst noch etwa zehn oder zwölf Früchte, soviel Gastfreundschaft müssen uns die Zibetkatzen dieses Landes schon erweisen.«

Während er sprach, hatte Franz mit dem Taschenmesser die letzte Duriane geöffnet und ließ die anderen kosten. Es war ein komischer Anblick. Alle schmeckten, alle fuhren mit den Zungenspitzen über die Lippen und sahen einander an. »Wie Bratensauce und Zwiebeln!« erklärte Hans. »Gib mir mehr, ich finde den Geschmack vortrefflich.«

»Wie alter Madeirawein!« nickte der Doktor.

»Nein, wie die feinste Melone!« rief Franz.

Und dann erfolgte ein wahrer Vernichtungskrieg gegen die Früchte, welche Bassars Söhne von oben her in das fußhohe Gras herabfallen ließen. Erst als niemand mehr zu essen vermochte, wurde die Wanderung fortgesetzt und später am abendlichen Feuer die gesammelten Kerne der Durianen wie Kastanien geröstet, um zusammen mit einem Hirschziemer ein vortreffliches Nachtmahl zu geben. Die wollenen Decken wurden an einer geschützten Stelle ausgebreitet, Wachen ausgestellt, und dann begann wieder der Halbschlummer, das Ausruhen in weicher, linder Tropennacht. Fliegende Frösche und Kalongs bevölkerten auch hier die Luft, glänzende Insekten, schillernd wie Funken, krochen über den Boden; Holm brach ein großes Blatt und zählte nicht weniger als sechzehn verschiedene Geschöpfe, darunter einen alten Bekannten, wenn auch in beträchtlich vergrößertem Maßstab, den deutschen schwarzen Holzbock! Wie oft hatte er ihn als Knabe eingefangen und in ein Papierhäuschen gesteckt, wie beredt erzählte der Schwarzrock, emsig nach einem Weg über die Untiefen des Blattrandes spähend, von vergangenen Tagen, von Knabenfreude und Knabenwünschen, -- Holm ließ ihn in den Spiritusbehälter wandern, um ihn mitzunehmen.

Elftes Kapitel.

Nach einigen Tagen kam das erste Dajaksdorf den Reisenden zu Gesicht. Bassar und Torio versicherten, daß die Kopfjäger niemals Europäer angreifen, sondern immer nur Malaien; unsere Freunde hatten dasselbe auch schon in der Stadt gehört, und so fanden sie denn keinen Grund, den übereinstimmenden Berichten aller hier ansässigen Leute zu mißtrauen, vielmehr folgten sie ohne Bedenken den Führern in das Thal, wo der räuberische Stamm wohnte. Das ganze Dorf der Dajaks bestand aus einem einzigen, etwa zweihundert Meter langen und vierzig Meter breiten Bambusschuppen mit einem spitz zulaufenden Dach aus Palmenblättern. Dieser Bau wurde getragen von fünf Meter hohen Stämmen und hatte überall Strickleitern, die man des Nachts heraufzog; er stand so hoch über dem Erdboden, daß ein beladener Wagen darunter hätte hinwegfahren können. Fenster und Thüren fehlten gänzlich, dafür flatterten überall hübsche Matten, und aus den offenen Löchern sahen braune, neugierige Gesichter hervor. Die meisten dieser Leute mochten nie in ihrem Leben weiße Menschen gesehen haben, andere dagegen gaben in ihrer Sprache Erklärungen; sie gestikulierten äußerst lebhaft und kamen in Sprüngen die Leitern herunter, nicht selten, um mit scheuen Fingern die Fremdlinge zu betasten und durcheinander zu schnattern wie eine Schar Gänse. Gegen die Malaien zeigten sie sich äußerst furchtsam und unterwürfig, alle Fragen, welche diese stellten, wurden diensteifrig beantwortet.

Endlich erschien an der vorderen Eingangsthür ein Mann, dessen Lendenschurz und Glieder mit Messingplatten, Schildern, Ringen und Glocken derartig behangen waren, daß er bei jedem Schritt wie ein Schlittenpferd klirrte und klingelte; das war der »Liau« oder Priester des Stammes, und dieser gewaltige Machthaber lud in Abwesenheit des »Panglima« oder Fürsten die Fremden ein, das sonderbare Wohnungsdorf zu besuchen und als ihr Haus zu betrachten. Nachdem die Malaien namens der Weißen gebührenden Dank gesagt und angemessene Bezahlung versprochen hatten, wurde das Gebäude erstiegen. Der ganzen unübersehbaren Länge nach war es in zwei Hälften geteilt, deren vordere die Unverheirateten, die Gäste und -- das Federvieh einnahmen, wogegen die hintere, für Einzelwohnungen bestimmt, den Familien als Aufenthalt diente. Ein rings umschlossener thürloser Raum, der »Lowang«, etwa von der Größe eines mittelmäßigen Zimmers, mußte als Wohn- und Schlafgemach sowie als Küche ausreichen, ob auch noch so viele kleine, völlig nackte Dajaks die braune Mutter umsprangen und außer dem gemeinsamen Blätterlager weiter gar kein Gerät mehr Unterkunft erlangen konnte. Dergleichen gab es überhaupt außerordentlich wenig. Matten, Körbe, Waffen und ein paar Kochtöpfe, das war alles, was die Weißen sahen. Der vordere Raum starrte von Schmutz, den besonders die Hühner und Tauben verbreiteten, er bildete ein schreckliches Durcheinander von Federvieh, Futter, umgestürzten Saufnäpfen und aufgestapelten Waffen, während es ihm an Bewohnern gänzlich mangelte. Der Stamm war ausgezogen, um in weiter Entfernung vom eigenen Wohnsitz einen Raub an Lebensmitteln und womöglich Gold oder Diamanten zu vollführen, Frauen und Kinder lebten daher augenblicklich unter dem Schutze des »Liau« und der »Bliangs« oder Priesterinnen, mehrerer jungen Mädchen, die bei den Dajaks etwa das sind, was wir barmherzige Schwestern oder Diakonissen nennen; sie pflegen die Kranken, waschen die Gestorbenen und haben neben dem Liau allein das Recht, den Naturgeistern Gebete vorzutragen; sie allein kennen auch die Schöpfungsgeschichte der Welt, wie sie im Dajaksbewußtsein lebt, und werden um dieser Kenntnis willen verehrt wie Heilige.

Auch ihre Wohnung, offen wie alle, durchspähten die neugierigen Blicke der jungen Leute. Die Bliangs, sechs an der Zahl, trugen Jacken und bis kaum an die Kniee reichende enge Röcke von blauem selbstgewebten Baumwollenstoff mit weißen und roten Streifen, Kopftücher aus rotem Gewebe, reich mit Goldfäden durchwirkt, und halbmondförmige Ohrringe; außerdem Schnüre von großen schwarzen und weißen Perlen und aufgereihten Muscheln, wo immer sich dieselben anbringen ließen. Diese Bliangs nahmen, obwohl sie von den Fremden aufs artigste begrüßt wurden, doch ihrerseits keine Veranlassung, die gebotene Aufmerksamkeit zu erwidern; sie saßen im Kreise auf bunten Matten und rauchten Opium, ohne dabei ein einziges Wort zu sprechen.

Dies Zimmer wurde schnell verlassen. »Ein wahres Glück, daß man hier zu Lande kein Fensterglas kennt,« meinte Hans. »Hätte nicht zu dem angenehmen Heimwesen der Hühner und der rauchenden jungen Damen die Luft beständig von allen Seiten freien Zutritt, dann möchte es in solchem Dorfe unter Dach und Fach schon sehr bald anfangen, unerträglich zu werden.«

»Mehr von diesen Wohnungen wollen wir nicht besehen,« erklärte Holm. »Draußen im grünen Walde ist es besser. Aber, lieber Himmel,« fügte er plötzlich hinzu, -- »was haben wir denn da?«

Seine Hand deutete auf einen wahrhaft greulichen Schmuck, welcher über dem Eingang des nächsten Familienzimmers angebracht war und von dort herab den Kommenden entgegengrinste. Wenigstens zwanzig bis dreißig am Hals abgeschnittene Menschenköpfe hingen auf Pflöcken, wie etwa bei zivilisierten Völkern die Jäger ihre erlegten Hirschgeweihe aufzuhängen pflegen; einige waren gänzlich Skelette, andere mochten in irgend einer Weise präpariert sein, so daß sie aussahen wie Mumien; langes und kurzes Haar hing von diesen Schädeln herunter; man erkannte hier einen Krieger, dort eine alte, eisgraue Frau, und selbst junge Mädchen und Kinder fehlten nicht. Durch die Haare aller dieser Opfer flog und flüsterte der Wind, ja bei jedem etwas stärkeren Stoße schaukelten und baumelten die Köpfe, daß es unheimlich klapperte wie von totem Holz.

Bassar legte die Hand auf seinen Arm. »Die Dajaks sind Kopfjäger,« sagte er in englischer Sprache. »Keiner unter ihnen darf heiraten und einen eigenen Herd besitzen, ehe er nicht wenigstens _einen_ Kopf selbst vom Rumpfe getrennt hat; keiner kann die Würde des Panglima erreichen, der nicht hundert Köpfe über seiner Thür hängen hat. Sehen Sie nur dort die Wohnung des Häuptlings!«

Dem Gemach der Bliangs gegenüber lag die Königshütte des Dorfes. Hier waren alle Matten mit Gold durchflochten, Sklavinnen kauerten in großer Zahl auf dem Fußboden, der ganze Raum war bedeutend breiter, und auf einem Mattenhaufen saß rauchend die Königin; -- über der Thür prangten nicht weniger als hundertundfünfzig Köpfe.

Der alte Theologe stand starr. »Dieser Greuel!« rief er. »Ob da nicht Steine und Wände predigen müßten! Es ist himmelschreiend.«

»So abscheulich dieser Schmuck auch ist,« sagte Holm, »so wollen wir doch nicht unterlassen, diese Stätten entsetzlichen Heidentums photographisch aufzunehmen, sie werden zu den traurigen Ansichten der Bergwerke ein Seitenstück bilden, das eindringlicher als Worte Zeugnis von dem verwahrlosten Volke der paradiesischen Insel ablegt. Vielleicht erweckt ihr Anblick in dem Herzen glaubensvoller Männer das Verlangen, den armen Heiden die milden Sitten des Christentums aufs neue entgegenzubringen, wenn auch bis jetzt weder Missionare noch Kaufleute einen entscheidenden Einfluß haben ausüben können; man kennt nicht einmal annähernd die Verhältnisse des Innern, wohin auch wir nicht gelangen werden; -- es wäre umsonst, diesen Heiden, die nur in den Naturereignissen feindliche Gewalten anerkennen, überhaupt irgend eine Moral predigen zu wollen. Wir haben nun das Dorf gesehen, also laßt uns vor demselben unsere Hängematten aufschlagen.«

Torio und Bassar schüttelten die Köpfe. »Das geht nicht, Herr, die Dajaks würden es als große Beleidigung ansehen. Es ist einmal Sitte, im Vorderraum jedes Dorfhauses die Gäste unterzubringen, -- länger als eine Nacht bleiben wir ja ohnedies nicht.«

»Aber wenn wir nun gleich auf der Stelle weiter reisen!« rief ärgerlich der Doktor.

Die Malaien hielten ihre Weigerungen aufrecht. »Das sei ganz unmöglich,« beharrten sie.

Holm wechselte mit den Reisegenossen ein heimliches Zeichen. Trauen konnte man den Gelben nie vollständig; sie hier zu reizen oder gegen ihre Absichten irgend etwas durchsetzen zu wollen, schien nicht ratsam. »Schlafen wir also, da es nicht anders sein kann, eine Nacht auf derselben Streu mit Hühnern und Tauben,« sagte er. »Es gab ja am Ende schon schlimmere Stunden als diese. Vor der Hand thut freilich ein Imbiß am meisten not.«

Bassar lieh gegen Geld und gute Worte von der nächsten Dajaksfrau einiges Kochgeschirr, ein Feuer wurde entzündet und die Reste des Hirschfleisches gebraten, dazu Reis, das einzige tägliche Nahrungsmittel der Malaien. Man ließ die umstehenden, neugierig blickenden Kinder mitessen, verteilte kleine Münzen und brachte schließlich das Gepäck in einen bestimmten Winkel, wo Bassars jüngster Sohn als Wachhabender zurückblieb; dann wurde ein Ausflug in die Umgebung unternommen. Schlechtbestellte Felder in der Nähe des Dorfes trugen allerlei Gemüse, Reis, die Kalampanfrucht, aus der die Eingebornen Öl pressen, sowie in ganzen, kleinen Wäldern die Gomutupalme, welche den Zucker liefert, es weideten Ziegen an allen Abhängen, und zahme und wilde Vögel waren in reicher Anzahl vorhanden.

Nachdem das sämtliche Reisegepäck, Decken und Vorräte zu Hause gelassen worden, war der Spaziergang hinaus in den Wald um so angenehmer. In der balsamischen Luft wiegten sich Schmetterlinge von neun Zoll Flügelweite, Tiere wie sie die Reisenden nie gesehen hatten, kohlschwarz und samtartig glänzend, mit einem breiten, anmutig gebogenen Goldstreifen quer über beide Flügel, mit grünen federartigen Flecken und einem purpurnen Halskragen, sowie mattweißen, schmalen Saum rings um den ganzen Körper. Auch blaue, gelbe und ganz hellrote Arten waren vorhanden, alle riesig groß und in solcher Anzahl, daß sie sich unschwer fangen ließen; Käfer und Fliegen, Mücken, wilde Bienen, Erdwürmer von Fußlänge und mehr als Zolldicke, Spinnen und Hunderte von kleinen verschiedenen Geschöpfen der Insektenwelt belebten den Kelch jeder Blume, die Falten jedes Blattes. Die meisten dieser Tierchen verbreiteten einen feinen Wohlgeruch, der sich bei jeder Berührung verstärkte, -- auch eine Erscheinung, welche sonst noch nirgends beobachtet worden war.

Zuweilen brachen die jungen Leute irgend ein großes, tellerförmiges oder wie ein breites Schwert gestaltetes Blatt und besahen aus der Nähe diese azurblauen, weißen oder tiefroten Geschöpfchen, beobachteten die feine Schattierung ihrer Flügeldecken und den hauchartigen Wohlgeruch, bis dann der Käfer plötzlich die bläulichen Schwingen hob und davonhuschte, eine Flut von Duft zurücklassend, in der nächsten Sekunde verschwunden unter Hunderten seiner Gattung, die überall schwirrten und wie glänzende Funken die Luft durchsegelten.

Die Botanisierkapseln und Spiritusbehälter waren schon bis an den Rand gefüllt, ehe noch der Marsch die Dauer einer halben Stunde erreicht hatte; man brauchte hier thatsächlich nur die Hand auszustrecken, um das Gewünschte zu erlangen.

Die Malaien verfolgten seit mehreren Minuten aufmerksam eine Reihe von Spuren, die sich an geknickten Büschen und niedergetretenen Blumen und Gräsern bemerkbar machten; es mußten größere Tiere, mehrere an der Zahl, hier durchgedrungen sein und zwar erst ganz kürzlich, denn die gebrochenen Blumen hatten noch keine Zeit gehabt zu verwelken, das Gras lag abgerissen, aber grün und frisch am Boden. Jetzt schien es auch, als töne aus geringer Entfernung ein wohlbekanntes, nicht eben sehr melodisches Grunzen den Horchenden entgegen, -- alle sahen einander an. »Wildschweine?« fragte Franz.

Torio nickte. »Sie graben Wurzeln,« versetzte er. »Ganz in der Nähe wird sich das Feld befinden, wo die Herde ihre Lieblingsnahrung entdeckt hat. Schweine sind hier in Unzahl vorhanden, da die eingebornen Dajaks nur Reis und Gemüse essen, dem Überhandnehmen der Tiere also durchaus nicht entgegentreten; -- wir müssen ihnen hinter dem Wind beizukommen suchen.«

Einer nach dem andern schlichen die Männer mit den geladenen Kugelbüchsen in den Händen durch das dichte Unterholz, immer dem Schall nach, bis sie, wie die Malaien vorausgesagt hatten, eine etwas weniger bewachsene Stelle antrafen, wo unter den Bäumen dreißig bis vierzig Schweine eifrigst mit ihren Rüsseln das Grün des Bodens aufwühlten und aus der fettigen, mergelhaltigen Erde apfelgroße Früchte herausholten, welche dort zu sechs bis zehn gleichsam in Nestern bei einander wuchsen. Ganz schwarz und einen knoblauchartigen Geruch verbreitend, gehörten jedenfalls diese Wurzeln zu den bekannten Trüffeln; Holm beschloß sie noch näher zu untersuchen, in diesem Augenblick richtete sich jedoch seine Aufmerksamkeit ausschließlich auf die Schweine, welche bei ihren schwarzen Borsten und dem plumpen Kopf einen ganz weißen Bart trugen. Sie schienen durch Jagd nie belästigt zu werden, waren keineswegs scheu und ließen die Männer nahe an ihren Weideplatz herankommen. Alte, große Keiler rissen mit den Stoßzähnen die Erde auf, daß Gras und Ranken hoch umherflogen, Bachen mit zwölf bis vierzehn Ferkeln lagen, gemütlich grunzend, im Schatten und ließen ihre Kleinen trinken; auch einige schwarze Tapire mit den spitzen Schnauzen nahmen an der Mahlzeit teil, bis ein Schuß aus Torios Kugelbüchse plötzlich dem Familienleben unter den Bäumen ein Ende machte. Die Herde drängte und schrie in eiliger Flucht durch einander, mehrere Schüsse aus den Gewehren der Weißen streckten ihre Opfer nieder, und als endlich der Kampfplatz leer war, hatten fünf Ferkel und ein junger Eber das Dasein eingebüßt; die Tapire dagegen waren zum Ärger der Schützen glücklich davongekommen.

Da es hier wenig Raubtiere gab, ließen die Führer das erlegte Wild bis zu ihrer Rückkunft liegen, und weiter ging die Wanderung in den Wald hinein. Hier gelang es, mit der Vogelflinte einen schönen, männlichen Paradiesvogel vom Baum zu holen, ebenso eine Zibetkatze, die Holm auszustopfen gedachte, und mehrere schöngezeichnete Amseln mit dunkelroter Brust. Ein Leopard sprang einmal hart vor den Füßen der Reisenden vom Baum herab, aber erlegt wurde er nicht, obwohl ihm auf das gute Glück hin mehrere Kugeln nachgesandt wurden; ganze Rudel der großen, schlanken Pferdehirsche, von einem auf einer Anhöhe stehenden alten Bock bewacht, grasten an den Ufern breiter zu Thal fallender Flüsse, erhielten aber bei der ersten Annäherung der Weißen von dem Führer einen Warnungsruf und verschwanden mit ihm, ehe noch ans Schießen gedacht werden konnte. Scheu wie ihr ganzes Geschlecht, flohen sie die Nähe des Menschen, obgleich auch auf ihr Leben hier wenig Jagd gemacht wurde. Nur bei besonders festlichen Gelegenheiten essen die Dajaks Fleisch, sie sind an den Reis als einzige Nahrung gewöhnt und geben sich nicht die Mühe Wild zu erjagen und zuzubereiten.

Es dämmerte bereits, als die erlegten Schweine aufgeladen wurden und nun die Gefangenschaft im Hühnerloch, wie Franz erbost bemerkte, ihren Anfang nehmen mußte. Vorerst freilich loderte ein mächtiges Feuer empor, zwei Ferkel steckten am Spieß, und fette Bissen wanderten in die Händchen der naschhaften braunen Kinder; dann erkletterten unsere Freunde die Leiter, welche hinter ihnen von den wenigen im Dorfe zurückgebliebenen Männern heraufgezogen wurde, und das Lager aus Matten und Palmblättern empfing sein Opfer.

Rechts in der nächsten Nähe sangen die sechs Bliangs in eintönigen Weisen, Hirn und Nerven ermüdend, die Totenklage für eine an demselben Tage gestorbene junge Frau; überall ertönte das herzhafte Geschrei kleiner Kinder und die Beschwichtigungsmittel der Mütter, das Gurren mehrerer hundert Tauben und die rastlosen Kampfrufe der Hähne, deren Gemahlinnen glücklicherweise die Gewohnheit ihres Geschlechtes, mit dem Untergang der Sonne zu verstummen, auch hier auf Borneo festhielten. Draußen schrieen die Papageien, jagten sich in den Bäumen die Affen und quakten die Frösche -- es war eine Nacht, die selbst den geduldigsten Sterblichen aus der Fassung bringen konnte.

Heimlich machte sich aus den Falten und Tiefen des Blätterlagers eine feindliche Armee auf die Beine und marschierte im Geschwindschritt gegen den Feind. Wohin der Finger traf, da begegnete ihm jener kleinste, springende Vertreter des rüsseltragenden Geschlechtes, wohin sich das Haupt zur Ruhe bettete, da scheuchte es ein plötzlicher, scharfer Stich wieder auf, wohin die Gedanken eilten, da schreckte das Durcheinander von Tönen wieder in die unliebsame Gegenwart zurück; besonders ein großer, bunter Hahn von streitlustigem Aussehen, einen Fuß trotzig erhoben, den Kopf lauernd seitwärts geneigt und das Auge vor Bosheit funkelnd, erregte am meisten den Ärger der jungen Leute.

Rührte einer von ihnen Hand oder Fuß, dann hielt sich der Kammträger verpflichtet, mittels eines schallenden, langgedehnten Kikeriki diesen Hausfriedensbruch zu rächen, und sofort stimmten sämtliche Genossen in den Schlachtruf ein, wobei noch als besonderer Übelstand hinzukam, daß jedesmal ein anderer benachbarter Hahn diese Herausforderung als an sich gerichtet aufnahm und durch Heranfliegen das Duell eröffnete. Dieser alte Bursche, zerzaust und seiner Federn in mancher heißen Schlacht beraubt, mußte sich stark erkältet haben, denn er brachte es bei den Antworten, welche er gab, nur bis zu einem heiseren »Kück!« -- Dann schien seine Stimme zu versagen, und die Handlung trat an Stelle aller Neckereien. Gerade über den Köpfen der Gesellschaft sprangen die beiden Hähne gegen einander auf, zogen sich an den Schnäbeln gegenseitig so gewaltsam, daß nicht selten der Alte jählings auf das Blätterlager herabfiel, und schlugen sich mit den Flügeln, bis die unten Liegenden verzweiflungsvoll aufsprangen, um Staub und Federteilchen aus den Augen zu reiben.

»Soll ich ihn umbringen?« fragte Franz, auf den hübschen, streitlustigen Hahn deutend, »der verrückte Kerl hält uns die ganze Nacht in Atem.«

Die Hand des Doktors hielt ihn zurück. »Franz, vergißt du, daß hart neben uns unter demselben Dache eine Leiche liegt?« fragte er halblaut.

»Das ist wahr! -- Still, du Schreihals.«

Ein Schlag mit dem Taschentuche verscheuchte den älteren Hahn in geziemende Entfernung, während der bunte lauernd auf dem Posten blieb und vor den Brutkörben seiner Damen Wache hielt; der Vogelkampf ruhte einen Augenblick, aber die Quälereien der Insekten dauerten fort, und der Gesang vom Totenzimmer her zerriß die Gehörorgane.

»Dewata-dugingang! -- Dewata-dugingang!« -- Fast ohne Abwechselung, sich immer wiederholend, sangen die sechs Mädchen mit gedämpfter Stimme diese Silben, die in ihrer steten Folge ebensowohl ermüdend als aufregend wirkten, bis endlich Holm vorschlug, diese Stelle des langgestreckten Lagers zu verlassen und einige hundert Schritte weiter Erholung zu suchen. Sowohl der entsetzliche Totengesang als auch die Trompetenklänge des Hahnes mußten dort weniger empfindlich einwirken, man konnte vielleicht doch schlafen oder wenigstens die Augen schließen und ruhig daliegen. Der junge Gelehrte verband damit heimlich noch einen besonderen Zweck. Ihm war das Benehmen Bassars schon längst auffallend gewesen, er glaubte zu wissen, gleichsam zu fühlen, daß unausgesprochene Absichten den Alten zu dieser Expedition veranlaßt hatten, daß er irgend etwas im Schilde führte. Ihn zu beobachten schien daher höchst notwendig.

Und wirklich, als an dieser geschützteren Stelle einiger Schlaf auf die müden Augen sich herabsenkte, als alles ruhte, da sollte sich der gehegte Verdacht bestätigen. Bassar richtete vorsichtig den Oberkörper vom Lager auf, er sah umher, und nachdem ihn dieser Rundblick überzeugte, daß die Weißen schliefen, da wechselte er mit seinem Bruder ein kaum wahrnehmbares Zeichen und glitt auf leisen Sohlen hinüber in die jenseits des breiten Vorderraumes liegenden Familienwohnungen.

Was konnte er dort wollen? -- Es waren nur Frauen anwesend.