Das Naturforscherschiff oder Fahrt der jungen Hamburger mit der "Hammonia" nach den Besitzungen ihres Vaters in der Südsee.

Part 29

Chapter 293,466 wordsPublic domain

Holm verfuhr zum Konservieren der Fische nun in folgender Weise.

Er füllte eine kleine Spritze aus Zinn, die mit einer langen feinen Ausflußröhre versehen war, voll von einer Auflösung von Karbolsäure in starkem Weingeist. »Die Karbolsäure,« erklärte er, »ist eine Substanz, welche tierische Körper vor der Fäulnis schützt. Auch in dem Rauche von Holz und Torf kommt sie vor und bewahrt Fleisch und dergleichen vor dem Verderben, wie das Räuchern von Schinken und Würsten zur Genüge darthut. Selbst menschliche Leichen wurden im alten Ägypten oft durch bloßes Räuchern in Mumien verwandelt.«

Das feine Rohr der Spritze wurde nun vorsichtig in den Rücken des Fisches gesteckt und durch langsamen Druck das dort befindliche Fleisch mit der Karbolsäurelösung durchtränkt. Ebenso wurden die Eingeweide, der Rachen und das Gehirn mit der Lösung ausgespritzt. Mittels eines Pinsels erhielt die Oberfläche des Fisches ebenfalls ihren Anteil der konservierenden Flüssigkeit, und dann wurde der Fisch in die Sonne zum Trocknen gehängt.

In wenigen Tagen waren selbst große Fische fast steinhart angetrocknet und konnten hierauf mit einem durchsichtigen Firnis überzogen werden, der die Einwirkung der Luft abhielt und die Farben glänzend hervortreten ließ. Das war die einfachste Methode zum Konservieren der Fische, die ihre natürliche Gestalt behielten und so gut wie möglich ihre Farbe. Einzelne Exemplare jedoch mußten gezeichnet und mit Tuschfarben koloriert werden, da sie auch bei dieser Prozedur ihr schönes Aussehen verloren. So in voller Beschäftigung schwanden die Stunden und Tage, bis Borneo in Sicht kam und gelandet werden konnte.

Borneo! -- Eine neue Wunderwelt tropischer Geheimnisse, aber auch neue harte Mühen und Drangsale. Das äquatoriale Innere brachte zum erstenmale seit Afrika wieder jene brennende Sonnenglut, an die sich der Europäer nie so gewöhnen kann, daß sie ihm nicht mehr lästig und schädlich wäre; es brachte den voraussichtlichen Kampf mit fast ganz wilden Menschen, den Dajaks oder Kopfjägern, die zum Teil so berüchtigt sind, daß an eine Durchforschung ihres Gebietes gar nicht gedacht werden konnte; mit reißenden Tieren und allen Gefahren des dichten Urwaldes; aber dennoch zog die kleine Schar fröhlich und voll heiteren Mutes fürbaß, nachdem schon die Einfahrt auf einem der vielen großen Arme des Baritoflusses zur wahren Vergnügungsreise geworden war. Borneo ist von einem 6--10 Meilen breiten Gürtel von Anschwemmungen umgeben, so daß nur auf den Flüssen ein Eindringen in die Insel überhaupt möglich wird, diese Fahrt aber zwischen himmelhohen Bergen und im Angesicht einer zauberhaft schönen Pflanzenwelt gehört zu den großartigsten Eindrücken, welche der Reisende jemals empfangen kann. Freilich verhindert die Unzugänglichkeit der Insel auch im höchsten Maße das Vordringen der Kultur, freilich schreckt sie die Weißen erfolgreich zurück (es wohnen dort alles in allem keine dreihundert Europäer, während Java viele Tausende zählt), aber sie macht auch dem Naturforscher gerade diesen Punkt der Sundainseln zum interessantesten und bedeutendsten unter allen. Nirgends die häßlichen, kahlen Ufer Afrikas, der Sand und Busch, die Mangrovensümpfe, welche dort den Ankommenden empfangen; hier war alles üppig treibender Urwald, hier blühte es und trug Riesenblätter, Riesenhalme auf jedem Zollbreit Bodens; ja nicht selten neigten sich die Wipfel von beiden Seiten so schirmend und schattenspendend über den Fluß herein, daß das Schiff in einer kühlen, vom süßesten Blumenduft durchwehten Laube dahin zu schwimmen schien. Die Stadt Banjar-massing hat keinen weltbekannten Namen, ist kein vielbesuchter Hafen wie Batavia und Surabaja; die Reisenden konnten also nicht erstaunt sein, auch keineswegs eine schöne, wohleingerichtete Stadt zu finden, vielmehr nur äußerst notdürftige, ja zum Teil erbärmliche Wohnungen, in denen eine Bevölkerung von Chinesen, Arabern, Malaien und den eingebornen, hier an der Küste als Tagelöhner arbeitenden Dajaks ein buntes, aber wenig anziehendes Gesamtbild lieferte. Jede Wohnung, jede Straße, ja selbst jedes Menschenantlitz schien schwärzlich vom Staub der Kohlengruben, die sich in großer Anzahl um den Ort herum befanden.

Die Rast in Banjar-massing benutzte Holm, um einen lang gehegten Wunsch in Erfüllung zu bringen, der darin bestand, den von Hamburg aus nachgesandten photographischen Apparat in stand zu setzen und sich desselben zu Aufnahmen zu bedienen. Bis jetzt war es ihm nicht möglich gewesen, die nötige Ruhe und einen geeigneten Ort zu finden, um die Knaben in der Handhabung des Apparates zu unterweisen, und schon oft hatte er bedauert, an so vielen schönen und merkwürdigen Punkten vorübergehen zu müssen, ohne sie, bis auf das kleinste Detail naturgetreu, auf photographischem Wege abkonterfeien zu können. Wenn auch die Knaben im Zeichnen nicht ungeschickt waren und manchen Naturgegenstand fast künstlerisch ausgeführt in ihren Skizzenbüchern verewigten, so ließen doch die Zeichnungen von Personen und besonders von Landschaften manches zu wünschen übrig.

Des bequemen Transportes wegen war der Apparat sehr leicht gearbeitet. Er besaß zwei photographische Linsensysteme, um gleichzeitig zwei Bilder von ein und demselben Gegenstande aufnehmen zu können, als wenn derselbe von den beiden Augen des Menschen betrachtet würde. Später mußten die hiermit erhaltenen Bilder im Stereoskop den körperlichen Eindruck hervorbringen, als wenn sie dem Beschauer plastisch greifbar vor Augen ständen.

Holm richtete den Apparat so, daß eine Straße von Banjar-massing sich vor den geschliffenen Gläsern desselben befand, und zeigte den Knaben nun, wie diese auf der matten Glasscheibe, welche den Hintergrund der sogenannten ^Camera obscura^ bildete, in umgekehrter Stellung mit allen Einzelheiten in verkleinertem Maßstabe zum Vorschein kam. Zu unterst erschien der blaue Himmel, dann kamen die Dächer der auf dem Kopfe stehenden Häuser, die Fensteröffnungen, die Thüren, dann folgten als oberster Teil des umgekehrten Bildes die Straße und der Erdboden.

»Nun gilt es,« sagte Holm, »an die Stelle der matten Scheibe, auf die das scharfe, deutliche Bild der aufzunehmenden Gegenstände fällt, eine Glasplatte zu bringen, die mit einer lichtempfindlichen Substanz überzogen ist und die derart von den Lichtstrahlen verändert wird, daß die feinsten Abstufungen zwischen Licht und Schatten, hell und dunkel auf derselben deutlich und unveränderlich sichtbar werden. Da wir nun eine solche lichtempfindliche Platte nicht im Tageslicht präparieren können, müssen wir diese Operation im Dunkeln vornehmen.«

»Aber im Dunkeln kann man doch nicht sehen, was die Hände vollbringen!« warf Hans ein.

»Wir bedienen uns einer Lampe oder einer brennenden Wachskerze,« entgegnete Holm, »denn das Licht einer kleinen Flamme besitzt nicht so viel chemische Wirkung, um der Platte schaden zu können. Auch das Tageslicht, welches durch eine gelbe Glasscheibe fällt, ist wirkungslos, so daß das Reisezelt, in welchem wir unterwegs die Platten präparieren werden, mit einem gelben Fensterchen versehen werden konnte, welches genug unwirksames Licht für unsere photographischen Manipulationen durchläßt.«

Holm nahm nun eine der mitgebrachten Glasplatten und putzte sie mit einem weichen Leinwandlappen und einigen Tropfen Weingeist so lange, bis sie vollkommen rein war und der Hauch des Mundes nur flüchtig an ihr haftete. »Merk auf, Rua-Roa,« sagte er, »denn das Amt eines Plattenputzers mußt du später übernehmen.«

Aus einer Flasche goß Holm hierauf ein weniges einer gelblich gefärbten sirupartigen Flüssigkeit, die einen starken Geruch nach Hoffmannstropfen verbreitete, auf der Platte. »In dieser Flasche befindet sich eine Auflösung von Schießbaumwolle in Äther und Alkohol,« sagte er. »Da der Äther auch in den Hoffmannstropfen enthalten ist, die häufig als belebendes Mittel gebraucht werden, so erklärt sich euch der bekannte Geruch dieser Flüssigkeit. Die aufgelöste Schießbaumwolle hinterläßt beim Antrocknen eine glasartige zähe Haut, und gerade diese Eigenschaft ist es, welche uns hier zu gute kommt.«

»Aha,« sagte Franz, »ich weiß schon, wie man diese Flüssigkeit auch sonst nennt. Sie heißt Kollodium und eignet sich zum Überpinseln von Brandwunden, damit sich eine Haut über denselben bilde, die vor dem Zutritt der Luft schützt.«

»Ganz recht,« bestätigte Holm, »nur ist bei diesem Kollodium zu bemerken, daß in demselben Jod- und Bromsalze aufgelöst sind, deren Eigenschaften wir jetzt im Dunkelzimmer näher studieren wollen.«

Sie begaben sich jetzt alle in ein Gemach ihrer provisorisch gemieteten Wohnung, dessen Fenster mit Kokosmatten lichtdicht verhängt waren. Ein Lämpchen brannte auf dem Tische und beleuchtete mit mattem Scheine eine Anzahl von Flaschen, einen schmalen hohen Glastrog, den Holm als »Küwette« bezeichnete, und ein mit reinem Wasser gefülltes Gefäß.

»In dieser Küwette befindet sich eine Auflösung von salpetersaurem Silber,« erklärte Holm. »Wir tauchen unsere mit Jodkollodium überzogene Glasplatte vermittelst eines breiten Glashakens in diese Lösung hinein, und nun beobachtet, was geschieht.«

»Die Oberfläche der Platte fängt an sich zu trüben,« rief Franz.

»Sie wird milchweiß,« bemerkte Hans nach einer kleinen Weile.

»Ein Zauber,« rief Rua-Roa ängstlich.

»Kein Zauber, sondern ein chemischer Vorgang,« lachte Holm, »obgleich du von deinem Standpunkte nicht so ganz unrecht haben magst, Ruachen; wurde doch selbst im zivilisierten deutschen Lande zur Zeit des Mittelalters mancher Chemiker für einen Hexenmeister gehalten. Und wenn ich dir nun auch auseinandersetzte, daß hier die Jod- und Bromsalze, welche in der Kollodiumhaut sind, sich mit dem Silber der Lösung zu unlöslichem, gelblichweißem Jod- und Bromsilber verbinden, so würdest du das doch nicht verstehen, mein guter Malagasche, denn von der chemischen Wahlverwandtschaft weiß dein kleiner Heidenverstand nicht die Spur.«

Rua-Roa machte ein verlegenes Gesicht, als hätte er irgendwie, unbewußt ein Unrecht begangen, aber Franz tröstete ihn und sagte: »Sei nur ruhig, lieber Freund, Chemie ist meine stärkste Seite auch gerade nicht.«

Die Platte wurde an dem Haken, auf dem sie ruhte, aus der Küwette herausgezogen. Die Kollodiumhaut hatte in der That ein gelblichweißes Aussehen erlangt und war nun, wie Holm sagte, lichtempfindlich.

Ein kleines hölzernes Kästchen -- die Kassette -- nahm die präparierte Platte auf. Dasselbe war mit einem Schieber versehen, der sich seitlich wegziehen ließ, und besaß hinten einen Deckel, der es lichtdicht verschloß, nachdem die Platte, mit der Kollodiumschicht nach vorne, hineingelegt worden war. Gegen jeglichen Lichtstrahl geschützt, konnte die Platte in der Kassette nach dem photographischen Apparate transportiert werden, dessen optische Gläser mit Deckeln verschlossen waren.

Holm entfernte die matte Glasscheibe, setzte die Kassette an ihre Stelle und zog den Schieber der letzteren heraus. Darauf entfernte er die Deckel von den Gläsern.

»Nun fällt das umgekehrte Bild, welches wir vorhin auf der mattgeschliffenen Glasscheibe wahrnahmen, direkt auf die weißgelbe Jodsilberschicht, die wir im dunkeln Zimmer bei schwachem Kerzenlichte hergestellt haben,« erläuterte Holm. »In dem Zeitraum von fünf bis sechs Sekunden werden die Lichtstrahlen hinreichend gewirkt haben, und deshalb schließen wir den Apparat, nachdem wir langsam bis sechs gezählt haben, schieben auch den Schieber der Kassette wieder zu und begeben uns in das Dunkelzimmer zurück.«

Hier angelangt nahm Holm die Glasplatte aus der Kassette und zeigte sie den Knaben.

»Ich sehe keine Spur von einem Bilde,« rief Hans, nachdem er die Platte aufmerksam betrachtet hatte.

»Nicht eine Andeutung von Zeichnung,« bestätigte Franz, »gewiß hat das Licht nicht lange genug eingewirkt.«

»Ich fürchte fast, wir haben bei dem hellen Lichte des hiesigen unbewölkten Himmels schon zu lange exponiert,« sagte Holm. »Jedoch wir wollen sehen.«

Bei diesen Worten goß er mit Gewandtheit eine klare Flüssigkeit über die Platte, die in der That nicht im geringsten verändert erschien, und nun zeigte sich ihnen ein Schauspiel von ganz eigenem Reiz. Einzelne Teile der präparierten und dem Lichte ausgesetzt gewesenen Schicht begannen sich dunkel zu färben, und zwar erschien diese Veränderung da zuerst, wo der blaue, lichte Himmel war. Dann folgten die weißen Mauern der Häuser, welche sich scharf von der dunkleren Straße abhoben, die auf der Platte fast weiß blieb. Überhaupt konnte man wahrnehmen, daß überall da, wo das hellste und stärkste Licht gewirkt hatte, die Jodsilberschicht sich dunkel färbte, daß dort, wo gemäßigtes Licht von halberleuchteten Gegenständen hingefallen war, die Färbung im Verhältnis schwächer blieb, während die Stellen, welche in der Natur dunkel oder schwarz waren, auf der Platte keinerlei Färbung annahmen, sondern weiß blieben.

Nach einiger Zeit spülte Holm die Platte mit reinem Wasser tüchtig ab und hielt sie gegen das Licht.

Ein Freudenruf entschlüpfte den Lippen der Knaben. Da war ja die Straße von Banjar-massing mit allen ihren Einzelheiten in verkleinertem Maßstabe auf der Platte sichtbar, so allerliebst und so sauber ausgeführt, wie es der menschlichen Hand mit Stift und Pinsel nicht möglich war. Nur erschienen die hellen Partieen auf der Platte dunkel und die dunklen hell; es waren die Verhältnisse zwischen Licht und Schatten umgekehrt.

»Wir nennen ein solches Bild, mit verkehrtem Licht und Schatten, ein Negativ,« sagte Holm; »es verhält sich in dieser Beziehung ähnlich wie die Gipshohlform zum Körper, der abgeformt wurde, und ebenso wie jene dient das Negativ zur Anfertigung von Abdrücken, bei denen die alte Ordnung wieder hergestellt wird.«

»Wie kam es aber,« fragte Franz, »daß das Bild erst sichtbar wurde, als eine Flüssigkeit über die Platte gegossen wurde, und was enthielt diese Flüssigkeit, um diese merkwürdige Wirkung auszuüben?«

»Ich goß eine Auflösung von Eisenvitriol in Wasser über die Platte,« entgegnete Holm. »Der Eisenvitriol hat die Eigenschaft, das Silber aus seinen Lösungen in Gestalt eines feinen, grauen, metallischen Pulvers auszuscheiden, und dieses Metallpulver legt sich auf jene Stellen des Jodsilbers an, die vom Lichte getroffen wurden. Je stärker die Lichtwirkung war, um so dichter setzt sich der Silberniederschlag ab, weshalb denn auch die hellsten Teile des Bildes, der Himmel und die weißen Wände der Häuser, am schwärzesten und undurchsichtigsten sind. Jetzt haben wir nur noch nötig, das Jodsilber durch eine Auflösung des giftigen Cyankali in Wasser zu entfernen, die Platte gut zu waschen und zu trocknen, worauf sie gefirnist wird, um sie vor Verletzungen, Schrammen u. dgl. zu schützen. Sobald wir später auf dem Schiffe Muße haben, werden wir von den Negativen, die wir aufnehmen, Abdrücke machen. Jetzt, ihr jungen Forscher, benutzt die günstige Gelegenheit und bildet euch durch praktische Übung zu tüchtigen Photographen aus, damit es unserem Journal nicht an Illustrationen fehle.«

In wenigen Tagen hatten die Knaben die erforderliche Übung in den photographischen Handgriffen erlangt, worauf die Reise in die Umgegend von Banjar-massing unternommen wurde.

Gleich am ersten Tage wurde eins der schon erwähnten Kohlenbergwerke besichtigt. In starken Körben gelangten die Reisenden bis zu dem tief unter der Erdoberfläche liegenden, im Mittelpunkt des Baues befindlichen Raum, von wo aus Seitengänge hineinführten in die schwarze, glitzernde Tiefe. Der Anblick war eigentümlich genug. Nur mit einem Lendenschurz bekleidete Dajaks schwangen hier im lichtlosen Schoß der Erde ihre Keilhacken, um das Brennmaterial für weit entfernte Länder oder zum Gebrauch für Dampfschiffe aus den festen Lagern loszubrechen und in Körbe zu sammeln, die dann mittels der Windenvorrichtung hinaufbefördert und ausgeschüttet wurden. Jeder Mann trug vor der Brust eine Blechlaterne, bei jedem war das Haar, lang und seidenweich wie Frauenflechten, am Hinterkopf zusammengebunden und fiel in schwarzer, glänzender Flut auf den unbekleideten Rücken herab; auch weibliche Geschöpfe nahmen teil an dieser gesundheitsschädlichen Beschäftigung, alle aber waren von ihrer mühseligen Arbeit dermaßen in Anspruch genommen, daß sie kaum aufzublicken wagten, und von den gewiß seltenen Besuchern keinerlei Notiz nahmen.

Ein trauriges Bild des Menschenelendes zeigte sich in diesen armen Wesen, die von der holländischen Regierung sowohl als von ihren eigenen malaiischen Gebietern nur wie Lasttiere angesehen werden und fast nicht besser wie Sklaven sind. Die Luft in den engen, schlecht gestützten Gängen war kaum zu atmen, erstickend heiß, mit tödlichem Staub gefüllt und lag drückend auf den Nerven der Weißen; das Klettern über den unebenen Weg und die stete Nähe der Gefahr ließen sie sehr bald an Umkehr denken. Holm brach aus den ganz mit Kohlenschichten angefüllten Wänden einige Stücke los, die Knaben verteilten unter die Arbeiter das zu diesem Zweck mitgebrachte Kleingeld, und dann krochen alle aus den verschiedenen Seitengängen zurück zur Mitte, wo wenigstens hoch über ihnen der blaue Himmel seine Decke spannte. Die Grube war ungewöhnlich breit, im Dreieck angelegt und mit erbärmlich unsicheren Stellagen versehen. Was that es, wenn einmal ein Gang verschüttet wurde? Quer durch das ganze gesegnete Land zog sich das meilenbreite Kohlenlager, und Arbeiter gab es ebenso in Hülle und Fülle. Mochten immerhin einmal ein paar hundert zu Grunde gehen, das fand kaum Beachtung. Die Winde oben setzte sich in Gang, einer nach dem andern gelangte an das Tageslicht, und einer nach dem andern sah schaudernd zurück in die gähnende Tiefe. Wie war es nur möglich, daß lebende Wesen da unten jahrein, jahraus zu atmen vermochten, daß sie nicht jedes sonstige Los diesem Lebendigbegrabensein vorzogen?

So weit die holländische Botmäßigkeit reicht, ist die eigentliche Sklaverei abgeschafft, nur eine Art von Robot- oder Zwangsarbeitssystem nötigt die Eingebornen zu geregelter Thätigkeit, oft nicht ohne einige Härte. Im Innern aber tobt zwischen Malaien und den älter eingebornen Dajaks Fehde und Blutrache, und wer von den Dajaks in die Hände der Malaien fällt, ist Sklave.

Die wenig für ausdauernde Arbeit geschaffenen, leichtsinnigen und jähzornigen Dajaks sind bei allen diesen Eigenschaften lebhafter Charaktere dennoch feige; sie finden nie den Mut, die eingedrungenen Malaien mit Gewalt aus ihrem Lande zu entfernen, aber sie überfallen dieselben bei jeder Gelegenheit, einzeln oder in ganzen Mordgesellschaften, auf ihrem eigenen oder auf gegnerischem Gebiet; immer jedoch aus dem Hinterhalt, niemals in offener ehrlicher Fehde. Jeder derartige Mord, mittels Kopfabschneiden ausgeführt, zieht die sogenannte Blutrache nach sich, ein Greuel, der um ganze Familien und ganze Stämme seine dämonischen Bande schlingt und nicht eher erlischt, bis vielleicht der Ur-Urenkel des Gemordeten den Ur-Urenkel des Mörders erschlug und seine Kinder mit sich führte in die Sklaverei. --

Fremde Reisende waren an dieser Küste offenbar eine seltene Erscheinung. Araber und Chinesen umdrängten die seltenen Gäste in der Hoffnung, sie gehörig rupfen zu können; als aber jegliches Geschäft ausgeschlagen wurde, als man sah, daß es sich nicht um Gold-, Diamanten-, oder Kohlenspekulationen handelte, da ließ man die sonderbaren Schwärmer, welche nur Insekten einfangen und die wilden Dajaks kennen lernen wollten, ihres Weges gehen, ohne weitere Notiz von ihnen zu nehmen. Ebenso schwer war es, den seßhaften Küstenmalaien, die nur zu ganz andern Zwecken ins Innere vorzudringen pflegten, begreiflich zu machen, daß man zur Reise in das Innere notwendig einige ortskundige Führer brauchte. Die Leute kannten dergleichen Unternehmungen aus früherer Erfahrung nicht; es kam nie jemand, um das Land zu durchforschen; sie schüttelten daher zuerst die Köpfe und hielten lange Beratungen, bis endlich fünf Männer, offenbar als Abgesandte der ganzen Kolonie, bei den Weißen in der chinesischen Herberge erschienen und ihre Dienste anboten. Sie wollten die Fremden begleiten, natürlich für schweres Geld, dessen Auszahlung nach erfolgter Rückkehr bei dem deutschen Konsul stattzufinden hatte. Durch die gemachten schlimmen Erfahrungen gewitzigt, ließen Holm und der Doktor diesem Kontrakt die Klausel beifügen, daß sich die fünf Männer durch keinerlei Stellvertretung selbst den übernommenen Verpflichtungen entziehen dürften und daß die Bezahlung nur dann verdient und fällig sei, wenn beide Teile, Führer und Reisende, mit einander wieder anlangen sollten.

Darauf gingen die Malaien ohne Widerspruch ein; sie mußten also nichts Arges im Schilde führen, und nachdem alles genügend vorbereitet, machte sich die Gesellschaft auf, um das Innere der schönen Insel zu sehen, freilich zu Fuß, da eingeborne Pferde gänzlich fehlen, aber darum in nicht weniger fröhlicher Stimmung, nicht weniger hoffnungsvoll und mit offener Seele für all das Neue, das sie hier erwartete. Keine Raubkatzen außer einer kleinen Leopardenart, -- keine Giftschlangen, Elefanten und Nashörner! Es blieb also wenig zu fürchten, und bei der Fülle des Affengeschlechtes sowie aller Grasfresser sehr viel zu hoffen; die Reise begann unter den besten Aussichten, doch ging sie langsam von statten, weil der Wald dicht und die ganze Pflanzenwelt wie im äquatorialen Afrika so üppig war, daß sie oft durchhauen werden mußte, um weiteres Vordringen zu ermöglichen.

Die Führer bestanden aus zwei älteren Männern, den Brüdern Torio und Bassar, sowie drei erwachsenen Söhnen derselben, außerdem war ein Dajakischer Dolmetscher angeworben worden, der der englischen Sprache ziemlich mächtig war; sie wählten die nächsten Wege, um aus den die Küste umsäumenden Niederlassungen heraus und in das Gebiet der Dajaks zu kommen, überhaupt zeigten sie sich sehr gefällig und ließen es an keiner Gelegenheit fehlen, ihre Gäste auf diese oder jene besondere Schönheit des Landes aufmerksam zu machen.

Schon am dritten Tage lag der letzte bebaute Acker weit hinter den Reisegenossen, der Urwald schüttelte seine grünen Riesenhäupter, und wilde Geschöpfe huschten hindurch, namentlich Zibetkatzen in ungeheurer Anzahl, Affenarten und sehr viele Vögel mit buntem, prachtvollem Gefieder, Schmetterlinge von nie gesehener Größe und Insekten jeder Form und Farbe.

Hier fanden sich die seltsamen Bäume auf Luftwurzeln, der Teppanbaum, dessen erste Äste in der Höhe von etwa 3--4 Metern sich seitwärts senkten, und in dessen Stamm unzählige wilde Bienenschwärme ihre Nester bauten; die sonderbare Kannenpflanze mit ihren wie eine Waschkanne geformten purpurnen Blüten; Gummibäume, der Taban, welcher die vortrefflichste Guttapercha liefert, der Sagobaum und die Rotangpalme, deren Stengel man gemeinhin Spanisches Rohr nennt.

Ein Baum war es besonders, der den jungen Leuten als ganz fremd sogleich in die Augen fiel. Von schlankem, auffallend hohem Stamm, mit verhältnismäßig wenigen schwertförmigen Blättern, trug er hellrote, große Blumen und mit einer hölzernen Schale umgebene Früchte von der Größe eines Kopfes. Der Höhe wegen ließ sich Deutlicheres nicht erkennen, nur soviel stand fest, daß man diesem Baume noch nie vorher begegnet war.

»Das sind Durianen,« erklärte Bassar, der älteste der Führer. »Die Zibetkatzen essen ihre Früchte.«

»Und die Eingebornen nicht?«

Eine unverkennbare Gebärde des Abscheues beantwortete diese Frage. Holm lächelte. Er wußte, daß die Frucht einen feinen, ausgezeichneten Wohlgeschmack besitzt, der aber nach dem sonderbaren Willen der Natur von einem entsetzlichen üblen Geruch gleichsam umhüllt ist und daher durch einen einzigen gründlichen Forscher, den Engländer Wallace, erst festgestellt wurde.

»Wir wollen doch die Durianen probieren,« erklärte er.