Part 28
Das Netz wurde an dieser so sehr ergiebigen Stelle zum drittenmale herabgelassen, und wieder brachte es reiche Beute; außer verschiedenen Fischen noch mehrere Cephalopoden, die sogleich in Behälter mit Wasser gesetzt und so aus bequemster Nähe beobachtet wurden. Eins besonders, das Perlboot, war von überraschender Schönheit. Etwa acht Zoll im Durchmesser haltend, hatte es ein milchweißes, an einigen Stellen hellbraun gestreiftes, perlmutterartig schillerndes Gehäuse von beinahe halbrunder, gezackter und inwendig eine Schale bildender Form. Das ganze Tier, wie eine Auster inmitten des Gehäuses festgewachsen, bot ein Farbenspiel, welches lebhaft an das des wechselnden Regenbogens erinnerte. Bald erglänzten die dehnbaren Zellen des kleinen, beweglichen Körpers im schönsten Blau, bald violett, purpurn und hochgelb; so oft die Knaben vorsichtig das Tier berührten und dadurch die Nerven desselben reizten, verdoppelte sich die Stärke dieses sonderbaren Spieles; sie konnten jedoch nicht nur ausschließlich das Perlboot bewundern, auch noch andere und nicht weniger interessante Geschöpfe hatte ja das Netz zu Tage gefördert. Da war das Nabelboot und das Papierboot, die schöne Seeglocke mit becherartiger, drei Zoll im Durchmesser haltender, rötlich gestreifter Schale, da waren kugelige Seeigel und sogar auch als seltener Fang eine große Feuerscheide, das sonderbare mit den Quallen verwandte Geschöpf, welches, aus einer ganzen, zahlreichen Familie kleiner Einzelwesen bestehend, doch zusammen nur _ein_ Leben besitzt. Die wenige Linien großen, form- und farblosen Tierchen bilden um einen gestielten Mittelpunkt eine Art von Kreuz, wobei alle Mundöffnungen nach außen gekehrt sind. Der walzenförmige Stiel ist vom schönsten Hellgelb und bis zu vierzehn Zoll lang bei drei Zoll Durchmesser.
Das Papierboot verdiente seinen Namen mit Recht, denn seine Schale war in der That nicht dicker als Schreibpapier.
»Wir werden zwei dieser zerbrechlichen Geschöpfe, wohl in Watte eingehüllt, in Spiritus setzen,« sagte Holm, »damit an dem weichen Körper zoologisch-anatomische Studien gemacht werden können, aus den übrigen eingefangenen Exemplaren wollen wir versuchen, den leicht in Fäulnis übergehenden Inhalt zu entfernen.«
»Wenn wir den eisernen Haken anwenden, dessen wir uns bei den hartschaligen Schnecken bedienten,« warf Franz ein, »so dürfte es schwer fallen, die papierdünne Schale unverletzt zu lassen.«
»Gewalt wäre in diesem Falle übel angebracht,« bestätigte Holm, »aber ihr wißt ja -- wo Gewalt nichts vermag, muß die List aushelfen.«
»List?« fragte Hans. »Sollte es möglich sein, den Bewohner aus seiner Schale herauszulocken, wie einen Hund mit einem Knochen aus der Hundehütte?«
»Nein,« entgegnete Holm lächelnd, »hier würde kein Zureden nützen. Was meinst du aber, wenn wir ein Mittel besäßen, den weichen Körper durch eine Substanz ganz und gar zu zerstören, so daß er sich in Wasser auflöst?«
»Dann wäre uns geholfen,« antwortete Franz.
»Nun gut,« sagte Holm. »Unter unseren Vorräten befindet sich ein chemisches Präparat, das ich zu dem vorliegenden Zwecke mitgenommen habe, und das sich auch in anderen Fällen nützlich erweisen wird. Es ist dies das sogenannte Ätzkali, eine salzartige, leicht in Wasser lösliche Substanz, welche die Haut, Weichteile und Fette zersetzt. Mit dem Fett geht es eine Verbindung ein, deren wir uns sogar täglich bedienen, es ist die Seife. Wir wollen jetzt in einem eisernen Gefäß ein apfelgroßes Stück des geschmolzenen Ätzkali in Wasser auflösen und in der so erhaltenen »Lauge« die gefangenen Exemplare des Papiernautilus so lange über gelindem Feuer langsam kochen, bis das weiche Tier zersetzt und in lösliche Seife verwandelt worden ist.«
Gesagt, gethan. In kurzer Zeit waren die Schaltiere auf dem Feuer zum Erstaunen des Koches, der sich außerdem über den unangenehmen Geruch beklagte, der sich aus dem eisernen Topfe während des Kochens entwickelte.
Etwa einen halben Tag lang wurde der Topf mit seinem sonderbaren Inhalte gelinde erwärmt, bis eine herausgenommene Schale erkennen ließ, daß der Körper des Tieres von der Kalilauge zerstört und aufgelöst sei. Jetzt war nur noch nötig, die Schalen mit reinem Wasser gut abzuspülen, zu trocknen und zu verpacken. Damit das papierdünne Gehäuse nicht zerbrechen konnte, wurde seine innere Höhlung, soweit als möglich, vorsichtig mit Baumwolle vollgestopft.
Franz äußerte, als die trefflich erhaltenen, sauberen Schalen in Sicherheit gebracht waren, »ein Naturforscher müsse doch eigentlich von vielen Dingen Kenntnis haben, wenn eine Reise in fremde, wilde Länder mit gutem Erfolge gekrönt sein soll. Sogar ohne ein wenig Chemie kann man nicht auskommen,« meinte er.
Holm stimmte ihm bei. »Auf keinem Gebiete rächt sich die Einseitigkeit mehr, als auf dem der Naturforschung,« sagte er. »Die Geheimnisse der Natur werden nicht durch einen einzigen Schlüssel erschlossen, zu ihren Wundern führt nicht bloß _ein_ Weg, sondern mannigfaltig, wie sie selbst sind, sind auch die Mittel und Wege, sich ihr zu nahen und sie zu erkennen. Unsere Aufgabe,« setzte er hinzu, »besteht hauptsächlich darin, den Gelehrten neues und reiches Material für ihre Beobachtung zu verschaffen. Es ist dies zwar nur ein Zweig der Naturforschung, aber wie ihr seht, erfordert er mancherlei Kenntnisse, Handgriffe aller Art, und selbst die Chemie darf nicht fehlen. Denn das Zersetzen eines tierischen Körpers mit Kalilauge ist ein chemischer Prozeß.«
Seesterne jeder Gestalt, Würmer, Krabben und mehrere Fische, sogar ein ganz kleiner Haifisch bildeten den Rest des ergiebigen Fanges, dessen Einteilung und Aufbewahrung mehrere Stunden in Anspruch nahm. Alle diese Schalen sollten vom nächsten Hafen nach Hause geschickt werden, man mußte sie also vorher reinigen und von ihren Insassen vollständig befreien; der Hai wurde zum Ausstopfen bestimmt und die Würmer in Spiritus gesetzt, kurz, man hatte alle Hände voll zu thun, als plötzlich ein lauter Schreckensruf über das Deck dahinschallte.
»Land! Land! -- Wir laufen geradeswegs auf den Strand.«
Rua-Roa hatte mit bleichem Gesicht und dem Ausdruck des Entsetzens die Worte hervorgestoßen; jetzt deutete seine erhobene Rechte auf das Meer hinaus. »Seht doch! Seht doch! -- Wir sind unrettbar verloren.«
Vom Ausguck her erscholl fröhliches Lachen, auch Papa Witt schmunzelte, und der Kapitän rief aus der Kajütte herauf ein kräftiges: »Donnerwetter, Junge, entdeckst du neue Weltteile?« -- Dennoch aber entstand im ersten Augenblick ein Laufen und Fragen, ein Durcheinander, wie es bei jedem Schreckensschrei sich zu entwickeln pflegt; die kleine Gesellschaft drängte zum Schiffsrand, sämtliche Arbeiten wurden vergessen, und aller Augen suchten den gefürchteten Strand.
In geringer Entfernung vom Schiff erschien auf den Fluten eine unübersehbare grüne Fläche. Schlanke Halme wogten im Wind, nirgends war von Wasser eine Spur zu bemerken, kleinere Vögel hatten sich in dem dichten Grün häuslich niedergelassen, und sogar liegende Baumstämme, Zweige mit Laub und Blüten trieben an den Kanten. Das Ganze schien regungslos auf der Oberfläche des Meeres zu schwimmen, es sah aus wie eine üppige Grasfläche, so daß selbst Holm dem inzwischen an Deck gekommenen Kapitän fragend und einigermaßen erstaunt entgegenblickte. »Was in aller Welt ist das?« rief er.
»Eine Seewiese!« lächelte der Alte, »und eine sehr unbedeutende sogar. Das, was Sie da sehen, ist der sogenannte Seetang, die bekannte grüne Alge, welche massenhaft in allen Meeren vorkommt. Diese Wiese ist in ihren ersten Anfängen irgendwo vom Grunde losgerissen, weitergetrieben und anderen treibenden Pflanzen begegnet, das alles hat sich verflochten und verfilzt, ist gewachsen und zur ansehnlichen Fläche geworden, bis endlich eine förmliche, treibende Insel entstand. Dergleichen findet man sehr häufig.«
Er rief den Decksjungen und befahl ihm, einige große Stücke Steinkohlen zu bringen. »Sehen Sie her, wie dicht mit der Zeit ein solches Gewebe wird!« fügte er hinzu.
Seine Rechte warf auf das grüne Ufer, an dem man hart vorüberfuhr, eine Kohle, die auf der Oberfläche liegen blieb. Es sah aus, als gleite das Schiff dahin am friedlichen, fruchtbaren Gestade, als sei die Reise eine Fahrt durch den engen, dörflichen Fluß, dessen Ränder Wiesen und Äcker begrenzen. Länger als eine Viertelstunde währte diese Täuschung, dann blieb das Eiland mit seinem saftigen, erquickenden Grün allmählich hinter dem Dampfer zurück, und schon vor Mittag war es den Blicken entschwunden.
Das Diner wurde wie gewöhnlich bei schönem Wetter an Deck eingenommen, der Koch hatte zu den frischgefangenen Krebsen die notwendige Schüssel mit Spargel hergerichtet, dazu gab es von Surabaja her noch Kartoffeln und Hühner; die Mahlzeit war also ganz danach angethan, ihre Teilnehmer besonders zu befriedigen und an die Heimat zu erinnern. Seit länger als anderthalb Jahren befanden sich die Reisenden unterwegs, aus den Stadtkindern von zarter Gesichtsfarbe und lang aufgeschossenem Wuchs waren derbe, sonnenbraune junge Leute geworden; Hans zeigte keine Spuren früherer Kränklichkeit mehr, sein älterer Bruder behauptete sogar, in nicht allzu ferner Zeit ein Rasiermesser anschaffen zu müssen, und selbst Holm hatte sich kräftiger entwickelt, wie alle gesunden Menschen, die viel Seeluft genießen und in weiten Fußwanderungen ihre Muskeln stärken; -- Westafrika, Madagaskar, Mauritius, Ceylon und Java waren durchforscht, Gefahren aller Art bestanden und Schätze des Wissens eingesammelt worden; -- um so häufiger aber dachten die Herzen der Weltumsegler gerade der engen nordischen Heimat; mitten in den Prachtbildern der südlichen Zone erschien ihnen oft im Traume das Antlitz der Vaterstadt, und schöner und entzückender als die Tropen mit aller ihrer Reichtumsfülle deuchte den weit Entfernten der Elbstrand, an dem sich daheim das Elternhaus erhob. --
»Schiff in Sicht!« rief der Matrose am Ausguck, und wenige Augenblicke später fügte Papa Witts Stimme hinzu: »Ist ein Hamburger! -- wahrhaftig, ich glaube sogar, einer von unseren eigenen Dampfern!«
Der Kapitän sprang auf und sah durch das Fernrohr. »Richtig, es ist der »Julius Cäsar«!« rief er, »ich erkenne ihn am Bau.«
Jetzt kam Bewegung in die jungen Leute. Der »Julius Cäsar« war daheim auf Steinwerder erbaut, sie kannten den Kapitän und durften hoffen, noch mehr als ein vertrautes Antlitz an Bord zu entdecken. Das beste aber war, sie würden ganz neue Nachrichten erhalten, würden dieses und jenes erfahren, was zu Hause inzwischen passiert war, und selbst mit denen sprechen können, die das alles angesehen hatten; -- ihre Ungeduld, ihre sehnliche Erwartung stieg von einem Augenblick zum andern. --
»O, Herr Kapitän, wenn nur das Schiff nicht achtlos an uns vorüberfährt!« rief Hans.
»Hat keine Not, mein Junge. Sie beobachten uns ebensowohl als wir sie. Aha, da hörst du es!«
Ein Kanonenschuß rollte über das Wasser dahin, ein zweiter und dritter folgten. Die »Hammonia« war erkannt, der Kapitän vom »Julius Cäsar« grüßte den schwimmenden Bau, der die Söhne seines Chefs über das Weltmeer trug. Noch war die Entfernung für einen Anruf durch das Sprachrohr zu groß, aber dafür antwortete vom Deck unseres Dampfers die Kanone; beide Flaggen wechselten Zeichen, und endlich begann die Unterhaltung. Der »Julius Cäsar« war von einer Hamburger Firma für Batavia gechartert und kam von dort, um nach den Schifferinseln zu gehen, wo er die Rückfracht für Reeders Rechnung einnehmen sollte, er fuhr im Augenblick mit Ballast und würde sich die Ehre geben, der »Hammonia« eine Visite abzustatten.
Nah und näher schwammen die beiden Eisenkolosse an einander heran. Was deutsche Schiffsbaukunst erfunden und deutsche Hände gefügt, das trug in seinem sicheren Schoße jetzt am entgegengesetzten Ende der Erdkugel deutsche Herzen auf unergründlichem Weltmeer einander entgegen; Deutschlands Flagge entfaltete rauschend ihr leuchtendes Schwarzweißrot; hüben und drüben wurden die Hüte geschwenkt; jubelnde Zurufe bekundeten das gegenseitige Erkennen, und dann lagen beigedreht, rastend vom eilenden Laufe, die beiden Gottfriedschen Schiffe Seite an Seite; von jedem Bord senkten sich die Boote ins Wasser, und alles was Urlaub hatte, das machte dem neugewonnenen Nachbar einen Besuch, alles was Stimme hatte, das grüßte die Landsleute, das sprach ein Wort des Willkommens, der Freude.
Vor wenigen Monaten waren ja die Leute vom »Julius Cäsar« noch in Hamburg gewesen; der Kapitän hatte den Papa und die Mama persönlich gesehen, sie gesund und glücklich verlassen; er berichtete hundert Einzelheiten von zu Hause und wurde doch unaufhörlich nach allem Möglichen gefragt, mußte über die geringsten Kleinigkeiten Auskunft geben und beinahe mehr antworten als er Atem hatte. Die Matrosen auf beiden Schiffen erhielten einen freien Tag und eine Extraration Rum; die Handharmonika wurde hervorgeholt, in aller Eile ein bißchen für den äußeren Menschen gethan, und dann entwickelte sich auf dem engen Raum des Verdeckes ein lustiges Tänzchen, wobei die Leichtmatrosen als Damen galten, aber trotzdem ihren Anteil an Grog und Kautabak bestens entgegennahmen. In der Kajütte wurde bei Kaffee und Kognak geplaudert, während die alten heimatlichen Melodieen, die Hamburger Straßenklänge über das weite Wasser dahinschallten und die derben Stiefel der Mannschaft den Takt vernehmlich stampften.
»Drucks nicht so, drucks nicht so, -- Kommt 'ne Zeit, bist wieder froh!« --
Die Reisegenossen sahen einander an. Wie oft hatten sie es erfahren!
Und leise, leise fielen sie ein in die bekannten Strophen. Es lag doch in diesem Wiedersehen auf hohem Meere außer der Freude auch ein stiller, beinahe feierlicher Ernst. So nahe dem Tode, nur durch eine schwache Wand von der Tiefe getrennt, durch die ganze Erdkugel von der Heimat und allen Lieben geschieden, an den höchsten Zielen der Menschheit, ihrer wissenschaftlichen Aufklärung mitarbeitend und selbst das Höchste genießend, was wenigen Glücklichen beschieden ist, sich frei und ungehemmt, vom äußerlichen Druck der Verhältnisse unberührt, nach Wunsch und Bedürfnis einrichten zu können, -- wie lagen hier die ernsten, schwerwiegenden Kontraste des Lebens so nahe bei einander, wie gingen untrennbar verflochten Hand in Hand die edelsten geistigen Genüsse und die vollkommenste Selbstentäußerung tausend und abertausend Beschwerden gegenüber.
Der Abend dämmerte schon, und die Sterne bezeichneten den Kurs, als endlich an den Aufbruch gedacht wurde. Wie viel Neues hatten nicht die Wanderer erfahren, mit wie vielem Stolz und Vergnügen hatten sie gehört, daß hinter den Gittern des Zoologischen Gartens und im Museum alle ihre Sendungen, namentlich der reiche Fang von Mauritius den Landsleuten als ein Teil der gemachten wissenschaftlichen Ausbeute täglich vorgeführt wurde. Die großen seltenen Muscheln waren unbeschädigt, die ausgestopften Tiere wohlerhalten angelangt, die lebenden erfreuten sich des besten Gedeihens; Kapitän Hollberg hatte daheim in Hamburg jedes einzelne gesehen und bewundert; auch das erste Buch von Franzens Reiseerinnerungen, lauter Bleistiftskizzen aus dem Urwalde, im Zelt oder auf hoher See gefertigt, war mit dem Postdampfer richtig angekommen, Mama zeigte es mit Stolz allen Freunden des Hauses, und sämtliche Klassenkameraden ihres Sohnes drängten sich, um darin blättern zu dürfen.
Noch immer anderes, immer mehr gab es zu berichten, und doch mußte jetzt die Trennung erfolgen. Ein herzliches Lebewohl wurde ausgetauscht, ein Glückauf von Bord zu Bord, die Ziehharmonika ging unvermerkt über in die Melodie von »Muß ich denn, muß ich denn zum Städtle hinaus!« -- Die Dampfmaschinen begannen abermals ihre Thätigkeit, nach rechts und links wandte das Steuer den schlanken Bau, und die Flaggen wehten Abschiedsgrüße.
»Übers Jahr, übers Jahr, wenn ich wied'rum komm!« sangen die Matrosen; von hüben und drüben dröhnten die Kanonen den Baß, und weiter und weiter dehnte sich zwischen den Schiffen das blaue, bewegliche Element. -- Nichts mehr zu erkennen jetzt, die Abendschatten umhüllten mit ihren Schleiern jegliche Form, nur zuweilen flog ein Seevogel über das Deck dahin, und eintönig schlugen, immer drei und drei, die Wellen gegen den Rumpf; sonst alles still, so still wie nach einem Abschied das Herz zurückbleibt, -- einsam und heimlich schauernd.
Franz suchte den Malagaschen. Der war eigentlich heute ganz vernachlässigt worden, man hatte seiner vergessen, als so plötzlich die Heimat ihre Boten sandte. Rua-Roa saß hinter der Kombüse und sah mit gekreuzten Armen über das dunkle Meer hinaus; Franz erschrak, als er das blasse Gesicht seines Freundes heimlich beobachtete; er legte ihm die Hand auf die Schulter. »Woran denkst du, Rua?« fragte er halblaut.
Der Malagasche zuckte leicht. »Waren das deine Brüder, Herr?« sagte er nach einer Pause. »Männer aus deinem Lande?«
Franz nickte. »Warum hast du dich so ferngehalten, Rua?«
Der junge Mensch seufzte. »Ich dachte so an manches, Herr; du mußt nicht glauben, daß ich mein Vaterland vergessen habe, aber -- -- dahin möchte ich doch nie wieder.«
»Warum nicht? Wenn du ein Christ geworden bist und deutscher Unterthan, dann kann niemand mehr deine persönliche Freiheit beschränken.«
Der Malagasche sah ihn an. »Niemand, der Gesetze kennt und Gesetze achtet, Herr, aber meine Brüder sind arme Wilde, sie würden den entlaufenen Sklaven den Krokodilen vorwerfen. Ein Sklave hat keine Heimat!«
»So hast du sie da, wo ich die meinige besitze, Rua!« sagte innig der Sohn des Millionärs. »Du rettetest uns allen das Leben, seit dieser Stunde bist du mein Bruder.«
Und der Malagasche lächelte, obgleich sich in seinen Augen schwere Thränen gesammelt hatten. Die Musik und die Wiedersehensfreude der anderen weckten in seinem Herzen, ihm selbst unbewußt, das schlummernde Heimatsgefühl, er dachte an die Bambushütten und die bunten Wolldecken, an das feierliche Krokodilgericht und Lani-Lameh den Zauberer, der einst seine ersten Begriffe gelenkt, der ihm gesagt, daß die Welt eine runde Scheibe sei, schwimmend im Urmeer, und Madagaskar darin die Mitte; daß sich in das Gebiet der bösen Gewalten hinauswage, wer ein Schiff besteigt und die Ufer der Erde verläßt, ja und daß irgendwo tief verborgen Zannaar der Weltgeist in einer Höhle wohne, in unsichtbaren Räumen, nie erspäht von Menschenaugen, nie zu finden, so lange auch Sterbliche suchen mögen. -- --
Jetzt kannte er die Irrtümer aller dieser Anschauungen, jetzt wußte er, daß Lani-Lameh ein schlauer Spitzbube sei und die Hovas arme Wilde, aber doch hatte es ihm heute so eigen weh ans Herz gegriffen, und er dachte heimlich: »Ich möchte ein großer Vogel sein und einmal über die stillen Dorfhütten dahinfliegen, -- nur einmal!« --
»Du bist mein Bruder!« wiederholte Franz, »mein lieber, guter Bruder.«
Der Malagasche nickte, aber auf die weiße Hand, welche ihn liebkoste, fielen warme Thränen.
* * * * *
Das Zusammentreffen mit den Landsleuten hatte in den Gemütern der jungen Reisenden ein Gefühl zurückgelassen, das fast dem Heimweh glich. Der Doktor suchte die Trauer der Knaben durch milde Worte zu verscheuchen, allein es gelang ihm nur halb. Holm dagegen meinte: »Doktor, das beste Mittel gegen Betrübnis ist und bleibt die Arbeit, vergessen wir nicht, zu welchem Zwecke wir die Reise unternommen haben. Auf, ihr jungen Argonauten,« rief er, »verlangt uns auch nicht nach dem goldenen Vließe, so steht unser Sinn doch nach den Schätzen des Meeres, die es in seinem weiten Schoße birgt. Laßt uns sehen, was das Schleppnetz an das Licht der Sonne fördert. Nutzen wir Zeit und Gelegenheit.« Ein engmaschiges, lang dahingestrecktes Netz, dessen Vorderseite mit einem schweren, eisernen Rahmen versehen war, wurde am Spiegel des Schiffes hinabgelassen und folgte auf dem Grunde des Meeres nachschleifend der »Hammonia«.
Nach zwei Stunden rascher Fahrt wurde es in die Höhe gewunden, und von diesem Augenblicke an wich die trübe Stimmung der gewohnten Lust zum Sammeln, Beobachten und Präparieren, und auch die alte Fröhlichkeit stellte sich wieder ein.
Das Schleppnetz hatte reiche Beute nach oben gebracht. Holm entdeckte beim Sortieren eine kleine Krebsart, die, kaum einen halben Zentimeter lang, sich durch besondere Zierlichkeit auszeichnete; es war dies der Leuchtkrebs, der zu den vielen Meergeschöpfen gehört, die durch ihren phosphorischen Glanz das Meeresleuchten hervorbringen. Außerdem war ein großer Molukkenkrebs ins Netz gegangen, der, einen halben Meter lang, einer Kasserolle mit langem Stiel glich. Die Wilden bedienen sich der harten, scharfen Schwanzstacheln als Lanzenspitzen. Da diese Krebsart in den Aquarien nicht selten ist, beschloß Holm dies Exemplar nicht mitzunehmen. Es wurde daher der Tiefe wieder übergeben. Von Schnecken fand sich die seltene Birnenschnecke vor, über deren inneren Bau noch mancherlei verschiedene Ansichten herrschen und die daher sogleich in Spiritus wanderte, um für das Seziermesser aufbewahrt zu werden. Die Eischnecke war ebenfalls unter der Beute. Holm erklärte, daß dieselbe früher bei den Einwohnern von Korea in hohen Ehren gestanden habe, denn nur die Vorfechter im Kampfe und diejenigen Krieger, welche einige Köpfe von erschlagenen Feinden aufweisen konnten, durften das Gehäuse um den Hals oder im Haarschopf tragen.
»Also eine Art von Orden für Tapferkeit,« meinte Hans. Holm lächelte und sagte: »Nicht ganz übel gedeutet.« Dann machte er die Knaben auf eine eigentümlich geformte Nacktschnecke aufmerksam, die er als »Seehase« bezeichnete. Von den vier Fühlhörnern streckten sich zwei in horizontaler Richtung vor, um den Weg und die Nahrung zu betasten, zwei derselben glichen dagegen in ihrer aufrechten Stellung einem Paar großer, löffelförmiger Hasenohren, denen das Tier auch seinen Namen verdankt.
Holm setzte den eingefangenen Seehasen in eine Bütte mit frischem Seewasser, in dem er sich alsbald wohl sein ließ. Hierauf sagte er zu Franz, nachdem sie das Tier genugsam betrachtet hatten: »Fasse den Seehasen einmal an.«
»Bei den Löffeln wie ein Kaninchen?« fragte Franz.
»Ganz wie dir beliebt,« antwortete Holm, »nur gib genau Obacht auf die Veränderungen, die mit diesem seltsamen Geschöpfe vor sich gehen.«
Franz griff in das Wasser, um den Seehasen zu erfassen.
Kaum aber hatte er das Tier berührt, als dasselbe eine dunkelviolette Flüssigkeit absonderte, die es wie mit einer undurchsichtigen Wolke umhüllte und den Blicken aller entzog.
»Es versteckt sich,« rief Franz.
»Dieser violette Farbstoff dient dem Seehasen als Schutzmittel gegen seine Verfolger, in derselben Weise, wie sich auch der Tintenfisch durch Ausspritzen einer braunen Flüssigkeit zu schützen sucht, die im getrockneten Zustande von den Malern als Sepia zum Tuschen gebraucht wird.«
»Läßt sich der Farbstoff der Seehasen nicht auch zu ähnlichen Zwecken verwenden?« fragte Hans.
»Man kann allerdings mit demselben Seide und Wolle violett färben,« entgegnete Holm, »aber trotzdem wird aus diesem Grunde keine Jagd auf ihn gemacht, denn derselbe Farbstoff, den der Seehase in seinem Organismus erzeugt, wird in Europa alljährlich in Hunderten von Zentnern fabrikmäßig hergestellt und zwar aus dem Steinkohlenteer. Genaue Untersuchungen haben ergeben, daß der Farbstoff des Seehasen nichts anderes ist als -- Anilin-Violett.«
»Wir müssen diesen Anilinfabrikanten des Meeres mitnehmen,« rief Franz.
»Gewiß,« antwortete Holm, »zumal diese Art von jener im Mittelmeer lebenden bedeutend abweicht. Eins ist aber zu bedenken. Wenn wir den Seehasen in Spiritus legen, so löst dieser den Farbstoff auf und färbt die Weichteile der übrigen Geschöpfe, welche wir in denselben Behälter thun, ohne Gnade violett. Er muß daher in einen Glashafen für sich gelegt werden und warten, bis er Gesellschaft von seinesgleichen erhält.«
Also geschah es auch. Die übrigen Schnecken wurden in der bereits bekannten Weise gereinigt und verpackt.
Mit den Fischen mußte allerdings anders verfahren werden, denn sie verlieren im Spiritus zum größten Teil ihre Farbe.