Part 26
Aber die Eingebornen schüttelten mit den Köpfen, obgleich sämtliche Knaben ihre Bitten der des jungen Gelehrten hinzufügten. »Die Fremden wissen nicht, was ein Gewittersturm in den Bergen zu bedeuten hat; es ist ein Spiel um Leben oder Tod. Felsblöcke werden herabgerissen, Bäume niedergebrochen, der flache Gebirgsfluß wird zum tosenden Strome, die Blitze bedrohen alles, was lebt. Wir müssen schleunigst die sichern Höhlen aufsuchen.«
»Sind die denn weit von hier?« fragte Franz.
»Nein, im Gegenteil ganz nahe.«
»So laßt uns aufbrechen,« ermahnte der Doktor. »Diese Leute kennen doch das Land und das Klima besser als wir.«
Holms und des Knaben Blicke begegneten sich. Beide nickten wie im Einverständnis, und dann ritt die kleine Schar unter Vortrab der Javanen tiefer in das geklüftete Gebirge des Gunong Morio hinein, bis nach vielleicht fünf Minuten eine enge, dunstige Höhle erreicht war. Hoch in die Wolken erhob sich über der niederen Wölbung die Felskuppe; dichte, moosbewachsene Wände sicherten vor allen möglichen Angriffen; massive granitne Pfeiler stützten eine Art von Vorhof, und weiterhin gegen das Innere öffnete sich Gang nach Gang, aber die Luft war drückend, weshalb alle beschlossen, so lange als thunlich draußen zu bleiben.
Die Eingebornen entzündeten mehrere Wachskerzen und warnten dann die Reisenden, sich über eine bestimmt bezeichnete Grenze nach rechts hinaus zu wagen. Ein sonderbarer Anblick wartete hier der staunenden Beschauer; überall war der Steinboden durchlöchert und zerklüftet, überall schoß unter demselben in wildem Toben ein Gebirgsbach zu Thal, etwas weiter hin als breiter, glänzender Wasserfall über rundgeschliffene, glatte Wände in den Abgrund stürzend, tausend kühle Tropfen den Wandernden entgegenspritzend, jene köstliche, unnachahmliche Frische des kalten Quellwassers der heißen Luft mitteilend, schön und großartig im wechselnden Licht der Kerzen, donnernd und grollend, gleich einem fernen Gewitter.
»Morgen können Sie sich, wenn sie schwindelfrei sind, bis an den Abhang hinauswagen,« erklärte der Führer, »die Felsblöcke liegen sicher, aber am Abend ist die Sache unmöglich.«
Es blieb also nur übrig, unter dem Rauschen und Brodeln des Falles, unter dem leise anhebenden Singen des erwachenden Sturmes die Ruhe zu suchen und einstweilen auf weitere Ausflüge zu verzichten. Man speiste, die Pferde wurden etwas weiter draußen in einer der Vorhallen an Bäume gebunden und die Wolldecken ausgebreitet. In einer Höhle lagen sämtliche Javanen, in der zweiten die Weißen; von wilden Tieren hatte sich nichts gezeigt, der Sturm heulte sein großartiges Wiegenlied, langgezogener murrender Donner erhob die Stimme, und rauschend in schweren Tropfen fiel der Regen herab. Die Augen der Menschen schlossen sich, obwohl zuweilen falber Schein den Wolkenschleier zerriß, und einzelne Stöße brüllend und schnaufend den gewaltigen Anlauf des Orkanes verrieten. Bis hierher drangen weder Regen noch Sturm, dies Dach ließ keine Tropfen durchsickern, diese Wände konnten dem Anprall aller Erdenkräfte Trotz bieten. -- Das Gefühl der Sicherheit schläfert ein, Leib und Seele wiegen sich in Schlummer, alle Spannung ist gelöst, die Augen fallen zu, ehe es der Träumer weiß.
Holm und Franz schliefen nicht. Als es rings umher still geworden war, schlichen sie zusammen unter tausend Gefahren und Mühen auf dem Wege zum Moro Api zurück. Jene hüpfenden Flammen bildeten den Punkt, nach welchem sich ihre Schritte lenkten, und unbekümmert, ob ihnen der Sturm die Sprache raubte und der Regen ihre leinenen Kleider bis auf die Haut durchnäßte, drangen sie vorwärts. Der Aufruhr aller Elemente war von wilder Schönheit. Einmal draußen, dem Schutze der Felsmauern entrückt, hörten sie Sturm und Donner im unentwirrbaren Tonganzen ihre betäubende Stärke entfalten, Blitz auf Blitz zerriß die drückende Luft, schwefelgelb und bläulich fuhren Zacken und Strahlen über den Horizont dahin, und hochauf spritzten die Wellen des Flusses. Das Schönste von allem aber blieben die Flammen des Moro Api. Unausgesetzt drang aus dem vulkanischen Erdinnern das Gas hervor und unausgesetzt entzündete es sich durch die Berührung mit der atmosphärischen Luft, wieder und wieder schlugen züngelnde Feuer aus den Spalten herauf, vom Wind erfaßt, sobald sie entstanden waren, hierhin und dorthin entführt, in zahllose Teilchen gerissen, bald klein, bald groß, bald in dieser, bald in jener Form. Bis auf die höchsten Punkte der Klippen jagten einander die Luftgestalten, nicht mehr spielend, gaukelnd wie vorhin in der linden, stillen Gewitterluft, sondern tobend wie toller Märchenreigen, wie eine Schar entfesselter Höllengeister, die sich erfassen und wieder verlieren, die einander wutentbrannt folgen und im Kampfe zum Knäuel verschlungen untergehen.
Der Sturm blies mit vollen Backen unter die Flüchtenden. Hier malte er aus dem zitternden weißen Flämmchen ein Menschenantlitz und dort ein laufendes, langgestrecktes Tier, hier einen Riesenvogel mit ausgebreiteten Schwingen und dort ein Zwergenmännchen mit Keule und Schild; überall aber hetzte und verfolgte er die lockere Schar, Klippen hinauf und Klippen herab, durch Schlünde und Abgründe, über schmale Brücken und auf einsamen Pfeilern, überall zerriß er die glänzenden Lichter in Streifen und Fetzen.
Dazwischen schlugen Blitze in das Wasser und zuweilen in die höchsten Bäume des Waldes. Erschrockene Vögel flatterten ängstlich durch den Sturm, Papageien kreischten wild mit anderen Vögeln um die Wette, hier und da stürzte ein Jahrhunderte alter Riese, im Falle zahllose Rankengeflechte zerreißend und das Wasser hoch aufspritzend, daß ganze Schauer die beiden jungen Leute überfluteten. Zu sprechen war unmöglich, sie konnten sich, hinter den letzten Ausläufern des Gebirges einigermaßen geschützt, nur durch Zeichen verständigen, ihre Haare flogen wild um die Köpfe, das Zeug klebte am Körper, die Stiefeln waren schwer wie Blei, und bei jedem neuen Windstoß überlief eine unangenehme Kälte die Haut. Sich jetzt in die Wollendecken zu hüllen, und an trockener, geborgener Stätte ausruhen zu dürfen, mußte doch recht behaglich sein! Einer hinter dem anderen krochen sie, das Schauspiel der ewigen Flammen nur ungern verlassend, Schritt für Schritt im Toben des Wetters zum Lagerplatz hinauf, länger als eine Stunde brauchend, wo vorhin fünf Minuten, freilich auf den Rücken der behende kletternden Pferde, genügt hatten. Noch schlief alles, selbst da, wo die Eingebornen lagen, rührte sich nichts, und auch die Tiere waren merkwürdig still. Wenn irgend ein Angriff kam, traf er die Gesellschaft durchaus unvorbereitet.
Holm ging zu der etwas entfernten Stelle, wo die Pferde standen; helle Blitze zeigten ihm den Weg, er konnte nicht irren. Merkwürdig, daß sie so still blieben! --
Jetzt war er da, gewiß, er erkannte deutlich den Baum, an welchem er sein eigenes Tier befestigt, aber dennoch -- von den Pferden keine Spur.
Zehn Schritte weiter und das Plateau fiel steil ab ins Thal. Wohin waren die Tiere gekommen? -- Ein furchtbarer Gedanke durchzuckte sein Inneres, im Nu stand er vor der Schlafstätte der Eingebornen; -- auch hier alles leer.
»Franz!« rief er mit unterdrückter Stimme. »Franz!«
»Nun? -- Was hast du, Karl?«
»Sieh her, die Javanen sind mit den Pferden über die Berge. Auch sämtliche Lebensmittel haben sie mitgenommen.«
Die beiden sahen einander starr vor Schreck ins Auge. Das war hier, wo es die gefährlichsten Raubtiere in furchtbarer Anzahl gab, ein schwerer, ja entsetzlicher Schlag. Ohne Pferde ließ sich bei den meilenweiten, von Alanggras bedeckten Ebenen und namentlich bei den Wegen über zackigen, abschüssigen Boden die Rückreise gar nicht denken.
»Laß die anderen schlafen, Karl,« sagte endlich der Knabe. »Sie erfahren es morgen immer noch früh genug. Und nebenbei, -- ich habe auch einen Gedanken, der mich wenigstens über das Ärgste tröstet. Wir werden bald neue Führer wieder haben, wenn auch für wahre Unsummen.«
»Weshalb glaubst du das, Junge?« fragte voll Erstaunen der andere.
»Nun, die Lumpenkerle müssen doch mit ihrer Flucht irgend einen Plan verbinden! Sie haben gleich anfangs im Dorfe einigen anderen aufgegeben, ihnen zu folgen und die Stelle verabredet, wo sie uns mitten im Urwaldsgebirge verlassen wollen. Wenn die Lage bedenklich wird, erscheinen von ungefähr ein paar dieser gelben Schurken und erbieten sich, uns gegen doppelten Führerlohn nach Surabaja zurückzubringen, -- das ist alles beschlossene Sache, und der Raub wird gütlich von den Spitzbuben geteilt.«
Holm lachte. »Wahrhaftig, du kannst recht haben,« antwortete er. »Dann ist es ohne Zweifel das beste, hier zu bleiben und die Helfershelfer der gelben Betrüger zu erwarten. Einstweilen aber laß uns schlafen, -- ich bin todmüde.«
Der Malagasche wurde geweckt und ihm, der nun schon einige Stunden geruht, die Wache übertragen, in welcher ihn gegen Morgen Hans als letzter in der Reihe ablöste. So verging die Nacht, und am folgenden Morgen saßen alle einander gegenüber, hungrig und ratlos, in schlimmster Laune. Hier zu bleiben war ganz notwendig; aber wovon leben? Wovon nach der Überschwemmung der letzten Nacht ein Feuer entzünden? Allerdings hatten die Gewehre im Trocknen gestanden, auch ließ sich leicht dieser oder jener Braten erlegen, aber er mußte roh gegessen werden, und das war äußerst unangenehm.
Der Doktor blieb als Hausherr und Platzkommandant allein in der Höhle zurück, wohlversehen mit Pulver und Blei, aber sonst auf die Sicherheit zwischen den Felswänden und seine eigene Vorsicht angewiesen, -- die vier jungen Leute zogen aus, um Lebensmittel herbeizuschaffen. Wasser gab es da oben genug, man brauchte sich nur zu bücken, um es in köstlicher Klarheit zu erhalten, aber dafür stieg auch der Hunger von Stunde zu Stunde.
Das erste was heraufgeschafft wurde, waren Kokosnüsse; ihnen folgten die Eier verschiedener Vogelarten, Beerenfrüchte, eine kleine Schildkröte und endlich ein Hirsch, dessen Ziemer Franz im Schweiße seines Angesichtes keuchend nach Hause schleppte. Dann begann die Thätigkeit des Doktors. Er mußte mit dem Taschenmesser das Fleisch schaben; einige kleine Zwiebeln, die im Thale wuchsen, wurden dazu gehackt, das Ganze mit Salz und Pfeffer, welche jeder einzelne bei sich führte, reichlich vermengt und nun gegessen, dazu Nußkern und rohe Eier.
»Der Mückenkuchen auf Madagaskar schmeckte schlechter!« meinte Holm.
»Der Flußpferdbraten in Dahomey war zäher!«
»Das Dürsten im Kaplande weit schrecklicher!«
»Ja, das ist wahr!« sagten wie aus einem Munde alle Anwesende.
»Nun, so laßt uns dies rohe Fleisch mal ohne Bitterkeit verzehren. Vielleicht schmeckt auch das Fleisch der Schildkröte im Naturzustande erträglich.«
»Wenn nur vor Nacht die Eingebornen wirklich kämen!« seufzte der Doktor. »Eure Berechnung könnte auch täuschen!«
»Ganz unmöglich, bester Doktor. Franz hat recht, es ist auf Plünderung abgesehen; ich glaube aber nicht, daß sich die Javanen blicken lassen werden, ehe wir durch Hunger und Gefahren tüchtig mürbe gemacht worden sind. -- Einstweilen wollen wir den Rest des Fleisches in die Schildkrötenschale legen und einsalzen. Franz, du bist wohl so gut, die Eier und die Nüsse in eine sichere Ecke zu bringen; ich denke, wir essen zur Nacht nur frische Früchte, ihrer besseren Verdaulichkeit wegen. Hans und Rua-Roa haben vortreffliche Melonen und Erdbeeren heraufgebracht, sie müssen davon noch mehr holen.«
Das geschah, und so zog durch die angestrengte, körperliche Thätigkeit sowohl als auch durch das Zureden Holms einige Ruhe und Zufriedenheit in die Herzen wieder ein. Gegen Abend, als noch ein paar erlegte Vögel und ein Hase die Vorratskammer anfüllten, als sich Berge von Beeren und Eiern häuften, gewann sogar die alte fröhliche Reiselaune die Oberhand. Zwei von den jungen Leuten sollten wachen, zwei schlafen, und am folgenden Morgen wollte man auch ein Feuer entzünden. Die heißen Sonnenstrahlen des letzten Tages hatten Zweige und Gräser vollständig getrocknet, Wachskerzen und Streichhölzer waren genug vorhanden; also ließ sich mit Recht erwarten, daß die Eier hart gekocht und das Fleisch gebraten werden könne. Von dem Gepäck der Weißen hatten die Javanen nichts mitgenommen, daher fand sich auch der Blechkessel nebst Pfanne noch vor, ebenso Gabeln und Löffel; alles wurde schönstens an den Wänden der »Küche« geordnet, trocknes Holz und Gras herbeigeholt und Steine zum Herd aufeinander gelegt. Was von Insekten, Fledermäusen und Schlangen in den Winkeln umherkroch, das beförderte ein schneller Griff mit dem künstlich aus Gras und Reisern hergestellten Besen in die Tiefe des Wasserfalles hinab oder in die Freiheit des Hochwaldes hinaus, und als so das Haus wohl bestellt war, setzten sich die beiden ersten Wachhabenden, Holm und Hans, mit geladenen Kugelbüchsen unter den Eingang, während die übrigen schliefen.
Das ungewisse Licht des Mondes fiel zuweilen in die Schluchten hinein, zuweilen versteckte es sich unter Wolken und ließ alles in um so schwärzerer Dunkelheit zurück; die Baumkronen flüsterten und rauschten, reife Früchte fielen von den Zweigen, und mehr als eine Tiergattung zeigte sich den Blicken. Affen plünderten die Fruchtbäume, namentlich die Tamarinden; Schuppentiere mit ihrem sonderbaren länglichen und von dreieckigen Panzerplatten bedeckten Körper verfolgten emsig die Ameisen und Termiten in den unteren Schichten des bewaldeten Berges; kecke, gefräßige Wanderratten gingen dem Geruche der frisch geschlachteten Tiere nach, und nicht selten erschien sogar zähnefletschend ein grauer Affe oben auf dem Berge.
Die beiden jungen Leute plauderten halblaut. Hans war es im Stillen zufrieden, daß die Weltreise jetzt zur Hälfte hinter ihm lag, er sehnte sich nach geordneten bürgerlichen Zuständen und sprach mit dem Freunde über dessen eigene fernere Pläne, als stärker und stärker werdend, aus dem Thale ein Geräusch herauftönte. Es klang wie der Schritt vieler kletternder, scharrender Füße, ja sogar Laute, die dem lechzenden Atem eines jagenden Hundes glichen, durchdrangen erkennbar die nächtliche Stille. Holm und Hans sprangen auf, ihre Gewehre lagen im selben Augenblick schußgerecht, sie riefen mit lauter Stimme die anderen.
Vielleicht hatten diese überhaupt nicht so ganz sicher geschlafen; in wenigen Augenblicken standen alle kampfbereit den Genossen zur Seite. Wo aber war nun der Feind? -- Weit und breit zeigte sich kein lebendes Geschöpf.
Holm legte den Finger auf die Lippen. »Still! von da unten her kam es. Ich bin meiner Sache ganz sicher.«
Auch Hans bestätigte, daß lebende Wesen im Anzuge sein müßten; alle Glieder der kleinen Gesellschaft horchten daher gleich gespannt, beobachteten mit gleicher Aufmerksamkeit den breiten Paß, durch welchen heraufkommen mußte, was sich ihnen in ihrer Felsenburg als Besucher nahen wollte. Eine Viertelstunde verging in dieser Weise ohne irgend ein Ergebnis zu bringen; schon wurde flüsternd beraten, ob es nicht das Klügste sei, einige Schüsse abzufeuern und so die Tiere, welcher Art sie wären, zur Flucht zu veranlassen, als ganz plötzlich in dicht gedrängten Haufen die Angreifer auf dem Kampfplatz erschienen. Wilde Hunde, vielleicht zwanzig bis dreißig an der Zahl stürmten den Berg hinan; die roten, lechzenden Zungen hingen aus den Mäulern hervor, die Augen funkelten bösartig unter den langen, struppigen Haaren; die Gestalten waren durchweg mager und von Mittelgröße; die Erscheinung sowohl dem Fuchs als dem Wolfe ähnlich und das Fell von schmutzig rötlicher, schwarzgesprenkelter Färbung. Die Meute, sonst vor dem Menschen flüchtend, war von dem Geruch der oben aufgespeicherten Tiere angelockt worden und wälzte sich jetzt gleich einer Lawine durch den Gebirgspaß heran, dabei von den Männern durchaus keine Notiz nehmend, sondern unter einander kämpfend und beißend um das frische Fleisch. Alle diese dunkeln Gestalten waren zum Knäuel geballt; ein Bellen und Schreien, ein Toben und Stürzen, das wahrhaft betäubend wirkte, lähmte jeden Entschluß. Menschen und Tiere rangen um den engen Raum des Felsens, Menschen und Tiere vermischten ihre Stimmen zum unentwirrbaren, dämonischen Lärm.
Wieder war es Franz, den die ungestüme Leidenschaft hinriß, einen argen Fehlgriff zu begehen. Er legte an und schoß ohne zu zielen in den Haufen der wilden Hunde hinein. Jetzt kam, was kommen mußte! Wütend gemacht durch den plötzlichen Angriff, wandten sich die Tiere den Jägern zu, und es entspann sich ein Kampf, bei dem die Männer schießend und schlagend, ja sogar mit ihren großen Messern stechend bis an die Felswand zurückwichen und nur unter Aufbietung aller Kräfte das Leben retteten. Während die Hunde niemals ihrerseits angegriffen hätten, wurden sie durch den ersten Schuß in Wut versetzt und kannten nun keine Scheu mehr. Rechts und links füllten ihre Leichen, ihre zuckenden, schwer verwundeten Körper den Weg, aber auch sämtliche Männer bluteten. Der Doktor hatte eine Wunde im Oberarm, Franz war gefallen und in die Schulter gebissen, Holms Stiefel klaffte weit aus einander, während der Fuß blutete, und Hans seinerseits hatte genug zu thun, um mit der arg zerfetzten Rechten überhaupt noch Notwehr zu leisten. Nur der Malagasche war gut davon gekommen. Auf einen Felsblock springend und von dort schießend, kämpfte er tapfer mit, ohne selbst in Gefahr zu geraten, der Instinkt des Wilden leitete ihn an, vorerst für seine Person Deckung zu suchen.
Als etwa eine Viertelstunde erbitterten Kampfes verflossen war, als Blut von allen Seiten über das Gestein herabtroff, wichen die letzten noch überlebenden Hunde, von Schüssen und Kolbenschlägen verfolgt, verwundet und heulend, kaum ein Viertel jener stattlichen Anzahl, die den Berg mit eiligen Sprüngen erstürmt hatte; jetzt erst konnten die Weißen im Schutze der überhängenden Wände ihre Kerzen entzünden und den erlittenen Schaden feststellen. Eine wahre Wüstenei breitete sich vor ihnen aus. Tierleichen, Stücke zerfetzter Körper, geronnenes und fließendes Blut, Büschel Haare, alles stapelte über- und neben einander, alles zusammen bot einen trostlosen und grauenhaften Anblick, dessen Beseitigung jetzt die erste Sorge sein mußte.
Nachdem die Wunden einen notdürftigen Verband erhalten, ging man ans Werk. Gewehre und Decken, kurz alles Gepäck wurde in eine der inneren Höhlen geschafft, und dann befahl Holm, aus einzelnen Felsblöcken vor dem Eingang derselben eine Art Barrikade mit Schießscharten herzustellen. »Der entsetzliche Blutgeruch bringt uns ohne allen Zweifel auch von den Tigern und Wildkatzen noch einen Besuch,« seufzte er. »Also rasch! wir müssen den Zugang verrammeln, ehe der Feind eindringt.«
»Sollen wir denn bis zum hellen Tage da drinnen gefangen sitzen, Karl?«
»Hättest du nicht so voreilig geschossen, dann wäre es überflüssig, mein Bester!« war die etwas scharfe Entgegnung.
Franz wechselte die Farbe. Er hatte längst seinen Irrtum erkannt und beeilte sich daher jetzt so viel als möglich wieder gut zu machen. Den Schmerz in der Schulter verbeißend, half er eifrig die zerstreut umherliegenden Blöcke auf einander zu schichten, und so eine breite Mauer herzustellen, die, nach außen hin etwas geneigt, jeden, der etwa an ihrem Bau rütteln würde, sogleich unter schweren, stürzenden Massen zerschmettern mußte. Nur ein kleines Schlupfloch ließen die emsig Schaffenden offen, einen schmalen Gang, durch den sich einer nach dem anderen hineindrängen konnte, und dann begannen sie die Tierleichen in den Abgrund zu stürzen. Der Besen fegte Ströme von Blut in das Wasser hinab, während Kochkessel und Bratpfanne unaufhaltsam frische, reinigende Fluten schöpften und nachspülten. Es galt ja den gefährlichen, verderbenbringenden Blutgeruch schnellstens zu entfernen.
»Schlafen können wir in dieser Nacht nicht mehr,« erklärte Holm. »Kommt mir nach, wenn draußen das Hauptsächlichste geschehen ist, und dann müssen zwei von uns den Eingang, die übrigen die Schießscharten mit geladenem Gewehr bewachen.«
»Für so unvermeidlich hältst du den Angriff, Karl?«
»Ich fürchte, ja. Der Wind trägt die Ausdünstungen des geronnenen Blutes hinab in das Thal, wo ohne Zweifel eine Menge Raubkatzen leben. Auch die Hunde waren ja schon dadurch heraufgelockt, wie ich überzeugt bin.«
Man widersprach ihm nicht; vielleicht trieb auch der Gedanke an einen Kampf mit Königstigern zur größtmöglichen Beschleunigung des angefangenen Werkes; _diese_ Zähne richteten doch ganz andere Verwüstungen an, als die der wilden Hunde.
Nach wenigen Minuten fanden sich alle in dem engen Raume versammelt. Jetzt stand der Vollmond über dem Gebirge, alles in bläulichem und silbernem Glanze badend, jede Schlucht erhellend: die Nacht war still, als sei die ganze Schöpfung nur ein einziger, großer Tempel; fliegende Frösche glitten durch die Luft, und fernher zwischen den Bäumen glitzerte im Thale wie ein Irrlicht das Moro Api.
Da schlichen zwei Gestalten den Berg herauf, kurze Schatten werfend, vorsichtig mit gespitzten Ohren und spähenden Blicken. Voran die größere, das Männchen mit dem braungelben, gestreiften Fell und dem abstehenden Bartkranz um das kluge Gesicht, leicht erhoben die Vordertatze und zurückgelegt über den Rücken den glatten Schweif, -- es sog die Luft ein, witterte, es duckte sich wie zum Sprunge -- da hinter den Steinen atmeten Menschen!
Ihm nach schlich das Weibchen. Weniger derb gebaut, ohne Bart und minder kräftig gezeichnet, war es doch nicht minder blutdürstig, glühten auch seine Augen wie Kohlen im gelben, falschen Glanze des Katzengeschlechtes. Ein leises Brummen, ein Lechzen der Zunge verrieten die Kampflust, welche beide beseelte.
»Aufgepaßt!« raunte Holm. »Doktor, Sie nehmen mit Hans zugleich das Weibchen aufs Korn -- wir drei das Männchen. -- Feuer!«
Die Schüsse krachten, Pulverdampf drohte die Eingesperrten zu ersticken, ein wildes Heulen durchdrang die Luft, und außen wälzte sich das Weibchen des Tigers sterbend im letzten Kampfe; auch das Männchen war getroffen, von allen drei Kugeln sogar, aber trotzdem nicht tödlich. Eine Wendung, die es im entscheidenden Augenblick gemacht, hatte das Ziel verrückt und die Schüsse, anstatt in Kopf und Brust, vielmehr nur in die Beine und den oberen Teil des Rückens eindringen lassen.
Jetzt erst war die Gefahr nahe. Während drinnen in fieberhafter Eile die Büchsen wieder neu geladen wurden, sprang der gereizte Tiger außer sich vor Schmerz und Wut gegen die aufgeschichteten Steine, mit seinen gewaltigen Pranken die Blöcke niederreißend, so nahe, so furchtbar nahe, daß die Eingesperrten seinen heißen Atem auf ihren Stirnen fühlten. Zwei Kugeln trafen in seine Brust; immer noch lebte er, und immer mehr Blöcke riß er herab, rasend, schäumend vor Wut. -- --
Noch Sekunden und er war drinnen. --
Da geschah, was Holm bei Anlage der Mauer berechnet hatte, sie stürzte und begrub unter ihren hundertpfündigen Blöcken den schlanken Leib des Tigers. Wenige Minuten hatten hingereicht, um die beiden gefährlichen Raubtiere zu töten.
»Welche Nacht!« seufzte der Doktor. »Die ärgste von allen -- unser Leben hing am seidenen Faden!«
»Und ist trotzdem immer noch nicht außer Gefahr,« ergänzte Holm. »Wer weiß, ob diese beiden Bestien die einzigen hier in der Nähe waren.«
»O und die furchtbare Luft.« -- --
Franz drängte sich hinaus ins Freie. Er und der Malagasche zogen den Tiger unter dem Steinhaufen hervor und schleppten beide Leichen etwas weiter den Berg hinab; dann wurde die Mauer wieder hergestellt, und wachend in unbehaglichster Stimmung der Tag erwartet. Aber es erfolgte kein weiterer Angriff, nur vereinzelte wilde Katzen erschienen und suchten sich noch irgend welcher Überreste zu bemächtigen: diese ließ man, aller Jagdlust bar, unbehelligt laufen. Müdigkeit, Hunger und Erschöpfung waren zu groß, um irgend einer anderen Empfindung Raum zu gestatten.