Das Naturforscherschiff oder Fahrt der jungen Hamburger mit der "Hammonia" nach den Besitzungen ihres Vaters in der Südsee.

Part 25

Chapter 253,492 wordsPublic domain

Alle diese kleinen, gelben, beweglichen Menschen mit wenig schönen Gesichtern und struppigem, grobem Haar, schienen sorglos in den Tag hinein zu leben, ihre Arbeiten möglichst oberflächlich und träge zu bewerkstelligen und den Besuch der Fremden in ihren Dörfern sehr gern zu sehen. Von der zurückhaltenden Würde der Singhalesen, von ihrem religiösen Gefühl und ihrem Stolz war nichts zu entdecken, vielmehr boten alle, selbst die Kinder, den Weißen dieses oder jenes zum Kauf an, umdrängten sie und ließen nicht ab, bis ihr Besuch im Schauspielhause für denselben Abend zugesagt war. Die jungen Leute trauten ihren Ohren kaum. Ein Schauspiel unter den Wilden auf Java! Das übertraf allerdings die kühnsten Erwartungen. Mit gespanntem Interesse nahmen alle ihre Plätze in der großen, leicht und luftig erbauten, für die Wandertruppe auf dem Dorfmarkt errichteten Bude; die seltenen Gäste bezahlten hier zwar ihre Plätze verhältnismäßig höher als im teuersten europäischen Opernhause, aber dafür bot sich auch etwas nie Gesehenes, wobei nur die Gehörsnerven empfindlich litten. Die Musik war nämlich nichts mehr und nichts weniger als ein Höllenlärm, wobei der Ganelang (ein Glockenspiel) noch außerdem durch die beständige Wiederholung desselben Tones wahrhaft betäubend wirkte. Als das Schauspiel begann, jubelten und lachten, schrieen und jauchzten alle Zuschauer laut durch einander, so daß aus den Tönen rings umher ein Gewirr, Tosen und Brausen entstand, in dem jede Einzelheit verloren ging. Freilich hätten die Europäer ohnehin dem Gange des Stückes nicht folgen können, da ihnen das Verständnis der javanischen Sprache gänzlich fehlte, aber dennoch gehörte eine tüchtige Gesundheit dazu, um dies »Vergnügen« ohne Schaden zu ertragen. Der Doktor klopfte auf Holms Schulter, seine Bewegungen sagten deutlich: »Ich bin einem Schlaganfalle nahe, lassen Sie mich hinaus!« und Holm telegraphierte zurück: »Gehen Sie allein! ich stehe in der Brandung und werde aushalten.«

Dann verschwand der alte Herr, die Knaben stimmten mit der ganzen Heiterkeit ihres glücklichen Alters in den Jubel und Trubel mit ein, nur Rua-Roas Gesicht wurde länger und immer länger. Er begriff nicht, was da vorging, er hielt die Szene für Wirklichkeit und wollte durchaus einem von Panthern und Tigern verfolgten Eingebornen zu Hilfe eilen, was natürlich den Frohsinn der übrigen nicht weniger steigerte. Auf der Bühne wurde indessen der Spektakel immer ärger. Ein Held im vollsten einheimischen Putz, klirrend von Blech, Messing, Perlen und Schnallen, bunt von Malerei, mit grimmigen Gebärden und laut brüllendem Tone, besiegte alle möglichen Ungeheuer, während ein zitterndes, flüchtendes Mädchen bald auf die Kniee fiel, bald sang und einen sonderbaren Tanz vollführte; andere Gestalten flogen dazwischen, ein Zweikampf fand statt, wobei der Besiegte in wirklicher Wirklichkeit durchgebläuet wurde, und zuletzt schloß das Ganze mit einem Tanz, bei welchem die Schauspieler jeder nach seinem Belieben ohne Takt oder Ordnung nur wilde Sprünge und Lärm vollführten.

Als sich unsere Freunde draußen wiedersahen, als ihnen vom Lagerplatz her der Doktor mit teilnehmendem Gesicht entgegenkam, da lachten alle, daß ihnen die Seiten weh thaten. Einmal in einem Javanesentheater und nie wieder! Sie hatten sämtlich das Gefühl, als stehe eine Mühle, deren Rauschen und Dröhnen bis dahin ihre Nerven betäubt, jetzt plötzlich still.

»Kinder, genießt erst ein wenig,« ermahnte der alte Herr, »die Nüchternheit der landesüblichen Speisen wird euer Blut bestens abkühlen. Reis ohne Fett oder Gewürz und ein trockener Fisch, das ist alles, was sich auftreiben ließ.«

Man erstand gegen teuren Preis von den Eingebornen dazu einige Kokosnüsse, und dann nach beendetem Mahle wurde die Nachtruhe gesucht. Franz und Holm lagen in der Nähe der offenen Thür auf ihrem Mattenlager, als plötzlich der Knabe die Schulter seines Lehrers berührte. »Du, Karl, ich bitte dich, hier fliegt alles, was anderswo auf vier Beinen läuft. Sieh doch einmal dorthin, ein Hund -- große Frösche, alles segelt durch die Luft.«

Die beiden jungen Leute sahen vor ihren Augen ein Bild sich entrollen, das allerdings seltsam genug war. An den Zweigen hingen Tiere von nicht völlig einem halben Meter Länge und mit dunkelbraunem, dicht behaartem Körper, der in eine vollständige Hundeschnauze auslief. Hundeohren, Hundestirn und große gutmütige Hundeaugen, alles vereinte sich, um die Täuschung zu vollenden; erst der schwarze mantelartige Hutschirm über dem ganzen Körper, die Flugbreite von wenigstens 1¾ Meter verrieten die Fledermaus, deren riesigstes Exemplar, der Kalong oder fliegende Hund, hier massenhaft vorkam. Rechts und links schossen die großen Tiere durch die Luft, an allen Fruchtbäumen in den Gärten hingen ihre langen Krallen; kein Zweig, keine Sorte blieb unbenascht. Die sonderbaren Tiere mußten sehr friedlicher, zahmer Natur sein, da sie sich so in die unmittelbare Nähe der menschlichen Wohnungen wagten.

»Ob ich schieße?« zögerte Holm. »Haben möchte ich ein solches Exemplar um jeden Preis, aber man weiß nicht, wie die Sache aufgenommen wird.«

»Hm, -- im Freien darf man am Ende doch schießen.«

Nach kurzem Besinnen kletterte der junge Gelehrte zur Thür hinaus und wollte eben hinter einer Palme Posto fassen, als, wie aus dem Boden gewachsen, mehrere Eingeborne vor ihm standen. »Was wünschest du, Herr?« hieß es.

Holm blieb ganz gelassen. »Einen Kalong zu schießen,« versetzte er. »Weiter nichts.«

»Dann lege dich nur ruhig wieder schlafen, Herr. In allen Hütten leben zahme Kalongs, du kannst sie kaufen.«

»Desto besser. Gute Nacht, mein Freund!«

Und Holm schwang sich in die treppenlose Thür wieder hinein. »Siehst du,« raunte er, »wir werden bewacht. Umsonst gibt es hier nichts, auch keine Jagdfreiheit, wie mir scheint; die Eingebornen betrachten uns wie ihre gute Beute.«

Er legte sich wieder hin, heimlich geärgert von den vielen, die Fruchtbäume nach Herzenslust plündernden Kalongs, die er nicht schießen durfte; endlich aber lachte er doch mit dem Knaben und zwar über die großen Frösche, welche zahlreich unter den Bäumen einher flogen. Zwischen den Zehen befand sich eine Haut, und der ganze Körper war zur dreifachen Größe aufgebläht; unten gelb, oben grün mit schwarzen Schwimmhäuten, segelte das unförmliche Geschöpf wie ein Pfeil durch die Luft, während eine kleine Eichhörnchenart lustig von einem Baume zum anderen hüpfte und sich die Nüsse schmecken ließ. Kleinere Fledermäuse schwirrten zu Tausenden umher.

Allmählich kam der Schlaf und verwischte im bunten Durcheinander des Traums die verschiedenen wechselnden Bilder dieses Tages; es ruhte sich bequem auf den weichen Matten, und unsere Freunde erwachten erst wieder, als die Sonne hoch am Himmel stand.

Jetzt überzeugte sich Holm von dem Vorhandensein zahlreicher gezähmter Kalongs; er kaufte daher vorerst noch keinen derselben, sondern beschloß diesen Handel bis zum Rückwege hinauszuschieben. Es galt heute, eine der Gifthöhlen Javas zu besehen. Während des ganzen Tages ritten die Weißen mit ihren Begleitern über schattenlose, meilenweit gedehnte Grasflächen, auf welchen ihnen Spuren von Rhinozerossen, Hirschen und Wildschweinen begegneten; dann kam eine dürre, felsige Gegend; himmelhohe Abhänge, grünbewachsene, von den wundervollsten, farbenprächtigsten Vögeln belebt, erhoben sich zu beiden Seiten des steinigen, abschüssigen Weges; Papageien, Pfauen, Turteltauben, der wilde Hahn, der Ziegenmelker, der Reisdieb, der Manuk Kasu, ein entzückend singender, kleiner Vogel, und endlich die Schwalbe, welche jene berühmten eßbaren Nester baut, alle flatterten und flogen, hüpften und standen unter den schönbelaubten Bäumen verschiedenster Art, inmitten zahlloser blühender Orchideen und anderer wuchernder Zierpflanzen. Die Krone von allen aber bildete der Königsparadiesvogel. Sechs Zoll lang, mit tiefpurpurnem Gefieder, einem breiten, grüngoldenen Querband auf den Flügeln, grünen Seiten, grüner Brustbinde und weißem Bauche, erschien er den Reisenden einigemale auf flüchtige Sekunden und in ziemlicher Entfernung, dann war er davongeflogen, ehe noch ein Schuß ihn ereilen konnte. Das Gefieder blitzte im Sonnenlichte wie mit Edelsteinen übersäet; besonders die spiralförmig gewundene Schwanzfeder war von überraschender Schönheit.

»Der Manukodiata,« sagten die Eingebornen, deren Pfeile ebenso rasch und ebenso vergeblich angelegt wurden, wie die Gewehre der Weißen, »seine Federn machen hieb- und schußfest in allen Schlachten.«

Dadurch war denn das seltene Erscheinen des Vogels genügend erklärt. Wenn ihn die Eingebornen als Federbusch auf dem Kopfe tragen, so mußte wohl seine Ausrottung schnell genug von statten gehen. Die unschönen Weibchen zeigten sich häufiger. -- Noch mehrere andere Spielarten derselben Gattung wurden wahrgenommen: der rote und der stolze Paradiesvogel, aber keine war zu erlangen; ebenso Schmetterlinge vom schönsten, prächtigsten Farbenspiel und der karmoisinrote Pirol. Weiterhin durch die Ebenen jagten stampfend Herden von wilden Stieren, hoch hinauf in das ewige Blau ragten die Felsgipfel und südlich kosende, von Blumendüften erfüllte Luft fächelte die Stirnen. Es war eine Erholung für alle Sinne, nach dem meilenweiten Ritt durch das Alanggras, jetzt in dieser wundervollen Umgebung Auge und Ohr schwelgen, die angespannten Kräfte träge ruhen zu lassen. Bisweilen wurde der Weg zwischen den hohen, oft von Staubbächen überrieselten Gebirgswänden so eng, daß die Pferde eins hinter dem andern gehen mußten; weicher Halbschatten, linde, wohlthuende Dämmerung lag dann auf der blühenden Landschaft. Häufig fanden sie an den Zweigen der Büsche jene seltsam gestaltete Gespenstschrecke, welche die dornfüßige genannt wird, und deren Vorkommen bis jetzt nur auf Java beobachtet wurde. Das mit stummelhaften Flügeln ausgerüstete Weibchen derselben wird bei einem Leibesdurchmesser von etwa einem Zentimeter gegen zweiunddreißig Zentimeter lang und besitzt eine braungraue Farbe. Den Kopf kann dieses Tier in eine tiefe Ausbeugung der vorgestreckten Vorderbeine legen und sieht dann in der Nähe einem dürren Aste zum Verwechseln ähnlich. Diese Ähnlichkeit des Tieres mit dem Orte, an welchem es sich aufzuhalten pflegt, findet sich bei den Kerbtieren nicht selten und ist als ein Schutzmittel zu betrachten, das die Natur auch diesen ihren Kindern verliehen hat, um sie vor den Augen der Feinde zu verbergen. Bei Nacht verzehren sie die Blätter des Unterholzes, bei Tage dagegen ruhen sie von ihrer nächtlichen Arbeit aus und können nur dann leicht erkannt werden, wenn sie vorwärts kriechen. Man hat die Gespenstschrecken auch wandernde Äste genannt. Holm war erfreut, diese seltene und seltsame Art vorzufinden, und da sich günstige Gelegenheit bot, wurden viele Exemplare derselben gesammelt, um teils trocken aufgespießt und mit Tabaksaft vergiftet, teils in Spiritus aufbewahrt zu werden. Die Vogelwelt war auf das reichste vertreten. Goldglänzende Pfauen schlugen ihr Rad, vom Nest lockte das Turteltäubchen und auf blumengeschmückten Ranken wiegte sich die buntgefiederte Schar. Ein kleiner, scheuer Hirsch, der Kantschil, erschien auf unnahbarer schwindelnder Klippe; ein Affe lugte aus verborgenem Schlupfwinkel hervor; vom Baume warf mit wütenden Gebärden der graue Manjet-Affe die reifen Früchte den Vorüberreitenden nach, und aus dem Felsspalt zischte die pantherartig gefleckte, wilde Katze. Überall reges Leben der Wildnis, überall Tiere und der Krieg des einen Geschöpfes gegen das andere; hier Termiten, die geschäftig bauten, dort das Schuppentier, welches die eben fertigen Wohnungen zerstörte und die kleinen braunrändigen Baumeister zu Hunderten verspeiste; dazu auf allen Bäumen, in allen Höhlen und Spalten Fledermäuse ohne Zahl. Der Blick irrte von Schönheit zu Schönheit, von Reiz zu Reiz, hier lagen ganze Beete blühender Orchideen, dort brauste ein Gebirgsbach durch die Schlucht; hier senkte sich das Thal zur tiefen dunklen Mulde, dort führte der Weg über zackige, scharf am Abgrunde dahingleitende Bahnen.

Hinauf, immer weiter hinauf in den rauschenden Hochwald, stundenweit empor, bis die Nacht kam und zum Ausruhen zwang. Affen in ganzen Scharen bevölkerten die Bäume, Stier und Nashorn brüllten in den Ebenen, Schlangen krochen durch das Gras, neugierige Eidechsen wagten sich ganz in die Nähe des Lagers, und schöne Stachelschweine wurden ohne viele Mühe eingefangen. Am nächsten Morgen ging es weiter, immer bergan, bis allmählich die Landschaft ihren Blütenglanz und ihr Tierleben verlor. Große Adler traten an Stelle der Pfauen und des Pirol, Bergziegen weideten das spärlicher gewordene Grün, und einmal erhob sich aus dem Gestrüpp fast vor den Füßen der Pferde ein großer Königstiger. Noch ehe einer der Männer schießen konnte, war er mit ungeheurem Satz hinter den nächsten Gebüschen verschwunden; nur sein wütendes Brüllen schallte über die Umgebung dahin. Ein einzelner Mann, selbst zu Pferde, wäre von der gereizten Bestie in Stücke zerrissen worden; der größeren Anzahl gegenüber wagte sie keinen Angriff.

Einer der Führer deutete hinauf in die Luft, wo sich auf halber Höhe des Berges eine Art Lücke, eine Unterbrechung der glatten Wand zeigt. »Das ist Pakaraman, das Totenthal!« sagte er feierlich.

»Da oben auf der Höhe?«

»Ja. In einer Stunde werden wir dort sein. Gefahr ist um diese Zeit nicht dabei.«

»Wie kommt es,« sagte Franz, »daß das Totenthal nicht immer seine tödliche Wirkung auf die Besucher ausübt?«

»Dieses Thal,« antwortete Holm, »liegt in unmittelbarer Nähe von Vulkanen, und in demselben sammelt sich von Zeit zu Zeit Kohlensäure an, welche von vielen Vulkanen fast ununterbrochen ausgehaucht wird. Diese Kohlensäure -- ihr kennt sie alle als das perlende Gas, welches in dem bekannten Selterswasser enthalten ist -- wirkt eingeatmet auf die Lungen als tödliches Gift. Wenn nun kein Luftzug sich regt und die vulkanischen Ausdünstungen sehr heftig sind, so sammelt sich im Grunde der trichterförmigen Schlucht so viel Kohlensäure an, daß der Besuch derselben gefährlich wird. Wenn dagegen die Ausströmung des Gases sich vermindert und ein starker Wind in die Schlucht dringt, so kann dieselbe ohne schlimme Folgen betreten werden. Übrigens,« fuhr er fort, »gibt es auch in Europa eine Grotte, deren Boden etwa ein bis zwei Fuß hoch mit Kohlensäure bedeckt ist, die, weil ihr spezifisches Gewicht das der atmosphärischen Luft an Schwere übertrifft, sich nur unten aufhält.«

»Ah, ich weiß schon,« rief Franz, »es ist die Hundsgrotte bei Neapel. Der Mensch betritt sie, ohne von der Kohlensäure belästigt zu werden, Hunde dagegen, die man mitnimmt, ersticken, weil ihre Atmungsorgane sich im Bereich des giftigen Gases befinden, sobald sie auf den Boden gesetzt werden.«

»Ganz recht,« bestätigte Holm. »Die Ursachen beider Merkwürdigkeiten sind dieselben, nur die Form, in der sie sich äußern, ist eine verschiedene.«

Der steil ansteigende Weg wurde in beschwerlichem Ritt auf den kleinen javanischen Pferden zurückgelegt, und dann standen die Wanderer vor einem überraschend schönen Anblick. Ein breiter blauer Strom sandte seine Wellen zu Thal, Krokodile, Leguane, und Wasserschlangen bevölkerten die röhrichten Ufer, und zur Seite des rollenden Stromes senkten sich die Bergwände zum tiefen, trichterförmigen Kessel. Eine breite Rundung gab den Blick frei in die schwindelnde Tiefe des Totenthales. Zuweilen entströmen hier der Erde so furchtbare Ausdünstungen, daß alles Pflanzen- und Insektenleben während einer einzigen Nacht zu Grunde geht, zuweilen grünt und blüht es da unten bis zum mittelsten flachen Kreise von etwa fünf Metern Durchmesser; dieser innerste, unterste Fleck ist gleichsam durchseucht von dem Gift in seinem Schoße; er trägt nie einen grünen Halm, nie eine Blüte; auf ihm lastet ewig unfruchtbare Dürre.

Die Pferde wurden an Bäume gebunden, und Holm und Franz mit dem Malagaschen versuchten das Hinabsteigen, während Hans und der Doktor oben blieben. Die Führer kletterten voran, an ihren Ledergürteln lange Knotenstöcke tragend, die bei dem Wege bergab für die Weißen als Stützen und später bergan als Handhabe dienen sollten. Oben am Rande wuchsen von allen Seiten knorrige, wildverschlungene Baumstämme über die Schlucht hinaus, der Pfad bergab lief schräg an der Felswand hin, das helle Tageslicht fing schon nach den ersten fünfzig Schritten an, in Dämmerung gehüllt zu erscheinen. Große Eidechsen schlüpften über das Gestein; eine kalte Luft wehte von unten herauf.

Die Javanesen und der Malagasche sprangen mit jener überlegenen Geschicklichkeit der wilden Völker ziemlich ohne Mühe von Ast zu Ast, von Klippe zu Klippe bis auf den untersten Grund hinab; weniger leicht folgten ihnen die Europäer. Nur mit blutenden, geschundenen Händen gelang es diesen letzteren, die dunkle Tiefe im Schoße des Berges überhaupt zu erreichen; klopfenden Herzens standen sie unter dem gewaltigen Eindruck einige Augenblicke sprachlos; nur mit Mühe konnten sie in der kalten, schweren Luft Atem schöpfen. Hundert Meter hoch über ihnen lag auf dem Rande der finsteren, unheimlichen Schlucht blitzend und glühend das Sonnenlicht, kaum erkennbar, nur wie ein funkelnder Streif, von den schwarzen Tiefen hier unten gänzlich ausgeschlossen, keinen Strahl hinabsenkend, keinen warmen Hauch, kein noch so schwaches Leuchten.

Wahrlich, das Totenthal verdiente mit Recht seinen Namen. Der gleiche beklemmende Eindruck, den es verursachte, lag auf allen Teilnehmern dieser gefährlichen Expedition. Als in Holms Hand die mitgebrachte Wachskerze aufflammte, beleuchtete ihr schwaches in der Kellerluft da unten kaum die nächste Umgebung erhellendes Glimmen lauter blasse Gesichter und ernste Mienen. Es war doch ein seltsames Gefühl, so von allen Lebenden getrennt, abgeschieden von Luft und Licht, da unten allein in schweigender Öde die nassen Wände und die verkümmerten wenigen Gewächse anzusehen, letzte Spuren der Pflanzenwelt, letztes welkes Grün, grau und fahl gesprenkelt, kaum noch lebend, ohne Saft und Mark am verknoteten dürren Rankgeflecht. Eine große Schlange glitt ringelnd über das verwitterte Gestein dahin, Unken und Frösche glotzten aus den Winkeln, Eulen mit runden gelben Augen schossen auf, gespenstigen Fluges die Stirnen der Männer streifend; auch hier schwirrten Fledermäuse wie Mücken im Sonnenschein.

Holm brach zur Erinnerung an die Stunde im Bauch des Hexenkessels, dessen todbringender Hauch schon so oft Verderben über die Umgebung gebracht, vom Gestein der Wand ein Stück, das er in die Tasche steckte, ebenso aus dem mittleren, wüsten Bodengrund etwas Kies; dann wurde der Rückweg angetreten.

Jetzt ging es leichter; die schweren Stöcke der Eingebornen dienten den Weißen als eine Art von Treppengeländer; sie hielten sich, wo es nötig war, daran fest und gelangten so nach und nach an die Oberfläche, wo schon der Doktor und Hans ungeduldig gewartet hatten. »Nun, nun,« drängte ersterer, »ihr seht ja aus, als sei euch da unten -- der Himmel vergebe mir die Sünde! -- der leibhaftige Teufel begegnet!«

Holm lächelte. »Da unten aber ist's fürchterlich!« citierte er. »Ich möchte doch um keinen Preis die Tour noch einmal machen. Und du, Franz?«

Der Knabe schauderte. »Mir ist es immer noch, als fühlte ich die kellerkalte, drückende Luft,« antwortete er.

Nur die Eingebornen waren sehr gleichmütig; sie hatten die Fahrt in den Höllenschlund schon mehr als einmal bewerkstelligt und behielten bei der ganzen Sache ausschließlich den Verdienst im Auge. Auch Rua-Roa erklärte, in seiner Heimat oft noch ganz andere Streifzüge unternommen zu haben; er würde sich nicht bedenken, jetzt gleich und zwar allein wieder hinunter zu klettern. Das wilde Element in ihm trat auch so recht zu Tage, als es galt, an der entgegengesetzten Seite des Hochgebirges wieder ins Thal zu gelangen. Der Weg war äußerst beschwerlich, Steinwildnis folgte auf Steinwildnis; erst nach längerem, mühsamen Ringen, wobei die kleinen, einheimischen Pferde, des Steigens gewöhnt, die besten Dienste leisteten und gleitend, rutschend und springend über Abstürze gelangten, vor denen ihre Reiter schaudernd die Augen schlossen, -- verwandelte sich der rauhe Pfad wieder in den bewachsenen, von Bäumen beschatteten Waldweg. Man war immer noch im Gebirge; die Führer vermieden absichtlich das tiefere Thal, und zwar um den Reisenden das »Moro Api« oder ewige Feuer von Java zu zeigen; aber dennoch blühte und grünte üppige Pflanzenwelt rings umher und plätscherte in munteren Sprüngen ein Fluß, der Gunang Morio, zur Seite des Weges dahin. Breiter und breiter dehnte sich die blaue Fläche, mehr und mehr umhüllten die Schatten mit grauen Schleiern das schöne Landschaftsbild. Es wurde dunkler Abend, der Vogelgesang verstummte, die Blumen dufteten stärker, Eulen und Fledermäuse belebten die Luft, Wildkatzen begannen ihre Jagd, Marder von ungewöhnlicher Größe kletterten den Tauben bis auf die höchsten Kronen nach, und fernher schallte das Bellen der wilden Hunde; -- da erschien zwischen den Baumwipfeln ein unsicheres, flackerndes Licht, noch kaum erkennbar; wie ferner Feuerschein, wie wenn jemand mit der brennenden Lampe kommt und geht, ohne an einem Orte zu verweilen.

»Das kann kein Dorf sein,« rief Franz, »sonst müßten ja die Leute im Wasser wohnen. Das Licht schwebt über dem Flusse.«

»Moro Api!« sagten die Javaner.

Neugierig gemacht, eilten die Weißen so schnell als möglich vorwärts, ohne Bedenken den Eingebornen nach, als diese in das Flußbett hineinritten und quer über eine breite, ganz mit Wasser bedeckte Ebene dahinsprengten. Jenseits des murmelnden, silbernen Elementes fing das Gewirre von Klippen und Abgründen wieder an, zerstreute Blöcke und phantastisch geformte Zackenreihen sprangen weit in das Wasser hinaus vor, natürliche Bogen und Säulen wechselten mit senkrecht abfallenden Wänden, und spitze einzelne Felskegel ragten wie Leuchttürme aus den Fluten empor. Dieses ganze wildromantische Bild war erhellt gleich dem Feengarten des Märchens; überall auf Spitzen und Dächern, in den Tiefen und zwischen den Säulen spielten die violetten, purpurnen oder ganz weißen, goldglänzenden Lichter des Moro Api; überall glitten Flammen und Flämmchen, von jedem Luftzug lang aufflatternd wie Bänder, an den Felswänden dahin, die vielzackigen, wunderlichen Formen in ihren Strahlen badend, Schattenbilder malend und über verworrene Trümmer huschend wie Fabelwesen aus uralter Märchenzeit. Wenn zuweilen ein leichter Wind das Wasser kräuselte, dann schwebten die bläulichen und roten Lufttänzerinnen im Kreise empor, gaukelten hierhin und dorthin, beleuchteten plötzlich eine dunkle Spitze oder eine tiefere Schlucht und kehrten dann nickend und sich biegend zu ihren früheren Standpunkten zurück.

Das erhabene Naturschauspiel bannte die Zungen aller; ein fast andächtiges Schweigen beherrschte die kleine Schar. Rings das blaue stille Wasser und darüber in geheimnisvoller Schönheit jene körperlosen, lichtspendenden Wesen, jene ewigen, seit dem ersten Schöpfungsmorgen brennenden Lampen, deren Licht unter allem Wechsel fortglühte und fortglühen wird bis an das Ende, -- alle diese Bilder ließen nur lautlose Bewunderung aufkommen.

»Am hellen Tage,« erklärte endlich einer der Eingebornen, »ist das Moro Api nicht sichtbar oder doch im Sonnenglanz nur sehr schwer zu unterscheiden. Wir müssen uns jetzt aber beeilen, das Nachtlager im Gebirge zu erreichen. Alle Anzeichen deuten auf einen Gewittersturm, wie sie hier zu Lande üblich sind.«

»Können wir denn den Ausbruch desselben nicht gerade an dieser Stelle erwarten?« fragte Holm. »Ich wäre neugierig, die Flammen wie rasende Kobolde an den Felsklippen hinauf klettern zu sehen, ich möchte ihre tolle Jagd im Sturme kennen lernen.«