Part 24
Franz und Rua-Roa schossen unaufhörlich den Fliehenden nach, wenigstens fünfzehn bis zwanzig tote Schakale lagen auf der Walstatt, ebenso viele und noch mehr schleppten sich mit Wunden bedeckt davon, um in den nächsten Gebüschen zu verenden, und wieder andere wanden sich im Todeskampfe zwischen den Dorfhütten. Negerinnen, Kinder und Geflügel waren, um die Wette schreiend und kreischend, entflohen, die Luft ringsumher von Pulverdampf erfüllt und der Boden schlüpfrig vom vergossenen Blut, unter den Bäumen verbanden die Singhalesen so gut sie konnten ihre zum Teil recht bedeutenden Wunden, und vom Spalt her näherten sich die drei, welche dort postiert gewesen, dem eigentlichen Kampfplatz.
Franz und der Malagasche hatten jeder mehrere von den großen Männchen erschossen; sie bedauerten lebhaft, daß es anstatt der wertlosen Schakale nicht lieber Leoparden gewesen; so hätten sie doch wenigstens die Felle als Siegeszeichen aufbewahren können; -- mit den fuchsähnlichen, fahlgelben, rötlichen oder grauschwarzen groben Pelzen war eben gar nichts anzufangen, dennoch aber glühte die Jagdfreude in den beiden hübschen Gesichtern und einstimmig wurde beschlossen, ein Pärchen der jungen Tiere dem Singhalesen abzukaufen und nach Hamburg zu schicken.
Tippoo trieb zum Aufbruch. »Die schwarzen Hunde haben das alles mit angesehen,« versicherte er, »sie wissen nun, was ihrer harrt.«
»Glaubst du denn ganz bestimmt, daß wir noch angegriffen werden, Häuptling?«
Der Singhalese nickte. »Warum wären sonst die Männer fortgegangen? -- Überhaupt leben seit Jahr und Tag die Veddas mit meinem Volk im Krieg; wir erschlagen sie, wo wir ihnen begegnen.«
Holm unterdrückte einen Seufzer. Dieser Kampf mit vernunftlosen Wilden war ihm unerwünscht; er wollte weder die armen, vertierten Geschöpfe in ihrer Existenz bedrohen, noch sich und den Seinen von ihnen Schaden zufügen lassen; aber dergleichen Empfindungen hätte der braune Häuptling durchaus nicht verstanden, es war also besser, sie in sich zu verschließen und dem Unabwendbaren so gefaßt als möglich entgegen zu gehen.
Er wußte, daß dieses Volk die Wurfspieße nicht vergiftete, und vertraute darauf, daß die Feuerwaffen den Sieg bringen mußten; er beruhigte sich also mehr und mehr und vermochte das unbehagliche Gefühl, welches ihn überschlichen hatte, den Knaben gänzlich zu verbergen.
Während des ganzen Tages herrschte drückende Hitze, die sich gegen Abend in einem Gewitter entlud. Der Häuptling hatte auf kürzestem Wege eine ihm bekannte Stelle erreicht, wo sich Felspässe in- und durcheinander schoben, hier eine glatte Mauer den Pfad versperrte, dort eine Höhle das Nachtdunkel ihrer weiten Öffnung den Wanderern unheimlich darbot. Er lächelte grimmig, als im Dämmerlicht des scheidenden Tages die wildromantische Gegend vor seinen Blicken auftauchte. »Das ist Singhalesengebiet,« sagte er, »die Schwarzen kennen es vielleicht gar nicht, aber auch selbst wenn sie bereits hier waren, fehlt ihnen doch jedenfalls nähere Kundschaft über die Örtlichkeit. Sie sollen alle mit dem Tode zahlen.«
Er ordnete nun, den Oberbefehl wie selbstverständlich an sich nehmend, zunächst an, daß keine Zelte oder Hängematten aufgeschlagen würden, daß auch kein Feuer brenne, vielmehr jeder einzelne Mann, so gut er es vermöge, mit Waffen und Kleidern auf dem nackten Erdboden schlafen und mit kalter Kost fürlieb nehmen solle. »Unserer sind alles in allem vierzig,« setzte er hinzu, »der Schwarzen aber vielleicht zweihundert, es ist daher Vorsicht durchaus geboten. Komm, Herr, ich will dir zeigen, wie die Schmutzgesellen in die Falle laufen sollen.«
Er ließ zwei mit Fackeln aus einer Art wohlriechendem Harz versehene Sklaven vorangehen und folgte mit dem jungen Gelehrten in die Höhle, unter deren natürlichem Vorsprung man sich gelagert hatte. Wechselnde Lichter und Schatten trafen eine hohe, gewölbte Decke, Schlangen huschten an den Wänden hin, und Eidechsen schlüpften über das Gestein. Nachtschmetterlinge umflatterten neugierig das ungewohnte, helle Licht, große Eulen streiften schweren Flügelschlages die Köpfe der Wanderer, und Fledermäuse schwirrten nach allen Seiten durch die Luft.
Rechts im Hintergrunde dieser weitgedehnten Höhle zweigte sich ein enger Weg ab, den nur wenige Menschen zugleich betreten konnten. Vorspringende Felsstücke verdeckten ihn dem Auge; -- wer nicht wußte, daß hier ein Pfad hinausführte in den Wald, der mochte tagelang suchen, ehe er ihn fand. Anderseits brauchte nur an der rechten Stelle einer dieser umherliegenden Blöcke etwas verschoben zu werden, und der enge Durchgang existierte nicht mehr.
Tippoo stand still; sein Auge glänzte, seine ganze Haltung war straffer geworden. Er deutete mit der Rechten zum anderen Ausgang. »Dort denken uns die feigen, schwarzen Hundesöhne zu überfallen und uns trotz der Feuergewehre durch ihre Mehrzahl zu erdrücken,« sagte er. »Weißt du, was ihnen dafür zu teil werden soll? Wir flüchten in die Höhle hinein bis an diesen Seitenpfad und locken im Dunkel die Verfolger nach, während uns selbst der Engpaß sicher hinausführt. Sie kennen die Felsen nicht, sie drängen ungestüm vorwärts und wähnen, daß ihre List uns sämtlich in die Falle gelockt hat, -- unterdessen aber sind wir schon auf Umwegen wieder hier, gedeckt durch die großen Blöcke; wir haben das Wild schußgerecht in der Höhle, aus der es kein Entrinnen gibt. Ihr feuert, feuert, bis es drinnen still wird, bis kein Angstschrei mehr die Luft zerreißt, -- Schakale oder Neger, das ist gleichviel; heute morgen bei der Jagd auf die roten Räuber dachte ich an diese Felsen; -- es soll kein Schwarzer entkommen; noch nachgeborne Geschlechter sollen mit Staunen von der Heldenthat Tippoos sprechen, -- die Singhalesen werden ihre Hände baden in dem Blute der schlechten Veddas.«
Als er seine Rede beendet hatte, winkte der Häuptling den Sklaven wieder umzukehren. »Ihr Weißen bleibt zwischen den Felsspalten vorn am Ausgang der Höhle versteckt,« sagte er. »Meine Leute und ich, wir locken die Schwarzen hinein. Erst wenn ihr mich rufen hört, gebt ihr Feuer.«
Holm nickte stumm. Er hielt es für unnötig, jetzt dem braunen Halbwilden zu widersprechen, aber dennoch stand der Entschluß, das beabsichtigte Blutbad um jeden Preis zu hintertreiben, in ihm vollkommen fest. Das »Wie« mußte der Augenblick entscheiden.
Die Fackeln erloschen; im letzten Tagesschein wurde gegessen und getrunken und dann die Ruhe gesucht. Von den Negern war weit und breit keine Spur zu sehen.
Der Donner krachte, Blitze durchzuckten die dunkle Luft, ganze Fluten warmen Regens ergossen sich. Es hätte den unter dem natürlichen Wetterdach Gelagerten ganz behaglich zu Mute sein können, wäre nur nicht der Gedanke an die Schwarzen immer wieder als Störenfried in den Vordergrund getreten. Aber wer konnte denn behaupten, daß sie wirklich in der Nähe waren?
Eintönig rauschte es herab, und eintönig sang in den Laubkronen der Wind; man schloß die Augen, um sich vom Blitz nicht blenden zu lassen; man lebte seinen eigenen Gedanken und spann sich hinein in Traumfäden, die halb Wirklichkeit, halb Phantasiegebilde waren. Stunden vergingen, die Weißen schliefen, draußen am Eingang aber wachten und spähten die Singhalesen.
Tippoo war der Vorderste. Sein Gesicht lag auf dem Arm, er horchte! und als wieder der schwefelgelbe Schein aus den Wolken herabschoß, tauchte sein Blick bis tief in den gegenüberliegenden Waldesschatten. Nein, nein, er hat sich nicht geirrt, dort unter den Bäumen regte es Hunderte von schwarzen Gliedern; es drang im Schutz der Dunkelheit langsam vor, -- jetzt waren sie da, die Veddas, die Verhaßten.
Seine Hand glitt über die Gesichter der Weißen, seine Lippen berührten fast ihre Ohren. »Auf! auf! -- Seid still, wenn euch euer Leben lieb ist!«
Holm hatte sich am schnellsten aufgerafft. »Häuptling,« sagte er, »bleib bei uns. Laß deine Leute die Schwarzen hierher locken und dann habe ich dir einen Vorschlag zu machen.«
»Welchen?« fragte hastig der Singhalese.
»Davon später,« entschied Holm. -- »Ach, sie kommen!«
Wie eine Herde brüllender Teufel stürzten sich die Schwarzen in den Felspfad, welcher zur Höhle führte. Während die bei weitem größere Hälfte der Singhalesen versteckt blieb, entfloh die kleinere auf des Häuptlings Anordnung in das Innere den Negern voran, so daß diese bei dem Schein des Blitzes die weißen Gestalten verschwinden sahen und ihnen mit dem Geheul des höchsten Triumphes nachsetzten. Sie wußten ja, wie sehr ihre Anzahl den Gegnern überlegen war.
Dunkle Massen wälzten sich bergauf, die Höhle konnte viele Hunderte von Menschen fassen; mehr und immer mehr nackte schwarze Körper drängten nach, nun mußten alle im Innern des Berges sein, sie schrieen und jauchzten, heulten und brüllten wie Wahnwitzige.
Jetzt glaubte ihr Unverstand die Singhalesen wehrlos und zitternd im finsteren Winkel zusammengepfropft, jetzt hielten sie sich für die Herren des Schlachtfeldes und begannen ihren Siegestanz, noch ehe ein Tropfen Blut geflossen war. Nahe vor dem Versteck der Weißen am Ausgang der Höhle trieben sie ihre unsinnigen Sprünge, kreischten und warfen die Arme in die Luft, hüpften wie Tollhäusler auf einem Beine hin und her. --
Holms Rechte legte sich mit festem Griff um den Arm des Häuptlings. »Tippoo,« sagte er leise, »willst du Geld verdienen? -- viel Geld?«
Das Wort hatte für den schlauen Gelben einen wahren Zauberklang. »Womit?« fragte er kaum hörbar, atemlos vor Begier, »womit, Herr?«
»Indem du deinen Leuten befiehlst, sich einzeln, verstohlen aus dem Bereich dieser rasenden Teufel zu schleichen und uns in einiger Entfernung an einer bestimmten Stelle zu treffen, Häuptling. Wir fliehen voraus, -- dann haben die Neger im Dunkel unsere Spur verloren. Ich will kein Blutvergießen, Tippoo, hörst du, ich will es nicht. Fünfhundert Rupien sind dein, wenn du thust, was ich verlange.«
Der Häuptling kämpfte einen schweren Kampf zwischen Ehrgeiz und Habsucht. Fünfhundert Rupien waren eine große Summe, aber dennoch, dennoch, -- die Veddas besiegt zu haben, galt noch mehr.
»Herr,« ächzte er unschlüssig, »wenn uns die Schwarzen verfolgen und finden sollten, wäre der Ausgang unsicher, hier dagegen haben wir den Sieg in Händen.«
Er sprach noch, als plötzlich bei dem Schein eines Blitzes ein völlig unerwarteter Anblick sich zeigte und der ganzen Sachlage ein verändertes Antlitz gab. Drinnen in der Schlucht tobte der Höllenlärm der siegestrunkenen Schar, und draußen vor derselben, den Versteckten so nahe als den Schwarzen, funkelten glühende Katzenaugen durch die Nacht, dehnten sich scheckige Glieder und lechzten blutrote Zungen. Zwei große Leoparden streiften mit ihrem heißen Atem die Stirnen der Weißen. -- --
»Tippoo, ich beschwöre dich, gib nach! An diesen Wächtern vorüber können uns die Neger nicht schnell genug verfolgen.«
Der Singhalese schwankte nicht länger. Ein paar Worte, seinem nächsten Sklaven zugeraunt, genügten, diesen zu verständigen; der Mann verschwand schattengleich und ebenso schnell huschten die übrigen den Weg durch die Felsen voran in den Wald hinab. Zwei Minuten später hielt das Dunkel unter den Bäumen die ganze kleine Gesellschaft in seinem Schutz, während die Singhalesen, immer einer nach dem anderen, laufend folgten. Als der letzte zu den Seinigen gestoßen war, verwandelte sich da oben im Berge das satanische Triumphgeheul in die Laute des höchsten Erschreckens. Wahrscheinlich hatten die Leoparden einen plötzlichen Angriff ausgeführt.
Tippoo seufzte. »Schade,« sagte er, »schade, die Gelegenheit war so günstig.«
»Auf,« ermahnte Holm, »auf Häuptling, wir müssen eilen.«
Der ganze Zug setzte sich in Bewegung, erst langsam, des tiefen Dunkels wegen, dann, als dichte Gebüsche den Rückweg deckten, im Schein von dreißig Fackeln so schnell als nur möglich. Gegen Morgen war jede Gefahr, welche von seiten der Schwarzen gedroht hatte, geschwunden.
»Ich möchte ihr Erstaunen gesehen haben,« lachte Franz. »Wie sie wohl suchten und suchten und sich hundertmal an allen Felsecken stießen, gewiß glauben sie jetzt an Zauberei.«
»Natürlich. Da sie fast niemals Weiße sehen, halten sie dieselben ohnehin für Wesen, die mit den bösen Mächten in Verbindung stehen. Eins weiß ich gewiß, daß sie nämlich jetzt wie gehetzte Hasen in ihr Dorf zurückflüchten. Schade, schade, wir hätten einen ganzen Stamm ausrotten können.«
Holm lächelte und nickte mit den Augen dem Doktor, der eben seiner höchsten Entrüstung Worte geben wollte. »Du sollst es nicht bereuen, dich unseren Wünschen gefügt zu haben, Häuptling,« sagte er, »wir werden dir den versprochenen Lohn unverkürzt auszahlen und außerdem auch noch einen anderweitigen für deinen Geldbeutel sehr ersprießlichen Vorschlag machen. Freilich im Augenblick ist uns nichts so nötig als Schlaf.«
Das erkannten alle, und im Schatten hoher Tamarinden und Arekapalmen, eingesungen vom Chor der buntgefiederten Waldbewohner, schlummerten sie diesmal dem Sonnenaufgang entgegen, obwohl freilich aus den regenschweren Zweigen bei jedem Windstoß ganze Schauer von Tropfen herabrauschten und stellenweise alle Kleider durchnäßten. Das konnte nicht nachteilig sein, Luft und Wasser waren warm, der Wind schaukelte die Hängematten wie auf hoher See, die Gefahr lag hinter den kecken Abenteurern, -- sie schliefen bis Mittag, während die Singhalesen längst ein Feuer mit vieler Mühe entzündet hatten und daran ihre durchnäßten Kleider trockneten.
Nach einem erfrischenden Bade wurde die Reise fortgesetzt und das Dorf auf den Bäumen in einigen Tagen glücklich wieder erreicht. Hier kam nun Holms Vorschlag zur Sprache. Er wollte die beiden Matrosen, welche unterdessen eine wahre Küchenrevolution unter den Frauen veranlaßt hatten, in Begleitung einiger Sklaven zum Schiff zurückschicken und den Kapitän auffordern, ohne seine flüchtigen Passagiere nach dem Hafen von Galle zu steuern und dieselben erst da wieder an Bord zu nehmen. »Du, Freund Tippoo,« setzte er hinzu, »bringst uns mit einem guten Gefolge nach diesem Hafenplatz und bekommst dort dein Geld. Ich möchte einmal mit eigenen Augen sehen, wie sich auf einer und derselben Insel Schritt um Schritt die tiefste Vertiertheit des Menschengeschlechts in europäische Kultur verwandelt. Bist du einverstanden, Tippoo?«
Der Singhalese nickte, und so machten sich denn die beiden Teerjacken in Begleitung mehrerer Sklaven, schmerzlich betrauert von der weiblichen Bewohnerschaft des Dorfes, an einem schönen Morgen auf den Weg, während die Herren mit dem Häuptling und einer Schar dienstbarer Geister den Marsch in der Richtung auf Galle antraten. Madame Tippoo und ihre Kleinen hatten reichliche Geschenke erhalten; von dem ganzen sauberen, gastlichen Dorfe ward ein freundschaftlicher Abschied genommen, und sowohl Schakale als auch die jungen, inzwischen tüchtig herangewachsenen Tiger und ein wildes Pfauenpärchen in Käfigen von Bambusgeflecht den Sklaven auf den Rücken geschnallt. Allen denen übrigens, die den Zug zu den Veddas mitgemacht, verabreichten Holm und der Doktor ein anständiges Geschenk, -- Tippoo erlaubte gnädigst, daß sie es annehmen durften.
Und so wurde von Dorf zu Dorf der Weg durch das paradiesisch schöne Land zurückgelegt; erst einzeln, dann immer zahlreicher erhoben sich aus dem Grün der Wälder die stattlichen Kaffee- und Zimtpflanzungen; es erschienen Wirtshäuser, europäische Speisen, weiße Menschen und endlich zwischen Kolombo und Galle schaukelnd im gemächlichen Trott des Viergespanns ein Omnibus. Die Knaben wollten sich bei diesem Anblick ausschütten vor Lachen. Da wo sie noch so kürzlich mit Tigern und wilden Menschen gekämpft, ein Omnibus wie auf dem Pflaster von Hamburg! -- Sie rasteten nicht, bis das Gefährt in Beschlag genommen war, und bis Weiße und Wilde, Raubtiere und kreischende Pfauen sehr zum Erstaunen der Bewohner von Galle auf dem Vierspänner dahergerasselt kamen.
Vorüber an Häusern ohne Fensterscheiben und feste Dächer, vorüber an Menschen von allen Farben, Negern, Chinesen, Weißen, Indoarabern, Malabaren und Singhalesen, bis hinaus zum Hafen. Da lag schon die »Hammonia« vor Anker, da begrüßte Papa Witt mit ein paar tüchtigen Böllerschüssen die Ausreißer, da fanden sich Briefe von Hamburg und da dehnte man so recht nach Herzenslust die Glieder in bequemen Betten wieder aus.
Tippoo wurde von dem Kapitän mit allen Ehren empfangen. Man gab ihm auf dem Schiffe ein Gastmahl, an dem die Offiziere aller im Hafen liegenden hamburgischen Fahrzeuge teilnahmen. Er aß auch bei dieser Gelegenheit keinen Braten und trank keinen Wein, aber man sah, wie sich sein Häuptlingsstolz geschmeichelt fühlte, wie er erhobenen Hauptes durch die Straßen ging, als wolle er sagen: »Seht, ich bin der, dem zu Ehren die Weißen ein rauschendes Fest veranstalteten.«
Nach einem herzlichen, beinahe innigen Abschied von dem Manne, der auf einem Baum wie ein Vogel wohnte, der ein Wilder war und doch ein so redliches, ehrenhaftes Herz besaß, nachdem Tiere und Briefe mit dem Postdampfer abgesandt und die Haufen von Blumen, Pflanzen, Insekten und Strandgeschöpfen, welche man gesammelt, erst vorläufig untergebracht waren, lichtete das Schiff die Anker und steuerte den Sundainseln zu.
Neuntes Kapitel.
»Kapitän,« meinte Holm eines Morgens, während der Dampfer den Sundainseln zusteuerte, »Kapitän, ich hätte Ihnen einen Vorschlag zu machen.«
»So lassen Sie hören, mein Bester.«
»Ich möchte, ehe wir später nach Australien gehen, noch -- bis zur südlichen Barriere vordringen.«
»Daß dich!« rief voll Erstaunen der Alte. »Weiter nichts?«
»Nein Kapitän, weiter nichts. Das Geheimnis des Südpols mag immerhin noch unentdeckt bleiben, aber bis an das Packeis wollte ich doch gern kommen. Wir brauchen auch die Tiefseegeschöpfe der kalten Regionen, wir möchten Walfische und Robben, Eisberge und die Brandung der unzugänglichen Macdonaldinseln kennen lernen. Ein paar Monate werden es ja thun.«
»Gewiß,« nickte der Kapitän. »Kleine tausend Meilen, was will das sagen?«
Alles lachte. Daß sich aber der gutmütige Führer dieser Expedition nicht sträuben würde, die allen Seeleuten so außerordentlich unliebsame Tour nach dem Südpolarkreise wirklich zu unternehmen, wußten sie trotzdem. Die Knaben entwarfen bereits lange Listen solcher Gegenstände, welche für die Tage des Frostes und Schneefalles unerläßlich waren, nämlich große Mäntel aus Schaffellen, Pelzstiefel und Pelzmützen, Fußdecken und ein Käfig für die beiden Affen, denen das Spiel im Tauwerk doch leicht zu ungemütlich werden könnte. Das alles sollte in der nächsten Hafenstadt gekauft werden, ebenso Harpunen und solche Vorräte, die durch außerordentlich hohe Kältegrade nicht leiden. »Es muß köstlich sein, einmal wieder nach Herzenslust zu frieren,« meinte Franz. »Wenn ich Schnee fallen sehe, dann -- könnte es mich überrumpeln wie Heimweh.«
»Nicht wahr, zu Hause ist's doch am besten?«
»Möchtest du denn immer auf Reisen bleiben, immer fremd am fremden Orte, ohne eine Heimstätte, die dir gehört, Karl?«
»Gewiß nicht, mein lieber Junge. Andere Gegenden haben vielleicht hohe Reize, aber die Heimat hat doch den höchsten. Für den Grönländer sowohl wie für den Tropenbewohner.«
»Ob man sich aber nicht wieder hinaus sehnen wird in die bunte Ferne, Karl, ob man, nachdem an Auge und Geist die Schönheit aller Länder vorübergezogen, noch wieder ruhig in Hamburg im engen Kontor sitzen und -- Profit und Schaden gegen einander abwägen kann?«
Holm lächelte. »Ich hoffe es,« antwortete er nur.
Damit war die Unterhaltung beendet, namentlich weil man mit dem Schleppnetz fischen und die Tiefe untersuchen wollte. Was an bereits eingefangenen Krebsen und genießbaren Flossenträgern mit herauf kam, das wanderte in die Küche, alles andere dagegen wurde präpariert und verpackt, die Würmer, Schnecken, Quallen und die hübschen Anemonen, ebenso einige seltene Fische und einmal sogar eine kleine Wasserschildkröte, deren Art Holm völlig unbekannt war.
So zog die »Hammonia« wochenlang durch den blauen Indischen Ozean dahin, erst südlich von Sumatra, dann längs der Küste von Java nach Norden.
Als der Hafen von Surabaja nach glücklicher Fahrt erreicht war, wurden Pferde gemietet und unter Begleitung von Malaien die neue Reise angetreten. Da hier die Eingebornen an den Verkehr mit Europäern vollständig gewöhnt und nirgends mehr wild waren, so gestaltete sich alles leichter, obwohl freilich Kapitän und Steuermann den Ausziehenden rieten, vor dem treulosen, hinterlistigen Charakter der Malaien auf ihrer Hut zu sein. »Sie sind sämtlich falsch wie Galgenholz, die gelben Kerle,« sagte Papa Witt. »Ihren Profit kennen sie wie Juden, und Gewissen haben sie nicht mehr, als ein schlitzäugiger Chinese, -- nun hüten Sie sich vor Schaden.«
Die Summe, welche der Anführer der kleinen Schar als Bezahlung empfangen sollte, wurde verabredet, ein Teil davon als Handgeld gegeben, und dann begann der Ritt durch weite Ebenen, in denen Reis, Mais, Indigo, Tabak und Baumwolle üppig gediehen. Alle diese Felder waren nett und sauber gehalten, die Wege gut im Stande, künstliche Kanäle hindurchgeleitet und von wilden Tieren keine Spur zu erblicken. Am interessantesten erschienen die Wohnhäuser der Malaien. Rund wie Bienenkörbe aus Bambus und einer anderthalb Meter langen Grasart, Alang-Alang genannt, künstlich geflochten, standen sie auf Pfählen 1¾ Meter hoch über dem Erdboden und waren ganz regelrecht von Zimmerleuten erbaut. Die Pfähle steckten in einer Entfernung von 1½ Meter im Boden und bildeten einen Kreis im Durchmesser von 10 Meter, während die Wand selbst vielleicht 3 Meter Höhe hatte. Das Dach wurde von drei Balken getragen und zeigte einen hübschen, wie eine Veranda gestalteten Vorbau, in dem jedesmal mehrere Vogelkäfige hingen, sowie ein eng bevölkerter Bienenkorb, dessen stachellose Insassen die Javanesen mit Wachs und Honig versorgen. Den Fußboden dieser nur für Verheiratete gebräuchlichen Wohnungen fanden die Reisenden in Ermangelung von Betten auf eigentümliche Art hergestellt. Zuerst grobe Feldsteine auf starken Bambusstäben, dann feinere Steine, endlich Kies und ganz oben gespaltene Bambusstäbe, die ihre platte Seite nach außen kehrten. Der Fußboden war also dicht und bequem, viel besser als ihn unsere Freunde irgendwo in den Dörfern der Eingebornen auf Ceylon bemerkt; auch befand sich des häufigen Regens wegen die Feuerstelle inmitten jeder Wohnung. Für Unverheiratete war ein größeres derartiges Haus, abgesondert von den übrigen, hergestellt.