Part 22
Holm kletterte nach, die anderen setzten ihren Spaziergang fort, und die beiden Matrosen wuschen unterhalb des Dorfes im Bache das Leinenzeug, wobei ihnen hübsche Sklavenfrauen nicht allein halfen, sondern auch eine selbstverfertigte, sehr gute Seife brachten. Die Unterhaltung der Hamburger Teerjacken mit den neugierigen, schwatzhaften Singhalesinnen gestaltete sich höchst lustig, so daß das beiderseitige heitere Lachen über den freien Platz dahinschallte; unterdessen spielten oben im Baume der junge Gelehrte und Franz bei der Gemahlin Tippoos die galanten Kavaliere. Sie setzten sich nicht ohne einige heimliche Besorgnisse auf den Fußboden, der so neidlos den Durchblick freigab, und ertrugen auch nicht ganz ohne Schmerzen die Abwesenheit jeglicher Stühle oder Polster, aber die Anstandsvisite bei der holdlächelnden, mit prachtvollen Zähnen und vielen aus Muscheln geflochtenen Verzierungen geschmückten Dame ging doch in aller Form vorüber, obwohl Frau Häuptling Tippoo kein Wort englisch und unsere Freunde wiederum kein Wort singhalesisch sprachen, sondern beide Teile einander nur eine Zeitlang entgegenlächelten und von seiten der Herren ein kleiner Spiegel, von seiten der Dame einige besonders schöne Muscheln, Meerhörner, Lazarusklappen und Wendeltreppen als Geschenke ausgetauscht wurden. Späterhin, nachdem der Doktor und Hans die gleiche Höflichkeitspflicht erfüllt, versammelten sich vor dem Schlafengehen alle neben dem Baume und hielten gemütlich im Grase liegend noch ein abendliches Plauderstündchen, wobei Tippoo von den buddhistischen Göttern erzählte und seinerseits aufmerksam zuhörte, als die Fremden von europäischen Einrichtungen sprachen. Ganz zuletzt kamen die beiden Sklaven mit den aufgefundenen Jungen der Tigerin nach Hause, und nun erwachte erst die Freude der Knaben. Aus dem Stall wurde eine der schönen, seidenlockigen malabarischen Ziegen hervorgeholt und ihr die kleinen halbverschmachteten, nur noch schwach wimmernden Raubtiere an die mütterlichen Euter gelegt, -- aber das Experiment gelang nicht so ohne weiteres. Die Ziege sprang, so bald sie den Erbfeind gewahrte, auf die Hinterbeine, senkte den schöngeformten Kopf wie zum Angriff und schien entschlossen, den labenden Quell, welcher ihrem lustig herumspringenden Böckchen gehörte, gegen jedweden Angriff zu verteidigen; erst die gütlichen Zureden ihres Wärters und vielleicht das jammervolle Klagen der hungernden Tierchen, dem sie offenbar lauschte, bewogen die Ziegenmama, diesmal ein übriges zu thun. Ein Blick auf die gefüllten Vorratskammern mochte ihr sagen, daß für das impertinente, streitlustige Böckchen jedenfalls noch genug übrig sei, und so legte sie sich denn großmütig in das Gras, es den Tigern überlassend, sich am Quell zur Sättigung zu verhelfen. Ja, nachdem die Halbverdursteten herzhaft zugegriffen, erwachte sogar in der friedfertigen Amme das mütterliche Erbarmen mit den hilflosen Säuglingen; sie besah die kleinen, scheckigen Kätzchen, besah sie nochmals und leckte dann gutmütig die Fremden, wie sie es sonst ihren eigenen Kindern that.
Nach einer Viertelstunde waren die kleinen Tiger so rund wie Muffen und schliefen den Schlaf gesunder Sättigung, während ihre Pflegerin mit den großen Augen im Kreise umhersah und der Milchbruder Bock neben den Eindringlingen sich gelagert hatte, um auch seinerseits den Nachttrunk einzunehmen. Franz zeichnete emsig. Von allen besonders schönen und interessanten Augenblicken hatte er sich im Album eine dauernde Erinnerung gesichert, auch dieses Bild sollte darin Platz finden.
Für die Nacht wurde den Tigern noch ein Logis im Ziegenstall angewiesen, wo sie bleiben sollten, bis ihnen Zähne gewachsen und mit diesen die Raubgelüste erwacht wären; dann würde es fortgehn nach Galle und von da nach Europa. -- Tippoo zog oben im Baum die Strickleiter ein, vor allen Thüren erschienen die Musselingardinen und das Vogelgezwitscher verstummte; müde von langer Wanderung streckten sich die Weißen auf das Mooslager.
Hier brauchte niemand zu wachen; bis in die Niederlassung hinein wagte sich kein Raubtier. Holm ließ sogar die Thür offen, um der milden, gewürzigen, von tausend Wohlgerüchen durchtränkten Luft Zutritt zu gewähren; bald hatte ein weicher Schlummer seine Sinne umfangen.
So mochten Stunden vergangen sein, der Mond stand hoch am Himmel, alles schwieg und ruhte; nur die Blätter des Bobaumes flüsterten im Wind, -- da erwachte der junge Gelehrte, als habe ihn plötzlich jemand gerufen. »Franz,« sagte er leise, »sprachst du?«
Keine Antwort. Die tiefen Atemzüge des Gefährten verrieten ihren ruhigen Schlaf, -- was war es also gewesen?
Holm richtete sich auf und sah in das Helldunkel der Nacht hinaus. Nichts regte sich, kein Schatten deutete auf die Anwesenheit eines lebenden Geschöpfes. Sonderbar! -- er begriff nicht, welcher Schall ihn erweckt haben könne, aber er hatte ihn doch deutlich vernommen, wenn auch nur im Halbschlaf und auf Sekunden. Er horchte unruhig.
Lange Zeit blieb alles still, dann aber huschte es wie mit leichten Schritten durch das Geäst des Daches, erst vorsichtig, dann immer dreister und dreister, ein Poltern, Schlurfen und Fallen verriet die nächtlichen Ausflüge der Wanderratte; dennoch aber schien es, als sei diesmal das braune, bissige Nagetier nicht der Jäger, sondern der Gejagte, als werde es verfolgt und aus allen seinen Verstecken herausgescheucht. Plötzlich durchdrang ein Zischlaut die Stille der Nacht, ein Quietschen wie in Todesangst folgte, das leise Wimmern erstarb schnell.
Mit einem Sprung war Holm auf den Füßen, das Streichholz knisterte und die Flamme der Wachskerze beleuchtete den Boden. Da lag tot eine große, braune Wanderratte und in Ringeln hatte sich um ihren Körper eine stahlblaue Natter geschlungen. Die lange spitze Zunge trat lüstern aus dem Munde hervor, die gelbe Krone richtete sich auf, und ein Zischen bekundete den Ärger über die plötzliche Störung. Noch ehe Holm überlegte, was er that, hatte sein Fuß die Schlange zertreten.
Aber damit war nichts gewonnen. Er hielt die Wachskerze hoch empor und beleuchtete das Holzwerk des Daches. Von mehr als zehn Stämmen hingen die Schlangen herab, aus jeder Ecke leuchteten ihre gelben Kronen, eine fiel und lief ihm kalt und glatt über die Hand, daß er schauderte. »Franz!« rief er halblaut, »Franz, wach auf!«
»Ja!« antwortete schlaftrunken der Knabe. »Ja!«
»Steh auf, Franz, -- es sind Schlangen hier. Nattern sogar!«
Jetzt erwachten alle. Eine Schlange ist jedem Menschen widerwärtig, mit ihrem Geschlecht versöhnt sich niemand, sie hat nirgends auf Erden Freunde, nebenbei aber ist auch die Gefahr, welche sie bringt, so groß, daß ihr gegenüber die höchste Vorsicht zur Notwendigkeit wird. Stecken und Wurfgeschosse hagelten an die Decke, zehn Kerzen flammten auf und alle sprachen zugleich. Es entstand ein solcher Lärm, daß sich draußen vor der Thür die Singhalesen in hellen Haufen sammelten, einige ganz ohne alle Bekleidung, andere nur mit der Schürze und wieder eine dritte Gruppe bis an die Zähne bewaffnet. Es war ein Aufruhr, als sei mindestens ein Tiger in das Dorf gekommen. Als die Männer hörten, daß es sich um nichts als Nattern handelte, schüttelten sie voll Erstaunen die Köpfe.
»Wir lassen sie unsere Häuser von den lästigen Ratten befreien und machen niemals Jagd auf sie, dafür haben wir selbst Ruhe!« erklärte Tippoo.
»Aber um des Himmels willen, ihr schlaft weiter, während eine der giftigsten Schlangengattungen über euren Köpfen an der Decke baumelt?«
»Ja, die Tiere thun uns nichts, weil wir ihnen nichts thun. Übrigens steigen auch die Schlangen nur sehr selten auf Bäume.«
Holm und seine Gefährten sahen einander ratlos an. »Weißt du, was ich vorschlage,« meinte endlich Franz. »Wir hängen unsere Zelte wie in Dahomey an die Bäume und legen uns hinein. Auf die Anständigkeit der Nattern zu bauen, scheint mir etwas gewagt.«
»Was kriecht da?« rief plötzlich der Doktor. »Hier, hier, -- ich glaube --«
Er vollendete nicht. Holm hatte das schnell im Dunkel verschwindende, halb spinnen- halb krebsartige Tier mit der schwarzbraunen Farbe und dem aufrecht getragenen Schwanz sofort erkannt. »Ein Skorpion!« rief er. »Das fehlt noch.«
Tippoo lachte, auch unter den übrigen zeigte sich große Heiterkeit. »Dies Tier frißt die Stechmücken,« sagten sie, »es ist uns sehr nützlich. Kennen die Fremden in ihrem Lande keine Schlangen und keine Skorpione?«
»Beißen euch auch diese nicht?« war die Gegenfrage.
»Sehr selten. Wir lassen sie in Ruhe.«
»Dann habt ihr aber einen Zauberer, der sie und die Nattern beschwört?«
Ein allgemeines Kopfnicken war die Antwort. »Natürlich, einen Zauberer hat jedes Dorf.«
Holm wandte sich lächelnd zu dem jungen Malagaschen. »Hier vereinbart man sich gütlich mit den giftigsten Reptilien,« sagte er, »und in deiner Heimat sind die Krokodile der oberste Gerichtshof, -- wie findest du das, Freund Rua-Roa?«
Der ehemalige Sklave sah verlegen zu Boden. »Ich bin doch jetzt kein Wilder mehr!« antwortete er halblaut. »Ich mag auch den heidnischen Namen nicht länger hören, Herr, -- du könntest mich wohl schon Rudolf nennen, als wäre ich bereits getauft.«
Holm und der Doktor wechselten einen Blick. »Ich dachte mir's,« nickte der Gelehrte. »Wenn er die kindischen Anschauungen anderer Wilder sieht, wird er den Unwert seiner eigenen erkennen lernen.«
»An die Arbeit!« setzte er in ermunterndem Tone hinzu. »Unsere Hängematten gewähren uns jedenfalls den besten Schutz gegen das Ungeziefer.«
Die Zeltleinen wurden doppelt genommen und von den Matrosen in wenigen Augenblicken ausgespannt. Da oben schwebend an ein paar starken Ästen konnten die Reisenden höchstens den Besuch eines neugierigen Eichhörnchens, vielleicht einer Papageienfamilie oder einer großen Eule erwarten, aber die Schlangen verstiegen sich nicht dahin und die Skorpione auch nicht.
Als alles rund umher still geworden war, tönte wieder aus dem Innern der alten Holzdächer jenes Rumoren und Poltern der Ratten, das Zischen und Todesgeschrei. Holm schlief nicht mehr, so unangenehm hatte ihn die Nähe der Schlangen berührt; er war froh, als der Morgen heranbrach und die Jagd wieder beginnen konnte. Heute sollten die Fremden mit einigen Betriebsarten der Eingebornen bekannt werden; man zeigte ihnen, wie aus dem Saft der Palmyrapalme ein höchst wohlschmeckender Sirup gewonnen wurde und wie die Maniokwurzeln sich zwischen Reibeisen in Mehl verwandelten. Den Kaffee, obwohl sie ihn bauen, trinken die Singhalesen nicht, sondern meistens Kokos- oder Ziegenmilch. Unter den Hühnern, die in reicher Fülle vorhanden waren, zeichnete sich das Purpurhuhn durch seine auffallende Schönheit am meisten aus. Ganz schwarz mit drei vom Kopf über den Hals herablaufenden Purpurstreifen, zu denen bei dem Hahne noch ein Flügelsaum von gleicher Farbe hinzukam, war das Tier etwas größer als seine gemeineren Verwandten, dafür aber keineswegs so friedlich wie diese, sondern dermaßen streitlustig, daß es den Fremden nachlief und zum Ergötzen der Knaben erbittert in die Stiefel hackte. Der schönste Anblick aber wurde unseren Freunden zu teil, als sie in früher Morgenstunde rings um die Felder gingen und nun einem eifrig speisenden Volk wilder Pfauen begegneten. Diamanten gleich erglänzten im Sonnenlichte die Augen auf den entfalteten Rädern der Männchen, Blau und Rot und strahlendes Gelb wechselten mit dunkleren Farbentönen, während die jungen Tiere noch ein einförmigeres Grau zeigten. Einzelne alte Hähne hatten eine wahrhaft bewunderungswürdige Größe erreicht.
»Wir wollen kein Tier schießen,« meinte Holm, »sondern lieber für den Zoologischen Garten ein junges Pärchen mitnehmen und dann vom nächsten Hafen nach Hause schicken. Es ist übrigens jammerschade, wie die Felder durch diese Tiere geplündert werden, ich glaube, man macht hier die Geschöpfe so dreist, weil kein Fleisch in den Topf kommt.«
»Was kriecht da?« rief Rua-Roa, halb im Begriff, die Flucht zu ergreifen, halb zögernd in der Furcht, sich lächerlich zu machen. »Ein Ungeheuer, Franz, ein Ungeheuer!«
Und dabei überwältigte ihn das Entsetzen. Mit zwei Sprüngen war er auf dem nächsten Baum, in diesem Augenblick ganz Wilder, katzengleich an den Zweigen hängend, für jeden Körperteil mit erstaunlicher Gewandtheit Schutz findend. »Franz, Franz, es kommt hierher!«
Die übrigen suchten mit den Augen, dann legte Holm den Finger auf die Lippen und machte lachend dem Malagaschen im Baum eine Faust. Die ausgestreckte Hand zeigte allen, was sich so Greuliches da heranschlich, und sofort begriffen auch die Weißen, weshalb vollkommene Stille geboten war. Die vier Paar lachender Augen, welche den geflüchteten jungen Burschen ansahen, trieben diesem das Blut heiß ins Gesicht, jetzt durfte er ja aber nicht sprechen und hing also mit trübseliger Miene stumm da oben im alten Feigenbaum.
Der Drache, den er gesehen, kam indessen schwerfällig herangewatschelt und zeigte sich als eine harmlose, aber riesige Schildkröte. Das große Tier verfolgte seinen Weg bis zu dem Schatten eines dichten Gebüsches und fing hier an, mit den Hinterfüßen ein Loch von mehr als einem halben Meter Tiefe zu scharren, indem es die Erde hinter sich aufwarf. Alle vier Zuschauer verfolgten lautlos die Arbeit der Kröte, Rua-Roa hinter seinem Schutzwall duftender Feigen that das Gleiche, aber heimlich stieg bei diesem Anblick seine Furcht nur noch immer mehr. Ganz gewiß vollzog sich hier ein schlimmer Zauber, vielleicht grub sogar das boshafte Tier ein Grab, in das es die Fremden stürzen wollte, und diese Unseligen, Verblendeten sahen zu, ohne sich zu verteidigen, ohne rechtzeitig die Flucht zu ergreifen! Rua-Roa telegraphierte mit Händen und Füßen, um sie zu warnen, aber ganz vergeblich; die Tolldreisten lachten ihn aus, ja, sobald er es wagte, ein halblautes Wort zu sprechen, erhoben sie drohende Finger, -- er mußte das Ärgste geschehen lassen.
Die Schildkröte hatte mittlerweile ihre Arbeit beendet, sie saß jetzt ganz still und hielt, nachdem sie einen kleinen Schritt zurückgetreten, den Hinterkörper etwas geduckt, -- das Zauberwerk mußte nach des Malagaschen Ansicht nun unmittelbar beginnen.
Und was that in diesem Augenblick der tollkühne Franz? -- Rua-Roa traute seinen Sinnen nicht. Er sprang mit einem plötzlichen, gewaltigen Satz auf den Rücken der Schildkröte und stand dort wie ein Sieger, den anderen in deutscher Sprache einige Worte zurufend, die der Malagasche nicht verstand. Was nun? das war zu arg. Alles Blut des jungen Menschen drängte zum Herzen, unmöglich konnte er seinen Freund, seinen Bruder in solcher Lage allein lassen. Und wie ein Ball plumpste Rua-Roa ohne alle Rücksichten auf Knochenbrüche und Verrenkungen vom Baum herunter, todesverachtend sprang er neben Franz auf den Rücken der nun gänzlich wehrlos gewordenen Kröte und sah die anderen an, als wollte er sagen: »Ist's so recht?« --
Ein schallendes Gelächter schlug sämtliche benachbarte Vögel in die Flucht. »Arm in Arm mit dir, so fordre ich mein Jahrhundert in die Schranken!« rief Holm. -- »Paß auf, tapferer Geselle, wie ich nun dem Erzfeind den Garaus machen werde.«
Er nahm vom Gürtel das kleine, scharfe Handbeil, welches alle vier der zahllosen Hindernisse wegen immer bei sich zu tragen pflegten, und trennte mit einem kräftigen Hieb den vorgestreckten, dünnen Hals der Schildkröte vom Rumpf. Das Blut schoß wie aus einem Springbrunnen hervor, die Füße streckten sich, und das große Tier war tot.
Franz sprang herab, der Malagasche war noch immer zu erschrocken, um ihm gleich folgen zu können; erst als ihn die anderen riefen, trat auch er auf den Sand. »Ein steinernes Geschöpf, das sich bewegt und Blut enthält wie ein lebendes Wesen,« sagte er ganz fassungslos.
»Gib acht,« rief Holm, »du sollst unter der Steinhülle gleich das Tier kennen lernen, Freund Rua-Roa, -- denn für den Rudolf bist du doch noch nicht ganz reif! -- Faß an und hilf uns den Koloß auf den Rücken legen.«
Alle fünf bemühten sich nun mit vereinten Kräften, das Tier umzuwenden; es gelang aber erst unter Beistand eines zufällig des Weges kommenden Sklaven, dem für diesen Dienst die Schale des Tieres zugesprochen wurde, dann rief ein verabredetes Signal die beiden Matrosen herbei, und aus dem saftigen Fleisch der Beute wurde Suppenstück und Braten herausgeschnitten. Das war für zwei Tage ein Herrenessen; nach dieser Zeit fand sich schon etwas anderes, denn die steinharten Maniokkugeln und die laue Kokosmilch der Eingebornen im Verein mit den ohne Fett oder Salz abgekochten Gemüsen bildeten doch für europäische Magen ein klägliches Ernährungsmittel. Franz meinte sogar, daß er jedenfalls noch heute einen der zahllosen umherstreifenden Hasen schießen werde: »Wildbraten und Schildkrötenragout passen gerade zu einander.«
Holm tastete mit beiden Händen im Sande. »Bin ich so heiß,« sagte er, »oder ist es der Boden? Mir deucht, die Sonne kann unmöglich den Sand so erwärmen.«
Die anderen untersuchten gleich ihm das Terrain, dann sprang Rua-Roa, der gern die Aufmerksamkeit von der Schildkröte ablenken wollte, etwas weiter über den Weg hinaus und befühlte dort den Boden. Er war merklich kühler.
Holm stutzte. »Laßt uns in entgegengesetzter Richtung vordringen,« forderte er die anderen auf, »da muß ich klar sehen.«
Das Gebüsch wurde umgangen, ein paar dichte Bäume auch noch, und nun zeigte sich der Grund des eben entdeckten Wunders. Wenige Schritte weiter senkte sich der Boden zu Thal, eine Schlucht von Geröll und Kieseln fiel ziemlich unvermittelt abwärts, kein lebendes Pflänzchen trieb oder gedieh am Rande, und inmitten der Steinwüste sprudelte ein heißer Quell, dessen Wasser sechs bis zehn Meter hoch in die Luft hinaufgeschleudert wurde und eine wirbelnde Dampfwolke hinaufsandte in das heitere Sonnengold.
»Aha,« rief Holm, »eine Botschaft vom ewigen Feuer aus dem Mittelpunkt der Erde! Das werden wir benutzen, um unser Leinen gründlich zu reinigen.«
Die Knaben drangen weiter vor, so weit, bis die Füße anfingen, selbst durch das Sohlenleder hindurch die Hitze des Bodens nicht mehr ertragen zu können. Das war aber auch ganz nahe am Quell, dessen stäubende Tropfen Brandwunden verursachten; Franz umwickelte die Hand mit dem Taschentuch und trat nahe genug heran, um abgewandten Gesichtes eine geringe Menge des Wassers einzufangen. Als es in der Blechflasche abgekühlt war, probierten es alle, aber jeder schnitt eine Grimasse. »Petroleumartig mit Zwiebelduft,« entschied Holm.
»Wie Heringslake, durch ein altes Gasrohr filtriert!«
»Brr! in acht Tagen werde ich meine Flasche nicht wieder brauchen können.«
Hans war davongesprungen und hatte eines der Eier geholt, welche die Schildkröte, ehe der unvermutete Angriff kam, in das Sandloch gelegt. Jetzt wurde es in eine mit dem Beil gemachte Vertiefung nahe dem Quell versenkt und in drei Minuten gar wieder herausgezogen.
Holm nahm noch etwas von dem greulich schmeckenden Wasser mit, um es chemisch zu untersuchen. Die Knaben füllten ihre Taschen mit bunten, zum Teil sehr seltenen Kieseln, und dann hatte der Ausflug für diesmal ein Ende. Der knurrende Magen mahnte allzu laut an das Frühstück.
Die Matrosen waren inzwischen ihrer Stellung als Hausmeister und Oberkoch glänzend gerecht geworden. Sie hatten das Unmögliche möglich gemacht und das Erstaunen der ganzen weiblichen Bevölkerung des Dorfes erregt. Verschiedene Blech- und Eisenpfannen wurden mittels bedeutsamer Winke und gelegentlicher kleiner Scherze von den Sklavenfrauen zusammengeliehen, und nun machte sich Hannes, der Hamburger von echtem Schrot und Korn, mit aufgestreiften Ärmeln an die Arbeit. »So viele Bohnen und doch keine Tasse Kaffee?« räsonnierte er, »das wollen wir erst einmal sehen!«
Sprach's und schüttete in die über dem Feuer hängende Pfanne die rohen, getrockneten Bohnen, welche er dann mit dem Messer beständig umrührte, bis sie anfingen zu duften, zu springen und sich lieblich zu bräunen. Der zweite hatte indessen eine Ziege gemolken, sich mit abgezogener Mütze und einem Kratzfuß sondergleichen von der Gemahlin Tippoos in einer Bambusschale etwas Palmensirup verabreichen lassen und durch Pantomimen das Bedürfnis nach Trinkgefäßen so lebhaft ausgedrückt, daß er sechs Bambusbecher geliefert bekam. Jetzt stampften beide mit vereinten Kräften die gebrannten Bohnen zwischen zwei Steinen zu Pulver, während in der Pfanne das Wasser kochte, und darauf kam der große Augenblick, wo Hannes gelassen die Leinenmütze vom Kopf nahm und beides, Pulver und heiße Flut, hineinstürzte, so daß der Kaffee, aus mehr als einem Grunde schwarz wie die Mitternacht, in das bereit stehende Gefäß hinabträufelte. Mit Feldherrnblick übersah Jan Maat sein gelungenes Werk. Die untere Pfanne wurde auf leises Feuer gestellt, das Gemisch in der Mütze fleißig umgerührt und nun zum zweiten größeren Unternehmen geschritten. Hannes wollte die Maniokkugel in ihr verdientes Nichts zurückdrängen, seine Seele arbeitete an einem Pfannekuchen, der ihn bei den Frauen von Singhala in bleibendem Andenken erhalten mußte. Zwei saubere Steine waren bald gefunden, trockne Maiskörner verwandelten sich in Mehl, der Hühnerstall lieferte Eier, Milch kam hinzu und ein wenig Salz; dann wurde zerlassenes Schildkrötenfett in eine andere Pfanne gegossen und mit dem großen eisernen Kochlöffel der Frau vom Hause der duftende Teig hineingefüllt. Jetzt zog Hannes das große Messer, schäkerte erst ein wenig mit den neugierig dreinschauenden Frauen, denen er unter schauderhaften Grimassen die Spitze auf die Brust setzte, und warf dann kunstgerecht den halbgaren Pfannekuchen um.
»Markst Müüs?« fragte er selbstzufrieden, als sich das Erstaunen in den Blicken seiner Bewunderinnen spiegelte. »Man muß euch doch zeigen, daß hinter dem Berge auch noch Leute wohnen, die zu leben wissen, wobei ein guter Pfannekuchen und eine Tasse Kaffee zu den Hauptsachen gehören. Vernünftige Speisen zeigen, daß der Mensch gebildet ist!«
Nach diesem Ausspruch holte er sich den Stein, welchen er eben vorher als Mühle benutzt, wischte ihn mit dem Ärmel bestens ab und servierte den fertigen Kuchen, dessen Rund er in kleine Bissen zerschnitt, diese in Sirup tauchte und mit den Fingern ohne alle Ziererei der nächsten Singhalesin in den Mund schob. »Das bekommt anders wie eure Kanonenkugeln aus Maniok und Wasser, nicht wahr?« fragte er. »Ja, das mögt ihr, ich sehe es schon! -- bitte, bitte, nicht prügeln, schickt sich das für Damen?«
Seine kräftigen Arme trennten zwei Sklavenfrauen, die einander vielleicht schon längst nicht recht grün waren, die nun aber über der erhaltenen Leckerei in hellen Zorn ausbrachen; er stopfte der einen den Rest des Kuchens in den Mund und der andern als Ersatz für den erwarteten Leckerbissen den Messerstiel; dann aber buk er im Schweiße seines Angesichts weiter, wobei ihm die neugierigen Frauen von allen Seiten Milch, Eier und Sirup zutrugen, ja sogar die Maiskörner für ihn stampften, aber als Lohn auch für sich und ihre zahlreichen Sprößlinge die fertigen Kuchen begehrten. Er dankte Gott, als endlich die Weißen von ihrem Spaziergange zurückkehrten, und nun die Frauen flüchteten; seine Berühmtheit war ihm schnell sehr lästig geworden, -- so unter den sengenden Strahlen der Sonne von Ceylon ohne Mütze vor dem Feuer zu stehen und für hundert hungrige Mäuler zu backen, das hatte sein Schweres, auch wenn es Ehrenbezeugungen in der Gestalt von Jauchzen, Schnalzen und entzückten Schlägen in die eigenen braunen Hände der beschenkten Schönen reichlich eintrug.
Jetzt endlich durfte er selbst essen, -- das war angenehmer als andere zu füttern.