Das Naturforscherschiff oder Fahrt der jungen Hamburger mit der "Hammonia" nach den Besitzungen ihres Vaters in der Südsee.

Part 21

Chapter 213,138 wordsPublic domain

Gleich einem Blitz schoß die Raubkatze im Sprunge über das Gebüsch dahin. Wenigstens sechs Meter durchmaßen die geschmeidigen Glieder, der lange Schweif flog hinter ihm durch die Luft, ein mißtönendes Geschrei erschreckte die Tierwelt ringsumher. Gleich Schatten waren die Hirsche entflohen, kreischend und flatternd verbargen sich die Papageien im Gezweig. Der Tiger hatte ein junges Elefantenkalb zum Opfer ausersehen, sein plötzlicher Überfall warf das wehrlose Tier zu Boden, er biß mit den gewaltigen Zähnen in die Kehle des Halberstickten, jammervolles Klagegeschrei erfüllte die Luft, Ströme von Blut rannen über das Gras dahin.

Die alten Elefanten schienen indessen keineswegs gesonnen, den Räuber ihres Kleinen ungestraft entkommen zu lassen. Ihr Gebrüll widerhallte an den fernen Bergwänden, wütende Angriffe mit dem Rüssel hoben in diesem Augenblicke den Tiger hoch in die Luft empor, um ihn am Boden zu zerschmettern, im nächsten hatte er sich durch sein scharfes Gebiß befreit und hing jetzt als der Stärkere buchstäblich mit den Zähnen im Fleische eines Elefanten. Dieser ungleiche Kampf des _Einen_ gegen so viele konnte indessen nicht von langer Dauer sein. Der Tiger wehrte sich wie ein Verzweifelter, auch sein Blut floß, die rote Zunge hing lechzend aus dem Rachen hervor, der Schweif peitschte den Boden, heiser und immer heiserer klang das wütende Gebrüll. Die Elefanten traten ihn, ihre Stoßzähne bohrten sich in seinen Leib, sie warfen ihn von einer Stelle zur anderen und wichen dann selbst schäumend vor Wut zurück, wenn ihre empfindlichen, weichen Rüssel die Kraft seiner Bisse fühlten.

Besonders den großen, alten Elefanten, ein Männchen mit gewaltigem Kopfe, hatte er bös zugerichtet. Der Koloß zeigte zerfetzte Ohren, aus dem Rüssel waren große Stücke Fleisch gerissen und an manchen Orten hing die Haut, von den Pranken der Raubkatze erfaßt, in Lappen herab. Das Tier brüllte vor Schmerz, die ganze mächtige Gestalt schwankte, der Kopf triefte von Blut, aber dafür wurde ihm auch die Genugthuung, seinen Feind jetzt völlig besiegt zu sehen. Der Tiger lag, zum formlosen Klumpen zertreten, unter den Füßen der grauen Kolosse; er atmete nicht mehr, das schöne Fell war bis zur Unkenntlichkeit besudelt und zerstampft, alle Rippen zerbrochen und der Kopf zerquetscht.

Neben seinen verstümmelten Überresten lagen die des getöteten Elefantenkalbes, und nach allem Toben, allem Kampf der letzten Viertelstunde war es traurig zu sehen, wie sich die Mutter des kleinen Geschöpfes bemühte, es wieder in das Leben zurückzurufen. Sie beroch und betrachtete es, versuchte mit dem Rüssel seinen Kopf aufzuheben und emporzuziehen. Als alles vergeblich war, stieß das Tier mit zurückgelegtem Kopfe ein erschütterndes Klagegeschrei in die Luft hinaus, so ganz anders wie das Wutgebrüll der Männchen, so trostlos und gramvoll, daß es die Herzen der zuhörenden Männer rührte. Diese beraubte Mutter schrie nach ihrem Kinde, alle verstanden den Ton, alle gönnten es dem Tiger, daß er für seine Unthat bestraft worden war.

»Und doch hat auch er vielleicht Junge im Nest, denen er Futter zutragen wollte,« sagte endlich wie in Beantwortung seiner eigenen Gedanken der junge Gelehrte. »Krieg ist das Losungswort der Tierwelt, eine Gattung immer die Bekämpferin der anderen. -- Jetzt aber wollen wir, als die vornehmsten, mit den stärksten Waffen versehenen Räuber, doch dem alten Herrn da den Garaus machen. Der Tiger hat uns bestens vorgearbeitet.«

Er zielte nochmals, und die schwere Kugel drang dem Elefanten in das Auge, um ihn auf der Stelle zu töten. Die Erde dröhnte, als er fiel.

»Ah! -- die beiden Stoßzähne hätten wir sicher.«

Holm wollte sogleich aus dem Versteck hervortreten und sich seiner Beute bemächtigen, aber der Matrose warnte ihn vor der bekannten Hinterlist der Elefanten, weshalb er wartete, bis sich die großen Tiere, erschreckt durch mehrere ihnen zugesandte Schüsse, endlich entfernt hatten. Die Walstatt selbst bot einen furchtbaren Anblick. Überall war die Erde fußtief aufgewühlt, Lachen von gerinnendem Blut füllten die tieferen Stellen, Gebüsche und schwächere Baumstämme lagen zertreten, Ranken zerrissen und Blumen geknickt. Dazwischen die zermalmten Tierleichen, -- so fanden Holm und Franz das Gesamtbild, als sie mit den anderen kamen, um die Stoßzähne des großen Elefanten herauszubrechen. Das Handbeil des Matrosen leistete dabei die besten Dienste, es gelang über alles Erwarten gut, und schon waren die Jäger im Begriff, den Rückweg zu ihren Zelten anzutreten, als von einiger Entfernung her ein leises Wimmern oder Pfeifen die nächtliche Stille durchdrang. Es hörte sich an, als weine ein kleines eigensinniges Kind, oder wie Katzengeschrei.

Alle horchten. Da klang es nochmals. Ein größeres Tier konnte es unmöglich sein.

Die ganze Gesellschaft ging dem Schall nach. Im Widerspruch mit den Gewohnheiten wilder Geschöpfe verstärkte sich bei dem Näherkommen der Männer das Wimmern, es tönte deutlicher und immer deutlicher, bis zuletzt Franz als der erste im Zuge seitwärts vom Wege ein Nest aus dürren Halmen entdeckte und darin zwei junge Tiger, die, kaum größer als Ratten, vielleicht erst seit dem gestrigen Tage lebten und sich ängstlich verkrochen, als der Knabe in ihren Schlupfwinkel sah. Bei der ersten Berührung versuchten die zahnlosen Mäulchen zu beißen.

»Richtig so wie ich mir dachte,« nickte Holm. »Die säugende Mutter hat es, vom Hunger getrieben, gewagt, das Elefantenkalb inmitten seiner Herde anzugreifen und ist dabei der Übermacht erlegen. Was fangen wir an mit diesen kleinen Schreihälsen?«

»Totschlagen!« entschied der Doktor. »Sie können dann keinesfalls mehr schaden.«

»Es ist auch barmherziger, sie auf einen Schlag zu töten als dem langsamen Verhungern auszusetzen,« meinte der gutmütige Hans.

»Ich will euch etwas sagen,« rief Franz. »Morgen müssen uns doch höchstwahrscheinlich Eingeborne begegnen, denen zeigen wir das Nest. Halberwachsene Tiger werden von den Hamburger und Londoner Tierhändlern bis zu tausend Thalern bezahlt.«

»Topp!« versetzte Holm. »Das klingt vernünftig. Selbst zum Ausstopfen sind die Dinger noch zu klein, -- wir können für unsere Zwecke nichts damit anfangen.«

Die Richtung und Entfernung von der Quelle wurde nun genau festgestellt, die Elefantenzähne wie Gewehre geschultert und der Rückweg angetreten. Holm und Rua-Roa bezogen die Wache, später von Hans und dem zweiten Matrosen abgelöst, und kein weiteres Ereignis störte den Schlaf, der bis zum hellen Morgen dauerte.

Der Rest des Büffelfleisches wurde gebraten, um zu jeder Zeit und an jedem Orte verzehrt werden zu können, die Zelte abgebrochen, und nun ging es weiter durch den Wald dahin; unermeßliche Strecken von Tiefland mit Kokosbäumen dicht besetzt, Hochebenen voll der schönsten Palmen, Kaffeefelder, Zimtfelder, Massen von Kardamomen, von Eben- und Sapanholz, ebenso wieder der Brotbaum, der Dschambu- und Kaschubaum, alles wechselte in erdrückender, sogar Afrikas Üppigkeit übertreffender Fülle. An einer Stelle mitten im dichten Walde, von tausend Ranken und blühenden Flechten überzogen, harrte der Reisenden ein unerwarteter Anblick. Neben und unter den schlanken Palmenstämmen erhoben sich die grünbewachsenen Ruinen einer ehemaligen Stadt, Steinmauern, deren letzte Bruchstücke hier dem Zahn der Zeit Trotz boten, die vielleicht vor vielen Jahrhunderten einer wohlhabenden und gebildeten Bevölkerung als Wohnsitz gedient hatten. Holm jubelte, obwohl dieser Fund weniger in das naturwissenschaftliche als vielmehr in das kulturhistorische Gebiet hineingehörte. Da waren uralte Treppenstufen aus Granit, gebrochene Säulen, Pfeiler, an denen selbst die Jahrhunderte mit ihren Stürmen und Regenfluten nicht zu rütteln vermocht hatten, und als die Reisenden weiter vordrangen, in der Mitte dieser versunkenen, uralten Stadt ein ausgemauerter Teich, oder doch die Steinfassung eines solchen, wenn auch das Wasser längst versiegt sein mochte. Über alle diese Zeugen einer toten, großartigen Vergangenheit aber wob die Gegenwart ihren grünen, blütengestickten Schleier. Wo einst ein Tempel gestanden, da sandte von tausend Ästen die Tamarinde ihre erquickende Frucht der Hand des Wanderers entgegen; wo sich müde Menschen zur Ruhe gebettet, da hob die schöne malabarische Ziege spähend vom Nest ihre Hörner, und unter den Stufen der gewundenen Treppen hausten Moschusratten, die bei der Annäherung von Fremden eilends in ihre Löcher schlüpften, deren zwei oder drei aber doch erlegt wurden, um sie den übrigen Schätzen dieser Reise zuzugesellen. Auch ein junger Bock mußte das Leben hingeben und gleich an Ort und Stelle als Braten dienen. Die Steinstufen boten einen vorzüglichen Herd, Feuer war bald entzündet, und in der Blechpfanne schmorte und brodelte es. Holm mit den Knaben suchte nach Früchten, wobei wieder eine neue Entdeckung gemacht wurde. Ein einsamer uralter Feigenbaum, der »_Bo_«, wie ihn die Eingebornen nennen, hoch und von mächtiger Breite, überschattete einen steinernen, nur noch als Ruine dastehenden Tempel der ehemaligen Buddhisten; seine Blätter waren gleich denen der Pappel in beständigem Zittern begriffen, eine Art von Altar befand sich im Innern, und das Ganze lag malerisch im Halbschatten verhüllt. Hoch oben sangen Vogelstimmen ein helles Jubellied, der Wind spielte in den Zweigen, die zutraulichen Ziegen weideten überall auf den Abhängen, und unten im Thale stieg der Rauch des Herdfeuers wirbelnd zu den Wolken empor.

»Hier haben vor tausend Jahren indische Weise gelehrt und geherrscht,« sagte beinahe feierlich der junge Naturforscher, »jeder dieser Steine gibt Zeugnis von einer großen, reichen Vergangenheit, -- heute gehört das Gebiet den Raubtieren, und seine Einwohner sind Wilde.«

»Ob wir doch endlich welche sehen werden?« rief Franz.

Der Wunsch sollte sehr bald in Erfüllung gehen. Als die kleine Gruppe auf Steinblöcken und Stufen um das Feuer herum Platz genommen und den Braten zerlegt hatte, teilten sich plötzlich in einiger Entfernung die Büsche, und braungelbe hübsche Gesichter sahen hervor. Auf allen diesen Zügen lag Verstand und Gutmütigkeit zugleich, das Haar hing schwarz und seidenartig lang über die breiten, kräftigen Schultern herab, weiße Mützen saßen keck auf den Köpfen, und die Spitzen mehrerer Eisenwaffen schimmerten durch das Grün.

Im ersten Augenblick erschraken unsere Freunde oder faßten doch maschinenmäßig nach ihren Gewehren. Man konnte ja immerhin nicht im voraus wissen, wie die dunkeln Gestalten den Besuch aufnehmen würden. Holm erhob sich und ging ihnen entgegen, ebenso schnell und noch schneller tauchten die Wilden zurück in das Grün; erst als er einen lauten Zuruf in den Wald hineinschickte, erschienen hier und da einige der dunklen Gesichter und als auch die übrigen Weißen aufstanden und mit ausgestreckten Händen näher traten, da kamen die Gestalten ganz zum Vorschein. Weiße Mütze, Jacke und eine Art von kurzer Schürze, alles aus feinem, leichtem Gewebe gefertigt, so zeigten sich ohne die geringste Bekleidung der Beine oder Füße die Singhalesen, wenigstens sechzehn bis zwanzig an der Zahl, sämtlich bewaffnet, aber mit den friedlichsten Gebärden die Europäer begrüßend. Mehrere unter ihnen verstanden die englische Sprache, es ließ sich also ohne Mühe eine Unterhaltung anknüpfen, und bald hatten sich die Weißen und Braunen bunt durcheinander in das Moos gelagert; nur fünf von den Farbigen waren in einiger Entfernung stehen geblieben, als gehörten sie nicht zu den anderen.

»Rufe deine Freunde, Tippoo,« wandte sich Holm an den Häuptling, nachdem er dessen Namen erfahren und seinen Rang kennen gelernt hatte. »Weshalb sind die Leute so scheu?«

Der Singhalese schüttelte den Kopf. »Diese Männer sind meine Sklaven, Sahib, sie dürfen nicht sitzen, so lange ich gegenwärtig bin, sie können auch das Mahl nicht mit mir teilen und dürfen nur antworten, wenn ich frage.«

Der Doktor näherte sich dem Häuptling. »Aber du gestattest heute einmal eine Ausnahme, nicht wahr, mein werter Tippoo?« fragte er. »Diese Armen, die du Sklaven nennst, sind nicht minder Gottes Geschöpfe wie du selbst, überhaupt kann nie ein Mensch dem anderen wie eine Sache oder ein Tier gehören.«

»Gewiß, Sahib, diese Leute gehören mir! Ihre Väter haben meinem Vater gehört und ihre Söhne werden meinen Söhnen gehören.«

»Und da ist kein Freikaufen, keine Erlösung möglich? Das Kind des Sklaven wird unter allen Umständen wieder ein Sklave?«

»Natürlich. Habt ihr nicht im Abendlande auch Häuptlinge, Freie und Sklaven?«

Der Doktor schüttelte energisch den Kopf. »Sklaven nirgends, Freund Tippoo, nirgends, ich gebe dir mein Wort darauf. Und nun gestatte, daß deine Diener hieherkommen.«

Aber das war vergebliche Mühe, der stolze Singhalese blieb unerbittlich; er schien es gar nicht als möglich zu betrachten, daß sich seine Sklaven dem Umkreise des Feuers nähern könnten. Zur Jagd auf Felle und junge Tiere nahm er sie mit sich, aber doch nur ihrer Dienste wegen, nicht als Gefährten. Und ganz wie er dachten auch die anderen braunen oder olivenfarbigen Söhne der Wildnis. An keinem europäischen Hofstaat konnten die Klassengegensätze und der Adelsstolz stärker entwickelt erscheinen als hier im grünen von Tigern und Elefanten bewohnten ceylonischen Walde. Die Singhalesen erwiesen sich höflich, zuvorkommend und bescheiden, sie erboten sich zu Führern und luden die Fremden ein, bei ihnen im Dorfe zu wohnen, aber um keinen Preis hätten sie vermocht werden können, von dem gebratenen Ziegenfleisch auch nur einen Bissen zu genießen. Schaudernd lehnten sie ab, was ihnen angeboten wurde, und nahmen nur von einer Art aus Maniokmehl bereitetem, platten Kuchen, den die Sklaven ihnen in große Blätter gewickelt nachtrugen. Das Fleischessen sei von ihren Priestern strenge verboten, erklärte Tippoo, kein Anhänger der buddhistischen Religion dürfe es genießen, eben so wenig berauschende Getränke.

Diese Ansicht wurde natürlich von den Weißen durchaus respektiert; weniger zufrieden waren sie, als der Singhalese auch das Pflücken der Feigen, insoweit es den heiligen Bobaum betraf, mit der diesen sauberen, hübschen Leuten eigenen gebietenden Hoheit ohne weiteres untersagte. »Wenn ihr unsere Gäste sein und friedlich unter unserem Volke leben wollt,« sagte er, »so heißen wir euch willkommen in Singhala (so nennen die Eingebornen ihre Insel) und laden euch ein, unsere Hütten zu teilen, aber den Sitten des Landes müßt ihr euch fügen und vor allem unsere Götter ehren. Pflückt Feigen, wo ihr wollt, meine Sklaven sollen euch die schönsten zu Füßen legen, aber berührt nicht den Baum Buddhas.«

Das wurde versprochen und den Knaben eingeschärft, unter keiner Bedingung heimlich von der verbotenen Frucht zu naschen; dann kam auf die Bitte, welche Hans seinem Lehrer zuflüsterte, die Angelegenheit der verlassenen kleinen Tiger zur Sprache. Tippoo kannte den bezeichneten Ort, und zwei Sklaven machten sich auf, um die beiden jungen Raubgesellen herbeizuholen. Einige Wochen älter waren sie in Galle oder Trincomali doch immer ihre hundert Thaler wert.

Nachdem man gegessen und getrunken, mußten die Sklaven das Gepäck schultern und dann wurde der Weg zum Dorfe angetreten. Diese Gegend lag noch weit von dem eigentlichen Ziel der Reise entfernt; die Singhalesen konnten nicht wohl Wilde genannt werden, sie betrugen sich höchst anständig und hatten gutgearbeitete Waffen; zum Lande der schwarzen Veddas aber waren sie gewiß die tauglichsten Führer. Tippoo selbst wollte den Weg zeigen, d. h. wenn die Weißen gut bezahlten, es schien als habe der braune Heide die Rechenkunst sehr sorgfältig studiert. »Die Veddas sind schmutzige Gesellen,« berichtete er, »sie essen jedes Tier, das ihnen in den Wurf kommt, zuweilen sogar roh, und wohnen wie die Sklaven auf ebener Erde.«

Franz sah ihn an. »Wohnen denn die Singhalesen -- etwa auf den Bäumen?« fragte er belustigt.

»Gewiß, die Vornehmen, die Vellalahs wohnen auf Bäumen!«

»Mit Kind und Kegel, mit Küche und Haustieren? -- Nicht möglich!«

»Die Tiere haben ihre Ställe am Boden,« berichtigte der Braune, »auch gekocht wird vor der Hütte. Aber du sollst gleich unser Dorf sehen, Fremder.«

Noch eine kurze Strecke wurde zurückgelegt, dann ertönte von den Lippen der Weißen wie auf Verabredung ein allgemeines »Ah!« der höchsten Überraschung. Es war ein lachend schönes, ländliches Gemälde, das sich jetzt auf freier Hochebene dem erstaunten Blick entrollte. Weite Äcker, wohlgepflegt und umzäunt, dehnten sich fast unübersehbar, Kaffee und Zimt, Mais und Maniok, dazwischen Erbsen, Bohnen, Lupinen und Beerenfrüchte in Menge, so drängte sich Schattierung an Schattierung, so lockte es von hundert Punkten zugleich das Auge. Das Seltsamste aber waren in diesem Singhalesendorf die Häuser selbst. In Entfernungen von etwa fünfzig Schritten standen alte, weitästige, mit ungeheuren Stämmen versehene Bäume, meistens Tamarinden oder Brotbäume, und in jedem dieser Riesen hing gleich einem Vogelnest auf den untersten Zweigen eine menschliche, aus Bambusstäben luftig geflochtene Wohnung. Die Äste waren derart behauen und eingerichtet, daß sie Raum in Fülle boten, die abgeschnittenen, biegsamen Stäbe hatte man sinnreich und geschickt an allen Ecken mit den lebenden verbunden, das ganze Haus bog sich wie der Baum selbst nach jedem Windstoß, so daß es nie von der Wucht desselben herabgeschleudert werden konnte; es hatte Fensteröffnungen nach allen Seiten, obgleich freilich die Glasscheiben fehlten, und eine mit einem Mattenvorhang versehene Thür. Das spitze Dach war von Rankengewächsen und Blumen vollständig überwuchert, rauschende Zweige schlugen über dem Giebel zusammen, bunte Papageien wiegten sich im Laube, Singvögel schmetterten ihre Lieder. Es konnte nichts Reizenderes geben als diese laubenartigen, von paradiesischer Schönheit rings umfluteten Wohnungen, zu denen starke Strickleitern aus selbstgebautem Hanf hinaufführten. So unsolide und gewagt die Sache auf den ersten Augenblick scheinen mochte, so zweckmäßig erwies sie sich bei näherer Betrachtung. Wenn abends diese Strickleiter von den Bewohnern heraufgezogen wurde, dann gab es weder für Menschen noch für Tiere ein Mittel den Zutritt zu erzwingen.

Rings im weiten Kreise umgab jeden Baum eine Einzäunung von Bambusstäben, diesem unentbehrlichsten aller Lebensbedürfnisse des Tropenbewohners, eine dichte, grüne, lebende Hecke, die das Notwendige fortwährend ergänzte, wo Baumaterial, Stacketpfähle, Wasserbehälter, Dosen und hundert andere Geräte lustig in immer grüner Fülle aufschossen als schlanke Zweige, die sich unter den Händen der Eingebornen so vielfach verwandelten und umgestalteten. An die Hecke lehnten sich Ställe für Ziegen und Hühner als die einzigen bekannten Haustiere, und weiterhin in größerer Entfernung von dem Stamm selbst lagen die Hütten der Sklaven, alles Bambusgeflechte wie das Haus oben in den Zweigen. Vor der Thür so zu sagen, d. h. am Fuße des Wohnungsbaumes, lagen Steine und Trümmer aus den Waldruinen als Herd aufgeschichtet; ein großer platter Stein zum Zerquetschen des Getreides befand sich daneben und am Dreispitz von Eisen hing ein Kochgeschirr aus demselben Metall.

Ziemlich durch die Mitte der Niederlassung floß ein klarer Quell, und auch hier beschattete ein alter, weitästiger Bobaum einen Tempel Buddhas, einen Dagop, wie ihn die Eingebornen nannten. Der Altar hatte Kugelgestalt, war inwendig hohl, um die geheiligten Schriften der Priester aufzunehmen und trug auf der oberen Fläche eine zilinderförmige Erhöhung. Des Priesters Hütte befand sich in den Zweigen des heiligen Baumes, und der Bewohner selbst saß in der offenen Thür, ein Greis mit weißem Haar und lang bis auf die Füße herabwallendem weißen Gewande. Er grüßte mild und freundlich wie ein Vater seine heimkehrenden Kinder, und alle erwiderten den Gruß. Das ganze Dorf in den Lüften machte einen höchst angenehmen, wohlthuenden Eindruck.

Tippoo öffnete die Thür einer der größeren, im Augenblick leerstehenden Sklavenwohnungen. »Ich weiß, daß euer Volk keine Schmach darin sieht, auf plattem Boden zu schlafen,« sagte er, »richtet euch darum häuslich ein, damit ihr ungestört und ungehindert euren Neigungen nachleben könnt. Maniokkuchen und Früchte bringen euch meine Sklaven; wollt ihr aber Fleisch essen, so müßt ihr selbst die Tiere erlegen und zubereiten. Mein Haus betrachtet wie das eure.«

Damit entfernte er sich und ließ seine Gäste allein. Die Hütte welche sie jetzt bewohnten, war noch luftiger als das Staatsgefängnis auf Madagaskar, frisches, duftiges Moos bildete, von den Sklaven herbeigebracht, die Lagerstatt; eine lange Bambusröhre diente als Wasserbehälter, und die Speisen wurden in einem Winkel auf den Fußboden geschüttet. Natürlicher, paradiesischer konnte das Dasein nicht gedacht werden, schöner die Umgebung, reiner die Luft nirgends auf Erden sein. Der Thürvorhang wurde zurückgeschoben, die leinenen Kleider mit frischen vertauscht und dann das Dorf und das Haus des gastfreien Häuptlings in Augenschein genommen. Franz kletterte zuerst hinein. »Ich bitte euch,« rief er, »folgt nicht alle zugleich; wenn der Käfig niederbräche, wären wir verloren.«