Das Naturforscherschiff oder Fahrt der jungen Hamburger mit der "Hammonia" nach den Besitzungen ihres Vaters in der Südsee.

Part 19

Chapter 193,599 wordsPublic domain

Franz lachte, plötzlich aber bückte er sich und deutete auf einen Gegenstand, der vor seinen Füßen in der nächsten Spalte steckte. »Wieder eine solche Muschel,« rief er, »und noch schöner als die erste. Karl, wir müssen sie notwendig herausbrechen.«

Der junge Gelehrte betrachtete mit fast zärtlichen Blicken die Rosaschale, den weißen, feingefalteten Rand und das bequem eingebettete Tier, welches diese schöne Heimat bewohnt. »Wahrhaftig,« antwortete er, »du hast recht, Junge! -- und da noch, und da! -- bei Gott, ein ganzes Lager von Schaltieren! Grüne, blaue und diese braunfleckigen, ich bitte dich, sieh her!«

Er warf den Sack zu Boden und kniete neben der Rinne, wo im klaren Wasser alle möglichen Muscheln und Schnecken sich angehäuft hatten. »Der indische Ozean ist für diese Tiergattung so recht die wahre Fundgrube,« fuhr er fort. »Wir müssen hier einsammeln, was irgend erreichbar ist; eine so günstige Gelegenheit wird uns höchst wahrscheinlich nicht wieder zu teil. Entweder liegen die Korallenbänke unter Wasser, oder sie sind unzugänglich; -- ach, da hätten wir dich, ^Tridacna gigas^!«

Er hob eine Seite der Schale mühsam empor, fand aber, daß es ihm durchaus unmöglich sei, die ganze Muschel von ihrem Platze zu entfernen. Und doch war das Exemplar so schön, eines der größten seiner Art; er mußte es haben.

»Hört,« rief er den übrigen zu, »geht zum Leuchtturm und schafft mir ein paar von den dort stationierten Wächtern oder zwei von unseren Matrosen, damit diese Muschel nicht verloren werde. Die nächste Flut könnte sie wegspülen.«

»Ich bleibe bei dir!« rief Franz.

Der Doktor, Hans und der Malagasche beluden sich mit dem bereits gemachten Fang, und nachdem sie thunlichste Eile versprochen, kehrten alle drei auf dem schlüpfrigen Pfade zur Fouqué-Insel zurück, während Holm und Franz emsig so viele von den kleineren Muscheln losbrachen, als sich ohne Beistand erreichen ließen; weder einer noch der andere bemerkte, daß die Flut unaufhörlich stieg, ja, daß die Spitzen der Wogen jetzt schon bis auf wenige Fuß an das Plateau des Riffes hinaufgriffen. Nur einmal zog Holm die Uhr und sah nach. »Ach, Gottlob, noch zwanzig Minuten, das ist Zeit genug.«

Die anderen gingen indessen weiter. »Hütet euch, Kinder,« ermahnte der alte Herr, »ich bitte dich, Hans, bleib in der Mitte. Das ist ein verzweifelter Weg!«

Er sah immer vor seine Füße, zeigte ängstlich den beiden Knaben jeden Spalt und jede Lache; von den Gesetzen der Flut und Ebbe wußte er vielleicht überhaupt nur das Alleroberflächlichste und vertraute rücksichtlich dieser Dinge auch durchaus seinem jungen Reisegefährten. Daher kam es, daß er dem Meere keinen Blick schenkte, sondern vielmehr erleichtert aufatmete, als die gefährliche Expedition zu Ende und das Zelt unter dem Leuchtturm glücklich erreicht war.

Eimer und Netze, sowie der große Sack wurden geleert; dann lief Hans hinauf und bot den Wächtern ein Trinkgeld, wenn sie helfen wollten, die große Muschel aus dem Riff hervorzuziehen.

»Morgen,« antwortete kopfnickend der Portugiese. »Jetzt wäre vor Eintritt der Flut keine Zeit mehr!«

Hans erschrak sehr. »Die anderen sind noch auf dem Riff! -- Mein Himmel, es droht ihnen doch keine Gefahr?«

Die Schiffer, der englischen Sprache alle mächtig, eilten zu einem der Fenster und sahen jetzt in ziemlicher Entfernung die beiden knieenden Gestalten, welche, an der Landseite des Riffes beschäftigt, offenbar das Meer durchaus vergessen hatten. Worte, ja selbst der lauteste Schrei aus Menschenbrust konnten hier nichts ausrichten; rasch entschlossen also ergriff einer der Männer das große, an der Wand hängende Nebelhorn und ein langgezogener dumpfer Ton brauste über das Wasser dahin.

Da unten in der Tiefe drehte Franz den Kopf. War das ein Signal? -- »Karl,« rief er, »Karl, die Flut ist da!«

Der junge Gelehrte fuhr auf wie von einem Schusse getroffen. »Die Flut? -- Gott im Himmel, wie ist das möglich, ich habe doch --«

Er riß die Uhr heraus und hielt sie erschreckend an das Ohr, er rüttelte wie in Verzweiflung an dem Gehäuse -- sie stand still.

Die Wogenkämme schlugen jetzt über den Rand des Dammes herein, weißer Gischt spritzte hoch auf, -- binnen Sekunden mußte die ganze Breite unter Wasser stehen.

Mit blassem Gesichte sah er hinaus auf das brandende Meer. »Jetzt sind wir verloren, Franz!« klang es kaum verständlich von seinen Lippen. --

Und auch oben auf dem Turm wiederholte tödlich erschrocken der jüngere Knabe: »Sie sind verloren!«

»Das ist nicht gewiß, ja sogar nicht einmal wahrscheinlich,« trösteten die Portugiesen. »Schon mancher Hummerfänger oder Perlenfischer hat sich während der Flut da auf dem Damm gehalten, um die Tiere wegzufangen, ehe nach eingetretener Ebbe eine Menge von anderen weniger kecken Insulanern die Ernte mit ihm teilen konnten. Das Meer schlägt bei ruhigem Wetter höchstens zwei Fuß über den Damm hinweg.«

Hans horchte atemlos. »Und wenn es stürmt?« preßte er mühsam hervor.

»Dann vielleicht häuserhoch, -- das läßt sich nicht bestimmen.«

Der Knabe flog die Treppen hinunter zu den beiden anderen. Sein verstörtes Gesicht sprach deutlicher als alle Worte, nur einzeln kamen die Silben von seinen bleichen Lippen. »Franz und -- Karl -- müssen ertrinken.«

Das Entsetzen des alten Geistlichen läßt sich nicht beschreiben. Er stieg erst zu den Turmwächtern hinauf und bot vergeblich Summen über Summen, dann ließ er sich an das Schiff bringen und beschwor den Kapitän, doch der drohenden Brandung zu trotzen, aber beides umsonst. Die einen wollten um keine noch so große Belohnung ihr Leben einsetzen, der andere erklärte, daß das Schiff wie eine Nußschale an dem festen Riff zerschellen, aber nie und nimmer bis zu den beiden Bedrängten gelangen werde. »Sie müssen es eben so gut als möglich ertragen,« fügte er bei, »von einer eigentlichen Gefahr kann noch nicht die Rede sein. Zwei junge, kräftige Burschen werden sich ja doch von den Wellen nicht fortspülen lassen, -- sie müssen in eine Rinne treten und sich anklammern.«

»Aber in der Nacht und auf so lange Zeit!« rief entrüstet der Doktor.

»Es ist heller Mondschein und das schönste Wetter von der Welt, Herr Doktor, -- und fünf Stunden schaden den jungen Wagehälsen gar nichts.«

Auch der Steuermann suchte den alten Herrn zu beruhigen, obwohl beide, der Kapitän und er, die Sache durchaus nicht so leicht nahmen, wie es den Anschein hatte. Wenn sich nur der unbedeutendste Sturm erhob, dann war es um die beiden jungen Leute geschehen.

Der Doktor kehrte also in Begleitung des Kapitäns zur Fouqué-Insel zurück, wo sie an das Riff traten und mit den Abgeschnittenen aus der Ferne Grüße wechselten. Aber was war denn das? -- Da draußen standen in der Brandung ihrer drei, die hinüber winkten, -- Franz schwenkte sogar seinen Strohhut.

Der Doktor stürzte zum Zelt. Sollte auch Hans -- --

Aber nein, der fand sich zum Glück noch vor. Es war Rua-Roa, den nichts hatte bewegen können, seinen Freund in der Not zu verlassen. Er raffte zwei mit Haken versehene Eisenstangen welche vom Schiff mitgebracht worden waren, an sich und ging hinaus, der schäumenden, tosenden Flut nicht achtend. Der ganze Damm stand bereits unter Wasser, die Unterscheidungsgrenze für den festen Boden und das eigentliche Meer war bei jedem neuen Anprall der Brandung völlig verwischt, aber der Malagasche ließ sich nicht einschüchtern. In den kurzen Pausen drang er behende wie ein Vogel über die Klippen vor, und sobald eine neue Woge gleich einem anrückenden weißglänzenden Berge dahergerollt kam, warf er sich auf die Kniee, während unter dem Druck seiner beiden muskulösen Arme die Eisenhaken sich tief in den Klüften des Gesteins festklammerten. Nur Schritt um Schritt gelangte er auf diese Weise vorwärts, mit steter Todesgefahr ringend, mehr als einmal halb erstickt, genötigt erst liegen zu bleiben und Atem zu schöpfen, aber doch endlich ans Ziel kommend und im stande, mit strahlendem Blick und einem Lächeln innigster Freude den beiden Weißen ein Tuch voll Lebensmittel zu überreichen, das er sich um den Hals gebunden hatte, und dessen Inhalt, zwar stark durchnäßt, sonst aber doch genießbar, für die bevorstehende Geduldprobe wenigstens einige Stärkung verhieß.

Was hatte er denn eigentlich mitgebracht. Franz sah nach. Ein tüchtiges Stück Schinken, einige Schiffszwiebäcke und ein Dutzend Orangen, das ging ja an; besonders die Früchte waren willkommen, denn sie löschten den Durst, der sich bekanntlich bei jeder Aufregung bis zur Qual steigert. Franz schwenkte wieder den Hut. Zwar lief das Wasser jetzt schon von oben in die Seestiefel hinein, aber es war ja nicht kalt, die Sache ließ sich ertragen. Wenn so eine Welle heranbrauste, dann fand sie die drei Genossen vereint in der Vertiefung, welche sich die große Muschel zum Wohnsitz erwählt, und wo sie nun allerdings fürs erste in Sicherheit war. Zum Überfluß wurden noch die schweren Eisenstangen befestigt, und dann galt es nur mehr geduldig auszuharren. Bei manchen Stößen ging das Wasser bis an den Hals; zuweilen tauchte aus dem Gischt der Kopf des Haifisches plötzlich hervor, die mordlustigen Augen sahen in gleicher Höhe mit denen der jungen Leute zu ihnen hinüber, der Schwanz peitschte voll wütender Ungeduld das Wasser, die nächste Minute aber zwang den Raubgesellen, doch mit der fallenden Woge wieder zurückzusinken in das tiefere Meer. Sein Instinkt warnte ihn, sich auf das zackige, todbringende Riff hinaufzuwagen.

Die letzten Tagesstrahlen verschwammen, der Mond stand hell am Himmel, und in seltener Klarheit glänzte das südliche Kreuz. Nichts deutete auf Sturm; vom Leuchtturm grüßte friedlich das rote Licht, der Dampfer gab von Zeit zu Zeit durch einen Kanonenschuß Kunde von seiner Nähe, und auf der Fouqué-Insel brannten Pechfackeln, die der Kapitän vom Schiff herüber bringen ließ. Dennoch aber verbrachten die drei, von der Mitwelt so gänzlich abgeschlossen, eine Nacht, der nur Franz die heitere Seite abzugewinnen wußte. Er hatte gewünscht, sich die Wellen nahe herankommen zu lassen, und er ertrug es lachend, wenn sie ihn mit immer neuen Schauern bis auf die Haut durchnäßten.

Allmählich füllte auch das gleiche buntgestaltige Tierleben des gestrigen Nachmittags wieder alle Risse und Poren. Fußlange Spinnen kletterten an den Armen der jungen Leute hinauf, Krebse und große Hummer segelten vorüber, mehr als einmal erfaßten die Hände Quallen, so daß noch empfindliche Schmerzen zu der Erstarrung und der allgemach eintretenden Mattigkeit hinzukamen. Als die Wogen anfingen schwächer zu werden, da fühlten alle, daß noch eine solche Nacht, solches Alleinsein gewissermaßen auf unsichtbarem Boden inmitten des Ozeans, gleichbedeutend werden müsse mit dem Tode.

Vorsichtig krochen die Verschlagenen, um womöglich das Wasser aus den Stiefeln zu gießen und aus den Kleidern zu ringen, näher an den Rand des Meeres heran. Jetzt konnten sie ja den Schutz der Vertiefung entbehren, die höchsten Wogenkämme reichten kaum noch bis an das Plateau, die Gefahr war vorüber. Aber erst als das Wasser nicht mehr wie eine warme, schützende Decke ihren Körper umgab, fühlten die jungen Leute den Einfluß des kalten Morgenwindes. Schaudernd, von Gänsehaut überlaufen, begrüßten sie die beiden Matrosen, welche im ersten Tagesschein über das Riff geklettert kamen, um auf Befehl des Kapitäns mit vereinten Kräften die Riesenmuschel aus der Versenkung hervorzuheben. Nachdem das Tier entfernt worden, trugen abwechselnd vier Männer die schwere, teuer erkaufte Schale, und noch ehe die Sonne hoch am Himmel stand, langten alle glücklich im Zelt unter dem Leuchtturm wieder an.

Holm streckte zähneklappernd die Hände den Freunden entgegen. »Keine Rührung, Doktor,« sagte er scherzend, »ein tüchtiges Glas Grog wäre uns in dieser katzenjämmerlichen Verfassung bedeutend mehr von Nutzen.«

Der Kapitän lachte. »Ich dachte mir's,« nickte er. »Stoff ist vorhanden. Aber wollen wir denn nicht gleich zum Schiffe zurückkehren?«

»Behüte! erst müssen noch Korallen eingefangen werden.«

Dem stimmte auch Franz bei, und zwar sollte noch während der Ebbe vom großen Boot aus das Schleppnetz in die Tiefe hinabgesenkt werden. Überall schimmerten ja die roten und weißen unterseeischen Bäume durch das Wasser herauf, an einer Stelle hatte Holm sogar die seltene, wenn auch nicht hochgeschätzte schwarze Koralle gesehen, man mußte also die Gelegenheit wahrnehmen und einsammeln, was zu erlangen war.

Zwei Stunden Schlaf, trockne Kleider nebst einer tüchtigen Mahlzeit und einem echten Seemannsgrog verscheuchten im Verein sowohl Schauder als Schläfrigkeit und gaben den jungen Leuten ihre ganze gewohnte Frische voll zurück. Das Schleppnetz wurde ausgeworfen und brachte einen reichen Fang von Korallen aus der Tiefe empor an die Oberfläche, freilich nicht, ohne daß vom Boote her die Eisenstangen der Matrosen ihre hilfreichen Dienste gethan. Man fuhr längs den bis nahe an den Wasserspiegel hinaufreichenden Bänken hin; die ganze farbenglühende, in phantastischen Formen und Windungen aufgebaute Pracht da unten lag sichtbar vor aller Augen, feingeästelt vom zartesten Silberweiß bis zum gesättigten Purpur und glänzenden Schwarz; einem puppenhaften Walde gleich, schimmerten die Korallenstücke durch das blaue, spielende Wasser, und wo sie von den Eisenhaken der Bootsmannschaft getroffen wurden, da fielen sie in das ausgespannte Netz hinein.

Holm gab bei dieser Gelegenheit den Knaben einige Erklärungen über die Entstehung der Korallen, von denen meistens angenommen wird, daß sie, inwendig hohl, die Wohnungen von Tieren bilden. »Sie sind vielmehr das Tier selbst,« erläuterte er. »Die kleinste Quallenart, ein kaum sichtbares Schleimklümpchen, saugt mit seinem aller Organe beraubten Körper die Kalkteile des Seewassers in sich auf, stirbt, sobald die Verkalkung vollständig eingetreten und wird von den nachkommenden Geschlechtern als Wohnstätte benutzt, um den gleichen Kreislauf immerwährend neu zu beginnen und neu zu vollenden. An seichten Stellen setzt sich die erste Quallenfamilie fest und auf ihren abgestorbenen Überresten baut die zweite weiter, bis endlich nach Jahrhunderten die Oberfläche des Wassers erreicht ist und nun für das Tierchen die Lebensmöglichkeit aufhört. Von der Luft berührt, stirbt die Qualle.«

Er nahm eins der gesammelten Stücke und zeigte seinen Zuhörern den zähen, grauen Schleim, welcher dasselbe überzog. »Das ist das jüngste Quallengeschlecht, das eigentliche, ursprüngliche Korallentier«, setzte er hinzu, »der Stoff, aus welchem die Natur ganze Inseln, also feste Wohnplätze für Menschen im Lauf der Zeit erschafft. Es ist nicht unmöglich, daß nach Jahrtausenden, Jahrmillionen vielleicht, der am meisten von dieser Gattung bevölkerte Ozean, das Stille Meer nämlich, einen festen Weltteil bilden wird, langsam entstanden aus Korallenbänken, Insel an Insel, die endlich zusammenrücken und ein untrennbares Ganze ausmachen.«

Rua-Roa hatte mit weit offenen Augen dieser Erklärung zugehört. »Zannaar ist groß!« sagte er halblaut, nachdem jener geendet.

Holm streichelte lachend den Krauskopf des jungen Halbwilden. »Zannaar ist groß!« wiederholte er, »und selbst die schleimige Qualle sein Prophet. -- Aber siehe da, von dem kleinsten der Meerbewohner bis zu einem der größten ist nur ein einziger Schritt. Unser Freund von der letzten Nacht her!«

Er deutete mit der Rechten auf das Kielwasser des Bootes, wo sich lüsterne, tückisch blinzelnde Augen bis fast über die Oberfläche erhoben. Der grüne Hai war immer noch zur Stelle; er konnte sich, wie es schien, nicht losreißen von der schmeichelnden Hoffnung, endlich doch eines dieser Opfer zu erwischen; jetzt folgte er dem Boote und blieb dicht hinter dem Steuer desselben.

Holm ließ das Netz einziehen, um es vor der Wut des Ungeheuers zu schützen, dann nahm er aus seiner Tasche eine Pistole. »Der Raubgeselle soll daran glauben,« sagte er. »Paßt auf, Jungens, ich ziele nach dem rechten Auge. Und ihr, Leute, sobald ich geschossen habe, treibt das Boot von der Stelle, damit uns die Schwanzschläge nicht schaden.«

Die Matrosen erfaßten ihre Ruder, alles war still vor Erwartung. Der Hai spielte im Wasser, sein abscheulicher Kopf hob sich handbreit heraus. -- --

Da krachte der Schuß. Zu Bergen türmten sich weißschäumende Wogen, schwere Schläge peitschten das Wasser, ein Klatschen und Gurgeln erfüllte die Luft, ein Tropfenregen überschüttete das Boot, und wie im innersten Grunde aufgewühlt, tobte das Meer.

Die Matrosen hatten ihre Schuldigkeit gethan. Zwar tanzte das kleine Fahrzeug wie ein Kreisel auf den Wellen, aber dennoch schlug keine derselben über Bord; als sich das Wasser glättete, war von dem Raubfisch nichts mehr zu sehen. Jedenfalls stak er tot zwischen den zackigen Korallenästen im Grunde.

»Und jetzt heimwärts!« gebot Holm, der sich von dem richtigen Gang seiner Taschenuhr diesmal vorher überzeugt hatte. »Wir dürfen uns hier durch die Flut nicht überrumpeln lassen.«

Das Boot wurde zunächst zur Fouqué-Insel zurückgelenkt, dort noch der Leuchtturm besichtigt und dann der Dampfer wieder aufgesucht. Die Ausbeute an Schätzen für das Museum war eine ungewöhnlich reiche, die große Muschel allein ein unbezahlbarer Fund; aber als das Schiff an der Korallenbank vorüberfuhr, da sagten sich doch die drei jungen Leute, daß sie auf der Höhe derselben eine Nacht verlebt, deren Schauer ihnen ewig im Gedächtnis bleiben werde. Franz drückte lebhaft die Hand des Malagaschen. »Du bist doch ein guter Kerl, Rua-Roa,« sagte er, »ohne die Erfrischungen, welche du uns brachtest, hätten wir die Anstrengung kaum überstehen können.«

Die Augen des Halbwilden leuchteten. »Ich habe dich lieb, Herr,« antwortete er, »darum kam ich. Wollen wir beide den Blutschwur tauschen, du und ich?«

Franz wurde aufmerksam. »Das sagtest du schon früher einmal, Freund,« versetzte er lebhaft. »Was ist damit?«

»Das sollst du erfahren, Herr!«

Und am Abend desselben Tages, als das Schiff im Hafen von Port St. Louis vor Anker lag, winkte er im Dunkel des Vorderraumes dem jungen Weißen. Seine Hand hielt zwei kleine Stücke Ingwerwurzel und ein scharfes Messer, mit dem er zunächst die Haut über dem eigenen Herzen ein wenig ritzte und dann in das hervorquellende Blut das eine Stückchen tauchte. »Iß!« sagte er leise, »und thue das Gleiche. Laß mich dein Blut kosten!«

Franz erschrak heimlich. Das war doch eine ganz heidnische Zeremonie.

Aber Rua-Roas Augen baten so beredt, der junge Mensch schien von der Heiligkeit dieses Bündnisses so durchdrungen, daß es grausam gewesen wäre, ihm da, wo er gläubig das Rechte, Gute vermeinte, ein halb komisches, halb sträfliches Heidentum vorzuwerfen. Zudem erinnerte sich jetzt Franz, daß die eingebornen Hovas von Madagaskar den Blutschwur ausschließlich mit ihren vertrautesten Freunden tauschen, und daß der, welcher ihn etwa bräche, als ehrlos gelten würde; er verschluckte daher ohne Widerrede die duftende, mit dem Blute seines neuen Bruders getränkte Wurzel und ließ aus der Haut über seinem Herzen die roten Tropfen hervorquellen, um damit das andere Stück zu befeuchten. Rua-Roa streckte, als er es gegessen, beide Hände aus. »Dein Wille gehört seit dieser Stunde mir, Herr,« sagte er halblaut in beschwörendem, feierlichem Tone, »und der meinige dir. Wir können nichts thun, einer ohne den anderen, kein dritter kann zwischen uns treten, keine Macht kann das Blutband lösen. Schwöre, daß du niemand verraten willst, was in dieser Stunde geschehen.«

Franz hob die Hand zum nächtlichen Himmel empor. »Bei Gott!« sagte er leise, selbst wider seinen Willen erfaßt von der geheimnisvollen Feierlichkeit in dem Wesen des Malagaschen. »Bei Gott, Rua-Roa, ich schwöre es dir!«

Der Halbwilde nahm die Hand seines Freundes und legte sie sich auf den Kopf, während umgekehrt seine Rechte Franzens Scheitel berührte. »Ich danke dir,« sagte er innig, »du hast deinem Sklaven viel geschenkt, aber er wird sich dessen würdig zeigen.«

Franz fühlte eine eigentümliche Beklommenheit. Das war so etwas wie Zauberei oder eine Art von abergläubischem Unsinn; er gratulierte sich, daß es ein Geheimnis bleiben sollte. Wenn sein Erzieher davon erfahren hätte, so würde ihm ein scharfer Tadel sicher gewesen sein. Rua-Roa sollte womöglich auf den Samoa-Inseln von den dortigen Missionaren getauft und in die christliche Kirche aufgenommen werden; er durfte also den heidnischen Brauch seiner Heimat nicht im Herzen festhalten, Franz durfte ihn darin nicht bestärken, aber doch ließ er sich von der Macht des Geheimnisvollen überwältigen; der Eid war geleistet und verlangte nun strenge Heilighaltung.

Mit einem Händedruck trennten sich die beiden jungen Leute, nicht ahnend, welche schwerwiegenden Folgen das seltsame, dem Malagaschen hochfeierliche Spiel dieses Abends späterhin nach sich ziehen sollte.

Doch greifen wir den Ereignissen nicht vor.

Am anderen Tage wurde die Stadt St. Louis besehen, Einkäufe aller Art besorgt und ein Ausflug ins Innere der Insel gemacht, um dort den Bambu-Pik zu ersteigen. Auf dieser Tour füllten sich die Botanisiertrommeln mit vielen bis dahin noch nicht angetroffenen Pflanzen, namentlich einer Phönixart mit roten, prachtvollen Trauben, Mimosen mit scharlachnen, gelben und hellgrünen Blüten und vielen ausgezeichneten Kasuarinen; auch von den beiden hier angesiedelten, ursprünglich amerikanischen Bäumen, der Kampesche und der Agave, wurden Zweige gepflückt. In den Gärten gedieh die wohlriechende Vanille; ganze Felder von Zuckerrohr boten sich dem Blick; Tamarinden bildeten lange, schattige Alleen; aber Getreide wurde nirgends gebaut. Der Bambu-Pik selbst zeigte sich als roter, stellenweise in das schwärzliche hinüberspielender Basalt, dem aller Baumwuchs fehlte, der aber mit dem schönsten, üppigsten Gras bedeckt war. In den Thälern weidete hier und da ein vereinzelter Hirsch, andere Tiergattungen fanden sich jedoch nicht vor; die Übervölkerung der Insel hat sämtliche vorhandene Arten dem Untergange schon längst preisgegeben; von den ursprünglich in den Wäldern angetroffenen Wildschweinen findet sich kein einziges mehr, ebensowenig Schildkröten oder jener große ausgerottete Vogel, die Dronte, der hier auf Mauritius »Dodo« heißt, und von dem man überall nur noch Knochen besitzt, aber nirgend ein lebendes Exemplar.

Die Aussicht von der Höhe des Bambu-Pik war entzückend schön, obgleich der Charakter dieser ganzen Landschaft keineswegs etwas Großartiges oder gar Wildes besaß. Dörfer und stille, einsame, an Flüssen liegende Mühlen, reiche Gärten und Pflanzungen, dazwischen wenig Wald und über die ganze Insel hinlaufende Straßen, alles umsäumt von den tiefblauen Fluten des Indischen Ozeans, so zeigte sich das Gesamtbild, dessen Einzelheiten trotzdem manches Neue und Überraschende darboten, hier einen Käfer, dort eine Ranke oder ein Stück Erz und dann wieder einen bescheidenen Erdwurm, der sich nicht träumen ließ, daß er heute auf seinen Wanderungen einem raublustigen Feinde begegnen werde.

Ein Tag genügte, um diesen Ausflug zu beenden. Schon der nächstfolgende Mittag sah das Schiff wieder auf hohem Meere, der Insel Ceylon entgegendampfend. »Jetzt kommen wir abermals in die Gebiete wilder Völker und wilder reißender Tiere,« erläuterte Holm. »Da heißt es, die Sorglosigkeit der letzten Wochen abstreifen und bis an die Zähne bewaffnet sein Leben gegen feindliche Angriffe verteidigen. Wo denken Sie die Insel anzulaufen, Herr Kapitän?«

»Im Norden,« antwortete der alte Seemann. »Landen wir bei Trincomali oder Galle, so sind wochenlange beschwerliche Reisen notwendig, um in das Innere zu gelangen. Auf der Nordseite dagegen, in den großen Bergwäldern, hausen die Veddas; dort ist Tier- und Pflanzenleben sowie das der Bewohner noch ganz ursprünglich, -- ich denke, Sie werden Ihre Zwecke in diesen Gegenden am besten erreichen, namentlich was die Jagd betrifft.«