Das Naturforscherschiff oder Fahrt der jungen Hamburger mit der "Hammonia" nach den Besitzungen ihres Vaters in der Südsee.

Part 17

Chapter 173,681 wordsPublic domain

»Ist der arme Mensch erschossen, so berühre ich in meinem Leben kein Gewehr wieder,« rief Hans. »O warum sind wir nicht mit den Matrosen gegangen!«

»Still,« seufzte Holm. »Erst muß die Sache untersucht werden.«

Da legte vom Baum herab Rua-Roa die Hand auf des jungen Mannes Schulter. »Babakut!« sagte er, »der Menschenaffe.«

Wie in plötzlicher Übereinstimmung suchten aller Augen seinen Blick. Wenn das wahr wäre!

Rua-Roa hielt noch immer den Ast des Tamarindenbaumes umklammert. »Kennst du den Menschenaffen nicht, Herr? Leben im Abendlande unter deinem Volke keine Trägen, Faulen, die niemals arbeiten, sondern nur essen wollen? Und verwandelt sie Zannaar bei euch nicht in Babakuts, die ein Antlitz haben wie Menschen und doch Affen sind, die menschlich weinen und klagen, und doch keine Seele besitzen? Der da wimmert, ist ein solcher.«

Franz zögerte nicht länger, er mußte wissen, woher die immer schwächer werdenden, kläglichen Jammerrufe kamen, und trennte daher mit kräftigem Arm die verschlungenen Zweige, um in das Innere des Gewirres von Ranken und Blättern hineinzusehen. Sein Jubelruf lockte die übrigen herbei. Da lag auf dem blutgetränkten Moos ein ganz grauer, mit kurzem Haar bedeckter Affe von etwa einem Meter Höhe und mit so menschenähnlichem Gesicht, wie es die Reisenden noch an keiner anderen Gattung bemerkt hatten. Die brechenden Augen sahen voll stummer Anklage empor, der schweiflose Körper streckte sich und nach wenigen, letzten Zuckungen war alles vorüber.

»Das nenne ich Glück haben!« jubelte Holm. »Diese Art ist bis jetzt selten oder nie erlegt worden, wir besitzen da einen Schatz, wie ihn kein deutsches Museum nachweisen kann. Schnell, Rua-Roa, komm her und nimm vorsichtig den Affen, da du kein Gewehr zu tragen hast, wir wollen ihn auf dem Schiff in aller Form einbalsamieren oder in Spiritus bringen, je nachdem es sich macht. Jetzt ist Umkehr geboten, um keinen Preis dürfte uns der Babakut verloren gehen.«

Aber Rua-Roa that, als sei er plötzlich taub geworden. Mit dem großen Messer, welches ihm Hans gegeben, zog er gewandt das borstige Fell des Ebers ab, weidete ihn aus und schnitt die besten Bratenstücke herunter, während nur dann und wann ein scheuer Blick den getöteten Affen streifte. Die Furcht vor dem Halbmenschen Zannaars war offenbar zu groß, um ihm das Näherkommen zu gestatten.

»Mag er das Fleisch tragen!« entschied der Doktor. »Ehe nicht sein Geister- und Riesenglaube besiegt ist, hilft es nichts, ihn zum Gehorsam zu zwingen. Ich bin nur begierig, wie Sie es anfangen wollen, die Beute fortzubringen, mein bester Herr Holm.«

»Und müßte ich sie wie ein Wickelkindchen tragen,« rief der junge Gelehrte. »Aber was will Rua-Roa, er winkt mir fortwährend!«

Der Malagasche hatte das abgezogene Fell von Blut und Fleischteilen gereinigt und dann einen spitzen Stock geschnitten. »Da, Herr,« sagte er etwas ängstlich, »willst du nicht den Babakut hineinwickeln? Zwei von euch können ihn tragen, an jedem Ende des Stockes einer. Rua-Roa nimmt das Fleisch.«

Holm lachte. »Zwei von euch!« wiederholte er. »Nur du selbst nicht, Schlingel, und doch habe ich oft gehört, daß deine Landsleute den Babakut essen.«

Rua-Roa machte eine Gebärde des Abscheues. »Die Ambonga,« sagte er, »die Wilden. Sie essen auch Schlangen und Makis, die Hovas kennen dergleichen nicht.«

»Makis!« rief Holm. »Da erinnerst du mich, Junge. Ich möchte doch gar zu gern einen Eichhornmaki schießen.«

Der Malagasche nahm mit Hilfe eines zweiten, derben Steckens das Fleisch auf die Schulter. »Jetzt schläft der Aye-Aye, Herr,« versetzte er, »aber Rua-Roa wird den Baum finden, in welchem er wohnt, und wird ihn aufscheuchen. Komm nur, dort unter den alten Tamarinden ist mehr als ein hohler Stamm, dein Sklave weiß es, er hat hier oft die jungen Papageien aus ihren Nestern genommen, um sie, wenn eine Anzahl beisammen war, nach Tananarivo zu bringen und für seinen Herrn zu verkaufen. Den Babakut kannst du hier liegen lassen, bis wir wiederkommen; es stiehlt ihn dir niemand, dessen bist du sicher.«

Holm schwankte. Durfte er den seltenen Schatz dem Zufall anvertrauen? -- Aber freilich, fleischfressende Tiere gab es ja auf dieser Insel nicht, wer sollte ihm also sein Kleinod rauben? Nach kurzem Besinnen verbarg er das Paket mit dem unheimlichen Inhalt unter einer Schicht von großen Blättern, dann folgten alle dem vorangehenden Malagaschen. Der Hochwald dieser Gegend war unbeschreiblich schön und trug ganz den Charakter der tropischen Zone, wenigstens was die Mannigfaltigkeit des Pflanzenwuchses betraf. Hohe Mangobäume mit ihren saftreichen, unseren Birnen gleichenden Früchten neigten ihre tiefhängenden Äste schwer vom Segen so weit herab, daß die Knaben nach Herzenslust pflücken und essen konnten; wundervoll gefärbte Orchideen, lila, rosa, blau und schneeweiß oder vom reinsten Purpur, schwebten an ihren langen Kletterwurzeln in der Luft; ein kleines blaues, dem Vergißmeinnicht ähnliches Blümchen schmückte zu Tausenden den Boden; blütenreiche Akazien spendeten ihren Wohlgeruch, und mehrere Pandanusarten lieferten wohlschmeckende Früchte von der Größe einer Pomeranze. Ebenso wuchsen im Dickicht die verschiedensten Nüsse, weshalb auch bunte Papageien in ganzen Scharen die Baumwipfel bevölkerten. Das emsige Forschen des jungen Eingebornen währte nur kurze Zeit, dann hatte er den Schlupfwinkel eines Eichhornmaki entdeckt und konnte den heranschleichenden Gefährten ein Zeichen geben. In einer uralten Tamarinde befand sich eine Höhlung von der Größe eines Tellers, vor derselben lagen Haufen von Nußschalen, und an der rauhen Rinde des Eingangs klebten braune Haare, für den geübten Blick des jungen Malagaschen nur ebenso viele Zeichen, daß im Innern des hohlen Stammes ein Eichhornmaki seinen Wohnsitz haben müsse.

Holm und Franz standen mit geladenem Revolver hinter den nächsten Bäumen, während Rua-Roa die Tamarinde umschlich und mit dem Knöchel des Zeigefingers überall anklopfte. Längere Zeit hindurch blieben seine Bemühungen ohne Erfolg, die Weißen zweifelten, daß eines dieser zierlichen Äffchen in dem Baume verborgen sei; der Bursche aber blieb bei seiner Behauptung. »Aye-Aye schläft,« sagte er, »wir müssen ihn wecken.«

Und vor die Mündung der Höhle tretend, brachte er das Gesicht derselben ganz nahe. Ein schriller, plötzlicher Schrei durchgellte die morgendliche Stille des Waldes, -- dann suchte der Sklave seinen früheren Versteck wieder auf. Eine Gebärde befahl den Weißen, sich mäuschenstill zu verhalten.

Kaum wenige Sekunden später zeigte sich der Erfolg. Das graue, menschenhafte und auch wieder eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Fuchs verratende Gesicht des Gespensteraffen blickte aus dem Loch hervor, der Aye-Aye horchte offenbar neugierig dem immer wiederholten Klopfen, er gähnte wie ein aus dem Schlaf aufgeschreckter Mensch und reckte die langen Arme; dann sahen ihn die Weißen mit trägen, langsamen Sprüngen auf die Äste der Tamarinde klettern. Das kleine Geschöpf hatte die Höhe von kaum einem halben Meter, der Schwanz allein aber war länger als der ganze übrige Körper. Die untere Partie der Haare war von weichem Gelb, die obere rotbraun und nur an den Seiten wie am Bauche grau, Schwanz und Füße dagegen schwarz.

»Schieß nicht,« flüsterte Franz. »Ich habe von meinem Platz aus das Ziel sicher!«

Er legte an, und als der Knall erfolgte, stürzte das Tier mit lautem Aufschrei, sich mehrmals überschlagend, zu Boden. Es war so glücklich getroffen, daß der Tod im Augenblick eintrat. -- Hinter seiner schützenden Tamarinde sprach Rua-Roa in der einheimischen Mundart ein Gebet, aus dessen hastiger Wortfolge der Name Tenn-Tenn wiederholt auftauchte; jedenfalls versicherte er sich in so unmittelbarer Nähe der gefürchteten Schießwaffe vor allen Dingen des Feuerriesen, ohne dessen Gnade es nach seiner Meinung allzu leicht um ihn geschehen sein konnte.

Holms Freude war grenzenlos. Weder im Zoologischen Garten noch im Museum fand sich dieses Tierchen; er würde also der erste sein, welcher es nach Hamburg brachte, vorläufig freilich nur die Haut, aber doch wohlerhalten, denn die kleine Kugel hatte das aufrecht sitzende Äffchen in den Unterleib getroffen, so daß sich die Wunde beim Ausstopfen verbergen ließ, ohne irgend eine Entstellung herbeizuführen.

»Jetzt laßt uns den Rückweg antreten,« rief er, nachdem dem Maki die Haut abgezogen war, »es kann nicht weit von neun Uhr entfernt sein, wir werden also pünktlich zur Mittagsmahlzeit eintreffen. Nachgerade sehnt man sich, wieder eine warme Suppe und einen Schluck Kaffee zu erhalten. Freund Rua-Roa, du hast deine Sache gut gemacht; jetzt finde auch den Rückweg zum Babakut!«

Der Eingeborne ergriff ohne weiteres die Haut des Eichhornmaki und trug sie sorgfältig wie einen wertvollen Schatz durch das Gebüsch. Ohne diesen, der Umgegend so vollkommen kundigen, mit den Ortsverhältnissen und dem Tierleben des Waldes genau vertrauten Führer hätten die kecken Abenteurer den Rückweg zum Meer kaum wieder aufgefunden, keinesfalls aber die beiden seltenen, so äußerst interessanten Affen erlegen und aufspüren können. Rua-Roa sah im Moos des Weges die Spuren, wo kein Weißer sie entdeckt haben würde; er erkannte unter den dichtstehenden Bäumen an einer einzigen Liane oder Orchideenblüte den einzuschlagenden Pfad; er hatte an Stellen, wo durch die grünen, lebenden Wände von Ranken und Geflecht einer nach dem anderen sich Bahn brechen mußte, doch noch irgend ein Zeichen bemerkt, das ihn später richtig führte. Genau an demselben Punkt, von dem die kleine Schar ausgegangen, betrat sie wieder die Lichtung, in deren Mitte der Eber gefallen war.

Holm griff zunächst in die natürliche, halb überwölbte und von großen Blättern verdeckte Höhle unter den Wurzeln eines Mangobaumes, um sich von dem Vorhandensein des Babakut zu überzeugen, zog aber auch im selben Augenblick die Hand mit einem leichten Schmerzensschrei wieder zurück. »Rua-Roa!« rief er, »was kann das bedeuten? Als hätten mich zehn Nadeln zugleich gestochen!«

»Lassen Sie sehen, Bester!« sagte erschreckend der Doktor. »Ich will nur hoffen, daß es kein Schlangenbiß ist.«

»Dann müßten zahlreiche Schlangen zugleich ihre Zähne gebraucht haben. Alle meine Finger bluten.«

Er hob die Hand empor, aus welcher rote Tropfen auf das Moos fielen. »Nein, nein, das sind Stichwunden, -- Junge, komm her und sage, was du davon hältst.«

Aber Rua-Roa hütete sich, dem Babakut, der nach seiner Meinung ein verzauberter Mensch war, näher zu treten. »Tanrak!« sagte er aus der Entfernung. »Tanrak, Herr, er ist keineswegs bösartig oder giftig.«

Franz hatte während dieser Unterhaltung zwischen den anderen mit seinem großen Messer die Ranken und Blätter entfernt; jetzt zerschnitt er etliche Baumwurzeln, zog den toten Affen hervor und warf Moos und Erde zurück, daß die Stücke flogen. Hans half nach besten Kräften und in wenigen Minuten war die Höhlung bloßgelegt. Im Hintergrunde derselben saßen ein paar kleine wunderliche Gesellen, die mit dem Kleide aus Borsten und mit dem langen spitzen Rüssel sogleich von allen Anwesenden als Glieder der Igelfamilie erkannt wurden. Nach Art dieser Tiere versuchten sie bei ihrer plötzlichen Entdeckung keine Flucht, sondern saßen still und unbeweglich auf einer Stelle, sonderbar anzusehen mit den ganz schwarzen, nur von drei weißen, über den Rücken herablaufenden Längsstreifen gezeichneten, starren Borsten, die ihre eigentliche (Maulwurfs-) Größe zu verdoppeln schienen. Im Sommerschlaf gestört, blinzelten sie verdrießlich und waren aus der bequemen geduckten Haltung nicht aufzurütteln.

Franz ergriff den Affen und trug ihn auf die andere Seite des Platzes. »Rua-Roa,« rief er, »wie fangen wir es an, die Tierchen lebend zum Schiffe zu bringen? Haben müssen wir sie.«

Der Malagasche nahm den aus weißem Gras geflochtenen Hut vom Kopf; dann die Hand in einen Zipfel seines langen Hemdes wickelnd, ergriff er vorsichtig das stachlichte Pärchen und setzte es in den Hut. Mit kräftigem Schwunge das Fleischstück am langen Stecken über seine Schulter werfend, unter dem linken Arm die Tanraks, schickte er sich an, wieder das Amt des Führers zu übernehmen. »Du machst dir vergebliche Mühe, Herr,« sagte er, »weder den Babakut, noch den Aye-Aye, noch den Tanrak kannst du essen.«

Alles lachte, so daß der Halbwilde ganz verdutzt dreinschaute. Die beiden Brüder trugen den Babakut, Holm nahm die Haut des Eichhornmaki und so wanderten alle zum Strande hinab, wo in grüner, lauschiger Bucht das Boot der »Hammonia« lag, um sie an Bord des Dampfers zu bringen. Ein fröhliches »Ahoi!« der Matrosen empfing die Wanderer, rüstige Arme hoben all die reichliche Ausbeute an Pflanzen und Tieren in das kleine Fahrzeug, die Kette wurde gelöst, und als der letzte von allen bestieg Rua-Roa die Planken, welche ihn von seinem Vaterlande für immer trennen sollten. Er schien die Insel, auf der er geboren, ohne Schmerz zu verlassen; dagegen erregte ihm der Dampfer eine heimliche Furcht, die sich noch steigerte, als vom Vorderteil her die Kanonen einen Willkommensgruß über die blauen Fluten dahin und den Ankömmlingen entgegensandten. Das rotweiße Wappen von Hamburg flog am Mast empor, der Kapitän schwenkte grüßend den Hut; wie ein Strom von Gold lag heller Sonnenglanz auf Schiff und Meer.

Es war diesmal den Reisenden so recht ein Nachhausekommen; es wehte sie an wie Heimatsgefühl und sonntäglicher Friede, als sie das Deck wieder betraten, -- nur Papa Witt hatte das alte Schelmengesicht und den alten, unverwüstlichen Seemannshumor auch in dieser Stunde behalten. »Zwei tote Affen und zwei lebendige Stachelschweine!« sagte er. »Gott stehe mir bei, und dafür wären nahezu vier gute Christen von den Krokodilen verschlungen worden. Ein anderes Mal gehe ich mit, wenn die Herrschaften wieder an Land wollen; dann bleibt alles fein vernünftig auf ebener Straße.«

Dagegen protestierten nun freilich die jungen Leute auf das entschiedenste. Papa Witt sei am Lande völlig ungenießbar, versicherten sie, er möge lieber den Koch antreiben, daß jetzt ein recht guter Bissen auf den Tisch komme.

Holm suchte unter den Fässern im Schiffsraum ein passendes leeres aus, in den er den Babakut legte und ihn mit Spiritus übergoß. Da jedoch nicht aller Spiritus verwendet werden sollte und das Faß noch nicht voll war, so füllte er den Rest desselben mit Rum aus, den ihm der Steward geben mußte, worauf der Schiffszimmermann das Faß wieder dicht schloß und die Fugen desselben leicht verpichte. Die Makihaut wurde in derselben Weise mit Arsenikseife präpariert wie früher der Balg des Nashornvogels.

Papa Witt zürnte anfangs über den Mißbrauch des guten Rums, aber als Holm ihm erklärte, daß die anatomische Zergliederung der Affen der Wissenschaft von größtem Interesse sei, antwortete er scherzend: »Es wäre doch wohl besser gewesen, von dem Rum einen schönen Grog zu brauen, als ihn dem alten häßlichen Affen zu geben, der noch dazu tot ist und seine Güte nicht zu würdigen versteht.«

So war denn alles an Bord nur Heiterkeit und Freude. Nachdem aber mit Essen und einem stärkenden Mittagsschlaf die ersten Stunden vergangen, erinnerte Doktor Bolten die kleine Gesellschaft, daß es heute Sonntag sei. Unter dem Sonnensegel am Deck wurde ein Gottesdienst gehalten, den Rua-Roa voll schweigender Ehrfurcht, vielleicht zu seinen Heidengöttern betend, mit anhörte. Der alte Theologe dankte dem Himmel für die Rettung aus höchster Todesangst, stumm hing alles an den Lippen des verehrten Mannes, leiser spielte der Wind mit den weißen Wogenhäuptern, und laut schmetternd krähte der heilige Hahn, der Sendbote Zannaars des Weltgeistes.

Sechstes Kapitel.

Während das Schiff durch den Kanal von Mozambique zurückdampfte, um nach der kleinen Felseninsel Mauritius zu steuern, welche, als sie den Franzosen gehörte, den Namen ^Isle de France^ führte, jetzt aber, seit sie im Jahre 1810 von den Briten erobert wurde, wieder ihren ursprünglichen Namen trägt, den sie zu Ehren des Kommandanten der niederländischen Seemacht, Moritz von Nassau, erhalten hatte, gab es in der Kajütte mancherlei für die jungen Naturforscher zu thun.

Franz hatte schon den Wunsch ausgesprochen, das genaue Abbild von einem der Stammesgenossen Rua-Roas zu besitzen, um daheim den Freunden zeigen zu können, wie die Ungeheuer in Menschengestalt aussehen, in deren Gewalt sie sich befunden hatten. Holm sagte, daß unter so gefährlichen Umständen, wie die jüngst durchlebten, es schwer halten würde, die mißtrauischen Wilden zu bewegen, dem Zeichner oder dem Photographen still zu sitzen, weil sie alles Fremdartige für Zauberei hielten. »Es wird uns aber gelingen, auch milder gesinnte Wilde zu treffen und diese werden wir nicht nur später photographieren, sondern, damit wir die genaue Form ihres Antlitzes erhalten, auch in Gips abgießen.«

»Aha,« sagte Franz, »nun weiß ich auch, weshalb Sie sich den Gips nachkommen ließen, Sie wollen die Wilden abformen.«

»Um dem Forscher Material zu liefern, an dem er die feineren Rassenunterschiede der Wilden studieren kann,« erwiderte Holm, »und damit ihr mit dieser Operation genau vertraut werdet, wollen wir die freie Zeit benutzen, die Eigenschaften des Gipses und seine Handhabung kennen zu lernen.«

Holm öffnete eine der Blechdosen, in der sich ein weißes Mehl befand -- der gebrannte Gips. »Dieser gebrannte Gips,« erklärte Holm, »ist schwefelsaurer Kalk, dem durch Erhitzen das in ihm vorhandene Wasser ausgetrieben wurde. Fügen wir dem entwässerten Gips wiederum Wasser zu, so verbindet er sich mit demselben zu einer festen Masse, die nach dem Trocknen hart wird. Diese Eigenschaft macht den Gips zu einem wertvollen Material, sowohl um Gegenstände abzuformen, als auch plastische Figuren aus demselben herzustellen. Franz, bitte den Koch um einige große Tassen, wir wollen ungesäumt an die Arbeit gehen.« Franz that, wie ihm gesagt war, Hans holte Wasser und Holm suchte einen Thaler hervor, der das Bildnis des deutschen Kaisers in besonders schöner Prägung zeigte.

Zunächst nun rieb er die Münze mit einem Tropfen Öl ein, um das Ankleben des Gipses an derselben zu verhindern, worauf er sie mit einem drei Zentimeter hohem Rande von Schreibpapier umgab, dessen loses Ende er mit Gummi arabikum festklebte. Franz war nicht wenig stolz darauf, das so wichtige Klebmittel selbst geerntet zu haben, wenn auch die spitzen Stacheln des Schotendorns seine Hände nicht wenig zerkratzt hatten. Auch der Papierrand wurde mittels eines Pinsels mit einer kleinen Menge Öl getränkt. Dann rührte Holm etwa einen Eßlöffel voll Gips in einer Tasse rasch mit soviel Wasser an, daß ein nicht zu dünner Brei entstand, und goß denselben auf die Münze, welche derart auf dem Tische lag, daß sie selbst den Boden, der Papierstreif aber den Rand einer Schachtel bildete.

Nach etwa fünf Minuten war der Gipsbrei bereits erstarrt. Der Papierrand wurde vorsichtig abgenommen, worauf die erhärtete Gipsmasse auch von der Münze getrennt werden konnte. Mit allen, selbst den feinsten Einzelheiten war die nach oben liegende Seite der Münze in dem Gipse abgeformt, nur mit dem Unterschiede, daß die Erhöhungen der Münze in der Gipsmasse vertieft zum Vorschein kamen.

Die Knaben freuten sich über den wohlgelungenen Versuch. Holm trug Hans auf, den erhaltenen Abguß dem Koch zu bringen, daß er denselben auf eine nicht zu warme Stelle des Herdes legen möge, damit er gehörig austrockne. Dann ließ er Franz und Hans ebenfalls Abgüsse von der Münze machen, was ihnen, da sie gut aufgemerkt hatten, auch vortrefflich gelang. Rua-Roa sah verwundert zu und konnte nicht klar darüber werden, was die Weißen für sonderbare Dinge vornahmen. Holm aber sagte auf deutsch: »Du sollst nicht lange im Unklaren bleiben, mein Junge, nachher geht es dir, wenn auch nicht an den Kragen, so doch an dein gelbes Menschengesicht.«

Als die vorhin hergestellte Form auf dem Herde trocken geworden war, tränkte Holm sie mit etwas Öl und umgab sie ebenso wie vorher die Münze mit einem Rande von Papier. Dann goß er frischen Gipsbrei hinein, wartete bis derselbe festgeworden und konnte dann die beiden Gipsstücke leicht von einander ablösen. Das zweite Gipsstück zeigte nun ein genaues Abbild der ursprünglichen Münze, das Bildnis des Kaisers, die Umschrift und alle feinen Zeichen derselben. Die erste Form nannte er die Hohlform, die zweite den Abguß. Den Knaben war nun klar, daß wenn man einen Gegenstand plastisch in Gipsabgüssen vervielfältigen will, vor allen Dingen zuerst eine Hohlform hergestellt werden muß. Nachdem die Knaben gelernt hatten, wie der Gips zu behandeln sei, sagte Holm zu Rua-Roa: »Nun kommst du daran, mein Teuerster, lege dich da einmal auf den Fußboden.« Rua-Roa that wie ihm gesagt wurde, denn bis jetzt hatten die Weißen ihm keinerlei Leides gethan, er hatte volles Vertrauen zu ihnen.

Dann stellte Holm aus einem großen Thonklumpen durch Rollen auf einem Brette eine große, lange Wurst her, die er dem auf der Erde Liegenden so um das Gesicht herum legte, als wollte er ihm ein Zahntuch aus Lehm umbinden. »Dieser Thonwulst soll das Herabfließen des Gipsbreies verhüten,« sagte Holm, »und damit derselbe sich nicht in Rua-Roas Augenbrauen festsetzt, bedecken wir dieselben mit feinem, ölgetränkten Seidenpapier.«

»Aber erstickt Rua-Roa nicht, wenn wir ihm das ganze Gesicht voll Gips gießen?« fragte Franz.

»Wir befestigen ihm mit etwas Lehm in jedem Nasenloch einen Strohhalm,« erwiderte Holm, »dadurch kann er hinreichend atmen. Das haben sich vor ihm schon manche Wilde gefallen lassen müssen, und er wird auch nicht der letzte sein, zumal der ganze Vorgang keine fünf Minuten währt.« Rua-Roa ließ sich geduldig das Seidenpapier auf die Augenbrauen und anderen Stirnhaare legen, auch gegen das Einölen des Gesichtes machte er keine Einwendungen. Als Holm ihm aber die Strohhalme in die Nase befestigen wollte, sprang er auf und weinte. Das war ihm zu viel. Keine Bitten konnten ihn bewegen sich wieder niederzulegen, er glaubte, daß man ihn umbringen wolle. »Doktor,« rief Holm, »reden Sie ihm zu, er hat ja selbst gesagt, daß er Ihr Sklave sein wollte. Spielen Sie einmal den Plantagenhalter und brauchen Sie Ihre Autorität.« Doktor Bolten lächelte milde und ging auf Rua-Roa zu. »Mein Sohn,« sagte er, »der mutige Knabe hat dich aus dem Rachen des Krokodils gerettet und war in Lebensgefahr deinethalb, wie wir alle. Kannst du glauben, daß deine Erretter dir Schaden zufügen wollen? Sieh, wir verlangen nur einen kleinen Dienst von dir, du wirst doch eine geringe Unannehmlichkeit ertragen können, um deinem Dank Ausdruck zu geben, von dem du in so beredten Worten gesprochen. Nicht Worte machen den Dank, sondern die That.«

Rua-Roa hörte auf zu weinen. Er sah zu komisch aus mit dem vom Lehm eingerahmten Gesichte und den Thränen, die von der eingeölten Haut herunterliefen, wie das Wasser von den fettigen Federn einer Ente. Dann legte er sich ergeben auf den Rücken und wartete der schrecklichen Dinge, die da kommen sollten. »Schließe die Augen und den Mund, atme langsam durch die Strohhalme,« rief ihm Holm zu, der in einer großen Schüssel den erforderlichen Gipsbrei anrührte. »Und nun nicht gemuckt, freundlich gelächelt, damit du später nicht als Heulmeier in Gips erscheinst.« Bei diesen Worten schüttete Holm den bereits im Erstarren begriffenen Gips auf das Gesicht Rua-Roas, der sich wirklich Mühe gab zu lächeln. »Halte dich ruhig, mein Junge,« ermutigte Holm den Daliegenden, der eine unförmliche Maske von Gipsbrei vor seinem Gesichte hatte, »und schnaube mir nicht zu sehr. Es ist dein eigener Schade, wenn die Hohlform von deinem ehrenwerten Antlitz nicht gelingt, denn dann, mein Lieber, mußt du noch einmal daran. -- So,« rief Holm, »der Gips ist bereits erhärtet.« Er entfernte zuerst die Strohhalme, dann lüftete er die Gipsmasse bald an der einen Seite, bald an der anderen, um sie allmählich zu lockern, und hob sie behutsam von dem Antlitz Rua-Roas ab.