Das Naturforscherschiff oder Fahrt der jungen Hamburger mit der "Hammonia" nach den Besitzungen ihres Vaters in der Südsee.

Part 16

Chapter 163,574 wordsPublic domain

Niemand antwortete dem alten Geistlichen; jeder war zu sehr mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, zu sehr erschüttert, um sprechen zu können; auch das Essen blieb unberührt stehen, und als der Abend herabsank, setzten sich die Unglücksgefährten so nahe als möglich neben einander auf eine Matte, um noch, so lange ihnen Zeit blieb, einer dem anderen ein freundliches Wort zu sagen und vor allen Dingen gewissermaßen das Haus zu bestellen, ehe es an das Verlassen desselben ging. »Werdet ihr gerettet, so grüßt zuerst meine Mama, dann die übrigen!« bat Hans.

Der alte Geistliche hielt mit beiden Händen die der Kinder, welche er erzogen. »Meiner harrt zuhause in Hamburg kein trauerndes Herz,« sagte er, »um mich wird niemand weinen, niemand Kummer fühlen. Sorgt, wenn ihr glücklich in die Heimat zurückkehrt, daß das, was ich an irdischen Gütern hinterlasse, irgend einer milden Stiftung zufällt, am liebsten einer Freischule oder einem Stipendium. Ich -- --«

Franz umklammerte aufschluchzend mit beiden Armen seinen geliebten Lehrer. »Sie sterben nicht, Herr Doktor, Sie sterben nicht!« rief er, »ich bleibe bei Ihnen und verteidige Sie mit meinem Leben, ich gebe Ihnen Zeit, den Ungeheuern zu entkommen.«

»Das versprechen auch wir,« riefen in einem Atem die beiden anderen. »Sie sollen in unserer Mitte bleiben, lieber Herr Doktor, wir schützen Sie so lange als nur möglich.«

Der alte Geistliche legte im Dunkel der Hütte seine beiden Hände auf die Köpfe der jungen Leute. »Seid gesegnet, meine Kinder,« sagte er mit erstickter Stimme. »Es wird geschehen nach Gottes Ratschluß, der Herr wird alles wohl machen.«

Draußen an der Bambuswand regte sich's. Wie leises Flüstern tönten Menschenstimmen, und vernehmlich klang es durch die Spalten »Hummel! -- Hummel!«[1]

[Fußnote 1: Schlagwort der Hamburgischen Schifferkreise.]

Die vier Unglücksgefährten glaubten zu träumen. Was war das? -- Hatte die Aufregung ihre Nerven so überreizt, daß sie die Stimmen ihrer weit entfernten Freunde wie aus unmittelbarer Nähe zu hören vermeinten?

Franz schauderte. »Klang das nicht, als hätte das der alte Witt gesagt?« flüsterte er. »Hummel! -- Hummel! -- das war ein Abschiedsgruß aus der Heimat.«

Holm stand auf und trat an die Wand. Draußen sah man nichts, es war unmöglich, durch die engen Spalten hindurch irgend etwas zu erkennen. »Wer da?« rief er leise, mehr auf das gute Glück hin, als wirklich im Glauben, irgend jemand anzureden. »Wer da?«

»Gut Freund, Herr Holm! -- Nur stille, hören Sie, daß die Schwerenöter nichts merken. Sie sind doch alle wohlauf?«

Im Dorf krähte mit heller Stimme ein Hahn. War es der weiße? -- Sein Schmettern klang wie »Wohlauf! -- Wohlauf!«

Eine Hand hatte die Riegel der Hütte hinweggezogen. Einer nach dem andern traten die dunkeln Gestalten unter das Bambusdach, zwölf bewaffnete, mit Kugelbüchsen, Revolvern und Enterbeilen versehene Männer, die gekommen waren, um ihre bedrängten Freunde zu erlösen. Nur der Kapitän und vier Matrosen waren als notwendigste Besatzung an Bord des Dampfers geblieben, alle übrigen zogen durch den nächtlichen Wald, fest entschlossen, die Gefangenen zu befreien oder mit ihnen unterzugehen. -- Und draußen vor der Thür stand noch einer, ein schlanker, dunkeläugiger Knabe, der die Retter hierhergeführt, der sein eigenes Leben gewagt hatte, um der heiligen Pflicht der Dankbarkeit zu genügen, Rua-Roa, jener verurteilte Sklave, den Franz mit seinem plötzlichen Schuß von den Krokodilen erlöste. Jetzt bewachte er sowohl den Eingang zur Hütte, als auch den geknebelt und gebunden am Boden liegenden Hüter, der von unseren braven Hamburger Teerjacken im halben Schlummer so energisch überrumpelt worden war, daß ihm keine Zeit blieb, auch nur den kleinsten Schrei auszustoßen. Rua-Roa zitterte im Gedanken, daß ein einziger Zufall alles verraten könne.

»Schnell! Schnell!« ermahnte er.

Aber die da drinnen hörten ihn nicht. Es war wie ein Rausch über ihre Sinne gekommen, wie ein Taumel, sie sprachen in abgebrochenen Lauten und waren kaum fähig, zusammenhängend zu denken. Nur der alte Witt trieb zur Eile. »Da hast du eine Kugelbüchse, Zackermentsjunge, ich habe sie ausdrücklich für dich über alle diese vermaledeiten Baumwurzeln und Ranken geschleppt, -- ist doch ein schauderhaftes Vergnügen, so bergauf und bergab durch den Wald zu klettern. -- Na, schon gut, da braucht's gar keinen Dank und keine Rührung, deucht mich; oder hättest du etwa ruhig zugesehen, Junge, wenn die Menschenfresser zufällig über mich, anstatt über dich selbst hergefallen wären?«

»O ich wußte es ja, ich wußte es ja, wir sind gerettet!«

Und Franz sprang von einem zum andern, unfähig, seinem Jubel zu gebieten. »Wollen wir Lärm schlagen?« rief er übermütig, »die gelben Halunken mit ihrem Oberhaupt, dem Lügenpriester, zu Paaren treiben und alle Krokodile erschießen?«

»Franz, Franz, -- und das im ersten Augenblick unserer Rettung!«

Holm fand seine gewohnte Ruhe wieder, als ihn der unbesonnene Vorschlag aus dem anfänglichen Freudenrausch aufschreckte. »Kommen Sie, Herr Doktor,« setzte er hinzu. »Rasch, rasch, ich kann es nicht erwarten, den blauen Himmel wieder über mir zu sehen.«

Auch der Steuermann näherte sich dem alten Herrn. »Ich habe Ihnen eine Handlaterne mitgebracht, Herr Doktor,« sagte er, »die einzige, welche an Bord zu finden war. Sie thut nötig bei diesen halsbrecherischen Unternehmungen.«

Und mit dem ganzen Abscheu des Seemanns gegen Fußpartieen zog er eine blecherne Diebslaterne aus seiner Jacke hervor. »Da ist das Ding, Herr Doktor, aber anzünden wollen wir es lieber erst draußen.«

Holm und Franz lachten ihn aus. »Wer hat uns denn durch den afrikanischen Wald geführt, Papa Witt?« rief der Knabe. »Naturforscher mit dem Talglicht! das ist köstlich.«

Hans war der erste draußen. »Kommt, kommt,« bat er, »ich sehne mich nach dem Anblick unseres Schiffes.«

Die Matrosen hatten inzwischen den ganzen kleinen Raum untersucht, und als sie kein Stück des Eigentums ihrer Reisegenossen mehr vorfanden, die Hütte verlassen. »Ich hätte Lust, den Bau in Brand zu stecken,« raunte einer. »Irgend ein Andenken müßten wir doch diesen Schuften vermachen.«

Und gedacht, gethan. Ehe es die Weißen hindern konnten, flog ein brennendes Stück Papier auf die Matten am Boden, rote Flammen krochen züngelnd weiter, eine Rauchwolke wirbelte auf, und bald stand das ganze, abgesondert liegende Gebäude in heller Glut. Den gebundenen Malagaschen legten die Hamburger in gesicherte Entfernung, und dann ging es fort zum Walde, wo die lustige Schar den Tadel, welcher sie empfing, ohne bemerkbare Zerknirschung hinnahm, zumal der Steuermann sich begnügte, mit pfiffigem Blinzeln hinzuzusetzen: »Schade, daß nicht das ganze Dorf in Rauch aufgeht. Die gelben Landpiraten hätten verdient, einmal selbst bei ihren Krokodilen Nachtquartier suchen zu müssen.«

»Sollen wir sie aus dem Schlaf stören?«

Die Kampflust, der Übermut dieser ganzen jugendlichen Schar waren kaum noch zu zügeln. Holm und der Doktor mußten ihr Ansehen als Führer des Zuges voll in die Wagschale werfen, um weitere Ausschreitungen zu verhüten; nur widerstrebend konnten sich die Matrosen entschließen, das Dorf und die brennende Hütte ihrem Schicksal zu überlassen, ja es ist ungewiß, ob das jemals geschehen wäre, wenn nicht eine plötzlich auftauchende Erscheinung das allgemeine Interesse für sich in Anspruch genommen hätte.

Unter den Bäumen stand im unsicheren, zuckenden Licht der vielen elektrisch glänzenden Fliegen jener Malagasche, der zuerst die Weißen in das Dorf geführt hatte. Er trug unter dem Arm den Käfig mit dem weißen Hahn und streckte jetzt lächelnd die Hand aus. Sein verschmitztes Gesicht zeigte, daß er alles wußte. »Ein kleines Geschenk für den Führer,« sagte er in englischer Sprache. »Er war es, der Rua-Roa den Weg zeigte.«

Papa Witt sah voll Erstaunen von einem zum andern. »Was will der Mosjöh Zitronengesicht?« rief er. »Schenkt mir einen Hahn! -- Ist der Kerl verrückt?«

»Sagte ich's nicht,« lächelte Holm. »Er verrät beide Parteien um des klingenden Lohnes willen. Aber besser ist es, Freund Steuermann, Sie geben ihm ein Stück Geld, das ich mit Dank zurückerstatten werde, -- in meiner und des Doktors Tasche ist es leer wie am ersten Schöpfungsmorgen.«

Der Alte griff in den perlengestickten Geldbeutel, welchen er nur bei festlichen Gelegenheiten zu tragen pflegte. »Eine tüchtige Tracht Prügel wäre dir bedeutend dienlicher, du Galgenholz,« brummte er auf deutsch, »es ist schade, daß du immer noch ungehängt über Gottes Erde läufst, aber wenn wir dich jetzt mit der richtigen Münzsorte bezahlen wollten, so könntest du uns aus Dankbarkeit alle deine Brüder auf den Hals hetzen. Marsch mit dir, -- den Hahn kannst du selbst verzehren.«

Aber Holm ergriff den Käfig und nahm ihn an sich. »Das Geheimnis dieses Geschenkes erkläre ich Ihnen zuhause, Steuermann,« lachte er. »Vorwärts jetzt, vorwärts um des Himmels willen, -- die Malagaschen sind aus dem Schlaf erwacht!«

Wirklich sammelten sich schreiende, wehklagende und drohende Haufen um das Gefängnis, dessen leichte, dürre Bambuswände in der Glut zusammengestürzt waren und einen funkensprühenden Trümmerhaufen bildeten. Ein fesselnder Anblick bot sich dar: all die gelben, in den seltsamsten Kostümen -- dasjenige Adams nicht ausgeschlossen -- umherlaufenden und gestikulierenden Menschen, erhellt von der roten Lohe, deren Widerschein zugleich das Ufer färbte, wo mehr als ein riesiger Kaiman lüstern spähend mit halbem Leibe aus dem Sumpf auftauchte.

Allen voran im flatternden Gewande mit hocherhobenen Armen stürzte Lani-Lameh, der Zauberer. Wilde Verwünschungen schallten von seinen Lippen; er ermunterte offenbar die übrigen, den Flüchtlingen zu folgen.

Als sich diese nach dem Führer umsahen, war er verschwunden. Der listige Geselle mußte jetzt im Dorfe bemerkt werden, um nicht durch seine Abwesenheit Verdacht zu erregen; -- Holm begriff das, aber er erschrak. Wohin im Dunkel fliehen, ohne den Verfolgern in die Hände zu fallen.

Da erfaßte jemand seinen Arm. In englischer Sprache erklang ein rasches »Dort hinaus, Herr!« und ohne erst zu fragen, wer der Sprechende sei, folgte die kleine Schar dem gegebenen Rate. Nach einer Viertelstunde angestrengten Marschierens, wobei der Steuermann zweimal über vorspringende Baumwurzeln fiel und in allen Tonarten auf Wälder und Fußreisen und Dunkelheit schimpfte, war endlich eine Lichtung erreicht, von der verschiedene Wege abzweigten. Kein Laut verriet die Nähe der Malagaschen, kein Zeichen deutete auf Gefahr, daher ließen sich die Flüchtigen Zeit, endlich auch aus den mitgebrachten Vorräten der Matrosen eine tüchtige Stärkung zu sich zu nehmen. »Prosit!« nickte der Steuermann. »Und dergleichen nennen Sie ein Vergnügen, mein Herr Holm? So schauderhafte Strapazen finden Sie ganz unterhaltend und angenehm? -- Um des lieben Himmels willen, was wollen Sie mit dem Hahn?« setzte er hinzu. »Freilich bin ich kein Gelehrter, aber mich deucht doch, daß der weiße Kerl ein ganz gemeiner Haushahn ist.«

»Oho, Papa Witt, mehr Respekt, wenn ich bitten darf! Dieser Hahn, den ich als unseren persönlichen Schutzhahn an der einen bräunlichen Feder vorn auf der Brust mit Sicherheit erkenne, -- dieser Hahn ist ein Sendbote Zannaars und des Riesen Darafif wider die Macht und Tücke Angatschs des Bösen; -- oder ernsthaft gesprochen: er war eines der Werkzeuge, deren sich Gott bediente, um uns vor grauenhaftem Tode zu bewahren. Wären wir ohne den weißen Hahn gewesen, so hätte uns das wütende Volk auf dem Fleck in Stücke zerrissen.«

Er setzte nun den Verlauf ihres Abenteuers dem Alten kurz auseinander und fragte jetzt erst, wie denn eigentlich die Freunde an Bord des Dampfers Kunde von dem Geschehenen erlangt hätten. Ehe Papa Witt antworten konnte, zog Franz an der Hand den jungen Hova-Sklaven aus dem Hintergrunde hervor. »Herr Doktor,« rief er, »und du, Karl, hier ist Rua-Roa, der weder Mühe noch Gefahr scheute, um uns zu retten. Er hat in der Nacht den ganzen weiten Weg bis zum Schiffe zurückgelegt, er hat unsere Reisegenossen hierhergeführt, -- ihr dürft ihn nicht verstoßen!«

Der junge Malagasche warf sich auf den Boden und umfaßte mit beiden Armen die Kniee des Geistlichen. »Nimm mich mit dir, Herr,« bat er leise und innig. »Rua-Roa will dein Sklave sein, er will dir gehorchen und dir danken bis an das Ende seiner Tage, aber nimm ihn mit dir auf das Schiff und unter weiße Leute!«

Doktor Bolten schüttelte zweifelnd den Kopf. »Das geht nicht so ohne weiteres, mein junger Freund,« sagte er herzlich. »Zuerst müßte ich doch wissen, ob du Eltern hast, denen ich unmöglich ihr Kind rauben dürfte, dann aber --«

Ein Ausruf des Knaben unterbrach ihn. »Rua-Roa hat keine Eltern mehr, Herr, er ist ein armer Sklave, der dem härtesten aller Hovas als Eigentum gehört. Arra-Arra ist grausam wie ein reißendes Tier, er schlägt und tritt seine Knechte, er vermietet sie nach der Hauptstadt Tananarivo zu den schwersten Diensten und gibt ihnen kaum so viel, um sich eine Decke oder ein Hemd kaufen zu können. Er wirft sie, wenn der Feuertrank der Weißen sein Gehirn umnebelt, zum Vergnügen den Krokodilen vor.«

Ein Ausruf der Entrüstung tönte von den Lippen aller Anwesenden. Die Matrosen bedauerten noch jetzt auf das lebhafteste, nicht an den gelben Schurken ein warnendes Beispiel statuiert zu haben; sie wollten dem Knaben kleine Geldgeschenke machen und ihn ihres Schutzes versichern, aber der Doktor erklärte, daß notwendig vorher erst eine Frage entschieden sein müsse. »Das Christentum kennt keine Sklaverei,« sagte er, »es kann nie und nimmer den einen Menschen als das rechtmäßige Eigentum des anderen betrachten, ich will daher mit gutem Gewissen dieses Kind einem grausamen und trunksüchtigen Gebieter entziehen, um aus ihm einen rechtschaffenen Christen heranzubilden, aber nur dann, wenn Rua-Roa wirklich kein Dieb ist. Einen solchen könnte ich den mir anvertrauten Zöglingen nicht zum Gesellschafter geben. Sprich also, mein Sohn, sei wahr, als ständest du vor dem Richterstuhle Gottes, -- hast du jenes rote Tuch genommen oder nicht?«

Der Sklave schüttelte traurig den Kopf. »Rua-Roa hat keine Mutter oder Schwester, der er es schenken könnte, Herr; Rua-Roa hat auch keine Hütte, um es darin zu verstecken oder für sich selbst zu behalten. Wenn Arra-Arra, sein Gebieter, schlechter Laune ist, oder wenn ihn das Feuerwasser krank gemacht hat, so läßt er den Zauberer kommen, um ihn zu fragen, wessen böser Blick oder wessen Verbrechen das Unglück verschuldete; Lani-Lameh nennt dazu jedesmal einen Sklaven als den Übelthäter, weil nur diese den Krokodilen vorgeworfen werden dürfen und weil ihm solche Richtersprüche viel Geld und Ansehen eintragen. Rua-Roa hat das Tuch nicht genommen, Herr, möge ihn Zannaar, der Weltgeist, strafen, wenn er lügt!«

Das war so einfach, so kindlich gesprochen, daß es auf keinen der Anwesenden seinen Eindruck verfehlte. Der alte Geistliche reichte dem Malagaschen beide Hände. »Steh auf, Rua-Roa,« sagte er, »du sollst bei uns bleiben, armer Junge, ich will vor Gott und den Menschen verantworten, daß ich dich, der du uns alle vom sicheren Tode errettetest, aus so unwürdigen, verderblichen Umgebungen entferne. Du sollst nach deiner freien Wahl bei uns bleiben oder dich hinbegeben, wo du Lust hast, aber zurückschicken werde ich dich um keinen Preis. Ist das nicht auch Ihre Meinung, Freund Holm?«

»Vollständig!« nickte der junge Gelehrte. »Franz würde es ja doch nie verzeihen, wenn wir uns weigerten, nicht wahr, du?«

»Ich würde sehen, Rua-Roa heimlich an Bord zu bringen!«

Holm sah ihn an. »Da das dem Knaben nicht verständlich geworden ist, so mag es hingehen, Franz,« sagte er leise. »Du solltest dich bemühen, ihm als Vorbild zu dienen, denke ich.«

Franz errötete, während der Malagasche im unklaren Gefühl, daß er hier einen Freund gefunden, seine Hand ergriff und küßte. »Wir wollen den Blutschwur tauschen, du und Rua-Roa,« flüsterte er. »Auch Freie tauschen ihn mit Sklaven.«

»Was ist das, ein Blutschwur?« fragte lebhaft interessiert der Knabe.

»Pst, -- hier nicht. Ich sage dir's später, Herr!«

Er dankte halb wehmütig, halb freudevoll dem alten Geistlichen und auch Holm; er gelobte nochmals, ein treuer ergebener Diener zu sein und sprang dann allen voran, um den Weg zum Strande weiter zu verfolgen. Allmählich hatten auch schon die ersten Sonnenstrahlen das Dunkel gelichtet, es wurde Tag, und ringsumher glänzte die Schönheit der südlichen Welt, entfaltete sich das Tierleben, und spielte neuerwacht der Morgenwind mit tausend Blüten. Die Reisenden sahen zum erstenmale den Tangaibaum, welcher nur auf Madagaskar angetroffen wird, und dessen Früchte wie Pfirsiche herabhängen, unter ihrem ziemlich geschmacklosen Fleische jedoch einen sehr giftigen Kern verbergen; dann die einheimische Feige und endlich in einem kleinen murmelnden Flüßchen die Gitterpflanze, welche gänzlich unter der Oberfläche des Wassers stand. Holm nahm eine davon mit allen ihren Teilen sorgfältig heraus, um sie zu präparieren. Die neun bis zehn Zoll langen Blätter lagen kaum zwei Zoll breit wagerecht unmittelbar unter dem Wasserspiegel und zwar in einem Kreise von mindestens drei Fuß Durchmesser; dabei zeigten sie in ihrer Entwickelung die verschiedensten Farben, von dem Blaßgelb der ersten sich bildenden Blättchen durch alle Schattierungen von braun und grün bis zu den größten, ganz schwarzen Blättern, die einzigen in der Natur, welche die dunkle Totenfarbe tragen. Und wie eigentümlich waren die langen, schmalen Blätter! -- Nur Gerippe von solchen, nur Blattgerüste. Der klare Grund glich einer feinen, durchbrochenen Spitze, und doch war das Gewebe zart genug, um die ganze Schwere der Pflanze zu tragen. Holm freute sich außerordentlich, das seltene Gewächs aufgefunden zu haben, ebenso die Destillierpflanze, deren kammartige, mit Deckeln versehene Blumen inwendig einen förmlichen Destillierapparat besitzen, und mehrere andere. Selbstverständlich wurden Blätter der seltenen Gitterpflanze mitgenommen.

Jeden Augenblick wurde die Wanderung unterbrochen, was ebensoviele Äußerungen der Ungeduld von seiten des Steuermannes hervorrief und endlich dazu führte, daß sich die kleine Gesellschaft einstweilen trennte. Hier in der Nähe des Meeres war von den Malagaschen nichts zu fürchten, sie hatten vielmehr alle Ursache, sich mäuschenstill zu verhalten und Gott zu danken, wenn nicht in der Hauptstadt gegen sie Klage geführt wurde. Papa Witt marschierte also mit seinen getreuen Teerjacken auf kürzestem Wege zum Ankerplatz zurück, die anderen dagegen unternahmen noch einen kleinen Streifzug in die Umgegend, wobei ihnen Rua-Roa als Führer diente. Alle Sorgen, aller Kummer und alle erlittenen Strapazen waren vergessen. Man befand sich wieder im grünen Walde, wohlbewaffnet und mit Korbflaschen versehen, und überließ sich der Hoffnung, noch einige seltene, wenn auch nur harmlose Tiere zu erlegen.

»Rua-Roa, kannst du uns keinen Eichhornmaki aufspüren? Ich glaube, ihr Malagaschen nennt ihn Aye-Aye!«

Der Bursche erschrak. »Angatsch will nicht, daß dem Aye-Aye Schaden geschieht, Herr!« antwortete er etwas ängstlich.

Holm lächelte. »Dergleichen mußt du jetzt über Bord werfen, mein Junge,« sagte er freundlich. »Nur das Böse ist zu fürchten und bringt Strafe, aber wer das Böse vermeidet, braucht sich nicht zu fürchten vor dem Grimme eines zornigen Rachegeistes. Es gibt keinen Angatsch, Kind, und noch viel weniger eine Tiergattung, die man heilig halten müßte. -- Auf welchen Baumarten lebt vorzugsweise der Eichhornmaki?«

Rua-Roa schüttelte den Kopf. »In hohlen Stämmen wohnt er, Herr, wie die Eulen nur bei Nacht auf den Fang ausgehend und am Morgen schlafend. Wir werden sehr bald den Aye-Aye sehen, wie er nach Hause zurückkehrt.«

»Und hoffentlich auch schießen,« setzte Holm hinzu. »Komm her, mein Junge, willst du das Feuergewehr kennen lernen?«

Der Malagasche wich zagend zur Seite. In seinen großen schwarzen Augen lag deutlich der Ausdruck des Grauens, so daß Holm lachend die Kugelbüchse zurückzog. »Horch,« rief er, »was war das?«

»Wildschweine, Herr,« antwortete der Bursche. »Eberjäger! sie kommen über die Ebene rechts von uns, wir werden die fliehenden Bestien sehen.«

»Sind diese Jäger Hovas?« fragte mit einiger Besorgnis der Geistliche.

»Nein, Herr, Sakalawas, schwarze Männer, die mit ihren Sagaien die Tiere erlegen. Sie sind im ganzen Lande hochgeehrt, essen und schlafen in jeder Hütte ohne Bezahlung und wohnen nirgends, sondern ziehen umher und töten überall die Eber, welche das Feld zerstören und die Ernten vernichten.«

Der Lärm kam immer näher, die Gebüsche knackten und brachen, wildes Geheul und Schnaufen mischte sich mit den lauten Zurufen von Menschenstimmen. Unsere Freunde nahmen daher in _einer_ Linie Stellung, indem sie sich den Rücken durch nebeneinander stehende, breite Baumstämme deckten und den gefährlichen Wildschweinen gegenüber auf diese Weise zu erfolgreichem Widerstande aus vier Kugelbüchsen zugleich gerüstet waren. »Paß auf, Rua-Roa,« rief Franz, »sobald sich der erste Eber zeigt, hat er das Blei zwischen den Rippen.«

Aber der Malagasche schien von der Aussicht auf das angekündigte Schauspiel keineswegs erbaut; vielmehr schwang er sich mit einem raschen Satz auf den nächsten Tamarindenbaum, dessen starke, dichtsitzende Äste ihm diese Flucht ungemein erleichterten, und zog dann zum geheimen Verdruß des Doktors ein Amulett -- bei den Malagaschen Fanfuti -- hervor, das er zwischen den Fingern hielt und wiederholt küßte.

»Was treibst du da, Junge?« fragte ärgerlich der alte Herr.

Rua-Roa sah verlegen von einem zum andern. »Ich bitte den Feuerriesen um seinen Schutz, Herr. Tenn-Tenn herrscht über alles, was von der Flamme stammt.«

»Gib mir das Ding, welches du da in der Hand trägst, Rua-Roa.«

Der Malagasche trennte sich offenbar nur äußerst ungern von seinem Amulett, aber er wagte keinen Ungehorsam, sondern gab es zögernd hin -- eine kleine starkriechende Wurzel und ein Bambusrohr, das einen beschriebenen Pergamentstreifen barg. »Der Feuerriese Tenn-Tenn wird dich töten, wenn du es vernichtest, Herr,« sagte er ängstlich.

Dem alten Theologen blieb zur Antwort keine Zeit. Aus den Gebüschen brach ein mächtiger Eber, dem zwei Bachen mit einem Rudel jüngeren Nachwuchses folgten; das wütende Tier mit seinem plumpen schwarzen Kopf und den am Halse befindlichen Auswüchsen stürzte sich blindlings gegen die Stelle, wo vier Büchsenkugeln seiner harrten, die Stoßzähne wühlten den Boden auf, die kleinen Schweinsaugen funkelten vor Kampflust; es kam, unbekannt mit der Wirkung der Feuerwaffen (die auf Madagaskar zur Jagd nicht verwandt werden) ganz nahe heran und senkte zum heftigen Angriff den Kopf -- da krachten die Büchsen; unter den übrigen Tieren entstand eine wilde Flucht, und der Eber wälzte sich in seinem Blute. Schon wollte Franz vorspringen, um ihm mit dem Messer den Garaus zu machen; da klang es plötzlich in einiger Entfernung wie das schmerzliche Wimmern einer Menschenstimme. Gedehnte, ächzende und schluchzende Laute erfüllten die Luft, Todesröcheln mischte sich schaurig in leises Weinen. -- --

Die Weißen standen regungslos vor Schreck. Sie sahen nicht wie sich der erlegte Eber im letzten Kampfe wand, wie mehrere der schwarzen Jäger, halbnackt, mit den langen eisenbeschlagenen Sagaien bewaffnet, durch die Büsche lugten und beim Anblick der Europäer schleunigst das Weite suchten, -- nur _ein_ entsetzlicher Gedanke erfüllte ihre Herzen: war einer von den Sakalawas durch ihre Kugel getroffen worden?

»Karl,« flüsterte Franz, »hörst du das?«

Holm nickte. »Wir müssen nachsehen, mein Junge. Wenigstens konnte keinem von uns der Gedanke an ein solches Unglück im voraus kommen.«