Das Naturforscherschiff oder Fahrt der jungen Hamburger mit der "Hammonia" nach den Besitzungen ihres Vaters in der Südsee.

Part 15

Chapter 153,591 wordsPublic domain

Während dieser Worte hatte sich die kleine Gesellschaft dem Dorfe bis auf hundert Schritt genähert. Rechts von ihnen flutete der See mit seinen greulichen Bewohnern, links lag der Wald und geradevor die regelmäßig erbaute Hüttenreihe. Aller Augen blickten den Weißen entgegen; Frauen mit kleinen Kindern auf den Rücken liefen sogar neugierig herbei und stellten Fragen jeder Art; nur eine Gruppe vor dem See blieb ganz abgesondert; wie es schien, in sehr ernster Verhandlung begriffen. Ein älterer Mann in weißer Kleidung, umgeben von mehreren anderen, und ein jugendlicher, an Händen und Füßen gefesselter, ganz nackter Bursche bildeten die handelnden Personen des Trauerspieles, das hier seinen Anfang nahm. Eine lautgesprochene, den Reisenden natürlich unverständliche Frage schallte über das Wasser dahin, -- der Führer wiederholte auf englisch die Worte. »Im Namen Zannaars des Weltgeistes und seines Sohnes Darafif, des Riesen, frage ich dich, hast du deinem Herrn das gewirkte, rote Tuch gestohlen oder nicht?«

Der Sklave schüttelte den Kopf. »Nein. Möge mich Angatsch verschlingen, wenn ich schuldig bin. Ich habe das Tuch nicht berührt.«

Der alte Malagasche, offenbar das Oberhaupt des Dorfes, sprach nochmals. »Wir glauben, daß du lügst, um dich zu retten, Rua-Roa,« versetzte er. »Die heiligen Krokodile müssen also entscheiden zwischen dir und uns. Nehmt ihm die Fesseln ab!« setzte er gegen seine Begleiter gewendet hinzu.

Die Seile aus Bast wurden von den Gelenken des jungen Burschen entfernt; dann ergriff ihn der Ankläger am Arm und trat so mit ihm aus dem Kreise der übrigen heraus bis nahe an den Rand des versumpften Sees. »Hört mich, ihr heiligen Krokodile« -- übersetzte der Führer -- »hört mich, Boten des mächtigen Zannaar, und leiht ein gnädiges Ohr meiner Bitte. Ihr seid dem Volke der Hovas gesandt als Verkünder für die Beschlüsse des Weltgeistes, ihr werdet auch heute verkünden was recht ist. Wenn dieser Sklave das Tuch nicht gestohlen hat, so laßt ihn ungefährdet das Ufer wieder erreichen; wenn er aber ein Dieb ist, dann straft ihn nach Recht und Billigkeit.«

Eine Handbewegung zeigte dem Burschen, daß der Augenblick jener entsetzlichen Entscheidung durch die Bestien nunmehr gekommen sei; vielleicht glaubte aber auch er ganz fest an die Gerechtigkeit ihres Urteils, vielleicht fühlte er sich sicher geborgen im Bewußtsein vollkommener Schuldlosigkeit, genug er erhob unter dem tiefsten Schweigen sämtlicher Zuschauer beide Arme über den Kopf und stürzte sich in das hochaufspritzende Schlammwasser. Wenige Augenblicke später sahen alle den schlanken, olivenfarbigen Körper langsam auf der Oberfläche dahingleiten.

Die Augen des älteren Knaben glühten, er hatte wie halb unbewußt das Gewehr von der Schulter genommen. »Noch sehe ich keines dieser Ungeheuer sich bewegen,« flüsterte er in gepreßtem Tone.

»Franz,« warnte Holm, »du darfst unter keiner Bedingung schießen, mein Junge. Was hier geschieht, das empört sicherlich uns alle, aber eine Einmischung in derartige, das Rechts- und Glaubensleben des Volkes berührende Angelegenheiten wäre verhängnisvoll. Tötest du eines der Krokodile, so ist noch ein halbes Hundert übrig, um den unglücklichen Knaben zu zerreißen -- uns aber würde man höchstwahrscheinlich auch den heilig gehaltenen Bestien als Futter vorwerfen.«

Franz sah starr auf das Wasser. »Es ist eine Abscheulichkeit,« murmelte er. »Ich könnte dem armen Schelm nachspringen, um ihn zu retten.« Dabei verwandte er aber keinen Blick von dem langsam schwimmenden Malagaschen, der jetzt die Hälfte seiner Bahn bereits durchmessen hatte und dem mehrere Krokodile anscheinend ohne mörderische Absicht folgten. Ein fester Entschluß lag auf seiner Stirn, er hielt die Finger am Drücker.

Selbst der schüchterne Hans war entrüstet wie nie. »Lieber Herr Doktor, helfen Sie doch dem armen Menschen,« bat er dringend. »Papa bezahlt es gern, wenn sie seinem grausamen Besitzer eine Summe bieten, um ihn zu kaufen und zu befreien. Soll man denn nicht das Böse überall, wo es uns entgegentritt, bekämpfen?«

»Natürlich!« murmelte Franz. »Natürlich, und ich werde mich auch nicht hindern lassen, das zu thun, was ich für recht halte.«

Der alte Herr ging geraden Weges zu jener Gruppe des Häuptlings oder Zauberers, wo vorhin die Verurteilung des Sklaven stattgefunden hatte. »Leute,« rief er in englischer Sprache, »Leute, was thut ihr? Bedenkt, daß das Leben dieses Kindes verloren ist, wenn ihr ihm nicht schleunigst zu Hilfe kommt, und daß die Verantwortung auf euch zurückfällt! Ich will den Sklaven kaufen, befehlt ihm, so schnell als möglich an das Ufer zu schwimmen.«

Finstere Blicke antworteten ihm. »In was mischest du dich, Fremder?« fragte grollend der weißgekleidete Alte. »Ich bin der Priester dieses Stammes und stehe hier im Namen Zannaars des Weltgeistes, der die Sünde strafen will.«

Doktor Bolten streckte die Hand aus. »Zannaar in deiner und Gott in meiner Sprache!« rief er, »aber immer ein Wesen voll Gerechtigkeit und Erbarmen, das solche Greuel strafen und verabscheuen muß. Dein --«

Der Knall eines Büchsenschusses zerriß die Stille, vom Wasser her tönte ein gellender Aufschrei, der in Hunderten von Kehlen sein Echo fand. Sprachlos mit beschwörend erhobenen Armen starrte der Priester auf den See, wo jetzt der braune Knabe in schnellerer Bewegung dem rettenden Ufer zueilte, wo aber auch eine Blutlache und ein Toben und Ringen unter dem Wasser nur zu deutlich verriet, daß eins der heiligen Tiere getroffen war und sich sterbend im Schlamm wälzte. Von allen Seiten stürzten aufgeregte erbitterte Menschen den drei Weißen entgegen, vergeblich bemühte sich der Führer, Frieden zu stiften; wie eine Lawine vergrößerten sich die andrängenden Massen; Drohworte wurden laut und in weniger als einer Minute waren den drei wehrlosen jungen Leuten die Waffen entrissen.

Franz hatte seine Absicht ausgeführt. Als eins der Krokodile den Rachen aufsperrte, um das geängstigte Opfer zu verschlingen, da legte er gedankenschnell das Gewehr an die Wange und traf als geübter Schütze das Auge der Bestie, so daß sie schnaufend zusammenbrach und rings umher das Wasser mit ihrem Blute färbte. Der Malagasche schrie vor Entsetzen, mehr erschreckt durch den plötzlichen Schuß als durch die anwesenden Krokodile, dann aber floh er alles vergessend, so schnell es seine Kräfte erlaubten, dem Lande zu. Vielleicht waren von dem ungewohnten Ereignis auch die Tiere in Verwirrung geraten, sie tauchten in den Schlamm und versuchten keine weitere Jagd. Noch eine Minute, dann sprang der gerettete Knabe unversehrt an das Ufer.

»Gottlob!« rief Franz. »Das abscheuliche Verbrechen wäre vereitelt.«

»Aber um teuren Preis. Ich glaube nicht, daß einer unter uns mit dem Leben davon kommt! -- O Franz, Franz, was hast du gethan?«

»Das Rechte!« rief ungestüm der Knabe. »Ich fürchte mich nicht.«

Er versuchte keinen Widerstand, als ihm und den übrigen die Hände auf den Rücken gebunden wurden. »Nur zu, das soll euch schlecht bekommen, ihr Mordgesellen,« rief er. »Unmöglich kann Gott dem Bösen den Sieg verleihen.«

Von einer heulenden, schreienden und schimpfenden Menge umdrängt, von geballten Fäusten und wutblitzenden Augen bedroht, wurden die drei zum Dorf geführt, wo ihnen der alte Zauberer mit ebenfalls hocherhobenen Händen entgegen kam; der Volkshaufe tobte und verlangte, daß zur Sühne für den Tod des einen Raubtieres die Gefangenen den anderen als Futter vorgeworfen würden und zwar auf der Stelle. Aber der Zauberer schüttelte dazu den Kopf. »So lange sie den weißen Hahn besitzen, sind die Fremden unverletzlich,« erklärte er, »auch muß Zannaar das Zeichen geben, ehe wir die Strafe vollstrecken können. Lani-Lameh (damit meinte er sich selbst) wird die Götter herbeirufen und ihren Entschluß vernehmen.«

Holm lächelte, als ihm der Führer die Übersetzung dieser letzteren Worte heimlich zuflüsterte. »Lani-Lameh scheint ein großer Schlauberger zu sein,« sagte er auf deutsch. »Vielleicht bestimmen ihn die Götter, uns rein auszuplündern und laufen zu lassen, ohne daß nachher der beschränkte Unterthanenverstand erfährt, wer das eigentlich bekommen hat, was in unseren Taschen vorgefunden wurde. Einstweilen schützt uns noch der weiße Hahn.«

»Wenn wir unsern Führer bestechen könnten!« meinte der Doktor. »Er kümmert sich offenbar um den Tod der Bestie nicht im geringsten. Vielleicht ist er ein Christ!«

»Vielleicht aber auch ein Verräter!« warnte Holm. »Er zieht im Lande umher ohne bestimmten Wohnsitz, er kennt alles und alle, dient Fremden als Führer und möglicherweise den Zauberern als Spion. Die Malagaschen sind längst keine Wilden mehr.«

»Ich möchte nur eins wissen,« seufzte Hans, »ob uns vor der Hinrichtung gestattet wird, einen Brief nach Hamburg zu schreiben?«

»Und ich, ob der Kapitän und der alte Witt ruhig die Hände in den Schoß legen, wenn wir nicht morgen abend verabredetermaßen wieder an Bord sind!« rief Franz.

»Ruhig, Kinder,« ermahnte Holm. »Da das Urteil nicht sofort und unter dem Einfluß des erbitterten Volkes zur Vollstreckung gelangt, so ist noch Hoffnung vorhanden. Fürs erste bin ich gespannt, ob man uns den Hahn wegnimmt!«

Das geschah nicht. Die vier Gefangenen wurden in eine leere Bambushütte am äußersten Ende des Dorfes einquartiert, und der Hahn blieb einstweilen in ihrem Besitz. Schwarze und rote Decken aus Pflanzenfasern, ein paar Körbe für Lebensmittel und ein plumpes, eisernes Gefäß für Trinkwasser bildeten die einzige Ausrüstung; Fenster waren nicht vorhanden, dagegen aber gestatteten die Fugen zwischen den Bambusstäben sowohl der Luft als auch dem Blick einen ungehinderten Durchgang, so daß wenigstens für die unentbehrlichsten Lebensbedürfnisse, Luft, Licht und Wasser, einigermaßen gesorgt war. Was es nun freilich zu beißen gab, das blieb noch dahingestellt.

Lani-Lameh näherte sich in Begleitung des Führers, der ihm als Dolmetscher diente, und der in seinem Namen die Weißen aufforderte, all ihr bewegliches Besitztum herauszugeben. Taschenmesser, Kamm, Spiegel und Portemonnaie mit Inhalt wanderten in das Körbchen, welches der heilige Mann am Arm trug, ehe sich derselbe jedoch von seinem Gefährten trennte, gab er diesem mit schneller, heimlicher Bewegung ein paar Goldstücke, -- die Gefangenen sahen es und wechselten einen bedeutsamen Blick. Man konnte also dem schlauen Gelben keinesfalls trauen.

Die Thür der Hütte wurde verschlossen und mit mehreren starken Eisenriegeln noch obendrein von außen verwahrt, der Volkshaufe, welcher anfänglich das Gebäude umtobte und umheulte, begann sich zu verlaufen, und leise sanken die Schatten der Nacht herab. Es war ganz still in dem engen, von leichtem Luftzug fortwährend durchwehten Raum, nur der Hahn krähte zuweilen -- vielleicht begriff er nicht, wo so plötzlich die Schar seiner Hennen, wo die köstliche Freiheit seines Düngerhofes geblieben war.

Holm streichelte das schneeweiße Gefieder. »Kann ich es machen, so sollst du mit uns nach Hamburg zurück,« sagte er. »Ohne deine schützende Nähe war unser Leben der Volksjustiz längst verfallen. «

Franz rüttelte an allen Stäben. »Ob wir nicht fliehen können, Karl?«

»Siehst du denn nicht draußen den Hüter? -- Ich möchte übrigens wissen, was dieser Bursche betreibt!«

»Er schmiedet!« erklärte Hans. »Vor sich hat er auf ein paar großen Steinen ein Reisigfeuer, und auf einem anderen flachen Stein hämmert er. Was er macht, sind Löffel.«

»Ich sehe von dieser Seite mehrere Männer bei einer derartigen Arbeit,« bemerkte der Doktor. »Einer hält das glühende Eisen, und zwei andere schlagen taktmäßig, ja sie haben wahrhaftig sogar einen Blasebalg aus Bambusstäben und plumpen, hölzernen Cylindern. Wären nicht die Leute halbnackt, so könnte man glauben, eine deutsche Dorfschmiede zu sehen.«

»Es wird dunkel,« schauderte Hans. »Wie sonderbar ist doch das Gefühl, ein Gefangener zu sein.«

»Still, -- es kommt jemand.«

Die Thür öffnete sich, und ein Mann legte schweigend ein großes Stück Fleisch sowie vier schwarz aussehende Gegenstände auf den Boden der Hütte; dann entfernte er sich sogleich, ohne irgend ein Wort gesprochen zu haben. Holm nahm eines dieser runden, etwa zolldicken und tellergroßen Stücke in die Hand. »Ach,« rief er, »ich weiß schon, das ist ein Mückenkuchen!«

»Um des Himmels willen! Und den sollten wir essen?«

»Der Hunger wird's schon eintreiben, Freund Franz. Weshalb schossest du auf den Kaiman?«

»Weil ich einen Mord verhindern wollte, und das ist mir auch gelungen.«

»Gut, dafür speisen wir Heuschreckenkuchen. Ich habe übrigens mehrfach gehört, daß diese schwarzen Pasteten recht gut schmecken.«

Er griff in die Tasche, um das Messer hervorzuziehen; dann aber, nachdem er den Irrtum erkannt, schloß er die Augen und biß tapfer in das große Brot hinein. »Oho, meine Herrschaften, Sie werden sich wundern! -- Als wäre es der feinste Kaviar aus Heimerdingers Delikatessenhandlung.«

Er aß mit lebhaftem Appetit und verlockte dadurch auch die anderen, das fremdartige Gebäck zu probieren. Es schmeckte salzig und scharf, aber durchaus nicht unangenehm. »Komm her, Franz,« fuhr er fort, »das Fleisch müssen wir auf Tigermanier zerlegen.«

Die Knaben lachten, auch der Doktor biß endlich mit in das gutgekochte Schweinefleisch hinein, und zuletzt machte der Wasserkrug die Runde. Holm hatte seinen Zweck erreicht, es war wenigstens auf den ersten Schrecken einige Ruhe gefolgt und durch die guten, ausgiebigen Nahrungsmittel auch für Erhaltung der Kräfte gesorgt. Obgleich er im innersten Herzen von dem günstigen Ausgang der Sache keineswegs überzeugt war, so wollte er doch seine Besorgnisse lieber allein tragen, als auch die Knaben dadurch beunruhigen. Mochten sie jetzt schlafen, -- vielleicht brachte ja schon der nächste Morgen das Todesurteil.

Es wurde still ringsumher, auch der Schmied hatte aufgehört zu hämmern, die Stimmen im Dorfe waren verhallt, und hoch am Himmel glänzte der Mond. Aus dem Schlammwasser krochen die Krokodile hervor, um schwerfällig am Ufer zu spazieren, immer mehr und mehr, gewiß fünfzig bis sechzig an der Zahl, eins noch größer, noch scheußlicher als das andere, -- Holm schauderte. Diese Ungeheuer lebten von Menschenfleisch, sie wurden ernährt mit den Körpern armer Opfer, die einem schrecklichen, heidnischen Irrwahn als Gegenstand dienten. Wer in irgend einem Verdacht stand, wen der Zauberer aus dem Wege schaffen wollte, oder wer sich als verachteter, rechtloser Sklave der Grausamkeit seines Besitzers nicht zu erwehren vermochte, der verfiel dem Urteilsspruch dieser Bestien, die sich träge und satt von Menschenblut im Sumpfe dehnten und alljährlich an Zahl bedeutend zunahmen.

Wenn er dachte, daß die beiden Knaben, diese jungen, glücklichen Kinder, die Söhne eines reichen, ja fürstlichen deutschen Handelshauses, auf so schreckliche Weise den Tod finden sollten! Seine Finger umklammerten mit eisernem Griff die Bambusstäbe, aber er fühlte, daß der Versuch, das biegsame Holz zu zerbrechen, vergeblich sei. Seufzend warf er sich auf die Matte.

Da reichte ihm Doktor Bolten die Hand. »Rufe mich an in der Not, und ich will dich erretten!« -- sagte leise mit eindringlichem Tone der Greis.

Holm wandte erschüttert bis ins tiefste Herz das Gesicht gegen die Bambuswand.

* * * * *

Der nächstfolgende Morgen brachte keine Veränderung, auch der lange, unendlich lange Tag schlich dahin, ohne daß irgend jemand die Gefangenen besucht hätte. Das Fleisch und der Mückenkuchen waren verzehrt, das Trinkwasser ging zur Neige; wieder brach die Nacht herein, wieder wurde es dunkel und verstummte das Leben des Tages. Und doch befanden sich die vier Unglücklichen im Zustande fortwährender Aufregung, doch erwarteten sie beständig nahende Schritte, horchten bei jedem Laut und erschraken heimlich, so oft einer der Eingebornen in die Nähe kam.

Während der zweiten Nacht schlief keiner. Ein furchtbares Gewitter schüttelte die Baumriesen des nahen Waldes, pfeifend heulte der Sturm, und von Zeit zu Zeit brach mit donnergleichem Krachen ein alter Stamm, den Blitz oder Windsbraut erfaßt, zu Boden. Aufgeschreckte Affen flohen kreischend hinaus auf die Ebene, eine Büffelherde zog in eiligem Galopp vorüber, und strömend rauschte der Regen. Es war so recht eine Nacht, um im sicheren, gemütlichen Heim nahe an einander zu rücken und dem Singen und Heulen des Sturmes zu lauschen; es war aber auch eine Nacht, um die Herzen der Gefangenen zur Mutlosigkeit herabzudrücken und sie mit den düstersten Ahnungen zu erfüllen. Was würde der nächste Morgen bringen?

Holm glaubte alle Hoffnung aufgeben zu müssen. Lani-Lameh konnte aus mehr als einem Grunde nicht daran denken, seine Gefangenen wieder freizugeben, wenn er nicht die eigenen Interessen auf das schwerste gefährden wollte. Hier im westlichen Innern der Insel war überhaupt der einzige Punkt, wo noch das Heidentum regierte, wo die Christuslehre bis jetzt nicht festen Fuß fassen konnte, und wo also für ihn, den Zauberer, Wahrsager oder Götzenpriester, allein noch der Weizen in Blüte stand. Er mußte sich folgerichtig gegen das Vordringen der Kultur wie gegen seinen schlimmsten Feind verteidigen und durfte daher die Tötung des heiligen Krokodiles nicht ungerächt hingehen lassen. Der schlaue Geselle fürchtete nebenbei auch die Weißen, welche nur der Tod verhindern konnte, das auszuplaudern, was sie hier gesehen hatten.

Schon am folgenden Morgen zeigte sich die Richtigkeit dieser Schlußfolgerungen. Man brachte den Weißen Speise und Trank, befahl ihnen sich zu waschen und alsdann auf den freien Platz in der Mitte des Dorfes zu erscheinen. Die Thür des Gefängnisses blieb offen, trotzdem aber war an keine Flucht zu denken, denn eine ununterbrochene Kette von Bewaffneten umgab von drei Seiten die kleine Niederlassung, während vorn die greulichen Rachen der Krokodile wie eine unübersteigbare Mauer den Weg versperrten.

Draußen glänzte nach dem nächtlichen Gewitter die Natur in doppelter Schöne. Überall grünte und blühte die üppige Prachtfülle des Südens, überall lag auf der Szene jener goldene Sonnenzauber, der erst die Schöpfung zu erwecken scheint. Tauben in zahllosen Arten bevölkerten die Gehöfte, große Schmetterlinge wiegten sich auf Blumen und Hunderte von Singvögeln schmetterten in jubelhellem Chor. Es war hart, nach erdrückender Gefangenschaft in solchen Morgen hinauszutreten, um aus dem Munde heidnischer Barbaren das Todesurteil zu vernehmen, um zu erfahren, daß dieser Tag der letzte sei vor einer Hinrichtung, die an Abscheulichkeit und nichtswürdiger Brutalität von keiner anderen übertroffen werden konnte. Es war hart, aber dennoch bewahrten die Weißen alle Würde und Ruhe ihrer Nationalität. Sie hatten beim Hinaustreten auf die Dorfstraße einander nur stumm die Hand gedrückt; auch jetzt gingen sie schweigend durch die friedliche, malerisch belegene Niederlassung bis an den Punkt, wo ein zweiter, engerer Kreis von Bewaffneten eine Gruppe umschloß, in deren Mitte gebieterisch der Zauberer stand. Lani-Lameh erwartete mit fünf Beisitzern dieses schauerlichen Gerichtes die Gefangenen; er hatte sich in ein langes, scharlachrotes Gewand gehüllt, auf dem Kopfe trug er einen spitzen, mit goldenen Schnüren und Troddeln umwickelten Hut, ein goldenes Band hielt die Falten in Gürtelform zusammen. Die anderen Richter waren ähnlich gekleidet, nur fehlte bei ihnen das Gold, während die gemeinen Krieger überhaupt nichts trugen, als eine Art von formlosem Hemd aus Grasfasern und die langen Wurfspieße, hier Sagaien genannt.

Einer derselben hatte aus dem Gefängnis den weißen Hahn herbeigeholt und setzte jetzt den Käfig desselben zu Füßen Lani-Lamehs auf den Boden.

Das Tier krähte laut und lustig, wahrscheinlich um in seiner Weise den wundervollen Morgen zu begrüßen.

Lani-Lameh erhob die Hand. »Vom Abendlande her kommen die Ungläubigen,« sagte er mit lauter Stimme, während der Dolmetscher jedes Wort übersetzte, »sie drangen mit ihren Feuerwaffen in das Land der Hovas und nahmen keinen Anstand, den großen Geist Zannaar und den Riesen Darafif, seinen Sohn, auf das empfindlichste zu beleidigen, indem sie den Gesandten der Gottheit, den heiligen Kaiman erschossen. Lani-Lameh hat die Geister gerufen und sie gefragt, welche Strafe den Übelthätern zu teil werden sollte; er warf sich vor den Unsterblichen auf sein Antlitz und beschwor sie, die Stimme des Priesters zu hören. Zannaar, der große Geist der Welt, befahl den Wolken, das Land mit Wasserfluten zu übergießen, er sandte den Sturm und den Blitz, um die Menschen zu erschrecken, und redete mit der Stimme des Donners. Lani-Lameh verstand den Beschluß des großen Geistes! Die vier Übelthäter sollen dem Gericht der Krokodile überliefert werden,« sprach er. »Sie sollen den See zweimal durchschwimmen, nachdem die heiligen Tiere während eines Tages und einer Nacht kein Futter mehr erhalten haben. Wer von ihnen auf diesem Wege lebend das Ufer wieder erreicht, der möge gehen, wohin es ihm beliebt. Die Götter haben ihn freigesprochen.«

Nachdem der Zauberer mit lauter Stimme diese Worte vorgebracht und dabei das Gewitter der letzten Stunden für seine Zwecke klüglich ausgebeutet hatte, nahm er den Käfig vom Boden und ließ den weißen Hahn herausfliegen. »Jetzt seid ihr rechtlos,« schloß er, »Zannaar hat euch verlassen und Angatsch der Böse Besitz genommen von eurem Schicksal. Morgen mit Sonnenaufgang wird das Urteil vollstreckt werden.«

Eine Handbewegung gebot einigen Kriegern, die Gefangenen wieder in ihre Hütte zurückzuführen, der Hahn flatterte, immer noch vergnüglich krähend, zu seinen Genossen in das Dorf, und unsere vier Freunde wanderten in das Gefängnis, dessen Thür sich für sie jetzt nur noch ein einziges Mal öffnen sollte. Wie blaß die Knaben waren, und wie ernst der Doktor aussah. Holm ging von einem zum anderen, um zu trösten. »Noch haben wir fast volle vierundzwanzig Stunden,« sagte er, »wer weiß, was geschieht! Der Tod war uns ja auf dieser Reise schon mehr als einmal um Haaresbreite nahe, wir sind dem Orkan und den reißenden Tieren, wir sind den afrikanischen Wilden entgangen, -- wer weiß, was geschieht!«

»Aber woher sollte die Rettung kommen?« fragte Hans. »Wir sind verloren, Karl, wir müssen sterben, ohne daß irgend jemand von den Unsrigen erfährt, wie und wo wir zu Grunde gingen. Der Kapitän wird nach der Hauptstadt fahren und dort den deutschen Konsul benachrichtigen; man wird die Insel durchforschen und überall fragen, wo wir blieben; aber niemand gibt die Antwort, niemand bringt Kunde nach Hamburg. O es ist entsetzlich, viel entsetzlicher als der Tod im Kampfe gegen wilde Tiere.«

Holm streichelte das blasse Gesicht des Knaben. »Schon in dieser Rechnung ist das Fazit ein voreiliges, mein Junge,« sagte er freundlich. »Gesetzt, daß das Schlimmste wirklich geschähe, -- könnte und würde dann nicht höchstwahrscheinlich wenigstens einer unter uns gerettet werden? -- Das gäbe zwar den Getöteten das Leben nicht zurück, aber es würde doch zur Sühne für ihre Ermordung genügen. In weniger als Jahresfrist wären deutsche Kriegsschiffe hier, um Rechenschaft zu fordern.«

Franz erhob plötzlich den Kopf. »Ich glaube noch nicht, daß wir sterben müssen, Karl,« rief er. »Ich kann es nicht glauben, -- Gott darf es nicht zulassen, er --«

»Still, mein Sohn, du vermißt dich! Gewiß war deine Absicht eine reine und gute, eine solche, die auch vor den Augen des höchsten Richters Gnade finden wird, gewiß glaubtest du das Rechte zu thun, weshalb dir, wie du weißt, deine Erzieher keinerlei Vorwürfe gemacht haben; aber doch mischtest du dich unberufen in die Verhältnisse eines wilden Volks, erlaubtest dir einen Eingriff in die Empfindungen anderer, das war menschlich aber unklug. Bitte Gott, mein lieber, warmherziger Junge, aber _fordere_ nicht, und vor allem laß uns die Stunden, welche vielleicht auf Erden unsere letzten sind, nicht durch persönlichen Groll entweihen.«