Das Naturforscherschiff oder Fahrt der jungen Hamburger mit der "Hammonia" nach den Besitzungen ihres Vaters in der Südsee.

Part 14

Chapter 143,472 wordsPublic domain

Holm lächelte. »Nun, da du den Wunsch deines Vaters, dich zum Geschäftsnachfolger zu erziehen, nicht erfüllen wolltest, so bist du Naturforscher geworden,« antwortete er. »Was davon unzertrennlich ist, das mußt du in den Kauf nehmen.«

Franz sah ihn an. Die tiefliegenden Augen des Knaben glühten vor Erregung. »Und wenn wir alle hier sterben, Karl, dann -- bin ich schuld daran.«

»O nicht doch, Junge. Was ficht dich an? -- Schau dorthin, der Quaqua bereitet sich zu seinem großen Plane.«

Der Gelbe war beschäftigt, den Pferden die letzten erreichbaren Blätter und Gräser vorzuwerfen, dann zerschnitt er eine der Wolldecken und umwickelte mit den einzelnen Streifen die Hufe der Tiere. »Geben Sie mir jetzt die Büchse mit Zündhölzern!« bat er, und nachdem ihm Holm das Verlangte gereicht fuhr er kopfnickend fort: »Sie kennen die Stelle, wo etwas oberhalb dieser Lichtung ein Quell aus dem Felsen springt? Nur hundert Schritte von hier, -- wir hielten bei unserem Kommen dort an, um die Pferde zu tränken.«

»Ich weiß es,« antwortete Holm. »An den Zitronenbäumen vorüber und neben der Felswand hinlaufend. Aber --«

»Wenn ich Ihnen zurufe: >Jetzt!< dann nehmen Sie die Pferde an die Zügel und gehen mit denselben auf diesem Wege bis zum Quell,« fuhr eilfertig der Gelbe fort. »Dort treffe ich Sie und wir reiten über die Ebene, einerlei ob das auf unserem ursprünglich verfolgten Wege liegt oder nicht. Haben wir zehn Minuten Vorsprung, so können uns die Amakossa nichts mehr zu leide thun.«

Holm schüttelte den Kopf. »Aber sollten denn an der Felswand keine Wächter stehen?« fragte er.

»Bis jetzt gewiß. Sie dürfen auch erst dann gehen, wenn ich das Zeichen gebe, nicht früher, so lieb Ihnen Ihr Leben ist. Also aufpassen!«

Und fort war er, mit unhörbaren Schritten hinaus in die freie, offene Thalfläche, welche sich zum Flusse hinab erstreckte. Den Zurückgebliebenen klopfte das Herz in banger Erwartung, Auge und Ohr verdoppelten, verzehnfachten ihre Anstrengungen, um den kühnen Mann auf seinem Wege zu begleiten, um durch die dichte Finsternis zu sehen und auf dem Gras noch Schritte zu hören. -- --

Vergebens, es blieb alles still. Der Gelbe mußte keinem Feind begegnet sein. Aber was wollte er thun, womit die Amakossa von jenem Felspfad hinweglocken?

Ein langgezogener, dumpfer Laut durchhallte die Umgebung, ein blaues Flämmchen blitzte knisternd auf, und ein Knarren oder Schaben wurde hörbar. Bald hier bald dort einen Kreis beschreibend, erglühten die schnell verlöschenden Flammen. Im Gebüsch auf der anderen Seite regte sich's, Menschenstimmen schrieen durcheinander, Angstrufe störten die Ruhe der Nacht. Immer schneller, immer näher dem Versteck der Amakossa folgten sich die aufblitzenden Feuerfunken.

»Unsere schwedischen Zündhölzer,« raunte Holm. »Der kecke Patron setzt damit das ganze Kaffernheer in Schrecken!«

Die Amakossa brachen fliehend durch das Unterholz. Wo sich böse Geister in das Spiel mischten, wollten sie offenbar nicht länger ausharren. Jenes Brummen und Schaben, die gespenstischen, knatternden Lichter brachten sie um alle Fassung. Und jetzt fiel plötzlich die Flamme in das Gebüsch, dürres Gras loderte hoch empor, griff züngelnd um sich und lief den Wilden nach, vom Wind getragen, rauchverhüllt, das Thal in um so tieferem Dunkel zurücklassend. Sie verschwanden wie Schatten vor der Sonne.

Ein langgezogenes »Jetzt!« noch immer in dem ersten dumpfen Tone, drang zu den Weißen hinüber. Holm hatte bereits zwei Pferde am Zügel erfaßt, die anderen thaten dasselbe, und das letzte Tier folgte freiwillig, während draußen auf der Ebene das Brummen, das Stampfen und Schlagen zu lautem Lärm überging.

Zwei Pferde am Zügel führend, die Pistole schußgerecht in der anderen Hand, so drangen die sechs Männer vorwärts. Trotz der umwickelten Füße würden aber dennoch die Schritte der Tiere hörbar gewesen sein, wenn nicht der Hottentotte klüglich den Feind in eine Aufregung versetzt hätte, die ihm alles Beobachten unmöglich machte. So sehr auch die Herzen klopften, so angestrengt die Blicke spähten, es zeigte sich keiner der Roten, es hinderte nichts die langersehnte Flucht. Man kam zum Quell, Menschen und Tiere tranken einträchtig neben einander, Menschen und Tiere dankten dem Himmel für das köstliche, neues Leben spendende Naß, die einen in halbgedachten, halbgestammelten Worten, die anderen in kräftigem, von lautem Schnaufen begleiteten Schütteln des Kopfes. Man übergoß sich das heiße Gesicht, man badete die Hände und konnte nicht satt werden, immer wieder und wieder zu trinken. Die Führer füllten ihre Flaschen, das Gepäck war aufgeladen, einer nach dem anderen stieg in den Sattel, aber -- wo blieb der Gelbe?

Man ritt bis an den Ausgang des Gebüsches, die Ebene lag im Halbdunkel ohne einen einzigen Baum weitgedehnt vor den Blicken; links erhob sich dichter, ragender Hochwald, alles war still, die Gelegenheit so günstig, aber ohne den tapferen Quaqua doch an keine Entfernung zu denken. Wenn er nur käme! --

Drüben wälzte sich das Feuer durch die Gesträuche dahin. Unmöglich konnten dort noch Wilde versteckt sein, sie mußten sich also in der Nähe befinden, und die Gefahr kehrte vielleicht im nächsten Augenblick zurück. Wo blieb der Hottentotte?

»Gelungen!« flüsterte eine Menschenstimme. »Hier bin ich!«

Er schwang sich unter dem einstimmigen »Gott sei Dank!« der ganzen Reisegesellschaft in den Sattel und schüttelte mit erhobener Hand die schwedischen Zündhölzer. »Ist es ganz recht, daß ein Mann hilft, seine eigenen, armen, unwissenden Brüder zu betrügen?« fragte er halb traurig, halb lachend.

Und noch ein letztes Flämmchen zuckte auf, um den Weg aus dem Unterholz zu beleuchten, die Gefahr des Strauchelns abzuwenden. »Vorwärts, weiße Männer!«

Aber das vorderste Pferd bäumte, es wollte nicht in die Ebene hinaustreten, -- der Führer schrie laut auf -- »da sind sie! -- Vorwärts! Vorwärts!«

Die schwarzrote Schar mit Federschopf und Schild brach aus dem Walde hervor. Gellendes Kriegsgeschrei übertönte die Worte des Hottentotten, Ausrufe furchtbarster Wut und des Hasses erfüllten die Luft. Jetzt erst erkannten die Amakossa den ihnen gespielten Betrug, rasend vor Zorn wollten sie Rache nehmen an dem, der sie so erfolgreich zu überlisten verstanden. »Verfluchter Quaqua!« hörte sie der Führer schreien, »der Hundesohn, der falsche Schakal!«

Seine gelben Züge wurden fahl. Er peitschte rechts und links die Tiere, daß sie zusammenschreckend in die Ebene hinausflogen, unaufhaltsam in sausendem Galopp.

Noch eine Minute, eine einzige, und die Amakossa hätten das Nachsehen gehabt. --

Ihre Wurfspieße zischten durch die Luft, ein Wutgeheul schallte den Fliehenden nach. -- Keiner als nur Franz hörte den leisen Schmerzenslaut von den Lippen des Hottentotten. »Sind Sie getroffen?« fragte er heftig erschrocken.

Die sieben Pferde sausten über die Ebene dahin wie ebenso viele jagende Schatten, lautlos mit den umwickelten Füßen, dicht gedrängt in rasender Eile, als wüßten sie, daß Leben und Tod an ihrer Schnelligkeit hing, daß alles, alles verloren sei, wenn sie jetzt strauchelten oder zögerten. --

Franz sah wie der Führer im Sattel schwankte, er umfaßte ihn mit kräftigem Arm und hörte voll Erschrecken das leise: »Lassen Sie mich liegen und fliehen Sie, -- mit mir ist es aus.«

»Gewiß nicht!« rief der warmherzige Knabe, »gewiß nicht! Karl, hilf mir, unser Retter ist verwundet. Ach, könnten wir doch anhalten!«

»Um Gottes willen nicht,« drang es kaum verständlich über die Lippen des Hottentotten. »Mich rettet nichts mehr, -- lassen Sie mich fallen.«

Aber Holm und Franz hielten dicht gedrängt von beiden Seiten den unglücklichen Mann, dessen Blut auf dem Gras die Spur bezeichnete. Heller und heller graute der Morgen, welcher diese entsetzliche Nacht vertrieb, in weiter Ferne verlor sich das Schreien der Amakossa. Immer noch flogen die Pferde dahin, bis endlich ein Dickicht von Dubabelbäumen auftauchte und Wasser und grünes hohes Gras den Blick erfrischte. Hans sah zurück. »Es ist kein Wilder mehr erkennbar, Karl,« sagte er, »soweit das Auge trägt scheint alles leer, -- laß uns anhalten.«

Der Gelbe konnte schon nicht mehr sprechen; er winkte nur, daß die übrigen fortreiten möchten; diesem Verlangen wurde aber natürlich keine Folge gegeben, vielmehr die Pferde angehalten und der Verwundete sanft auf eine schnell ausgebreitete Decke gelegt. Das Gesicht zeigte bereits jene unheimliche Veränderung, welche dem Tode voranzugehen pflegt, die breite Brustwunde entsandte rote Ströme, und das Auge war halb geschlossen. »Gottlob!« flüsterte er, »ich habe doch -- sechs Menschen --«

Seine Stimme brach, die Hand sank matt herab. Da kniete der alte Geistliche neben dem Sterbenden ins Gras und legte voll Milde seine Rechte auf die schon erkaltende Stirn. »Du hast durch deine mutige That sechs Menschen vom Tode errettet, mein Sohn,« sagte er herzlich, »du sollst in unserer Erinnerung fortleben als der, welcher sich für uns geopfert, und möge dir der barmherzige Gott ein so gnädiger Richter sein, wie wir alle es für dich erflehen!«

In diesem Augenblick brach golden und glänzend der erste volle Sonnenstrahl aus den Wolken hervor; in unwillkürlicher Ehrfurcht hatten alle die Hüte vom Kopf genommen und umstanden wortlos das Sterbelager des Reisegefährten. Stiller wurde es, immer stiller in der keuchenden Brust, ein friedliches Lächeln umspielte die Lippen, und während der leisen, innigen Trostesworte des christlichen Priesters ging unmerklich die Seele des armen Hottentotten hinüber in das Jenseits, und die Gebete der Geretteten erflehten für ihn vom barmherzigen Vater eine selige Urstätte.

* * * * *

Holm legte mit leiser Hand den Zipfel der Decke über das erstarrte Antlitz. »Mut!« sagte er halblaut, obgleich seine eigene Stimme verändert und unsicher klang, »Mut, Freunde. Wir sind von hundert Gefahren umdroht, wir dürfen uns nicht beherrschen lassen, nicht schwach werden. In jedem Augenblick können die Kaffern hier erscheinen.«

Der alte Theologe hob den Kopf. »Aber unmöglich dürfen wir die Leiche hier den wilden Tieren überlassen! Was haben Sie beschlossen, mein junger Freund?«

Holm sah zum Wasser hinüber. »Zwei von uns müssen den Körper tragen, soweit der Grund des Flusses dies zuläßt und ihn dann versenken, wie ich meine. Wir besitzen kein Mittel, die Erde aufzugraben, ebensowenig aber könnten wir die Leiche mit uns nehmen,« versetzte er.

»Das ist auch unsere Ansicht,« nickten die Führer.

Man wusch und reinigte also nach Möglichkeit den Körper des toten Hottentotten, hüllte ihn in eine Wolldecke und band an das Ganze mehrere große Steine. Die Führer warfen ihre Leinenkleidung ab und traten in das Wasser, welches schon nach den ersten zehn Schritten zu tief wurde, um darin noch weitergehen zu können. Vorsichtig und langsam ließen sie unter dem stummen Gebet der am Ufer stehenden Weißen den Körper ihres ermordeten Gefährten hinabgleiten auf den Grund.

»Die Erde ist überall des Herrn,« sagte laut und feierlich der alte Geistliche, »und wo ein guter Mensch begraben liegt, da halten die Engel Wache.« --

Schweigend und ernst, noch tief erschüttert von den durchlebten Ereignissen, suchten alle ihre Pferde, und fort ging es, auf einem anderen Wege der Kapstadt wieder zu.

Fünftes Kapitel.

Für den Rückweg bis zur Kapstadt wurde natürlich eine veränderte Richtung eingeschlagen, aber obwohl auch hier manches Neue und Sehenswerte den Blicken begegnete, obwohl mehr als ein Kraal in Augenschein genommen und mehr als ein Tier erlegt wurde, so kehrte doch auf dem ganzen Wege die rechte Freudigkeit in die Herzen der Reisenden nicht wieder ein. Das jähe Ende eines Menschen, mit dem wir noch vor wenigen Stunden oder Tagen im engsten Verein lebten, führt auch den Leichtsinnigsten zur inneren Einkehr, wie viel mehr mußte sich ein solches Ereignis in den Vordergrund drängen, wo gute, fühlende Herzen von seinem Eintritt erschüttert wurden! Das Bild des stillen, feierlichen Waldrandes und der weiten Ebene zur Rechten, wie die ersten morgendlichen Sonnenstrahlen über das Wasser dahinstreiften, als der Tote zur letzten Ruhe bestattet war, -- das alles hatte sich unverwischbar den Seelen der Umstehenden eingeprägt, und erst als in der Kapstadt Briefe von Hamburg die Ankömmlinge freudig überraschten, löste sich der Druck, den bisher alle empfanden. Nachrichten aus der geliebten Heimat! Nur wer in weiter Ferne allein und freudlos unter Fremden lebte, der kann ermessen, welchen Jubel ein solcher Brief hervorruft. Nicht allein Papa und Mama hatten geschrieben, auch die Schwestern und Freunde, auch Schulkameraden und Nachbarn; alle beglückwünschten die kühnen Afrikareisenden, alle baten um lange Briefe und um irgend ein interessantes Geschenk, am liebsten Photographieen von Wilden, oder sonst einen Gegenstand, den man nicht kaufen könne. Der bereits erwartete photographische Apparat mit allem Zubehör war ebenfalls wohlverpackt eingetroffen, sowie eine Sendung dicht verschlossener Metalldosen, in denen sich Gips befand, dessen Gebrauch den Knaben vorläufig noch unbekannt blieb. Holm freute sich sehr über die Ankunft desselben. »Einen Tag hindurch bei euch sein möchte ich wohl,« schrieb Karl, Franzens Klassenkamerad vom Johanneum, »aber nicht über das Weltmeer fahren und auch nicht in Urwäldern schlafen, das muß doch schauderhaft sein! Erkältet ihr euch nicht immer dabei? Ich kann nun einmal unmöglich für solche Abenteuer schwärmen, aber Emil und Theodor und alle anderen aus Sekunda beneiden euch; Johannes will, seit er eure Briefe gelesen hat, jedenfalls Naturforscher und Afrikareisender werden, er kann kaum erwarten, bis die Zeit da ist. Eure Geschenke sind glücklich angelangt und schmücken bereits den Zoologischen Garten und das Museum, schickt nur mehr mit der nächsten Post, vor allen Dingen aber schreibt fleißig, ihr müßt aus jedem Hafen einen Brief absenden.«

Auch Doktor Bolten hatte eine längere, eingehende Mitteilung von dem Vater seiner Zöglinge. Herr Gottfried dankte ihm für das richtige Gefühl, welches in Palma den Bonnynegern, die Franz aus den Händen der Benins befreiten, ein Geldgeschenk namens der Eltern des Knaben bestimmt hatte; er erlaubte auch für künftige derartige Fälle dem würdigen Erzieher, das zu thun, was nach seiner Ansicht das Richtige sei, und so erhielten denn vor der Abreise nach Madagaskar die Hinterbliebenen des verunglückten Führers eine Summe, die wenigstens dazu angethan war, ihre äußerlichen Sorgen zu lindern. Alle Errungenschaften an Pflanzen, Blumen, zahllosen Insekten, Kerbtieren und Schlangen wurden auf das Schiff gebracht, neue Einkäufe besorgt, lange Briefe nach Hamburg geschrieben, und dann lichtete der Dampfer seine Anker, um jetzt die Inselwelt des Indischen und Großen Ozeans aufzusuchen. Zunächst durch den Kanal von Mozambique nach Madagaskar, wo an einer nur für Boote zugänglichen Bucht des am wenigsten bekannten und bereisten Teiles die Entdeckungsfahrt in das Innere wieder begann. Da die Seereise kurz und ohne Störung von statten gegangen war, so gaben sich alle mit fröhlichem Mut der Hoffnung hin, daß auch dieser Ausflug neue, reiche Schätze zutage fördern werde. Das Tier- und Pflanzenleben, die Wohnungen und die Beschäftigungsweise der Malagaschen kennen zu lernen, genügte ein Ausflug in die Dörfer des Innern, und den unternahm man, nachdem alle Vorbereitungen getroffen und einige des Weges kundige Führer gemietet waren. Durch einen dichten Wald der schönsten, verschiedenartigsten Palmen ging es auf bald bergigem, bald flachem Boden dahin; blühende Lianen schlangen sich um alle Zweige. Der Sagobaum und die giftige Brechnuß wuchsen in malerischen Gruppen, die afrikanische Palme zeigte ihren sonderbaren, einem Wickelkinde nicht unähnlichen plumpen Stamm, und endlich erschien auch die Ravinala, welche allein auf diesem Teil unseres Erdkörpers gefunden wird. Der hübsche, schlanke Baum mit emporstrebenden Stielen, die immer nur in ein einziges, breites Blatt auslaufen, heißt auch der Baum der Reisenden, und zwar weil das untere Ende jedes dieser Blattstiele eine innere Höhlung besitzt, in welcher sich klares Wasser sammelt, das ohne Mühe mittels Durchstechen der grünen Umwandung erlangt werden kann und daher den Reisenden von großem Werte ist. Unsere Freunde wollten Halt machen, um die seltsame, nur auf Madagaskar gefundene Flüssigkeit zu kosten, aber die Führer schüttelten den Kopf und deuteten auf die in der Ferne sichtbare Niederung, wo aufsteigender Rauch ein Dorf ankündigte. »Unternehmt nichts im Lande des bösen Geistes Angatsch,« warnten sie, »berührt keinen seiner Bäume, keines seiner Tiere, ehe ihr nicht den geweihten Hahn zu eurem Schutze bei euch habt. Im Dorfe könnt ihr ihn kaufen.«

Der alte Theologe hörte mit großem Erstaunen an, was der olivenfarbige Eingeborne in schlechtem Englisch vorbrachte. »Ein geweihter Hahn?« wiederholte er entrüstet, »was behauptest du da, mein Sohn? Ein Hahn --«

»Doktor, Doktor, wir sind in Feindes Land und müssen also klüglich seinen Sitten folgen! Wenn uns dieser gelbe Angatschgläubige als Ketzer verklagt, so werden wir möglicherweise alle in einem Tempel wie Opfertiere behandelt, lassen Sie uns lieber gütlich erfahren, was der geweihte Hahn bedeutet, und auf diese Weise unsere Kenntnisse bereichern. Sie erinnern sich ja des Hottentotten-Großvaters als Schlange, nicht wahr? und des mondanbetenden Dorfkönigs aus dem Dahomey-Lande?«

Der alte Herr lächelte wider Willen. »Aber ein Hahn!« seufzte er.

Holm war sehr belustigt. »Was ist's mit dem Geweihten?« fragte er ganz ernsthaft die Führer. »Wir wollen niemandes Gefühle verletzen.«

Die Malagaschen deuteten zum Dorfe. »Alle ganz weißen Hähne sind heilig,« erklärten sie, »aber eben darum werden sie auch von den Zauberern sehr teuer verkauft. Wer einen weißen Hahn besitzt, der ist gegen Angatschs Verfolgungen gesichert. Jeder Reisende nimmt solches Tier mit sich, und unter jedem Dache lebt eins.«

»Aha! -- und auch wir können einen derartigen Beschützer erlangen?«

Die Führer hielten Rat, endlich erbot sich einer, im Dorfe den Hahn zu kaufen, worauf ihm Holm das nötige Geld einhändigte und ihn mit einer kleinen, in deutscher Sprache gehaltenen Standrede entließ. »Hole uns den Gebieter der Bilderfibel, mein Sohn, aber glaube nicht, daß du im stande seiest, uns zu täuschen. Ein ansehnlicher Obolus wird in deinen Besitz übergehen, obwohl du keine Taschen führst; vielleicht stiehlst du sogar den Meister Kikeriki vom nächsten Düngerhaufen weg, aber das thut hoffentlich in den Augen des eingebornen Satanas von Madagaskar seiner Heiligkeit keinen Eintrag. Fleuch!«

Der Malagasche verstand natürlich nicht, was ihm gesagt worden war, aber der Ton des letzten Wortes im Verein mit bezeichnender Handbewegung verrieten einigermaßen den Sinn der Worte. Er trollte sich schnellen Schrittes, indes die übrigen Halt machten, um unter den wundervollen Bäumen im Moos zu lagern.

Die Ruhe that den Reisenden wohl, und ganz gaben sie sich dem Genusse der schönen Landschaft hin, die sich vor ihren Augen ausbreitete. Unter fröhlichem Geplauder erwarteten sie die Rückkehr des Führers.

Ein langgezogenes Krähen verkündete alsbald die Nähe des zaubernden weißen Hahnes. Der Führer erschien und brachte in einem schlechtgearbeiteten Bambuskäfig das heilige Tier, indem er zugleich geheimnisvoll andeutete, daß noch ein weiteres Schutzmittel gegen den bösen Geist notwendig sei, ein Amulett, welches die Fremden auf der Stirn tragen müßten. Holm wollte natürlich auch das kaufen und erhielt nun für teuren Preis den Zahn eines Krokodils an einer mit Glasperlen verzierten Schnur. »Jetzt seid ihr sicher, Fremdlinge,« erklärte der Malagasche, dem ein Geschäft mit den Weißen noch nie so leicht gewesen sein mochte, »jetzt ist Angatsch ohnmächtig gemacht und der Riese Darafif, der Sohn Zannaars des Weltgeistes, euer Freund geworden. Der weiße Hahn blendet die Blicke aller Häuptlinge, daß sie euch die Hände reichen und euch Brüder nennen, der weiße Hahn lähmt die Sinne der Wildschweine, daß sie sich taumelnd in eure Spieße stürzen.«

Holm hörte zu, ohne eine Miene zu verziehen. »Lacht nicht, Kinder,« ermahnte er in deutscher Sprache, »lacht nicht. Die Malagaschen sind als hinterlistig und äußerst rachsüchtig bekannt, sie möchten uns hier inmitten ihrer Urwälder empfindlich strafen, wenn wir sie beleidigen würden.«

Er dankte den Eingebornen, und nun erst konnte das Wasser des Ravinala probiert werden, ebenso die Früchte des Brotbaumes und die vielen wildwachsenden Beeren. Langsam wanderten die Reisenden dem Dorfe entgegen, das ihnen bei näherer Betrachtung durch irgend ein außerordentliches Ereignis in Aufregung versetzt zu sein schien. Den Mittelpunkt der Niederlassung bildete ein großer, versumpfter See, an dessen einem Rande sich die Hütten erhoben, und wo jetzt Hunderte von Menschen durch einander liefen. Schon der erste Blick zeigte, wie hoch über den wilden Negerstämmen die Malagaschen stehen. Sie alle waren in weite, faltenreiche Gewänder gehüllt, trugen zum Teil sogar Hüte und bewohnten geräumige, runde, mit Palmenblättern gedeckte Hütten, welche mit ihren hölzernen Einfriedigungen einen guten Eindruck machten. Sogar Thüren von genügender Höhe fanden sich, Hunde, Hühner und Schweine hatten ihre abgesonderten Stallungen und um die Hütten herum grünten und gediehen zahlreiche Anpflanzungen.

Wie ein wahres Gegenstück zu diesem friedlichen Bilde erschien der Anblick des Sumpfes, aus dessen trüben Fluten große Krokodile ihre greulichen Rachen erhoben. Nur die kleinen tückischen Augen verrieten durch ihr Blinzeln, daß diese Masse lebe. Überall zeigten sich die gefährlichen Bestien; der See mochte mehr als fünfzig beherbergen, ja sogar in einem breiten Flusse, der mit dem stehenden Gewässer nicht weit vom Dorfe in Verbindung trat, schwammen noch die häßlichen Geschöpfe, so daß Holm voll Erstaunen den englisch sprechenden Führer fragte, weshalb man es unterlasse, sich dieser Raubgesellschaft auf kürzestem Wege zu entledigen. Aber der olivenfarbige Mann antwortete kopfschüttelnd: »Das verstehst du nicht, Fremder. Die Tiere haben hier das Richteramt im Dorfe, sie sind unverletzlich; wir füttern sie und bezeugen ihnen die größte Verehrung. Siehst du nicht dort am Ufer die versammelte Menge?«

»Freilich. Aber was treiben diese Leute?«

»Ein Sklave steht im Verdacht des Diebstahls, Fremder. Die Krokodile werden also zu Gericht sitzen und entweder seine Unschuld beweisen oder ihn strafen, wie es sich gebührt.«

»Das heißt -- den Unglücklichen fressen?«

»Wenn er wirklich gestohlen hat, ja.«

»Ein Gottesurteil in aller Form also. Wie tief doch bei jedem, auch dem wildesten, niedersten Volke der Zug nach dem Anlehnen an ewige, wandellose Mächte im Charakter begründet liegt! Es hat noch keine Nation versucht, sich ohne Götter oder Göttliches zu behelfen. -- Aber«, fügte der Doktor gegen den Eingebornen hinzu, »ist nicht durch diese seltsamen Richter der Angeklagte in allen Fällen überführt? Habt ihr schon erlebt, daß die Krokodile Barmherzigkeit übten?«

Der Eingeborne wiegte den Kopf. »Nur sehr selten, Fremder, das ist wahr, aber -- die Sklaven sind auch außerordentlich diebisch.«