Das Naturforscherschiff oder Fahrt der jungen Hamburger mit der "Hammonia" nach den Besitzungen ihres Vaters in der Südsee.

Part 13

Chapter 133,547 wordsPublic domain

Der eingeborne Führer ritt im Trabe herbei. »Die Saab thun uns nichts zu leide, Herr!« rief er. »Das sind arme, dumme, vertierte Geschöpfe, die zwar stehlen, was sie erlangen können, aber doch keinen Mord begehen. Wir dürfen ungefährdet ihr Lager in Augenschein nehmen.«

Einige Worte, die er seinen Stammesverwandten zurief, schienen diese Behauptung zu bestätigen, die Buschmänner liefen wie Kinder, welche einen Gast in das Haus führen, den Fremden durch den Felsenpaß voran ins Thal und sahen dabei fortwährend zurück, als ob sie fürchteten, den Gegenstand ihrer lebhaften Neugierde plötzlich wieder zu verlieren. Umdrängt von der gelbbraunen, häßlichen, mit lauter Zisch- und Schnalzlauten durch einander schwatzenden Menge gelangten die Weißen bis an den Lagerplatz der Buschmänner, wo Frauen und Kinder an den verschiedensten Stellen herumhockten, ohne sich irgend einer Beschäftigung zu widmen. Es brannte kein Feuer, man sah kein Zelt, kein weidendes Tier oder irgend ein Gerät, wohl aber ließ sich erkennen, daß die Buschmänner in Felsspalten, in den verlassenen Höhlen wilder Tiere oder auch nur unter einem besonders dichten Gebüsch ohne weiteres Quartier zu nehmen pflegten. Ein Lager auf flachem Boden mit einigen Handvoll Blättern als Kopfkissen, das war alles, was sie beanspruchten.

»Führer, Sie bürgen uns also, daß kein plötzlicher Überfall erfolgen wird?«

»Ganz sicher, Master Doktor, ich kenne ja meine Landsleute.«

Holm und die Knaben stimmten einmütig für eine Rast unter den so unerwartet gefundenen Gelben. So tief wie dieses Volk schien kein Schwarzer der Westküste zu stehen; es war in naturwissenschaftlichem und kulturgeschichtlichem Interesse gleich wichtig, so viel als sich äußerlich wahrnehmen ließ, von Lebensweise und Charakter der Saab kennen zu lernen.

Die Reisenden stiegen von den Pferden und errichteten sich im Schutze mehrerer neben einander stehender Zitronenbäume ihr eigenes Lager. Während der Nacht wollten sie in der Niederlassung des wandernden oder, besser gesagt, vagabundierenden Volkes bleiben und dann noch etwa eine oder zwei Tagreisen verwenden, um auch den Anfang des Kafferlandes kennen zu lernen.

Ein Feuer loderte auf; die Führer weideten und zerlegten die Antilope; die mitgebrachte Pfanne kam zum Vorschein, und bald brodelte der Braten, dem man Früchte aller Art beigesellte. Die gelben Menschen schienen gar nichts, was einem Haushaltungsgerät ähnlich sah, zu besitzen, und auf eine Frage des Führers, wie denn bei ihnen das Wild zubereitet werde, antworteten sie nur durch spöttisches Lachen. »Ich weiß es wohl,« sagte halb abgewandt der junge Hottentotte, »sie verzehren alles roh und essen auch alle Abfälle mit dem Fleisch. Übrigens kommt dergleichen selten vor, denn ihr eigentliches Heimatsgebiet ist eine Sandwüste, wo es nur niederes Gebüsch, Strauße und Quaggas gibt. Sie ziehen von Stelle zu Stelle, schießen das Wild, essen die Früchte und setzen ihren Stab weiter, sobald nichts zu plündern mehr vorhanden ist. Arbeit kennen sie nicht, betreiben weder Ackerbau noch Viehzucht, ja sie haben nicht einmal Hütten, sondern verkriechen sich wie wilde Tiere und stehlen, wo es angeht, die Herden der Quaquas. Es ist schon vorgekommen, daß ein Stamm von vielleicht zweihundert Köpfen bis zu sechshundert Ochsen und Schafe wegtrieb, wobei dann alles an einem Tage abgeschlachtet und späterhin verfault gegessen wurde. Meine Verwandten, die Saab, sind ein sehr armes, niedriges Volk.«

»Aber ihre Waffen möchte ich sehen,« rief Franz. »Pfeile und Bogen natürlich. Ob sie davon verkaufen oder vertauschen würden.«

Der Führer sprach mit den Gelben, aber keiner wollte sein Eigentum hergeben, bis endlich der Packen mit den noch übrigen bunten Spielereien geöffnet wurde und nun auch die Widersetzlichsten bezähmte. Die Buschmänner tanzten wie Kinder, schlugen sich auf die Kniee vor Entzücken und jubelten laut. Für ein Messer erhielt Franz Bogen und Pfeile, von welchen letzteren ihm aber der Führer sagte, daß sie ohne Zweifel vergiftet seien. Ein Spiegel dagegen erregte den Wilden die lebhafteste Furcht; sie sahen aus einiger Entfernung hinein, griffen dann plötzlich hinter das Glas, offenbar um den vermeintlichen Widersacher zu erfassen. Nichts konnte sie bewegen, den »Fetisch« zu berühren, ja, die Mütter drängten sogar ängstlich ihre neugierigen Kleinen, so oft sie sich heranwagten, zurück, bis endlich die gefürchteten Zaubergeräte wieder eingepackt wurden. Perlen und Kattun erregten ungemessene Freude, auch den Abfall der Mahlzeit ließen sich die harmlosen Kinder der Natur vortrefflich schmecken, entwickelten aber dabei einen so gesunden Appetit, daß notwendig zur Vollendung dieses Gastgebotes auch noch ihre eigenen, gewohnten Hilfsmittel herangezogen werden mußten. Und da zeigte sich denn, weshalb gerade diese Stelle zum Lagerplatz erwählt worden war. Neben einem längst gestürzten, in Verwesung übergegangenen Baum befand sich ein großer Ameisenhaufen mit wenigstens sechs bis zehn Kolonieen, die alle von den Buschmännern nach Eiern und Puppen durchsucht wurden. Ebenso begann auch die Jagd auf Heuschrecken; nirgends aber trug man das Erbeutete zusammen und verzehrte es aus einem Geschirr oder wenigstens gemeinschaftlich; sondern jede Heuschrecke wanderte zerquetscht von der Hand des Finders in den Mund, die kleinen weißen Ameiseneier wurden mit affenartiger Behendigkeit aus den Nestern herausgefischt und verzehrt, außerdem aber auch die überall wachsenden Zwiebeln aus der Erde gegraben und roh genossen.

»Ich hätte Lust, einmal zu schießen,« meinte Holm. »Was sie für Augen machen würden.«

Gesagt, gethan. Franz band um die Krone eines in einiger Entfernung stehenden Bäumchens ein Stück Papier, und Holm schoß es herunter. Als der Schuß krachte, entstand unter den Wilden eine Bewegung, wie wenn ein Steinwurf einen Flug Sperlinge aufschreckt. Es war ersichtlich, daß die gelben Geschöpfe, denen der Name »Mensch« kaum zuzukommen schien, nie im Leben ein Feuergewehr kennen gelernt hatten; sie flüchteten insgesamt unter den Schutz des Felsens, jedenfalls fest überzeugt, einem unheilvollen Zauber nicht mehr entrinnen zu können; ihre Bewegungen verrieten die lebhafteste Furcht, viele lagen sogar auf den Knieen und hielten das Gesicht in den Händen verborgen. Holm und Franz versuchten umsonst, die Leute zutraulicher zu machen; sie wollten ihnen die Kugelbüchsen zeigen oder gar hinreichen, aber alles vergebens; die Buschmänner flüchteten, sobald sie sich näherten, ja die allgemeine Angst schien so stark, daß überhaupt keine fernere Unterhaltung mehr möglich war.

Das Gewehr wurde beiseite gelegt, die Decken im Schutz einer Felswand ausgebreitet und die Pferde so an Bäumen befestigt, daß sie zwischen den Reitern und dem freien Platze standen. Als ein langsam brennendes Feuer von halbtrocknem Holz seine Rauchwolken zum Himmel sandte, streckten sich alle um die angenehm wärmende Glut und schliefen im Gefühl vollkommener Sicherheit sehr bald ein. Die Pferde mußten sie ja bei dem geringsten verdächtigen Zeichen durch ihre Unruhe sofort wecken. Stille und Dunkelheit lagerten über dem malerischen, mit so vieler Schönheit ausgestatteten Thal, von fern her klang das Rauschen des Waldes, die Quelle murmelte, Nachtfalter in wundervollen Farben, groß und glänzend, schwebten vorbei; geschäftig wanderten zu Tausenden die beraubten Ameisen fort aus ihrem halbzerstörten Bau, um sich eine neue Heimat zu gründen, Vögel zwitscherten wie flüsternd in den Zweigen, und Eidechsen schlüpften durch das Gras. Aber seltsam, kein größeres Tier zeigte sich, -- und doch brachen und knickten drüben am Waldrand zuweilen die Gebüsche.

War es der Wind? War es ein Elefant oder -- vielleicht Menschen?

Die Pferde standen ruhig fressend, also konnten es keine Raubtiere sein.

Da, wieder! es rauschte und krachte, das war nicht der Wind -- --

Ein Mondstrahl brach aus den Wolken, Helldunkel überflutete das Thal. Schleichende Gestalten, katzenartig leise, glitten heran -- -- waren das Teufel? Flammend rot von Kopf bis zu Füßen die kräftigen Gestalten, die bräunlich schwarzen Gesichter voll Kampflust und Feuer, geschoren der Kopf bis auf den federdurchflochtenen Wirbelschopf, hohe Schilder aus Büffelfell in den Händen und einen langen hölzernen Wurfspieß mit Eisenspitze auf der Schulter. Einer nach dem anderen, Hunderte an der Zahl, so drangen sie vom Waldsaum her über den Fluß, sich rücksichtslos hineinwerfend, schwimmend wie ein roter glänzender Streif unheimlich in der fahlen Beleuchtung. -- --

Und da, wo sich die Gelben angstvoll geschart, blieb alles still. Immer heller wurde der Himmel, immer deutlicher traten rings die Gegenstände aus der Finsternis heraus, -- da wieherte eins der Pferde, und schläfrig dehnte sich Franz auf seinem Lager. »Wie kalt!« schauderte er.

Der Führer erwachte und hob den Kopf. Ein durchdringender Ruf klang über das Thal dahin. »Die Amakossa! -- Die Amakossa!«

Jetzt wachten alle. Instinktmäßig griffen sie zu den Gewehren, Fragen und Vermutungen schwirrten durcheinander, in weniger als einer Minute standen sämtliche Männer schußbereit. Am Himmel teilte sich die letzte Wolke, der Vollmond erglänzte über dem Waldsaum, -- jener Fels, an dem die Buschmänner gelagert, war leer. Ohne Zweifel hatten alle im Schutz der Dunkelheit geräuschlos die Nähe der gefürchteten Feuerwaffen verlassen.

»Das sind Kaffern,« flüsterte nach dem ersten Erschrecken der eingeborne Führer, »Amakossas von den wandernden Stämmen, welche durch Krieg und Raub ihr Dasein fristen. Sie ziehen von Norden nach Süden, überall Feinde, überall Zerstörer; die Urbewohner von Britisch-Kaffraria am Atlantischen Meer, damals geflohen und seit Menschenaltern heimatlos in den Wäldern hausend, während ihre Brüder mit der Kapkolonie Handel treiben und nicht mehr Wilde zu nennen sind. Sie haben die Schüsse gehört und wollen jetzt unsere Gewehre erbeuten.«

Das alles war hastig hervorgestoßen, halblaut, und indem der Sprecher unausgesetzt die Wilden beobachtete. Diese schienen Kriegsrat zu halten, gedeckt durch Bäume oder Felsen. Hinter ihren hohen Schilden verborgen, sprachen sie lebhaft miteinander, offenbar das Pferd verwünschend, welches vor der Zeit ihre Pläne verraten hatte. Sich hinauszuwagen in die Schußlinie dieser blitzenden Musketenläufe, das war nicht geraten; die Amakossa hatten viel zu häufig mit ihren Genossen von der Küste oder mit streifenden Zulus verkehrt, um nicht zu wissen, daß ihnen die Feuerwaffe den Weg versperrte, bevor noch die Hälfte desselben zurückgelegt war. Wo sich ein Kopf ohne Deckung zeigte, da konnte er im nächsten Augenblick von der Kugel durchbohrt sein.

Die Weißen befanden sich in keiner besseren Lage. Wenn ihre unbeschützten Pferde mittels der weittragenden Spieße getötet wurden, so standen sie den räuberischen Kaffern wehrlos gegenüber und mußten nebenbei auch fürchten, die ganze weite Strecke bis zur Küste, mehr als fünfzig deutsche Meilen, nicht zu Fuß zurücklegen zu können.

Der Führer dachte dasselbe. »Ich habe es übernommen, die Herren sicher wieder zur Kapstadt zurückzubringen,« sagte er nach kurzem Besinnen, »das ist aber nur mit guten Pferden möglich. Ich gehe hinaus und bringe die Tiere hinter den Felsen.«

»Wir begleiten dich!« riefen einstimmig die Weißen.

Der Quaqua schüttelte den Kopf. »Ich gehe allein,« beharrte er. »Was liegt denn an dem armen, verachteten Gelben? Wer fragt nach ihm, wenn er nicht wiederkommt? Der Farbige trägt immer ein Brandmal auf der Stirn, -- er sollte wild bleiben, wenn er glücklich leben will, ganz wild, die Weißen zählen ihn ja doch niemals zu ihresgleichen. Fort da, junger Herr, ich will keine Begleitung haben.«

Es war Hans, der sich dem Hottentotten zugesellte. »O Karl,« sagte vorwurfsvoll der stille, wenig lebhafte Knabe, »kannst du das zugeben?«

Holm und Franz gingen ohne weitere Worte dem Führer nach und deckten mit ihren Gewehren seinen Körper, als er unter den Pferden hindurchkroch, um sie loszubinden.

Ein Hagel von Wurfspießen schwirrte ihnen entgegen, blindlings geschleudert, nachdem die Amakossa zu ihrem lebhaften Verdruß erkannten, daß sie im ersten Schreck versäumt hatten, sich der Tiere zu bemächtigen und dadurch die Gegner zu entwaffnen. Ein Kriegs- und Wutgeschrei erschallte aus hundert Kehlen, Wurfspieß nach Wurfspieß sauste durch die Luft, Holm hatte den Hut vom Kopf verloren, eine Spitze bohrte sich in Doktor Boltens Schulter, der eine Führer blutete aus drei leichten Wunden, und zwei Pferde waren getroffen, obwohl nicht besonders gefährlich. Dann aber befanden sich auch sämtliche Tiere in Sicherheit, die Weißen konnten aufatmen.

»Schießt nicht!« ermahnte der alte Theologe, während er bemüht war, mit dem Taschentuch das hervorquellende Blut zu stillen. »Schießt nicht, Kinder. Wenn die Wilden einen Angriff wagen, so müssen wir uns natürlich verteidigen, bis dahin aber verhaltet euch ruhig, als sei nichts geschehen.«

»Die Amakossa sind Räuber, diebische Hyänen!« rief erbittert der verwundete Führer. »Man sollte sie niederschießen wie tolle Hunde.«

Der alte Mann sah mit festem Blick dem Aufgeregten ins Auge. »Ich verbiete dir solche Reden und jeden Gedanken an Ausführung solcher Absichten, mein Sohn!« sagte er gelassen.

Der Farbige senkte die Wimper. Er wagte es nicht, die Ehrfurcht gegen das ruhig überlegene Wesen des alten Herrn aus den Augen zu setzen, heimlich aber ballte er die Faust, und selbst Franz konnte sich nicht enthalten zu antworten, daß doch eine scharfe Lehre den Buschkleppern sehr heilsam sein müsse. »So gut wie die abgesandten Wurfspieße nur leichte Wunden verursachten, hätten sie auch den Tod bringen können,« fügte er hinzu.

»Und du wolltest der Vorsehung den Dank für eine beinahe wunderbare Errettung durch den Mord an einem unwissenden Wilden abtragen, mein Junge?«

Franz errötete. »Wir sind noch nicht gerettet, Herr Doktor,« antwortete er. »Die Amakossa scheinen uns in aller Form belagern zu wollen.«

»So werden wir uns in aller Form verteidigen, lieber Franz. Sei dessen sicher.«

Die Kaffern hatten während dieser kurzen Unterredung der Weißen ihrerseits den Kriegsrat geschlossen. Einer nach dem anderen verschwanden sie aus dem Thal, so daß es aussah, als sei der Platz von ihnen geräumt, thatsächlich aber war gerade durch diesen Schachzug bewiesen, daß sie zum Verderben der Weißen planmäßig handelten. Der eingeborne Führer erkannte das sofort. »Wir können uns jetzt wieder hinlegen,« sagte er, »ein Angriff wird nicht erfolgen, -- man erreicht mit List, was vielleicht durch Gewalt unmöglich wäre.«

»Aber wie denn?« fragte Holm.

»Indem man uns umzingelt und vom Wasser abschneidet. Wer sich auf der freien Fläche sehen läßt, der ist ein Kind des Todes.«

Holm fühlte, wie es ihm kalt über den Rücken herablief, und auch die anderen blieben lange Zeit stumm. Ihrer sieben gegen mehrere Hundert, da war ein offener Kampf ganz unmöglich, -- so im Winkel versteckt zwischen Felsen langsam mit der Waffe in der Hand aus Mangel an Nahrungsmitteln zu Grunde zu gehen, das schien aber ein entsetzliches Schicksal. »Ob sich denn nicht durch die Schnelligkeit der Pferde entkommen ließe?« fragte nach langer drückender Pause der ältere Knabe.

»Auf freier Fläche, ja; hier im waldigen, von Bäumen durchzogenen Gebiet unter keiner Bedingung. Die ersten fünfhundert bis tausend Schritt um diese Stelle herum können nur langsam, nicht einmal im Trab zurückgelegt werden.«

»So sind wir also ganz verloren!« rief Franz.

»Noch nicht,« versetzte der Hottentotte. »Ehe wir hier verhungern und verdursten, entschließen wir uns zur Fußwanderung bis nach der Küste. Die Sache geht langsam, aber unmöglich ist sie nicht.«

»Jedenfalls laßt uns daher Pulver und Blei aus den Satteltaschen nehmen, damit wir zur Flucht gerüstet sind,« riet der Doktor. »Wenn nur der Mond nicht so hell schiene!«

»In dieser Nacht können wir keinen derartigen Versuch wagen,« entschied der Führer. »Es bedarf dazu nicht allein völliger Dunkelheit, sondern auch der vorherigen genauen Ortskenntnis. Wir müssen wissen, ob und in welcher Stärke die Umgegend besetzt ist.«

»Großer Gott, Führer, was sagen Sie da? -- Wir sollten in dieser verzweifelten Lage, ohne Wasser und auf eine enge Felsschlucht beschränkt, noch einen ganzen Tag verharren?«

»Vielleicht noch zwei Tage, drei Tage, Herr, bis der Augenblick zur Flucht herangekommen ist. Das läßt sich nicht voraussagen.«

Eine tiefe Stille folgte diesen Worten. Man hörte wieder die leisen Laute der Natur ringsumher, nichts verriet feindliche oder zerstörende Absichten; fast schien es, als sei doch das ängstliche Hin- und Herreden, das bange Pulsieren des Blutes in den Adern nur ein Spuk der wildbewegten Einbildungskraft, als könne unmöglich an einem einzigen Schritt in dieses blühende Thal hinaus Tod und Leben hängen, ein qualvoller, entsetzlicher Tod fern vom Vaterlande unter den Spießen der rotbemalten Teufel.

Stunden vergingen so; obgleich der Führer wiederholt zum Schlafen mahnte, konnte niemand die Augen schließen, niemand konnte es unterlassen, fortgesetzt zu horchen. Wenn die Wilden Mut genug besaßen, mit plötzlichem, gewaltsamem Überfall die Schlucht zu stürmen, wenn sie es nicht beachteten, daß zehn oder zwanzig von den Ihrigen als Opfer fallen mußten, was dann? Ein kurzer, erbitterter Kampf Mann gegen Mann, und alles war zu Ende. Keine Stimme gab Zeugnis von dem, was in der Wildnis geschehen.

Endlich dämmerten die ersten Morgenstrahlen. In Busch und Wald wurde es lebendig, Vögel sangen, Affen kletterten auf den Zweigen, verspätete Ameisen rannten geschäftig hin und her, das ferne Heulen der Hyänenhunde war allmählich verstummt. Im Thale zeigte sich nichts, auch kein einziger Wilder sah hinter den Bäumen hervor; alles schien still und ausgestorben.

»Ob sie die Sache aufgegeben haben?« fragte mit halbem Zweifel der Gelehrte.

»Ach, da kennen Sie die Kaffern nicht, wir werden in jeder Sekunde bewacht.«

»Führer, haben Sie schon ähnliche Lagen wie diese jemals durchgemacht?«

Der Gelbe nickte. »Unser Kraal ist mehr als einmal von den Amakossa überfallen worden,« antwortete er. »Die Leute sind weder Menschenfresser noch blutdürstige Mörder, aber sie stehlen, und scheuen zur Erreichung ihrer Zwecke kein Mittel. Wenn wir unsere Waffen ausliefern, ebenso die Pferde, so trachten sie uns nicht länger nach dem Leben.«

»So laßt uns das lieber versuchen, Kinder!« rief Doktor Bolten.

Der Führer schüttelte den Kopf. »Unmöglich, Herr. Wie könnten wir ohne Gewehre und Lebensmittel fünfzig Meilen durchwandern? Die Amakossa würden uns nichts, vielleicht nicht einmal die Kleider im Besitz lassen.«

»Woran erkennen Sie denn mit so großer Bestimmtheit ihre Gegenwart, Führer?«

»Zunächst an dem Charakter der Kaffern überhaupt und dann an dem Fehlen aller auf dem Erdboden laufenden Geschöpfe. Was fliegt und in den Bäumen klettert, das sehen wir herankommen, aber all die Hunderte von kleinen Vierfüßlern, welche sonst am frühen Morgen zum Flußufer gehen, halten sich fern. Das allein beweist die Nähe von Menschen.«

Er schürte das Feuer und fing an, die Fleischstücke von gestern zu braten. »Wir dürfen uns nicht mutlos zeigen, Herr, nicht aussehen, als fürchteten wir die Halunken; desto länger werden sie einen eigentlichen Angriff hinausschieben. Dort, der große Geier über der Citrusgruppe, holen Sie ihn doch herunter!«

Franz hatte schon angelegt. Die Kugeln aus seiner und seines Bruders Büchse trafen zugleich den in der Luft schwebenden Vogel: mit schrillem Laut sich überstürzend und flügelschlagend, fiel er bis hart vor das Gebüsch, in welchem die Wilden versteckt sein mußten. Ein Schrei aus mehreren Kehlen, deutlich erkennbar, mischte sich in den Klang, -- der Führer sah von einem zum andern. »Hören Sie wohl, meine Herren?«

»Wahrhaftig, die Roten sind noch dort,« gestand Franz. »O diese heillose Geduldsprobe.«

Doktor Bolten stellte das Gewehr an den Felsen. »Im Augenblick sind uns alle Mittel und Wege abgeschnitten« sagte er seufzend. »Wir müssen uns darein ergeben und der Sache die erträglichste Seite abzugewinnen suchen.«

Die Decken wurden zu Sitzpolstern verwendet, den Pferden Futter vorgeworfen und einstweilen das Frühstück aufgetragen. Lebensmittel besaß man noch für mehrere Tage, auch wenn nichts Frisches an Fleisch oder Früchten hinzukam, dagegen aber fehlte das Wasser schon jetzt sehr empfindlich. Rum oder alter Portwein, zur Stärkung in kleinen Flaschen mitgenommen, war vorhanden, konnte jedoch trotz seines teuren Preises das klare, kalte, von Mutter Natur geschenkte Quellwasser nicht ersetzen; namentlich die Tiere schnauften und ließen die Zungen heraushängen, so daß der mitleidige Hans leise hinging und recht große tiefsitzende Blätter pflückte, um durch die gesammelten Tautropfen derselben wenigstens einige Linderung zu bringen. Ein vernunftloses Geschöpf leiden zu sehen, thut ja dem fühlenden Menschenherzen so weh.

Die Amakossa gaben kein Lebenszeichen; offenbar lag es in ihrem Plane, die Eingeschlossenen zu einer Unvorsichtigkeit zu verleiten und ihnen alsdann in den Rücken zu fallen, eine Absicht, welche auch ohne die Gegenwart des farbigen, mit derartigen Fuchsfallen genügend vertrauten Führers vollständig erreicht worden wäre. Sie konnten hinter sicherer Deckung zum Wasser gelangen und sich durch Jagd mit Lebensmitteln versorgen, es wurde ihnen also sehr leicht, die Belagerung siegreich zu Ende zu führen, umsomehr als die Kräfte der Weißen in immerwährender Unruhe notwendig aufgerieben werden mußten. Etwa vierzig bis fünfzig Quadratfuß Raum für sieben Menschen, kein Trinkwasser, kein Brennmaterial zum Schutz gegen die nächtliche Kälte, keine freie Bewegung, und, was das schlimmste, sehr bald schon kein erreichbares Pferdefutter mehr, -- das konnte unmöglich länger als einige wenige Tage ausgehalten werden.

So berechneten die Amakossa und warteten geduldig.

Der Tag ging langsam vorüber, bleiern und schwer folgte die nächste Nacht, aber immer noch änderte sich nichts. Die Belagerten saßen in dumpfer Ruhe bei einander, gefoltert vom Durst, mehr und mehr hoffnungslos in die nächste Zukunft sehend. Es war unerträglich, den Fluß plätschern zu hören, die ziehenden Wellen zu beobachten und dabei alle Qualen des Verschmachtens zu erleiden; es schnitt ins Herz, die Pferde mit gesenkten Köpfen dastehen zu sehen oder liegend wie im Sterben begriffen, -- dennoch aber wollte der Führer bis zum letzten Augenblick aushalten, wollte von Übergabe nichts hören. »Die zweitfolgende Nacht wird ganz dunkel,« sagte er, »dann ist es Zeit zum Handeln.«

»Was wollen Sie thun?« fragte Holm.

»Ich habe meinen Plan,« versetzte der Gelbe.

Damit war das Gespräch wieder zu Ende; es schien, als sei in allen die Lebenskraft dem Erlöschen nahe. So unthätig, belagert von einem nur geahnten Feind, laut- und regungslos wie im Kerker die Tage zu verbringen, das war ein entsetzliches Schicksal. Kopf und Augen schmerzten unausgesetzt, eine Art von Lähmung hatte sich aller Glieder bemächtigt, und das Sprechen wurde schwer. Eine Entscheidung mußte herbeigeführt werden, so wie die Sache jetzt war, konnte sie keinesfalls länger bleiben.

»Wenn es nur ein paar Tropfen regnen wollte,« flüsterte Hans, »nur so viel, um ein einziges Mal die Zunge zu befeuchten.«

Holm schwieg. Ihm fehlte der Mut, jetzt zu antworten, daß es in der Nähe hoher, bewaldeter Gebirgszüge nicht regnet, weil die Feuchtigkeit durch den Pflanzenwuchs der Luft entzogen wird; er streichelte nur stumm die heiße Stirn des Knaben. Franz stand am Felsen, düster in das Halbdunkel hinausblickend. »Karl,« sagte er leise und mit unsicherer Stimme, »man sollte für die Güter des Lebens, so lange man sie besitzt, dankbarer sein, -- ich -- ich habe so oft den Kaufmannsstand langweilig und das Sitzen am Pult trostlos genannt, -- das war unrecht von mir.«