Part 12
Die beiden anderen Führer blieben bei den Weißen, und so setzte sich der Zug langsam in Bewegung. Es schien doch einigermaßen gewagt, so in den Engpaß hineinzugehen und sich der Großmut der Wilden preiszugeben; aber auch die zwei letzten Führer hielten das Unternehmen für gefahrlos; sie hatten schon früher Reisende hierher begleitet und wußten, daß die Hottentotten an keinen Überfall dachten. -- Eine Doppelreihe erbärmlichster Lehmhütten zeigte sich den Blicken der vorauseilenden Knaben; keine einzige davon war höher als bis zu etwa drei Metern, sämtliche Thüren gestatteten den Eingang nur mittels des Kriechens auf allen vieren, und die Dächer liefen trichterförmig in eine Spitze aus. Während die Wohnungen der Neger ohne Ausnahme Pfahlbauten waren, hatten sich die Hottentotten halb in den Boden hineingewühlt, lebten ohne einen einzigen Lichtstrahl in engumschlossenen Räumen und konnten auch nicht den kleinsten Versuch zu Anpflanzungen aufweisen. Alles lag vergraben unter Schmutz, die Dorfstraße war eine Art von Pfütze, die gelben, überaus häßlichen Gesichter zeigten gänzliche Unbekanntschaft mit dem Wasser, und die Felle, in welche beide Geschlechter gehüllt waren, hingen zerfetzt und besudelt von den durchweg kleinen Gestalten herab, die Männer von den Schultern bis zu den Knieen bedeckend, während sie bei den Frauen den Oberkörper frei ließen. Unzählige Troddeln aus kleinen, schwarz und weißen Thonperlen fielen über die Brust herab, und an Armen und Beinen waren die Sehnen oder Därme geschlachteter Tiere als Verzierungen angebracht; alles durchaus schmutzig, mit Fett beschmiert und vielfach zerrissen.
Trotz dieses elenden Zustandes schienen die Quaquas ein sehr lebensfrohes Völkchen, das sogar seine Gäste mit Musik bewillkommnete. Aus mehr als einer Thür kroch eine olivengelbe Gestalt, die in den Händen einen ausgehöhlten halben Kürbis trug und nun auf drei darüber hingespannten Saiten ein nervenerschütterndes Katzenkonzert verübte. Jeder spielte für sich, und jeder tanzte einen tollen Wirbelreigen für sich, so daß es bei dem Anblick dieser halbnackten, komischen Gestalten für die Weißen unmöglich war, den zu einer Vorstellung bei Hof so äußerst notwendigen Ernst zu bewahren. Sie lachten noch alle, als der vorausgeschickte Führer zurückkam und verkündete, daß König Mazemba sogleich vor der Thür seiner Wohnung erscheinen und die Gäste empfangen werde. Auch hier in unmittelbarer Nähe des fürstlichen, mit mehreren bunten Lappen und einem greulichen Götzenbilde verzierten Palastes hörten die Künstler nicht auf, ihre Instrumente zu bearbeiten, nur tanzten sie nicht mehr, sondern hatten sich rechts und links vom Eingang postiert, wo sie immer noch mit lebhaftem Wiegen oder Schaukeln den musikalischen Vortrag begleiteten. Ein ganzer Haufe von Frauen und Kindern war den Weißen gefolgt, und jetzt nahte auch schon Seine Majestät selbst; auf Händen und Füßen kriechend, unter schmerzlichem Ächzen kam Mazemba ans Tageslicht. Was er sagte, das ging einstweilen unseren Freunden verloren; als ihm aber der lebhafte Franz unter die Arme griff und solchergestalt half, sich auf einen vor der Höhle befindlichen Erdhaufen niederzulassen, da zeigte ein verblüffter Ausdruck des gelben, verschrumpften Gesichtes, wie sehr sich der Alte wunderte, daß es jemand gewagt habe, seine geheiligte Person zu berühren. Er sah blinzelnd von einem zum anderen und ergriff dann einen im Wege liegenden Stein, den er ohne weiteres nach den Musikanten schleuderte, worauf sofort diesem nicht mißzudeutenden Befehl des Stillschweigens Folge gegeben wurde. Alles verstummte, die Weißen zogen ihre mitgebrachten Geschenke hervor, und der Führer begann sein Amt als Dolmetscher.
Ein schnalzender Laut drang über die Lippen des alten Königs und wurde dann in das Wort »Tabak« übersetzt, worauf sogleich mehrere Pakete in die begierig ausgestreckten Hände fielen. Seine Majestät schoben eiligst, ohne zu zaudern oder zu danken, das begehrte Labsal in den Mund, dann wurde noch ein Wort gehört -- Branntwein! -- und als ein Achselzucken darauf antwortete, hielt der Alte jede weitere Bemühung für überflüssig. Mochte der bunte Putz, den vielleicht die Reisenden außerdem noch mitgebracht hatten, seinen Weibern zu teil werden, er selbst kümmerte sich darum nicht. Mit Mühe zum Eingang der Höhle zurückkriechend nahm er französischen Abschied, ohne die Reisenden eines weiteren Blickes zu würdigen; im nächsten Moment aber tönte die verdrießliche Stimme aus dem Thürloch wieder heraus, diesmal in längerer Rede. »Wenn die weißen Männer unter sich einen Zauberer haben, der im stande ist, meine Schmerzen zu bannen, so will ich ihnen den fettesten Stier schenken. O! o! Wie das reißt und bohrt!«
Natürlich war auch dieser Wunsch unerfüllbar, und so bewegten sich die Reisenden weiter ins Dorf hinein, nicht ohne von der Stimme des geplagten alten Königs noch eine Strecke begleitet zu werden.
»Zwei Kühe zu dem Stier, wenn ihr helfen könnt! -- Drei Kühe!«
»Sagte ich es dir nicht?« lächelte Holm. »Branntwein, Feuchtigkeit der Wohnung und steter Müßiggang -- im Alter die Wassersucht und das Zipperlein.«
»Merkwürdig wenig Zeremoniell war an dieser Hofhaltung vorhanden!« rief der Knabe. »O lieber Himmel, da fängt die Musik wieder an.«
Olivengelbe Gestalten schwangen sich rechts und links dem Zuge voran, die büschelweise gewachsenen struppigen Haare flogen im Winde, die zerrissenen Kuhfelle klappten auf und nieder, und ein wilder Reigen fand an den überhängenden Felswänden der einen Straßenseite sein Echo. Wohin die Gäste sich wandten, da folgte ihnen diese unerwünschte, jedenfalls aber als Ehrenbezeugung aufgefaßte Begleitung, selbst als an der Quelle Halt gemacht wurde, um zu rasten, tönte noch immer die sonderbare Musik fort, bis denn endlich eine Verteilung von Geschenken stattfand, und nun die Spielleute ihren Anteil forderten. Die Kürbis-Violinen flogen ins Gras; neugierig, mit langen Hälsen warteten alle der Dinge, die da kommen würden. Und dann brach der Jubel los. Spiegel, um die eigene, bodenlose Häßlichkeit, die zuweilen ein Dritteil des ganzen Gesichtes ausmachenden Lippen und die plattgedrückte Nase zu beschauen, feuerrote Kattuntücher und Glasperlen für die Frauen, Tabak und Messer für die Männer, Spielzeug für die Kinder, alles wurde verteilt, aber auch in dieser Beziehung wieder beobachtet, daß die Hottentotten solche Dinge bereits kannten, obgleich sie zu arm waren, um auf den Besitz Anspruch zu machen. Die Umgebung der Quelle sah aus wie ein Marktplatz; rings im Kreise saßen schnatternde jubelnde Frauen, und bewegten sich in Gruppen die Männer, bei denen es dieses oder jenes Stückes wegen nicht selten bis zu Thätlichkeiten kam; ein alter Hottentotte, der große Herden besaß, feilschte mit den anderen um ihre Messer und bot Kälber und Kühe für ein besonders gewünschtes Stück; ein jugendlicher Stutzer hatte sich mit nicht weniger als fünf roten Tüchern an allen möglichen und unmöglichen Stellen seines auswendigen Menschen umwickelt und stolzierte jetzt wie ein Pfau zwischen den übrigen umher, ja endlich gerieten zwei junge Damen einer Perlenschnur wegen dermaßen in Harnisch, daß sie sich eine förmliche Schlacht lieferten. Beiß- und Kratzwunden, Büschel ausgeraufter Haare, Fetzen von der Fellbekleidung und endlich das jähe Zerreißen des Perlenbandes, alles das drängte sich zusammen in wenige Augenblicke; nachdem aber die begehrten Glaskugeln auf den Boden gerollt waren, entstand plötzlicher Friede. Beide Kämpferinnen lagen auf ihren Knieen, um möglichst viele der bunten Flüchtlinge zu erhaschen; eine suchte noch emsiger als die andere, und sobald eine Perle gefunden war, flog sie in den Mund der glücklichen Besitzerin, woselbst ihr ein sicheres Versteck hinter dem respektablen Gebiß bereitet wurde. Es fehlte aber auch neben diesen kleinen, ergötzlichen Auftritten nicht an den Zeichen wahrer Gastfreundschaft und Dankbarkeit; die armen Frauen boten den Gästen ein Nachtlager in ihren Hütten und eine Mahlzeit von den wenigen Vorräten, welche sie selbst in einer Art Grube oder rohangelegtem Keller unter der Wohnung verwahrten; sie küßten die Kleider der Fremden, und einige brachten sogar zum Entsetzen derselben eine Art von Zither zum Vorschein, auf der sie spielten.
Das Essen wurde dankend abgelehnt. Worin es eigentlich bestand, ließ sich nur schwer sagen, denn alle möglichen Gerüche stiegen aus dem verbogenen, rostigen Eisengefäß empor, und Spuren früherer Mahlzeiten hafteten reichlich an den Wänden. »Ich halte es für Mehlbrei!« erklärte Franz.
»Hm, wenigstens waren erst ganz kürzlich noch Zwiebeln in diesem Topfe.«
»Etwas gleicht der Duft demjenigen einer verbrannten Milchspeise.«
»Und hier schwimmt eine jugendliche Wanze, Todes verblichen vor der Zeit infolge eines gewagten Sprunges aus dem Fellgewande der Köchin in diesen Hexenkessel.«
Holm fischte das berüchtigte Insekt. »Ich brauche dich nicht mit mir zu nehmen, internationale Blutsaugerin,« sagte er mit seinem launigen Tone, »denn du gehörst zu der Verwandtschaft, welche auch in deutschen Federbetten vorkommt, -- fleuch!«
Er schnippte die Wanze von den Fingern und spendete das letzte bunte Tuch einem kleinen Mädchen, dessen Wollkopf er damit umwickelte. »Wir müssen doch in eine oder die andere dieser Hütten hineinkriechen, nicht wahr?« fragte er. »Vielleicht ist dies der einzige Hottentottenkraal auf unserem Wege. Wer geht mit, Rittersmann oder Knapp, zu tauchen in solchen Schlund hinab?«
»Mich entschuldigen Sie, bitte,« lächelte der Doktor. »Ich bin nicht mehr jung genug, um mich für derartige Expeditionen noch genügend begeistern zu können. Auf allen vieren, das dürfte für den sechsundfünfzigjährigen Doktor der Gottesgelahrtheit ein wenig empfehlenswertes Unternehmen sein!«
»Kommt also, ihr Jungen,« rief Holm, »aber ich bitte Sie, Doktorchen, weichen Sie nicht vom Fleck. Mir ist seit unserer neulichen Trennung nur allzuwohl erinnerlich, wie meisterhaft Sie im Faustkampf Ihren Mann stehen, -- ich möchte nicht bei nächster Finsternis unbekannterweise wieder zwischen Ihre Finger geraten.«
»Unbesorgt, ich bleibe hier und studiere den Bau des Kraales.«
Die jungen Leute ließen den Dolmetscher anfragen, ob es erlaubt sei, eine Hütte zu besehen und wurden von den unermüdlichen Violinisten bis zum Eingang der nächstliegenden begleitet. Dann ging es auf Händen und Füßen vorwärts in den lichtlosen Raum hinein. Ziemlich geräumig mit dichten Erdwänden, halb unter der überhängenden Felswand verborgen, hatte die Hütte einen festgestampften Lehmboden und im Hintergrunde ein Lager aus Moos und Fellen. Möbel waren nicht darin, nur ein ausgehöhlter Kürbis voll Wasser, ein Eisentopf, eine Bratpfanne, Eisenlöffel und eine Reihe von Götzen. Schauderhafte Fratzenbilder aus Holz, Thon, Lehm und Knochen standen auf einer vorspringenden Erhöhung der Wand, Tiergestalten dem Bau nach, obgleich kein Auge im stande gewesen wäre, aus dieser plumpen Form die Gattung herauszufinden, Menschengesichter von abschreckender Häßlichkeit und Schlangenfiguren in Lebensgröße, zusammen mehr als zwölf verschiedene Arten. Holm wollte einen derselben berühren, aber die Bewohnerin der Hütte streckte unruhig den Arm aus. »Das ist die Gottheit, welche meine Kühe und Ziegen vor den Raubtieren beschützt,« übersetzte der Dolmetscher. »Du darfst sie nicht nehmen, Meister.«
Holm trat, um kein Gefühl zu verletzen, sofort zurück, erlaubte sich aber, eine Wachskerze in Brand zu setzen und alles genauer zu besichtigen. Große Spinnen hingen an den Wänden, Tausendfüße von erschreckender Länge krochen zwischen den Fugen, und sogar Eidechsen mit glänzenden Augen schlüpften durch das Moos; im Mittelpunkt des Baues stand ein einzelner, rohbearbeiteter Balken, der das Dach stützte, und nach der Straße hin führte eine Treppe aus Erdstufen in eine kellerartige Vertiefung. Hier konnte nur eine Person Platz finden, daher stieg zuerst Holm und nach ihm die Knaben hinab. Berge von Zwiebeln und anderen Knollengewächsen lagen da aufgespeichert, Felle, getrocknetes Fleisch und Kaffernkorn in großer Menge, ebenso Pfeffer und einige frische Früchte. Offenbar waren diese Vorratskeller sowie die ganze Bauart des Kraales auf einen etwaigen Überfall berechnet; vielleicht hatten häufig streifende Buschmänner oder gar Kaffern ihre früheren Raubzüge bis in die Wohnungen der friedlichen Gelben ausgedehnt, so daß von alters her für einen derartigen Fall gesorgt worden war. Jetzt freilich finden diese Kriege erst viele Meilen weiter in das Land hinein noch statt, während die Hottentotten unter dem Schutze Englands leben.
Ein Übelstand war es besonders, der die Fremden so schnell als möglich ihre Besichtigung zu Ende führen ließ, die unerträgliche, mit Zwiebelduft, Ledergeruch und zahllosen anderen Beimischungen erfüllte Luft des rings verschlossenen Raumes; sie atmeten auf, als die Straße wieder vor ihnen lag, und trugen kein Verlangen, noch mehrere dieser schmutzstarrenden Höhlen in Augenschein zu nehmen. Was die Negerwohnungen in Dahomey und am Niger so ungemütlich machte, das war ihre lockere Bauart, welche dem Wind von allen Seiten freien Zutritt gewährte, dennoch aber mußten sie Paläste genannt werden im Vergleich zu diesen schrecklichen Gefängnissen, denen selbst die Grundbedingungen alles Lebens, Luft und Licht, vollständig fehlten. »Da unten aber ist's fürchterlich!« fuhr Holm in seiner Nutzanwendung des Schillerschen Tauchers fort, »Doktor, ich versichere Ihnen feierlich, daß Sie nichts eingebüßt haben.«
Der alte Herr saß immer noch auf dem Abhang an der Quelle, jetzt aber stand vor ihm ein kleiner, pausbackiger Junge von etwa zwölf Jahren, den er eben mit Hilfe eines Dolmetschers ein wenig zu erziehen versucht hatte, von dessen Bekehrung er aber seufzend absah. »Wissen Sie, Freund Holm, was mir dieses Kind antwortet, als ich ihn frage, ob er je von dem lieben Gott gehört? -- Da nickt er und sagt: >Wir haben erst vor ein paar Tagen einen neuen bekommen. Großvater ist gestorben, der Zauberer machte uns für die Hütte eine Schlange aus Thon, und darin wohnt nun Großvaters Geist, zu dem wir beten! --<«
»Schlimme Nachrede für den alten Herrn!« lachte Holm. »Aber alle diese Völkerschaften des Kaplandes glauben, daß die Seelen Verstorbener in Schlangenleibern wohnen, das ist um nichts sinnloser und beleidigender, als wenn z. B. die Chinesen heilige Schweine von ihren Geistlichen umtanzen lassen. -- Jetzt aber zu unseren Pferden, nicht wahr?«
Man brach auf und ging durch den Kraal zurück. Aus Mazembas Hütte sah das gelbe, vertrocknete Antlitz des Eigentümers blinzelnd hervor. »Zwei Stiere will ich geben und sechs Kühe, alle meine Kühe, wenn mir der weiße Zauberer helfen kann!«
Das war halb komisch, halb bedauernswürdig. Holm schüttelte nur stumm den Kopf, gab den begleitenden Kürbisviolinisten ein Geldgeschenk: »Das doppelte hättest du bekommen, wenn du uns mit deiner Fiedelei verschont hättest,« wie er in deutscher Sprache hinzusetzte, und dann ging es fort, der Kafferngrenze entgegen. Schon in einiger Entfernung glich der Kraal einer bewachsenen Erhöhung, von der nichts Zeugnis gab, daß dahinter mehrere Hunderte von Menschen lebten.
Obwohl Unterholz und Bäume überall am Wege Schatten spendeten, fehlte der dichte, engbevölkerte, von lebenden Wesen aller Art wimmelnde Hochwald bis jetzt gänzlich, so daß die Pferde ziemlich schnell vorwärts gelangen konnten und noch vor Abend die Weideplätze der Hottentotten erreichten. Solch ein gelber, halbnackter Hirte, von einer Anzahl magerer, bösartiger Hunde umbellt, behütete nicht selten Rinder- und Schafherden in so großer Anzahl, daß es kaum möglich schien, alle diese Tiere zu überblicken und zu zählen. Demnach mußten sich die Leute auf ihr Hunde verlassen können, da sie meistens in träger Ruhe unter einem Baume lagen oder die landesübliche Kalebasviole spielten. Unsere Reisenden ritten durch dichtgedrängte Scharen friedlicher Wiederkäuer oder besonders großer und schöner Schafe, die auf den Ebenen weideten, -- noch immer war das eigentlich »wilde« Gebiet nicht erreicht. Am Horizont schimmerte indessen bereits ein langgestreckter, dunkler Streif; das war der Wald, und mit ihm kamen die Abenteuer, welche diesmal ernstlicher werden sollten, als sich's die kleine Gesellschaft dachte. Im Schutz einer Felsschlucht wurde das Nachtlager aufgeschlagen und ein mächtiges Feuer entzündet, so daß die nächste Umgebung ziemlich hell beleuchtet war. Als die Stimmen schwiegen und ringsumher tiefe Stille eingetreten, begann sich's in den Zweigen der ziemlich dicht stehenden Bäume zu regen. Kleine Geschöpfe glitten wie Schatten auf und ab, glänzende Augen sahen zum Feuer hinüber. Franz glaubte, plötzlich der Prinz des deutschen Märchens geworden zu sein; er meinte, die Zwerge auf dem Gras sich tummeln zu sehen und hörte ihr leises geisterhaftes Flüstern. -- --
Trugen sie nicht Holz herbei, saßen sie nicht im Kreise um das Feuer, grauröckig, kahlköpfig und nickend, die Brosamen verzehrend wie einst die Bettler der biblischen Überlieferung am Tische des Reichen? -- --
»Karl, Karl, was ist das? -- Habe ich Fieber?«
»Pst, du verscheuchst sie, Junge! Das sind Zwergmakis.«
»Nicht größer wie eine Maus!« raunte Franz, der sich von seinem Erstaunen noch immer nicht erholen konnte. »Ob es unmöglich wäre, einen davon zu fangen, Karl?«
»Das vielleicht nicht, aber wer könnte ein so kleines Wesen fesseln? Diese Art lebt nur in der Freiheit und nur in der heißen Zone. Schade, daß ich keine Vogelflinte besitze, um ein Exemplar zu schießen und auszustopfen. Es bildet in seinen kleinsten Formen den Übergang zum Nagetier, -- auf allen vieren laufend würde es von einer großen Maus kaum zu unterscheiden sein. Aber sieh dorthin, die Gesellschaft mehrt sich.«
Von allen Bäumen kletterten die Halbaffen (Lemuren) herab, um die Überbleibsel der gehaltenen Mahlzeit zu erhaschen. Mit ihren großen schwarzumränderten Augen, dem spitzen Gesicht und dem dichten abstehenden Bart schienen die schlanken Tiere beinahe unheimlich. Die Vereinigung des Affen und der Ratte zu einem geschmeidigen, hübschen und listigen Geschöpfe repräsentierend, sind sie halb Nager halb Affe, doch ohne die Häßlichkeit der letzteren Familie. Alle verstanden es aufrecht zu gehen, die kleinste Art schien sogar dieser Fortbewegungsweise den Vorzug zu geben; winzige, krallenbewaffnete Hände nahmen den Brocken und führten ihn der spitzen Rattenschnauze zu; beide Arme öffneten sich weit, um mit großer Anstrengung das Knöchelchen eines gebratenen Huhnes fortzuschleppen oder irgend einen saftreichen Blumenstengel in das Nest zu tragen.
Endlich nahte auch so ein kleines Lemurenmütterchen mit zwei Jungen, die auf ihrem Nacken hockten, so daß es aussah, als habe die Alte drei Köpfe. Eins der Kleinen war so unruhig, daß es das Äffchen herabnahm und wie ein Kind auf dem Arme trug, indes die andere Hand Cakesbrocken aus dem Moos des Bodens hervorsuchte. Franz glaubte, nie etwas Hübscheres gesehen zu haben; er konnte der Versuchung, die kleine Gesellschaft zu füttern, nicht widerstehen und warf plötzlich eine Hand voll Krumen auf den freien Platz hinaus. Schon in der nächsten Sekunde war alles wie in den Boden hinein verschwunden, selbst die größeren Tiere hatten schleunigst das Weite gesucht. Es konnte aber auch nicht schaden, wenn eine Gattung der anderen Raum gewährte, gerade jetzt sollte sich ja der außergewöhnliche Reichtum an lebenden Wesen, wie ihn das Kapland besitzt, erst einmal zeigen. -- An den Bäumen hing in großer Anzahl das träge, schwerbewegliche Chamäleon mit seinen blitzenden Augen und dem spitzen Rüssel, aus welchem die Zunge hervorhängt, die ruckartig hineingezogen wird, sobald sich eins der Tausende von herumfliegenden Insekten darauf gesetzt hat. Bald grau, bald rot, grünlich oder schwarz schimmernd, je nachdem es jagt oder ruht, triumphiert oder grollt, ist das kleine Tier so leicht zu zähmen, daß es von den Eingebornen zur Vertilgung der Insekten vielfach als Hausbewohner gehalten wird; seine angeborene Trägheit aber verläßt es nie. Fast über den Köpfen der Reisenden wiegten sich die braunen Pelze an den Zweigen; Nachtvögel huschten mit schwerem Flügelschlag vorüber, und vom Thale herauf drang zuweilen das dröhnende Brüllen des Büffels. Franz hatte wenig geschlafen, als am anderen Morgen die Pferde gesattelt wurden. Zu viel Neues, Sehenswertes war an seinen Blicken vorübergegangen; er suchte förmlich hinter jedem Busch oder Strauchwerk die kleinen, geschäftigen Lemuren in ihren grauen Röckchen und den langen Bärten; aber jetzt am hellen Tage hatten sich alle versteckt, die Halbaffen, die Chamäleone, die Eulen und Fledermäuse. Dafür belebten Antilopen den Weg, und ganze Herden von galopierenden Straußen zogen vorüber, einmal auch eine Elefantenschar, die durch das Unterholz brach und alles vor sich zu Boden warf, was ihr die Bahn versperrte. Natürlich hüteten sich die Reisenden, hier einen Angriff zu wagen; das schmetternde Trompeten der alten Männchen, ihre drohend erhobenen Rüssel und überhaupt das ganze Verhalten der kolossalen Geschöpfe flößten zuviel Respekt ein, als daß man bei einer so geringen Anzahl von Schützen den Kampf gegen etwa zehn bis zwanzig dieser Gegner hätte aufnehmen wollen.
Die Herde brauste vorüber, daß der Boden dröhnte, eine breite Spur zerknickter Pflanzen aller Art hinter sich zurücklassend; das Unterholz war zerstampft, Zweige abgerissen, Vögel aufgescheucht und zahllose kleinere Tiere heimatlos gemacht.
Holms Kugel erlegte eine Antilope, die gerade vor den Pferden aufsprang. Zum Mittagessen sollte sie gebraten werden, nach langer Zeit das erste frische Fleisch, welches die Reisenden erhielten: man wollte Gemüse kochen und Beeren pflücken, kurz sich einige recht gemütliche Stunden machen, aber -- der Mensch denkt und Gott lenkt. Es mochte etwa zwölf Uhr sein, als die kleine Karawane ins Thal hinabschritt, um unten am Flußufer zu rasten. Üppiger Grasreichtum entfaltete sich, Früchte jeder Art luden zum Genuß; es war, als dürfte in dem Rahmen so vieler Schönheit, so vieler Schöpfungspracht auch nicht eine einzige Form, eine einzige Farbe fehlen. Am Rande der Lichtung begann dichter Wald, und auch selbst die offene Fläche war stellenweise von Bäumen durchstoßen. Die Pompelmus, eine apfelsinenartige, aber weniger wohlschmeckende Frucht, hing von den Zweigen so reichlich herab, daß die Reiter sie vom Sattel ergreifen und brechen konnten, Datteln und Tamarinden wuchsen über ihren Köpfen, der schöne Lumienbaum mit seinen purpurroten Blüten wiegte sich im Winde, und Kaktuspflanzen aller Arten schmückten die Gegend. Hier befand man sich an der Grenze des Kafferngebietes; es war also einige Vorsicht notwendig, weshalb auch die Führer voranritten und Umschau hielten. Die Weißen folgten langsam nach.
Plötzlich klang aus nächster Nähe Hundegebell, man hörte mehrere Stimmen lebhaft rufen, und ehe sich die kleine Gesellschaft dessen versah, war sie von einer bedeutenden Anzahl gelber Gestalten umschwärmt. Von geringerer Größe als die Hottentotten, noch häßlicher und ganz ohne Kleidung außer einem den Rücken bedeckenden Stück Fell, wilder und roher in ihrer Erscheinung, glichen die Buschmänner einer Schar unterirdischer Gnomen oder Zwerge; sie schrieen alle zugleich, betasteten die Pferde und Kleider unserer Reisenden, verlangten mit ausgestreckten Händen dieses oder jenes, was ihnen besonders ins Auge fiel, und schienen namentlich mit dem ihnen zu teil gewordenen Anblick weißer Menschen noch gänzlich unbekannt.
»Hallo, Führer!« rief Holm, »haben wir da Feinde?«
Und zugleich riß er die Kugelbüchse von der Schulter, um auf den Nächststehenden anzulegen. Die kleine, gelbbraune, häßliche Gestalt blieb unbeweglich, offenbar hatte der Stamm noch nie Feuerwaffen im Besitz gehabt.