Das Naturforscherschiff oder Fahrt der jungen Hamburger mit der "Hammonia" nach den Besitzungen ihres Vaters in der Südsee.

Part 11

Chapter 113,589 wordsPublic domain

Es geschah wie er vorausgesagt. Der Aufruhr der Wogen legte sich, an Deck konnte einige Ordnung wieder hergestellt werden, das Feuer im Maschinenraum erlosch, und das Schiff flog vor dem Wind wie ein Vogel über die geglättete Fläche dahin. Immer noch zuckten Blitze, immer noch ging die See hoch, aber dennoch war alle Gefahr vorüber, und nun versammelte sich die Reisegesellschaft bei hellem Sonnenschein um eine Tasse Kaffee, die zwar stehend getrunken werden mußte, aber trotzdem nach der gehabten Aufregung vortrefflich mundete. »Solche Cyklonen, -- auch Orkane, Taifune oder Hurrikane genannt -- sind Wirbelwinde,« erläuterte der Kapitän. »Ganz dasselbe, was wir alle am Lande so oft gesehen haben, wenn vor einem Gewitter plötzlich die Luftmassen sich um ihre eigene Mitte drehen und irgend einen leichten, zufällig dort befindlichen Gegenstand aufheben oder weitertreiben. Der innerste hohle Raum der Wettersäule ist natürlich windstill, da aber die Bewegung in großer Eile fortschreitet, so ist eben diese Stelle die gefährlichste von allen, weil sich der stärkste Anprall darüber hinwälzt. Ein Schiff im Zentrum des Orkans ist meistens verloren, die Benutzung des äußersten Sturmrandes dagegen jetzt schon an Punkten eines häufigen Vorkommens desselben zu einer Art Verkehrseinrichtung geworden. Wer die Sache praktisch kennt und daneben zu denken versteht, kann auch dem Orkan rechtzeitig aus dem Wege gehen, d. h. seinen äußeren Rand erreichen.«

»Wie Sie soeben gethan, nicht wahr, Herr Kapitän?«

»O weh -- da bin ich unvorsätzlich mit dem Klingelbeutel gegangen. Aber wirklich ist dies nicht der erste Wirbelsturm, den Witt und ich mit einander bekämpfen. -- Hole den Alten herunter, Franz, wir wollen unsere Rettung durch einen guten Trunk feiern; sag auch dem zweiten Steuermann, daß er ein paar Flaschen Sekt herausgibt und den Leuten eine tüchtige Extraration Grog zukommen läßt.«

Der Knabe sprang davon, um seinen Auftrag auszurichten; als aber die Gläser an einander klangen, da wurde doch die allgemeine Stimmung eine sehr ernste. Zwei Matrosen hatte der Sturm in den Wellen begraben, zwei trauernde Familien zuhause in Hamburg waren ihrer Söhne und Brüder beraubt; das trat erst jetzt, nun die Schrecken vorüber, mehr in den Vordergrund und verscheuchte die Heiterkeit. Auch vom Matrosenraum her erklang kein Singen und Lachen, wie es sonst bei Gelegenheit jeder Extraration von der immer gutgelaunten Schar angestimmt wird, der Kapitän hielt eine Ansprache, der noch Doktor Bolten einige ernste Worte beifügte, und dann wurde das sämtliche Eigentum der beiden Ertrunkenen fest versiegelt in die Kajütte gebracht, um mit der rückständigen Heuer an das nächste Hamburgische Konsulat abgeliefert zu werden. An diesem Tage kam keine rechte Unterhaltung mehr in Fluß, auch zum Arbeiten gelangte man nicht. In allen Ecken und Winkeln des Schiffes lagen ja die beweglichen Gegenstände über einander geschichtet; da mußte neu geordnet und aufgeräumt werden; das Verdeck glich einem Schlachtfelde. Die Fleisch- und Wasserfässer waren hinweggespült oder ihres Inhaltes beraubt worden, so daß sich der Kapitän Glück wünschte, mit beschleunigter Fahrt die Insel Fernando Po erreichen zu können.

Fernando Po läßt überall vulkanische Natur erkennen. Schon von weitem sahen die Reisenden den Pik gleichen Namens, welcher prachtvoll bewaldet in der Höhe von 3500 Fuß das Meer überragte; sowohl der Kapitän als auch Holm waren aber der Ansicht, daß ein Ersteigen dieses Berges wie überhaupt ein Aufenthalt von längerer Dauer ganz unmöglich sei. Die fünf Inseln im Guineabusen sind eben die ungesundesten Punkte des tropischen Klimas, weshalb auch Spanien die Insel Fernando Po als Deportationsort braucht. Das große Gefängnis sah wie ein dunkler Punkt aus der heiteren Umgebung hervor, mehrere Kirchen und Kapellen wurden bemerkbar, aber dennoch wohnen fast gar keine Europäer dort, weil die bösartigsten Hautkrankheiten fortwährend herrschen.

Ein Tierleben kennen die Inseln, soweit es Vierfüßler betrifft, fast gar nicht. Nur einige Affen leben auf den Bäumen, Schaltiere am Strande und außerdem verschiedene Vogelarten. Der Spaziergang war daher von keiner Gefahr bedroht, zumal die Eingebornen, die Aniyas, wie sie sich nennen, ein sehr scheuer, friedfertiger und verarmter Menschenschlag sind. Es lebt auf den zerstreuten Inseln nur eine verhältnismäßig sehr geringe Bevölkerung.

Aber schön wie im Paradiese war die Umgebung. Rauschende Wasserfälle stürzten sich über Felszacken herab, prachtvoll blühende tropische Pflanzen aller Art bedeckten die Ufer, und Höhlen und Gänge, tiefe Schluchten und schwindelnde Berghöhen entzückten das Auge. Die Knaben füllten ihre Botanisierkapseln mit den Blüten und Blättern großer Prachtlilien, des Papyrus, der Kommelinen, Datteln und der Killingia, sie sammelten ungestört Moose und Flechten, die duftigsten Kräuter, die verschiedensten Waldbeeren von schönem Purpur oder Hellrosa, -- nur Menschen begegneten ihnen nicht.

»Gibt es denn hier keine Dörfer?« fragte Bolten den finster blickenden spanischen Führer. »Wird kein Feldbau betrieben?«

»Nichts!« war die Antwort. »In diesem Klima arbeitet niemand.«

»Ein trauriges Paradies!« setzte Holm hinzu. »Aber horch, ich glaube, es kommt jemand durch den Wald.«

»Das ist wohl möglich. Die Aniyas streifen überall herum und suchen Beeren.«

Wirklich erschien auch in diesem Augenblick die Gestalt eines Greises, der mit dem Weidenkorb am Arm Schwämme sammelte. Auf einen langen Stab gestützt, bot der Alte einen ebenso seltsamen als bedauernswerten Anblick. Ganz nackt, ohne jegliche Spur von Bekleidung, trug er auf dem Kopf ein korbartiges Gestell aus Weidengeflecht, über welches die grauen Haare nach allen Seiten hin künstlich zusammengedreht waren. Nadeln von Affenknochen, kranzartig gesteckt, hielten den Bau, und Schnüre von kleinen gelben Okerkugeln schlangen sich hindurch. Am Oberarm hatte der Mann ein hölzernes Stäbchen mit mehreren Schnüren befestigt, sonst war nicht einmal zum Schutz der nackten Füße irgend eine Vorrichtung getroffen, außerdem aber auch die Haut des ganzen Körpers mit einer Art Aussatz bedeckt.

Die Jammergestalt wollte schleunigst flüchten, aber auf Holms Wink ersuchte ihn der Führer noch zu bleiben und den Herren zu antworten. »Es soll dir kein Leides geschehen, Graukopf,« setzte er hinzu, »komm und sprich dreist.«

Der Wilde trat näher und bot den Fremden seine Schwämme. »Die Aniyas sind arm,« sagte er, »sie können den Weißen keine Gastfreundschaft darbringen; ihre Wohnungen bestehen aus einem Mooslager in der Felsenspalte und ihre Nahrung aus Waldfrüchten.«

Die wohlduftende Gabe wurde dankbar angenommen und dafür der Korb des Wilden mit Geschenken aller Art angefüllt. Holm fragte den Führer nach dem Grunde dieser auffallenden, fast nirgends mehr gefundenen gänzlichen Nacktheit und erhielt zur Antwort, daß kein Eingeborner von Fernando Po jemals ein Kleidungsstück an sich dulden würde; vielfache Versuche in dieser Richtung seien bereits fehlgeschlagen, dagegen verwende man auf die Herstellung des Kopfschmuckes alle mögliche Sorgfalt. »Die Aniyas sind ein melancholisches Volk,« setzte er hinzu. »Der fortwährenden, hier heimischen Hautkrankheiten wegen glauben sie unter einem Banne zu stehen. Aber der Alte soll selbst erzählen.«

Und dann nach kurzer Rücksprache berichtete der Wilde folgende Thatsachen, die auf Fernando Po wie eine Art geschichtliche Überlieferung sowie eine Glaubenslehre gelten. »Die ersten Menschen lebten gesund und glücklich,« hieß es, »denn sie kannten noch nicht die Wohnung des großen Geistes, sie hatten noch nicht seinen Zorn herausgefordert und das Mißgeschick über ihre Häupter herabgerufen. Schwämme und Beeren, Wurzeln und Früchte boten die Wälder, die See lieferte Fische und Muscheln, die Kinder meines Volkes wußten nichts von Krankheit oder Hunger. Da verleiteten die bösen Mächte, die in den finsteren Erdtiefen wohnen, einstmals einen der Aniya-Jäger, einem voraneilenden Affen über Felsspalten und durch verworrene Schluchten zu folgen, bis endlich ein grauenvolles, nur von zuckenden Blitzen erhelltes Thal sich vor ihm aufthat. Der Affe verschwand plötzlich, der Weg wurde enger und enger, sonderbares, unbekanntes Getier flog und kroch über die Felsspitzen, und aus dem Winkel hervor trat ein Riese von übermenschlicher Größe mit schweren Waffen und einer furchterregenden Stimme. >Was vermissest du dich, mein Reich zu betreten, vorwitziger Mann!< rief er. >Das sollst du mit dem Leben bezahlen.<«

»Der Aniya-Jäger, welcher nicht wußte, daß der große Geist in Gestalt eines Riesen vor ihm stand, bereitete sich zum Kampfe. Im Anfang des Ringens schien es, als ob der Bewohner der Höhle siegen werde, dann aber traf ihn ein Schlag von dem Jagdspeer des anderen und streckte ihn zu Boden. Er sah zu seiner Rettung nur noch einen Ausweg, nämlich den der List. >Ich bin mächtig,< begann er, >viel mächtiger als du glaubst, Mensch, ich kann alle deine Wünsche erfüllen. Wähle dir, was du zu besitzen verlangst, aber laß mich frei!<

»Der Aniya erbat sich nun eine ewige, nie wechselnde Fruchtbarkeit des Bodens, einen heiteren Himmel und schöne Blumen; er wollte Jagdglück erringen und kräftige Muskeln behalten bis in das höchste Alter; -- alles bewilligte ihm der Riese und mußte zuletzt auch den Felsen gebieten, sich zu öffnen und den Fremdling ziehen zu lassen. Sobald aber dieser die unheilvolle Grotte im Rücken hatte, ertönte hinter ihm ein spöttisches Lachen. >Ha, ha, ha, deine Haut hast du vergessen, kurzsichtiger Thor! Fortan soll dich jede Stunde daran erinnern, daß du dem großen Geiste eine Beleidigung zugefügt. Zieh hin, das Kra-Kra wird von deinem Stamm nicht mehr weichen.<«

»Und so geschah es,« schloß der Alte. »Mein Volk ist bis auf diesen Tag nicht wieder erlöst von dem Zorn des großen Geistes. Das Kra-Kra überfällt jedes seiner Kinder.«

Der Führer hatte Wort für Wort diese ganze Rede übersetzt; er schüttelte den Kopf, als Doktor Bolten entrüstet einer solchen Auffassung von dem Wesen des großen Geistes entgegentreten wollte. »Das nützt nichts, meine Herren,« versicherte er, »sie glauben es alle, Männer und Frauen, wie sie denn auch alle an der schlimmen Hautkrankheit zu leiden haben. Dieser hier plagt sich augenscheinlich daneben auch noch mit dem berüchtigten Guineawurm. Sehen Sie, er haspelt ihn aus der Haut heraus.«

Der Wilde zeigte seinen Oberarm, an dem unter einer Schicht von gequetschten Blättern, da wo das Holz lag, ein kleines Geschwür zu Tage trat. Ein rot schillernder Faden, dünn wie Zwirn, war zum Teil um das Stäbchen gewickelt, zum Teil aber mußte er noch im Fleische stecken. »Der Guineawurm,« erläuterte der Führer. »Er kommt nur an der Goldküste und hier vor, also an den ungesundesten Stellen, und erregt da, wo er sich Eingang verschaffte, ein bösartiges Geschwür. Als unsichtbar kleine Milbe auf die Haut gelangt, wächst das schreckliche Tier im Fleische bis zur Länge von vier Metern, und zwar wie alle mit der Polypenfamilie verwandten Geschöpfe, indem es, etwa zerrissen oder durch äußere Gewalt halb von seinem Platze entfernt, trotzdem sich ergänzt und ungestört fortlebt. Welche Schmerzen es erregt, das läßt sich denken.«

»Und mit diesem Holze wickelt es der Mann heraus?« fragte Franz schaudernd.

»Ja, das heißt, sehr langsam, vielleicht kaum einen Zentimeter lang an jedem Tage. Es fordert Monate, bis der ganze Wurm beseitigt ist.«

Mehrere andere Eingeborne waren während dieser Unterhaltung herbeigekommen, alle mit Körben zum Schwämme- oder Beerensuchen, alle mit dem seltsamen Kopfputz und ohne Kleidungsstücke. Die Reisenden sahen keinen einzigen, der nicht hier oder da Spuren des Kra-Kra gezeigt hätte.

»Laßt uns Abschied nehmen,« ermahnte Holm. »Das ist ein unerquicklicher Aufenthalt.«

Die Wilden wurden reichlich beschenkt, einige ihrer Knochennadeln und Ockerkugeln wanderten für das Museum zuhause in Hamburg in Holms Botanisierkapsel, und dann war der Aufenthalt in diesem kleinen Paradiese, das doch so viel Elend und tiefste menschliche Unwissenheit barg, zu Ende. Alle freuten sich, als sie die Planken des Schiffes wieder unter ihren Füßen fühlten, ja Holm beantragte sogar, den Besuch der Prinzeninsel ganz zu unterlassen, namentlich da der Kapitän erklärte, daß diese außer einer noch reichhaltigeren und blendenderen Schönheit ebenso wie Fernando Po kein weiteres Interesse darzubieten habe. Bei den Hottentotten im Kaplande war jedenfalls mehr Aussicht auf Abenteuer. Der Dampfer änderte also, nachdem Fleisch und Wasser eingenommen waren, seinen Kurs und steuerte der Südspitze von Afrika, der Kapstadt zu. Unterwegs wurde ein Hai gefangen, was natürlich den Knaben besonderes Vergnügen gewährte. Das Raubtier mit seinem kleinen Adjutanten umschwamm während eines ganzen Vormittags beharrlich das Schiff, zuweilen verschwindend, zuweilen plötzlich fast aus dem Wasser hervorragend, bis endlich auf vieles Bitten der beiden Brüder der sogenannte Haihaken ausgeworfen wurde. Ein tüchtiges Stück Speck saß daran; die Kette, womit er, durch mehrere Blöcke gegen einen unerwarteten Ruck gesichert, am Mast befestigt worden, konnte man zuverlässig nennen. Die Fahrt des Dampfers ist auf halbe Kraft gesetzt, der Speck schwimmt verlockend und appetitlich durch das blaue Wasser, -- jetzt nur noch ein schneller Sprung, Meister Hai, und dann hat dich dein Geschick ereilt!

Der alte Witt brachte eine Handspeiche von solidem Aussehen, schon mehr eine kleine Keule; selbst die an solche Jagd gewöhnten Matrosen und Doktor Bolten sahen voll gespannter Erwartung über Bord; der Koch setzte sich eine flache Schüssel und ein großes Messer zurecht; Holm rieb die Hände in der Hoffnung auf den Riesenkopf, welchen er bereits gehörig abgekocht als weißes, sauberes Knochenpräparat vor sich stehen sah. »Auch den Magen muß ich selbst öffnen, Kapitän,« rief er lebhaft, »das bedinge ich mir. Vielleicht sind Würmer und Schnecken darin, die man sonst nirgends zu erlangen vermag.«

»Aber die Nürnberger hängen keinen, Doktor! es sei denn, sie hätten ihn zuvor.«

»Wir werden ihn schon kriegen.«

Das schien indessen doch nicht so gewiß. Der Haifisch schnupperte, aber er biß nicht; zuweilen kümmerte er sich gar nicht um den Köder, und schon machte Franz den Vorschlag, den Räuber, wenn man ihn denn durchaus nicht fangen könne, wenigstens zu erschießen, da trat der alte Witt an die Kette und hob langsam den Speck aus dem Wasser. Das Mittel half über Erwarten. Als Meister Hai die Beute verschwinden sah, griff er hastig zu und schoß dann so urplötzlich auf den Grund, daß das Schiff in allen seinen Fugen zitterte. Ein lautes Hurra der Mannschaft begleitete das Stoßen des letzten Kettengliedes, jetzt hatte man ja den Erzfeind gefangen.

Rüstige Arme hängten sich an die Kette, im Wasser entstand ein Toben und Wogen, daß der Schaum hoch über das Verdeck dahinspritzte; dann zeigte sich der Kopf mit den raublustigen Augen, der Körper folgte nach, und wütende Schwanzschläge peitschten das Verdeck. »Aus dem Wege!« rief ängstlich Doktor Bolten, »aus dem Wege!«

Er zog mit beiden Händen seine Schüler von der gefährdeten Stelle hinweg, zumal jetzt, als zwei Matrosen den Mast erkletterten, um die vorerwähnte Speiche aus allen Kräften dem Ungeheuer in den Rachen zu stoßen. Das half, die heftigen Schläge hörten auf, und sehr bald lag der Fisch tot an Deck, um in hundert Stücke zerlegt zu werden. Holm schnitt den Kopf herunter; er brannte vor Begier, das große, kräftige Exemplar gut präpariert nach Hamburg zu bringen, der Koch bemächtigte sich des Rückenfleisches, und die Matrosen zogen die Haut ab; dann aber wurde der Magen geöffnet und darin verschiedene Schnecken und sogar Krebse gefunden, die der Nimmersatt erst ganz kürzlich verschlungen haben mochte. Alles übrige warf man ins Meer zurück. Am folgenden Tage erschien dann das Hai-Steak auf der Tafel, fand aber nur äußerst wenig Beifall, da es sehr zähe war und etwas nach Thran schmeckte. Für den herrlich abgekochten Kopf erhielt der Koch desto mehr Lobsprüche; auch kein Zahn von allen diesen hintereinander stehenden Reihen war ausgefallen, ja sogar die Gelenkigkeit des zweiten Gliedes, das in die etwa entstehenden Lücken des ersten sogleich einen Ersatzzahn hineinschiebt, war bestens erhalten, der ungeheure Rachen mußte eine Zierde des Museums werden; er sollte schon mit dem ersten Postdampfer von der Kapstadt aus die Reise nach Europa antreten; deshalb verpackte ihn Holm eigenhändig in eine Kiste, die der Zimmermann genau nach Maß angefertigt hatte, und die man in der Kajütte verwahrte.

Das war schon die zweite Sendung nach Hause! Papa sollte sehen, wie ernst es seine Söhne nahmen mit dem naturwissenschaftlichen Zweck dieser Reise.

Ungefährdet erreichte das Schiff die Kapstadt. Nachdem ein Tag verwendet, um die schöne, reiche Stadt mit ihren sehenswerten Umgebungen, namentlich den Tafelberg in Augenschein zu nehmen, nachdem verschiedene Geschenke für die Hottentottenhäuptlinge gekauft und Führer und Pferde gemietet waren, begann aufs neue die fröhliche Wanderung ins Innere. Der Dampfer nahm Ladung für Port Louis auf Mauritius, hauptsächlich Wein und Wolle, daher blieb Zeit genug, um auch hier in dem viel gesunderen Klima durch die Wälder zu streifen und Land und Leute kennen zu lernen.

Die ersten Tagreisen hinter der Kapstadt bringen keine Begegnung mit Raubtieren, dafür ist die Kultur schon zu weit vorgeschritten und das Wild durch stete Verfolgung in die Wälder zurückgetrieben. Unsere Reisenden sahen hübsche Dörfer, Landsitze und Meiereien, überall den blühendsten Wohlstand und das beste Gedeihen, aber nirgends ein größeres Tier, nirgends Hottentotten im Naturzustande und vor allen Dingen nicht die Schönheit der Landschaft, welche sie an der Westküste und auf Fernando Po bewundert hatten. Es kamen lange reizlose Strecken voll Buschwerk und Sand, dann wieder niederer, dünngesäeter Wald oder endlose, langweilige Grasflächen, nur verschönert durch blühende Pelargonien (Geranium) in allen Farben und in einer bei uns in Deutschland ungeahnten Größe der Blume; an den wenigen Flüssen, welche sie antrafen, wuchs der Oleander, und üppig blühte auf jedem Schritt der Heidestrauch, bald am Boden hinkriechend, bald mannshoch und zuweilen als stattliches Bäumchen. Das Kapland hat einen so unendlichen Pflanzenreichtum und so viele Erscheinungen auf diesem Gebiet ganz für sich allein, daß es unmöglich wäre, sie alle aufzählen. Holm teilte mit, daß allein fünfhundert Arten von Heiden und dreihundert von Geranien schon in europäischen Gewächshäusern bekannt seien, ja daß zuweilen durch eine seltsame Laune der Natur irgend eine Pflanze in einer einzigen Schlucht hier vorkomme und außerdem nirgends in der ganzen weiten Welt wieder gefunden werde.

Auch die Aloe mit ihrer märchenhaften Blüte fand sich zahlreich vor, und jetzt begann schon das Leben der freien Tierwelt. In ganzen Herden zeigten sich die großen Kuduantilopen, die Zebras und Quaggas, die Springhasen und Sandgräber, aber kein Raubtier kreuzte den Weg, bis endlich die erste Nacht im Freien verbracht wurde und lüsterne Hyänenaugen von fernher durch die Büsche schimmerten. Die feigen, hundeähnlichen Geschöpfe wagten sich aber nicht heran, weil während der ganzen Nacht ein tüchtiges Feuer unterhalten wurde. Es war hier des Nachts kalt genug, um Feuer und Wolldecke gern anzunehmen; die Reisenden freuten sich, als der Sonnenaufgang den Weitermarsch möglich machte, namentlich da die Führer versicherten, daß jetzt ein Hottentottenkraal binnen wenigen Stunden zu erreichen sei.

»Hat dieser Stamm einen König?« fragte Franz.

»Gewiß. Mazemba bewohnt die größte Hütte im Kraal und hat die meisten Frauen; aber er ist alt, seine Krankheit erlaubt ihm nicht mehr, Rinder zu hüten oder auf die Jagd zu gehen.«

»Was betreibt er denn jetzt?« forschte der junge Hamburger begierig, von dem rinderhütenden Fürsten mehr zu hören. »Hat König Mazemba Kinder?«

Der Führer, selbst ein Sohn des gelben Volkes, nickte. »Die Quaquas (so nennen sich die Hottentotten) bleiben, wenn sie Männer geworden sind, selten mehr in den Kraalen ihrer Väter,« antwortete er, »sie suchen die Dienstbarkeit der Weißen und werden auch oft selbst Landwirte. Es gibt in der Umgegend der Kapstadt manchen Gelben, der seine eigene Schafzucht oder Käserei besitzt und um keinen Preis zu den Verwandten in die Wälder zurückkehren würde.«

»Was ich ihm durchaus nicht verübeln kann!« schaltete Holm ein, wobei er sich jedoch, um niemandes Gefühle zu verletzen, der deutschen Sprache bediente. »Schau hin, Franz, mein Söhnchen, das Ding da ist der Kraal, Seiner Majestät Mazembas des Wassersüchtigen Allerhöchste Residenz, oder ich will bis an das Ende aller Tage Afrikareisender bleiben.«

»Ein furchtbares Los!« konnte sich Doktor Bolten nicht enthalten auszurufen.

Franz lachte. »Karl, weshalb glaubst du, daß dieser Fürst notwendig an der Wassersucht leiden müsse,« fragte er. »Da vor uns haben wir ja einen nackten, langgestreckten Erdhaufen.«

»Aber dahinter liegt dennoch Mazembas Palast; glaub mir's, mein Junge. Und die Wassersucht hat der Monarch auch, entsetzlich geschwollene Füße und Schmerzen in allen Gelenken, das ist das Los fast eines jeden der Häuptlinge, die ihr Leben faulenzend und liegend in den feuchten, beinahe unterirdischen Höhlen verbringen und nicht selten so träge sind, daß sie sich von ihren Weibern buchstäblich füttern lassen. Da gibt es für solch einen Schmutzmenschen keine geistige oder körperliche Thätigkeit, er schläft und ißt, prügelt seine Umgebung und schläft wieder, bis endlich ein frühes Erkranken und Altern das nutzlose Dasein abschließt. Das wirst du noch häufig, namentlich auf den Südseeinseln bemerken, wo fast alle alten Leute an der Elefantiasis, d. h. furchtbar geschwollenen Beinen und Füßen, leiden.«

Der Führer streckte jetzt den Arm aus. »Das ist Mazembas Kraal,« rief er, auf eine überhängende, spärlich mit Moos bewachsene Berglehne zeigend, »hier bin ich geboren, aber Vater und Mutter leben mit mir in der Stadt. Es ist doch traurig, so zwischen den Felsen zu hausen, obgleich dieser Kraal ein sehr reicher ist, er besitzt sogar eine Quelle.«

»Dessen kann sich hier also nicht jeder Haushalt rühmen, Freund Quaqua?«

»Ganz gewiß nicht. Viele Stämme müssen mit dem, was der Regen spendet, und mit den reichlich wachsenden Wassermelonen fürlieb nehmen. Außer dem Bedarf zum Reinigen des Kochtopfes brauchen freilich meine Stammesgenossen auch kein Wasser, denn die Kühe und Schafe treiben sie auf entfernte Weiden, wo sich Trinkplätze vorfinden.«

»Ach! -- der echte Quaqua wäscht also seinen Körper niemals?«

»Nicht mit Wasser, Herr, er reibt ihn mit Fett.«

»Was diese Nachbarschaft für die Nasen der Kulturvölker äußerst unangenehm macht,« sagte trocken der Gelehrte. »Aha, da zeigt sich Jung-Hottentottentum in schönster Naturwahrheit.«

Ein halbes Dutzend spielender, durchaus unbekleideter Kinder lief beim Erblicken der Fremden laut schreiend zum Eingang des Kraales zurück; bald darauf zeigten sich gelbe Gesichter, mehrere Frauen kamen herbei, und selbst Männer erschienen mit ausgestreckten Händen, um von den Weißen etwas Tabak zu erbetteln. Nirgends gewahrte man indessen jenes Erstaunen, das verwunderte Aufhorchen, welches die Neger ergriffen hatte, wohin die Reisenden bis jetzt kamen; es trat vielmehr deutlich zu Tage, daß diese Leute den Besuch weißer Fremdlinge schon oft empfangen, ja daß manche unter ihnen selbst in der Kapstadt gewesen sein mochten und das Leben außerhalb ihres Kraales sehr wohl kannten.

»Dort liegt Mazembas Hütte,« berichtete der Führer. »Gehen Sie ohne Besorgnis durch die Dorfstraße, meine Herren, die Quaquas sind keine Verräter, es wird ihnen nichts Böses geschehen.«

Doktor Bolten klopfte ihm auf die Schulter. »Hübsch von dir, daß du dein Volk verteidigst, mein Sohn,« sagte er. »Geh also und melde uns dem Fürsten.«