Das Mädchen von Treppi

Chapter 3

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Endlich fing er von selbst zu sprechen an, und sie gab unbefangen verständige Antworten. Nur daß ihre Stimme, die sonst nicht so hart und dumpf war, wie den Weibern im Gebirg eigen zu sein pflegt, heute eintönig und bei den gleichgültigsten Dingen am traurigsten klang. Diese Wege, die sie jetzt gingen, waren in den letzten Jahren vielfach von politischen Flüchtlingen betreten worden, von denen die meisten gewiß in Treppi gerastet hatten. Filippo fragte das Mädchen nach diesem und jenem seiner Bekannten, die er beschrieb; aber sie entsann sich ihrer selten, obwohl sie wußte, daß die Contrabbandieri viele Fremde in ihrem Hause hatten übernachten lassen. Nur auf einen besann sie sich nur zu klar. Bei der Beschreibung stieg ihr das Blut ins Gesicht und sie blieb stehn. "Der ist schlecht!" sagte sie finster. "Ich habe die Knechte in der Nacht wecken und ihm das Haus verschließen müssen."

Unter diesen Gesprächen merkte der Advokat nicht, wie die Sonne stieg und noch immer kein Blick in die toskanische Flur sich auftat. Auch dachte er mit keinem Gedanken an das bevorstehende Ende dieses Tages. Es war so erquickend, funfzig Schritt über dem Gießbach auf dem ganz überbuschten Wege hinzugehn, zuweilen den Staub des Sturzes heraufwehen zu fühlen, die Eidechsen über die Steine schlüpfen und die behenden Schmetterlinge den verstohlenen Sonnenlichtern nachjagen zu sehn, daß er nicht einmal inne wurde, wie sie dem Bach entgegenwanderten, und noch immer nicht westlich einlenkten. Es war eine Magie in der Stimme seiner Begleiterin, die ihn alles vergessen machte, was gestern in Gesellschaft der Contrabbandieri ihn unaufhörlich beschäftigt hatte. Als sie nun aber aus der Schlucht heraustreten und jetzt ein unabsehbares wildfremdes Bergland mit neuen Höhen und Klüften wüst und versengt vor ihnen lag, erwachte er auf einmal aus dem Zauberschlaf, blieb stehen und blickte gen Himmel. Er erkannte klar, daß sie in der völlig entgegengesetzten Richtung gewandert und wohl zwei Stunden von seinem Ziele ferner waren, als da sie ausgingen.

"Halt!" sagte Filippo. "Ich sehe es noch beizeiten, daß du mich dennoch betrügst. Ist das der Weg nach Pistoja, du Heimtückische?"

"Nein", sagte sie furchtlos, aber den Blick zu Boden gesenkt.

"Nun denn, bei allen Mächten der Hölle, so können die Teufel bei dir in die Schule gehn und Heucheln von dir lernen. Fluch über meine Verblendung!"

"Man kann alles, man ist mächtiger als Teufel und Engel, wenn man liebt", sagte sie mit tiefem, traurigem Ton.

"Nein!" schrie er in hellem Jähzorn, "noch frohlocke nicht, Übermütige, noch nicht! den Willen eines Mannes kann das nicht brechen, was eine verrückte Dirne Liebe nennt. Kehre um mit mir, auf der Stelle und weise mir die kürzesten Wege--oder ich erdroßle dich mit diesen Händen, --du Törin, die nicht einsieht, daß ich die hassen muß, die mich vor der Welt zu einem Nichtswürdigen machen will."

Er trat mit geballten Fäusten dicht vor sie hin, er kannte sich nicht mehr. "Erwürge mich nur!" sprach sie mit zitternder, lauter Stimme, "tu's nur, Filippo. Aber wenn du es getan hast, wirst du dich über meinen Leichnam werfen und Blut aus deinen Augen weinen, daß du mich nicht wieder lebendig machen kannst. Dein Lager wird hier neben mir sein, mit den Geiern wirst du kämpfen, die mich zerfleischen wollen, die Sonne des Tags wird dich dörren, der Tau der Nacht dich feuchten, bis du hinfällst gleich mir--denn von mir lassen kannst du nun nicht mehr. Meinst du, das arme, törichte Ding, das auf den Bergen aufgewachsen ist, werde sieben Jahre wegwerfen wie einen Tag? Ich weiß, was sie mich gekostet haben, wie teuer sie waren, und daß ich einen ehrlichen Preis zahle, wenn ich dich mit ihnen kaufen will. Dich in den Tod lassen? Es wäre zum Lachen. Wende dich nur weg von mir, du wirst es schon innewerden, daß ich dich zu mir zurückzwinge auf ewig. Denn in den Wein, den du heute getrunken, war ein Liebeszauber gemischt, dem noch kein Mensch unter der Sonne widerstanden hat!"

Sie sah königlich aus, als sie diese Worte rief, den Arm nach ihm ausgestreckt, als hielte ihre Hand ein Szepter über einem, der ihr verfallen sei. Er aber lachte trotzig auf und rief: "Dein Liebeszauber leistet dir schlechte Dienste, denn ich habe dich nie mehr gehaßt, als in diesem Augenblick. Aber ich bin ein Narr, eine Närrin zu hassen. Möge es dich, wie von dem Wahn, so auch von der Liebe heilen, wenn du mich nicht wieder siehst. Ich brauche deine Führung nicht. Ich sehe da drüben am Abhang eine Hirtenhütte und die Herde umher. Ein Feuer blinkt herauf. Man wird mich dort wohl zurechtweisen. Lebe wohl, arme Schlange, lebe wohl!"

Sie antwortete nichts, als er ging, und setzte sich ruhig in den Schatten eines Felsens neben der Schlucht, in das dunkle Grün der Tannen, die unten am Bach wurzelten, ihre großen Augen versenkend.

Er war noch nicht lange von ihr gegangen, als er sich pfadlos zwischen Klippen und Gebüsch befand; denn wie sehr er sich's verleugnen mochte, hatten doch die Worte des wunderbaren Mädchens eine beunruhigende Wirkung auf sein Herz ausgeübt, die all seine Gedanken nach innen kehrte. Indessen sah er gegenüber auf der Matte noch immer das Hirtenfeuer und arbeitete sich rüstig durch, damit er nur erst die Tiefe erreichte. Er rechnete nach dem Stande der Sonne, daß es gegen die zehnte Stunde sein mußte. Wie er aber die Bergsteile hinabgeklettert war, fand er unten einen sonnenlosen Weg und bald auch einen Steg über einen neuen Wildbach, der auf der andern Seite hinaufzuführen und endlich an der Matte auszumünden versprach. Er verfolgte ihn, und der Weg lief anfangs steil hinan, dann aber in großer Windung eben am Berge hin. Er sah wohl, daß er ihn nicht zunächst zu seinem Ziele bringen würde; aber in geraderer Richtung hingen unüberwindlich jähe Felsstücke vor, und wollte er nicht zurück, mußte er sich schon seinem Wege vertrauen. Nun schritt er rasch und anfangs wie aus Banden erlöst dahin, und spähte zuweilen nach der Hütte aus, die sich immer noch zurückzog. Nach und nach, wie sein Blut gelinder floß, fielen ihm alle Einzelheiten des eben erlebten Auftrittes wieder ein. Das schöne Mädchenbild sah er leibhaftig vor sich, und nicht wie zuvor durch den Nebel seines Jähzorns. Er konnte sich eines tiefen Mitleidens nicht erwehren. "Nun sitzt sie droben", sagte er vor sich hin, "die arme Irre, und baut auf ihre Zauberkünste. Darum also verließ sie in Nacht und Mondschein gestern die Hütte, um wer weiß welch ein harmloses Kraut zu pflücken. Jawohl; wiesen mir nicht auch meine braven Contrabbandieri die sonderbaren weißen Blüten zwischen den Felsen und sagten, das sei mächtig für Gegenliebe? Unschuldiges Gewächs, was sie dir nachsagen!--Und darum zerschellte sie den Krug, und darum war mir der Wein so bitter auf der Zunge. Wird doch das Kindische je älter desto stärker und ehrwürdiger.--Wie eine Sibylle stand sie vor mir, so wahrheitsgewiß, wie schwerlich jene römische, die ihre Bücher ins Feuer warf. Armes Weiberherz, wie schön und elend macht dich dein Wahn!"

Je weiter er ging, um so stärker fühlte er die rührende Herrlichkeit ihrer Liebe und die Gewalt ihrer Schönheit, die ihm die Trennung nur noch verklärte. "Ich hätte es sie nicht entgelten lassen sollen, daß sie mich im besten Glauben, mich zu retten, von meinen unabwendbaren Pflichten losmachen will. Ich hätte ihr die Hand geben sollen und sagen: Ich habe dich lieb, Fenice, und wenn ich leben bleibe, komme ich zu dir zurück und hole dich heim. Wie blind war ich, daß mir diese Auskunft nicht einfiel! eine Schande für den Advokaten! Ich hätte mit Küssen wie ein Bräutigam Abschied nehmen sollen, so hätte sie kein Arg gehabt, daß ich sie täuschte. Statt dessen hab ich gerade durch gewollt mit dem Trotzkopf und alles verschlimmert."

Nun vertiefte er sich in das Bild eines solchen Abschiedes und meinte ihren Atem zu fühlen und den Druck der frischen Lippen auf den seinen. Es war ihm, als höre er seinen Namen rufen. "Fenice!" antwortete er inbrünstig und stand mit heftig klopfendem Herzen still. Der Bach rauschte unter ihm, die Zweige der Tannen hingen ohne Bewegung, weit und breit schattige Wildnis.

Schon war ihm der Name wieder auf den Lippen, als ihm noch zur rechten Zeit die Scham den Mund versiegelte. Scham und ein Grauen zugleich. Er schlug sich vor die Stirn. "Ist es schon so weit mit mir, daß ich im Wachen von ihr träume?" rief er. "Soll sie recht behalten, daß diesem Zauber kein Mensch unter der Sonne widerstehen kann? So wäre ich nichts Besseres, als sie aus mir zu machen gedachte, wert, ein Weiberknecht zu heißen mein Leben lang. Nein, in die Hölle mit dir, schöne betrogene Teufelin!"

Er hatte für den Augenblick seine Fassung wieder, aber er sah nun auch, daß er von dem Wege völlig in der Irre herumgeführt war. Zurück konnte er nicht, wenn er der Gefahr nicht in die Arme laufen wollte. So beschloß er, jetzt um jeden Preis wieder eine Höhe zu erreichen, von der er sich nach der verlornen Hirtenstelle umschauen könnte. Das eine Ufer des tief unten rauschenden Bachs, an dem er ging, war allzu jäh. Also schlang er den Mantel über den Nacken, wählte eine sichere Stelle und war mit einem Sprung an der andern Seite der Kluft, deren Wände hier dicht zusammentraten. Mit besserem Mut erklomm er den Abhang drüben, und erreichte bald die Sonne.

Sie sengte schwer sein Haupt, und die Zunge lechzte ihm, als er sich mit großer Anstrengung emporarbeitete. Jetzt überfiel ihn auf einmal die Angst, daß er dennoch mit allen Mühen das Ziel nicht mehr erreichen möchte. Das Blut stieg ihm mehr und mehr zu Kopf, er schalt auf den Teufelswein, den er am Morgen hinuntergestürzt, und wieder mußte er an die weißen Blüten denken, die man ihm gestern unterwegs gezeigt. Hier wuchsen sie wieder--ihm schauderte die Haut. Wenn es doch wahr wäre, dachte er, wenn es Kräfte gäbe, die unser Herz und unsre Sinne bemeistern und einen Manneswillen unter die Laune eines Mädchens beugen könnten--lieber das Äußerste als diesen Schimpf! lieber Tod als Knechtschaft! Aber nein, nein, nur den bezwingt die Lüge, der an sie glaubt. Sei ein Mann, Filippo, vorwärts, da ist die Höhe vor dir; noch eine kurze Frist--und dies maledeite Gebirge mit seinem Spuk liegt für immer hinter dir!

Und dennoch konnte er das Fieber in seinem Blut nicht besänftigen. Jeder Stein, jede schlüpfrige Stelle, jeder vor ihm hängende starre Tannenzweig war ihm ein Widerstand, den er mit unverhältnismäßigem Aufbieten des Willens gewaltsam besiegte. Als er endlich oben, sich an den letzten Büschen haltend, ankam und mit einem Schwung die Höhe gewann, konnte er erst nicht um sich sehen, so war ihm das Blut in die Augen geschossen, und so plötzlich blendete ihn die Sonne von den gelben Felsen ringsum. Wütend rieb er sich die Stirn und fuhr sich durch das verworrene Haar, den Hut lüftend. Da aber hörte er wahrlich wieder seinen Namen und starrte entsetzt nach der Stelle, von wo man rief. Und wenige Schritte ihm gegenüber, am Felsen, wie er sie verlassen, saß Fenice und sah ihn mit stillen, glücklichen Augen an.

"Kommst du endlich, Filippo!" sagte sie innig. "Ich habe dich schon früher erwartet."

"Gespenst der Hölle", schrie er außer sich, während Grausen und alle Leidenschaften der Sehnsucht sich in ihm bekämpften, "höhnst du mich noch, da ich mit Qualen in der Irre laufe und die Sonne mir alles Hirn schmilzt? Triumphierst du, daß ich dich noch einmal sehen muß, um dich noch einmal zu verfluchen? Wenn ich dich gefunden habe, beim allmächtigen Gott, so hab ich dich doch nicht gesucht, und du sollst mich dennoch verlieren."

Sie schüttelte seltsam lächelnd den Kopf. "Es zieht dich ohne daß du's weißt", sagte sie. "Du fändest mich, wenn alle Berge der Welt zwischen uns wären, denn ich mischte sieben Tropfen von dem Herzblut des Hundes in deinen Wein. Armer Fuoco! Er liebte mich und haßte dich. So wirst du den Filippo hassen, der du früher warst, als du mich verstießest, und nur ruhig sein in dir, wenn du mich liebst. Filippo, siehst du nun, daß ich endlich dich erobert habe? Komm, nun will ich dir wieder die Wege zeigen, nach Genua zu, mein Geliebter, mein Mann, mein Holder!"

Damit stand sie auf und wollte mit beiden Armen ihn umfangen, als sie plötzlich vor seinem Gesicht erschrak. Er war wie mit einem Schlage totenblaß geworden, nur das Weiße in seinen Augen rot, seine Lippen bewegten sich lautlos, der Hut war vom Haupt gefallen, mit den Händen wehrte er heftig jede Annäherung ab.

"Ein Hund! ein Hund!" waren die ersten mühsam vorbrechenden Worte. "Nein, nein, nein! du sollst nicht siegen--Dämon! Besser ein toter Mann, als ein lebendiger Hund!"--Darauf erscholl ein furchtbares Lachen von seinen Lippen, und langsam, wie wenn er sich gewaltsam jeden Schritt erkämpfte, die Augen stier auf das Mädchen geheftet, wich er taumelnd zurück und stürzte rücklings in die Schlucht hinab, die er eben verlassen hatte.-Vor ihren Augen wurde es Nacht, mit beiden Händen fuhr sie sich ans Herz und stieß einen Schrei aus, der wie ein Falkenschrei über die Schlucht klang, als sie die hohe Gestalt hinter dem Rande des Felsens verschwinden sah. Ein paar wankende Schritte tat sie, dann stand sie fest und aufrecht, immer die Hände gegen das Herz gepreßt. "Madonna!", sagte sie, ohne etwas zu denken. Immer vor sich niedersehend, näherte sie sich jetzt rasch der Schlucht und begann die steinige Wand zwischen den Tannen hinabzuklimmen. Worte ohne Sinn murmelten ihre heftig atmenden Lippen, mit der einen Hand hielt sie das Herz fest, mit der andern half sie sich an den Steinen und Zweigen hinab. So kam sie bis an die Wurzeln der Tannen--da lag er. Er hatte die Augen geschlossen, Stirn und Haar von Blut überströmt, den Rücken wider einen Stamm gelehnt. Der Rock war zerrissen und das rechte Bein schien auch verwundet. Ob er lebe, konnte sie nicht unterscheiden. Sie lud ihn auf ihre beiden Arme, da empfand sie, daß er sich noch regte. Der Mantel, den er über den Schultern dicht gefaltet trug, schien die Gewalt des Falles gebrochen zu haben. "Gelobt sei Jesus!" sagte sie aufatmend. Es war, als wüchsen ihr Riesenkräfte, wie sie, den hülflosen Mann an ihrer Brust, die Steile wieder hinaufzuklimmen begann. Es dauerte lange, viermal legte sie ihn nieder zwischen Moos und Felsen, noch immer schlief das Leben in ihm.

Als sie endlich auf der Höhe war mit ihrer unseligen Last, brach sie selber in die Kniee und lag einen Moment in völliger Vergessenheit und Ohnmacht. Dann stand sie auf und entfernte sich nach der Richtung, in der die Hütte des Hirten lag. Als sie hinlänglich nahe war, ließ sie einen gellenden Ruf über die Weite des Tals erschallen. Das Echo antwortete zuerst, bald eine Menschenstimme. Sie rief zum zweiten Mal und wandte sich dann, ohne die Antwort abzuwarten. Als sie wieder bei dem leblosen Mann anlangte, stöhnte sie heftig auf und trug ihn dann in den Schatten des Felsens, wo sie selbst vorher gesessen und ihn erwartet hatte.

Dort fand er sich noch, als ihm das Bewußtsein schwach zurückkehrte und er die Augen zuerst wieder aufschlug. Er sah zwei Hirten neben sich, einen Alten und einen Burschen von siebzehn Jahren. Sie sprengten ihm Wasser ins Gesicht und rieben ihm die Schläfe. Sein Kopf ruhte weich, er wußte nicht, daß er auf dem Schoß des Mädchens lag.

Er schien sie überhaupt ganz vergessen zu haben. Er tat einen Atemzug, der ihn bis in die Fußspitzen erschütterte und schloß dann wieder die Augen. Endlich bat er mit stockender Stimme: "Einer von euch, brave Leute, möge hinuntergehen--rasch, nach Pistoja. Man wartet auf mich. Gottes Barmherzigkeit lohne es dem, der dem Wirt zur Fortuna sagt--wie es um mich steht. Ich heiße--" da schwanden ihm wieder Stimme und Bewußtsein.

"Ich werde gehen", sagte das Mädchen, "ihr tragt den Herrn indessen nach Treppi und legt ihn in das Bett, das die Nina euch zeigen wird. Sie soll die Chiaruccia rufen, die Alte, und den Herrn von ihr heilen und verbinden lassen. Hebt ihn auf, du an den Schultern, Tommaso, du, Bippo, an den Beinen. Wenn ihr bergan geht, mußt du voran, Tommaso. So, hebt ihn! Sanft, sanft! Und halt--das taucht ihr in Wasser und legt es auf seine Stirn, und netzt es wieder an jeder Quelle. Habt ihr verstanden?"

Sie riß ein großes Stück von ihrem leinenen Kopftuch herunter, tauchte es ein und wand es um die blutigen Haare Filippos. Dann ward er aufgehoben, die Männer trugen ihn nach Treppi zu, und das Mädchen, nachdem es ihnen mit völlig erloschenen Blicken nachgesehen, schürzte sich hastig und stieg auf rauhen Pfaden das Gebirg hinab.

Es war gegen drei Uhr nachmittags, als sie Pistoja erreichte. Die Schenke zur Fortuna lag einige hundert Schritte vor der Stadt und zu dieser Stunde der Siesta war wenig Leben in ihr. Im Schatten des weiten Vordachs standen ausgeschirrte Wagen, die Fuhrleute schliefen auf den Polstern, in der großen Schmiede gegenüber ruhte die Arbeit und durch die dickbestaubten Bäume längs der Landstraße rührte sich kein Luftzug. Fenice trat an den Brunnen vor dem Hause, dessen Strahl, allein geschäftig, in den großen Steintrog niederrauschte, und erfrischte sich Hände und Gesicht. Dann trank sie langsam und lange, um Durst und Hunger zugleich zu stillen, und trat in die Schenke.

Der Wirt erhob sich schläfrig von der Bank in der Schenkstube und legte sich wieder hin, als er sah, daß es ein Mädchen von den Bergen war, die seine Ruhe störte.

"Was willst du?" fuhr er sie an. "Wenn du zu essen haben willst oder Wein, geh in die Küche."

"Ihr seid der Wirt?" fragte sie ruhig.

"Wer anders als ich? Man kennt mich, sollt' ich denken, Baldassare Tizzi von der Fortuna. Was bringst du mir, schöne Tochter?"

"Eine Botschaft vom Signor Avvocato Filippo Mannini."

"Eh, eh, ist's das? Ja, das ist freilich was anders", und er stand eilig auf. "Kommt er nicht selber, Kind? Es sind Herren da, die ihn erwarten."

"So bringt mich zu ihnen."

"Ei ei, die Heimliche! darf man nicht wissen, was er den Herren sagen läßt?"

"Nein."

"Nun nun, schon gut Kind, schon gut. Es hat jeder seine eignen Geheimnisse, dieser hübsche Trotzkopf da so gut wie der harte Schädel des alten Baldassare. Eh, eh, er kommt also nicht; das wird den Herren sehr unangenehm sein; sie scheinen wichtige Geschäfte mit ihm zu haben."

Er schwieg und sah das Mädchen blinzelnd von der Seite an. Als sie aber nicht Miene machte, ihn weiter ins Vertrauen zu ziehn, sondern die Tür öffnete, stülpte er den Strohhut auf und ging kopfschüttelnd mit ihr.

Ein kleiner Weingarten lag hinter dem Hofe, den durchschritten sie, der Alte in fortwährenden Fragen und Ausrufungen, auf die das Mädchen keine Silbe erwiderte. Am Ende des mittelsten Laubenganges lag ein unscheinbares Gartenhaus, die Läden waren verschlossen und innen hinter der Glastür hing ein dichter Vorhang herab. Einige Schritte vor diesem Pavillon hieß der Wirt Fenice stehenbleiben und ging allein nach der Tür, die auf sein Klopfen geöffnet wurde. Fenice sah, wie der Vorhang dann zurückgeschoben wurde und ein Paar Augen nach ihr heraussahen. Dann kam der Alte wieder zu ihr und sagte, daß die Herren sie sprechen wollten.

Als Fenice in den Pavillon trat, erhob sich ein Mann, der am Tisch mit dem Rücken nach der Tür gesessen hatte, und richtete einen durchdringenden kurzen Blick auf sie. Zwei andere blieben auf den Stühlen sitzen. Auf dem Tische sah sie Weinflaschen und Gläser.

"Der Signor Avvocato kommt nicht, wie er versprochen?"--sagte der Mann, vor dem sie stand. "Wer bist du und was hast du zur Beglaubigung deiner Botschaft?"

"Eine Jungfrau aus Treppi bin ich, Fenice Cattaneo, Herr. Beglaubigung? Ich habe keine, als daß ich die Wahrheit sage."

"Warum kommt der Signor Avvocato nicht? Wir dachten, er sei ein Ehrenmann."

"Er ist es nicht minder, weil er einen Sturz vom Felsen getan und sich Stirn und Bein verwundet hat, daß er das Bewußtsein verloren."

Der Frager wechselte Blicke mit den andern Männern und sagte dann wieder:

"Du sagst allerdings die Wahrheit, Fenice Cattaneo, weil du schlecht zu lügen verstehst. Wenn er das Bewußtsein verlor, wie kann er dich hieherschicken, es uns ansagen zu lassen?"

"Die Sprache kam ihm wieder auf Augenblicke. Da sagte er, daß er in der Fortuna erwartet werde; man solle es dort zu wissen tun, was ihm begegnet."

Ein trocknes Lachen ward von einem der andern Männer hörbar. "Du siehst", sagte der Sprecher, "auch diese Herren hier glauben nicht sonderlich an dein Märchen. Es ist freilich bequemer, den Poeten zu machen als den Ehrenmann."

"Wenn das heißen soll, Signor, daß Signor Filippo aus Feigheit nicht hergekommen ist, so ist dies eine abscheuliche Lüge, die Euch der Himmel anrechnen möge", sagte sie fest und sah alle drei nach der Reihe an.

"Du wirst warm, Kleine", höhnte der Mann. "Du bist wohl die gute Freundin des Herrn Avvocato, he?"

"Nein, die Madonna weiß es!" sagte sie mit ihrer tiefsten Stimme. Die Männer flüsterten untereinander und sie hörte, wie einer sagte: "Das Nest ist noch toskanisch."--"Ihr glaubt doch nicht im Ernst an diese Schliche?" fiel ihm der dritte ein. "Der liegt sowenig in Treppi, wie--"

"Kommt und seht ihn selbst!" unterbrach Fenice das Geflüster. "Aber Waffen dürft ihr nicht tragen, wenn ich euch führen soll."

"Närrchen", sagte der erste Sprecher, "meinst du, daß wir einer so schmucken Kreatur, wie du bist, ans Leben wollen?"

"Nein, aber ihm; ich weiß es."

"Hast du sonst noch etwas dir auszubedingen, Fenice Cattaneo?"

"Ja, daß ein Wundarzt mitgehe. Ist er schon unter euch, Signori?"

Sie erhielt keine Antwort. Statt dessen steckten die drei Männer die Köpfe zusammen. "Als wir kamen, sah ich ihn zufällig vorn im Hause; hoffentlich ist er noch nicht nach der Stadt zurück", sagte der eine und verließ dann den Pavillon. Er kam nach kurzer Zeit mit einem vierten wieder, der die Gesellschaft nicht zu kennen schien.

"Ihr erweist uns wohl die Gefälligkeit, mit uns nach Treppi hinaufzugehen?" redete ihn der Sprecher an. "Man wird Euch inzwischen unterrichtet haben, um was es sich handelt."

Der andere verneigte sich schweigend, und alle verließen den Pavillon. Als sie an der Küche vorbeigingen, ließ sich Fenice ein Brot geben und nahm einige Bissen davon. Dann ging sie wieder der Gesellschaft voran und schlug den Weg in die Berge ein. Sie gab unterwegs nicht acht auf ihre Begleiter, die eifrig miteinander redeten, sondern eilte, soviel sie konnte, und mußte zuweilen angerufen werden, damit man sie nicht aus den Augen verlor. Dann stand sie und wartete, und sah in hoffnungslosem Brüten ins Leere hinaus, die Hand fest ans Herz gepreßt. So ward es Abend, bis sie die Höhen erreichten.

Das Dorf Treppi sah nicht lebendiger aus, als gewöhnlich. Nur einige Kindergesichter fuhren neugierig an die offnen Fenster, und einige Weiber traten unter die Türen, als Fenice mit ihrer Begleitung vorüberging. Sie sprach mit niemand, sondern näherte sich, den Nachbarn ihren Gruß mit kurzem Händewinken erwidernd, ihrem Hause. Hier stand eine Gruppe von Männern im Gespräch vor der Tür, Knechte waren mit bepackten Pferden beschäftigt, und Contrabbandieri gingen ab und zu. Als man die Fremden kommen sah, wurde es still unter den Leuten. Sie traten beiseit und ließen die Gesellschaft vorüber. Fenice wechselte einige Worte mit Nina in dem großen Gemach und öffnete dann die Tür ihrer Kammer.

Man sah drin in der Dämmerung den Verwundeten auf dem Bett ausgestreckt, neben ihm auf der Erde hockend ein uraltes Weib aus Treppi.

"Wie steht's, Chiaruccia?" fragte Fenice.

"Nicht schlecht, die Madonna sei gepriesen!" antwortete die Alte und musterte mit raschen Blicken die Herren, die hinter dem Mädchen eintraten.

Filippo fuhr aus einem Halbschlaf auf und sein blasses Gesicht glühte plötzlich. "Du bist's!" sagte er.

"Ja, ich bringe den Herrn, mit dem Ihr den Kampf vorhattet, damit er selbst sehe, daß Ihr nicht kommen konntet. Und da ist auch ein Wundarzt."