Das Mädchen von Treppi

Chapter 2

Chapter 23,977 wordsPublic domain

"Ich habe schon vor Jahren aus Florenz fliehen müssen", erzählte er. "Du weißt, da waren jene politischen Tumulte, die so lange hin und her schwankten. Ich bin Advokat und kenne eine Menge Menschen, und schreibe und empfange einen großen Haufen Briefe das Jahr hindurch. Zudem war ich unabhängig, sagte meine Meinung, wo es not tat, und wurde verhaßt, obwohl ich die Hände bei ihrem heimlichen Spiel nie haben mochte. Am Ende mußte ich auswandern, wenn ich nicht in endloses Verhör und Gefängnis gehen wollte, ohne Nutz und Zweck. Ich bin nach Bologna gezogen und habe für mich gelebt, meine Prozesse geführt, und wenig Menschen gesehen, am wenigsten Weiber; denn von dem tollen Burschen, dem du vor sieben Jahren das Herz schwer machtest, ist nichts mehr an mir geblieben, als daß mir noch immer der Kopf, oder wenn du lieber willst, das Herz springen will, wenn ich irgendwas nicht bezwingen kann, freilich heutzutage andere Dinge, als den Riegel an der Kammertür eines schönen Mädchens.--Du hast vielleicht gehört, daß es auch in Bologna in der letzten Zeit unruhig geworden ist. Man hat angesehene Männer verhaftet, darunter einen, dessen Wege und Stege ich seit langem kenne, und weiß, daß seine Seele diesen Dingen sehr fern war. Denn eine schlechte Regierung bessern sie damit so wenig, als wenn eine Krankheit unter euern Schafen ist und ihr schicktet den Wolf in den Stall. Aber was soll das hier? Genug, mein Freund bat mich, sein Advokat zu sein und ich verhalf ihm zur Freiheit. Es war das kaum bekannt worden, als mich eines Tages ein elender Mensch auf der Straße anrannte und mich mit Beleidigungen überhäufte. Ich konnte mich nicht anders von ihm losmachen, als durch einen Stoß gegen die Brust, denn er war berauscht und keiner Erwiderung wert. Kaum hatte ich mich aus dem Menschenschwarm herausgewunden und war in ein Café getreten, so kam mir schon ein Verwandter jenes Menschen nach, nüchtern von Wein, aber trunken von Gift und Zorn, und stellte mich zur Rede, daß ich wie ein Ehrloser auf Worte mit Fäusten geantwortet hätte, statt zu tun, was jeder Galant'uomo* getan haben würde. Ich antwortete so gemäßigt, wie ich konnte, denn schon durchschaute ich's, daß alles eine Veranstaltung der Regierung war, mich durch einen Zweikampf unschädlich zu machen. Doch gab ein Wort das andere und die Feinde hatten endlich das Spiel gewonnen. Der andere gab vor, daß er ins Toskanische hinüber müsse, und drang darauf, die Sache drüben auszumachen. Ich ging darauf ein, denn es war Zeit, daß einer von uns Besonnenen den unruhigen Köpfen bewies, nicht Mangel an Mut sei die Ursache unserer Zurückhaltung, sondern einzig die Hoffnungslosigkeit aller heimlichen Umtriebe, einer so überlegenen Macht gegenüber. Als ich aber vorgestern um einen Paß einkam, wurde er mir verweigert, ohne daß man sich herabließ, mir einen Grund dafür anzugeben; es hieß, so sei der Befehl der obersten Behörden. Es wurde mir klar, daß sie mir entweder den Schimpf zuziehen wollten, das Duell vermieden zu haben, oder mich dazu treiben, mich in irgendwelcher Verkleidung über die Grenze zu stehlen, wo ich dann sicher von einem Hinterhalt aufgefangen worden wäre. Dann hätten sie einen Vorwand gehabt, mir den Prozeß zu machen, und ihn hinzuzerren, solange es ihnen nützlich erschienen wäre."

{ed. * Ehrenmann}

"Die Elenden! die Gottlosen!" unterbrach ihn das Mädchen und ballte die Faust.

"So blieb nichts übrig, als mich in Porretta den Contrabbandieri anzuvertrauen. Wir werden morgen, wie sie mir sagen, noch früh Pistoja erreichen. Nachmittags ist das Duell verabredet, in einem Garten vor der Stadt."

Sie ergriff plötzlich heftig seine Hand mit ihren beiden. "Geh nicht hinunter, Filippo", sagte sie. "Sie wollen dich ermorden."

"Gewiß, das wollen sie, Kind, nichts Geringeres. Woher weißt du das aber?"

"Ich sehe es hier und--hier!" Und sie deutete mit dem Finger auf Stirn und Herz.

"Du bist auch eine Zauberin, eine Strega", fuhr er mit Lächeln fort. "Jawohl, Kind, sie wollen mich morden. Mein Gegner ist der beste Schütze in Toskana. Sie haben mir die Ehre angetan, einen stattlichen Feind gegen mich zu stellen. Nun, ich werde mir auch keine Schande machen. Wer weiß aber, ob alles mit rechten Dingen zugeht? Wer weiß? Oder hast du auch Zauberkünste, das vorauszusehen? Was hülf' es, Kind! damit wäre nichts geändert."

"Du mußt es dir also schon aus dem Sinn schlagen", fuhr er nach einigem Schweigen fort, "deiner törichten alten Liebe ihren Willen zu tun. Vielleicht hat alles so kommen müssen, damit ich nicht aus der Welt ginge, ohne dich frei zu machen, frei von dir selbst und deiner unseligen Treue, armes Kind. Siehst du, wir hätten auch vielleicht schlecht für einander getaugt. Du warst einem andern Filippo treu, einem jungen Fant mit leichtsinnigen Lippen und außer Liebessorgen sorgenlos. Was hättest du mit dem Grübler, dem Einsiedler anfangen wollen?"

Nun trat er auf sie zu, da er das letzte halb vor sich hin, auf und ab gehend, gesprochen hatte, und wollte eben ihre Hand fassen, als er vor dem Ausdruck ihres Gesichts sich entsetzte. Alle Weichheit war aus den Zügen gewichen, alle Röte von den Lippen. "Du liebst mich nicht!" sagte sie langsam und tonlos, als spräche ein andrer aus ihr und sie horchte hin, um zu erfahren, was eigentlich gemeint sei. Dann stieß sie seine Hand mit einem Schrei zurück, daß die Flämmchen der Lampe zu erlöschen drohten, und von draußen auf einmal ein wütendes Wimmern und Toben des Hundes laut wurde.--"Du liebst mich nicht, nein, nein!" rief sie wie außer sich. "Kannst du lieber in den Tod wollen, als in meine Arme? Kannst du nach sieben Jahren kommen, um Abschied zu nehmen? Kannst du so ruhig von deinem Tode sprechen, als wäre er nicht auch meiner? So wäre mir besser, diese Augen wären erblindet, eh' sie dich wieder sahen, und diese Ohren taub geworden, ehe sie die grausame Stimme hören mußten, durch die ich lebe und sterbe. Warum hat der Hund dich nicht zerrissen, ehe ich wußte, daß du gekommen bist, mein Herz zu zerreißen? Warum ist dein Fuß nicht an den Abgründen ausgeglitten? Wehe, wehe! Siehe meinen Jammer, Madonna!"

Sie stürzte nieder vor dem Bilde, lag mit der Stirn gegen den Boden, die Hände weit von sich gestreckt, und schien zu beten. Der Mann hörte den Lärm des Hundes, dazwischen das Murmeln und Stöhnen des unglücklichen Mädchens, während der Mond nun schon Macht gewann und das Gemach durchleuchtete. Ehe er aber noch sich fassen und ein Wort aussprechen konnte, fühlte er schon wieder ihre Arme an seinem Nacken, ihren Mund an seinem Halse und heiße Tränen über sein Gesicht fließen. "Geh nicht in den Tod, Filippo!" schluchzte die Arme. "Wenn du bei mir bleibst, wer will dich finden? Laß sie reden, was sie wollen, das Mördergesindel, die heimtückischen Elenden, schlimmer als die Wölfe des Apennin.--Ja", sagte sie und sah durch Tränen strahlend zu ihm auf, "du bleibst, die Madonna hat dich mir geschenkt, damit ich dich retten sollte. Filippo, ich weiß nicht, was für böse Worte ich gesprochen, aber daß sie böse waren, empfand ich an dem eisigen Krampf hier am Herzen, der sie mir entrissen. Vergib mir das. Es bringt in die Hölle, zu denken, daß die Liebe vergessen und die Treue zertreten werden kann. Wir wollen uns nun hersetzen und das alles beraten. Willst du ein neues Haus haben? Wir bauen eins. Andere Leute? Wir schicken alle fort, auch die Nina, auch der Hund soll fort. Und wenn du meinst, daß sie dich dann verraten--so wollen wir selber fort, noch heut, jetzt, ich weiß alle Wege, und ehe die Sonne kommt, sind wir tief in den Schluchten nach Norden zu und wandern, wandern bis Genua, bis Venedig, wohin du willst."

"Halt!" sagte er strenge. "Es ist genug der Torheit. Du kannst mein Weib nicht werden, Fenice. Wenn es morgen nicht ist, daß sie mich umbringen, so ist es nicht lange, denn ich weiß, wie ich ihnen im Wege bin." Er zog sanft, aber entschlossen seinen Hals aus ihren Armen.

"Siehe Kind", fuhr er fort, "das ist nun unglücklich genug und wir brauchen es uns nicht noch schwerer zu machen durch Unvernunft. Vielleicht, wenn du später einmal von meinem Tode hörst, wirst du einen Mann und schöne Kinder ansehen und dich segnen, daß der Tote in dieser Nacht mehr Vernunft hatte, als du, wenn es auch in jener ersten umgekehrt war. Laß mich nun schlafen gehn, geh du auch und schaffe, daß wir uns morgen nicht wiedersehn. Du hast einen guten Ruf, wie ich unterwegs von meinen Contrabbandieri erfuhr. Wenn wir uns etwa umhalsten, morgen, und du machtest ein Schauspiel--nicht wahr, Kind? Und nun--gute Nacht, gute Nacht, Fenice!"

Da bot er ihr noch einmal herzlich die Hand. Aber sie nahm sie nicht. Sie sah ganz bleich aus im Mondschein, die Brauen und niedergeschlagenen Wimpern um so finsterer. "Hab ich nicht genug gebüßt", sprach sie halblaut, "daß ich vor sieben Jahren eine Nacht lang zu viel Vernunft hatte? Und nun will er, daß diese tausendmal verwünschte Vernunft mich wieder elend machen soll, und diesmal eine Ewigkeit lang? Nein, nein, nein! Ich lasse ihn nicht mehr aus den Händen--ich müßte mich vor allen Menschen schämen, wenn er ginge und stürbe."

"Hörst du nicht, daß es mein Wille ist?" unterbrach er sie mit Heftigkeit, "daß ich jetzt schlafen will, Mädchen, und allein? Was redest du irre und machst dich kränker? Wenn du nicht fühlst, daß meine Ehre mich von dir reißt, so hättest du nie für mich getaugt. Ich bin keine Puppe auf deinem Schoß, zum Hätscheln und Possentreiben. Ich habe meine Wege vor mir gezeichnet, und sie sind zu enge für zwei. Zeige mir das Fell, auf dem ich die Nacht zubringen soll, und dann--laß uns einander vergessen!"

"Und wenn du mich mit Schlägen von dir triebest, ich ginge nicht! Wenn sich der Tod zwischen uns stellte, ich jagte dich ihm ab mit diesen guten Armen. Auf Tod und Leben--du bist mein, Filippo!"

"Still!" rief er überlaut. Die Röte stieg ihm jählings in die Stirn, indem er mit beiden Armen die heftige Gestalt von sich drängte. "Still! Und nun ist's aus für heut und immer. Bin ich ein Ding, das an sich reißen kann, wer will, und wem es in die Augen sticht? Ein Mensch bin ich, und wer mich haben soll, dem muß ich mich geschenkt haben. Du hast sieben Jahre nach mir geseufzt--hast du darum ein Recht, mich im achten ehrlos vor mir selbst zu machen? Wenn du mich bestechen willst, so war das Mittel schlecht gewählt. Vor sieben Jahren liebt' ich dich, weil du anders warst als heut. Wärst du mir damals an den Hals geflogen und hättest mein Herz mir abtrotzen wollen, ich hätte Trotz gegen Trotz gesetzt, wie heut. Nun ist alles aus zwischen uns und ich weiß, daß das Mitleid, das mich vorhin anwandelte, nicht Liebe war. Zum letztenmal, wo ist die Kammer?"

Das hatte er hart und schneidend gesagt, und wie er nun schwieg, schien ihm der Ton der eignen Stimme weh zu tun. Doch fügte er kein Wort hinzu, sich im stillen verwundernd, daß sie es ruhiger hinnahm, als er selber gefürchtet hatte. Er hätte nun gern einen stürmischen Ausbruch ihres Schmerzes mit gütigeren Worten beschwichtigt. Sie ging aber kalt an ihm vorbei, öffnete eine schwere Holztür nicht weit vom Herde, deutete stumm auf die Eisenriegel an derselben und trat dann an den Herd zurück.

Er schritt denn auch hinein und riegelte hinter sich zu. Doch blieb er eine Zeitlang dicht neben der Tür stehen, um zu horchen, was sie beginne. Es wurde keine Bewegung im Gemache laut, und im ganzen Hause hörte man nichts als die Unruhe des Hundes, das Scharren des Pferdes im Stall und das Singen des Windes, der draußen die letzten Nebelstreifen verwehte. Denn der Mond war in aller Pracht am Himmel, und die Kammer hell, nachdem Filippo einen großen Büschel Heidekraut aus dem Mauerloch gezogen hatte, das als Fenster diente. Er sah nun, daß er offenbar in Fenicens Kammer war. Da stand ihr schmales, sauberes Bett an der Wand, eine Lade unverschlossen daneben, ein Tischchen, eine kleine Holzbank, die Wände waren mit Bildern behangen, Heiligen und Madonnen, ein Weihkesselchen unter dem Kruzifix neben der Tür.

Er setzte sich jetzt auf das harte Bett und fühlte, wie es in ihm stürmte. Ein paarmal hob er schon den Fuß, um wieder hinauszueilen und ihr zu sagen, daß er ihr nur weh getan habe, um sie zu heilen. Dann stampfte er gegen den Boden, unmutig über seine weichherzige Regung. "Es ist das einzige, was bleibt", sprach er für sich, "wenn Schuld und Fluch nicht noch wachsen sollen. Sieben Jahre, armes Kind! "--Ein starker Kamm, mit kleinen Metallstückchen verziert, lag auf dem Tischchen, den nahm er mechanisch in die Hand. Das volle Haar kam ihm dabei wieder in den Sinn, der stolze Nacken, auf dem es lag, die edle Stirn, um die es sich ringelte, und die bräunliche Wange. Er warf endlich den Versucher in die Lade, worin er saubere Röcke, Kopftücher und allerlei kleine Schmuckstücke ordentlich zusammen verwahrt sah. Langsam ließ er den Deckel wieder fallen, und ging nun an die Mauerlücke und sah hinaus.

Die Kammer lag an der hintern Seite des Hauses und keine der andern Hütten von Treppi wehrte ihm die Aussicht über das zerklüftete Hochland. Gegenüber, hinter der Schlucht aufsteigend, der nackte Felsrücken, vom Monde angeschienen, der jetzt über dem Hause stehen mußte. Seitwärts sah er einige Schuppen, an denen der Weg vorüber in die Tiefe führte. Eine verlorene kleine Fichte mit kahlen Zweigen wurzelte zwischen dem Gestein, sonst bedeckte den Boden nur Heidekraut und hie und da ein kümmerlicher Busch.--"Hier ist freilich kein Ort", sagte er im stillen, "zu vergessen, was man geliebt hat.--Ich wollte, es wäre anders! Ja ja, sie wäre am Ende die rechte Frau für mich gewesen, die mich mehr geliebt hätte, als Putz und Spazierengehen und das Geflüster der Stutzer. Was für Augen mein alter Marco machen würde, wenn ich plötzlich mit einer schönen Frau von der Reise zurückkäme! Man brauchte nicht einmal die Wohnung zu ändern, die vielen öden Winkel waren ohnehin unheimlich. Und mir altem Grämler würde es zuweilen gut sein, ein lachendes Kind--aber Torheit, Torheit, Filippo! Was soll das arme Ding als Witwe in Bologna! Nein, nein! nichts davon! Keine neue Sünde auf die alte häufen! Ich will eine Stunde früher die Leute wecken und mich fortstehlen, ehe ein Mensch in Treppi wacht."

Eben wollte er das Fenster verlassen, und die vom langen Ritt ermüdeten Glieder aufs Lager strecken, als er eine weibliche Gestalt aus dem Schatten des Hauses in den Mondschein vortreten sah. Sie blickte nicht um, aber es blieb ihm kein Zweifel, daß es Fenice war. Sie entfernte sich vom Hause auf dem Wege, der in die Schlucht hinunterführte, mit ruhigen großen Schritten. Ein Schauder überlief ihm die Haut, denn im selben Augenblick fuhr ihm der Gedanke in den Kopf: sie will sich ein Leid antun. Ohne Besinnung sprang er nach der Tür und zerrte gewaltsam an dem Riegel. Aber das alte rostige Eisen hatte sich so eigensinnig in die Klammer vertieft, daß er vergebens alle Kraft aufbot. Ein kalter Schweiß trat ihm vor die Stirn, er schrie, rüttelte und stieß mit Fäusten und Füßen gegen die Tür und bezwang sie nicht. Endlich ließ er ab und stürzte wieder an die Fensterlücke. Schon gab der eine Stein seinem Wüten nach, da plötzlich sah er die Gestalt des Mädchens wieder auftauchen auf dem Wege und sich der Hütte zuwenden. Sie trug etwas in der Hand, das er bei dem unsichern Licht nicht erkennen konnte, nur ihr Gesicht sah er deutlich, das war ernsthaft und gedankenvoll, aber ohne Leidenschaft. Keinen Blick warf sie auf sein Fenster und verschwand wieder im Schatten.

Noch stand er und atmete tief nach der Angst und Anstrengung, da vernahm er großen Lärm, der von dem alten Hunde herzurühren schien, doch kein Bellen oder Winseln. Das Rätsel beklemmte ihn immer unheimlicher; er bog den Kopf weit zu der Öffnung hinaus, konnte aber nichts sehen als die regungslose Nacht im Gebirge. Auf einmal erscholl ein kurzes scharfes Heulen, darauf ein tieferschütterndes Stöhnen des Hundes und dann, solange und ängstlich er hinhorchte, kein Laut mehr die ganze Nacht, als daß noch einmal die Tür des Gemachs nebenan klappte und Fenices Schritte über den Steinboden sich vernehmen ließen. Umsonst stand er lange an der verriegelten Tür, horchte erst, bat und fragte dann und beschwor das Mädchen nur um ein kurzes Wort--es blieb still nebenan. Er warf sich nun auf das Bett, wie im Fieber und lag wachend und sinnend, bis endlich eine Stunde nach Mitternacht der Mond unterging, und die Ermüdung über seine tausend wogenden Gedanken Herr wurde.

Eine Dämmerung war um Filippo, als ihn der Schlaf verließ; doch als er seine Sinne völlig ermuntert und sich vom Bett aufgerichtet hatte, ward er wohl inne, daß es nicht ein Zwielicht wie vor Sonnenaufgang war. Von einer Seite her traf ihn ein schwacher Sonnenstrahl und bald sah er, daß die Mauerlücke, die er vor dem Einschlafen offengelassen, dennoch fest mit Gestrüpp verstopft worden war. Er stieß es hinaus, und die volle Morgensonne blendete ihn. Im höchsten Zorn auf die Contrabbandieri, seinen Schlaf und vor allem auf das Mädchen, dem er diese Hinterlist zuschreiben mußte, ging er augenblicklich nach der Tür, deren Riegel jetzt einem besonnenen Druck leicht nachgab, und trat in das Nebengemach.

Er traf Fenice allein, gelassen am Herde sitzend, als habe sie ihn längst erwartet. Aus ihrem Gesicht war jede Spur der gestrigen Stürme verschwunden, ja sogar keine Regung der Trauer und kein Zug einer gewaltsamen Fassung begegnete seinem finstern Auge.

"Du hast es veranstaltet, daß ich die Stunde verschlafen mußte", herrschte er sie an.

"Ja", sagte sie gleichgültig. "Ihr waret müde. Ihr kommt immer noch früh genug nach Pistoja, wenn Ihr am Nachmittag erst den Mördern begegnen müßt."

"Ich hatte dich nicht geheißen, um meine Müdigkeit besorgt zu sein. Drängst du dich noch immer an mich an? Es soll dir nichts helfen, Mädchen. Wo sind meine Leute?"

"Fort."

"Fort? willst du mich narren? Wo sind sie? Törin, als ob sie fortgingen, ehe ich sie bezahlt habe!" Und er schritt rasch auf die Tür zu, um hinauszugehn.

Fenice blieb unbeweglich sitzen und sagte in demselben harmlosen Ton: "Ich habe sie bezahlt. Ich sagte ihnen, daß Ihr Schlaf brauchtet und dann, daß ich selbst Euch hinunterbegleiten würde; denn der Weinvorrat ist zu Ende und ich muß neuen kaufen, eine Stunde vor Pistoja."

Der Zorn verwehrte ihm einen Augenblick zu sprechen. "Nein", brach er endlich heraus, "mit dir nicht, mit dir nimmermehr! Heimtückische Schlange! Es ist lächerlich, daß du noch immer denkst, mit deinen glatten Windungen mich umstricken zu können. Nun sind wir völliger geschieden als je. Ich verachte dich, daß du mich für blöde und armselig genug hältst, mit diesen kleinen Künsten es mir abgewinnen zu können. Mit dir geh ich nicht! Gib mir einen deiner Knechte mit und da--mache dich bezahlt für deine Auslagen an die Contrabbandieri."

Er warf ihr eine Börse hin und öffnete die Tür, selbst jemand zu suchen, der ihn hinunterführte. "Macht Euch keine Mühe", sagte sie, "Ihr findet von den Knechten keinen, sie sind alle in die Berge. Auch sonst ist in Treppi niemand, der Euch dienen könnte. Arme gebrechliche Mütterchen, Greise und Kinder, die noch gehütet werden. Wenn Ihr mir nicht glaubt--seht nach!"

"Und überhaupt", fuhr sie fort, als er unentschlossen in Grimm und Ärger auf der Schwelle stand und ihr den Rücken zugekehrt hatte, "warum dünkt es Euch so unmöglich und gefährlich, wenn ich Euch führe? Ich habe die Nacht Träume gehabt, aus denen ich sehe, daß Ihr nicht für mich seid. Es ist wahr, ich habe Euch noch immer ein wenig gern und es wird mir Freude machen, noch ein paar Stunden mit Euch zu plaudern. Muß ich Euch darum nachstellen? Ihr seid frei, von mir zu gehn auf immer, wohin Ihr wollt, in den Tod oder ins Leben. Nur, daß ich es so eingerichtet habe, daß ich noch eine Strecke neben Euch hergehe. Ich will Euch zuschwören, wenn Euch das beruhigen kann, daß es nur eine Strecke sein wird, beileibe nicht bis Pistoja. Nur so lange, bis Ihr den rechten Weg habt. Denn wenn Ihr auf Eure eigne Hand fortginget, verstieget Ihr Euch bald, daß Ihr weder vor noch zurück könntet. Ihr müßt das ja noch wissen von Eurer ersten Reise durch die Berge."

"Pest!" murmelte er und biß sich die Lippen. Er sah indes, wie die Sonne stieg, und alles wohl erwogen,--was hatte er im Grunde Ernstliches zu besorgen? Das Ernstlichste wollte er sich nicht gestehen. Er wandte sich zu ihr um und glaubte von dem gleichmütigen Blick ihrer großen Augen Zeugnis annehmen zu dürfen, daß keinerlei Falsch hinter ihren Worten sei. Sie schien ihm wirklich seit gestern eine ganz andere geworden zu sein, und fast mischte sich ein Gefühl von Unzufriedenheit in sein Staunen, da er sich sagen mußte, daß der gestrige Anfall von schmerzlicher Leidenschaft so bald und spurlos vorübergegangen sei. Er sah sie länger an, aber sie gab schlechterdings zu keinem Argwohn Anlaß.

"Wenn du denn so vernünftig geworden bist", sagte er jetzt trocken, "so mag es sein, so komm!"

Ohne eine sonderliche Äußerung der Freude stand sie auf und sagte: "Wir wollen erst essen; auf Stunden finden wir nichts." Sie stellte ihm eine Schüssel hin und einen Krug und aß dann selbst, am Herde stehend, aber von dem Wein genoß sie keinen Tropfen. Er dagegen, um es abzumachen, aß einige Löffel voll, stürzte den Wein hinunter und zündete an den Kohlen des Herdes seine Zigarre an. Währenddessen hatte er ihr keinen Blick gegönnt und als er nun zufällig, da er ihr nahe stand, sie ansah, war eine wunderliche Röte auf ihren Wangen und etwas wie Triumph in den Augen. Sie stand rasch auf, ergriff den Krug und zerschellte ihn mit einem Wurf gegen den Steinboden. "Es soll keiner mehr daraus trinken", sagte sie, "seit Eure Lippen daran gehangen!"

Betroffen fuhr er auf, ein Argwohn stand eine Sekunde lang vor seinem Geist: "Ob sie dir Gift gegeben?" dann zog er es vor zu glauben, daß es noch ein Rest des verliebten Götzendienstes sei, den sie abgeschworen, und ohne weitere Worte ging er ihr nach zum Hause hinaus.

"Das Pferd haben sie wieder nach Porretta mitgenommen", sagte sie draußen zu ihm, als er es mit den Augen zu suchen schien. "Ihr hättet auch nicht hinabreiten können ohne Gefahr. Die Wege sind steiler als gestern."

Sie ging ihm nun voran und bald hatten sie die Hütten hinter sich, die tot und selbst ohne ein Wölkchen Rauch aus den Schornsteinen in der scharfen Sonne standen. Jetzt erst sah Filippo die ganze Majestät dieser Einöde, über der ein reiner, durchsichtiger Himmel hing. Der Weg, kaum in dem harten Felsen durch eine dunklere Spur erkennbar, lief auf dem breiten Rücken nordwärts, und dann und wann, wenn der gegenüberliegende parallele Zug sich senkte, blitzte am fernen Horizont zur Linken ein Streif des Meeres herauf. Noch war von Vegetation weit und breit keine Spur, außer den harten, niederen Bergkräutern und Flechtengestrüpp. Nun aber verließen sie die Höhe und vertieften sich in die Schlucht, die zu durchwandern war, um auch den Felsrücken gegenüber zu ersteigen. Hier begegneten sie bald Nadelholz und Quellen, die in die Schlucht sprangen, und hörten in der Tiefe das Toben des Wassers. Fenice ging jetzt voran, mit sicherm Fuß auf die sichersten Steine tretend, ohne umzublicken oder ein Wort zu sagen. Er konnte nicht anders, als die Augen dicht an ihr hängen lassen, und die schlanke Kraft der Glieder bewundern. Das Gesicht verdeckte ihm gänzlich ihr großes, weißes Kopftuch, aber wenn es sich fügte, daß sie wieder nebeneinander gehen konnten, mußte er sich zwingen, vor sich hin und von ihr weg zu sehen, so sehr fesselte ihn die großartige Bildung der Züge. Er bemerkte jetzt erst im vollen Sonnenlicht einen seltsam kindlichen Ausdruck, ohne sich sagen zu können, worin er besonders liege. Als sei etwas in diesem Gesicht seit sieben Jahren stehengeblieben, während alles andere sich entwickelte.